In Thomas Manns „Zauberberg“ kommt es im Februar 1913 zum Pistolenduell zwischen dem Aufklärer, Humanisten und Literaten Lodovico Settembrini und seinem Gegenpart Dr. Leo Naphta, das ersterer für sich entscheidet. Denn im Zorn darüber, dass Settembrini nicht zu töten bereit ist und daher absichtlich in die Luft schießt, begeht Naphta Selbstmord. Ähnlich das Antipaar in Peter Strassers Polemik: Gegenüber stehen sich der gottlose Humanist, der seinen Humanismus postuliert, und der antihumanistische Lebenskunstphilosoph, der beim Weinverkosten in der Toskana über die neueste Theorie der Einsamen Erde schwadroniert. An ihnen entzündet sich die Frage nach dem Kunst- und Philosophieverdruss, auch wenn keiner von ihnen sterben muss.

Essay aus der Zeitschrift Tumult

Der Kunstverdruss

Von Peter Strasser

Benjamin-Chic, Passagen, Passagen, anfangs in den Metropolen, Paris und Mailand und Rom, dann die Rituale der Selbstentleibung, real und simuliert, und am Schluss? Unspektakuläre Austritte aus anonymen Geburtskanälen. Ja, jeder Mensch ist eben ein Künstler – so der Kunstverdruss in einem seiner ungeschriebenen Traktate über das Zombiewesen in der Kunst: Benjamin lieferte der Feuilletongesellschaft die Mystik der rîtes de passage, nicht wahr? Als ob es noch ein Ziel gäbe und ein Wagnis, als ob es sich bei unserem Existieren in der Zeit um eine Bildungsreise handelte. Als ob die Kunst noch sein könnte, was sie im 19. Jahrhundert war: legitime Erbin des Absoluten, ein Ernstfall mit heilsgeschichtlichem Fluchtpunkt – Apokalypse, Apokatastasis, Rücknahme aller Entzweiung. Und nicht nur Bewegung, Unruhe, Bonmot.

Tief erschüttert, weil kaiserliche Truppen gegen kaiserliche Truppen kämpfen würden, ergriff Leutnant Shinji Takeyama am 28. Februar 1936 sein Offiziersschwert und beging in dem Acht-Matten-Zimmer seiner Privatwohnung im Stadtbezirk Yotsuya, Aobacho, Block sechs, feierlich Selbstmord durch Bauchaufschneiden. Seine Frau, Reiko, folgte ihm in den Tod; sie erdolchte sich.

Man kennt das ja: herumstehen bei kulturellen Gelegen- und Angelegenheiten, dabeistehen, mitreden. Nur wer mitredet, nimmt teil. Außerhalb der Teilnahme ist nichts. Umdrehen und weggehen, das ist Seppuku für die Trägen und Tranigen, der unblutige soziale Tod. Die Retro-Schau/Vision Mishima und der Aktionismus geht zu Ende. Und da, plötzlich, mitten im Geschiebe der Finissage, beginnt der Kunstverdruss die anderen derart verdrossen anzurempeln, dass die Cocktails rundum aus den Gläsern schwappen. Endlich hat er sich Platz verschafft, die Attackierten stehen um ihn herum, megatolerant und angekleckert. Er aber erhebt die Stimme, um in die Wüste der Seelenlosigkeit zu rufen. Nein, nein und abermals nein, er ist kein Terrorist, kein psychopathischer Möchtegern-Mishima. Aber er will doch sagen, was er zu sagen hat. Hier und jetzt. Der Kunstverdruss ist kommunikativ erregt. Er beginnt sich zu recken, hochzurecken. »Kommt mir nicht zu nahe«, ruft er, »bleibt mir vom Leib, ihr Künstlichen, bleibt mir von der Seele!« Einige der Zurückgestoßenen geben sich heiter revanchistisch, beginnen zu spötteln: »Ein Rufer in der Wüste …« Der hochaufgereckte Kunstverdruss lässt nicht locker: »Siehe, der artifizielle Mensch hat die Welt der Artefakte hinter sich gelassen. Ein Künstlicher braucht keine Kunst zu schaffen. Seine Werke könnten ihm niemals mehr zurückgeben, als er ist. Großartig ist seine Hinterlassenschaft, sie ehrt den Davongezogenen.«

