Martin Lüdke hat in seinem Arbeitszimmer, vor den vollen Regalen, stapelweise neue und auch einige alte Bücher deponiert. Eine Möglichkeit, sie abzuarbeiten, bietet diese liederliche Liste mit jeweils neun Titeln. Hier bespricht Lüdke Peter Handkes Sammlung „Vor der Baumschattenwand nachts“.

Lüdkes liederliche Liste

Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachts

Die Nützlichkeit der Elstern sei mit „Schnabelkrach“ verbunden, behauptet Peter Handke in seiner neuen Sammlung von – ja was eigentlich? – Beobachtungen, Behauptungen, Feststellungen, Ansichten und Absichten, Fundstücken und Bruchstücken. Er bietet Einblick in seine Stimmungslage, lässt uns teilhaben an der Betrachtung einer eigenen Welt, seiner Welt, in der immer noch Blätter vom Himmel fallen, aber weder politische noch soziale Kämpfe ausgetragen werden. Dafür vergöttert er die Natur und präsentiert sich als ihren Propheten.

Schon immer hat Handke Auszüge aus seinen Notiz- und Tagebüchern veröffentlicht. Anfangs, „Das Gewicht der Welt“ (1977), „Die Geschichte des Bleistifts“ (1982), noch mit durchaus programmatischen Zügen, indem er im allerweitesten Sinn seine Weltanschauung geoffenbart hat. Ich habe diese Bücher damals verschlungen, korrekter gesagt: ich habe sie wieder und wieder gelesen, weil ich in den Fragmenten etwas ‚Ganzes’ sah, in dem Disparaten einen Zusammenhang zu erkennen glaubte: Handkes Poetologie.

Bei der neuen Sammlung „Vor der Baumschattenwand“ bin ich da skeptischer geworden. Natürlich breitet Handke wieder seine Lesefrüchte aus, in ein, zwei Sätzen. Aber sein Blick für die nichtigen Kleinigkeiten unseres alltäglichen Lebens ist nicht durchlässiger geworden. „Die falschen Geheimnisse der Kriminalromane“, sie stehen so für sich.

Basta. Denn, aber Handke verzichtet prinzipiell auf Begründung, „Schildbürger sind im Recht“. Aber: „Die Öffentlichkeit ist dumm, und Andy Warhol ist ihr Prophet“.

Das mag ja sein. Nur wen interessiert es? Seine Leser, hoffentlich.

Handke wollte seit jeher nicht diskutieren, sondern – verkünden. Der Messdiener als Protestant. Hier stehe ich und kann nicht anders. Die Welt ist schön. Basta. Wie schön sie ist, macht er allerdings an vielen Beobachtungen sichtbar. Und für die wahren Handke-Leser gibt es noch einige kleine Überraschungen dazu. Durch die ganzen Jahre von 2007 bis 2015 hindurch spricht er immer wieder von seiner „Vaterlosigkeit“. Sicher noch kein Leitmotiv, immerhin ein Leidmotiv. Erstaunlich für sein Alter, über das er ebenfalls gerne spricht. Daneben darf auch mit Kalauern gerechnet werden. Und mit Wutausbrüchen. Seine Vorurteile lässt er auch bei dichtem Straßenverkehr von der Leine. Bei Arno Schmidt und sogar bei James Joyce kennt er kein Pardon. Die Aggressivität, die er oft – auch schreibend – nur mühsam bändigen kann, bricht immer wieder durch. (So hatte schon der junge Handke die Nacht nach seinem ersten großen Triumph, der Premiere der „Publikumsbeschimpfung“, auf dem Polizeirevier am Frankfurter Wiesenhüttenplatz in einer Zelle verbracht). Doch: „Wo nichts geschah, habe ich zeitweise am meisten erlebt“. Alle diese Sätze enden ohne Punkt. Vielleicht, weil uns Handke mitnehmen will – ins Offene. Er macht es uns ja vor: „’Sitzt du an einem Buch?’ – ‚Nein, ich gehe’“ Laufend, buchstäblich, entstehen seine Bücher. Der Leser, schließlich ein göttliches Wesen, allerdings nur der wirkliche Leser, darf, so generös gibt sich Handke, brav hinterherdackeln.

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erstellt am 19.6.2016

Peter Handke
Vor der Baumschattenwand nachts
Zeichen und Anflüge von der Peripherie, 2007-2015
Broschiert, 421 Seiten, 40 Zeichnungen des Autors
ISBN-13: 9783990270837
Verlag Jung und Jung, Salzburg 2016

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