Wenn wir zugeben, dass es eine von Religionen unabhängige Frömmigkeit gibt, die nach meditativer Einfachheit sucht oder nach mystischem Erleben, dann finden wir schnell eine Musik, die dieser Suche strukturell entspricht und sie andächtig unterstützt. In Aufnahmen der Werke von Arvo Pärt, Hans Abrahamsen, Bent Sörensen, Jan van Gilse und Frank Martin, die neu auf CD erschienen, hat Hans-Klaus Jungheinrich dieser Haltung nachgespürt.

Von Arvo Pärt zum Basler Totentanz

Spirituell behaucht

Die „Matthäuspassion“ von J. S. Bach sei der einzige „Gottesbeweis“, den er gelten lasse – meinte der Philosoph Hans Blumenberg. Was heißt das? Doch wohl kaum, dass dieses Werk Argumente enthalte, die den logischen oder paralogischen Ausführungen Anselm von Canterburys und anderer Kirchenväter an „Beweiskraft“ entscheidend überlegen seien. Nein, es muss mit dem Faktum des gelungenen Kunstwerks und des Kunstcharakters zu tun haben, dass hier für den Rezipienten unwiderleglich „Gott“ aufscheint. Aber natürlich spielt das Sujet eine eminente Rolle: die Erscheinung „Gottes“ ist also in der „Matthäuspassion“ so real wie die Erscheinung Napoleons in Tolstois „Krieg und Frieden“ oder die des Götter- und Gigantenkampfes in der antiken Berliner Laokoongruppe (die Peter Weiss in der „Ästhetik des Widerstands“ so minuziös deutet). Blumenberg wird keineswegs zum Spiritisten oder New Age-Anhänger, wenn er die realitätsstiftende Kraft des Kunstwerks beschwört. Indem Medium und Botschaft einander aufzusaugen oder gar zu transzendieren vermögen, kann auch die merkwürdige Tatsache bewusst werden, dass grandiose geistliche Werke vielfach von „Ungläubigen“ hervorgebracht wurden (Verdis „Requiem“, Janáceks „Glagolitische Messe“). Theologen hantieren dann gerne mit dem Satz „Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade“ (nebenbei: woher wissen Theologen immer so genau, was Gott tut und denkt?). Bach war gewiss ein echter Protestant, aber doch auch nicht Protestant genug, um nicht der Versuchung einer „katholischen“ Messe zu widerstehen (Missa h-moll). Ganz allgemein gesprochen: Wir bleiben nicht unberührt, wenn wir „religiöse“ Musik vernehmen. Der Anhauch des Spirituellen lenkt unter Umständen die ästhetische Wahrnehmung, die sich ja kaum im Genuss von formalen Symmetrien und abstrakten Mustern erschöpft. Keine Romanliebe, die nicht den realen Eros vergegenwärtigen würde.

Echtheit und Geradlinigkeit

Die Musik des aus Estland stammenden Arvo Pärt ist seit über einem halben Jahrhundert so etwas wie Bastion und Skandalon zugleich. Nach „avantgardistischen“ Anfängen hatte Pärt offenbar so etwas wie ein Erweckungserlebnis, das ihn und seine schöpferische Mission gleichsam aus der Zeit katapultierte und zum Botschafter einer „anderen“ Kunst machte. Mit einer Radikalität ohnegleichen ergab er sich der „Einfachheit“ eines schlicht tonalen Tonsatzes und realisierte „Inhalte“ geistlicher Herkunft. Gewissermaßen ein „Skandal“ war, dass er mit diesem Personalstil (der in seiner archaisierenden Simplizität subjektive Expressions- oder Individualitätsmerkmale zurückdrängte und sozusagen die größtmögliche Unscheinbarkeit der kompositorischen Faktur pflegte) große Erfolge hatte – sein Idiom traf offenbar auf ansonsten kaum stillbare Bedürfnisse nach dem Ausdruck von Echtheit, Geradlinigkeit, Lauterkeit beim Publikum. Pärts scheinbar so naive, friedsame Musik enthielt einen Stachel wider die scheinbare Unhintergehbarkeit moderner Komplexität. Manfred Eicher, der programmatische Kopf des ECM-Labels, „glaubt“ an Pärt und veröffentlicht ihn seit Jahrzehnten. Und in der Tat hinterlässt Pärts Idiom den Eindruck von Unkorrumpiertheit – es nähert sich weder der minimal music mit ihren Repetitionseffekten noch popmusikalischen Moden, zieht sich eher vollkommen zurück in eine Sphäre musikalischer „Ikonenmalerei“, was eine ebenso zeit- wie schmucklose Art des musikalischen Duktus‘ impliziert. Die Musik Pärts klingt, „als sei sie schon immer da gewesen“. Trotzdem, und das macht sie nur umso bemerkenswerter (vielleicht auch überzeugender), lässt sie, wenn auch diskret und unauffällig, auch „persönliche“ Entscheidungen hervortreten – hier eine nicht der Tradition entsprechende Fragmentierung durch häufige Pausen, dort einen abrupten Übergang. Das „Ewige“, aber auch das Heute.

