Der Komponist Claude Vivier hatte im Einflussbereich der Nachkriegsavantgarde wohl keine Chance. Erst nach seinem Tod konnte man in Amsterdam hören, was für eine originäre und starke Musik er geschrieben hatte. Hans-Klaus Jungheinrich stellt nun eine neue CD mit Viviers Oper „Kopernikus“ und anderes vor.

CD

Todeslust und Lebenshunger

Der frankokanadische Komponist Claude Vivier (1948-1983) wurde so alt wie Mozart und starb ähnlich wie Pier Paolo Pasolini (oder die süddeutschen Showgrößen Sedlmayr und Mooshammer). Das Schockierende: Es gibt ein Schriftstück, in dem er seine wenig spätere Ermordung durch einen jungen Stricher prophetisch voraussah. Zu vermuten also, dass er, ähnlich todessüchtig wie Pasolini, sein gewaltsames Ende in gewisser Weise durchaus „inszenierte“. Irgendwie passt es zu dieser verstörend makabren Haltung, dass Vivier im Leben kaum wie ein depressiver Trauerkloß wirkte; Fotos zeigen ihn bei seinen „Lectures“ gutgelaunt und clownesk wie einen aufgedrehten Kabarettisten in Aktion. Todeslust und Lebenshunger beseelten ihn offenbar gleichermaßen. Das bestätigten auch befreundete Kollegen wie die Franzosen Gérard Grisey und Tristan Murail, von deren „spektralistischer“ Musik er einiges lernte. Sein spätes Bühnenwerk „Kopernikus“ hat zwar die Bezeichnung einer „Opéra rituel de mort“, doch finster-feierlich (wie etwa in der Requiemkomposition „Rituel“ von Boulez) geht es in dem gut einstündigen kammertheatralischen Stück kaum zu. Eher denkt man an die mit all ihren Geheimnissen leichte, heitere und schwebende Sphäre von Lewis Carroll und seiner „Alice in Wonderland“. Und, ganz im Gegensatz zu Mahler/Rückerts „Kindertotenliedern“, wenig Trauer, eher spielerische Verwandlung als angedeuteter Kindstod.

Eine Musik also, die sich bewusst aller Bodenhaftung zu entziehen trachtet und dabei ein Zwischenreich betritt, das jedenfalls als eine neu gewonnene Dimension erscheinen kann, indem man es als permanenten „Übergang“ wahrnimmt – Gang durch einen Spiegel, Spalt aus der Alltagsrealität in ein Märchenland, Grenzübertritt zwischen Leben und Tod oder Tod und „Auferstehung“ – oder Ähnliches. All das lässt sich nur metaphorisch ausdrücken. Wirklich erlebt hat es niemand, aber „gesehen“ und gespürt haben es schon viele Phantasten, die damit eine höhere Wirklichkeit namhaft gemacht zu haben glaubten. Wie so etwas klingend zu vergegenwärtigen wäre? Vivier versucht es mit – wir sagten es bereits – Leichtigkeit. Mit einer Anmut, die alle Gegensätze zwischen Einfachheit und Komplexität aufhebt. Die menschlichen Stimmen (sieben, darunter ein eloquenter Koloratursopran und ein bramarbasierender Bass) wirken befreit, fessellos. Singen, Sprechen und Pfeifen wechseln sich in Heiterkeit ab. Auch ungebräuchliche Intonationen wirken im Kontext weniger angestrengt experimentell als naiv-kindlich oder „exotisch“. Keine Schreckensvisionen, dafür staunende Entdeckungen einer neuartigen, unkonventionellen Schönheit. Instrumentalklänge blitzen und glitzern. An Dante denkend, könnte man das Zwischenreich dieser von den meisten Beladenheiten befreiten Klanglichkeit als die Strecke zwischen Läuterungsberg und Paradiso bezeichnen, schon ziemlich nahe am Paradies, aber gerade so weit noch davon entfernt, dass es nicht langweilig wird.

