Dass die Sieger die Geschichte schreiben, gilt auch für die Künste, selbst wenn es dabei um Pyrrhussiege geht. Wie heißen denn die Sieger, die sich gegen die Komponisten Franz Schmidt und Carl Goldmark durchgesetzt haben? Hans-Klaus Jungheinrich stellt deren und Claude Debussys Werke auf neuen CDs vor.

Die Macht der Stimmen

Gesungen – großformatig oder mit Fragment-Hintergrund

Simone Young rahmte ihre zehnjährige Tätigkeit als Opern- und Konzertchefin in Hamburg mit zwei in Deutschland noch wenig bekannten Chorwerken – dem „Dream of Gerontius“ des victorianisch-edwardianischen Großkomponisten Edward Elgar und dem monumentalen „Buch mit sieben Siegeln“ des Österreichers Franz Schmidt. Der Rang dieses Meisters in der jüngeren Musikgeschichte ist seltsam und ungerecht strittig, vielleicht wegen der allzu großen Nähe zum Schönberg-Kreis, dessen Importanz für die spätere Moderne leicht zu polemischen Frontstellungen Anlass gab. Man könnte Schmidt, obwohl er Schönberg schätzte, als dessen ästhetischen Gegenpol in Wien bezeichnen; ein Komponist, der am Ideal einer ausdifferenzierten, klangsinnlich orientierten spätromantischen Faktur festhielt. Und damit leider auch ins Fahrwasser des Nationalsozialismus geriet als Beispiel eines nicht „entarteten“ Künstlers. Es war vor allem eine (auch als CD bei Orfeo greifbare) Salzburger Festspielaufführung von 1959 unter Leitung von Dimitri Mitropoulos (dem legendären Dirigenten mit dem „fotografischen“ Gedächtnis), die diese anspruchsvollste Musikalisierung der biblischen Apokalypse ins internationale Rampenlicht rückte. Inzwischen gibt es zahlreiche Einspielungen, auch eine mit Nikolaus Harnoncourt, der das „Buch“ sehr liebte. Man traute ihm das nicht unbedingt zu, aber er erfüllte sich mit „Porgy and Bess“ und der „Verkauften Braut“ ja auch noch andere dirigentische Wunschträume weitab von der Forschungslinie der historisch informierten Wiedergabepraxis. Harnoncourts Schmidt-Aufnahme (Teldec 8573-81040-2) trumpft mit dem phantastischen amerikanischen Tenor Kurt Streit als erzählendem „Johannes“-Evangelisten. Der mit dem Stück vielfach vertraute Chor des Wiener Singvereins intoniert wuchtig, aber im berühmten „Halleluja“ kurz vor Schluss auch ein wenig hölzern. An dieser zentralen Stelle bemüht sich Simone Young (Oehms 1840) lebhaft um eine bewegliche, von ekstatischen Rubati und bedeutsamen Luftpausen erfüllte Wiedergabe – dieses Chorstück ist ja ein leidenschaftlich glühender Psalmus hungaricus ohnegleichen. Bedeutende vokale Massen konnte die Hamburger Generalissima dazu auffahren, den NDR-Chor und den Lettischen Staatschor. Weniger glücklich die Sängerwahl der Johannespartie; neben dem vielschichtigen, gleichermaßen lyrisch-abgeklärt wie heldisch-hochdramatisch anmutenden Kurt Streit wirkt Klaus Florian Vogt bei dieser Aufgabe doch mehr wie ein schüchterner Konfirmand auf dem Tanzstundenabschlussball. Nach dem alle Register ziehenden Halleluja gibt es übrigens eine minimal music-Chorstrecke in fast unhörbarem Männerchor-Pianissimo à la Gregorianik – wie ein weiter leerer Platz, der Abstand schafft um das Prachtgebäude des „Halleluja“. Dies zeigt exemplarisch die dramaturgische Bedachtsamkeit der 1937/38 komponierten visionären Offenbarungs-Vertonung, die eine Fülle weiterer prägnant und eindringlich herausgearbeiteter musikalischer Charaktere und Formen (darunter polyphone Chortableaus am Rande der Atonalität und großartige Orgelsoli) bringt. (In Kürze möchte ich an dieser Stelle eine etwas eingehendere Franz Schmidt-Diskographie vorstellen).

