Martin Lüdke hat in seinem Arbeitszimmer, vor den vollen Regalen, stapelweise neue und auch einige alte Bücher deponiert. Eine Möglichkeit, sie abzuarbeiten, bietet diese liederliche Liste mit jeweils neun Titeln. Diesmal bespricht Lüdke Werner Söllners Gedichtband „Knochenmusik“.

Lüdkes liederliche Liste

Werner Söllner: Knochenmusik

Der Titel weckt eher ungute Empfindungen. Knochenmusik? Man muss vielleicht nicht gleich an Folter denken. Obwohl … Sicher ist nur, hier wird kein Spaß gemacht.

Werner Söllner, 1951 in Horia (Rumänien) geboren, kam 1982 in die Bundesrepublik. Er kam nicht alleine. Es waren damals viele deutschsprachige Dichter, die – in der Nachfolge von Oscar Pastior – nach Deutschland gekommen waren. Die meisten von ihnen haben den Druck, unter denen sie als deutsche Minderheit leben mussten, nicht mehr aushalten können. Doch von Herta Müller abgesehen, schwiegen sie fast alle über das, was sie in Rumänien erfahren und erlitten hatten. Es gab für sie gute, auch verständliche Gründe, zu schweigen. Allenfalls in Spurenelementen waren in ihren Werken, vor allem in ihren Gedichten, die dahinter verborgenen Leidensgeschichten noch zu erkennen. Am stärksten verschlüsselt bei Oskar Pastior. Sein Schicksal wurde von Herta Müller aufgezeichnet (und mit dem Nobelpreis ausgezeichnet). Es war, wie sich hinterher herausstellen sollte, Teil eins seiner Geschichte, das Lager. Teil zwei hat Pastior auch seiner engsten Freundin verschwiegen: die Jahre in Rumänien, nach seiner Befreiung, die erpresste Zusammenarbeit mit dem rumänischen Geheimdienst. Teil drei, in den Jahren der Bundesrepublik, verkroch er sich in kryptischen Gedichten. In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, dass fast alle der rumäniendeutschen Dichter in der einen oder anderen Weise in dieses perfide System verstrickt waren. Kaum einer verfügte, wie Herta Müller, über die Kraft und auch die Sturheit, den teilweise lebensbedrohlichen Schikanen zu trotzen.

Dafür war um so bitterer anzusehen, mit welcher gespreizten Selbstgerechtigkeit sich deutsche Kollegen und vor allem auch (Provinz-)Journalisten genüsslich zum Richter aufspielten. Wie die Securitate mit den aufmüpfigen Dichtern umgegangen war, hatte Herta Müller ja beschrieben. Da verbot es sich, von Schuld zu sprechen. Und es hätte schon aufmerksames Lesen genügt, um zu erkennen, welche Last zum Beispiel ein Werner Söllner mit sich herumtrug. Seine Gedichte legten Zeugnis ab von einem integren Charakter, der mit Gewalt gebrochen wurde. Und daran litt. Jean Améry hat einmal die Spätfolgen der Folter beschrieben, nachdem sie scheinbar längst überstanden war. So lassen auch viele der siebenundvierzig Gedichte, die Söllner jetzt, nach langer Pause, wieder herausgebracht hat, die alte Einsicht von William Faulkner erkennen, der zufolge die Vergangenheit nicht tot, ja nicht einmal vergangen ist. Auch jetzt kommt sie immer wieder hoch.
Jeder Mensch hat / ein Geheimnis. // Für den einen / ist es ein Abgrund; wenn er / hineinschaut, stürzt er / zu Tode. Für den anderen ist es / eine Brücke über den Abgrund.
Noch immer wird der Dichter von Alpträumen verfolgt:
Jede Nacht, pünktlich / um drei weckt mich / die Wahrheit // Und ich erschrecke / davor, liege schlaflos im Dunkeln (…)

Von poetischen Nachrichten spricht Eva Demski in ihrem einfühlsamen Nachwort. Vielleicht ist das sogar schon übertrieben. „Draußen hat es zu regnen / begonnen“. Denn Söllner präsentiert keine Nachrichten, er zeichnet nur oft schon verwischte, kaum noch erkennbare Lebensspuren auf, seine. In einer fast kargen, nüchternen Sprache, ohne jedes Pathos. Doch zugleich zeugen die Verse von einer elementaren Kraft des Widerstands: Knochenmusik, die „überm Wasser , dem grauen“ lag. Vielleicht kommt seine Kraft heute daher, dass er bereits „auf Vorrat getrauert“ hat.

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erstellt am 29.6.2016

Werner Söllner
Knochenmusik
Gedichte. Mit einem Nachwort von Eva Demski
Gebunden mit Schutzumschlag, 72 Seiten
ISBN 978-3-945400-19-7
Edition Faust, Frankfurt am Main 2015

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