Um Elsa Ferrante wird ein publizistischer Wirbelsturm entfacht, vor dem man sich gerne wie das Häschen in die Grube ducken möchte. Die große Unbekannte aus Neapel, die „Weltgeschichte“ schreibt, hat dennoch in Martin Lüdke das Feuer der Begeisterung entzündet. Ferrantes »Meine geniale Freundin« ist sein heißer Tip.

Lüdkes liederliche Liste

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Zugegeben, ich lasse mich beeinflussen. Zum Beispiel von Literaturkritik, dem begründeten Urteil. Wenn ich, zum Beispiel, am Ende einer langen, ebenso emphatischen wie zugleich analytischen Darstellung lese: „Unter dem leichten Gewebe ihrer makellosen Sätze pulsiert der Energiestrom unzähliger Träume von ungelebten Frauenleben. Diese belebende Wirkung dieser neapolitanischen Weltgeschichte von Widerstand und Größe im Scheitern hält lange an.“ – wenn ich solche Begeisterung sehe, anders als bei den sprachlosen Jubelschreien einer Christine Westermann, dann werde ich neugierig. Und hier bin ich neugierig geworden und habe mich darum auch beim Verlag erkundigt.

Sozusagen von Null auf Hundert. Nächste Woche wird dieses Buch auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste erscheinen. Aus dem lStand auf Platz 1. Und das aus guten Gründen, sicher nicht nur, weil die Autorin ein Geheimnis um sich macht. Sie gilt, so verkündet der Suhrkamp-Verlag etwas vollmundig als „die große Unbekannte der Gegenwartsliteratur.“ Sie ist in Neapel geboren, scheint nach wie vor dort zu leben und zu arbeiten, habe sich aber 1992, als ihr erster Roman erschien, für die Anonymität entschieden. In einem ungewöhnlich umfangreichen SPIEGEL-Interview hat sie über alles mögliche Auskunft gegeben, doch jeden persönlichen Bezug konsequent vermieden. Es wäre freilich ein Irrtum, jetzt zu glauben, dass Erfolg und Geheimnis direkt zusammenhängen.

„Meine geniale Freundin“ ist der erste Band einer auf vier Bände angelegten „neapolitanischen Saga“, 1700 Seiten umfassend, im Original zwischen 2011 und 2014 erschienen. Jetzt, auch in Deutschland, ein Erfolg, schon hunderttausendmal verkauft.

Erzählt wird von zwei Frauen, die mit ihrer gemeinsamen Lebensgeschichte sechs Jahrzehnte der neapolitanischen Geschichte umspannen, Lenù und Lila, die Tochter eines Schusters und die eines Pförtners bei der Stadtverwaltung, deren Lebensentwürfe spiegelbildlich aufeinander bezogen sind. Erzählt wird aber auch von den Lebensbedingungen, damals vor sechzig Jahren, in Neapel.

Eines Tages ist Lila, wie sie von Lenú genannt wird, verschwunden. Ihr Sohn ruft aufgeregt bei Lenú an. Sie hat, wie sich bald zeigt, keinerlei Spuren hinterlassen. Selbst aus Fotos, die sie mit anderen, etwa ihrem Sohn zeigen, hat sie sich herausgeschnitten. Sie wollte, denkt ihre Freundin, nicht nur verschwinden, „jetzt, mit sechsundsechzig Jahren, sondern auch das ganze Leben auslöschen, das hinter ihr lag.“

Das macht Lenú wütend. „Mal sehen, wer diesmal das letzte Wort behält“, sagt sie sich – und beginnt zu schreiben, „unsere Geschichte“, mit allem, „was mir in Erinnerung geblieben ist.“
Und das ist viel. Und es ist lebendig, das heißt, es geht hoch her, und laut, in den engen Wohnungen der Familien, auf der Straße, in den Gassen der Stadt.

Ich bin noch längst nicht durch mit dem Buch. Aber aufgrund meiner deshalb noch sprachlosen Begeisterung und der Tatsache, dass es sich tatsächlich um eine „liederliche“ Liste handelt, wollte ich doch mal „die Westermann“ spielen und seufzend nur sagen: „ein großartiges Buch“. Doch, bitte etwas Geduld, die Begründung folgt.

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erstellt am 08.9.2016

Elena Ferrante
Meine geniale Freundin
Aus dem Italienischen von Karen Krieger
Roman
Gebunden, 422 Seiten
ISBN-13: 9783518425534
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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