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Zweimal, in Berlin und in Frankfurt, traf die Schriftstellerin und Übersetzerin Shirin Kumm mit dem iranischen Drehbuchautor, Regisseur und Lyriker Abbas Kiarostami zusammen, der jetzt in Paris gestorben ist. Aus ihren Notizen tritt die Persönlichkeit des großen Filmkünstlers hervor.

Die Tage mit Abbas Kiarostami

Wie Aprilwetter

Aus den Notizen von Shirin Kumm

Es war im November 2003 in Berlin, als ich Abbas Kiarostami zum ersten Mal traf. Auf Einladung der Berliner Akademie der Künste war er nach Berlin gekommen, um den ihm verliehenen Konrad-Wolf-Preis in Empfang zu nehmen.
Zwei Tage vor seiner Ankunft schickte ich ihm einen Brief in das Hotel, in dem er logieren sollte. Er möge uns einen Termin gewähren, Hans-Ulrich Müller-Schwefe und mir, den Übersetzern seines Gedichtbandes.
„Gott, ist es schwer, Sie zu finden“, hatte ich geschrieben, und ich meinte es so. Eine der Unmöglichkeiten der Welt, Abbas Kiarostami zu kontaktieren!

In der Hotellobby warteten wir auf ihn. Ich war aufgeregt. Wie wird er wohl sein? Wie wird einer sein, der schreibt: „Auf nichts / Vertraue ich so / Wie auf das Ende der Nacht / Und auch des Tages.“
Ich hatte einmal in Teheran mit ihm telefoniert. Damals ging es um die Unterzeichnung seines Vertrags. „Herr Kiarostami“, hatte ich gesagt, „in Deutschland herrschen nun mal andere Gepflogenheiten, solange Sie den Vertrag nicht unterschrieben haben, können wir nicht weitermachen. Da spielt es auch keine Rolle, dass Sie über Ihre Agentin zugesagt haben, bitte, denken Sie daran!“ Es waren Monate vergangen, wir hatten die Übersetzung schon in der Tasche, aber noch keinen unterschriebenen Vertrag. Er wisse nicht mehr, wo der Vertrag sei, müsse ihn erst suchen, antwortete er. Er klang freundlich, entspannt. Ich hatte das Gefühl, er amüsierte sich geradezu über meine Ungeduld.

Als ich in der Hotellobby zu den Waschräumen hinuntergehen wollte, kam er mir auf der Treppe entgegen. Ich erkannte ihn sofort, dunkle Brille, dunkle Jacke, männliches Gesicht. Ich grüßte und stellte mich ihm vor, dann führte ich ihn zu Hans-Ulrich, der an einem Tisch saß und zu uns herübersah. Kaum hatte ich sie miteinander bekannt gemacht, erschien Barbara Klemm und nahm ihn mit. Sie hatten einen Phototermin.
Ich betrachtete ihn, wie er souverän vor der Kamera posierte. Keine Spur von Nervosität, kein Unbehagen. Ich beneidete ihn, dachte an mich und meine Qualen vor der Kamera, als lastete die ganze Welt auf mir, auf meinem Kopf, meinen Augen, meinem Mund, und zwänge mich zu ungewollten Gesten, lächerlichen Gesten.

Uns bleiben ganze zwei Stunden mit ihm. Er ist gut gelaunt, erzählt Anekdoten, macht Witze, wirkt vertraut, hat ein Lächeln in den Augen. Eine gemeinsame Bekannte in Teheran hatte mir einmal gesagt, er sei wie Aprilwetter, mal sonnig, mal trüb.
Heute, hier und jetzt, scheint definitiv die Sonne, denke ich.
Ich kläre noch ein paar Übersetzungsfragen mit ihm. Ich sei so gewissenhaft, sagt er. Mir kommt es vor, als ob ihm all die Fragen nicht so wichtig seien. Vielleicht mag er sich gar nicht festlegen, vielleicht liebt er Undeutlichkeit, Vieldeutigkeit. Jeder soll selbst verstehen, was er zum Ausdruck bringen will, was er in seinen Texten sieht, entdeckt. Später, bei der Präsentation seines Buches in Frankfurt, wird er dem Publikum raten, seine Gedichte in aller Ruhe anzuschauen wie ein Bild.

