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Als Ingeborg Bachmann am 17. Oktober 1973 in einem römischen Krankenhaus starb, war sie 47 Jahre alt. Seit 1953, nachdem sie den Literaturpreis der Gruppe 47 für den Gedichtband „Die gestundete Zeit“ erhalten hatte, konnte jeder wissen, was für eine große Poetin die Szene betreten hatte. In diesen letzten 20 Jahren lebte die Österreicherin in Rom, München, Zürich, Berlin und wieder in Rom. Im Herbst 1959 hielt sie als Allererste die Poetik-Vorlesung an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main zu „Problemen zeitgenössischer Lyrik“. Ria Endres erinnert mit ihrem Essay an Ingeborg Bachmann, die nun 90 Jahre alt geworden wäre.

Ingeborg Bachmann und ihre Lyrik

»Es kommen härtere Tage«

Die Gedichte von Ingeborg Bachmann gehören zum gesicherten Kulturgut deutscher Poesie und haben längst Einzug in Anthologien und Schulbücher gefunden. Um so erstaunlicher ist es, dass ihnen deshalb nicht etwas Klassisch – Zeitloses anhaftet, das Langeweile hervorruft, weil ihre geschichtliche und ästhetische Brisanz längst versickerte. Denn diese Gedichte zerren immer noch an den Nerven der Leser, sie rühren an und packen uns mit ihrer inneren Spannung, durch welche die subtilen poetischen Bilder ihre Faszination behalten. Der dramatische Ton geht damals wie heute unter die Haut. Nicht umsonst wurde immer wieder vom „Nachkriegston“ in den Gedichten der Ingeborg Bachmann gesprochen. Zugleich beschäftigte sich ein großer Teil der Rezeption, die oftmals restaurativen Tendenzen unterlag, sehr gerne mit dem scheinbar zeitlos Schönen der Gedichte, um sich nur nicht mit den brutalen geschichtlichen Erfahrungen des Faschismus herumschlagen zu müssen, dessen Hinterlassenschaft für die Autorin so unerträglich gewesen ist.

Für uns heutige Leser besteht kein Zweifel mehr darüber, dass ihre Gedichte aus den fünfziger und sechziger Jahren ihr Verhältnis zur Nachkriegszeit deutlich beschreiben. Denn bereits der Einmarsch der Nazis in Klagenfurt hatte ihre Kindheit zertrümmert und ist ihr in schmerzlicher Erinnerung geblieben. Immer wieder sprach sie von der ungeheuren Brutalität des Marschierens und Brüllens und dem Aufkommen ihrer ersten Todesangst. Die junge Ingeborg Bachmann verkroch sich in die Welt der Bücher, aber ein früher Schmerz begleitete sie von diesem Zeitpunkt an durchs Leben. Trotzdem halfen ihr Dichtung und Philosophie beim Öffnen anderer, neuer Räume. Als Philosophiestudentin lernte sie die „Eiswüste der Abstraktion“ kennen, so nennt Walter Benjamin die Beschäftigung mit dem Denken. Im Alter von 24 Jahren promovierte sie über die „Kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers“, aber sie war auch eine große Kennerin der Philosophie Ludwig Wittgensteins. Niemals jedoch illustriert sie in ihrer Dichtung deren Denkansätze. Hinter der Erkenntnis, dass es kein sicheres Denkgebiet gibt, keimt der Wunsch, das Unmittelbare zu finden, und dieser Wunsch führt sie zur Poesie. Dort war sie ganz allein mit der Sprache. Niemand hatte ja ihre Gedichte erwartet. Trotzdem entstanden zwei Gedichtbände. 1959 bekam Ingeborg Bachmann die erste Gastdozentur auf dem neuen Lehrstuhl für Poetik an der Universität Frankfurt.

Fähig zur Form und zum Experiment des Denkens, fähig zum Träumen und zur Verwandlung des Traums in Poesie, konnte sie einen Bogen spannen zwischen Dichtung und dem Nachdenken darüber, zwischen Tradition und Moderne. Dieser Bogen war zum Zerreißen gespannt:

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
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Die Überschrift des Gedichtes „Die gestundete Zeit“ wurde von Ingeborg Bachmann auch als Titel für den Gedichtband von 1953 gewählt. Ohne historische Fakten aufzuzählen, liegt die Atmosphäre neuer Hoffnungslosigkeit und möglicher Katastrophen in der Luft, nachdem die Zeit bald nicht mehr gestundet sein wird. Die Erstarrung der Natur entspricht dem Ende einer privaten Liebesgeschichte, über die so allgemein gesprochen wird, dass wir sie mit allen dramatischen Trennungen von Liebenden zusammenbringen können.

