In der Kolumne NOTIZEN schreibt der Philosoph Jürgen Werner täglich Gedankensplitter nieder, nicht auf Papier, aber in seinem Blog. Faust-Kultur gibt sie regelmäßig in Auszügen wieder. Die Kurzform ist die Kunst derer, die keine Zeit haben. Aber auch das Maß der Verdichtung, das ein Gedanke oder eine Beobachtung verträgt. So mag sich später entscheiden, ob der rasch skizzierte Satz nach einer Auslegung verlangt, die beiläufige Bemerkung vertieft werden will. Notizen sind unentschlossen. Am meisten faszinieren sie, wenn der Zufallsfund genau konstruiert ist und die knappe Art aussieht, als sei alles gesagt. Von Jürgen Werner ist jüngst im Frankfurter Verlag tertium datur das Buch »Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens« erschienen, ein Band, der mit erhellenden Reflexionen und aphoristischen Pointen dem Selbstverstehen des Menschen den Weg bereitet. (Texte © Jürgen Werner)

Ja und Nein

14. November 2016

Die kürzesten Wörter, Ja und Nein, haben oft die längsten Wirkungen.

Moralfragen

13. November 2016

Erstes Gesetz im humanoiden Zeitalter:
In dem Maße, wie wir lernen, für Roboter eine Moral zu programmieren, fehlt sie dem Menschen. Der Lebendigkeit einer Maschine entspricht umgekehrt proportional das Maschinelle unseres Lebens.

Modellhaft

12. November 2016

Welche Kraft die Sprache hat, erkennen wir nicht nur daran, dass sie als „Modell der Wirklichkeit“* taugt, sondern als deren Ersatz: Man kann das lernen bei Menschen, die faszinierend sprechen können von der Liebe, aber unfähig sind, einen Menschen in ihre Nähe zu lassen.

* Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 4.01

Lebensstil

11. November 2016

Eine der vornehmsten Aufgaben der Architektur: dem Lebensstil eine Form zu geben. Viele Architekten scheitern daran: Sie bauen eine Form, in die sich ein Lebensstil fügen soll.

Politische Grammatik

10. November 2016

Wie sehr sich der Egoismus in der Sprache niedergeschlagen hat, lässt sich an der Konjugation ablesen: erst Ich, dann ein anderer, zuletzt die Sache, über die gehandelt wird. Dabei ist das Du konstitutiv für alle Formen der Selbstaussage und des Selbstverständnisses. Warum nicht mit der zweiten Person singular beginnen und der ersten im Plural enden? Die grammatische Struktur einer Demokratie ist so aufgebaut. Sie beginnt mit dem Ansehen und der Anerkennung eines Gegenübers und begründet auf diese Weise eine stabile Gesellschaft, in der die souveräne Beteiligung aller das erklärte Ziel ist – vom Du zum Wir.

Dumm gelaufen

9. November 2016

Viel spricht dafür, dass die Welt weniger durch Bosheit als durch Dummheit zugrunde gerichtet wird. Der größte Unterschied zwischen beiden: dieser fehlt die späte Einsicht.

Lernkultur

9. November 2016

Der Erfinder der Zwölftonmusik Arnold Schönberg widmete einst ein Exemplar seiner „Harmonielehre“ dem Schriftsteller und scharfen Kritiker seiner Zeitgenossen Karl Kraus mit dem Satz: „Ich habe von Ihnen vielleicht mehr gelernt, als man lernen darf, wenn man noch selbständig bleiben will.“ Das ist die Klugheit des Schülers, zu verstehen, dass das Lernen ohne die listige Anerkennung des Lehrers kaum gelingen mag; und es gehört zur diskreten Weisheit des Lehrers, das durch die gebotene Distanz zum Schüler wertzuschätzen.

Schöner arbeiten

8. November 2016

Es gibt eine Ästhetik des Professionellen, die dem Kunden über jeden Nutzen hinaus vor allem jenes Gefühl vermittelt, das sich beim Betrachten von Schönem stets einstellt: Er bekommt den Eindruck, an der richtigen Stelle zu sein.

Der zweite Sieger

7. November 2016

In der Spätphase der Demokratie geht das Volk nicht zur Wahl, um einen geschätzten Kandidaten siegen zu sehen, sondern um dem verhassten Bewerber eine Niederlage beizubringen. Das Ressentiment lenkt die Stimmabgabe.

Assoziation und Argumentation

6. November 2016

Die beiden Talente des Denkens, Assoziation und Argumentation, übernehmen unterschiedliche Aufgaben: Diese ist für die Vergangenheit zuständig und begründet, warum eine Sache sein soll. Jene widmet sich der Zukunft und überlässt es dem zufälligen Zusammenfall von Ideen zu zeigen, was aus einer Sache werden könnte. Wo hier der Verstand der Freiheit verpflichtet ist, orientiert sich dort die Vernunft am Ideal der Notwendigkeit.

Die Welt schaut zu

5. November 2016

Beobachten ist die schamhafte Art zu handeln.
Manchmal ist Handeln für den, der nur beobachtet, beschämend.

Scherbengericht

4. November 2016

Die antike Form der Demokratie in der Hochzeit der griechischen Stadtstaaten war auf einem gesunden Misstrauen aufgebaut. Sie hatte sich auch im Verhältnis zu sich selbst ein kritisches Bewusstsein gegönnt und diesem Ausdruck gegeben im Scherbengericht. Stets musste der Wahlsieger die Polis für zehn Jahre verlassen; das Wahlvolk fürchtete die Demagogie. Gerade weil ein demokratisches Gemeinwesen auf der Kraft des Worts aufbaut und so zum Wohl aller funktionieren kann, sollte dieser politischen Fähigkeit der Sprache die Anerkennung gewährt werden, indem man sie einschränkt. Man würdigt ein Talent am besten, indem man ihm eine Grenze setzt.

Masse und Ohnmacht

3. November 2016

Obwohl es oft genug vorkommt, ist immer verwunderlich, wie leicht es Wenigen gelingt, Viele zu beherrschen. Macht oder Ohnmacht entscheiden sich an der Sprache. Wem es zuerst gelingt, mit einer einzigen Stimme zu reden, ist im Vorteil.

Punktgenau

2. November 2016

Der Aphorismus ist ein Satz, dessen Punkt die Pointe setzt.

Bringen wir es hinter uns

1. November 2016

Das Totengedenken ist die einzige Form der Erinnerung, die dem Vergessen dient. Wir entsinnen uns einer Vergangenheit, um uns von ihr zu verabschieden; so wie einst das Gedächtnis an die Verstorbenen eingeführt wurde, um sich von dem Gespenst zu befreien, mit ihnen ein Leben lang noch sprechen zu müssen, obwohl sie keine Antwort mehr geben können. Dass die Friedhöfe früher außerhalb der Stadtmauern ihren Platz fanden, lag weniger daran, dass den Toten eine letzte Ruhe gewährt werden sollte, als vielmehr, um den Abstand groß genug zu machen für die Lebendigen, die sich in ihren heiteren Geschäften nicht stören lassen wollten. Es tut gut, den großen (Lebens-)Geschichten, die Geschichte geworden sind, ein festes Andenken im Leben zu geben, wenn man von ihnen loskommen will.

Hast du was zu sagen?

31. Oktober 2016

Die akademische Version des gemeinsinnigen Satzes „Leben und leben lassen“ lautet: zitieren und zitiert werden. Wo er einst mit Originalität glänzte oder durch die virtuose Kenntnis der alten Autoritäten, erringt der Wissenschaftler heute seine Bedeutung durch den kollegial vernetzten Gebrauch von Anführungsstrichen: Ich werde erwähnt, weil ich dich in der Sekundärliteratur aufgelistet habe. So gerät alles Ingeniöse in den Verdacht, die Quellen nicht zu kennen.

Vier Elemente

30. Oktober 2016

Den klassischen vier Elementen lassen sich Typen zuordnen.
Feuer: die Entflammte, der Verbrannte, die Leuchte, die Heißblütige.
Wasser: der Aalglatte, die Schwimmende, der Nassforsche, die trübe Tasse.
Erde: die Bodenständige, der Tiefgründige, der Trockene und Angestaubte.
Luft: die Flatterhafte, der Luftikus, der Aufbrausende, das Windei.

Das hätte ich auch gekonnt

29. Oktober 2016

Kein Paradox: Es gibt eine passive Kreativität. Sie heißt Langeweile und ergeht sich träge im Zwiespalt zwischen der falschen Überzeugung, es stets besser zu wissen, und notorischer Untätigkeit. „Das hätte ich auch gekonnt“, ist ihr Kommentar zur Situation, ohne dass er je Folgen zeitigte. Weil sie sich von nichts überraschen lassen will, scheut sie das Handeln als Hort des Unwägbaren.

Neue Romantik

28. Oktober 2016

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:

Er war aufgeregt, als sei es das erste Mal. Sie einladen? Ja, aber wohin? Lang überlegte er; ein gedehntes Schweigen entstand, das der Begegnung Ende hätte sein können. Kurz bevor es unerträglich wurde, weil jeder der beiden wusste, dass etwas noch ausgeblieben war, fasste er Mut und presste die Einladung heraus: „Wir könnten uns morgen Abend treffen. Was hältst du davon? Bei mir zum Candle Light-Döner?“ Noch bevor er erschrocken korrigieren konnte, sagte sie lachend: „Fleischliche Genüsse nur zur Nachspeise. Bis morgen, freue mich.“ Und verschwand.

Weise? Weiß nicht!

27. Oktober 2016

Folgt man Platons Bestimmung des Philosophen als eines Menschen, der die Weisheit liebt, der mit ihr befreundet ist* – aber sie nie sein Eigen nennen kann –, so ist das Interessante an dieser zurückhaltenden Definition die Einsicht, dass die Liebe zu einer Sache ihr das Maß schenkt. Nicht das Studium der Bücher, aber die Liebe zum Lesen macht klug; nicht der Fußball, aber die Liebe des Spielers zu seinem Sport fasziniert; nicht deren zentrifugale Kraft, aber die Liebe zur Stadt befreit.

* Platon, Phaidros 278d: „Jemand einen Weisen zu nennen, o Phaidros, dünkt mich etwas Großes zu sein, und Gott allein zu gebühren; aber einen Freund der Weisheit oder dergleichen etwas möchte ihm selbst angemessener sein, und auch an sich schicklicher.“

Woanders

26. Oktober 2016

Warum gibt es nicht, der Unzeit gleich, zu der mancher unzweifelhaft ein Talent hat zu erscheinen, den Unraum? Es wäre der Ort der Verirrten, derer, die zu früh gekommen sind oder zu lang geblieben, der geistig Abwesenden, der Sehnsüchtigen: Sie alle hatten sich woanders auf.

Liebe und Freundschaft

25. Oktober 2016

Zum romantischen Bild von Liebe gehört der Wunsch, man könne mit dem Partner auch befreundet sein. In der Realität ist das schwierig. Da verkümmert das Ideal allzu oft zur Illusion. Denn der Rigorismus einer Freundschaft lässt sich von der Absolutheit einer Liebe nicht übertrumpfen. Wo hier ein striktes Entweder-Oder gilt, Freund oder nicht (es muss der andere sich ja nicht gleich als Feind entpuppen), heißt es dort zwar ähnlich: diese oder keine (was sich über die Zeit in andere Beziehungsweisen verwandeln kann: diese und die eine; diese nicht mehr, aber die andere; dies und das; keine Bestimmte). Die Freundschaft lebt von Klarheit ihrer Form – es gibt Jugendfreundschaften, Geschäftsfreundschaften, Brieffreundschaften. Die Liebe verklärt die Eindeutigkeit ihres Inhalts – um dessentwillen sie zu vielen Kompromissen bereit ist.

Spieglein, Spieglein auf Papier

24. Oktober 2016

Man kann sich mit Sätzen gut unterhalten, die man selber geschrieben hat. Sie brauchen, ja vertragen kein Lesepublikum, weil sie sich in der Diskretion eines Gesprächs gestört fühlten, das sie mit dem Autor führen.

Psychologie der Logik

23. Oktober 2016

Unter psychologischem Blickwinkel betrachtet ist die Logik das Asyl, in das flüchtet, wer durch sein Leben überanstrengt wird. In der Logik herrscht eine erholsame Genauigkeit und Bestimmtheit, eine Klarheit und Differenziertheit, die die Unwägbarkeiten einer lebendigen Existenz nicht bieten kann.

