An der Fassade der Kathedrale von Reims befindet sich ein Skulpturenensemble. Es sind einundvierzig lachende, grinsende, schreiende, gequälte Gesichter, Miesepeter und Mäusefänger, Männer, Frauen, tierische und kindliche Fratzen. Die Kunsthistorikerin Dagmar Schmengler hat über die „Masken von Reims“ ein Buch geschrieben, und Martin Lüdke hat es gelesen.

Lüdkes liederliche Liste

Dagmar Schmengler: Die Masken von Reims

Das Rätsel von Reims. Weit oben an der Fassade der Kathedrale von Reims befindet sich, auf den ersten, oft auch auf den zweiten Blick kaum sichtbar, hoch und nicht selten geradezu versteckt angebracht, ein „Skulpturenensemble der gotischen Bauplastik, das aufgrund seiner ungewöhnlichen Formenvielfalt und herausragenden künstlerischen Qualität als einzigartig“ gilt. Fachleute sprechen hier von den „Masken von Reims“. Ursprünglich einmal einhundertvierzig Skulpturen. Es sind Gesichter mit einer ausdrucksvollen Mimik, die sich auf keinen, und schon gar keinen einfachen Nenner bringen lassen. Lachende, grinsende, schreiende, gequälte Gesichter. Miesepeter und Mäusefänger. Männer, Frauen. Tierische und kindliche Fratzen. Einhundertvierzig voneinander unterschiedene Gestalten. Die Theologen sind überfordert. Die Kunsthistoriker ratlos. Und ich bin völlig inkompetent, diese Arbeit der jungen Frankfurter Kunsthistorikerin Dagmar Schmengler, die aus einer Dissertation von 2008 (!) hervorgegangen und jetzt, 2016 erschienen ist, adäquat zu beurteilen. Ich sehe allerdings die Arbeit, die in dieser Arbeit steckt, und sehe, dass auch andere, etwa der Mainzer Kardinal Lehmann, der die Publikation gefördert hat, diese Tatsache zu würdigen wussten. Und mich fasziniert diese genaue und intensive Auseinandersetzung mit einem tatsächlich so entlegenen Phänomen wie diesen merkwürdigen Masken und ihren extremen, negativen wie positiven Ausdrucksformen (Physiognomie und Pathognomie), die tief in der Erfahrungs- und Geisteswelt des Mittelalters verankert sind. Das heißt – und das ist das faszinierende daran – in einer völlig anderen Welt.

Die bisherigen Interpretationsversuche scheiterten an ihrem apodiktischen Gestus, sozusagen einen Generalschlüssel für die Vielfältigkeit dieser Masken zu finden. Dagmar Schmengler will demgegenüber die Komplexität und Vielschichtigkeit herausheben, die verschiedenen Erscheinungsformen bestimmen, nach den Einflüssen und den geistigen Voraussetzungen fragen. Ihre These ist, „dass die Reimser Bildhauer mit der Vielzahl der Masken auch verschiedene Bildkonzepte schufen, die sich aus den dominierenden Denkkategorien des Mittelalters, vornehmlich des 12. Und 13. Jahrhunderts, heraus erklären lassen.“

Die beiden Jahrhunderte waren von gravierenden Konflikten und Umbrüchen geprägt. Diese vielfältigen Veränderungen spiegeln sich aber nicht nur indirekt in der Kunst und Literatur der Zeit wieder, sondern auch in dem veränderten Selbstverständnis der Menschen. Die Studie von Dagmar Schmengler beschreibt das Phänomen dieser Masken, die Genese der „Mimikformeln in Antike und Romanik“, und setzt auf dieser Grundlage mit ihrer Interpretation an. Das Buch enthält auch einen vollständigen, überaus differenzierten Katalog. Das Buch ist vermutlich für die Fachwelt bestimmt, doch, zum Glück, so geschrieben, dass es auch der interessierte Laie mit einem – sogar erheblichen – Gewinn lesen kann.

Beim Betrachten dieser Masken, bei der Lektüre ihrer Analyse tauchen wir in eine wirklich fremde Welt ein, aus der wir – mit ein bisschen Glück – verändert wieder hervorkommen.

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erstellt am 04.8.2016

Dagmar Schmengler
Die Masken von Reims
Zur Genese negativer Ausdrucksformen zwischen Tradition und Innovation
Klappenbroschur, 352 Seiten, zahlreiche Abb.
ISBN: 978-3-422-07358-6
Deutscher Kunstverlag, München 2016

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