Obwohl der Krieg zu Ende ist, kommen härtere Tage für den modernen Menschen, wenn er allein aufbricht. Aber wohin bricht er auf? Und in welche Zukunft? Ingeborg Bachmann mag die Zeit nicht. Zeit ist zwar wertvoll, denn sie zerrinnt schnell, doch sie übt für die noch junge Frau gerade auch deshalb einen scheußlichen Druck auf das Leben aus. Als knappes Gut gibt die Zeit den Takt an. Langfristig ist sie nicht zu stunden, die Liebe nicht festzuhalten. Es gibt keinen neuen Hoffnungsschimmer in diesem Gedicht. Naturzeit und historische Zeit sind eins. Das subjektive Drama einer Liebenden erstarrt im Schweigen.

Herbstmanöver

Ich sage nicht: das war gestern. Mit wertlosem
Sommergeld in den Taschen liegen wir wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
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Eindeutiger als im Gedicht „Die gestundete Zeit“ thematisiert Ingeborg Bachmann im Gedicht „Herbstmannöver“ ihren Seinszustand als Nachkriegssubjekt. Wieder ist ihre innere Bewegung in scheinbar kühlen Erkenntnissen verpackt. Wieder verschränkt sie in klaren Bildern den inneren Zustand des Subjekts mit objektiver Erkenntnis. Aber im Gegensatz zum Gedicht „Die gestundete Zeit“, im dem nur „der Schuh geschnürt“ wird, um vielleicht doch noch zu einem neuen Ziel aufzubrechen, gibt es hier diese Möglichkeit nicht mehr.

Wie soll man der Vergangenheit entfliehen, die immer die Begleiterin der Gegenwart ist? „Ich sage nicht, das war gestern“, beginnt das Gedicht lakonisch. Vögel können fliehen, aber nicht die Menschen. Die Zeit macht ihr Herbstmanöver und wir alle sind hineingeraten. Kriegsgeschehen, kaum vergangen, deutet sich schon wieder in einem Manöver an. In kürzeren Sätzen kann man nicht sagen, wie präsent die Nazizeit immer noch ist.

Die Vergangenheit ist nicht vergangen

Ingeborg Bachmann, der die Abstinenz von Politik und Zeitgeschichte gern nachgesagt wurde, ist nicht zufällig 1958 dem „Komitee gegen die Atomrüstung“ beigetreten und hat mit anderen Persönlichkeiten die „Erklärung gegen den Vietnamkrieg“ unterzeichnet. Sie hat sich auch erfolgreich beim Piper Verlag dagegen verwehrt, dass der Nazidichter Hans Baumann (bekannt durch das HJ-Lied „Es zittern die morschen Knochen“) Gedichte von Anna Achmatova übersetzen und publizieren konnte. Ebenfalls 1965 trat sie für die Aufhebung der Verjährungsfrist für Naziverbrechen ein.

Die Nachkriegsdichterin braucht keine umständlichen Analysen, um die Gegenwart des Vergangenen zu beweisen und unsere unglückliche Gebundenheit an diese Erkenntnis: Die Vergangenheit ist eben nicht vergangen, im Gegenteil, die Henker von gestern gestalten äußerst aktiv die Gegenwart, das ist eine grausame Wahrheit. Folgerichtig heißt es auch in dem Gedicht „Alle Tage“:

„Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden.“
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Wo kein Fluchtweg offen ist, geraten auch die alten poetischen Metaphern im Gedicht „Herbstmanöver“ zur Reklame: die Gondeln, die Schiffe, die Zypressen, Orangenhaine des Südens und vor allem seine legendären Sonnenuntergänge. Nur noch in unserer Vorstellung haben sie „nicht ihresgleichen“, in Wirklichkeit ist ihre Imaginationskraft verloren, die das Reisen zu einem unvergesslichen Ereignis machen könnte. „Das Pochen der Schuld“, für Ingeborg Bachmann nichts anderes als eben diese historische Schuld des Menschengeschlechts, kann weder von der Gegenwart noch von einem Ortswechsel überdeckt werden. Im Gegenteil. Gerade die wirklich Schuldlose wird im „Keller ihres Herzens“ von dieser unpersönlichen Schuld gequält und in Schlaflosigkeit versetzt. Die geschärften Gefühle der Lyrikerin spüren selbst im Sterben der Blätter die Folgen eines kriegerischen Aktes auf. Im Sand versinken, in der Kälte erstarren oder auf der Spreu des Hohns liegen: Wie kann man sich den Erfahrungen mit der totalitären Gewalt entziehen?

Doch nicht etwa dadurch, dass man einem Bettler die Tür vor der Nase zuschlägt. Der Bettler, hier eher noch ein Relikt aus dem Krieg, scheint eine veraltete Gestalt zu sein, wo doch jetzt Frieden herrscht. Aber in der Tiefe ihres Herzens weiß Ingeborg Bachmann natürlich, dass der Bettler ein Symbol für Schuld ist. Was würde sie über die vielen Bettler sagen, die es heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt?

Doch diese Frage ist nicht Thema des Gedichtes. Das Thema der Schönheit drängt herein in der Form des traumsatten Marmors einer reineren Vergangenheit. Aber gerade durch die Bereitschaft, das Schöne aufzunehmen, sich also zu öffnen, entstehen neue Verwundbarkeiten. Weder das Kunstschöne, weder der bearbeitete Marmor noch das Naturschöne verhindern die Verwundbarkeit der Menschen:

An die Sonne

Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Siehe Video

Dieses im hymnischen Tonfall gehaltene Gedicht aus dem Band „Anrufung des großen Bären“ von 1956, verschränkt Natur und Geschichte nicht mehr miteinander. Die Spuren der Weltkrise hinterlassen keine Abdrücke in den Gedichtzeilen. Hier werden nicht zu verbilligten Preisen Sonnenuntergänge betrachtet. Gibt es aber nicht wenigstens in der reinen Natur jenseits einer Pauschalreise einen Hoffnungsschimmer am Horizont, gerade weil sich das Subjekt dem kosmischen Geschehen öffnet und sei es nur für einen Traum? Die Wirkung der Sonne auf das Leben wird hier geradezu beschwörend beschrieben. Die ganze Welt steht unter ihrem Einfluss: Das Wasser, der Sand, das Licht, Küsten, Fische, der Himmel und sein schönes Blau, das Wetter. Wichtiger als alle anderen Planeten beeinflusst die Welt auch die Kunst. Ohne Sonne verschleiert sie sich. Kann Ingeborg Bachmann das Blau der Ferne, die Bilder der Romantik für ihre Genesung benützen? Keineswegs. Die Sonne macht die Dichterin zur Närrin. Die so sehr bewunderte und angerufene Sonne zerstört als Naturgewalt das Augenlicht derjenigen, die in ihre Strahlen hineinblickt. Eine grausame Dialektik. Die Gefahr des Erblindens droht, das Erblinden selbst ist Strafe dafür, dass das lyrische Subjekt dem Zauber ihrer Schönheit erlegen ist.

Durch den Anblick der Schönheit blind geworden ist das Ich, die Dichterin, und vielleicht deshalb die wirklich Sehende. Auch das erscheint als eine Möglichkeit, mit dem Kosmos in Beziehung zu treten, nachdem die Hoffnung auf Heimat für immer zerstört war. So wie die Gestirne umherwandern, wandelt die junge Dichterin zwischen Städten und Ländern umher, fühlt sich überflüssig, hat nirgends einen wirklich festen Wohnsitz. Aber niemand kann sagen, sie sei irgendeinem faulen Zauber erlegen. Nirgends lässt sie sich in einen romantisch anmutenden Trost hineinziehen. Das wäre ihr zu sentimental, zu billig gewesen.

