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Bekannt geworden in Rumänien ist Bogdan Coşa (*1989) mit seiner Romantrilogie „Poker“, deren letzter Teil sich in Vorbereitung befindet. 2014 erhielt er einen zweimonatigen Stipendiaten-Aufenthalt im Literaturhaus Villa Clementine in Wiesbaden. Faust-Kultur stellt Coşa mit einem Auszug aus dem ersten Teil seiner Trilogie vor.

Originaltext

Living in the blllckk glasss

Von Bogdan Coşa

Ich konnte nicht umhin, festzustellen, dass ich gleichwohl noch eine freie Stunde hatte, bis ich erscheinen musste. Nach einigen Minuten, während ich meine Augen durch die Risse des Putzes eingerollt hatte, suchte ich das karierte Heft, in dem ich drei Abende zuvor eine Geschichte aufzuschreiben begann. Die schmutzige Tasse ließ ich auf dem Bürotisch stehen; nachdem ich im Heft fand, wonach ich gesucht hatte, stellte ich sie auf das Fensterbrett und streckte meine Beine bis an die Wand aus.

Als er nach Hause zurückkehrte, war er lebendiger als sonst. Er nahm zwei Treppenstufen auf einmal, und neben dem Hecheln spürte er, wie ihn etwas bedrückte. Das weit geöffnete Fenster, an dem seine Mutter die Wäsche aufgehängt hatte, nahm er zum Anlass, die Tür zuknallen zu lassen. Ein wenig eingeschüchtert blieb er einen Augenblick an Ort und Stelle stehen; der Puls pegelte sich auf Höhe der Ohren ein und das Befremden wurde durch den Anblick der familiären Gegend verdrängt. Langsam, aber sicher nahm seine Erschöpfung von Adrenalin verlassene Züge an. Er setzte sich auf den Mosaikbelag, der den Flur von dem Waschbecken trennte. Obwohl er seine Sportschuhe mit den Hacken auszog, versuchte er, leise zu sein.

Als der Wäschekorb für die Klamotten, die aufzuhängen waren, sich geleert hatte, griff die Frau nach dem Nylon, das sich in der Enge zwischen der Wand und den Gliedern des Heizkörpers befand, um es mit einem kurzen Rascheln über den Draht des Wäscheständers zu spannen, damit sie bis zum Morgen vor dem Regen geschützt blieben, anschließend schob sie kraftvoll den Fensterrahmen zu und drehte den Griff; der Metallstab kratzte beide Riegel, unter dem Vorhang plätscherten die schwärzlichen Fersen dem feuchten Linoleum zu. Als sie den Vorhang zur Seite zog, breitete sich im Zimmer der strenge Geruch der Wäscheseife aus. Während sie ihre Westentaschen mit den Häkchen vollstopfte, schob sie mit dem Fuß den Wäschekorb hinter den Sessel und antwortete, ohne den Jungen anzuschauen: „Ich sagte, es ist dein Vater.“

Der Junge griff nach den Sportschuhen, verdrehte den Rumpf und warf sie hinter die Gardine, die die Rohrleitungen unter dem Wachbecken bedeckt hielt, dann richtete er sich mühsam auf und zog sich die Hausschuhe an. Er machte den Wasserhahn auf, trank ein Glas Wasser und verließ das Haus. Im Treppenhaus vor dem Badezimmer wartete ein fremder Mann vor einer Tür. Aus dem Zimmer hörte man eine Frau mit erhobener Stimme sprechen. Er machte den größtmöglichen Bogen um den Mann und stoß die Tür an, auf der mit schwarzer Farbe W. C. geschrieben stand. Er hielt vor einem Blechschrank an und tastete durch den Staub, mit dem dieser bedeckt war, nach einer Zigarette, die er dort am Mittag, nachdem er von der Schule zurückkehrte, hinterlegt hatte. Danach ging er wieder seinen Weg, indem er seine Hausschuhe durch den Schlamm schleppte, in der Hoffnung, jemand würde chh-chhhhm machen, sollte er in einer der Kabinen kacken, nicht, dass man die Zigarette umsonst anzünde.

Der Heizkörper, das einzige im Badezimmer übriggebliebene Metallstück, war gut genug befestigt, um sich ein Bein darauf zu stützen. Er setzte sich immer dorthin; das tat er, indem er seinen Bauch an die Wand anschmiegte und sich auf dem Fensterbrett auf die Ellenbogen stützte. Hinter dem Wohnblock warf das Elektrizitätswerk ein gelbliches Licht auf die Apfelbäume. Sobald er genug Spucke im Mund zusammentrug, versuchte er, das Fensterbrett aus dem ersten Stock zu treffen, das etwa zwei Zentimeter nach außen ragte. Er hatte Hunger, und ihn schmerzte ein wenig, sehr wenig, die Leber.