Gelächter in der Runde, auch spürbare Erleichterung. Das ist, so wird gleich vielstimmig gefachsimpelt, Strauß, wortwörtlich Botho Strauß. Eine Feuilletonsuada, Kulturkritik, irgendwie prophetisch, aber nicht mehr am neuesten Retro-Stand. Das ist noch Post-Orwell-Ära, schon ein wenig eingerostet, fade, ausgebleicht, so von 1984 bis The Matrix. Das war noch vor dem großen Krieg gegen den Terror, der jetzt hereinflutet, aus den uralten Herzen. Die sprengstoffbepackten Selbstmordattentäter von heute repräsentieren Mishimas tödlichen Kunsternst, nicht wahr? Als Einzelne im Namen der Masse auf dem Weg zum stählernen Ameisenstaat voll Blut und Transzendenz … Der Kunstverdruss hält inne. Ach, umsonst sein ungeselliger Aufwand. Bricht man aus, empfangen einem schon die anderen mit ihrem Rudelalarm, im Grunde lauter Zeitgenossenschaftsbanalitäten. Dagegen seine, des Kunstverdrusses radikale Externalität. Er, sein einziger wahrhaft Einziger, ohne Gesinnungskumpan, ein Archaischer im sozialen Akutfeld. Sein Standpunkt, inkommensurabel der flüssigen Diskurswelt, eine – Zitat, Quelle: Oublier Strauß – »opakreligiöse Passé-Passion« im grelllebendigen Zombiegetümmel.

Es gibt eben kein soziales Draußen mehr, ergo auch keine Transzendenz des Ego – und wie die Begriffe eines längst obsolet gewordenen Existenzialismus heißen mögen. Alles Abgesonderte, auch das radikal Exzentrische, längst massentauglich. Wer nicht teilnimmt, ist tot. Der kaisertreue Schriftsteller Yukio Mishima hatte, nach Vollendung seines letzten großen Romanwerks, mit seinen Getreuen einen Kasernenhof überfallen, die Mannschaft dort gezwungen, Aufstellung zu nehmen, um dortselbst, auf dem Balkon der Kommandantur, vor aller Augen die Kunst des Seppuku auszuüben. Er hatte sich den Bauch aufgeschlitzt, nach allen Regeln der streng traditionsgerichteten Kunst, versteht sich. Und hier, was ist hier geschehen? Einige Gäste sind angerempelt, ein paar Cocktailgläser verschüttet worden. Klebrige Spritzer dahin und dorthin, was soll’s?

Soweit der Kunstverdruss. Man umringt ihn: »Das war gut, wirklich gut!« Man klopft ihm auf die Schulter. Der derart Eingemeindete aber möchte glatt im Boden versinken, nickt dahin und dorthin. Einer schwenkt seine Seidenkrawatte, die mit Cocktailflecken übersät ist, und zitiert, heiter krähend, das Zitierte: »Großartig ist seine Hinterlassenschaft, sie ehrt den Davongezogenen.« Kameraderie kommt auf, für einen Augenblick sogar zwischen den Geschlechtern. Man ist gerührt, da wollte einer Ernst machen mit dem Ernst. »Dageblieben!«, schallt es aus der Runde. Davonziehen gilt nicht, wohin denn auch? Hier ist überall!

Seine Willenskraft und sein Mut, die er für gewaltig und unerschütterlich gehalten hatte, waren nun soweit zusammengeschrumpft, dass sie einem haarfeinen Stahlfädchen glichen, und der Leutnant hatte das beängstigende Gefühl, er müsse sich, verzweifelt an diesen Faden geklammert, am Rande eines Abgrunds entlang tasten.

Mishimas Text ist hingesprüht auf die Wand der Galerie, in Pink, über den Kunstexponaten der Stunde. Morgen wird alles verschwunden sein, abgeräumt, weggekratzt, aufgewaschen. Schon spürt man ringsum – und ringsum ist überall – den Schatten der Obsoletheit über die Installation fallen: der geruchlos versiegelte Menschenkot – ein »protestantisches Zugeständnis« nannte der Künstler die Versiegelung – als Relikt einer spektakulären Verkotungsaktion im Rahmen dieser Retro-Schau. Das Blut in der Wanne, in der ein toter Fisch mit zugenähtem Maul schwimmt. Unter einem Glassturz die Fingernägel von N. N., die er sich eigenhändig abgezogen hat, zuerst mit der linken Hand die Nägel der rechten (Linkshänder), und dann mit der rechten Hand die Nägel der linken; aus dem Inneren des Glassturzes das Schreien von N. N., aufgenommen während der Aktion Nagelprobe Nr. 2. Gleich daneben, in einer Gucklochkabine, das Skandalvideo von einst: Alle Akteure sind nackt. Ein Mann präsentiert seinen After, Kot tritt aus, der Mann verschlingt seinen Kot. Zwei Männer befriedigen sich selbst, von Angesicht zu Angesicht. Ein stehender Mann uriniert in den Mund einer liegenden Frau, eine hockende Frau uriniert in den Mund eines liegenden Mannes. Eine liegende Frau hält ihre Beine weit gespreizt, um mit ihrer Vagina das Blut einer Gans aufzufangen, die von zwei Männern über der Frau dekapitiert wurde. Die Frau reibt sich mit dem Blut der Gans ein, während die Männer mit dem Hals der Gans die Vagina der Frau stimulieren. Das 8-mm-Band läuft auf einer Endlosschleife, flimmert, kaum einer schaut durchs Guckloch.

