Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.

Wolfgang Welt
Wolfgang Welt

21. Juni 2016

Kurznachruf auf Wolfgang Welt

Endlich angekommen in der Bundesliga der toten Dichter

„Die Gegend hier hat mich kaputt gemacht, jetzt bleibe ich so lange hier, bis man der Gegend was davon anmerkt.“ Diese Feststellung von Herbert Achternbusch könnte man dem Werk des Püttgenies Wolfgang Welt als Motto voranstellen. Der manische Aufschreiber von allem, was in Bochum noch nach Zeche, Stutzen, Tchibo und dem Tollenschmalz der 1950er Jahre roch, las einmal im Frankfurter Gasthaus „Klabunt“ aus seinen, endlich bei Suhrkamp verlegten, unter dem Titel „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ gesammelten Werken. Seine bestürzende Idyllenmalerei löste Gelächter aus. Dabei kam Welts Komik aus sturem Würdigungseifer. Der Autor bedauerte, nicht wie Simmel schreiben zu können. Er kalkulierte den geringen Preis für die Verachtung des Bestsellerproduzenten. Er adelte den Alltag mit unironischer Aufmerksamkeit. Das erschien dem Zuhörer/Leser zum Schreien absurd.

Welt „wollte einigen Leuten ein Denkmal setzen, die sonst noch nicht mal einen Grabstein bekämen“. Nach der Lesung wechselten wir ein paar Worte, Welt war mit meiner Wahrnehmung seiner Sachen einverstanden. Seine große Zeit hatte er als Rock´n´Rollreporter und Marabo-Redakteur in den Siebzigerjahren gehabt. Alle Ausflüge in die weite Welt waren von Wolfgang im nie aufgegebenen Schleiflack des Elternhauses beendet worden. Nun ist die Ära seiner Zirkelprominenz endgültig vorbei. Vermutlich hätte er das selbst so formulieren: Nach fünfzig Jahren Kreisklasse angekommen in der Bundesliga der toten Dichter.

Wolfgang Welt: „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“
Buch bestellen

19. Juni 2016

Frank Möllers Biografie „Das Buch Witsch”

Krieg mit Büchern

„Das Buch Witsch – Das schwindelerregende Leben des Joseph Caspar Witsch” stellt dem Verleger von Rolf Dieter Brinkmann, Heinrich Böll und Erich Maria Remarque keinen Persilschein aus

Kiepenheuer & Witsch bedeutete für mich lange Kiepenheuer und Witsch. Ich dachte mir zwei gründerväterliche Verleger, die in Köln Tür an Tür gegen den katholischen Klüngel der rheinischen Adenauer-Republik Politik mit Böll machten. Kiepenheuer stellte ich mir gravitätisch gebeizt vor. Witsch erschien auf der Bühne meiner Vorstellungen als gespreizter Hecht in anachronistischer Babelsberg-Ästhetik. Er sah aus wie ein Schauspieler, der nach der Premiere gern im Restaurant dröhnt. Jörg Schröder stellt ihn im „Siegfried” auf einen Grat zwischen schneidig und windig. Man ahnt die Schärfe eines blenderischen Rasierwassers und eine Bereitschaft zur Durchstecherei. Überliest so was aber, weil man das gar nicht wissen will. Ich las immer nur Witsch und fragte mich, wo bleibt Kiepenheuer. Gustav Kiepenheuer war seit 1909 im Geschäft und der Verleger von Lion Feuchtwanger, Iwan Goll und Hans Henny Jahnn. Er starb 1949. Sein Prestige überlebte ihn zum Vorteil des Partners.