Die aktuelle Pärt-Veröffentlichung trägt den Titel des ersten Stückes „The Deer‘ s Cry“ und bietet keine bisher unbekannten Pärt-Facetten (ECM 2466). Die Kategorie des „Neuen“ ist hier sowieso ausgehebelt – mit konsolidierten Pop-Größen hat Pärt immerhin gemein, dass er seinen Hörern einen zuverlässigen „Sound“ gewährleistet. Insofern ist er ein Markenzeichen – kaum anders übrigens ein Komponist wie Hans-Joachim Hespos, der die revolutionäre Permanenz des „Unerhörten“ propagiert und gleichwohl immer im Rahmen des von ihm Erwartbaren bleibt. Am unteren Ende der Anspruchsskala schafft Pärt Differenz innerhalb einer ausgehörten, in sanften Wellenbewegungen in ihren Charakteren sich abhebenden Vokalkunst, die das Ensemble Vox Clamantis aus Tallinn (Leitung: Jaan-Erik Tulve), auch mit dem Einsatz vibratolos intonierender Solostimmen, mit großem Einfühlungsvermögen realisiert. Interessant der subtile Gebrauch von Instrumentalkolorit – es drängt sich nie als Eigenwert auf, sondern dient immer der zarten Unterstützung des ganz im Vordergrund stehenden vokalen Anteils. Die 13 Einzelwerke, die auch als Zyklus gehört werden können, sind teils englisch, teils russisch und sogar deutsch (in dieser Sprache bezeichnenderweise das „ökologische“ Gebet „Sei gelobt, du Baum“) textiert.

Parallel mit Pärt edierte Eicher eine CD mit norwegischer Musik für kleine Besetzungen und unter der solistischen Schirmherrschaft von Frode Haltlis Akkordeon (ECM 2496). Normalerweise ist dieses Instrument eher mit Freizeit, sommerlichem Schrebergarten und Flaschenbier konnotiert, aber hier bekommt es eine fast „geistliche“ Färbung analog zur Kirchenorgel. Davon wird allerdings (und das ergibt eine Parallele zur Poetik von Pärt) jedwede überwältigende Imposanz subtrahiert; es bleibt eine stille Grundierung für überwiegend meditative Piècen, denen man eine kryptospirituelle Qualität durchaus attestieren kann: Bent Sörensens „It is Pain Flowing Down Slowly on a White Wall“ und „Sigrid‘s Lullaby“ und Hans Abrahamsens „Air“ und „Three Little Nocturnes“, letztere Miniaturen mit dem zu etwas kräftigerem Zupacken animierten Arditti-Streichquartett. Ohne die systematischen Bemühungen des ECM-Gründers wäre die Kenntnis der (im Gegensatz zum skandinavischen Krimi) so unaufdringlich-sublimen und in leisen Nuancen exzellierenden Musik des europäischen Nordens hierzulande nur äußerst lückenhaft bekannt.

