Der sowjetische Dirigent Jewgenij Mrawinskij kann jetzt wiederentdeckt werden. Eine CD-Kassette präsentiert rund sieben Stunden Musik mit Mrawinskij und „seinen“ Leningrader Philharmonikern. Hans-Klaus Jungheinrich hat sich die Aufnahmen angehört und sieht in Mrawinskij einen vielseitigen Dirigenten und einen Pionier in Sachen Tschaikowskij.

Der sowjetische Dirigent Jewgenij Mrawinskij

Wiederkehr einer Legende

Hier für einmal ein Lob der gutbürgerlich-konservativen Musikfreunde, die immer schon alles besser wussten! Sie hatten nie Schwierigkeiten, Tschaikowskij als typischen Ausdruck der russisch-dostojewskijisch zerrissenen Seele toll zu finden. Den intellektuell orientierten Hörern, die allenfalls krampfig eine Neigung zu Tschaikowskij einbekennen wollten, also auch dem Großteil einer aktuell gebildeten musikologischen Zunft, war diese ganze Sphäre suspekt – besonders in den Jahrzehnten nach 1950 propagierten sie ja, nicht nur unter dem Einfluss der Schönbergnachfolge, das Kühl-Konstruktive und Formbedachte. Tschaikowskijs Fluidum war als verdächtig in Erinnerung auch wegen des UFA-Films „Es war eine rauschende Ballnacht“ mit Zarah Leander und Hans Stüwe aus den ersten Kriegsjahren, der die ferne „Liebe“ des Komponisten zu seiner Muse und Gönnerin Frau von Meck sentimentalisierend ausschlachtete, natürlich ohne die von der populären Biographik lange verschwiegene Homosexualität Tschaikowskijs anzutönen. Seit 1956 und 1960 geschah indes Seltsames. Im ersten Jahr gastierten die Leningrader Philharmoniker erstmals in Westeuropa, im zweiten dann veröffentlichten sie sensationelle Schallplattenaufnahmen. Beide Male standen die drei berühmten Tschaikowskij-Symphonien 4-6 im Blickpunkt, dirigiert von Yevgeny Mravinsky (oder Jewgenij Mrawinskij, die lateinische Umschrift russischer Namen kennt keine strenge Norm und variiert auch von einem Land zum anderen). Und auf einmal erblühte ein völlig neues Tschaikowskij-Feeling. Ja, atmeten die Kenner auf, so lässt sich Tschaikowskij goutieren: total entkitscht, superbrillant poliert, sachlich geläutert. So wurde er gar kompatibel mit dem durch die Musik-Avantgarde modellierten ästhetischen Gewissen. Ich erinnere mich damals an eine Seminarstunde, in der Mrawinskijs Tschaikowskij (die Sechste) einer Einspielung von Erich Kleiber gegenüber gestellt wurde. Kleiber, beileibe nicht als tumber Dampf- und Dumpfmusiker bekannt, wirkte hier schon in der langsamen Einleitung zum ersten Satz exzessiv-zerdehnt und qualmig-mystisch, während Mrawinskijs düster-tragische Einstimmung quasi a tempo zeigte, dass die symphonisch sich ereignende Tragödie erst am Anfang war und nicht schon an ihrem Ende. Zugleich mit der (vermeintlichen) Neuentdeckung Tschaikowskijs erlebte man die Entdeckung eines jedenfalls interessanten, faszinierenden sowjetischen Dirigenten, der so gar nicht den Vorstellungen entsprach, die man sich (oft zu Recht) im Westen von sowjetischen Musikinterpreten machte.