Aus einem Zimmer im Treppenhaus machte jemand eine Tür auf. Er hielt die Luft an, um zu lauschen, machte am Putz des Wohnblockes die Zigarette aus und versteckte sie. Der Mann, dessen Stimme er kannte, sagte zum Fremden: „Na komm, gehen wir?“

Und sie gingen. Er stellte die Zigarette draußen auf den linken Fensterrahmen und betrat anschließend die erste Kabine, um zu pissen. Als sich seine Augen erneut an die Dunkelheit gewöhnt haben, versuchte er mit dem Strahl die Spuren zu treffen, die andere mit ihren Hausschuhen auf dem Klobecken hinterlassen hatten, doch konnte er nur eine kleine Fläche sauber machen.

Auf der linken Seite, in der Ecke, ragte eine Rohrleitung aus der Wand heraus. Er machte den Wasserhahn auf und wusch sich die Hände, damit seine Mutter ihn nicht riechen konnte. Obwohl er weit nach vorne gebeugt war, landeten die Tropfen, die zum Zementboden fielen, auf seinen Fußzehen. Am Eingang, wieder im Treppenhaus, war die Tür halb geöffnet, und man konnte ein Zischen wahrnehmen; seine Mutter frittierte Kartoffeln und brachte die Türkette an, so dass kein betrunkener Nachbar, der sich auf der falschen Etage befand, hineinirren konnte. Er steckte seine Hand durch die Öffnung und versuchte sich daran. Es fiel ihm jedes Mal schwer, sie herauszuholen, um ins Haus zu kommen, sollte sich niemand, der ihm helfen könnte, in der Küche befinden.

Zuerst las ich die erste der beiden, durch die vertikal aufgereihten Pünktchen unterbrochenen Passagen, dann suchte ich nach einem Stift und ergänzte die freien Absätze, wie Marin Preda es in etwa getan hätte:

Die beiden Männer verließen, ohne zu sprechen, den Wohnblock. Sie gingen auf der Allee weiter, die Mülltonnen entlang, dann durch die Marktbuden, ohne einander sich irgendetwas zu sagen. Der ältere trug auf dem Rücken eine Tasche mit zwei Griffen, er hielt sie auf einer Schulter, so wie die Männer zur Arbeit laufen. Er war dünn, im Gesicht mitgenommen und kam dem anderen bis zum Kinn. Sie liefen vorsichtig und reichten sich von Zeit zu Zeit die Zigarette hin und her. An der Ampel hielten sie an, in der Ferne sah man die Scheinwerfer eines großen Autos. Der Alte fragte ihn: „Wo ist es?“ „Da entlang“, antwortete der andere, der mit dem Zigarettenstummel auf eine Gasse ohne elektrisches Licht hinwies.

Sie warteten, bis der Laster vorbeifuhr, dann überquerten sie die Straße. Sie kamen am kleinen Fenster eines Nonstop-Geschäfts vorüber, an dem der jüngere Mann langsamer wurde und merkte auf. Als sie an der Ecke waren, bogen sie nach rechts ein in die kleine Straße.

Anschließend setzte ich irgendwie lebendiger die Lektüre fort, ich ließ mein ganzes Gewicht in eine Entspannung übergehen, die ich bei der Entladung des Pulses aus der Rücklehne des Stuhles in einem Knall, dem ein leichtes Quietschgeräusch folgte, sofort mechanisch spürte:

Vertieft in Gedanken aßen sie alle drei in der Küche. Er, auf dem Stuhl neben der zur Lüftung des Raums halb geöffneten Tür, sein Vater, in der Ecke des Tisches, auf dem Stuhl vor dem Kühlschrank, und seine Mutter, unten, auf dem Mosaikbelag, der den Flur vom Waschbecken trennte, ihr Teller lag auf der offenen Tür des Herdofens. Es war eine enge Küche, zwei Quadratmeter links, wo die Männer aßen, in der Mitte, der Flur, auch zwei Quadratmeter, zwei Quadratmeter rechts, wo der Herd lag, das Waschbecken und das Kleiderhakenbrett, wo die Frau aß.

Am Abend schlug der Junge mithilfe seines Vaters, der sie festhielt, die Robescu-Brüder zusammen, die von ihm jeden Tag eine Zigarette als Schutzsteuer verlangten. Der Junge war stolz darauf. Die Frau war als erste fertig. Sie richtete sich auf und stellte den Wassertopf auf die Flamme, dann sammelte sie die Teller, sie legte sie in eine kleinere Waschschüssel und verließ das Haus. Sein Vater, der angetrunken war, griff anschließend nach den Zigaretten, die auf dem Kühlschrank lagen, und sagte zu ihm: „Sieh zu, dass deine Mutter nicht erfährt…“