Ja, ja, gewiss

22. Oktober 2016

Weil sich etwas bewegt, und wir nicht nachkommen, verlieren wir Gewissheiten. Und bleiben irritiert stehen. Nicht selten gewinnen wir Gewissheit aber dadurch, dass wir in Bewegung bleiben. Wir denken, erst handeln zu können, wenn wir in einer Sache sicher sind. Warum nicht umgekehrt: Handeln, auf dass wir wieder Festigkeit erlangen.

Schlechter Verlierer

21. Oktober 2016

Jeder, dem es ernst damit ist zu gewinnen, ist ein schlechter Verlierer, wenn er den Sieg verpasst hat. Schlechte Verlierer sind Menschen, denen es schlecht geht, wenn sie verlieren. Niederlagen müssen schmerzen, sonst sind sie keine. Dennoch lässt sich aus ihnen Gewinn ziehen. Denn nichts hilft besser wider eingefahrene Muster und feste Gewissheiten als der Misserfolg in einer Sache, die man bestens beherrscht. Er ist so wichtig wie das Glücken für das Selbstbewusstsein.

Weißt du noch?

20. Oktober 2016

Sätze aus der Addition gewonnen:

Sentimentalität = Rührung + Erinnerung.
Nostalgie = Erinnerung + Sehnsucht.
Romantik = Sehnsucht + Geschichte.

Ton angeben

19. Oktober 2016

Die Musikgeschichte in dreizehn Zeilen:

Why Cage is just like Bach

Bach – Is Bach
Händel – A more religious Bach
Mozart – A cuter younger Händel
Beethoven – An angsty Mozart
Chopin – A less angsty Beethoven
Tchaikovsky – Chopin plus Orchestra
Debussy – A relaxed Tchaikovsky
Ravel – Debussy plus Jazz
Gershwin – Ravel plus even more jazz
Joplin – Gershwin plus more America
Stravinsky – Joplin plus atonal
Ives – Stravinsky plus more messed up music
Cage – Ives minus the music*

* aus: soyouwanttoplaythepiano.tumblr.com

Beistand für den Anstand

18. Oktober 2016

Moderne Gesellschaften sind lebendig in dem Maße, wie es ihnen gelungen ist, dem Anstand die Macht zu nehmen, auf dass die Macht anständig werden konnte. Nur das versetzt sie in die Lage nicht in derselben Art zu antworten, wie sie von Niederträchtigkeit, Verlogenheit, Hass und Gewalt herausgefordert wird. Eine Moral, die politisch geworden ist, handelt nicht selten unmoralisch; eine Politik, die moralisch wirkt, kann es, wenn sie es nicht muss.

Der blinde Fleck

17. Oktober 2016

„Ist mein Verständnis nur Blindheit gegen mein eigenes Unverständnis? Oft scheint es mir so.“ (Ludwig Wittgenstein, Über Gewissheit, Nr. 418)
Verdeckt meine Zuneigung nur meine generelle Abneigung? Lenkt meine Ehrlichkeit nur ab von meinen notorischen Lügen? Übertönt meine Beredsamkeit nur meine abgrundtiefe Verlegenheit? Haben meine Fragen nur den Sinn, meinen Hang zu übertünchen, auf alles eine Antwort zu geben? Verbirgt mein Zweifel nur meine generelle Gutgläubigkeit? Ist mein Dröhnen nur die Außenseite einer lautstarken Sehnsucht nach Stille? Und die leichtsinnige Geselligkeit enthält den strikten Wunsch nach Einsamkeit?

Lebenskunst. künstliches Leben

16. Oktober 2016

Träume sind Erinnerungen des ungelebten Lebens an sich selbst.

Wir haben es hinter uns

15. Oktober 2016

Das postheroische, postfaktische und postdemokratische Zeitalter ist von Menschen ausgerufen worden, die im Umfeld, in den Umständen oder der Umwelt jenen Ort gefunden haben, an dem sie ihre Verantwortung folgenlos abstreifen können.

Epidemie der Heiterkeit

14. Oktober 2016

Zur Freude, die man selber empfindet, gehört das Gefühl, dass die ganze Welt mitlacht.

So geht’s

13. Oktober 2016

Mit dem Imperativ hat der Aphorismus die Vorliebe zur Kürze gemein. Fragt sich, ob die Formverwandtschaft nicht auch eine inhaltliche Nähe anzeigt. Danach wäre das knappe Bonmot ein versteckter Befehl. „So sollst du denken oder handeln!“ ist die unausgesprochene Aufforderung eines jeden Sinnspruchs, ohne dass man ihn gleich für Lebensweisheit halten muss.

Bewegungsabläufe

12. Oktober 2016

Unter den körperlichen Abläufen ist gewiss die Bewegung der Sprache am nächsten. Beide, das Reden wie die Regung, die Kommunikation wie die Kinetik, entstammen der Verlegenheit, nicht alles auf einmal haben zu können, nicht überall zugleich sein zu können. Gäbe es ein letztes Wort, wären wir nie ins Sprechen gekommen; gäbe es für uns einen festgelegten Ort, hätten wir nicht laufen gelernt.

Glück und Unglück

11. Oktober 2016

Nicht selten beginnt das Unglück in dem Augenblick, in dem sich unsere Sehnsucht nach Glück erfüllt.

Achselzucken oder Nervenzucken

10. Oktober 2016

Im bekanntesten Gedicht von Erich Fried, dem liebeslyrischen Stück „Was es ist“, enden die Strophen jedesmal mit einem Ausdruck der Resignation: „Es ist, was es ist …“ Der Erklärer wird in eine logische Tautologie gewiesen; jeder Versuch, die Liebe auf den Begriff zu bringen, scheitert an der Vielzahl ihrer Geschichten. Was dem Denker ein Ort des unverständigen Achselzuckens ist, wird der Liebende hingegen als eine Formel verstehen, in der er deutlich mehr sieht als nur die Wiederholung, Verdoppelung eines sinnfreien Satzes. Die Tautologie ist ihm das Versprechen des Einzigartigen, das jeden Sprachversuch entlarvt als Zerstörung des Besonderen durch Verallgemeinerung.

Kann Religion anspruchslos sein?

9. Oktober 2016

Erlösung: ein so vergessenes wie verwegenes Wort. Es bezeichnet jene Art der Ansprache, die ohne den Anspruch an andere auskommt, weil mit ihr alles gegeben ist, das zu erfüllen kaum möglich gewesen wäre.*

Eine der klügsten Bemerkungen zur „Erlösung“ findet sich bei Robert Musil: „So viele Worte in einer großen Stadt in jedem Augenblick gesprochen werden, um die persönlichen Wünsche ihrer Bewohner auszudrücken, eines ist niemals darunter: das Wort »erlösen«. Man darf annehmen, daß alle anderen, die leidenschaftlichsten Worte und die Ausdrücke verwickeltster, ja sogar deutlich als Ausnahme gekennzeichneter Beziehungen, in vielen Duplikaten gleichzeitig geschrien und geflüstert werden, zum Beispiel »Sie sind der größte Gauner, der mir je untergekommen ist« oder »So ergreifend schön wie Sie ist keine zweite Frau«; so daß sich diese höchstpersönlichen Erlebnisse geradezu durch schöne statistische Kurven in ihrer Massenverteilung über die ganze Stadt darstellen ließen. Niemals aber sagt ein lebendiger Mensch zu einem anderen »Du kannst mich erlösen!« oder »Sei mein Erlöser!« Man kann ihn an einen Baum binden und hungern lassen; man kann ihn nach monatelangem vergeblichem Werben zusammen mit seiner Geliebten auf einer unbewohnten Insel aussetzen; man kann ihn Wechsel fälschen und einen Retter finden lassen: alle Worte der Welt werden sich in seinem Mund überstürzen, aber bestimmt wird er nicht, solange er wahrhaft bewegt ist, erlösen, Erlöser oder Erlösung sagen, obgleich sprachlich gar nichts dagegen einzuwenden wäre.“ – „Der Mann ohne Eigenschaften”, Kap. 108

Fakten, Fakten, Fakten

8. Oktober 2016

Realismus, moralisch betrachtet: der schmale Grat zwischen Gutmütigkeit und Böswilligkeit.

Sitzen Sie kommod?

7. Oktober 2016

Die niederträchtige Form der Bequemlichkeit heißt Feigheit.

Konturenschärfe

6. Oktober 2016

Nur wer seine eigenen Grenzen immer wieder in Zweifel zieht, bekommt ein scharf konturiertes Bild von sich selbst.

Goldene Arbeitsregel

5. Oktober 2016

Die einfachste, aber wirkungsvollste Arbeitsregel lautet: Mach es so, dass du gern der wärest, für den du es tust. Der Lehrer sollte so dozieren, das er mit dem Schüler tauschen wollte; der Trainer so üben lassen, dass er am liebsten mitspielen wollte; der Manager so führen, dass er sein eigener Untergebener sein wollte; der Verkäufer so verführen, dass er sich mit Vergnügen von sich selbst einwickeln ließe; der Priester so predigen, dass er von seinen eigenen Worten sich trösten ließe.

Was zu vergessen lohnt

4. Oktober 2016

Gäbe es das Talent, sich mit Absicht nicht zu erinnern, so sollte man alle Gedächtnislücken dorthin legen, wo Erfolge zu verzeichnen sind. Es ist allemal sinnvoller das Gelingen zu vergessen als das Misslingen. Das steigert die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.

Trugbilder

3. Oktober 2016

Einigen Unternehmenslenkern bedeutet Führung nichts als das Management von Illusionen: Sie erzählen vom Umbruch ohne Spaltungen, von der Erneuerung ohne Verlust, vom Gewinn ohne Risiko, vom Risiko ohne Fehlern, vom Aufstieg ohne Fall, vom Erfolg ohne Scheitern.

Schwindel

2. Oktober 2016

Die Freiheit selber wird von keinem Empfinden begleitet, so wie die Befreiung als überwältigendes Glücksgefühl durchaus erlebbar ist. Das mag an ihrer Abstraktheit hängen, jener unglaublichen Vorstellung, man könne es mit der Unendlichkeit von Möglichkeiten aufnehmen. Nicht ohne Grund greift Sören Kierkegaard zum Sprachbild des Schwindels: „Solchermaßen ist die Angst der Schwindel der Freiheit, der aufsteigt, wenn … die Freiheit nun niederschaut in ihre eigene Möglichkeit, und sodann die Endlichkeit packt, sich daran zu halten.“*

* Der Begriff Angst, 60f.

Name Dropping

1. Oktober 2016

„Ich habe deinen Namen fallen gelassen“, sagt er stolz.
„Du solltest besser aufpassen. Er könnte dabei kaputt gehen“, erwidert sie besorgt.

Das führt zu nichts

30. September 2016

Als „theoretisch“ noch kein Schimpfwort, ging es lediglich darum, mehr zu sehen als andere. Unberührt vom Zwang eines Funktionsnachweises, oblag dem Denken nichts als die schönste aller Aufgaben: sichtbar zu machen, wozu es führt, wenn wir unserer Freiheit uneingeschränkt folgen können. So wurde möglich, was sich in der realen Optik meist wechselseitig ausschließt: auf scharfsinnige Art weitsichtig zu sein.

Unterhaltungskunst

29. September 2016

Die Formel für ein unterhaltsames Spiel, für spannenden Sport ist simpel: Es muss gelingen, das Ideal der Perfektion mit der Freude am Risiko zu verknüpfen. Das mag zwar eine contradictio in adiecto sein: fehlertolerante Vollkommenheit, aber es ist die Bedingung für Begeisterung.

Ich kann es nicht erklären

28. September 2016

Wie oft könnten wir uns die unsinnige Bitte um Verständnis sparen, wären wir nur beizeiten bei Verstand gewesen.

Verwürzte Kürze, zu kurze Wurzel

27. September 2016

Warum die Weisheiten der Welt stets als knappe Sätze formuliert sind? Weil sie so die glückliche Gelegenheit lassen, sich alles Mögliche in sie hineinzudenken. Und nicht Gefahr laufen zu verraten, dass sie nicht tief gegründet sind.

Alternativlos antidemokratisch

26. September 2016

Unter den politischen Systemen ist die Demokratie sicher die das anstrengendste. Nichts in ihr ist alternativlos; alles in ihr rechtfertigungsbedürftig. Sie gefährdet sich nicht zuletzt, weil sie unseren versteckten Hang zur Bequemlichkeit dauernd untergräbt und den Bürger auffordert, sich zu beteiligen.

Zeitverläufe

25. September 2016

Nichts verrät unser Verhältnis zur Zeit so leichthin wie die Augenblicke, in denen wir große Entscheidungen treffen: Der eine schaut vornehmlich in die Vergangenheit und wägt langatmig ab, was er alles verlieren könnte; der andere öffnet sich erregt der Zukunft und freut sich auf das, was er gewinnen wird. Hier hält sich der Zauderer auf. Dort handelt der Entschlussfreudige.