Der französische Schmidt-Zeitgenosse Claude Debussy war in seinen schöpferischsten und „besten“ Jahren, als er kurz vor dem 1. Weltkrieg mit einer vernichtenden Krebsdiagnose konfrontiert wurde. Eine Unmenge von Projekten wartete auf Weiterführung und Beendigung, darunter etliche musiktheatralische Vorhaben. Debussy stürzte sich hektisch in die Arbeit, doch musste er bei seinem Tode 1916 vieles nichtvollendet hinterlassen, darunter auch zwei (französisch textierte) Kurzopern nach Sujets von Edgar Allan Poe, „Der Fall des Hauses Usher“ und „Der Teufel im Glockenturm“. Ein komplementäres Diptychon aus düsterem Ernst und exquisit diabolischer Heiterkeit. Es war zur Uraufführung an der New Yorker „Met“ geplant, wo „Pelléas et Melisande“ sehr bewundert worden war.

Von der Usher-Oper existieren relativ weitgehende Skizzen und Werkteile; diese wurden schon früher zur Aufführungsreife ergänzt und in der LP-Zeit eingespielt. Der „Teufel“ dagegen besteht aus sehr viel magereren Fragmenten. Doch mit dem rekonstruktiven Eifer, der künftige Wissenschaftler dazu befähigen wird, aus einem versteinerten Gen ganze Dinosaurier-Populationen zu neuerlichem Leben zu erwecken, schickte sich der tonsetzerisch rüstige englische Debussy-Spezialist Robert Orledge an, neben „La Chute de la Maison Usher“ auch „Le Diable dans le Beffroi“ zu komplettieren und als gewissermaßen etwas klappriges und leicht hinkendes, aber immerhin funktionierendes Gespann einer Debussy’schen Möglichkeits-Muse zu präsentieren. Wer möchte ihm das nicht danken!

Im „Usher“-Fall ist der Eindruck jedenfalls merkwürdig und stark. Man erinnert sich dabei vielleicht an die feinfühlige, sublime Analyse, die Victor Janklevich an den so unendlich diskreten, musikalisch zartfarbenen Tod Melisandes knüpft. Damit bestätigt dieser nach Adorno wohl bedeutendste Musikphilosoph des 20. Jahrhunderts freilich auch wieder das Klischee des antiwagnerisch-„impressionistischen“ Opernautors Debussys. Die Kenntnis von „Usher“ hätte Janklevich an dieser Überzeugung irregemacht. Die finster aufbegehrenden und dann verdämmernden Schlussphasen dieses Poe-Dramas gehen an dramatischer Sprengkraft über die wenigen dynamischen Aufbäumungen in „Pelléas et Melisande“ weit hinaus. William Dazeley singt den Roderick mit einer infernalischen Stimmmacht, die an jene Dämonie erinnert, deren Dietrich Fischer-Dieskau mitunter fähig war. Auch Debussys Orchesterfurioso lässt erkennen, dass er sich vor den Passionen und Konvulsionen der Veristen nicht verstecken wollte.

Lassen sich Debussys Absichten hier klar erraten (der Hörer wird geradezu von ihnen durchgeschüttelt), so muss man die Buffa vom „Teufel im Glockenturm“ als sonderbaren Artefakt, gewissermaßen als ein künstliches Produkt „fiktiver Authentizität“, wahrnehmen. Orledge fabuliert mit dem Debussy’schen Material munter drauflos und erinnert sich dabei an Stilverwandtes, so dass etwas entsteht, was sich atmosphärisch zwischen Jacques Iberts „König von Yvetot“, Ravels „Spanischer Stunde“ und Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ bewegt. Die Affinität zu den beiden zuletzt genannten Opern besteht schon durch die Anwesenheit des Teufels (er geigt und pfeift) beziehungsweise mit den die Zeit anzeigenden Glocken. Natürlich könnte auch der unbeschwert fröhliche Grundton alle peniblen Echtheitsfragen verstummen machen. Das Werkchen nähert sich ein wenig auch der „Volksoper“ – die Rollenprofile sind deftig, Chor und Kinderchor (Kammerchor St. Jacobi, Göttingen) werden aufgeboten. Mit teilweise identischen Sängern für beide Opern bringt das Göttinger Symphonie-Orchester unter Leitung von Christoph-Mathias Mueller eine vorzüglich plastische, detailgenaue Wiedergabe zustande (PANCLASSICS PC 10342).

