Martin Lüdke hat in seinem Arbeitszimmer, vor den vollen Regalen, stapelweise neue und auch einige alte Bücher deponiert. Eine Möglichkeit, sie abzuarbeiten, bietet diese liederliche Liste mit jeweils neun Titeln. Diesmal bespricht Lüdke Ulrich Schachts Novelle „Grimsey“.

Lüdkes liederliche Liste

Ulrich Schacht: Grimsey

Schon irre, wie das manchmal läuft. Ein Freund hatte Ulrich Greiner dieses Buch mit der Bemerkung geschenkt, es sei die schönste Erzählung des Jahres. Greiner schrieb daraufhin eine Besprechung in der ZEIT, die sich, ernsthaft, als eine der schönsten des letzten Jahres bezeichnen lässt. Ich fand den Text, zufällig unter alten Zeitungen und bestellte daraufhin das Buch – und bin auch begeistert. Zugegeben, ich hatte massive Vorurteile gegen den Autor. Schacht arbeitete in den siebziger und achtziger Jahren für „Die Welt“ und die „Welt am Sonntag“ und war Feuilleton-Redakteur und Chefreporter Kultur. Er schrieb, wohl nebenbei, auch Gedichte und bewährte sich in jener Zeit vor allem als ein beherzter Kalter Krieger, voll auf Springer-Linie. Er kannte kein Pardon. Ich sehe das heute weniger kritisch, obwohl ich auch damals wusste, dass Ulrich Schacht 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren wurde und in Wismar aufgewachsen war und 1973 wegen „staatsfeindlicher Hetze“ gegen die DDR zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und 1976 von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Sicher keine Wunschbiographie. Seit 1998 lebt Schacht als freier Autor in Schweden.

Und schreibt. Zum Beispiel diese wundersame Novelle, die den Besuch einer zu Island gehörenden Insel, Grimsey, am nördlichen Polarkreis beschreibt und damit die Reise des Reisenden durch sein Leben. Der schon ältere, doch nicht alte Mann, offenbar Fotograf von Beruf, hält sich nicht einmal einen ganzen Tag auf dieser kleinen Insel auf. Er läuft scheinbar ziellos herum, trifft nur auf wenige Menschen, einige Kinder dabei, fotografiert viel, beobachtet, betrachtet. Möwen spielen eine große Rolle, tote Möwen, die, wie es scheint, vom Himmel gestürzt sind, keinerlei Verletzung zeigen, doch in großen Mengen herumliegen, und ihn an die Möwen seiner Kindheit und Jugend am Meer erinnern, auch die, die er einmal an Bord eines Schiffes gefüttert hatte. Brocken von Brot, über die Reling geworfen, wurden von ihnen aufgefangen. „Doch wenn man still blieb und den Arm ganz weit über Bord hielt, konnte man erleben, wie einzelne Tiere einem das Brot fast zwischen den Fingern wegschnappten. Manchmal schien ihm, wenn er sie herannahen sah, ihre unermüdlichen Anflüge aus dem Luftraum kurz über der schaumig brodelnden Kielwasserspur, es handle sich bei diesen Wesen um ins Vollkommene hinein getarnte Kampfmaschinen: Existenzformen aus dem Prozeß einer nahtlosen Verschmelzung von Leben und Technik.“ In solchen Passagen zeigt Schacht, wie Poesie und Präzision zusammengehen. Die Genauigkeit seiner Beschreibung verbindet sich nicht nur mit Reflexion, sie ist eins mit ihr, untrennbar. Ohne Übergang, ebenso wie die Zeiten ineinanderfließen. Beim Gang über die Insel steigen nicht nur Erinnerungen auf, nein, die Vergangenheit wird wieder Gegenwart: da sieht er einen kleinen Jungen, der sich im Rhythmus über die einsame Straße bewegt, der auch ihn antreibt. „Der Junge bewegte sich in einer Zeit, die nicht die seine war. In Wahrheit lief der Junge auf den Mann zu, der hinter ihm herlief.“ Und das Ganze sehen wir auf die Sichtweise des Fotografen. „Immer wollte er den Ausschnitt als Einblick, das Fragment als Teil“, also mehr als das, was das „Sichtbare zeigte“. Das „Geheimnis“, das er hinter dem Blick sah, „hatte etwas damit zu tun, das ihm die Diktatur der Zeit zusammengebrochen schien.

Kindheit, Jugend, Gefängnis, Gegenwart, alles ist in einem wunderbaren Teppich verwoben, in den Motive des Meeres, seiner Küste, immer wieder Einzelheiten der Insel Grimsey, Begegnungen auf häufigen Nordmeerreisen, kleine, scharfe Porträts und sinnfällige Überlegungen zum Leben zusammenspielen. Und ein eindringliches Bild erzeugen.

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erstellt am 07.7.2016

Ulrich Schacht
Grimsey
Eine Novelle
Gebunden, 189 Seiten
ISBN-13: 9783351036188
Aufbau Verlag, Berlin 2015

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