Der Nebel hat sich verzogen

24. September 2016

Klarer kann kein Gedanke sein als jener, der sich selbst erklärt. Langweiliger auch nicht.

Wer, ich?

23. September 2016

Wen, wenn nicht sich, sollte einer zeigen, der nicht gelernt hat, in die Rolle eines anderen professionell zu schlüpfen? Dem Vorwurf, man solle doch kein Selbstdarsteller sein, lässt sich nur mit Achselzucken begegnen, sofern man nicht als Schauspieler arbeitet. Es sind meist dieselben, die so reden, welche im gleichen Atemzug mehr Authentizität einfordern. Nur, auch das Schaf im Schafspelz kann nur es selbst sein, indem es sich mimt.

Kraftlos

22. September 2016

Zuversicht unterscheidet sich vom Mut durch die fehlende Tatkraft und von der Hoffnung durch die geringere Willensstärke.

Was alle sagen

21. September 2016

„Es ist alles schon gesagt, nur noch nicht von mir“: Dieser um keine Erklärung verlegene Satz über unsinniges Geschwätz bekommt plötzlich eine ungeahnte Tiefe als Kommentar zu Situationen, in denen ein Einzelner oft besprochene Erfahrungen macht, die er an sich selbst aber als singulär erlebt. Wie sehr auch eine Liebesgeschichte, ein einschneidender Abschied, eine Begegnung mit dem Schrecken der Welt nach Mustern ablaufen mag, für das Individuum ist das immer ein persönliches Drama, für dessen Deutung alle bisher vorgelegten Bemerkungen nicht hinreichen.

Wohltemperiert

20. September 2016

„Du bist so heiß“, sagt sie, seine Stirn fühlend. „Und du so kalt“, antwortet er, ihre Hand spürend. „Das ergibt eine laue Verbindung“, erwidern beide im schönsten Gleichklang.

Geist des Funktionärs

19. September 2016

Nicht dass wir eine Sache perfekt können, sondern wie sie wirkt, macht ihre Qualität.

Warum nur?

18. September 2016

Die erste Frage des Kindes: Warum?
Die erste Frage des Erwachsenen: Warum nicht?

Ego-Idiot

17. September 2016

Keine größere narzißtische Kränkung für den Egoisten als die Aufkündigung einer Gemeinschaft, die für ihn gar nicht existierte.

Entgrenzung

16. September 2016

Das Hauptmerkmal all unserer Träume ist, dass sie ohne Grenzen auskommen. Wenn sie Wünsche abbilden, geben sie einen Hinweis, was uns am meisten ausmacht: dass wir beschränkt sind – ein endliches Wesen mit unendlichen Ansprüchen.

The show must go on

15. September 2016

Aus der kleinen Serie „Der bessere Buchtitel“:

Die Welt durch die Brille der Verstellung
(Frei nach Schopenhauer. – Das sind leicht gekünstelte Sprachspielereien, ohne tiefere Bedeutung. Dennoch lässt sich aus dem Anklang an die originale Überschrift „Die Welt als Wille und Vorstellung“ etwas lernen: Die Veränderung des Titels geht ja rhythmisch nicht auf. Aus Vórstellung wird Verstéllung; die Betonung springt von der ersten auf die zweite Silbe. Und mit dieser Akzentverschiebung wechselt die Art der Weltbeziehung. Hier, bei der Vorstellung, rückt eine spezielle Stellung der Welt zu mir in den Vordergrund; dort, bei der Verstellung, stelle ich mich der Welt so dar, dass ich mich ihr überhaupt nicht mehr stellen will. Was aber nicht gelingt. Vielleicht lässt sich der Nachdruck, der auf die Stellung gelegt wird, so lesen: Auch bei der Verstellung stelle ich mich, ob ich will oder nicht.)

Abschiedsschmerz

14. September 2016

Nicht wenn eine Liaison gekappt wird, ist sie zuende, sondern erst wenn der Prozess ihrer Bewertung abgeschlossen ist. Das kann länger dauern als die Liebesgeschichte währte, um die es geht. Der abklingende Abschiedsschmerz dient dabei als Gradmesser für die Lebendigkeit einer Beziehung, der man heilsam entronnen ist, sobald sich das Urteil über sie nicht mehr ändert. Die beste Voraussetzung für einen neuen Anfang ist Dankbarkeit gegenüber allen früheren Erfahrungen. Sie schützt davor, noch einmal erleben zu wollen, was sich erschöpft hat.

Am seidenen Faden

13. September 2016

Abends in der Kneipe. Noch driften die Gespräche wie meist nach Mitternacht nicht ins Metaphysische ab; aber einen Hang zum Grundsätzlichen haben sie schon entwickelt. „Die Sprache ist das Nadelöhr zum Universum“, sagt der lokale Philosoph. „Und was ist der Faden?“, fragt sein Trinkkumpan. „Na, das Denken.“ „Dann haben die beiden, Nadel und Faden, aber ganz schön zu tun, wenn sie die Zerrissenheit der Welt heilen sollen.“ „Und das wird immer seltener“, erwidert der Meisterdenker, sein Weinglas schwenkend; „die Menschen heute sind zum Einfädeln viel zu ungeduldig, geschweige denn dass sie danach noch etwas zusammenfügen. Unser Talent zu analysieren ist viel größer als unsere Fähigkeit zur Synthese.“ „Das mag den Zustand erklären, in dem die Welt sich befindet.“ „Ja, ja. Aber was sagt das über uns?“

Wahrheitsgewichte

12. September 2016

Zuweilen hat man den Eindruck, dass Halbwahrweiten doppelt so stark wirken wie das, was wir als die Effekte des Wahren verzeichnen.

Racheakt

11. September 2016

Verschwörungstheorien sind die Trostgeschichten der Vergeltungsgesinnten.

Artiger Artist

10. September 2016

Der größte Fehler des Lebenskünstlers: entscheiden zu wollen, statt dem Lauf der Dinge zu vertrauen. Im Grunde ist Lebenskunst die Verniedlichung der Verantwortungslosigkeit.

Kein Luxus, nur exklusiv

9. September 2016

Die stillschweigende Forderung einer romantischen Liebe nach fehlerfreier Ausschließlichkeit scheitert meist daran, dass der Partner, im ehrlichen Bemühen darum, sein Talent zu lieben verkümmern lässt. Am Ende bietet er das traurige Bild eines Menschen, dessen Treue emotionaler Trägheit zum Verwechseln ähnlich sieht. Diese Exklusivität im Gefühl ist nicht luxuriös, sondern armselig.

Bauen denken

8. September 2016

Die Architektur ist voller Anthropomorphismen: Da bekommen Gebäude einen Charakter, sie berühren; Mauern atmen, Fassaden sprechen, Materialien klingen, manchmal sogar zusammen, Räume haben eine Temperatur, ja ein Temperament.
 So zieht die Seelenkunde ein in das Bauen oder die Kommunikationstheorie oder die Verführungskunst. Man nennt das Atmosphäre oder Anmutung. Doch was ist das? Obwohl die Atmosphäre deutlich zu spüren ist, ist sie dennoch nicht einfach da, wie Gegenstände einen Ort bevölkern oder Menschen einander gegenüberstehen. Es ist eine andere Art von Präsenz, die sich hier verdichtet. Sie drängt sich unwillkürlich und unwiderstehlich auf, entgleitet aber, sobald man sie packen möchte.Vielleicht erschließen sich Atmosphären, wie in der Meteorologie, am besten über Spannungsbögen. Darauf kommt es an: dass das Haus seine Anziehungskraft hält über Polaritäten, seine Lebendigkeit ausspielt, indem es nie nur das eine sein will. Atmosphären sind das Irgendwie im Raum, so wie das Anmutige ein Irgendwas am Raum darstellt.

Im Gespräch bleiben

7. September 2016

Ein Gespräch beginnt erst, wenn die Unterredung aufgehört hat: Es ist das, was nachklingt, sobald die Worte nicht mehr gewechselt werden. Zwischen zweien, die sich unterhalten haben, ist es das Dritte – eine Dimension eigenen Rechts, die in ihrer ganzen Kraft erst in dem Augenblick in Erscheinung tritt, da das Sprechen verstummt ist.

Ausgaben, Einnahmen

6. September 2016

Spätestens vom fünfzigsten Lebensjahr an bekommt die Begegnung mit Freunden den Charakter einer Lebensbilanz.

Vor lauter Bäumen

5. September 2016

In welchen Zeiträumen der Manager denn plane, fragt er. „Maximal fünf Jahre“, antwortet der Mann der Wirtschaft. „Und Sie?“ Verschmitzt erwidert er: „Mindestens zweihundert Jahre.“ „Jetzt verschaukeln Sie mich aber … In welcher Branche sind Sie denn tätig?“ „Ich bin Förster. Ohne die Vorstellung, dass die Gestaltung eines Walds erst sichtbar wird, wenn ich nicht mehr arbeite, geschweige denn lebe, geht es in diesem Beruf nicht. Die Früchte ernten spätere Generationen. Es ist ein ganz und gar unegoistisches Gewerbe. Aber wir nennen es auch Wirtschaft.“ Der Manager nickt still. „Unser Beitrag zur Ökonomie ist der Erholungsraum. Da müssen wir darauf achten, anders zu denken als geschäftlich. Wir arbeiten eher mit dem Unsichtbaren als mit dem Offenkundigen. Um das vielleicht zu verdeutlichen: Wenn Sie eine Wiese in den Wald setzen, ist sie in der Regel als Lichtung todlangweilig. Pflanzen Sie den Raum aber so, dass die Wiese um die Ecke geht, so dass Sie nicht sehen, wo sie endet, wird der Ort attraktiv. Das ist wohl der entscheidende Unterschied zwischen Ihrer Wirtschaft und der unsrigen: Wir wollen nichts zeigen, weil wir glauben, dass das allzu Augenfällige uninteressant ist. Wir verkaufen nicht, sondern verführen.“

Partnerwahl

4. September 2016

Gesprächspartner zu sein, ist eine selten vergönnte Rolle, trotz der vielen Unterredungen, in die wir Tag für Tag verstrickt sind. Sie gelingt nur im Wechselspiel – auch der andere muss dazu taugen – und vollendet sich im Dienst an einem dritten Größeren, dem Dialog, der die eigenen Gedanken schärft durch die Einreden des Gegenübers und, nicht zuletzt, inhaltlich zweckfrei dafür sorgt, dass man sich in dessen Gegenwart wohlfühlt.

Große Kunst

3. September 2016

Das zeichnet den Meister im Denken aus: dass er vereinfachen kann, ohne eine Sache zu verfälschen, und dass er Schwierigstes darzustellen vermag, ohne dass es unverständlich wird.

Drei Dinge

2. September 2016

Aus der Serie „Mann und Frau im Dialog“
„Drei Dinge“, sagt sie, „sind im Leben wichtig: Geld, Macht, Sex.“ „So viele?“ erwidert er. „Ich kenne nur eines, das entscheidend ist.“ „Ja, ja“, meint sie, „typisch Mann: nur das eine.“ „Du bist zu voreilig“, antwortet er, „denn was du für drei hältst, ist dasselbe. Geld bedeutet, Macht zu haben. Und wer davon genügend besitzt, ist deutlich begehrter als andere. Macht wiederum ist der Sex wenigstens der Älteren. In der Regel kommt zu ihr dann auch der Reichtum, nicht selten durch Eroberungen aller Art. Und Sex? Ist natürlich eine Währung, die wir einsetzen, um unsere Macht über andere Menschen auszuspielen.“ „Na gut“, schließt sie, „dann brauche ich von dir jetzt nur das eine.“ Er grinst. Sie aber will: „Ein wenig Geld.“

Kritik der zynischen Vernunft

1. September 2016

Die eigentlichen Spaßvögel des Denkens sind nicht die Zyniker oder Freunde der gepflegten Ironie, sondern die Gnostiker. In den entscheidenden Fragen, Anfang und Ende, nehmen sie das Leben nicht ernst.

Luftikusse

31. August 2016

Fernreisenden wie ihnen, eignet dennoch regional Typisches: Man sollte Wolken unterscheiden können je nach Landesart. Im Norden sehen sie anders aus als im Gebirge; und könnten sie sprechen, unterhielten sie sich wohl im Dialekt, friesisch hier, oberschwäbisch dort.

