Die Ungehaltenen Foto: Jamal Tuschick
Die Ungehaltenen

29. Juni 2016

„Die Ungehaltenen” im Maxim Gorki

Rennbahn für Randfiguren

Ich rede von Revolution und du kommst mir mit Mietrecht – Zwischen Generationenporträt, Liebesgeschichte, Berlinroman, Heldenreise und Museumsinsel im Sturm der Vergänglichkeit. Deniz Utlus Gastarbeiterkindergeschichte „Die Ungehaltenen“ auf der Bühne des Berliner Maxim Gorki Theaters

Die Bühne hat die Monumentalität eines Kackstreifens im Frühtau und den Charme einer Rennbahn für Randfiguren. Elyas kreuzt auf, Kreuzberger von Geburt, fremd nun im eigenen Kiez.

Mehmet Ateşçí spielt den Jurastudenten auf der Schwelle zum Abbruch als Lamento auf einer Beschleunigungsdroge:
„Ich stehe am Fenster, gucke auf die Straße und fühle mich wie ein Fisch in einem Aquarium. Diese ganzen Touristen und Zugezogenen!”

Man sieht ihn förmlich unter den Rankenbögen des SBahn-Art décos am Kottbusser Tor. Elyas ist zu jung für Erinnerungen an jene Mauer, die Jahrzehnte für die Beschaulichkeit einer Sackgasse sorgte: “Ich hatte von dieser ganzen Ost-West-Geschichte nur David Hasselhoff mitbekommen.”

„Looking for freedom” – Kulturell ragt Elyas überall heraus, will das aber nicht wahrhaben. Hauptstadt-Mitte erträgt er nur betrunken. “Wie Kuhscheiße“ klebt seinen Gefährten Berlin an den Haken. Elyas formuliert einen Konservatismus zwischen allen Stühlen. Ihm stemmt sich Nennonkel Cemal (bester Freund des krebskranken Vaters) entgegen, der als Milieubewahrer in der Retrokapsel gegen eine Räumungsklage kämpft und das Fachwissen des ersten Abiturtürken im erweiterten Familienkreis beansprucht.

„Ich rede von Revolution und du kommst mir mit Mietrecht.”

Der radikale Alte erinnert an die kemalistisch-laizistische Türkei der 60er Jahre. An die Ära der frühen Anwerbungen (türkischer Arbeiter) und das unbeklagte Schicksal der bei den Großeltern geparkten Kofferkinder. Als Cemal nach Deutschland kam, wollte kein Mensch in Kreuzberg leben. Stadtplaner erwogen eine Planierung des Quartiers. Kreuzberg sollte Autobahn werden. Die Einwanderer retteten Bestand auf den Schleichwegen einfallsreicher Nutzung.

„Die Deutschen interessierte das nicht. Die hätten noch nicht einmal auf uns gepisst, wenn wir gebrannt hätten.”

Elyas sträubt sich gegen eine Erfolgskanakenexistenz mit unbeschränktem Zugang zur Maybachuferromantik. Er taucht Bosporuskitsch, Schlagerschmalz und TV-Seriensentimentalität in das Butterfass der Ironie und erntet dafür die Heiterkeit des Publikums. Viele sind zu jung um eine Hommage an die Gastarbeiterabsteigen und die Formate des Heimwehs und Essens, der Melancholie und Gemeinschaftlichkeit in türkischen Männerwohngemeinschaften und Frauenwohnheimen mit eigenem Erleben mischen zu können.

Es gab portugiesische, griechische, italienische und spanische Varianten. Die Inszenierung von Hakan Savaş Mican reanimiert Stimmungen der ungeplanten, von keiner Seite angestrebten Einwanderung. Ältere im Auditorium wirken wie von einem Déjà-vu beglückt. Das ist ihre Geschichte, wenn auch nur als Sidekick eines Musicals, das den Elitetürken Elyas (als Hoffnung & Enttäuschung der proletarischen Verwandt- und Nachbarschaft) zum dunklen Stern macht.

Elmira Bahrami, Volkan Türeli und Mehmet Yilmaz arbeiten Ateşçí zu. Sie skizzieren Figuren, die im Romangeschehen eine Rolle spielen. Der greise Rebell aka Onkel Cemal (Mehmet Yilmaz), der musikalisch-muskulöse Taubenzüchter Hekim (Volkan Türeli), ein Abgeschobener aus Bochum … nach dem Tod seines Vaters erfährt Elyas (auf dem Weg zum Grab) die Türkei in der Gesellschaft der Anästhesistin Aylin (Elmira Bahrami).

„Du hast dich in einen Metallsarg zuschrauben und fast 4.000 Kilometer weit schleppen lassen, um am Ende doch in meinem Kopf bestattet zu werden. Das sind gar keine Würmer, das sind meine Gedanken, die dich auffressen.”

Auch Aylin stammt aus Berlin und kennt Istanbul nur aus der Ferienperspektive.

„Die Ungehaltenen” nach dem Roman von Deniz Utlu. Für die Bühne bearbeitet von Hakan Savaş Mican und Necati Öziri. Regie: Hakan Savaş Mican
Maxim Gorki Theater

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erstellt am 29.6.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.