12. August 2016

Martin „Texas Tornado” Wimmer

Lieber größenwahnsinnig als kleingeistig

Zwischen Programm und zerfaserndem Ich – Martin „Texas Tornado” Wimmer, Büroleiter des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann, hat ein orkanartiges Buch geschrieben: „Ich bin der neue Hilmar (Hoffmann) und trauriger als Townes (Van Zandt): Eine Kulturgeschichte der deutsch-texanischen Beziehungen” *

Anfang und Schluss gehen auf das Grundsätzliche. Programmatisch geklärt wird in jedem Fall die Frage, was Bedeutung hat im Leben des Ich-Erzählers. Die Methode seines Vergnügens ist das räumliche und geistige Umherschweifen. Er befestigt es mit einem situationistischen Argument. Es steckt antikapitalistische Opposition im vorsätzlichen Müßiggang. Das wird hervorgehoben – als halbutopische Perspektive. Im Weiteren hält nichts den Erzähler davon ab: vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen. Martin Wimmers Rhapsodie schleudert den Leser auf die Umlaufbahn von Vorlieben (des Erzählers) zwischen bayrischer Kindheit und texanischem Liedgut. Musikalisch an erster Stelle steht Townes Van Zandt, dessen Familie mit der Geschichte des solistischen Sternstaats (lone star state) eng verknüpft ist.

Der narrative Ablauf wirkt überstürzt, als habe der Autor unter dem Druck einer Frist produziert. Das geht als Manier durch. Wimmers eskapistisches Ich entdeckt eine historisch unmittelbare Nachbarschaft von Bayern und Texas damals auf Pangaea und unterschlägt, dass Hessen in der urkontinentalen Hochzeit mit Texas förmlich zwillingsgleich verschwistert war. Solche Nachlässigkeiten lassen sich nicht feststellen, ohne zum Vorwurf zu werden.

Was in Frankfurt am Main immer noch unter dem Pflaster Strand ist, ahnt ein Ich im „Exil”. Dessen unspektakuläre Biografie assoziiert sich in der „Kulturgeschichte der deutsch-texanischen Beziehungen” mit den (der Banalität erteilten) Absagen des Außerordentlichen. Außerordentlich erscheint das „Weißer Spargel Fest” in einem Bavarian Inn, mit einem Deutschland geografisch auf der Nordsüdachse abklärenden Biertest. Außerordentlich ist das titelstiftende Wortspiel des mit dem Venus Award nobilitierten Films „One Night In Bang-Cock”. Außerordentlich ist ein Augenblick der Erwartung mit eigenem Vers: „Auf einen Gin-Tonic zu Walon & Rosetti.” Das hieß mal auf einen Castro Cooler zu Ceri Kavaklar und Radu Rosetti. In ihrer Havanna Bar brachten sie die Karibik an den Main. Der Himmel über Frankfurt kehrte im Blau des Kneipenhimmels ein.

„Ich bin der Hilmar” erklärt, „wie blaues Blut und blaue Noten” so wie Cajun und Zydeco zusammenhängen und bei wem Woody Guthrie abgeschrieben hat. Man müsste dem sich selbst abspulenden Text hinterher googlen, um erfundene Bezüge von Aficionado-Trouvaillen zu trennen. Die Plattensammlung des Erzählers könnte als Hauptstützpunkt einer schnellen Eingreiftruppe der mémoire involontaire dienen. Die Sammlungen der anderen bieten sich dem Erzähler als Beispiele für Steigerungsmöglichkeiten in Sphären der Verstiegenheit an; genug ist nicht genug; oder so: „You can write all day and never leave Texas.” Auf Seite 175 gesteht er: „Charaktere, Handlung, Dramaturgie, Spannungsbogen, Happy End, Auflösung, ich langweile mich zu Tode.”
Auch ist er viel lieber größenwahnsinnig als kleingeistig, dieser Wimmer, den man selbstverständlich nicht mit seinem erzählenden Ich verwechseln darf.

* Townes Van Zandt war depressiv, daher das „trauriger” im Titel. Hilmar Hoffmann war Frankfurts berühmtester Kulturdezernent, eine auch neben Siegfried Unseld noch eindrucksvolle Erscheinung.

Martin Wimmer, „Ich bin der neue Hilmar und trauriger als Townes”, weissbooks, 282 Seiten
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erstellt am 12.8.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.