Ansteckungsgefahr

30. August 2016

Wie die Fröhlichkeit eines Menschen andere anregt, es ihm gleichzutun, und in die Gemeinschaft lockt, so zwingt ihn dessen schlechte Laune in die Vereinzelung. Es gibt kein dauerhaft gedeihliches Miteinander unter den Miesepetrigen. Der Preis der Verbitterung ist Einsamkeit.

Olympische Idee

29. August 2016

Je älter ein Leben, desto eher gilt als Hauptmotiv das olympische Motto: Dabei sein ist alles.*

* So wurde der Satz nie gesagt. Er ist einer von denen, die schon so alt sind, dass über ihren Gebrauchsspuren nicht mehr zu erkennen ist, woher sie rühren. Im Jahr 1908, nach einem Streit zwischen britischen und amerikanischen Wettläufern, soll Pierre de Coubertin, der Gründervater der modernen Spiele, gemeint haben: „Das Wichtige an den Olympischen Spielen ist nicht zu siegen, sondern daran teilzunehmen; ebenso wie es im Leben unerlässlich ist nicht zu besiegen, sondern sein Bestes zu geben.“ Aber da zitierte er auch nur Bischof Ethelbert Talbot.

Verwaltungsakt

28. August 2016

Ein verstecktes Talent der Bürokratie ist ihre gerontologische Bestimmungsgenauigkeit. Nichts gibt zuverlässiger Auskunft über das wahre Alter einer Gesellschaft als das Maß ihrer Verwaltungstätigkeiten.

Dreidimensional

27. August 2016

Drei Formen, zur Wirklichkeit Zugang zu finden, die im Idealfall einer spannungsreichen Beziehung mehr sehen lassen: Wenn die Welt der Buchstaben sich mit der Welt der Zahlen und der Welt des Witzes verbinden, bleibt das Gespräch über das, was ist, lebendig. Im Verhältnis von Qualität, Quantität und Quatsch zeigt sich, was wir vom Leben verstehen.

Was kann ich für Sie tun?

26. August 2016

Neben der Rolle als dezenter Unterhaltungskünstler und dem aufmerksamen Talent zur Fürsorge obliegt dem geschickten Gastgeber vor allem eine Pflicht: den Geladenen das Gefühl zu geben, dass passieren kann, ja soll, was will – eines werde nie passieren: dass ihnen etwas passiert. Gast zu sein bedeutet, in einen Schutzraum einzutreten.

Herrschaft, Knechtschaft

25. August 2016

Jedes Regelwerk beginnt damit, dass es eingesetzt wird, um Handlungen zu ermöglichen, indem es sie entlastet von der Frage: Wie entscheiden? Und es endet damit, dass es den Handlungsfreiraum erstickt unter einem Wust an Vorschriften, indem es nichts mehr übrig lässt, was noch entschieden werden müsste.

Spezialthemen

24. August 2016

Jede Frage, auch die umfassende, einem Fachgebiet zuzuordnen und deren Behandlung den Experten zu überlassen, macht die moderne Denkfaulheit aus. Es ist dumm, sich für alles das Wissen von Spezialisten auszuleihen, wenn es doch nur darauf ankommt, die eigene Unmündigkeit in den Zusammenhängen zu überwinden.

Tiefpunkt

23. August 2016

Macht, die sich verabsolutiert, wird schamlos. Sie handelt im Glauben, dass nichts sie gefährden könne, und provoziert die Wut derer, die sich ihr ergeben müssen. Auf dem Höhepunkt ihrer Unangreifbarkeit verliert sie das Gespür dafür, im Maße ihrer Reichweite auch verantwortlich zu sein, und bereitet so jenen Aufstand vor, der sie ablösen wird.*

* Allzu viele Konstellationen, die jene verhöhnende Gleichgültigkeit der Machthaber dokumentieren gegenüber einem Publikum, das zu fürchten sie meinen, ignorieren zu können: das IOC, das das russische Staatsdoping trotz erdrückender Beweise verniedlicht, das zudem in seine Kommission eine Athletin aufnimmt, die der chemischen Manipulation ihrer Leistungen verdächtig ist und für die Spiele gesperrt war; ein türkischer Präsident, der die Weltbevölkerung zynisch täuscht und einen Putschversuch maßlos nutzt, seine Kritiker mundtot zu machen; eine europäische Staatengemeinschaft, die mit Partnern paktiert, die sie an der Nase herumführen, und die das der Bevölkerung als diplomatisches Geschick verkauft; ein Vorkämpfer für den Brexit, der monatelang an einer offenkundigen Lüge festhält, weil er kalt kalkuliert, mit ihr zu gewinnen, und sich nach dem Sieg aus der Verantwortung stiehlt; ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat, dessen Intelligenz immerhin ausreicht, mit der Dummheit einer Bevölkerung leichtfertig zu spielen, eine Regierung, die öffentlich Rechtsbrüche begeht, indem sie diese für moralisch notwendig erklärt …

Lebenslogik

22. August 2016

Eines der größeren Missverständnisse menschlicher Existenz ist zu glauben, dass das ungelebte Leben verschwindet, wenn man es lebt.

Berufswechsel

21. August 2016

Ein Philosoph ist ein Theologe, der sich aufgegeben hat. Ein Journalist ist ein Schriftsteller, der er nie hat werden können. Ein Berater ist ein Manager, dem es an Unternehmergeist fehlt.

Des Denkens überdrüssig

20. August 2016

Nicht wenige Handlungen haben zur Ursache, dass sich die Gedanken mit sich selbst langweilen.

Talentförderung

19. August 2016

Solange einer dankbar ist, bleiben seine großen Begabungen menschlich.

Theoretische Prüfung

18. August 2016

Niemand zweifelt so stark an einer Praxis ohne Theorie wie an einer Theorie, der die Praxis fehlt.

Heute, heute, nur nicht morgen

17. August 2016

Aus der Reihe „Sätze, die im Spiegel besser aussehen“:

Was du morgen kannst besorgen, das verschiebe nicht auf heute.

Liebesgeschichte

16. August 2016

Verliebt: die Liebe als Kitsch
Verlobt: die Liebe als Kunst
Verheiratet: die Liebe als Kuriosität (nicht selten)

Prozess denken

15. August 2016

Es gehört zur Moderne, dass sie sich mehr für den Prozess interessiert als für das Ergebnis. Nicht ganz à jour sind hingegen all jene, die nur wissen wollen, was das Resultat sei, ohne davon Kenntnis zu nehmen, wie es zustande gekommen ist: Analysten, Controller, Quoteninformanten, Menschen, denen die Zeit plötzlich knapp wird, wenn jemand ansetzt zu erklären.

Loch im Bauch

14. August 2016

In jeder Frage steckt der Anspruch, eine Antwort zu erhalten. Und sei es die Erwiderung, dass man keine erwarten darf. Die Schwäche, auf einen anderen angewiesen zu sein, um die eigene Sache zu vervollständigen, äußert sich in der Frage angriffig, als Versuch zu zwingen. Nur so lässt sich verstehen, warum es gleich als eine Missachtung des Ichs ausgelegt wird, wenn sich einer die sich Freiheit nimmt, nichts zu entgegnen.

Pointensicher

13. August 2016

Menschen, in deren Gegenwart man sich gut unterhalten fühlt, sind Meister im treffsicheren Weglassen. Nicht das, was sie erzählen, vergnügt, sondern das, was sie uns ersparen, auf dass wir uns selber beteiligen. Wer die Kurzweil sucht, muss ein gehöriges Maß an Eigenleistung erbringen. Lachen verlangt keine Intelligenz, aber Heiterkeit.

Kreuzwörter

12. August 2016

„Das kann ich nicht“, sagte er immer dann, wenn er offensichtlich keine Lust hatte, es zu tun.
„Ich habe keine Lust“, sagte sie meist, wenn sie etwas nicht konnte, wozu sie aufgefordert worden war.

Demokratischer Wandel

11. August 2016

Ehedem lautete der Kernsatz eines demokratischen Systems: Jedes Wahlvolk hat den Politiker, den es verdient. Heute heißt die ernüchternde Einsicht: Jeder Politiker hat das Wahlvolk, das er verdient.

Der erste Satz des Tages

10. August 2016

„Ich weiß jetzt endlich, wie ich meine Träume zuverlässig verwirklichen kann“, sagt sie, kaum dass die Nacht für sie zuende ist. „Und wie?“ fragt er. „Du musst einfach mal aufwachen.“

Zu guter Letzt

9. August 2016

Menschen, die Schwierigkeiten haben einen Punkt zu machen, verfehlen in der Regel auch die Pointe, wenn sie etwas erzählen. Nicht sein Anfang, aber das Ende gibt dem Gedanken Schärfe. Pointen sind erinnernswerte Punkte.

Familienmensch

8. August 2016

Niemand liebt die Familie so sehr wie das Kind und der alte Mensch. In den Zwischenjahrzehnten lässt sich die individuell wichtige Frage, wo einer sich verorten will, nicht an eine Gemeinschaft delegieren. Es bedarf da schon elementarer Kräfte, damit zwei sich verpartnern.

Ersatzreligion

7. August 2016

Wo die Religion moralisch oder politisch wird, glaubt sie sich selbst nicht mehr.

Raum-Zeit-Kontinuum

6. August 2016

Wie sehr das Raumerlebnis eine Zeiterfahrung bedeutet, weiß niemand besser als der Reisende, der sich an Stätten verirrt hat, an denen er, noch Kind, einst den familiären Urlaub verbrachte. Die Orte haben sich verändert, gewiss, aber Stimmung, Gerüche, Menschenschlag scheinen gleichgeblieben zu sein, so dass im Augenblick früheste Erinnerungen hervorbrechen durch eine dichte, doch instabile Schicht aus Vernünftigkeit, Enttäuschungsfestigkeit, Abgestumpftheit. So vorbereitet, geschieht Wunderbares: Man schläft noch einmal den Schlaf der Unschuldigen.

Abstiegsangst

5. August 2016

Jeder Bergsteiger teilt seine Kräfte so ein, dass sie für den anstrengenderen Teil der Wanderung ausreichen: den Abstieg. Nur der Karrierist meint, seine ganze Konzentration darauf versammeln zu sollen, dass es für ihn stets nach oben geht. Dabei hilft ihm nicht nur das allzu menschliche Talent, schier unbegrenzter Anpassungsfähigkeit, sondern vor allem sein geschultes Auge, alles zu meiden, worin er einen Fehler machen könnte. Nichts ist risikoscheuer als ein gewöhnlicher Ehrgeizling.

Postkartenkitsch

4. August 2016

Kitsch entsteht immer dann, wenn einer meint, seine Träume, Sehnsüchte, Gefühle ohne Umschweife einer Realität zumuten zu dürfen, die nichts weniger verträgt, als daran erinnert zu werden, dass sie zu Überschwang keinen Anlass gibt.

Blick nach Osten auf die westliche Spitze der südlichsten unter den nordfriesischen Inseln
Blick nach Osten auf die westliche Spitze der südlichsten unter den nordfriesischen Inseln

Hirnmuskel

3. August 2016

Der schönste Effekt körperlich harter Arbeit: die Gedanken werden schlicht.

Privatissimum

2. August 2016

Sobald ein Gefühl sich sprachlich auszudrücken weiß, hat es seine Besonderheit verloren. Der Satz „Ich vermisse Dich“ wird täglich millionenfach geäußert, meint aber je eine andere Sehnsucht. Nur wenn sie schweigt, kann sich die Liebe gewiss sein, einzigartig zu bleiben, das privateste aller Weltereignisse.

Diktaturen

1. August 2016

Die heutigen Demokratien werden nicht mehr zerrissen zwischen Kommunismus und Kapitalismus, sondern zerrieben von den Diktaturen der Korruption und des Klischees.

Darf ich Dich siezen?

31. Juli 2016

Der größte Vorteil des Sie gegenüber dem Du: Es taugt besser für die nuancierte Beleidigung.

Und nun gute Unterhaltung

30. Juli 2016

Befreit vom Ballast der Böswilligkeit gilt das Paradies auch unter denen, die glauben, dass sie es verdient hätten, ehrlicherweise als langweiliger Ort. Unsere Vorstellungskraft reicht nicht aus, uns eine unterhaltsame Welt ohne Rivalität, Streitlust, Konfliktlinien zu denken, so sehr wir uns danach sehnen. Nicht wenige Idyllen enttäuschen tief in dem Augenblick, in dem sie aus dem Stadium des Wunschs heraustreten in die Wirklichkeit – gerade weil sie halten, was sie versprechen.