Sieben Stunden Musik

Ein gutes halbes Jahrhundert später ist jetzt Gelegenheit, die Trouvaille der legendären Mrawinskij-Aufnahmen zu überprüfen. Eine opulente CD-Kassette präsentiert auf sechs Scheiben rund sieben Stunden Musik mit Mrawinskij und „seinen“ Leningradern, die er 44 Jahre lang als Chefdirigent betreute (von 1938-82). Ähnlich reiche Zusammenarbeiten zwischen Maestro und Orchester gab es nur bei Willem Mengelberg (Amsterdam), Ernest Ansermet (Genf) und Eugene Ormandy (Philadelphia). Die neue Edition offeriert neben den drei obligatorischen Tschaikowskij-Symphonien als zweiten für Mrawinskij bezeichnenden Schwerpunkt zwei Schostakowitsch-Symphonien, die Sechste und die Zwölfte, die beide (neben der Fünften, Achten, Neunten und Zehnten) auch von ihm uraufgeführt wurden. Zwischen dem Komponisten und dem Dirigenten mag so etwas wie eine Künstlerfreundschaft bestanden haben, doch wie aus den von Volkow aufgezeichneten Schostakowitsch-Memoiren (die freilich als nicht ganz zuverlässig gelten) hervorgeht, hat Mrawinsky eine entscheidende Dimension der Schostakowitsch-Tonsprache nicht verstanden, was schon bei der Uraufführung der Fünften auffiel. Mrawinsky hatte deren plakativ „optimistischen“ Schlussatz „wörtlich“ aufgefasst und nicht, wie vom Autor gemeint, als sarkastisch übertriebene fratzenhafte Maske. Vielleicht war es kein Zufall, dass die gemeinsam geplante Uraufführung der 13. Symphonie 1962 nicht zustande kam, weil Mrawinskij vor der in dieser textgebundenen Musik sich nun stärker zeigenden subversiv-oppositionellen Haltung Schostakowitschs zurückschreckte. Nach zahlreichen exzellenten Gesamtaufnahmen der Schostakowitsch-Symphonien kann man Mrawinskijs Tondokumenten von 1946 beziehungsweise 1961 nichts Besonderes mehr zuerkennen, zumal die Klangqualität sogar der neueren Einspielung wenig für sich spricht – gleichsam Büchsennahrung. Das ist bei den Tschaikowskij-Symphonien erfreulich anders, so dass sie als die Hauptattraktionen des Angebots zu betrachten sind.

Ja, die Rasanz und unumwegige Bravour der schnellen Sätze sind hier weiterhin frappierend und unübertroffen. Das Finale der Vierten lässt an Kosaken-Wildheit nichts zu wünschen übrig, der 3. Satz der Sechsten entwickelt sich zum dämonischen Geschwindmarsch, und gerade auch der Schlusssatz der Fünften spannt extreme Gegensätze aus zwischen Vorwärtsstürmen und bedachtsamer Gebremstheit. An etlichen Stellen gerät der Duktus vielleicht ein wenig „mechanisch“, so bei den Holzbläserquinten des zweiten Themas im Kopfsatz der Fünften, die dadurch unfreiwillig komisch geraten. Aber keineswegs ist Mrawinskij so prüde, ganz auf Parfüm zu verzichten (Walzer der Fünften, Fünfvierteltaktsatz der Sechsten), und auch mit nachgebenden oder forcierenden Tempomodifikationen geizt er nicht. Viele seiner Maßnahmen wurden inzwischen von der internationalen Dirigentengilde übernommen. Doch bleibt er weiterhin in Sachen Tschaikowskij ein Pionier, auch wenn er damals als „Alternative“ zum üblichen Tschaikowskijbild sicher zu übertrieben wahrgenommen wurde. Immer muss man sich der beiden Aspekte in dieser Musik bewusst sein, die gegeneinander nicht homogenisiert, sondern dialektisch ausformuliert werden müssen – der ungehemmten Emotionalität und des geradezu mozartisch-klassizistischen Formbewusstseins.

