Silvester 1958 kam der amerikanische Fotoreporter Lee Lockwood nach Havanna. Eine Woche später traf Lockwood Fidel Castro. Castro lud ihn in den folgenden Jahren immer wieder nach Kuba ein und führte lange Gespräche mit Lockwood. Jetzt hat der Taschen-Verlag dieses Material, ergänzt durch hunderte von Fotos, wieder herausgebracht. „Castros Kuba“ ist keine Huldigung des Revolutionärs, der zum Diktator wurde, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Lee Lockwood: Castros Kuba

Ein Licht war aufgegangen. Zuerst strahlte es über Lateinamerika. Dann leuchtete es überall in der Welt, vielleicht nur für kurze Zeit. Nicht nur die Jugend der Welt nahm es war und ging in Berkeley und Berlin, in Paris und Wien auf die Straße. Aufbruchsstimmung kam auf. Es gab wieder Hoffnung.

Doch nur wenige Jahre später starb diese Hoffnung, mit Kuba und in Kuba, die doch eben erst von Kuba ausgegangen war, in alle Welt. Nur in Lateinamerika blieb sie noch lange spürbar.

Am Neujahrsmorgen des Jahres 1959 war der kubanische Diktator Battista aus Havanna geflohen, die Stadt in die Hände der Aufständischen gefallen. Die Revolution hatte gesiegt. Die Rebellenarmee machte sich, aus der Sierra Maestra kommend, auf ihren achthundert Kilometer langen Weg in die Hauptstadt, Hunderttausende, wenn nicht Millionen jubelnder Kubaner säumten die Straßen, ein einziger Triumphzug, nur unterbrochen von den nächtlichen Reden Fidel Castros, die schon damals oft Stunden gedauert, aber eine schier unbegreifliche Begeisterung ausgelöst haben.

Es ist vielleicht wieder an der Zeit, daran erinnert zu werden. Und sich daran zu erinnern, welch unglückliche Rolle, um das mindeste zu sagen, die USA auch damals schon gespielt haben. Das von Kennedy zu verantwortende Desaster in der Schweinebucht, die darauf folgenden Fehler Castros in der kubanischen Wirtschaftspolitik, haben den Hoffnungsträger zum Versorgungsempfänger gemacht.

1978 erschien in Deutschland ein – „Komödie“ genanntes – Versepos, Hans Magnus Enzensbergers „Der Untergang der Titanic“. Ziemlich am Anfang, zu Beginn des „Dritten Gesangs“, heißt es:

„Damals in Habana blätterte der Putz ab / von den Häusern, am Hafen stand unbeweglich / ein fauler Geruch, üppig verblühte das Alte, / der Mangel nagte Tag und Nacht / sehnsüchtig am Zehnjahresplan, und ich / schrieb am Untergang der Titanic.“

Das heißt, drastisch formuliert, Enzensberger hatte den Insolvenzantrag für die Linke gestellt, und eine völlige Pleite in allen Bereichen konstatiert. Begonnen hatte Enzensberger seine „Komödie“ 1969 in „La Habana“, beendet hat er sie 1977 in Berlin. In den letzten Versen spricht er, verständlicherweise, vom „Heulen“.

Nicht nur der Gedanke des Fortschritts war über Bord gegangen, auch der Zusammenhang von Fortschritt und Geschichte, und damit die Utopie, ebenso die Bindung von Ästhetik und Utopie, die am sinnfälligsten in Ernst Blochs Motiv des „Vorscheins“ formuliert worden war.

Kuba war, nach aller revolutionären Euphorie, in den Mühen der Ebene angekommen, im grauen, tristen Alltag, der durch den amerikanischen Boykott des Landes sicher nicht verbessert worden ist. (Ich erinnere mich noch gut an eine Reise nach Lateinamerika, vor gut fünfzehn Jahren, und an die Zurückweisung meiner Kritik an den kubanischen Verhältnissen. Die Intellektuellen und Schriftsteller, mit denen ich ins Gespräch kam, baten mich ebenso höflich wie eindringlich, die kubanischen Lebensbedingungen doch bitte nicht an, sagen wir, den europäischen Verhältnissen und Standards zu messen, sondern doch mal mit Brasilien, Kolumbien, Bolivien, Venezuela zu vergleichen, Armut, Arbeitslosigkeit, Gesundheitswesen, Schulbildung. Dann könne ich wieder über Fidel Castro herziehen. Man nahm hierzulande Gabriel Garcia Marquéz seine Freundschaft mit Fidel Castro übel. Die Kranken, die in den Slums der südamerikanischen Metropolen auf der Straße starben, übersah man dafür. Ich fühlte mich damals belehrt und beschämt zugleich.)

Silvester 1958 war der amerikanische Fotoreporter Lee Lockwood (1932 – 2010), der unter anderem für Life, Newsweek und The Times arbeitete, in Havanna eingetroffen. Nicht ahnend, dass er Zeuge eines historischen Umbruchs werden sollte, der die Welt verändert, mindestens aber nachhaltig erschüttert hat. Bereits eine Woche später traf Lockwood den Sieger der kubanischen Revolution, Fidel Castro. Castro vertraute dem Amerikaner und er lud ihn in den folgenden Jahren immer wieder nach Kuba ein und führte lange Gespräche mit ihm, unter anderem ein siebentägiges Marathon-Interview. 1967 wurden diese Gespräche und Beobachtungen das erste Mal veröffentlicht. Lockwood hatte kein Blatt vor den Mund genommen. Er sah auch die Fehler von Fidels Politik und verschwieg sie nicht. Jetzt hat der Taschen-Verlag dieses Material, ergänzt durch hunderte von Fotos und weitere Materialien in einem wahrhaftigen Prachtband herausgebracht. „Castros Kuba“ ist keine Huldigung des Revolutionärs, der zum Diktator wurde. Es ist die Dokumentation einer Entwicklung, die beide Seiten, Licht und Schatten zeigt. Es ist aber vor allem eine Erinnerung daran, dass es mal Hoffnung gab in einer Welt, die so, wie sie ist, nicht bleiben muss, sondern durchaus verbessert werden könnte. „In ihrem Nachwort erinnert Nora Wiener an eine Szene in Südafrika: „Als Nelson Mandela 1994 zum Präsidenten vereidigt wurde, schob er Castros ausgestreckte Hand beiseite: Statt des traditionellen Händedrucks umarmte Mandela ihn beinahe ungestüm und sagte für alle Nachrichtenmikrofone hörbar: ‚das hier hast Du möglich gemacht’“. (Das bezog sich unmittelbar auf die Unterstützung der Kubaner im Kampf gegen die südafrikanische Armee und gilt vielleicht auch darüberhinaus.)

Was Fidel Castro einmal bedeutete, für die Welt, das ist in diesem grandiosen Band schwarz auf weiß, das heißt in vielen bunten Bildern zu sehen. Und so ein kleines „vielleicht“ blitzt da auf vielen Seiten durch.

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erstellt am 12.9.2016

Lee Lockwood
Castros Kuba
Ein Amerikaner in Kuba. Reportagen aus den Jahren 1959–1969
Gebunden, 366 Seiten
ISBN-13: 9783836532402
TASCHEN, Köln 2016

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