Gefühlsordnung

29. Juli 2016

Neid: Pein, die mit der Bewunderung anderer einhergeht.
Missgunst: Bewunderung, die sich hinter dem Leid versteckt, das sie anderen verursacht.
Eifersucht: Verwunderung, dass ein anderer die Kraft hat, Schmerz auszulösen, ohne dass er etwas gemacht hat.

Schmalband

28. Juli 2016

Internet auf dem Land? Kein Problem: Obwohl der Regen einsetzt, ist die Wäsche immer noch on line.

Andersherum wird ein Schuh draus

27. Juli 2016

Aus der Reihe „Sätze, die im Spiegel besser aussehen“:

Und jedem Zauber wohnt ein Anfang inne.*

* Weder Rilke noch Rinke

Anschlag auf den Kopf

26. Juli 2016

Für einen Augenblick irrt der leicht orientierungslose Zugbegleiter durch den Gang. Wo er denn hinwolle, fragt der Reisende rollenvertauscht. „Ach, ich überlege nur, von welcher Seite ich mit dem Abrüsten anfange.“ „Was ist das denn für eine martialische Tätigkeit?“ „So heißt bei der Bahn offiziell das Aufräumen der Wagen, wenn wir den Zielbahnhof erreicht haben.“ „In diesen nervösen Tagen ist eigentlich egal, welche Seite mit dem Abrüsten zuerst dran ist. Hauptsache, es beginnt irgendwo“, meint der Fahrgast. „Da gibt es schon Unterschiede“, widerspricht der Dienstmann. „Nur im Risiko“, antwortet der Mitfahrer, „aber ich muss jetzt aussteigen“. Da rafft sich der Bahnmitarbeiter zu einem letzten Wort auf, mit dem er zeigt, dass er den doppelsinnigen Dialog in wiedererlangter Klarheit zu beschließen willens ist: „Aussteigen geht nicht, wenn man die Pflicht hat abzurüsten.“

Der Mensch als Transitstation

25. Juli 2016

Sie klingen nur ähnlich, zeigen aber eine eine große Differenz an: Der Satz: „Das Leben geht weiter“ ist der Inbegriff des trotzigen Trosts wider jene Untröstlichkeit, die sich Ausdruck gibt in der folgenreichen Formel: „Das Leben geht vorüber“. Beides ernstgenommen heißt: Der Mensch ist das Wesen, das sich selbst hinterherläuft und darauf achten muss, dass es nachkommt.

Heldendämmerung

24. Juli 2016

„Unglücklich das Land, das keine Helden hat“, so reagiert in Brechts Drama einer der Schüler des Galilei unwirsch auf das Glockengeläut, das dessen Widerruf seiner Thesen vor der kirchlichen Autorität annonciert.* Und der Meister antwortet: „Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Es ist der Satz des postheroischen Zeitalters und der eines großen Missverständnisses. Nicht der Held wird verabschiedet, nur jene Figur, der es um Größeres geht als das Eigene. Denn in dem Maße, wie die narzisstische Bereitschaft wächst, „Ich!“ – vielleicht nicht zu sagen, aber – zu leben, bildet sich auch jene Form des Heldentums aus, der es weniger darum zu tun ist, die Interessen anderer stellvertretend zu übernehmen um eines höheren Werts willen, als sich selbst ins Zentrum einer Geschichte zu rücken. Und deren pathologische Verirrung der Herostrat darstellt.

* Das Leben des Galilei, 13. Aufzug

Worauf zu vertrauen lohnt

23. Juli 2016

Gefahrengemeinschaften, die einer juristischen Bestimmung zufolge „ihrem Wesen nach auf gegenseitige Hilfe angelegt“* sind, entwickeln sich zu Wertegemeinschaften immer dann, wenn Menschen erkannt haben, dass sie das Vertrauen ins Leben teilen (und dieses der Sehnsucht nach dem Tod allemal vorziehen). Vielleicht braucht man nicht viel mehr an Geisteshaltung, um gesellschaftlich gut miteinander auszukommen.

* Schönke/Schröder/Stree/Bosch et al., StGB-Kommentar, § 13, Rn. 23.

Nächste Frage, bitte

22. Juli 2016

Die größte Leistung des Erfolgs ist seine größte Gefährdung: dass man die Antwort kennt. Mit der Lösung verschwindet nicht nur das Problem, sondern oft auch die Lust, weiter zu fragen, sich zu öffnen, neugierig zu sein.

Höchste Disziplin

21. Juli 2016

Menschen, deren Ansprüche an sich selbst niedrig sind, können nicht heucheln. Das Maß der Verstellung wächst mit der moralischen Kompetenz. Nur wer nach einem Heiligenschein strebt, tappt auch in die Falle der Scheinheiligkeit.

Wie geht es dir mit dir?

20. Juli 2016

Sollten Maschinen einer späteren Zeit über die unsere schreiben: So berichteten sie von Menschen, die begeistert jene Apparate erfunden und ins Alltagsleben eingeführt haben, deren einzige Aufgabe es gewesen ist, ihre Konstrukteure abzuschaffen. In einem solchen Text würde jede Information detailgetreu wiedergegeben werden, eines aber enthielte er nicht – das Erstaunen über diesen Entwicklungsschritt. Wenn wir noch fragen, was uns im Wettbewerb mit künstlicher Intelligenz überlegen sein lässt: Es ist die Fähigkeit, zum Eigenen sinnvoll Distanz aufnehmen zu können. Wie geht es mir damit? ist eine Frage, die die Maschine nicht versteht.

Geschäftspraxis

19. Juli 2016

Der öffentliche Zweifel an den eigenen Fähigkeiten behindert das Geschäft. Die heimliche Fraglichkeit des eigenen Talents befördert dessen Inhalte.

Hierarchonten

18. Juli 2016

Wie oft Macht abgeleitet ist aus dem niederen Talent, andere klein zu machen, so dass sich der eigene Dünkel aus dem Vergleich speisen kann, spürt ein Beobachter, wenn plötzlich ein noch Mächtigerer ins Umfeld tritt. Dann gerät der einst sich Hochschätzende schnell ins Kleinliche, seine sonst so stolze Stimme beginnt zu vibrieren, seine Rede verhaspelt sich und verirrt sich im Detail. Unsicher mimt er den Suchenden, vermeidet Behauptungen, die er gewöhnlich im Gestus der Unantastbarkeit vorträgt, und setzt hinter jeden noch so schwachen Satz ein Fragezeichen, das um Einverständnis bettelt. – Wirklich mächtig ist, wem es gelang, sich aus der Hierarchie zu befreien, die ihn einst nach oben getragen hat.

Logik der Angst

17. Juli 2016

Sicheres Kennzeichen, dass die Angst vorherrscht: Originalität wird bestraft.

Du musst dein Leben … ändern?

16. Juli 2016

Die Dummheit des Handelns hat einen Namen. Sie heißt Bequemlichkeit.

Nur nicht aufgeben

15. Juli 2016

Zur Rhetorik der Verhandlung gehört, am Anfang zu betonen, dass man den Erfolg einer Vermittlung von zwei höchst unterschiedlichen Positionen für unwahrscheinlich hält, und am Ende herauszustreichen, wie stark die Einigung daran hing, dass man festgehalten hat an dem, was man zuvor noch für den Grund hielt, die Sache scheitern zu lassen.

Frei sein, befreit sein

14. Juli 2016

Unabhängigkeit ist jene Form der Freiheit, die sich ihrer Herkunft bewusst geblieben ist und nicht auch noch die eigene Geschichte abgestreift hat.

Der Verstand als Luftikus

13. Juli 2016

Manchmal ist die Phantasie nichts anderes als ein Verstand, der aus Gewohnheit weiterdenkt, obwohl er seinen Gegenstand längst verloren hat, so wie alte Ventilatoren sich noch eine Zeitlang drehen, ungeachtet dessen, dass der Stecker längst gezogen ist. Es wird noch ein bisschen Staub aufgewirbelt, heiße Luft hinausgeblasen, aber der Sache fehlt die elementare Kraft. „Phantastisch!“ ist stets ein zweifelhaftes Lob, irgendetwas zwischen irreal, irregulär, irrelevant und irrwitzig überraschend.

Und was hat das zu bedeuten?

12. Juli 2016

Deutsche Spezialität: das leicht Verständliche steht im Verdacht der Gedankenseichtheit; das allzu Unverständliche wird von der Vermutung begleitet, Tiefes zu bedeuten.

Der heimliche Held

11. Juli 2016

Der moderne Protagonist, auf seine auffällige Leistung angesprochen, zeigt sich verlegen und bescheiden. Die Mannschaft, das Umfeld, die Unterstützung durch die Fans: Es klingt wie die biographische Entschuldigung eines Angeklagten, der dem Richter weismachen will, für die Tat wenigstens nicht verantwortlich zu sein, wenn denn schon zweifelsfrei erwiesen ist, dass er sie begangen hat. Im Zeitalter absoluter Kommunikation spricht sich die Nachricht vom Helden überall herum; nur ihn selbst scheint sie nicht zu erreichen. Aber lässt sich ein Idol ohne Selbstbewusstsein denken?

Väter

10. Juli 2016

Väter sind jene Lebensfiguren, denen das größte Konstruktionspotential anhaftet. Wo gibt es sonst die Steigerung bis hin zum Übervater? Keine Übermutter, kein Überbruder, keine Überfreundin, allenfalls noch das peinliche Über-Ich, das eher quält als begeistert. Selbst dort, wo der Vater nach langen, enttäuschenden Auseinandersetzungen mit seinen Kindern unten durchrutscht, verrät die starke negative Einstellung ihm gegenüber als Gegenbild noch das, wovon man sich glaubt, verabschieden zu müssen, und erfährt, dass man es nicht recht kann. Es ist erst der Tod des Vaters, an dem meist erschüttert wie erleichtert Sohn oder Tochter erleben, dass sie in dieses Verhältnis allzu viel hineingelegt hatten: weil seine Endlichkeit als Verrat wahrgenommen wird an der Vorstellung, dass er, der gewiss wie kein anderer Auskunft geben konnte über den eigenen Anfang, auch ein Prinzip zu sein vermöchte.

Nichts als Arbeit

9. Juli 2016

Was oft übersehen wird: Nicht nur die Niederlage muss verarbeitet werden. Auch der Erfolg bedarf einer analytisch-kritischen und, nicht zuletzt, psychischen Nachbetrachtung. Was hier dazu dient, es künftig besser zu machen, sollte dort nicht anders sein. Weder das Missglücken noch der Sieg sind Errungenschaften, die auf Dauer einen Status begründen. Ein Weltmeister, der nicht Europameister wurde, wird anders wahrgenommen und anerkannt. Die Arbeit, die auf einen Fehlschlag wie einen Triumph gleichermaßen folgt, hat vor allem eine Aufgabe: beide nicht nur als das Ergebnis eines Prozesses zu begreifen, sondern als Versprechen oder Verpflichtung für Künftiges. Jeder Erfolg ist die Pleite von morgen – das ist sein Problem. Jeder Rückschlag kann einen Siegeszug auslösen – das ist seine Verheißung.

Lesetipps

8. Juli 2016

Fallen des Lesens: leichter, gefälliger Stil, der die Gedankentiefe verschleiert; plakative Sätze, die dem Ernst der Sache nicht einmal angemessen wären, wenn der Autor sein Publikum unterschätzt hätte; zu viele Nebenschauplätze, die von der Hauptidee ablenken; viele kurze Kapitel, die den Ausstieg provozieren; verlegerisch erzwungene Kürzungen, die zu Sinnenstellungen führen; ein Übermaß an Anregungen, die nicht in den Text zurückfinden lassen … und dann noch ein Ärgernis des Lesens: Bücher, die gerade erschienen sind, aber bei der Lektüre den Eindruck machen, man habe alles schon einmal woanders gelesen.

Systemfrage

7. Juli 2016

Wie gut ein System ist, zeigt sich nicht an seiner Folgerichtigkeit und der (möglichst geringen) Anzahl von Ausnahmen, die man machen muss, um es in seiner Geltung nicht zu gefährden. Sondern es zeigt sich dort, wo es ihm gelingt, diese Ausnahmen zu seiner eigenen Sache zu machen, wo das Unsystematische, Irrlichternde, Situationsbedingte es allererst in seiner Stärke sichtbar werden lassen. Der Hang eines Systems, dogmatisch zu werden, schwächt es.

Direkte Demokratie

6. Juli 2016

Was Demokratie stillschweigend voraussetzt: die kühne Annahme, dass höchst unterschiedliche Menschen sich ein eigenes, urteilskräftiges Bild machen können über politische Programme, indem sie die Sätze, aus denen sie formuliert sind, gleichermaßen eindeutig verstehen – so dass sie verständig über dasselbe entscheiden. Jenseits eines Kommunikationsproblems ist das eine Maxime der Bildung. Verlangt wird analytische Schärfe, Logik, Urteilskraft, hermeneutisches Bewusstsein, kritischer Geist. Je direkter eine Demokratie, desto höher der Anspruch an diese Fähigkeiten.