Das ist Blut von gestern, nein, vorgestern, und das Loch eine tranig gewordene Metapher, nicht wahr? Und eben darin liegt das Retro-Gewicht, ultraexistenzielles Schwer-, ja Schwerstgewicht in leichtgewichtiger, allzu leichtgewichtiger Zeit. So heißt es im fünf Kilo schweren Ausstellungskatalog aus Fair-Trade-Papier, ohne Hochglanz, versteht sich. Denn so gewichtig ist das alles hier. Metazombiechic, mault der Kunstverdruss in sich hinein.

Nomen Nescio, der weltberühmte Aktionist nennt sich N. N., denn es handelt sich, wie alle Welt weiß, um den weltberühmten Aktionisten, der noch einmal zeigen wollte, dass, rückblickend betrachtet, seine Nagelprobe Nr. 1 alles andere als eine kalkulierte Schockstrategie mit musealer Ambition war – entgegen der Behauptung eines totalignoranten, totalangesagten Kritikers, der neuerdings den Aktionismus als »zitierfähig« und à la longue harmlos, weil der Autopoiese des Systems kommensurabel, abgetan hatte. Immerhin, im fünf Kilo schweren Nichthochglanzkatalog zur Ausstellung hat ein prinzipieller Kunsttheoretiker die Dinge aus dem polemischen in ein prinzipielles Licht gerückt. Jawohl, es stimme immer noch – und von Tag zu Tag mehr und mehr –, was Theodor W. Adorno postuliert habe, nämlich, dass sich nach Auschwitz kein Gedicht mehr schreiben lasse. Gedichtkunst ist Kitschkunst, Verlogenheitskunst, Entronnenheitskunst. Der Aktionist hingegen schreibt keine Gedichte, es sei denn, er ritzt sie sich blutig in den eigenen Körper. Der Aktionist setzt gegen das ultimative Verbrechen Auschwitz die ultimative Subversion, das Kunstverbrechen gegen alles, was nach dem Ewigen Biedermann ausschaut, riecht, tönt, schmeckt. Was vom Abendland, vom Guten, Wahren und Schönen übrigbleibt, sind Exkremente, Blutspuren, Kadaverdenkmäler, subjektlose Innereien, geschorene Köpfe, Orgasmen pur und hart und anonym. Was bleibet aber stiften die Dichter? Das ist ästhetischer Präfaschismus.

Der Kunstverdruss kann dem nichts abgewinnen. Im Gegenteil. Die Subversion, die darin bestehen soll, sich Gedichte in den eigenen Körper zu ritzen, hat er schon einmal – es ist ja im Grunde immer dasselbe – als »Bonsai-Seppuku« verspottet. Nun schweigt er wie gewöhnlich, mit roten Ohren, nippt an seinem Cocktailglas, geht dann bald. Er gehört zur Gruppe jener Tierschützer, die wegen des Fisches, dem das Maul zugenäht worden war, anonym Anzeige erstatteten. Auch darüber schweigt er. Er bewundert die Schöpfung. Er dankt Gott. Er hat Mitleid mit den Tieren. Er liebt die Kunst, aber nicht die Kunst unserer Zeit. Er liebt die Kunst, die auf die Dinge der Welt das Licht der Erlösung fallen lässt. Er weiß, dass Nietzsche recht hat: Die Welt kann nicht moralisch, sie kann nur ästhetisch gerechtfertigt werden. Gegen Nietzsche wendet er allerdings ein, dass die wahre Schönheit an den Dingen zugleich ihr Weltenfernes zeige. Es handelt sich um das, was sie da sein lässt, indem es sie entrückt. Die Kunst verklärt die Dinge oder sie wird zur Agentin der Endlichkeit, zur »Kritik«, und bestätigt damit die Macht des Bösen über uns. Ha, gerade die Kunst als ultimativ subversive Geste der Fundamentalopposition, ja, sie vor allem, ist die Große Hure – der Welt stets zu Diensten mit immer denselben Negativstatements, die uns an die Immanenz fesseln wie den Sklaven an den Pflock. Den Herrenreitern des Kunstfeuilletons sind alle Blicke über den Tellerrand der Sozialkritik verdächtig, nach dorthin, bis zum Horizont unserer tiefsten Sehnsucht – alles reaktionär. Fängt einer an, nach der Transzendenz zu schielen, schon ist er ein Erlösungsfaschist!

