Martin Lüdke hat in seinem Arbeitszimmer, vor den vollen Regalen, stapelweise neue und auch einige alte Bücher deponiert. Eine Möglichkeit, sie abzuarbeiten, bietet diese liederliche Liste mit jeweils neun Titeln. Hier bespricht Lüdke Pierre Bourdieus Vorlesungen „Manet. Eine symbolische Revolution“.

Lüdkes liederliche Liste

Pierre Bourdieu: Manet. Eine symbolische Revolution

Das Bild ist berühmt. Es ist, von heute aus gesehen, auch skurril. Im Hintergrund hockt eine sehr leicht bekleidete Frau, die sich in der Nähe eines dünnen Bäumchens am Waldboden zu schaffen macht. Obwohl sie genau in der Blickachse des Betrachters, das heißt in der Mitte des Bildes postiert ist, spielt sie offenbar nur eine Nebenrolle. Denn im Vordergrund lagern, die Beine ausgestreckt, zwei Herren, sozusagen zugeknöpft bis zum Hals, einer sogar mit einem hutartigen Gebilde über dem dichten Haar. Vor ihnen, leicht angelehnt an den (barhäuptigen) Mann, der aufrecht sitzt, lehnt eine jüngere Frau, die alle Blicke auf sich zieht. Sie blickt, mit freundlicher Neugier, ohne eine Spur von Überraschung zu zeigen, direkt auf den (notgedrungen voyeuristischen) Betrachter des Bildes. Völlig unbekleidet. „Das Frühstück im Grünen“ heißt dieses Gemälde von Édouard Manet, das, erstaunlich bei diesem Sujet, immerhin 208 × 264,5 cm misst (und derzeit im Musée d’Orsay in Paris hängt).

An diesem Beispiel versucht der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002), Professor am Collège de France, zu beschreiben, wie sich, den Begriff hat er von Mallarmé übernommen, eine „symbolische Revolution“ vollzieht. Die Logik der Körperschaft wird durch die des Feldes ersetzt, das heißt: „das Staatsmonopol am nomos durch die Anomie des Kampfes um Legitimität“. Hier liegt eine Kampfansage vor. Manets Gemälde löste einen Skandal aus, „weil es mit einer auf Übereinstimmung der Sozialstrukturen mit den Erkenntnisstrukturen beruhenden symbolischen Ordnung bricht“. Das Werk funktioniert auf diese Weise als Analysator des Unbewussten und zwingt so Implizites und Verdrängtes zum Vorschein. Die ästhetischen Gesetze, die der Staat diktierte, werden hier in Frage gestellt. Was hier so fürchterlich abstrakt und vielleicht auch unverständlich klingen mag, bezieht sich auf die Absichtserklärung, eine Art „Zusammenfassung der Vorlesungen“ am Ende des über neunhundert Seiten starken Buches. Bourdieu verspricht allerdings eingangs (und ausdrücklich), „sinnfällig zu machen“, was erst einmal auf „abstrakte Weise“ dargestellt werden müsse. Er präsentiert eine ungeheure Fülle an Material, bietet bestechend genaue Analysen und wird auch hier wieder seinem Anspruch gerecht, eine empirisch unterfütterte Theorie zu liefern.

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erstellt am 27.6.2016

Pierre Bourdieu
Manet – Eine symbolische Revolution
Vorlesungen am Collège de France 1998-2000
Aus dem Französischen von Achim Russer und Bernd Schwibs
Gebunden, 921 Seiten
ISBN: 978-3-518-58680-8
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015

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