Sich distanzieren können

5. Juli 2016

Taktik ist die Fähigkeit, zu einer Sache, die man voller Engagement betreibt, jederzeit den nötigen Abstand finden zu können, ohne fürchten zu müssen, sie zu verlieren. Es gehört zu den Kunstfertigkeiten eines intelligenten Fußballspielers, sich um des Erfolgs willen aus der Kampfzone für kurze Zeit herauszuhalten, Räume freizugeben, in die eine Mannschaft dann mit umso größerer Wirkung hineinstoßen kann. Wegen dieses Talents, die Nahsicht eintauschen zu können in die Vogelperspektive, das Tun nicht als Gegenteil des Lassens anzusehen, versteht der taktisch Denkende die Grundannahme jeder Strategie: dass es keine Alternative ist, sich am Gegner zu orientieren oder auf die eigenen Stärken zu besinnen.

Teilhabe

4. Juli 2016

Eine schwierige Situation: das Ganze meinen, einen Teil aber nur haben zu können. Deswegen gelingt Teilhabe besser dort, wo alle, die partizipieren, auf nichts verzichten müssen, weil sich gar nicht teilen lässt, worum es im Ganzen geht: in der Politik, in der Liebe, am Glück.

Was denn nun?

3. Juli 2016

Der erste Eindruck zählt, heißt es: Auf ihn zu bauen, könnte allerdings meinen, dass man das Beste versäumt.
Der letzte Eindruck bleibt, sagt man: Ihn für den entscheidenden zu halten, würde indes bedeuten, dass man das Ergebnis nicht versteht, weil man den Weg nicht kennt, auf dem es erzielt wurde.

Das Unbehagen in der Kommunikation

2. Juli 2016

Kommunikationsexperten: Menschen, die sehr beredt sind, wenn es darum geht zu zeigen, wie wir einander missverstehen. Und sehr einsilbig werden, wenn sie gefragt werden, wie es anders gehen könne.

Neunzig Minuten

1. Juli 2016

Die heiße Phase hat begonnen.

Macht dumm

30. Juni 2016

In dem Maße, wie die Macht ihren Widerstand verringert, an dem sie sich einst abarbeiten musste, fördert sie die eigene Dummheit. Wer klug und klar werden will, lernt dies am ehesten über die Anstrengung, die ihm abverlangt wird in Auseinandersetzungen. Konkurrenz belebt zwar nicht immer das Geschäft, aber sie erhöht die Intelligenz eines Unternehmens. Das ist die vornehmste Aufgabe einer parlamentarischen Opposition: dass sie die Regierung zwingt, nach- und vorauszudenken.

Unbedarft erwachsen sein

29. Juni 2016

Die Naivität der Erwachsenen hat einen Namen: Sie heißt Innovationsmanagement.

Nullsummenspiel

28. Juni 2016

Der Spieltheoretiker als Politiker wird zum Hasardeur. Er kennt den Unterschied nicht zwischen Gewinnen und Siegen.

Ich habe an dich gedacht

27. Juni 2016

Nur einmal im Jahr lugt für einen ehrlichen Augenblick jene zweite Welt, in der wir die anderen in unseren Gedanken oder mit dem Herzen begleiten, in die Realität hinein: am Geburtstag. An ihm wird die Probe aufs Exempel gemacht, ob wirklich jene an uns denken, von denen wir denken, dass sie es müssten, indem sie sagen, was wir von ihnen erwarten. Da sortieren sich die Freunde jedesmal neu – in solche, an die nur wir denken, und solche, die nur an uns denken, und solche, von denen wir hoffen, dass sie bloß vergessen haben, daran zu denken, es uns zu sagen, dass sie an uns denken, und solche, die weil sie an uns denken, denken, es uns nicht sagen zu müssen, und solche, an die wir denken, weil sie an uns denken. Wenige Tage geben so viel Gelegenheit, etwas fundamental falsch zu machen.

Einheitsbrei

26. Juni 2016

Dort, wo international gekocht wird, findet man vietnamesische, marokkanische, griechische oder russische Restaurants, den obligatorischen Italiener von nebenan ohnehin, aber keine Gaststube, auf der „Internationale Küche“ steht. Die gibt es nur dort, wo einer nicht weiß, was er anbieten soll, weil ihm die Hausmannskost zu fad schmeckt und für das fremde Rezept das Talent fehlt.

Ungeschehen machen

25. Juni 2016

Politik sei, einem berühmten Satz zufolge*, die Kunst des Möglichen. Allerdings ist sie darauf beschränkt, geschehen zu machen, was man sich ausgedacht hat. Was aber, wenn den professionellen Ermöglichern unterläuft, was nie hätte gelingen dürfen? Den Beruf des Ungeschehenmachers gibt es nicht, so sehr man ihn sich manchmal wünschte. Da bleibt nur der Rücktritt als kleinlautes Eingeständnis, dass der Begriff „Kunst des Möglichen“ zuweilen eine düstere Färbung einnimmt, weil allzu offensichtlich ist, was alles unmöglich bleibt. Ungeschehen zu machen, was schon falsch gewesen ist, als man es sich ausgedacht hatte, vermag allenfalls die Verzeihung. Sie ist jene Geste, die es nie im Institutionellen geben kann, sondern die nur zwischen Individuen ihren Platz findet. Man könnte sie vorsichtig eine Kunst des Unmöglichen nennen.

* Das Wort wurde Bismarck schon zu dessen Lebzeiten zugeschrieben, stammt aber wohl vom Kämpfer für die politische Einheit, dem Historiker und Politiker Friedrich Christoph Dahlmann.

Grenzfall

24. Juni 2016

Die Grenzen einer Wirklichkeit bedeuten die Grenzen ihrer Wirksamkeit.

Good luck, be happy

23. Juni 2016

Es liegt im Zusammenspiel der zwei Bedeutungen im Wort „Glück“ wohl doch eine größere semantische Weisheit, eine Sprachlist, die anzunehmen bei begrifflichen Zufällen sich sonst verbietet. So allein lässt sich nämlich erklären, warum in Lebenswelten, die das Gelegenheitsglück durch Berechnung erfolgreich zu überlisten und auszumerzen suchen, sich jenes andere tiefe Lebensglück meist nicht wirklich einstellen will. Vielleicht gehört zur Kunst einer gelingenden Existenz entscheidend, dass sie nicht kalkulierbar ist. Und die Ahnung, dass nichts unzufriedener macht als ein genaues Datenwissen über eine menschliche Angelegenheit. Wenig sorgt für hartnäckigere Langeweile als Daseinsformen, die sich der Statistik vollständig verschrieben haben.

Stadt, Land, Flucht

22. Juni 2016

Stadtpflanze: ein Mensch, der keine Zeit hat, darüber nachzudenken, was andere nicht erleben.
Landei: ein Mensch, der Zeit hat zu erleben, worüber andere noch nachdenken.

Die Sprache ist redselig

21. Juni 2016

Kann einer gut denken, der schlecht schreibt? Man will es nicht glauben, so lang Klarheit, Stimmigkeit, Lebendigkeit, Schärfe, Spannung, Spiellust, sie alle Eigenschaften darstellen, die hier wie dort in Anspruch genommen werden können, für die tiefe Reflexion wie den reichhaltigen Text. Und doch bleibt der Vorbehalt, es sei durchaus möglich in dem Maße, wie wir zwischen Denken, Schreiben und Sprechen einen Unterschied setzen.

Gefällt

20. Juni 2016

In letzter Instanz verurteilt der Richterspruch das Leben zu einer Eindeutigkeit, die es von sich aus nie finden kann. Warum? Damit es weiterlebt. Zur Wirklichkeit einer Existenz gehört nicht nur, dass sie faktisch auf viele Möglichkeiten verzichtet, anders zu sein. Sondern vor allem, dass sie sich entschließt, die ungezählten Auslegungsangebote abzulehnen, die ein zwangsbeschränkter und derart gekränkter Geist anbietet, sich jene Festgelegtheiten schönzureden. „Urteil“ – ob juristisch oder ästhetisch, sozial, logisch oder psychisch – heißt jene Interpretation, die sich gegen andere durchgesetzt hat. Das Urteil ist stets eine Machthandlung. Und, bei aller Begründung (die ins Unendliche tendiert), notwendig rhetorisch. Die Rhetorik ist der sprachliche Rettungsgriff für Fälle, in denen alles eine Auslegungssache ist – weil nur so beschlossen werden kann, was darum wirbt, jederzeit neu verstanden werden zu können.

Das Alphabet der Bürokratie

19. Juni 2016

Wenn ein Behördenmitarbeiter, der eine Sache klären kann, generös sagt, da finde sich eine unbürokratische Lösung, meint er in der Regel irgendeinen politischen Weg. Wenn derselbe ankündigt, dass sich in einer Angelegenheit gewiss eine politische Entscheidung abzeichnen dürfte, fragt er nicht nach deren Wirtschaftlichkeit. Wenn er bestimmt, das Ansinnen selber erst noch einmal durchzurechnen, räumt er ein, dass es durch die Mühlen der Bürokratie muss.

Na, du

18. Juni 2016

Mit klugen und behutsamen Beiträgen bereichert ein Teilnehmer die Gesprächsrunde so, dass deren Leiter ihn nach dem Namen fragt. „Hannes“, antwortet der beredte und belesene Kopf. „Hannes … und weiter?“ „Ich nenne mich ja nicht mit dem Nachnamen“, erwidert jener Hannes listig und lässt die Neugier ins Leere laufen. „Erlauben Sie, dass ich Sie nicht duze?“ lässt der Moderator nicht locker. „Na klar, aber gestatte mir bitte auch, dass ich mich nicht in der Sie-Form vorstelle.“ Genervt gibt der Diskussionskundige auf. – Zwischen plumper Vertraulichkeit und überrumpelnder Vertrauensseligkeit findet das Vertraute keinen Platz.

Lösungsmittel

17. Juni 2016

Irgendwann wird eine Generation einmal unser Zeitalter als jenes klassifizieren, in dem der Druck, Lösungen auf Probleme zu finden, öffentlich so groß geworden war, dass wir gelernt haben, Antworten zu geben, bevor wir die Fragen überhaupt richtig formulieren konnten. Wenig schadet dem Verhältnis von Denken und Reden so sehr wie die kommunikative Atemlosigkeit.

Der Ursprung der Geschichten

16. Juni 2016

Niemand hat so viel Phantasie wie der Ängstliche, der sich in seiner Sorge ausdenkt, was alles passieren könnte.

Wer Gewalt sät …

15. Juni 2016

Dass sich unsere Kommunikation von der Fähigkeit entkoppelt hat, miteinander zu sprechen, lässt sich ablesen an der sich steigernden Tendenz zur Gewalt. Eine Welt, in der das Reden sich erschöpft, weil es aus allen medialen Kanälen fließt, wird anfällig für Brutalitäten aller Art.

Neulich

14. Juni 2016

Das Wort Innovation drückt eher eine Sehnsucht aus als eine Wirklichkeit. Alles andere würde vom göttlichen Talent des Menschen, schöpferisch zu sein, viel zu seicht denken.

Ganz schön stark

13. Juni 2016

Zu jeder Schwäche gehört eine Stärke, die sich woanders zeigt. Wer um Entscheidungen verlegen ist, zögert kaum, einen anderen unmittelbar verantwortlich zu machen für das, was dann um eines Effekts willen beschlossen werden musste. Man mag sich fragen, ob angesichts dieser fast regelhaften Parallelität von Unzulänglichkeit und Kraft es auch umgekehrt gilt: Wie lautet der Mangel, der die Macht mahnt, bescheiden zu bleiben?

Nicht so dicke

12. Juni 2016

Zu Recht steht das Pathos der Rede oft im Verdacht, theatralisch zu sein: Was soll die sprachliche Übertreibung auch, wenn es die Sache nicht hergibt; sie klingt peinlich. Viel stärker wirkt das rhetorische Understatement, wenn die Begeisterung sich einstellen will, ohne dass es der Worte bedarf. Kein Kommentar ist stärker als der Text. Keine Reportage bedeutender als das Fußballspiel.