Eine Handlung gibt es nicht

Claude Vivier scheut, anders als die Avantgardisten der frühen Nachkriegszeit, den Begriff „Oper“ nicht; er weiß wahrscheinlich seine unersetzliche Leuchtkraft zu schätzen (noch unlängst als uncoole „bürgerliche“ Abgetanheit diffamiert, ist „Oper“ mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch zum Synonym für eine „größere Sache“ jeglicher Art geworden; es wäre mithin nicht ganz unlogisch, auch die Europäische Union als „Oper“ zu titulieren, wenn dafür nicht doch das passendere Wort Schlamassel zur Verfügung stünde). „Kopernikus“ betreibt wenig Aufwand und führt dennoch sehr weit. Teils auf Französisch, oft aber auch in Phantasie- und Nonsenssprache werden kosmische Perspektiven geschaffen, wo dann auch berühmte, Erdenmaße überwindende Gelehrte wie Kopernikus, Kepler und Einstein ritualhaft angerufen werden (besonders in der an Messiaens milde Ekstatik gemahnenden Schlussphase). Eine nacherzählbare Handlung gibt es nicht. Vivier war zwar auch Stockhausenschüler, aber von den Vollmundigkeiten dieses Meisters will er nicht viel wissen – lieber konterkariert er die seriösen Mirakel seiner Choräle und miniaturhaften Instrumentaltableaus mit frechen, karikaturistischen Ausreißern oder schnörkeligen Randkommentaren, die das Numinose im Unernst auflösen. Sozusagen Kosmologie im Schaubudenformat. Kein Wunder, dass man oft an Strawinskys „Histoire du Soldat“ erinnert wird. Viviers Charme freilich ist nicht zähnefletschend; bezeichnenderweise tritt auch kein personifizierter Teufel auf, und bei aller Melancholie bleibt die Diktion lächelnd. Dabei gibt es Gelegenheit zu charaktervoller Vokalentfaltung und virtuosen, oft solistischen Instrumental-Exkursionen. Insgesamt 15 Sänger und Instrumentalisten (Holst Sinfonietta) also vereinigten sich unter der Leitung von Klaus Simon zur „Opera Factory Freiburg“, die diese Aufnahme von 2014 in ansprechender und (dreisprachig) informativer Edition herausbrachte (Claude Vivier: „Kopernikus“, bastille musique)

Wer an Vivier (dessen umfangreiches Lebenswerk weitere diskographische Aufmerksamkeit verdienen würde) Gefallen findet, dem sei auch eine Neuerscheinung von ECM empfohlen. Das Danish String Quartet figuriert hier (ECM 2453) mit „Arcadiana“ von Thomas Adès, einem ähnlich wie Vivier auf nicht abgenutzte Möglichkeiten quartettistischen Schönklangs pochenden Stück, das auch in seinem Titel auf Zauber, Geheimnis und Unernst anspielt und damit mancherlei Assoziationen mobilisiert (der Engländer Adès, der unter vielen anderen Komponisten die wohl kongenialste Vertonung des Shakespeareschen „Tempest“ schrieb, macht auch mit seiner Opernuraufführung nach dem Bunuelfilm „Der Würgeengel“ bei den kommenden Salzburger Festspielen neugierig). Per Nørgards „Quartetto Breve“ mutet bei aller Kürze inhaltsreich und gehaltvoll an, während Hans Abrahamsens 10 Preludes für Streichquartett einen weiten polystilistischen Radius ausschreiten, der in der finalen Pièce freilich in den etwas platten Gag einer simplen Stilkopie abkippt. ECM gebührt auch mit dieser CD das Verdienst, zu zeigen, dass sich interessante musikalische Nouveautè nicht nur in Mitteleuropa abspielt.

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erstellt am 13.4.2016

Claude Vivier, Quelle: www.bastillemusique.com
Claude Vivier, Quelle: www.bastillemusique.com

Claude Vivier
Kopernikus
Opera Factory Freiburg
CD
bastille musique, 2015

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Quelle: www.bastillemusique.com

Danish String Quartet
Thomas Adès, Per Nørgard, Hans Abrahamsen
CD
ECM, 2016

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