Nach einem kurzen Spaziergang vor dem Hotel am Spreekanal entlang ist unsere Zeit um. Sein Terminplan ist voll. Mehr ist nicht drin.
Auf Wiedersehen, Abbas Kiarostami.

Ein paar Monate später, im Frühjahr 2004, erscheint sein Gedichtband „In Begleitung des Windes“ mit einem „Eidola, Kleine Bildchen“ betitelten Nachwort von Peter Handke.
„‚Seit Jahren / Irre ich umher / Wie ein Strohhalm / Zwischen den Jahreszeiten‘ (Du auch?)“ – „‚Stets unvollendet / Bleiben meine Gespräche mit mir selbst‘ (Deine auch?)“ – „‚Meine Schuhe werden nass / Im Durchwandern / Des Kleefelds‘ (Meine auch)“, zitiert er ihn. Zwei Seelenverwandte?

Der Suhrkamp Verlag plant eine Buchpräsentation im Frankfurter Literaturhaus in Anwesenheit des Autors. Das Deutsche Filmmuseum schließt sich an und bereitet einen Abend mit ihm vor. Seine letzten Filme Ten und Five sollen gezeigt werden.
Am 2. September 2004, am Tag der Veranstaltung, kommt er frühmorgens in Frankfurt an. Hans-Ulrich holt ihn vom Flughafen ab. Er sei müde, wolle sich erst einmal ausruhen, sagt er mir am Telefon. Ein gemeinsames Mittagessen ist geplant, um elf Uhr sollen wir uns im Hotel Palmenhof, wo er einquartiert ist, treffen. Diesmal liegt fast ein ganzer Tag mit ihm vor uns.

Es ist ein Donnerstag, an der Bockenheimer Warte vor dem Campus hat sich der Wochenmarkt breitgemacht. Ich gehe langsam hindurch, es ist noch zu früh und bis zum Palmenhof nur einen Katzensprung. Vor einem Blumenstand bleibe ich stehen. Ein Bund Sonnenblumen zur Begrüßung. Keine schlechte Idee.
Er möge sie, die Sonnenblumen, sagt er, verlangt nach einer Vase und bringt sie gleich in sein Zimmer. Heute Abend werde er sie anschauen und sich an ihnen erfreuen. Hans-Ulrich überreicht ihm einige Exemplare seines Buches. Es gefällt ihm, er befühlt es, blättert es durch, dann zeigt er auf das Nachwort. Warum steht Peter Handkes Name nicht an dessen Ende, will er wissen. Ich weiß es auch nicht – warum eigentlich nicht? Ich weise auf den Hinweis am Anfang des Bandes hin: „Mit einem Nachwort von Peter Handke“.
Er sagt nichts.
Er sei vollgepumpt mit Adult Cold (einem in Persien gängigen Erkältungsmittel), ihm sei es sehr schlecht gegangen kurz vor seiner Abreise, Fieber und Schüttelfrost, erzählt er. Trotz der Erkältung ist er aber gut gelaunt.
Wir gehen die Siesmayerstraße hoch. Vor jeder Platane bleibt er stehen und berührt sie beinah zärtlich. Wie schön die Platanen hier in Frankfurt seien, sagt er. Im Grüneburgpark nimmt er Hans-Ulrichs Kamera und schießt zwei Photos.
Am Abend, kurz vor acht Uhr, als wir ihn abholen und die Bockenheimer Landstraße zum Literaturhaus überqueren, bleibt sein Blick auf der Birke vor dem rechten Flügel des Hauses haften. Ein letzter Sonnenstrahl hat sich darin versteckt. Blitzschnell nimmt er die Kamera eines Photographen und macht ein Photo (keine Ahnung, wo es abgeblieben ist).

