Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.

Safiye Can in Berlin - Das heißt: Offenbach als Offenbarung
Safiye Can in Berlin

7. Juni 2016

Deniz Utlus Berliner Studio Я-Reihe

Gedichte gehören denen, die sie brauchen

Der Offenbacher Poetikstar Safiye Can leiht Gedichten von Nazim Hikmet u.a. ihre Stimme und das Glück des transkontinentalen Überblicks. Can schöpft mit der großen Kelle und verhilft jedem Vers zu schöner Wirkung.

„Es geht nicht darum gefangen zu sein. Sondern darum, dass man sich nicht ergibt.” – Nazım Hikmet ist nicht allein zum Paten der Gezi-Park-Proteste von 2013 und anderen landesweit florierenden Gartenpartys im Kampf gegen die Regierung Recep Tayyip Erdoğans geworden. Die Türkei liebt ihre Dichter.

In der von Deniz Utlu kuratierten Studio Я-Reihe Berlin Calling Ankara heißt heute der Termin „Şiir Soktakta – Das Gedicht liegt auf der Straße”. Heute ist der dreiundfünfzigste Todestag von Nazım Hikmet, der Dichter starb an einem dritten Juni in Moskau. Utlu rotiert in Georgien, Aleksandar Radenković und Çiğdem Teke federn durch eine von Achim Wagner zusammengetragene Protestgeschichte am Beispiel ihrer poetischen Niederschläge und Aufschwünge. Der Offenbacher Poetikstar Safiye Can leiht Gedichten ihre Stimme und das Glück des transkontinentalen Überblicks. Can schöpft mit der großen Kelle und verhilft jedem Vers zu schöner Wirkung.

Der Abend gehört auch einer Erinnerung an die Anschläge in Ankara vom 10. Oktober 2015. 102 Menschen starben. Radenković und Teke transportieren die Aufstandspoesie auf den 2013er-Schauplätzen der Hauptstadt, zu finden waren sie u.a. auf dem Kızılay-Platz und im Kuğulu Park.

Man habe den öffentlichen Raum mit Lyrik beschriftet und sich auf ein französisches Vorbild berufen: La poésie est dans la rue. Ein Anschluss lautete: „Schließt das Heft. Das Gedicht ist auf der Straße.” Hikmets „Leben einzeln und frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald” bot sich zum Fanal an, wurde doch geholzt.

„Eine Regierung, die ihre Parks nicht achtet, wird vor der Geschichte nicht bestehen”, stand auf Putz.

Die Straßenkunst machte als Hashtag-Phänomen Karriere. Universitäten wurden zu „begehbaren Lyrik-Anthologien” (Wagner). Man berief sich auf Tevfik Fikret (1867 – 1915) genauso wie auf Ahmed Arif (1927 – 1991) und auf den von Can übersetzten Cemal Süreya (1931 – 1990). Ich nenne noch Orhan Veli und (1914 – 1950) Turgut Uyar (1927 – 1985). Epochemachende Kunst in die Pflicht zum Straßenkampf genommen – Wagner entdeckte Symbiosen zwischen malerisch maroden Fassaden und ihren Aufschriften. Sogar Rilkes Grabsteininschrift „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern” wurde Parole.

Die Aktivisten standen im Wettbewerb mit übermalenden Kolonnen im Dienst der Stadtverwaltungen. Flüchtigkeit war der zweite Name jeder lyrischen Maßnahme. Wagner muss wie der Teufel hinter der armen Seele den Schriftbildern nachgejagt sein. Das hat sich gelohnt. Can steht auf und legt los. Ich denke an die verdichtete Unterschiedlichkeit von Offenbach – „Geboren als Kind tscherkessischer Eltern in Offenbach am Main”, so steht es geschrieben in einer biografischen Bemerkung. Die Sultane hatten eine Vorliebe für tscherkessische Odalisken. Die Sklavinnen wurden Stammmütter mächtiger Istanbuler Geschlechter. Die Gebirgsherkunft blieb noch zweihundert Jahre später in physiognomischer Eigenart der Nachfahren markant.