Der Junge nickte zufrieden und ging aus dem Zimmer, indem er die Tür vorsichtig zumachte. Dort streckte er sich auf einem der Sofas aus und machte den Fernseher an. Als die Frau hereinkam, richtete er sich auf und faltete die Decken von den Sofas zusammen, die er dann ausklappte. Anschließend breitete er die Bettlaken aus, holte die Kissen und die Daunendecken aus der Kiste heraus und richtete sie her wie jeden Abend. Die Eltern fingen zu diskutieren an. Er verstand nur die Worte seines Vaters: „Hör zu, du dumme Gans, misch dich nicht ein…“

Nachdem ich auch den Absatz gelesen hatte und mir keine andere Lösung einfiel, aber, mehr noch, nicht wollte, dass die vor einigen Tagen verrichtete Arbeit nur wegen einer technischen, kindlichen Blockade im Sande verläuft, schlug ich im Äther eine Fortsetzung der frei gebliebenen, im selben Stil „Marin Preda“ interpunktierten Zeilen vor, indem ich aber wie in seinen Anfängen in der Prosa in einer schwierigeren und direkteren Sprache schrieb:

Vor ihnen entstand eine lange Bahn. Entlang des Hauses rückten sie vor, einander zusichernd, dass alles so war, wie sie’s kannten, sie öffneten das Gittertürchen, dann zog der Junge den Riegel der Scheunentür geräuschlos auf. Der andere öffnete, im halbblinden Mondlicht, seine Tasche, um erneut hineinzuschauen und sicher zu gehen, dass er alles, was er brauchte, dabei hatte, dann holte er die Axt, trat ein, machte die Tür hinter sich zu und versetzte der Kuh mitten zwischen den Hörnern einen Schlag, der sie zum Erliegen brachte. Danach fingen sie an, mit Sägen jeweils ein Bein vom Bauch abzutrennen. Die Sägezähne rutschten nur schwer durch, vor allem dann, wenn sie vordrangen, um sie kraftvoll durch das Gewebe zurückzuziehen. Als sie zum Knochen vorgedrungen waren, begann die Säge, stärker zu vibrieren, die Hand des jüngeren zitterte, was dazu führte, dass er ein flaues Gefühl im Magen verspürte, aber er sägte weiter.

Als er fertig war, nahm er sich seine Keule und ging hinaus. Der Blutgeruch zog seinen Magen zusammen. Fünf Minuten später ging auch der Alte hinaus. Er nahm aus seiner Tasche ein Stück Cellophan heraus, in das er die Keulen hüllte, dann wusch er seine Hände mit Wasser aus einem Kanister. Er zog zwei Lappen heraus, um beide Keulen umzuwickeln; er band sie mit einem Seil zusammen, so dass sie nicht aufgehen und auf der Straße nicht wahrgenommen werden konnten. Als er dem anderen dessen Verstörung ansah, goss er ihm mehr Wasser, so dass er sich auch das Gesicht abwaschen konnte, und sagte dann: „Wo bringen wir sie hin, Niculae?“

Als ich auf die Uhr schaute, stellte ich fest, dass ich mich in der am Anfang verfügbaren Zeit eingerahmt hatte, was ich eigentlich mein ganzes Leben schon tat. Es war 6:55 Uhr, was mir erlaubte, auch noch den letzten Paragrafen gelassen zu lesen, erst jetzt nahm ich mit dem Kugelschreiber über dem anfänglich benutzten Bleistift kleine Änderungen vor:

Es war spät, als man ein Klopfen an die Tür hörte. Der Junge ist ins Bett zurückgekehrt, zog sich an den Rand und erhob seinen Kopf. Sein Vater rauchte in der Küche, das tat er immer, bevor er sich schlafen legte, nur rauchte er jetzt in der Dunkelheit. Als man das zweite Klopfen hörte, stand der Mann auf und machte die Tür weit auf. Der Vater der Robescu-Brüder stand vor ihm, er zögerte, den ersten Schritt ins Haus zu machen; er blickte auf die Schwelle, schritt vorsichtig herein. „Schneid dir so viel du willst“, sagte er, während er die Last auf den Boden stellte, er schob sie dem anderen zu wie einen Golfschläger. „Schneid, und verwahr den Rest im Kühlschrank, nur einige Tage“, fuhr er fort, während er sich an der Tür umdrehte und ging.

„Was zum Teufel“, antwortete der Mann, dann schob er den Riegel zu, in dem Augenblick kam auch seine Frau aus dem Bett und schimpfte mit dem Jungen: „Was willst du, he? Gesicht zur Wand!“ Dann stand er auf und lief in die Küche, die Zimmertür ließ er offen stehen.

Sie beugten sich im Licht des Fernsehers über das Packet und schnitten mit einem Küchenmesser das Seil und das Cellophan auf.

Aus: Bogdan Coşa: Poker. Black Glass, Bukarest 2013, S. 107-113.

Aus dem Rumänischen von Alexandru Bulucz

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erstellt am 12.3.2016

Bogdan Coşa

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