Der Veranstaltungsraum ist voll besetzt. Wolfram Schütte führt den Regisseur und Autor Kiarostami ein. Hin und wieder versuche ich unserem Gast das Wichtigste ins Ohr zu flüstern, merke aber, dass es den Ablauf stört, und so kritzle ich ihm die Übersetzung aufs Papier. Nach seiner Rede stellt Wolfram Schütte ihm einige Fragen. Abbas Kiarostami beginnt aber belustigt damit, dass er keine Ahnung habe, was er, Wolfram Schütte, über ihn gesagt habe. Ich hätte zwar hin und wieder die persische Übersetzung für ihn mitgeschrieben. Er habe aber meine Handschrift nicht entziffern können. Publikumsgelächter.
Wieso er dann immerzu genickt habe, erkundige ich mich. Wieder Publikumsgelächter.
So entwickelt sich der Abend gleich zu einem unterhaltsamen Ereignis. Kiarostami führt aus, schweift ab, macht Witze. Ich dolmetsche, füge auch mal etwas hinzu, mache meine Scherze. Ein heiterer Abend. Er wollte unterhalten, sagte er danach. Ich auch. Das war uns gelungen. Die Frage, wie die Reihenfolge der Gedichte zustande gekommen sei, bleibt allerdings unbeantwortet. Schade, ich hätte es auch gerne gewusst.
Nun ist er umringt von seinen Fans, meistens Iranern und Iranerinnen, die teilweise lange Wege zurückgelegt haben, um ihn zu erleben. Nach einiger Zeit, als wir alle im Restaurant des Literaturhauses auf ihn warten, sagt Hans-Ulrich, dass man ihn vielleicht ‚retten‘ sollte. Er sah zufrieden aus, nicht mehr krank, vielleicht wollte er gar nicht gerettet werden. Die Iraner hier seien sehr nett, erklärte er später.

Am nächsten Tag holen wir ihn zum Mittagessen ab. Ich habe Cherrytomaten dabei. „Ein wenig Vitamin C, gut für die Erkältung“, sage ich. Die begeistern ihn – solch kleine Tomaten gibt es in Teheran nicht, vielleicht erlaubt die stechende Sonne dort keine kleinwüchsigen Tomaten. Wir nehmen ein Taxi zum Mainufer. Der Taxifahrer grüßt ihn gleich freundlich auf Persisch. Ein iranischer Taxifahrer, der ihn sofort erkennt.
Wir flanieren in Richtung Gerbermühle, erzählen ihm von Goethe und seinen Sparziergängen auf diesem Weg. Er ist blass, geschwächt, wortkarg, keine Spur von der Lebendigkeit des gestrigen Abends.
Ob er die hessische Spezialität mochte? Keine Ahnung. Nach dem Essen machen wir einige gemeinsame Photos. An einer Kreuzung photographiert er einen vor der Ampel wartenden Radfahrer im Anzug. Mehr hat ihn an diesem Tag nicht interessiert.

Für Hans-Ulrich und mich steht nichts mehr auf dem Programm. Wir setzen ihn vor seinem Hotel ab.
Heute war er definitiv trüb, denke ich.

Am Abend gehe ich nicht zum Filmmuseum, wie ursprünglich geplant. Ich mache mich an die Übersetzung von Wolframs Schüttes Rede. Er, Abbas Kiarostami, hatte angedeutet, dass er sie gerne hätte. Eigentlich war es Verlagssache, er hatte mir aber zwei Lithographien von seinen Baumphotos geschenkt, für die ich mich mit der Übersetzung revanchieren könnte. Am Ende schaffe ich nur eine Rohübersetzung.
Samstag ist sein Abreisetag. Früh am Morgen ruft er an, warum ich gestern Abend nicht da gewesen sei. Ich nenne ihm den Grund. Er wollte mir keine Mühe machen, sagt er. Ich möge aber jetzt vorbeikommen, er habe gleich ein Radiointerview und wolle, dass ich dabei bin. Ich gehe hin und setze mich dazu, einige seiner Gedichte soll ich im Original für die Aufnahme vorlesen.

