Martin Lüdke hat in seinem Arbeitszimmer, vor den vollen Regalen, stapelweise neue und auch einige alte Bücher deponiert. Eine Möglichkeit, sie abzuarbeiten, bietet diese liederliche Liste mit jeweils neun Titeln. Hier bespricht Lüdke die Studie „Historische Wiederaufbauten englischer Landhäuser“.

Lüdkes liederliche Liste

Anne Bantelmann-Betz: Historische Wiederaufbauten englischer Landhäuser

Abseitiger geht nicht. Wer, bitte, soll sich für abgebrannte englische Landhäuser am Ende des 19. Jahrhunderts interessieren, außerhalb des vielleicht zweihundertvierdreißig Leute umfassenden edlen Kreises von Spinnern, Exoten, Betreibern exzentrischer Hobbys und anglophilen Abonnenten englischer Gartenbaujournale und den siebzehn Spezialisten, die sich wissenschaftlich auf diesem Feld bewegen. Aber was unsereiner schon an Walter Benjamins „physiognomischen Blick“ ablesen konnte, oft ist es einträglicher, statt in die Weite zu schweifen, in die Tiefe zu bohren. (Benjamin hatte, bei einem Treffen im Café Kranzler den Philosophen Ernst Bloch statt einer Begrüßung gefragt, ob ihm das kränkliche Aussehen von Marzipanschweinchen schon einmal aufgefallen sei.)

Die Studie von Anne Bantelmann-Betz, die naturgemäß, das lässt sich nicht verleugnen, aus einer Dissertation hervorgegangen ist, beschäftigt sich tatsächlich mit solchen (aber, bitte! nur scheinbar abseitigen) Fragen. Die junge Wissenschaftlerin hat tatsächlich einen engen Focus gewählt, dafür allerdings ein weites Feld von Erkenntnissen erschlossen. Der Besitz eines Landhauses war für die politischen Eliten des 18. Und 19. Jahrhunderts verpflichtend. So musste der spätere konservative Premierminister Benjamin Disraeli (1874 – 1880) bei seinem Eintritt in die Politik ein Landhaus erwerben (Hughenden Manor in Buckinghamshire). Den Herzogtitel, der ihm dann angeboten wurde, lehnte er ab, weil er dazu nicht über einen hinreichend großen Landbesitz verfügte. Die Bedeutung des Landeigentums ging allerdings im Zuge der industriellen Entwicklung Englands immer weiter zurück, was aber, fast paradox, dazu führte, dass der neue, an die Entwicklung der Industrie gebundene Reichtum, sich verstärkt um die entsprechenden Statusmerkmale bemühte. Dieser gesellschaftliche Wandel brachte nicht nur neue Umgangsformen hervor, er veränderte auch die Funktionen des Landhauses. Ablesbar an den Grundrissen der Häuser, bis hin zu den Fassaden. Vor allem im 19. Jahrhunderts wurden durch die viktorianische Prüderie geschlechtsspezifische Bereiche geschaffen, die auch in den Dienstbereich übernommen wurden. Der Adel wollte sich dadurch vor den verbreiteten Vorwürfen aristokratischer Unmoral und eines allzu liberalen Lebensstils schützen.

Kurzum: diese Studie zielt genau deshalb, weil sie streng bei ihrer Sache bleibt, weit darüber hinaus. Architekturgeschichte, Kulturgeschichte und Sozialgeschichte spielen hier zwanglos ineinander. An der Geschichte der abgebrannten englischen Landhäuser des späten 19. Jahrhunderts lässt sich die englische Geschichte dieser Zeit ablesen. Zudem ist das Buch reichhaltig illustriert: Pläne, Abbildungen, auch Farbtafeln geben ein anschauliches Bild von dem, was da verhandelt wird. Anne Bantelmann-Betz hat eine enorme Fülle an Material zusammengetragen und klug verarbeitet. Abseitig, schon, aber gerade deshalb so interessant.

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erstellt am 22.6.2016

Anne Bantelmann-Betz
Historische Wiederaufbauten englischer Landhäuser
Der denkmalpflegerische Umgang mit klassischen Landhäusern nach Bränden, 1875 – 1914
Gebunden, 275 Seiten
ISBN-13: 9783786126850
Gebr. Mann Verlag, Berlin 2013

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