Der Kunstverdruss liest den DICHTER, der die Schöpfung rühmt. Er liest über diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war. Ach, die Immanenz ist total geworden. Innerweltlichkeitsesoteriker segeln zuhauf schwerelos durchs Reich der Simulakren bis an den Rand der elektronischen Welt und darüber hinaus. Der digitalisierte Himmel ist das Vorleuchten des Neuen Jerusalems. Das absolute Draußen, kein Problem! Vom Herrn der Ringe ins Internet und von da aus, irgendwann, ins Drogenhospiz, um zu sterben, und weiter, weiter, hinein den Lichtkanal, an dessen Ende das helle gütige Wesen wartet. Noch nie ist so leicht von der Imago Jesus geredet worden.

Aber was wir »Jesus« nennen, das ist die Jesusmaschine, der künstliche Messias. Er kann uns immer nur uns selber zurückspiegeln, unsere eigene Immanenz bestärken, alle strahlenden Übertritte, mit denen er uns lockt, sind Schwellen ein und desselben Gefängnisses. Die Weltgefangenschaft ist unsere metaphysische Kondition. Heidegger nannte sie »Gestell«, ungelenk, so der Kunstverdruss, der auch ein Philosophieverdruss ist, aber der Name tut nichts zur Sache. Die Namen bedeuten die Dinge, und die Dinge sind schon längst bedeutungslos. Der Gestellraum ist in sich geschlossen und doch ohne Grenze: Materie, Strahlung, Felder, Kräfte …, irgendwo dazwischen flackert das Bewusstsein. Auch das Lachen des Buddha, auch das Nirwana.

»Bin ich ein Genussmensch?« fragt die junge Frau in der Werbung und antwortet: »Klar, ich bin ein Genussmensch. Ich liebe gute Musik, gutes Essen, ein wirklich gutes Buch …« Es stellt sich heraus, dass sie ganz versessen ist auf natürliche Sachen, Früchtejoghurt und Mineralwasser. Die junge Frau schaut aus, als ob sie keinen Geruch hätte. Und sie hat auch keinen. Sie ist der Genussmensch, der nach gar nichts riecht. Sie darf keine Sünde begangen haben, sie ist Jungfrau durch und durch und doch auf eine geruchlose Weise ganz offen. Vom Standpunkt der Lebenskunst aus ist es eine Sünde, kein Genussmensch zu sein, aber es ist eine noch größere Sünde, den Geruch des Genusses abzusondern. Dazu das Nacktmullsyndrom als Körperkunstereignis: haarlose Körper, blankgewachste Intimzonen, Afterbleaching.

Der religiöse Mensch braucht starke Gerüche. Gott wohnt im Weihrauch, im Schweiß der Pilger und im Gestank der Armen, nicht im Früchtejoghurt. Der Glaube lebt und stirbt mit seinen Gerüchen wie mit seinen Tempeln, seinen Kathedralen, Moscheen, Synagogen. Der moderne Protestant ist hygienisch aufgeklärt: Sein Senfkorn gedeiht auch im Mineralwasser, allerdings ist seine Religion am Ende doch mehr Lebenskunst als Vertrauen darauf, dass wir nicht von dieser Welt sind. Der Mythos stinkt. Der Tod stinkt. Das weiß der Aktionist und stinkt mit. Gibt es Geruchskonversionen? Kaum. Hier liegt ein tieferer Grund des Misstrauens gegen Konvertiten. Und zu Recht, denkt der Kunstverdruss, während er sich verschweigt. Die metaphysischen Überläufer haben etwas nicht mitbekommen von der Substanz, von der sie sinnlich zehrten. Im Geruchssinn steckt mehr Rechtgläubigkeit als im Dogma. Das Dogma ist rationalisierbar, der Geruch nicht. Heute entwickelt sich, umkrustet vom Blutgestank des Terrors, eine religiöse Nouvelle Cuisine. Man braucht nichts Schweres zu essen, um satt zu werden. Bio-Gerüche, Ekel vor Innereiendunst. Das verändert die Struktur der religiösen Sehnsucht. Das Jenseits wird diätetisch: Die Frage, wie die Transzendenz ausschaut, ist ebenso sinnlos wie die, wonach sie riecht.

