Der Komiker Heinz Erhardt war das Pendant zum deutschen Heimatfilm: gefällig, harmlos, unpolitisch. Heute wirkt diese, in den fünfziger und sechziger Jahren so beliebte Stimme verbraucht, meint Martin Lüdke. Zumal in „Schelmereien“, einem neuen, eher lieblos zusammengeschusterten Hörbuch.

Lüdkes liederliche Liste

Heinz Erhardt: Schelmereien

Es waren die großen Zeiten des Radios. Es waren die Gründerjahre der Republik. Der Krieg lag noch nicht lange zurück. Die Trümmer waren noch nicht beseitigt, doch beiseite geräumt. Das Fernsehen kam auf, langsam, mit einem Programm. Und das Bedürfnis kam auf, die „Sorgen des Alltags“ hinter sich zu lassen. In der Freizeit.

Und Heinz Erhardt (1909-1979) kam auf, diese unverwechselbare Stimme der „Freizeit“. Er stand da – und die Leute lachten. Er ist mit Sprüchen bekannt geworden, die Alice Schwarzer noch heute zu einer dauerhaften Steuer-Ehrlichkeit bewegen könnten. Teilweise ist er wirklich witzig gewesen.

„Manche Frauen sind wie Löschpapier. Sie nehmen alles in sich auf und geben es anschließend verkehrt wieder.“ Oder: „Um drei Frauengenerationen auf einmal zu verärgern, genügt es, wenn man zur Mutter sagt, die Tochter sehe schon jetzt wie ihre Großmutter aus.“ „Liebschaften sind wie Pilzgerichte, ob sie ungefährlich waren, weiß man erst später.“

Wer diesen Heinz Erhardt, das mag auch Jahrzehnte her sein, auch nur einmal gehört, diese helle, zuweilen hohe Stimme, seine Kalauer, seine Wortverdrehungen, seine Wortspiele, seine – durch gut kalkulierte Kunstpausen – gut gesetzten Pointen, sein verschämtes Lachen über die eigenen Witzchen, der wird ihn nicht vergessen. Unter den Tieren war ihm der Hase aufgefallen, der „keine Lust“ hatte, „sich über den eigenen Haufen schießen zu lassen.“ Es war eine Form von Humor, die in die frühe Bundesrepublik passte. Es waren die Zeiten von „Mainz, wie es singt und lacht“. Für lange Jahre ein Pflichtprogramm der bundesdeutschen Kleinfamilie, die den Abend mit Käsewürfeln und Weintrauben zum Ereignis machte. Und für die Brüder und Schwestern im Osten eine Kerze ins Fenster stellte. Heinz Erhardt war das Pendant zum deutschen Heimatfilm, gefällig, harmlos, unpolitisch. Heute wirkt diese Stimme verbraucht, vor allem dann, wenn in einem eher lieblos zusammengeschusterten Hörbuch doch eher blechern klingt. Die Stimme ist nach wie vor unverwechselbar, aber ihre Wirkung hat sich verbraucht.

Wer heute Heinz Erhardt hört, vielleicht zum allerersten Mal, der hat gute Chancen, ihn gleich wieder zu vergessen. Der einst so beliebte Komiker der fünfziger und sechziger Jahre rauscht einfach durch. Es bleibt kaum noch etwas hängen. „Nachdem ich mich hier versammelt habe, möchte ich, zunächst, etwas fallen lassen, und zwar die Bemerkung, dass es leichter ist, den Mund zu halten als eine Rede“.“ So fängt er an, auf der neuen CD, allerdings gleich unterbrochen von einem Kommentator, der vermeintliche Übergänge produziert und etwas dummdreist den Komiker mit seinem Wirtschaftswunder-Namensvetter, dem späteren Bundeskanzler Ludwig Erhard, vergleicht, der eine schuf das „Wirtschaftswunder“, der andere das „Lachwunder“. Oder der sozusagen einwirft: „Wir gönnen dem Erhardt den Beifall. Weiter bitte!“ „Für alles Menschliche hat er Worte, dieser Mensch“. Dazu immer lachendes Publikum.

Erhardt präsentiert vor allem schlichte Witze, etwa die Bemerkung, dass sein Vater sehr reich gewesen sei, nämlich „zwei Villen“ hatte, einen „guten und einen bösen“. Oder den Hinweis auf den österreichischen Dichter „Parzer“, der auch den „Grill“ erfunden habe und darum „Grillparzer“ genannt werde. Er moniert am Klavier: „Das Klavier ist verstimmt. Aber worüber bloß?“ Das Publikum lacht, es lacht immer, und lacht sogar schon, wenn Erhardt gar nichts sagt. Es ist ein Nachkriegspublikum, das offenbar einigen Nachholbedarf zu befriedigen hatte.

Hier zeigt sich ein Humor, der heute nicht mehr als trocken, nur noch als verstaubt, durchgeht. Am besten sind noch die reinen Blödeleien, die auf keinen vermeintlichen Tiefsinn zielen, sondern bloßen Klamauk produzieren. Und tatsächlich Lachen provozieren.

Die Zeiten ändern sich halt.

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erstellt am 12.9.2016

Heinz Erhardt
Schelmereien
CD, 57 Min.
ISBN-13: 9783899649505
Audiobuch, 2016

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