Der Titel zitiert den Schriftsteller und Gezi-Park-Aktivisten Emrah Serbes. In einem „Welt”-Interview erzählt er: „In Antonio Skármetas Roman „Mit brennender Geduld” entwickelt ein Briefträger eine Freundschaft zu Pablo Neruda. Irgendwann schickt der Mann ein Liebesgedicht von Neruda an seine Angebetete und gibt es als sein eigenes aus. Neruda bekommt das mit und beschwert sich: „Das ist mein Gedicht”, sagt er. Der Briefträger antwortet: „Nein, Gedichte gehören denen, die sie brauchen.”

3.6.2016

Buch

Gravitationsterror

Nachrichten aus Neben- und Nebeltälern des helvetisch-juvenilen Ichselbst

Gleich nach der französischen Revolution entdeckte man, dass Ansichten, die vorher den herausragenden, bei Hof zugelassenen Denker gemacht hatten, rasend volkstümlich geworden waren. Die Revolution habe den menschlichen Geist beschleunigt, meldet Karl August Varnhagen von Ense dem Freund Karl Georg Jacob. Ein anderer Autor reichte der Skepsis seine Feder: “Man treibt bei jedem Wetter Ideenkommerz, bläst sich auf und hat leichtes Spiel. Jeder Unfug vervielfältigt sich wie ein Blitz im Spiegelsaal.”

Hazel Brugger ergänzt die Kritik auf dem Hochsitz der Gegenwart. Sie nimmt den Leser mit ins Kino zu „Fifty Shades”. Da schwankt sie zwischen der Zusammenfassung und einer Vernichtung des Geschehens. Sie sitzt neben „klimakterische(n) … Damen … Modell: ein Mann kommt mir nicht ins Haus, die Katzen machen schon genug Dreck”. Bruggers Ekel terrorisiert die Autorin. Lieber möchte sie einem Gürtelttier zusehen, wie es sich suggestiv entkleidet, als diesen Sex-Legasthenikern auf der Leinwand. Sie fragt sich: „Und was denn ich für eine bin, mir über das langweilige Rumgevögel anderer Gedanken zu machen.”

Der altersgerechten Arglosigkeit verweigert die Dreiundzwanzigjährige die Gefolgschaft. Das hat natürlich auch etwas Abstoßendes, es stellt sich die Frage: Was soll da noch kommen?

Vielleicht übernimmt The Brugger bald die CH-Regierung und lässt alles Diverse vernichten, das an ihren Leichtsinn erinnert. Für ihren Ruhm schlachtet sie jetzt schon in formporöser Prosa den Kinderzimmerblues so wie das, was kommt, wenn man vierzehn ist und die „Blüte des Beschissenseins” sich an einem vollendet.

Brugger bestaunt die Allüren ihrer Generationsgenossen, ohne sich zu schonen. Sie macht jede madig, nicht ausgenommen die Gravitation. Ihr ist klar, was allgemein fehlt: ein grammatisch femininer Pornopenis, der in jeder Jungenumkleide dieser Welt eine naturrechtliche Vormachtsstellung garantiert.

Brugger plädiert gegen Bonobo-Soziallösungen. Sie weiß, was interessiert: Dass nur elf Prozent der zum Tod verurteilten US-Amerikaner Gemüse zum letzten Burger wollen.

Brugger wurde in San Diego geboren, sie unterrichtet slamming (poetisches). In Nebraska erkannte sie den Zusammenhang zwischen der deutschen Nationalmannschaft und einer Vorliebe amerikanischer Landjugendlicher für Germanistik: „Wenn Götze in der Verlängerung … seinen Brustkorb und linken Fuß richtig vor dem Tor platziert, lernen vierzehn Monate später Armeen junger Farmerkinder den Konjunktiv II.”

Hazel Brugger, „Ich bin so hübsch”, Diverses einer Gefeierten, Kein & Aber, 176 Seiten
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erstellt am 07.6.2016