23. September 2016

Bastian Asdonk: „Mitten im Land”

Braungrüne Ideenhochzeit

Spitzendebüt – Bastian Asdonks erster Roman „Mitten im Land” ist auch eine Farbenlehre

Die Sogwirkung dieses Romans ist enorm. Ich las ihn auf einem Beifahrersitz ohne die geringste Aufmerksamkeit für das Verkehrsgeschehen in unter drei Stunden. Ich war so gebannt, dass ich als Zeuge eines Beinahunfalls ausschied und die schlussendliche Eingabe der Zielstraße als Navigationsgehilfe verweigerte. “Mitten im Land” bringt den Leser vom Kurs seiner zivilen Erwartungen ab. Ein Mann räumt seinen Schreibtisch in der Stadt und bezieht auf dem Land ein Haus, das zufällig auf die Liste seiner Sehnsüchte geraten ist. Was folgt, erzählte zuletzt Juli Zeh breit in “Unterleuten”. Asdonk bringt das Grauen kompakt. Er hält sich mit den Regenbögen am Rand der Katastrophe nie länger auf. Einem gemächlichen, von bäurischen Freiübungen angereicherten, irgendwie auch angeheiterten Start folgt ein Dragsterfinish.

Asdonks aus dem Vertrauten ins Unvertraute stolpernder Erzähler bringt das Haus in Ordnung, er übt Gemüseanbau und Fernsehverzicht. Er fährt sich herunter und findet leicht Ersatz für städtische Anreize am Rand eines Dorfes, das sich anschickt national befreite Zone zu werden – in einem Modus ländlicher Normalität. Die Abkopplung von der Gesellschaft wirkt wie ein Gesellschaftsspiel. Der Bürgermeister nimmt jeden in den Arm, der von den Gassenhauern vor Ort die Gemeindeordnung handfest erklärt bekommen hat. Die Polizeidienststelle ist unterbesetzt, die Beamten sind überfordert. Der Landkreis erstrahlt in Einigkeit. Eine Agitatorin ordnet “aggressives Gebären” an, um die deutsche Art zu erhalten. Eine Schwangere rückt wie eine prämierte Kuh zum Vorbild auf. Der Erzähler lernt dazu, aber nicht schnell genug. Einiges biegt ihm sein Nachbar Franz bei, ein Wunder der Autarkie, geschieden – und geschlagen mit einem Sohn, der viel zu stark ist für einen sonstwo sich verlierenden Geist. Der Erzähler macht eine Supermarktverkäuferin an, die ihm verträumt ins Unterholz folgt und unterwegs frei von jeder Absicht an einer Kette der Gewalt zieht. Die Gewalt überzieht den Erzähler, der sich in einer plausiblen Version umgehend verziehen müsste. Er hat da nichts verloren, wo er den belagerten Siedler markiert. Aber er rückt nicht ab.

Das ist nicht zu verstehen, warum er sich verschanzt, bewaffnet, eingräbt. Anstatt abzufahren. Adonk liefert die Koordinaten des permanenten Ausnahmezustands in einer Geländespielvariante. Der Erzähler verhält sich wie ein hinter feindlichen Linien abgeschossener Pilot. Das Wischtelefon zeigt sich balkenlos im Wald. Spitzentechnologie war gestern. Heute wieder Gaskocher.
Der Erzähler verspricht sich Hilfe von biodynamisch-kommunardischen Landwirten. Ein Verein der Friedfertigkeit und Sorgfalt nimmt ihn auf und erscheint zuerst wie ein natürliches Bollwerk vor den faschistischen Verfolgern des Flüchtlings. Noch wehen die Schleier der Verblendung.

Den von Asdonk beklemmend dargestellten braungrünen Zusammenhang bestätigt der Lebenslauf des Grünengründers mit SA-Vergangenheit Baldur Springmann

Bastian Asdonk, „Mitten im Land”, Roman, Kein & Aber, 215 Seiten
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erstellt am 23.9.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.