Abstand des Poetischen zum normalen Leben

Trotzdem hat sie ihren inneren Bezug zu romantischen Strömungen, die im übrigen in ihrem Herkunftsland Österreich überhaupt nicht beheimatet waren, nie ganz aufgegeben. Sie waren für die Dichterin das Imaginäre, dem man sich mit der Sprache träumerisch nähert, aber sich seiner Abwesenheit immer bewusst bleibt. Wer das Handwerk des Dichtens so ernst betrieb wie sie, dem musste die Maxime des Novalis, für den Lyrik das „Poetische schlechthin“ war, nahegehen und Geltung haben. Der Abstand des Poetischen zum normalen Leben ist gewollt. Nur an einem fernen Ort kann sich die Freiheit der Poesie entwickeln, die eine so besondere Beziehung zum Gemüt hat. Aus diesem Zustand heraus ist es für Novalis selbstverständlich, die poetischen Bilder „durcheinanderzuwerfen“, und so legt er bereits Spuren, die in die Moderne führen. Ein dichtender Mensch ist für Novalis nicht vorstellbar ohne „musikalische Seelenverhältnisse“, aber auch Naturwissenschaft und Magie sind für ihn poetische Bereiche, die sich nicht im Widerspruch zueinander befinden. So also könnte das „Poetische schlechthin“ entstehen. Der Beweis für die Nähe dieser Auffassung liegt in einer Fülle wunderbarer Bildtraditionen, die Ingeborg Bachmann nicht mit eisernem Besen aus ihrem Dichterzimmer hinausgekehrt hat. Sie macht sie sich als Paradox zunutze und bringt durch Montage aller möglichen Versatzstücke Unerwartetes, Ungewöhnliches, manchmal Wunderbares hervor.

Reklame

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
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Im Gedicht „Reklame“ werden zutiefst beunruhigende Fragen nach dem Lebensende und dem Zustand danach gestellt. Gerade der säkularisierte Mensch muss von der Totenstille geängstigt sein. Als Pseudoantworten montiert Ingeborg Bachmann gefährlich einfache Reklamesätze zwischen die Zeilen. Die suggerierte Sorglosigkeit durch heitere Musik und Ablenkung der Traumwäscherei machen die Fragen noch existentieller und paradoxer zugleich, sind doch die Reklameantworten der reinste Hohn. Die heitere Musik der Werbung zerstört die „musikalischen Seelenverhältnisse.“

Gerade weil der moderne Mensch „in die Zeit verbannt / und aus dem Raum gestoßen“ ist, wie es im Gedicht „Menschenlos“ heißt, kann es eben kein rein Poetisches schlechthin im Sinne des Novalis geben. Allerdings: Der Zustand der Sehnsucht nach Liebe, nach einer Ausfahrt an einen Ort, wo das Tote zu vergessen wäre, ist immer anwesend. Die Sehnsucht ist Motor dafür, auch wenn die Erkenntnisse bitter sind. Es ist die Sehnsucht, sich auszudehnen, zumindest über den eigene Körper mit Hilfe der Imagination hinauszuwachsen. Aber als Gefangene des Kontinents gibt es den „fernen Ort“ des Novalis nicht mehr. Gedichte entstehen trotzdem.

Ingeborg Bachmann war eine große Reisende. Rom, Apulien, Griechenland. Reisen in Landschaften, die reale Welt und Seelenzustände gleichermaßen sind. Flucht aus dem unheimlichen Land der Mörder:

Das erstgeborene Land

In mein erstgeborenes Land, in den Süden
zog ich und fand, nackt und verarmt
und bis zum Gürtel im Meer,
Stadt und Kastell.

Das erstgeborene Land erweckt nicht den Eindruck eines fernen Ortes, an dem ein Rest von Utopie zu erhaschen wäre. Südliche Traumlandschaften mit blauem Meer, üppige Vegetation und flirrendes Licht gibt es hier nicht. Karger könnte die Kulisse nicht sein. Das Baumskelett scheint ohne Leben. Kein Vogel, kein Kraut. Eine halb untergegangene Stadt, vielleicht von einem Erdbeben zerstört. Kein Traum kann geträumt werden.