Sätze, denen die Luft ausgeht

11. Juni 2016

Wenn nichts sonst, so kann man vom Vorsokratiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Martin Heidegger, zumindest lernen, wie man Sätze bildet, die gewichtig anmuten, aber im Verdacht stehen, äußerst leicht zu sein, weil sie vollgepumpt sind mit heißer Luft. „Das Fragen ist die Frömmigkeit des Denken“, liest man in einer berühmten Schrift. Oder: „Das Gewährende, das so oder so in die Entbergung schickt, ist als solches das Rettende.“* Versuchen wir es noch dicht(end)er zu sagen:
Die Frömmigkeit fragt nach dem Denken.
Denken bedeutet, im Fragen fromm zu werden.
Das Fragen retten die Entbergung, indem es das Gewährende ins Denken schickt.
Es frommt nicht alles, was das Denken gewährt.
Entborgen gewährt das Fragen die Rettung vor dem Denken …
Stoff für mindestens das Wochenende.

* Beide Sätze stehen im Vortrag „Die Frage nach der Technik“, in: Martin Heidegger, Vorträge und Aufsätze, 40 und 36

Hinlänglich kurzatmig

10. Juni 2016

Dafür, dass die Lüge nur kurze Beine hat, ist sie in der Welt schon ganz schön weit herumgekommen.

Plusminus

9. Juni 2016

Der Unterschied zwischen Optimismus und Pessimismus ist nicht nur der einer Einschätzung. Wenn diesem eine Sache vornehmlich negativ vorkommt und jener sich ihrer erfreut, so ist doch die wesentliche Differenz, dass hier alles in der Beobachtung erstarrt, wohingegen dort gehandelt wird. Dem Pessimisten wird die Zukunft zum Gegenstand purer Anschauung, dem Optimisten ist sie der Ort seiner vitalen Gestaltungskraft.

Diffizile Differenz

8. Juni 2016

Man kann nur unterscheiden, was nicht zu trennen ist. Was differenziert wird, bleibt in Beziehung. Der Imperativ, der bei George Spencer-Brown zur logischen Leitformel geworden ist, der Satz: „Triff eine Unterscheidung“*, klärt Verhältnisse, indem er sie aufreißt und zusammenfügt. Der absolute Unterschied ist nicht denkbar. Philosophisch ist Unsinn zu behaupten, man habe sich getrennt wegen unüberbrückbarer Differenzen. Stimmt es psychologisch? Vielleicht sollte ein Paar, das beschlossen hat, nur noch im Minimalfall „Wir“ zu sagen, erwägen, ob es nicht eher auseinandergegangen ist, weil ihm wachsend schwerer fiel, einen Unterschied zu setzen, wo allzu viele Brücken unabhängige Wege verhinderten. In der lebensstarken Fassung lautet die Maxime: Solange man (sich) unterscheiden kann, muss man sich nicht trennen.

Gesetze der Form, 3

Letzte Fragen

7. Juni 2016

Letzte Fragen fallen aus dem Rahmen:
Warum soll ich mich ans Recht halten? Das ist nicht juristisch, sondern nur moralisch zu beantworten.
Wie gilt es, die Toleranz verteidigen? Wider deren Gegner: immer intolerant.
Was bedeutet es, ein Spiel zu spielen? Man muss es ernst nehmen.
Worin gipfelt die Entwicklung der Religionen? In der Vorstellung eines Gottes, der Mensch geworden ist.
Wer verdient, der Mächtigste genannt zu werden? Derjenige, der begnadigen kann.
Wieso ist das Ende zu bedenken? Damit wir wieder anfangen können.

Zeitenwirrwarr

6. Juni 2016

Von der eigenen Vergangenheit eingeholt, fühlte sich seine Gegenwart an, als hätte er keine Zukunft mehr.

5. Juni 2016

Das Leben denken, das Denken leben

Philosophie als Lebensform ist Sophistik.

Wo ist Zuhause?

4. Juni 2016

Gar nicht seltener Anfang einer Liebesgeschichte: sich in einem fremden Gesicht heimisch fühlen.

Woran Ideen sterben

3. Juni 2016

Die Routine im Schreiben ist der Tod des Gedankens.

Horchen und Gehorchen

2. Juni 2016

„Sie sollten mehr auf Ihren Körper hören“, so rät es der Arzt nach gründlicher Untersuchung. Der Patient, der gekommen ist, weil er sich in seiner Haut nicht mehr wohlfühle, wie er es in einer Erstdiagnose schildert, antwortet prompt: „Das tue ich leider allzu genau. Jedes Mal, wenn der Magen nur leise knurrt, laufe ich zum Kühlschrank.“ Ob er denn immer sofort gehorche, wenn ein anderer etwas verlangt, will der Hausdoktor wissen. „Gewiss nicht. In unserem Fall weiß ich noch nicht, ob ich Ihrer Empfehlung folgen werde.“

Vorübergehend

1. Juni 2016

Dass wir dem Fliehen nicht entfliehen können, lässt uns flüchtig sein. Flüchtigkeit ist eine Flucht, bei der die Entscheidung zwischen Abwesenheit und Anwesenheit nicht zu fällen ist. Nicht ganz da, nicht ganz weg: so ist der Flüchtige. Wie die Flucht eine Folge der Furcht darstellt, entspricht die Flüchtigkeit der Angst. Diese antwortet auf Unbestimmtes, indem sie sich selber im Unbestimmten hält. Scheinbar grenzenlos im Auskosten der Freiheit, ist die Flüchtigkeit geradezu ein Zwang. Wer einmal derart entwichen ist, wird es immerzu versuchen. Man tut dem Flüchtigen unrecht, wenn man ihn als wenig verlässlich charakterisiert. Das greift zu kurz, weiß er doch sein Eigenes nicht anders zu bewahren als durch Entzug vor den anderen.

Auf dem Weg

31. Mai 2016

Auf dem Weg zu sein, ist die Metapher für das menschliche Leben. Nur, dass sich die Wege des Lebens von den vielen Wegen, die wir im Leben gehen, dadurch unterscheiden, dass sich jene erst erzeugen, indem wir sie beschreiten.

Foto: Jürgen Werner

Hoch hinaus zu geraten, bedeutet nicht immer, dass man weiterkommt. Nicht nur im Politischen gilt, dass der Gipfel der Ort des größten Stillstands ist – Ilona Ruegg, On the Road. Skulptur im Rahmen der Zürcher „Gasträume“ 2016

Um eine Armlänge voraus

30. Mai 2016

Im übervollen Zug sitzen sie nebeneinander, Glück gehabt, überhaupt einen Platz zu bekommen. Beim Startbahnhof fragte er schon, ob neben ihr noch frei sei. Stumm verbringen sie lesend Hunderte von Kilometern, teilen sich die Lehne zwischen den Polstern und den knapp bemessenen Fußraum. Da berührt er sie unwillkürlich mit seinem Ellbogen. Ihm ist das peinlich. „Nein“, sagt sie, „Ich muss mich entschuldigen, ich bin Ihnen zu nahe gekommen.“ Er blickt auf, sieht sie; es durchfährt ihn. „Schade“, erwidert er. „Was? Dass ich zu weit rübergerutscht war?“ „Dass Sie das gesagt haben. Irgendwie bin ich froh, dass Sie mir ein Stück nahegekommen sind.“ Sie unterhalten sich über das Anecken, ausgefahrene Ellbogen, Machtkämpfe. Als er aussteigen muss, bittet er vorsichtig um Ihre Telefonnummer. „Jetzt sind Sie mir doch noch zu nahe gekommen“, meint sie und deutet lächelnd zum Ausgang: „Sie müssen aussteigen. Sonst ist der Zug abgefahren.“

Glück und Frieden

29. Mai 2016

Die beiden Trinkfreunde am Tresen heben die Weingläser. „Glück und Frieden“, wünscht der Einheimische „Das sagt man hier so.“ „Na dann“, erwidert der andere. „Frieden und Glück.“ „Ich wollte eigentlich keine Rangfolge hier hineinbringen“, meint der erste. „Ich schon“, sagt der Fremde. „Oder willst Du etwa behaupten, dass es gleich sei, ob der Frieden eintritt, weil die Menschen glücklich sind, oder das Glück kommt, weil es friedlich zugeht in der Welt?“„Nein“, sagt der eine. „Egal ist es nur, weil es uns an beidem fehlt, an Glück und an Frieden, Freund. Aufs schöne Leben!“

Aufgeblähtes Blabla

28. Mai 2016

Große Worte – nichts schafft es wirkungsvoller, dass man für klein gehalten wird. Sie sind immer einen Tick zu ambitioniert für die Taten, so dass man sich selber dauernd in die Verlegenheit bringt, hinter sich atemlos herzulaufen.

Allen das Gleiche, jedem das Seine

27. Mai 2016

Man sagt immer, Menschen seien einander nur darin gleich, dass sie sterben müssen. Das stimmt, verkürzt aber die Wahrheit des Satzes: Es gehört zu den erstaunlichsten Erfahrungen eines Lebens, Zeuge zu sein beim Tod eines anderen. Die unmittelbar nach seinem Ende einsetzende Stille, die einen noch so großen Raum ganz und gar erfüllt, lässt sich jedes Mal spüren. Das verbindet die Individuen über alle Unterschiede hinweg. Als ginge mit dem Gestorbenen mehr als nur dieser eine Mensch, umfasst der plötzlich gegenwärtige Frieden Dimensionen weit über den Einzelnen hinaus. Im Überschuss an Stille wird ein letztes Mal der ganze Reichtum seiner Beziehungen erlebbar, werden seine Hoffnungen sichtbar, seine Träume anschaulich, ist seine Freundschaft einprägsam.

Die Ambivalenz des Anderen

26. Mai 2016

Warum wir nie ein für allemal klären können, ob das Fremde mehr fasziniert als abstößt, eher irritiert oder orientiert? Weil es zu uns selbst gehört. Das Fremde ist unser Eigenes. Kein Mensch, der sich nicht immer wieder erlebt als einen, den er nicht kennt, ja kennen will. Allzu oft kommt vor, dass wir in Erwartung eines klärenden Selbstgesprächs plötzlich jemanden antreffen, mit dem wir scheinbar nichts zu tun haben. Wir sind es, die in dem Maße „Es“ sagen, wie sie vom „Ich“ sprechen und so anzeigen, dass auch das Innerste undurchsichtig ist. Dass wir uns gelegentlich fremd sind, ist der Preis, den wir zahlen für ein Subjekt, das nicht aufgeht in dem, was es sagt, tut, hofft oder erwartet. Das Fremde ist eine unserer größten Möglichkeiten.

Das Selbstbewusstsein als Missverständnis

25. Mai 2016

Jeden Tag um dieselbe Stunde saß der Mann in der Kirche, immer in der dritten Bankreihe rechts. Der Pfarrer, der den Gast über eine gewisse Zeit beobachtet hatte, sprach ihn eines Abends an: Ob es ihm gut gehe? „Wenn es die Hölle gibt, sitze ich mittendrin.“ Erschrocken reagierte der beflissene Geistliche wider die eigenen Absichten und Einstellungen: Ja, dann müsse er dringend gehen, dann sei der Himmel für ihn wohl außerhalb des Gotteshauses. „Das hätte ich nicht erwartet“, sprach der Mann nun, „dass Sie das wirklich meinen. Die eigene Wahlstatt so verleugnen. Ich hatte nicht behaupten wollen, dass dieser Ort, an den ich täglich komme, um Entlastung zu finden, die quälende Unterwelt sei. Die finde ich vielmehr in mir und hoffte, Sie könnten mich daraus befreien. Nun aber muss ich feststellen, dass Sie offensichtlich der heilenden Wirkung Ihres Gottes und seines Hauses selbst nicht recht trauen und mich wegschicken. Was ich nie nur im Ansatz dachte, wird dieser Platz für mich jetzt: eine Stelle der größten Einsamkeit. Schade, durch Ihr Missverständnis bin ich der Wahrheit nähergekommen. Nur, dass sie nicht frei macht, sondern mich gefangenhält, indem Sie mich ins Freie weisen. Hätte gern mit Ihnen geplaudert.“ Der stotternde Rettungsversuch des kirchlichen Amtsträgers machte es nur noch schlimmer. Der Gast verließ wortlos seine Bank und schlich sich nach draußen.