In Westdeutschland fand Literatur in Frankfurt, Hamburg, München, Halbstadt-Berlin und bei Kiepenheuer & Witsch statt. Der Verlag setzte Köln ganz allein auf die literarische Landkarte. Witsch gelang es, als Kalter Krieger und Großmeister der Westbindung subventionierte Propaganda-Publikationen ins Haus zu holen und trotzdem den Eindruck entstehen zu lassen, einen (dem kritischen Zeitgeist gerecht werdenden) eher linken Verlag zu führen. Dieser Spagat kam von Herzen. Witsch bekannte sich zur Polemik und fand im Streit seine Schärfe. Zugleich kannte er die Schliche der Anpassung. Als Thüringens Chef-Bibliothekar kollidierte er im Dritten Reich ernsthaft nicht mit nationalsozialistischen Tugendwächtern. Trotzdem hieß es nach Fünfundvierzig: „Ein Witsch, der Nazi gewesen wäre, hätte eine phantastische Carrière machen können.”

Man bemerkte „Beweglichkeit und Ehrgeiz”. Witsch hielt sich in der sowjetisch besetzten Zone an einer ersten Stelle. Er schloss den Pakt mit Kiepenheuer als Habenichts auf Augenhöhe. Im Westen machte er aus Kiepenheuer & Witsch u.a. ein Instrument der Freiheit in der Lesart der Wiederbewaffnungsapologeten.

Witsch kam 1906 in Köln zur Welt. Er landete in kleinen Verhältnissen. Schon im Knirps steckte der Aufsteiger. Zunächst orientierte sich Witsch links, bevor er sich zu Nazikonditionen auf eine Reformation des Büchereiwesens warf. Er gründete und publizierte im Vernetzungsrausch mit der Tatkraft des Entfesselten. Nach dem Krieg holte Witsch die Titel verfemter Autoren aus Bibliothekskellern und stand gleich wieder als Held in der politischen Prärie. Gemeinsam mit Max Bense veröffentlichte er im Rudolfstädter Greifenverlag den „Almanach der Unvergessenen”. Im Stil einer Kalenderblattsammlung reanimierte die Sache ein Interesse an Luxemburg, Liebknecht, Kollwitz.

Publikationszusammenhänge, die ihren Ursprung in der Bündischen Jugend hatten, und nach der Gleichschaltung manchmal in jahrelangen Winterschlaf fielen, signalisierten ihre Wandervogelvergangenheit im Signet.

„Man könnte einen ganzen Zoo mit diesem heraldischen Geflügel füllen. All die Reiher, Schwäne, Adler”, schreibt Werner Helwig über einen klandestinen Seitenweg der deutschen Literaturgeschichte, Abteilung Innere Emigration.

Witsch kam in den Westen wie der Spion aus der Kälte und stellte sich nun an die Spitze des aus schwarzen Kassen nicht zuletzt finanzierten antikommunistischen Kulturkampfes. Das hielt ihn nicht davon ab, Bölls Verleger zu werden und so einen zukünftigen Weltmeister dem Portefeuille einzufächern.

Witsch publizierte Wolfgang Leonhards „Die Revolution entlässt ihre Kinder”; ein Buch, das Jahrzehnte im Gespräch blieb. Leonhard war der erste in der Wolle gefärbte Kader, der wortgewaltig von der Fahne ging und u.a. zur Entzauberung Stalins beitrug, als jener noch mit lyrischen Liebeserklärungen rechnen konnte.

Bei Witsch kam viel Kraft aus der Verdrängung. Notfalls flüchtete er ins Formelhafte. Nicht zu erkennen ist, dass man ihn je hart bedrängte. Er war in der NSDAP so wie er in der SED war und wollte in jedem Fall zu dieser Zugehörigkeit wie die Jungfrau zum Kinde gekommen sein. Bense half ihm einmal auf die Sprünge: „Ich bin nicht in die SPD eingetreten, weil ich voraussah, dass sie zur SED würde, wohl aber Du. Ich habe nicht für die SED gesprochen, mich in ihren Zirkeln bewegt, wohl aber Du.”

„Das Buch Witsch” soll einen Nachfolger kriegen.

Frank Möller, „Das Buch Witsch. Das schwindelerregende Leben des Verlegers Joseph Caspar Witsch”, Biografie, Kiepenheuer und Witsch, 784 Seiten
Buch bestellen

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 19.6.2016