Dieser ferne Ort taugt nicht zur Imagination. Das erstgeborene Land ist ein untergegangenes Land. Der Biss der Viper könnte tödlich sein, aber nachdem sich die Dichterin mit den Lippen das Gift aus dem Körper gesaugt hat, erwacht sie zum Leben. Plötzlich entdeckt die Dichterin Leben, wo sonst keines war. Sie gebiert sich selbst. Ein gerade noch totes Land wird ihr „erstgeborenes“ Land. Das visionäre Betrachten eines Steins, der nicht tot ist und vor allem die Gewissheit, nicht selbst tot zu sein an einem Ort, wo alles tot war, lässt aufhorchen. Die verborgensten Wünsche haben sich wenigstens in diesem Gedicht ihren Weg gebahnt. So viele Sterne erloschen sein mögen, so viele Häfen, Schiffe und Segel Schaden genommen haben, so viele Träume über Bord gegangen sind, so viele Ausfahrten vergeblich waren, die Sehnsucht zu leben und zu schreiben ist noch mächtig. Zur romantischen Bilderwelt gibt es zwar keine wirkliche Bindung, doch ihre Figuren treffen auf zerrüttete, bizarre Nachbarn. Konserviert soll bitte nichts werden. Aber der Bogen zum „blauen Licht“ wird wenigstens manchmal gespannt.

Kluft zwischen den Geschlechtern

Das poetische Wort Ingeborg Bachmanns hat etwas Subjektives und Allgemeines. Alle ihre Liebesgedichte sind ein fortgesetztes Sprechen über die Verhinderung von Liebe, sie sind individuell und ganz allgemein mit dem Unheil verbunden. Die Liebe ist für sie wirklich ein dunkler Erdteil. Auf ihm kämpfen die Geschlechter, in Wirklichkeit innerlich schon immer voneinander getrennt. „Niemand liebt mich und hat für mich eine Lampe geschwungen“, heißt es im Gedicht „Lieder auf der Flucht“.

Die Kluft zwischen den Geschlechtern ist so auch in den Gedichten nicht mehr zu überbrücken. In ihrem großen Prosawerk werden die daraus resultierenden Erkenntnisse ganz unerbittlich beschrieben werden. In vielen Gedichten tauchen diese Probleme in poetischen Verkleidungen auf:

Nebelland

Im Winter ist meine Geliebte
unter den Tieren des Waldes.
Daß ich vor Morgen zurückmuß,
weiterlesen

In der Metamorphose der Geliebten, die dem Wasser angehört und deren poetisch-magische Verkleidungen man nicht versteht, erscheint die Nixe Undine, Hauptgestalt in Ingeborg Bachmanns berühmter Erzählung „Undine geht“. Ganze Welten liegen zwischen den Liebenden. Zutiefst romantisch ist es, sich den Abgründen, die allein schon im Unbewussten lauern, zu nähern. Literarisches Sprechen ist magisch und zweigeschlechtlich, das kann man in dem Gedicht Nebelland gut studieren.

Dem männlichen lyrischen Ich kann das weibliche Ich nicht helfen, Undine, die Geliebte zu verstehen, denn sie kommt aus dem Reich der Magie. Sich in sie hineinzudenken bedeutet eine folgenreiche Irritation: einem Wahn zu unterliegen. Was ist schon lebbar in einem „Nebelland“, wo sich die Geliebte immer wieder in andere Elemente und Sphären begibt, sich verwandelt und sich entzieht. Den mythischen Ursprüngen dieser Gestalt nachzugehen und zu versuchen, sie zu entziffern, macht nicht glücklich. Aber dazu sind Gedichte nicht da. Im flirrenden Zustand sprachlicher Magie lässt man zwar die Alltagswelt weit hinter sich zurück, kann sich aber keine Freiheit verschaffen.

Verbunden mit dem Haus der Sprache

Doch die Freiheit des Wortes sollte weiter triumphieren, bevor sich Ingeborg Bachmann auch von ihr verabschiedet hat. „Mein Wort, errette mich“, heißt es im Gedicht „Rede und Nachrede“. Ihre Gedichte bezeugen einen enormen Gestaltungswillen. Sie hasste alles Ästhetizistische, liebte aber Sprachkompositionen, die um das Zentrum des Subjekts kreisen; aber dem Chaos der eigenen Existenz wird nicht die Mütze der Vernunft übergestülpt. Ohne wirkliche Heimat, in Herbstmanöver geraten, immer inmitten härterer Tage, durch die Sonne erblindet, der Liebe als Wahn ausgesetzt, der Schuld, der neuen Zerstörung; und plötzlich tritt Totenstille ein:

