Der Schriftsteller Péter Esterházy ist am 14. Juli 2016 in Budapest gestorben. Kurz vor seinem Tod ist sein Buch „Die Markus-Version“ erschienen. Es ist, meint Martin Lüdke, kurios – auch deshalb, weil sich Esterházy hemmungslos bei anderen Autoren und bei sich selber bedient.

Lüdkes liederliche Liste

Péter Esterházy: Die Markus-Version

Einen dritten Band wird es nicht mehr geben. Nach der „Mantel- und-Degen-Version“ (2015) ist jetzt, kurz vor seinem Tod, „Die Markus-Version“ erschienen. Péter Esterházy ist am 14. Juli 2016 in Budapest gestorben. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Auch darüber hat er noch gewitzelt.

Er war und blieb bis zuletzt ein Schelm. Seine Augen konnten blitzen, ironisch oder auch streng, doch um seine Lippen lag stets ein mindestens leicht verschmitztes Lächeln. Er sprach sehr gut deutsch, wenn auch mit breiten (sprich:praihtänn) ungarischen Akzent. Er war ein Spieler, dem es ernst war, wenn es ums Spiel ging. Keinen Spaß verstand er freilich beim Fußball. Er erzählte einmal, dass sein Vater klagte, er sei der Sohn und der Vater eines berühmten Ungarn. Der Vater des Vaters war ungarischer Ministerpräsident, der Sohn des Vaters, Péters Bruder Marton, wurde ungarischer Fußballnationalspieler. Péter wurde erst später richtig bekannt. In seinem opus magnum „Harmonia Caelestis“ hat er dem Vater ein unvergleichliches Denkmal gesetzt. 2004 erhielt er (auch dafür) den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der „Verbesserten Ausgabe“ musste er dieses Bild wieder korrigieren. Denn er hatte erfahren, dass sein Vater nicht der große Held, sondern eben auch ein kleiner Mitarbeiter des ungarischen Geheimdienstes geworden war. Die Familie musste nach dem Zweiten Weltkrieg und der Machtübernahme der Kommunisten ihre aristokratische Herkunft büßen. Sie entstammten zwar nicht der fürstlichen, doch immerhin der gräflichen Linie einer der berühmtesten europäischen Adelsfamilien.

Sie wurden enteignet und aufs Land verbannt. Der Aristokrat wurde, wie es jetzt in der „Markus-Version“ heißt, ein „trauriger Trinker“. Er musste als Landarbeiter seine Familie durchbringen. Das neue Buch ist, wie eigentlich alle Bücher des gelernten Mathematikers, kurios. Auch deshalb, weil sich der Autor, hemmungslos, bei anderen Autoren und bei sich selber bedient. Er klaut, dass sich die Balken biegen. Ohne Bedenken, denn dazu ist schließlich, wie weißgott nicht nur Brecht wusste, die Tradition ja da, eben um tradiert zu werden. „Einfache Geschichten Komma hundert Seiten“. Diesmal, vermutlich um weiteren Ärger zu vermeiden, hat er penibel seine Zitate ausgewiesen. Es sind hier jetzt tatsächlich hundert Geschichten, von einem einzigen Satz bis zu einer ganzen Seite lang, auf hundert Seiten, die von jener Zeit berichten, in der die Familie auf dem Land lebte, zwangseinquartiert bei einem sogenannten „Kulaken“, einem reichen Bauern also, der auf diese Weise gleich mitgestraft worden ist. Alle Geschichten sind miteinander verknüpft, sei es, dass das letzte Wort der einem Geschichte im ersten Wort der nächsten wiederkehrt, sei es dass ganze Wendungen oder auch Motive, „Scheiße“ beim Fluchen etwa, wieder aufgenommen werden. Zudem sind sie inhaltlich verbunden. Durch die Familie, durch Gott und das kleine Jesus-Kind, das pausbäckig über dem Bett des Jungen hängt, rosafarben wie die Brüste einer jungen Frau, die der Junge ebenfalls buchstäblich zu Gesicht bekommt. Vor allem aber durch das Markus-Evangelium, das leicht verfremdet, in die Ich-Form gebracht, als Leitmotiv die Geschichten bestimmt. Und darüber hinaus durchs Landleben. „Ich schaue immer zu, wie die Küken aus dem Ei schlüpfen. Ich darf auf dem Hof spielen, nur in die Nähe des Hundes darf ich nicht. (…) Ich denke, er versteht es. Er fletscht ebenfalls die Zähne. Gott versteht, was wir sagen. Ich wähle von den Küken eins aus (…) und trete darauf. Als würde ich in die Scheiße treten, nur das ist gut. Barfüßig.“ Dann muss er das Küken, um Ärger zu vermeiden, verschwinden lassen. Gänseküken werfen die Brüder übrigens gerne ins Plumpsklo. Und Gott ist sozusagen immer dabei. Und immer wieder auch der Tod. Großväter, Großmütter, Onkel, Tanten sterben. Und Gott ist immer dabei. Am Ende zerreißt der Vorhang im Tempel von Jerusalem. Denn Jesus ist am Kreuz gestorben. Gebracht hat’s ganz offensichtlich nix. Auch Gott ist, wie wir wissen, tot. Und leider auch sein ungläubiges Geschöpf, der große Erzähler Péter Esterházy. Und um den ist es wirklich schade.

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erstellt am 12.8.2016

Péter Esterházy
Die Markus-Version
Einfache Geschichte Komma hundert Seiten
übersetzt von Heike Flemming
Fester Einband, 120 Seiten
ISBN 978-3-446-25073-4
Hanser Berlin, 2016

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