Martin Lüdke hat in seinem Arbeitszimmer, vor den vollen Regalen, stapelweise neue und auch einige alte Bücher deponiert. Eine Möglichkeit, sie abzuarbeiten, bietet nun diese liederliche Liste mit jeweils neun Titeln. Zum Auftakt bespricht Lüdke Judith Hermanns Erzählungsband „Lettipark“.

Lüdkes liederliche Liste

Judith Hermann: Lettipark

Sie war die letzte Raketenstufe im seinerzeit vom SPIEGEL inszenierten Feuerwerk namens „Fräuleinwunder“. „Sommerhaus, später“, so hieß der 1998 erschienene schmale Band mit Erzählungen, bei dem unserer damaliger Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki regelrecht ins Räuspern verfiel, weil er mit seiner Begeisterung nicht an sich halten konnte. Seitdem ist Judith Hermann ebenso erfolgreich wie umstritten. Ihre Bücher, darunter der Roman „Aller Liebe Anfang“, sind allesamt auf eine ebenso be- wie entgeisterte Reaktion gestoßen. Das wird, so viel lässt sich vorhersagen, bei dem neuen Erzählungsband „Lettipark“ nicht anders sein. Siebzehn durch die Bank kurze Geschichten, die eher selten eine Geschichte erzählen und schon gar nicht auf eine Pointe hinsteuern. Eine epische Entwicklung kann es da nicht geben. Sondern nur Momentaufnahmen einer Melancholie, die sich buchstäblich an Augenblicken entzündet. Nicht alle gleich gelungen. Manches scheint verwackelt. So die zum Teil absurden Kopfgeburten, die nicht auf Erfahrungen zurückgehen, sondern nur Einfällen zu verdanken sind. Etwa die Behauptung, dass einem fünfjährigen Kind zum Geburtstag Blumen geschenkt werden. Das scheint mir so passend wie einen Opa nach seiner Hüftgelenkoperation mit Rollerskates zu beglücken. Die meisten dieser Geschichten aber gehen auf Beobachtungen zurück, subtile Wahrnehmungen, die wie japanische Tuschzeichnungen hingehaucht sind, und in einem einzigen Augenblick ganze Lebensgeschichten aufscheinen lassen. Es werden nicht viel Worte um den kleinen Vincent gemacht. Vier Jahre ist das Bürschchen alt. Aber sein Schicksal berührt, zumindest die Judith-Hermann-Leser. Für die anderen ist das Buch auch nicht geschrieben. Es ist ihr besonderer Tonfall, der viele Leser regelrecht beglückt, ein Sound, der tatsächlich süchtig machen kann. Alles oberflächlich? Aber ja doch. Nur öffnet Judith Hermann den Blick in die Tiefe.

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erstellt am 13.6.2016

Judith Hermann
Lettipark
Erzählungen
Gebunden, 186 Seiten
ISBN-13: 9783100024930
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016

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