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Allmählich nehmen auch die etablierten Medien wie der Deutschlandfunk oder der Freitag Notiz von der ja fast parallel zur Literaturkritik-Debatte im Perlentaucher laufenden Lyrikkritik-Debatte, welche Tristan Marquardts Text „Zur prekären Lage der Lyrikkritik” vor etwa einem Monat auslöste und insbesondere in den Online-Zeitungen Fixpoetry, Lyrikzeitung und Signaturen ausgetragen wird. Daran anknüpfend plädiert Ioana Orleanu in ihrem polemischen Debatten-Beitrag für mehr Einfachheit und Inhalt in der Lyrik und für eine persönliche Art des Rezensierens.

Debatte

Lyrik braucht Inhalt

Ja, seien wir doch mal ehrlich: Aller Resonanz bei Lesungen, Festivals und sonstigen Veranstaltungen zum Trotz hat Lyrik so gut wie keine gesellschaftliche Bedeutung. Ihre Stimme wird kaum gehört, daher beschäftigen ihre Belange fast ausschließlich – die Lyriker selbst. Es ist ein marginalisiertes Leben, das sie da führt, ein Leben in einem ghettohaften Bereich, in dem, nicht wahr?, früher oder später jeder jedem über den Weg läuft.

Dem war freilich nicht immer so. Es gab Zeiten, da galten Dichter als Wegweiser, Erneuerer, Propheten. Was hat sich warum geändert?

Nun, Gründe gibt es haufenweise, der für mich relevanteste: die Lyrik selbst. Sie hat sich verändert, ist nur noch der Schatten ihrer selbst, was Wunder also, dass sie ein Schattendasein fristet. Denn: Sprachkunst, Arbeit am Wort, Rhythmik – wunderbar. Bei all dem Wohlklingenden aber, mag es noch so assoziativ, maritim, botanisch oder assonant daherkommen, muss man sich dennoch fragen (lassen…), ob jemand damit etwas anfangen kann. Wen erfreuen inflationär produzierte Abstraktionen wirklich? Wen erwärmen snobistisch-solipsistische Hermetismen auf lange Sicht? Wenn Lyrik nur noch bewusst vernebelt und nie mehr klärt (ah, dieses vermaledeite Gebot der Postmoderne: ein Irrweg, eine Krankheit!), wenn sie sich nur allein mit sich selbst unterhalten will, dann geschieht es ihr eigentlich recht, dass sie schwer zu pflegen und zu vermitteln ist.

Vielleicht aber ist es an der Zeit, sich zu besinnen:

Zwischen dem Macher, der keine Untat scheut, um sein Ziel zu erreichen, und dem Moralapostel, der sein Inneres um seines kalten Ideals willen einkorsettiert und ausdörren lässt, steht der Dichter mit seinem Bedürfnis in Wahrhaftigkeit zu leben und davon Zeugnis abzulegen.

Lyrik braucht Inhalt, Wesentlichkeit (wie soll sonst ein dreistrophiges Gedicht ganze Wälzer über die Wahrheit aufwiegen können?).

Lyrik ist somit authentische Erfahrung, Reflexion über dieses Erfahrene, also: Erkenntnis, und Ausdruck – des Erfahrenen und Erkannten.

Lyrik kann deswegen, allen Germanistikstudien und Schreibseminaren zum Trotz, nicht erlernbares Handwerk sein.

Vielleicht ist es auch an der Zeit zur Einfachheit zurückzufinden. Es soll mal Gedichte gegeben haben, die (man staune!) ohne jede Metapher, ja ohne jedes Epitheton ausgekommen sind. Und dennoch (oder: gerade deshalb) berührten sie tief.

Was dabei die Zunft der Lyrikkritiker betrifft – bedarf man ihrer wirklich? Wäre man ein Eminescu, würde man sofort verneinen: Kritiker, mit eitlen Blümchen, / Welch’ ihr Früchte nie getragen – / Es ist leicht, Verse zu schreiben, / Wenn du gar nichts hast zu sagen … Anstatt nach dem professoral Professionellen zu rufen, sollte man auch hier das Authentische, Einfache, Wesentliche fordern: Was sagt mir dieser Text? Gibt er mir wirklich etwas? Hilft er mir, mein Leben, meine condition humaine tiefer zu verstehen, vielleicht gar besser zu ertragen? Also: eine höchst persönliche Art des Rezensierens unterstützen.

Wie ich das konkret meine?

Nun, so – Hör zu, so wird der letzte Abend sein, / wo du noch ausgehn kannst…
Ich sehe ihn, wie er im Dromberg sitzt, allein, in seiner engen, dunklen Ecke, an kleinem Tisch, dicht an der Heizung, denn er liebt das Warme. Ein ganz gewöhnlicher Abend, dieser besondere, eine: das Lieblingsbier, die Zigaretten, die unvermeidlichen, der „Spiegel“ und der halbverschleierte Blick, der sich durchdringend in die Umgebung hineinbohrt, betrachtet, analysiert, seziert: das Menschentum und sein Gebarme, das Ehepaar und de(n) verhasste(n) Hund (o ja, der Hund ist sehr verhasst, schon aus Prinzip, Ilse darf einen nur ein paar Tage behalten …). Also alles wie gehabt, alles wie immer. Und doch hat diese scheinbar so fest verankerte Gegenwart keine Zukunft. Sie endet. Heute. Jetzt.

