19. September 2016

Elena Ferrante: „Meine geniale Freundin”

Nosferatu als Nachbar

Elena Ferrantes Saga-Auftakt „Meine geniale Freundin” beschreibt die Mädchenblüte in einem neapolitanischen Krawallviertel

Im spurlosen Verschwinden erfüllt sich Raffaella Cerullo einen verschleppten Wunsch. Ein ratloser Sohn wendet sich an Mutters beste Freundin. Die Frequentierte steigt sofort in den Kohlenkeller ihrer Erinnerungen, um mit dem Fleiß des Brunnenputzers einen verrußten Fund nach dem nächsten heraufzuholen. So startet die sich verrätselnde Schriftstellerin Elena Ferrante ihre – weltweites Lesefieber auslösende – neapolitanische Saga. Der Anfang dient einer bogenförmig eingespannten Geschichte als Vorsatz wie das Mundstück einem Instrument. Es schafft dem konzentrierten Atem einen Durchgang zum Körper. Die Resonanzqualitäten des Körpers entsprechen der Tiefe im Erzählraum.

Die erste Episode im Souterrain der Ereignisse schält Ferrante aus einem Objekt der Angstlust. Nachbar Don Achille, ein Mann der Camorra, allenfalls bedeutend genug für den Hass und die Hochachtung von Pförtnern und Schustern, erscheint Kindern schrecklich wie Nosferatu. Ihn anzusprechen ist der erzählenden Pförtnerstochter Elena Greco, kurz Lenù, und der von ihr für unwahrscheinlichen Mut und unpassende Intelligenz bewunderte Tochter des Schusters Fernando Cerullo, die vom Vater zuzeiten aus dem Fenster geschmissene, den Armbruch als Sturzfolge belanglos findende Zierlichkeit Raffaella streng verboten.
Alle nennen Raffaella Lina, nur Lenù sagt Lila zu der alle Überflügelnden, von den Eltern jedoch zur Preisgabe ihrer Potentiale Gezwungenen.

Im Fadenkreuz der Referenzen tauchen Vittorio De Sica und Curzio Malaparte auf. Ferrantes „Geniale Freundin” zieht neorealistische Nebelschleppen durch die alte Neustadt Neapel in eine andere Zeit. Der Roman ist auf die „Haut”von Malaparte geschrieben, der Hexenkessel Neapel brodelt bei Ferrante allerdings auf Sparflamme. Es geht immer noch wüst zu in den Armutsquartieren, doch dominiert das Burleske die Schilderungen. Lenù genießt das Glück einer vorzüglichen Anpassung, ihre Entwicklung stößt kaum gegen Gebietsgrenzen. Sie kommt gut an und hat beim Körbe verteilen alle Hände voll zu tun. Die Verehrer werden auf harte Proben gestellt, diktiert von der wenig geliebten Lila.

Lilas Verknüpfungen von Gemeinheit und praktischen Erwägungen haben einen Pfiff, der Lenù immer wieder lockt (auch in die Rivalität).
Trotzdem ist die Rückständigkeit auf den Kindheitsschauplätzen so archaisch und poetisch wie ein steinzeitlicher Stammesbetrieb. Auf der Straße herrscht das Faustrecht, in den Familien männliche Willkür und überall fließt das Blut der Rache. Für die Mädchen wird Bildung zur Räuberleiter. Sie stehen in einem von jeder Autorität gebremsten Wettbewerb und unter der Kuratel eines Bezirksmisstrauens gegenüber dem soziale und Geschlechter-Schranken brechenden oder übersteigenden staatlichen Reformwillen im Akut der Neunzehnhundertfünfziger- und sechzigerjahre. Man schneidet die Begabtere von ihren Aufstiegsmöglichkeiten ab und bindet sie fest an das überkommene Patronatswesen. Lila fällt zurück, während die Zweitbeste das Ghetto überwindet. Elena studiert in Pisa und avanciert als Autorin in Turin; von keiner Sehnsucht nach Neapel belastet. Das ist alles schön und gut, auch wenn ein paar Mal zu oft „ein langes Rauschen klang wie ein Seufzer.” Ich konnte den Roman lesen, ohne mir das Ferrante-Fieber einzufangen.

Elena Ferrante, „Meine geniale Freundin”, Roman, Suhrkamp, 423 Seiten
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erstellt am 19.9.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.