Schon seit längerer Zeit nehmen die musikalischen Ressourcen der „Provinz“ die Aufgabe wahr, halbschattige oder ganz dunkle Repertoire-Nischen auszuleuchten. Prominente Philharmoniker gehen gewöhnlich lieber mit dem geschäftlich ergiebigeren Kernrepertoire um. Neben Göttingen überrascht nun auch das Theater von Freiburg im Breisgau, dem mit Carl Goldmarks „Königin von Saba“ eine fulminante Opern-Wiederentdeckung gelang. Diese Uraufführung von 1875 war lange bekannt und vielgespielt, bis sie, spätestens in der Nazizeit, von den mitteleuropäischen Spielplänen verschwand. Die wirkungsvolle Musik zehrt von brillant gesteigerten Vokalensembles im Stile der Grand’Opéra, aber auch einer am mittleren Wagner geschulten orchestralen Suggestivkraft. Blendend natürlich das orientalisierende Kolorit mit viel pittoresker Ballettmusik. Anrührend eine jüdische Ritualszene im 2. Akt. Interessant der psychologische Grundkonflikt des Mannes zwischen zwei Frauen – wie in „Tannhäuser“ oder „Aida“. Die Königin aus dem Äthiopierlande ist hier eher eine femme fatale, der König Salomon durchaus eine Nebenfigur, während im Mittelpunkt das junge Paar Assad-Sulamith steht. Ein prachtvoll überzeugendes Vokalquartett ist zu hören: Katharina Hebelková, Károly Szemerédy, Nuttapohn Thammati und Irma Miholic. Immense Chormassen und das Philharmonische Orchester Freiburg mit dem Dirigenten Fabrice Bollon (cpo 555 013-2, Lübecker Str.9, D 49124 Georgsmarienhütte).

Und noch eine editorische Zugabe für Stimmfexe: Unter dem augenzwinkernd anrüchigen Motto „Verlangen“ die soubrettenhafte Sopranistin Maya Boog und der Pianist Michael Lakner mit mondänen Liedern der vorletzten Jahrhundertwende von Alban Berg, Richard Strauss und Arnold Schönberg. Dessen Brettl-Lieder von 1901/02 bringen sich in ihrer virtuos schwoofigen Hingerissenheit wunderbar in Zusammenhang mit dem auratischen Léhar-Festival in Bad Ischl, in dessen Rahmen diese hübschen Petitessen zelebriert wurden (cpo 777 976-2).

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erstellt am 27.5.2016

Franz Schmidt (1874-1939)
Das Buch mit sieben Siegeln
Klaus Florian Vogt, Georg Zeppenfeld, Inga Kalna, Volker Krafft, Bettina Ranch, Dovlet Nurgeldiyev, State Choir Latvija
Philharmoniker Hamburg
NDR Chor
Simone Young

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Franz Schmidt
Das Buch mit sieben Siegeln
Mit Kurt Streit, Dorothea Röschmann, Marjana Lipovsek, Herbert Lippert, Franz Hawlata und Herbert Tachezi
Wiener Philharmoniker
Wiener Singverein
Dirigent: Nikolaus Harnoncoourt

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Claude Debussy (1862-1918)
The Edgar Allan Poe Operas
William Dazeley, Eugene Villanueva, Virgil Hartinger, Lin Lin Fan, Michael Dries, Göttinger Symphonie Orchester, Christoph-Mathias Mueller

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Karl Goldmark (1830-1915)
Die Königin von Saba
Karoly Szemerdy, Jin Seok Lee, Irma Mihelic, Nuttaporn Thammathi, Kevin Moreno, Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon

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Maya Boog
Verlangen
Mit Werken von: Alban Berg (1885-1935), Arnold Schönberg (1874-1951), Richard Strauss (1864-1949)
Mitwirkende: Maya Boog, Michael Lakner

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