Asketisch-unnahbar

Mrawinskijs Laufbahn stand unter keinen allzu günstigen Vorzeichen. Als Adelsspross war ihm eine qualifizierte musikalische Ausbildung eigentlich unzugänglich; sie wurde nur durch mächtige Protektion (Glasunow) ermöglicht. Immerhin war er erst Mitte 30, als er die Direktion der berühmten Leningrader Philharmonie antrat. Politisch verhielt er sich stets unauffällig. Wahrscheinlich., dass er dabei vor allem auch Fürsorge für „seine“ Orchestermusiker im Auge hatte. Er stellte strengste Qualitätsansprüche an ihr Tun, entsprach wohl völlig dem Typus des autoritär-patriarchalischen Musikgenerals. (Die überlieferten Fotos zeigen ihn als asketisch-unnahbar). Vergleichbar ist er mit Dirigenten-Temperamenten wie George Szell, Fritz Reiner oder Hermann Scherchen, die wie er zu einer entromantisierend-sachlichen, luziden Diktion des „Alles Hörbar Machens“ (Scherchen) tendierten. Mit lebhaftem Sinn für Valeurs und fürs Feingliedrige war er aber auch ein wohltuender Gegenpol zum „Mainstream“ der russischen Interpreten seiner Generation und ihrer Neigung zu martialisch-massivem Klangeinsatz.

Wie vielseitig Mrawinskij war, wurde im Zuge der damaligen westlichen Tschaikowkij-Euphorie leicht vergessen. Die vorliegende Sammlung erinnert daran, und das ist nicht unerheblich. Haydns Symphonie 101 („Die Uhr“) und Mozarts Es-Dur-Symphonie KV 543 muten jetzt zwar sehr „historisch“ an in dieser Lesart, aber bemerkenswert bleiben hier der Widerstand gegen Verzärtelung, überhaupt Petitisierung des Maßstabs, – der geradezu aggressiv-virile Zuschnitt. Sehr einnehmend Debussys „La mer“ mit großem Nuancenreichtum und unheimlich gekonntem „atmosphärischen“ Orchesterflimmern. Sicher Resultat harter Probenarbeit. Durch allerlei Nebengeräusche und dreiste Huster geradezu verstümmelt der Satz „Nuages“ aus den „Nocturnes“ (Debussy). Das wäre, da das Triptychon ohne die „Sirènes“ ohnedies unvollständig figuriert, besser weggelassen worden. Ein Musterbeispiel an diskreter instrumentaler Subtilität: Ravels „Pavane“. Bewundern kann man auch den jungen Swjatoslaw Richter mit dem Brahms’schen B-Dur-Konzert (sowie, klangtechnisch befriedigender, mit dem b-moll-Konzert Tschaikowskijs). Das aufnahmetechnische Profil zeigt sich, zumal auch Konzertmitschnitte hinzugezogen wurden, als sehr unterschiedlich, nicht nur entlang der weit gespreizten Aufnahmedaten zwischen den 1940er und 1960er Jahren. Weitere Mrawinskij-Veröffentlichungen sind anscheinend geplant, denn angekündigt ist das Paket als „Volume 1“.

Kommentare


Markus Kuhn - ( 25-06-2016 11:49:31 )
Wenn Hänssler transparenter deklariert hätte, welche Aufnahmen genau in der Box stecken, hätte ich als Mrawinskij-Fan schon sofort zugegriffen. Bloß: Man weiß es nicht so genau. Die einschlägigen Mrawinskij-Veröffentlichungen von Melodiya, DG, Erato, BBC-live hat der Fan doch längst. Was steckt also drin in der Box, unveröffentlichte Live-Mitschnitte, vielleicht gar aus den WDR-Archiven? Wohl kaum, das hätte man dann auch entsprechend herausposaunt. So kauft man die Katze im Sack und wird feststellen, dass man die Mitschnitte bzw. Studioaufnahmen allesamt schon hat. Sind denn die ehemaligen Melodiya-Aufnahmen wenigstens besser restauriert als in vorherigen Veröffentlichungen?

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erstellt am 18.3.2016

Lev Russov, Porträt Jewgenij Mrawinskij, 1957
Lev Russov, Porträt Jewgenij Mrawinskij, 1957. Quelle: Wikimedia Commons

Yevgeni Mravinsky
Edition Vol.1
(Tschaikowskij, Debussy, Mozart, Ravel, Schostakowitsch, Haydn, Brahms)
Leningrad Philharmonic Orchestra, Svatoslav Richter
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