Sie zögerte nicht. Bei dem Gedanken, dass ihr der gleiche Schmerz bevorstand, der vorhin eine Kluft zwischen ihr und dem Sterbenden aufgerissen hatte, empfand sie Freude, nichts als Freude, denn nun sollte sie ein Reich betreten, von dem ihr Mann schon Besitz ergriffen hatte.

Etwas Unfassbares hat uns vom Unfassbaren abgeschnitten, von der Urbedeutung, der Quelle des Lebens. Auch die Kunst ist zur Untoten geworden. Sie kann nicht sterben, deshalb wird sie Lebenskunst.

Lebenskunst, das klingt dem Kunstverdruss nach immerwährendem Weinverkosten in der Toskana, während das Universum klirrend und dampfend dem Hitzetod entgegenrast. Auch darüber, über das lebensfeindliche Universum und die neueste Theorie der Einsamen Erde, wird beim Weinverkosten geredet. Auch das gehört zur Lebenskunst. Viel weniger schon die Verhungernden ums Eck; eher noch die Verdurstenden sonst wo auf der Welt, wo keiner hinfährt, der Durst hat. Dazu hat der Lebenskunstphilosoph etwas formuliert, was sich nach dem Urteil seiner Adoranten geistvoller nicht hätte formulieren lassen: »Wir Weinverkoster in der Toskana treiben dahin auf einem Floß, in einem Meer von Ertrinkenden.«

Lebenskunstphilosoph und gottloser Humanist – das Antipaar: Der Kunstverdruss weiß nicht, wen er mehr verachten soll. Den gottlosen Humanisten verachtet er weniger. Der Lebenskunstphilosoph ist Antihumanist und glaubt nicht an einen, sondern schmunzelnd an alle Götter. Der gottlose Humanist glaubt an gar nichts und dabei hat er, durch den langjährig selbstlosen Aufbau eines Hilfsprojekts, Zehntausende vor dem Hungertod gerettet. Auf den Einzelnen komme es an, sagt der gottlose Humanist, nur auf den konkreten Einzelnen. Der Lebenskunstphilosoph findet das kleinbürgerlich, er rettet keinen, besucht stattdessen Life-Bälle, Aidskonzerte, Krebsdiscos. Der gottlose Humanist kann seinen Humanismus nicht erklären. Er kann ihn nur postulieren. Dass er nicht erklären kann, warum es auf jeden Einzelnen ankommt, macht er sich heimlich zum Vorwurf. Er könnte sich umdrehen und weggehen und nichts in der gottlosen Welt würde aufseufzen – außer, naturgemäß, diejenigen, die dem Hungertod überlassen wären. »Und was, wenn ich euch fallen ließe, liegen ließe, sterben ließe? Was wollt ihr mir entgegenhalten außer eure Seufzer?« Es ist die Möglichkeit des Unmenschen in ihm selbst, gegen die der gottlose Humanist wehrlos ist. Nichts in seiner Welt steht gegen diese Möglichkeit, nur das pure, grundlose Engagement …

Sie zog die Klinge scharf zur Seite. Etwas Warmes quoll ihr in den Mund, und in einem Blutstrom färbte sich alles vor ihren Augen rot. Mit letzter Kraft stieß sie noch einmal zu, und die Spitze des Dolches drang ihr in den Hals.

Und weiter, immer weiter, der Hunger nach Kunstfleisch steigt in den Reihen der Kunstzombies wie die Springflut beim Tsunami.

Postskriptum

Ich habe keine Ahnung mehr, ob ich diese Vignette schon einmal publiziert habe. Also behandele ich sie, modifiziert, als sei sie ein Original. Und ist sie es denn nicht? Die beschriebene Fäkal-Dekapitierungs-&-Kopulations-Szene gibt die Vorgänge während einer »Performance« des Wiener Aktionismus wieder. Die, kursiv gesetzten, Zitate von Yukio Mishima sind seinem Prosastück Patriotismus entnommen, deutsch von Ulla Hengst und Wulf Teichmann (Berlin 1987). Das Zitat von Botho Strauß stammt aus seiner Aphorismenfolge »Wollt ihr das totale Engineering?«, erschienen in DIE ZEIT, Nr. 52, 2000.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift TUMULT

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erstellt am 28.9.2015

TUMULT Herbst 2015
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