Bis zu seinem Abflug liegen noch einige Stunden vor uns. Wir spazieren zum Extra Blatt an der Bockenheimer Warte. Es ist ein schöner, sonniger Tag. Wir setzen uns draußen in den Schatten. Er ist schweigsam, in seinen Augen hinter der dunklen Brille kann ich kein Lächeln erkennen. Ein trüber Tag heute?
Wir trinken Cappuccino und schweigen. Nur einmal deutet er erstaunt auf eine junge Frau mit knallpinkfarbenen Haaren. Ja, das komme hier ziemlich häufig vor, die Punks hätten es in die Mode eingeführt, sage ich.
Ich bin unruhig, kann mit seinem Schweigen nichts anfangen, kann mit niemandes Schweigen etwas anfangen. Beneide die Menschen, die stundenlang wortlos zusammen sein können. Dazu gehöre ich nicht. Mir macht das Schweigen Angst. Die Leere, die sich da breitmacht, frisst mich auf.
Ich rede. Lauter Peinlichkeiten. Viele würden viel dafür geben, um jetzt an meiner Stelle zu sein, allein mit ihm in einem Café sitzend – Schleim, Schleim –, meine Mutter bewundere ihn und sei erfreut, dass ich durch meine Arbeit seine Bekanntschaft gemacht hätte – würg, würg.
Er lässt sich erweichen, erzählt von seiner Mutter, die mit über neunzig noch sehr selbständig sei, und dann vom Zerwürfnis mit einem Freund. Endlich reden wir miteinander, über dies und das. Ich erzähle ihm von meinem Buch, das ein Jahr zuvor erschienen ist, und davon, dass die Freude über das Lob sich schnell verflüchtigt habe, während der Schmerz des Verrisses nachhallte. Ihm sei es am Anfang genauso ergangen, sagt er. Irgendwann mal aber weiß man selber, ob man gut ist oder nicht, dann ist es völlig egal, was die anderen sagen. Diesen Satz werde ich mir merken, denke ich.
Noch ein Satz von diesem Tag ist mir im Gedächtnis geblieben. Als ich ihm davon erzählte, dass ich jetzt den Umgang mit Frauen sehr schätzte, wovon ich früher weit entfernt war, sagte er, das sei ein Zeichen dafür, dass ich mich mit mir versöhnt hätte.
Ich schenke ihm ein Exemplar meines Buches mit der Widmung: „In Erinnerung an die schönen hellen Tage in Frankfurt“.
Wir verabschieden uns.
Ob ich mich wirklich mit mir versöhnt habe, frage ich mich und drehe mich noch einmal um.

Auf Wiedersehen, Abbas Kiarostami!

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erstellt am 08.7.2016

Abbas Kiarostami (geboren am 22. Juni 1940 in Teheran, gestorben am 4. Juli 2016 in Paris) war ein iranischer Drehbuchautor, Filmregisseur und Lyriker. Er gilt als einer der großen Regisseure des Weltkinos.

Kiarostami

Die Schildkröte auf ihrem Panzer
geht in der Luft, auf allen vieren,
bis sie wieder im Staube steht,
der Käfer rollt seine Kugel
aus Schafkot, ein Sisyphos,
durch Dornen und Dreck,
der Film, ganz groß am Boden
die Spur, die er hinterlässt

Ein Gedicht von Jan Volker Röhnert, das er nach dem Schauen des Kiarostami-Films „Der Wind wird uns tragen“ geschrieben hat.

Abbas Kiarostami
In Begleitung des Windes
Gedichte Gebundene
Aus dem Persischen von Shirin Kumm und Hans-Ulrich Müller-Schwefe
Mit einem Nachwort von Peter Handke
Suhrkamp Verlag

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