Thomas Rothschild berichtet über eine korrigierte, maßstabsgetreuere Weltkarte und die Reaktionen darauf.

Kontrapunkt

Erkenntnis und Interesse

Eine Meldung amüsiert die Leserbriefschreiber: „In öffentlichen Schulen in Boston wird deshalb neuerdings eine andere, maßstabsgetreuere Weltkarte verwendet: Im Vergleich zur Mercator-Karte sind die USA und Europa darauf geschrumpft, Afrika und Lateinamerika schmaler, aber länger. Und Deutschland liegt nicht mehr in der Mitte der Karte, sondern im Norden.“

Interessant: Genau dieses Problem, auf das die Bostoner Schulen jetzt reagieren, hat die amerikanische Fernsehserie „The West Wing“ halb nüchtern, halb karikaturistisch thematisiert. Sie ging sogar weiter als die aktuellen Reformversuche. Sie machte deutlich, welche Implikationen es hat, wenn man auf der Weltkarte Norden und Süden, also Oben und Unten vertauscht.

Warum sind die Europäer nicht bereit, solche Überlegungen ernst zu nehmen? Warum bestehen nicht zumindest jene, die uns erklären, dass Frauen erst durch Eingriffe in die Grammatik „sichtbar“ gemacht werden, darauf, dass die über Jahrhunderte hinweg kolonialisierten Länder gegenüber den Kolonialmächten sichtbar gemacht werden, buchstäblich, nämlich auf einer korrigierten Weltkarte? Warum halten Akademikerkinder den vom Präsidenten der österreichischen Universitätenkonferenz vorsichtig gemachten Vorschlag, im Rahmen von Zugangsbeschränkungen bei einer Studienplatzfinanzierung eine Quote für Kinder aus weniger gebildeten Elternhäusern einzuführen, für lächerlicher als das Jammern über die Beschneidung von Boni für Spitzenmanager? Warum wohl? Wie hieß doch der schöne Titel von Jürgen Habermas? „Erkenntnis und Interesse“.

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erstellt am 26.3.2017