Exil

Ein Toter bin ich der wandelt
gemeldet nirgends mehr
unbekannt im Reich des Präfekten
Siehe Video

Der Verlust der subjektiven Bedeutung in der Welt könnte nicht bitterer formuliert sein. Wirklich allein, nachdem längst Abschied vom Leben genommen wurde, ohne Heimat und tot, aber schicksalhaft verbunden mit dem Haus der Sprache, ist sie so leicht wie die Wolken, in dem sich Wind, Zeit und Klang bewegen. Aber auch die Wolke der Sprache verfinstert sich. Sprechen heißt hier, dass Regentropfen fallen und die Wolke der deutschen Sprache, ihrer Sprache, in hellere Regionen schwebt. Schwerelos in sie gehüllt: So sieht sie die tote Dichterin. Es gibt wohl kaum ein berührenderes Beispiel in der Lyrik, als eine Verbindung herzustellen zwischen der Trennung vom Leben in der Welt und dem Eingehülltsein in die Wortseele der eigenen Sprache.

Schon bald hat sich Ingeborg Bachmann nicht mehr in der Lage gesehen, weiter Gedichte zu schreiben. Immer neue Wunden der Realität sind aufgebrochen. „Ich bin der großen Weltangst Kind“ heißt es im frühen Gedicht „Hinter der Wand“. Es ist unheimlich, in der Welt zu sein. Der Schrecken nimmt kein Ende. Einsamkeit, ihre und unsere, ist etwas sehr Modernes.

Das Leben kann kein poetisches Universum sein. Im Romanzyklus „Todesarten“ breitet sich einige Jahre später der patriarchale Schrecken aus, der direkt in die Nacht der Vernichtung führt.

Es gibt immer wieder Krisenzeiten, die wir letztlich erfolglos zu ignorieren versuchen, solange sie uns nicht persönlich zu betreffen scheinen. Von einer Krise der Kultur, der Kunst, der Literatur zu sprechen ist aber eine Banalität, weil diese Bereiche ohne Krisen nicht existieren könnten. Es sind immanente Krisen und Krisen der nichtkünstlerischen Welt, die von den Schriftstellern und Dichtern wahrgenommen und in eine ästhetische Form gebracht werden, lange bevor sie aufbrechen. Ingeborg Bachmann wich dieser Erkenntnis in ihrem Schreiben nicht aus, und sie bezog bewusst ihr literarische Erbe in ihre Arbeit mit ein. Eine solche Haltung ist heute alles andere als selbstverständlich, wo doch schon allein die Frage nach künstlerischen Bezügen nur noch Aggression erregen und gerne ignoriert werden. Es werden aber auch künstlerische Traditionen wie ein Steinbruch oder eine Müllmasse benutzt, die man nur recyclen muss, sofern sie etwas einbringen. Die Verwendung und Verwurstung unseres kulturellen Erbes als eigene Leistung erleichtert manchmal die Verkaufschancen. Darüber wird natürlich geschwiegen. Wie weit ist Ingeborg Bachmann davon entfernt. Vor allem die romantischen Unterströmungen, oft von ihr weggeschoben und dann doch wieder zum Leuchten gebracht, bilden einen wesentlichen Teil ihrer poetischen Haltung. Oft nimmt sie eine traditionelle Metaphernwelt auf und überführt sie in ferne, allgemeine und kosmische Mobilität. Ihre Worte stehen manchmal in einem unheimlichen Spannungsverhältnis, das die Irrfahrten ihres Lebens und der Wagemut ihres Denkens einschließt. Ihre Erschütterungen gehen in die poetische Kraft ihrer Sprache ein. Hier schreibt eine desillusionierte Romantikerin, die auch vor einer eschatologischen Geschichtsdeutung nicht zurückschreckt.

Enigma

Nichts mehr wird kommen.

Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.

Lyrik erscheint heute als die überflüssigste der Künste. Aber wie bei allem, das heute als überflüssig gilt und was ja bedeutet, es solle abgeschafft werden, ist Vorsicht geboten: Das für den Menschen Überflüssigste, das er abschaffen möchte, und was er immer wieder mit Gewalt und aller Brutalität abzuschaffen versucht hat und immer wieder versucht – ist er selbst.

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erstellt am 15.6.2016

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