Kann ich das nachvollziehen, nachempfinden? Ja sicher – obwohl ich weder rauche noch Bier trinke. Doch ich spüre, wie sie unaufhaltsam zergeht, mir zwischen die Finger zerrinnt, meine Lebenszeit. Und ich weiß: Jener letzte Abend wird kommen. Auch für mich. Er wird kommen und alle Vertrautheit, alle Geborgenheit, alle Zuversicht mit sich nehmen. Und ich werde zurückbleiben, die Augen voller Grauen auf den Abgrund gerichtet, nicht verstehend, nicht wahrhabend, hilf-los, weil Hilfe dann nicht möglich sein wird. Ich kann es nachvollziehen, nachempfinden: Das ist mein Schicksal, deines, unseres! Doch uns ist noch die Galgenfrist gewährt.

Benn, als er dieses Gedicht schreibt, weiß, dass seine abgelaufen ist. Also blickt er zurück auf sein bescheidenes, fast eintöniges Leben: kein Haus, kein Hügel dein, / zu träumen in ein sonniges Gelände, / dich schlossen immer ziemlich enge Wände / von der Geburt bis diesen Abend ein. Nein, Besitztümer, Ruhm, die Annehmlichkeiten der Äußerlichkeit, ja nicht einmal das heißersehnte Mittelmeerische – sie sind ihm nicht vergönnt gewesen. Mehr bist du nicht, … mehr warst du nicht … Ist das Resignation? Eher – klares Einschätzen gemäß seiner Maxime: Erkenne die Lage! Denn gleich darauf bricht sie auf, aus der Tiefe, und türmt sich auf, wie ein gewaltige Symphonie, die souveräne Selbstbewusstheit des schöpferischen Geistesmenschen: doch Zeus und alle Macht, / das All, die großen Geister, alle Sonnen / sind auch für dich geschehn, durch dich geronnen … O, welch erhabenes Schauspiel, welch allumfassendes Naturereignis, dieses Sich-Aufbäumen des Individuums! Ja, doch, ja: Du warst da, auch du, hast aufgenommen, ausgeschöpft (im Rahmen deiner Mittel…), das, was dir gegeben wurde. Und wäre dein aufnehmendes, luzid-sensibles Auge nicht gewesen – Zeus, das All und all die Sonnen wären ganz umsonst gewesen. Mehr warst du nicht? Du warst genug. Jetzt kannst du loslassen: beendet wie begonnen – / der letzte Abend – gute Nacht.

Gute Nacht.

Kommentare


merderein - ( 02-05-2016 11:27:05 )
"Es gab Zeiten, da galten Dichter als Wegweiser, Erneuerer, Propheten."
- wann galten lyriker denn so viel? ist eine echte frage, ich weiß es einfach nicht ...
(und die andere frage natürlich: müssen/sollen sie das immer unbedingt sein?)

Ioana Orleanu - ( 03-05-2016 11:10:58 )
Nun, es gab schon Zeiten, die von bestimmten Dichtern/Denkern mitgeprägt wurden. Z.B.: von Vergil, von Dante, von Byron, von Goethe, Heine, Eminescu, Hugo oder George (Nietzsche könnte auch hier hinzugefügt werden. Und, freilich, - Jeschou...). Was Dichter müssen/sollen: Das Leid in Erkenntnis verwandeln ("Und den Himmel erzeugst du, den deinen, / wie eine Träne beim Weinen"... Lucian Blaga). Wir aber leben in einer epigonalen Epoche.

Ioana Orleanu - ( 30-04-2016 07:51:04 )
Reim? Nein. Wer kann das heute noch?
Rhythmus? Auch nicht. Besser Arrythmie (vor allem des Herzens...)
Lebenserfahrung? Wirklich nicht notwendig.
Modellgedichte? Haben wir schon. Alles marschiert brav hinterher.
Marschlieder? Ja! Vom alten Benn!!
Fazit: Wunderbar erfasst, ja, ich bin zuversichtlich: Alles wird gut!

jan kuhlbrodt - ( 30-04-2016 10:23:48 )
wir brauchen also nur eine hand voll modellgedichte, an denen wir uns ausrichten wie soldaten an der nase des neben ihnen stehenden, und etwas lebenserfahrung, die wir aus der marschordnung hauchen, dann wird alles gut? als modelle nehmen wir die wirksamsten texte. marschlieder haben immer gewirkt. und waren auch immer nett gereimt und rhythmisch einfach.

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erstellt am 27.4.2016