Erhabenheit und Enthusiasmus

Um 1900 wurde „Spiritualität“ vor allem unter dem Einfluss Friedrich Nietzsches vom Christentum weg und in die Bahnen einer panreligiös-lebensphilosophischen Weltauffassung geleitet. Bezeichnend dafür sind musikalische Großwerke wie die 8. Symphonie („Symphonie der Tausend“) des Nietzschevertoners Gustav Mahler mit der hybriden Gegenüberstellung des altkirchlichen Hymnus „Veni creator spiritus“ (den Arvo Pärt auf der oben besprochenen CD so karg musikalisiert erscheinen lässt) und der zum Sursum corda gesteigerten Schlussszene aus Goethes „Faust“; wie die wunderbare „Zarathustra“-Adaptation „A Mess of Life“ des englisch-deutschen Komponisten Frederick Delius oder wie die (auch orchestrierte) gewaltige fünfteilige Klavierkomposition „Pan“ des Tschechen Vítězslav Novák. Weitaus unbekannter und vergessener ein ähnlich hochgestimmtes Chor-Opus des Holländers Jan van Gilse (1881-1944), dessen sich der Dirigent Markus Stenz mit niederländischen Chor- und Orchesterkollektiven annahm: „Eine Lebensmesse“, ein Oratorium nach einer Dichtung von Richard Dehmel, der sich ebenfalls von einer „spirituell“ überhöhten Nietzsche-Rezeption inspirieren ließ. Der Aufwand ist groß (vier Solosänger treten noch hinzu), der Tonfall dauerhaft auf Erhabenheit und Enthusiasmus eingestimmt – eine typische Fest- und Gedenkmusik, wie sie vor dem Hintergrund des späteren 20. Jahrhunderts (des „Zeitalters der Extreme“) doch auch verblassen musste. Ob diese Art von Dauerjubel (es gibt in der Partitur nur wenige „stille“ Kontraste) zu „retten“ ist oder nicht eher ein musikgeschichtliches Kuriosum bleibt, sei dahingestellt (cpo 777 924-2).

In eine ganz andere Welt „spiritueller“ Repräsentation führt „Der Totentanz zu Basel im Jahre 1943“ des Schweizers Frank Martin. Ursprünglich als klangliche Beigabe zu einer pantomimischen Darbietung gedacht, lässt schon die Jahreszahl 1943 aufmerken: Martins Werk ist imprägniert von Kriegs- und Todesgedanken. Dabei bleibt die Anknüpfung an rituelle Formen volkskünstlerisch-kollektiver Erinnerungs- und Vergegenwärtigungskultur bestimmend. Vom gewohnt feinsinnig-eleganten, zwischen Neoromantik und Expressionismus schwankenden Personalstil des Westschweizers ist hier nicht viel zu spüren; die Tonsprache ist holzschnittartig, hart, betont unpersönlich. Ins Unheimlich-Anonyme reichen die den Ablauf nachdrücklich skandierenden „Trommeln von Basel“, Klangzeichen von archaischer, ja archetypischer Gewalt, die auf ihre Weise das Persönliche einer vom Hauch des Spirituellen berührten Musik ähnlich „aufheben“ wie die Demutsgesten von Arvo Pärt. Unter der Leitung von Bastiaan Blomhert beteiligen sich überwiegend niederländische Interpreten (Armab Orchestra, Sacramentskoor, Hineni String Orchestra, cpo 777 997-2).

Kommentare


Mat Flo - ( 19-09-2016 04:38:11 )
Die Beschreibung der CDs liest sich gut. An der Grundfrage, was denn religiös sei, geht der Autor mit einigen flapsigen Bemerkungen (getopt von schrill distanzierenden Einschüben (s. Messe)) vorbei. Wenn man mit der vorhandenen Religion nichts anfangen kann, dann ist es offenbar Mode, sich so nebenbei scheinbar geistreich zu distanzieren. Dabei lebt wohl Spiritualität - gerade die, die der Autor zu finden vorgibt - davon, dass es Glauben gibt.

Kommentar eintragen









erstellt am 16.9.2016

Der Komponist Arvo Pärt
Der Komponist Arvo Pärt, Foto: Woesinger / Wikimedia Commons

Arvo Pärt
The Deer's Cry
CD
ECM 2466

CD bestellen

Bent Sörensen
It is pain flowing down slowly on a white wall
CD
ECM 2496

CD bestellen

Jan van Gilse
Eine Lebensmesse
Oratorium nach Richard Dehmel
CD
cpo 777 924-2

CD bestellen

Frank Martin
Ein Totentanz zu Basel im Jahre 1943
CD
cpo 777 997-2

CD bestellen