Moralinsäure

24. Mai 2016

Zur Nüchternheit einer Moral gehört, das Fehlverhalten von Menschen so lang zu bedenken, bis es zurückgeführt werden kann auf ein einziges Motiv: Angst. Sie ist es, die unser Tun und Lassen vergiftet, die dem Widerwärtigen Kraft, dem Missgünstigen Ausdauer, der Ablehnung Phantasie verleiht. Aber kann man für die eigene Angst verantwortlich gemacht werden? Wohl nicht – allerdings für ihre Folgen. Vielleicht entziehen sich die Beweggründe unseres Handelns überhaupt einer moralischen Zuschreibung, weil das Ich, das allein einstehen müsste für sein Wirken, eben nicht leicht zu fassen ist. War ich’s? Oder es? Und wenn, wer von uns? Wer nicht eindeutig auf diese Fragen zu antworten vermag – und das sind wir alle –, verlangt heimlich nach einer höheren Kategorie als Verantwortung. Gibt es die? Am Ende jeder Moral steht das Problem, ob Versöhnung zwischen Menschen eher zu erreichen ist, indem man sie als verantwortlich identifiziert und bestraft, oder durch Vergebung. Aber setzt nicht diese jenes voraus? Beide Formen der Erwiderung verlangen zumindest, dass sich Freiheit selber ernstnimmt.

Dem Volk aufs Maul schauen

23. Mai 2016

Man muss dem Wutbürger nur gut zuhören, dann erschließt sich unmittelbar, dass die geschichtliche Parallelität zwischen dem Aufkommen von Philosophie, Rhetorik und Demokratie in der griechischen Polis auch eine sachliche Beziehung enthält. Ohne Sprach- und Denkfähigkeit, ohne den aufgeklärten Umgang mit logischen Formen ist eine souveräne Herrschaft des Volks nicht möglich, die ja nicht zuletzt vor allem eine Aufgabe besitzt: die Verschiedenheit der Einzelnen in einem Gemeinwesen als einen Konflikt zu beschreiben, der aus guten Gründen ausgehalten und dauerhaft bearbeitet wird, weil er im letzten wohl nicht zu lösen ist.

Neugier genügt

22. Mai 2016

Was einen Wortwechsel auszeichnet, ist vor aller Geistesgegenwart, Heiterkeit oder Ideenfülle das Interesse am anderen. Wenn das fehlt, lässt sich eine Unterredung nicht retten durch noch so brillante Verstandestalente: Ohne Eros erodiert das Gespräch.

Zeichenstil

21. Mai 2016

An der Art zu zeichnen lässt sich erkennen, ob ein Mensch mit der horizontalen Linie freier umgeht, die nach oben strebenden Bildaspekte mehr liebt oder beide gleichermaßen stilsicher beherrscht. Ähnlich ist es mit dem Denken: der auf einer Ebene sich erstreckende Sprachmodus schätzt die langen, ausufernden Geschichten, der vertikale die logischen Ableitungen eines Satzes über die genauen, scharfen Begriffsbestimmungen.

Produktivkräfte

20. Mai 2016

Es wird immer betont, dass sich Vertrauen nicht herstellen lässt, sondern im besten Fall einstellt, wenn es einmal verlorengegangen ist. Das stimmt nur bedingt. Man kann den Inbegriff des Selbstverständlichen, paradox zu sagen, auch rekonstruieren aus den Bruchstücken einer Erinnerung. In der Vorstellung, alles sei intakt wie früher, formuliert sich so der Vorschuss an Verlässlichkeit, der seine Probe aufs Exempel allerdings noch vor sich hat. Am Ende ist Vertrauen, das unseren Umgang mit einer ungewissen Zukunft erst möglich macht und sich herleiten mag aus etlichen beglückenden Erfahrungen, nichts als reine Gegenwart.

Ware nicht abgeholt

19. Mai 2016

Nichts wird bei einem Meinungsaustausch weniger getauscht als die eigene Überzeugung: Die meisten nehmen vom Diskussionstisch genau die Gedankenware wieder mit nach Hause, mit der sie schon gekommen waren.

Das Duell

18. Mai 2016

In einer Glosse aus dem Jahr 1985 mokiert sich Hans Blumenberg über das großsprecherische Gefasel all derer, die sich die Rettung der Welt (noch anmaßender: der Schöpfung) vorgenommen haben. „Der Mensch kann vieles zerstören, von Tag zu Tag mehr, und er kann mehr zerstören, als er jemals beigetragen hat zum Bestand der Dinge – aber die Schöpfung, das Universum der Welten und Sonnen, zahlloser Chancen für so etwas, wie er selbst ist – wenn bei dieser Gottestat es darauf jemals angelegt gewesen sein sollte – diese Macht hat er nicht. Ja er ist lächerlich weit, unendlich weit von ihr entfernt.“* Wenn Welt allerdings der bevorzugte, vielleicht ausschließliche Ort ist, an dem der Mensch sich selbst begegnet und auf dem er längst nicht mehr nur seine Konflikte mit sich selbst austrägt, was er seltsamerweise für eine Bedingung seines Lebens hält, wenn Welt auch zuwachsend der Gegner ist, den er mit sich selbst konfrontiert, dann steht freilich alles auf dem Spiel: Der Totalitätsbgeriff „Welt“, in dem er mehr denkt als nur diese Erdkugel, wird durch eine totalitäre Vorstellung des Handelns bedroht. Ein Mensch, dem es ums Ganze geht, vergisst leicht, ans Ganze zu denken.

Rette, was wer kann! Wiederabgedruckt in: Hans Blumenberg, Ein mögliches Selbstverständnis, 31ff.

Versteh das einer

17. Mai 2016

Zwei nach-pfingstliche Fragen, die das Denken anregen:
1. Was versteht man, wenn man nicht versteht?
2. Was versteht man nicht, wenn man versteht?

Handelsspanne

16. Mai 2016

Die Grenzmarken, innerhalb derer sich unser Handeln Spielräume schafft: hier die zuweilen bedenkenlose Lust, etwas anzufangen, und dort die vollständige Lähmung durch das vermeintliche Wissen, wie eine Sache ausgeht. Was die Einfalt initiiert, macht die Erfahrung zunichte. Zwischen beiden Extremen, der Naivität und dem Zynismus, sucht sich der Wille seinen Platz, um sich über die Tat zu verwirklichen. Dabei leiht er sich von der einen Seite den Mut und von der anderen die Klugheit.

Heilige Unruhe

15. Mai 2016

Die beiden Haupteigenschaften, mit denen der pfingstliche Geist im Testament bedacht wird, sind die des Trostes und der Wahrheit. In alle Wahrheit wird er die Menschen leiten, so steht es geschrieben, er, dessen Charakter ist zu trösten. Das mag stutzig machen, vor allem wenn man oft genug erlebt hat, dass untröstlich so mancher wird, wenn er erfahren hat, wie eine Sache wirklich war, und wie verlogen ein Hilfsangebot wirken kann in Momenten, da nicht mehr geholfen werden kann. Was also haben Trost und Wahrheit gemein; was verbindet sie? Die überlieferten Texte verweisen noch auf ein drittes Geistestalent: das Geschäft der Auslegung. Mit dem Geist verschwindet aus der religiösen Rede der Dogmatismus, das „Einfach so“, und es kehrt das Verlangen ein, sie zu deuten. Also, versuchen wir es mit einer hermeneutischen Variante: Nur eine Wahrheit, die um Einverständnis wirbt, vermag zu trösten; nur ein Trost, dessen wesentliches Bemühen ist zu verstehen, verdient, wahr genannt zu werden. Oder aber: Wahrheit bedeutet hier nicht die Konfrontation mit einer nackten Tatsache. Und Trost ist mehr als eine gelegentliche Fähigkeit des Menschen, über vertrackte Situationen hinwegzukommen. Beide sind Formen einer spannungsreichen, lebensstiftenden Beziehung. Ein geistvoll getrösteter Mensch muss sich selbst nicht mehr interpretieren als jenes Lebewesen, dessen Los es ist, in unauflösbaren Verhältnissen verstrickt zu sein, sobald ihm die Augen geöffnet werden. Mit dem Heiligen Geist endet das Zeitalter der griechischen Tragödie.

Alte Spielerregel

14. Mai 2016

Der intelligente Spieler lernt, seine Niederlagen zu lieben, weil nur sie ihm Garant sein können für stabile Erfolge. Was vermittelt eine größere Achtung vor den eigenen Grenzen, tiefer Demut und Bescheidenheit als eine klare, nüchterne und ehrliche Analyse von Augenblicken, in denen man sich selbst überschätzte und deswegen den Kürzeren ziehen musste.

Das Mauerblümchen unter den Tugenden

13. Mai 2016

Der Makel jeder ausgleichenden Gerechtigkeit: Sie ist langweilig.

Beherzt herzlos

12. Mai 2016

Verlauf einer Liebesgeschichte, kurzgefasst: Am Anfang war die Tat. Am Ende nichts als Worte.

Was ist der Unterschied?

11. Mai 2016

Was die schlechte Laune eines anderen verstärkt? Heiterkeit.
Was die schlechte Laune eines anderen mildert? Freundlichkeit.

Sehen und gesehen werden

10. Mai 2016

Das Gesicht ist der Körperort, an dem Ausdruck und Eindruck zusammenfallen. Nichts verrät mehr über einen Menschen als sein Antlitz, nichts lässt sich schwieriger beschreiben. Aber mit ihm stellt er sich nicht nur der Welt vor. Über die Augen nimmt er sie auf in ihrer ganzen räumlichen und zeitlichen Vielfalt. Nicht zuletzt wegen dieses Doppelsinns ist das Gesicht die Bühne, auf der sich Verbergung, Ehrlichkeit, Andeutung und Anmut, Ärgernis oder Dumpfheit ein verspieltes Stelldichein geben.

Verspielt

9. Mai 2016

Das Spiel ist der Begriff von einem größeren Ganzen, das nie den Anspruch erhebt, totalitär zu sein. Wenn Violine, Klavier und Cello einen Klang ergeben, wie er nur von Virtuosen dieser Musikinstrumente erzeugt werden kann, so mögen die Künstler sich ergänzen oder harmonieren, doch das melodische Ergebnis dieses Zusammenspiels ist mehr als die dirigierte Addition dessen, was auf dem Notenblatt steht. Regeln wie die Anweisung, nach der Pause im Sechzehnteltakt fortzufahren, ermöglichen erst das Konzert, doch niemand wollte zuhören, wenn die Musiker nichts anderes im Sinn hätten, als sich an diese Ordnung streng zu halten. Zu jedem Spiel gehört eine Verspieltheit, die dafür sorgt, dass es in sich selbst nicht aufgeht.

Mobilitätsreserven

8. Mai 2016

Unsere Vorstellungen von Freiheit haben viel zu tun mit Raum und Mobilität, wobei der Raum nichts anderes ist als das Versprechen, sich bewegen zu können. Was noch nicht erreicht, aber erzielbar ist, bedeutet der Freiheit alles, wohingegen die fixe Beschäftigung mit dem Aktuellen von ihr leicht als Gebundenheit erlebt wird.

Voluntarismus

7. Mai 2016

Die sicherste Weise, entspannt miteinander zu sprechen, ist darauf zu verzichten, etwas zu wollen: Friedlich sind, die ohne Ansprüche auftreten, Denn sie führen nichts im Sinn, nicht einmal Argloses.

Auf dass alle Einstein

6. Mai 2016

Die Brüder sind sich uneins, was Einstein mit seiner Relativitätstheorie denn wirklich hatte ausdrücken wollen. Da greift der Schlauere, wenn auch nicht immer Klügere der beiden zum kleinen Löffel und beginnt, sich über den Nachtisch des anderen in schneller Folge herzumachen. Als dieser, der jüngere Bruder, sich beklagt, entgegnet der Dessertdieb: „Raum-Zeit-Kontinuum. Auf der letzten Wegstrecke des Gedankens verschmelzen beide, wie deine Rote Grütze in meinem Magen landet (voller Raum) und von deinem Teller schwindet (leerer Raum), einfach weil ich schneller (Geschwindigkeit) bin.“

Achtsamkeit

5. Mai 2016

Stille ist ein modernes Phänomen. Nur wo künstliche Geräuschkulissen den üblichen Klang der Welt ausmachen und plötzlich nicht mehr stören, wird sie überhaupt wahrnehmbar. Aber ist sie durch die Abwesenheit von Lärm zureichend gut beschrieben? Zur Stille gehört mehr als nur dieses Entzugsereignis. Sie ist vor allem ein Raumgefühl: das Glück, unabgelenkt anwesend sein zu können.

Tagesform

4. Mai 2016

Unverdienter Sieg, verdiente Niederlage: Der Verweis auf eine höhere Gerechtigkeit im Spiel nimmt dem Erfolg wie dem Missglücken seinen Charakter. Sie sind der Inbegriff des Faktischen, die Widerlegung der Deutung durch die Überzeugungskraft der Tat.

Technikblindheit

3. Mai 2016

Es ist das Ziel aller Technik, das Versprechen der Lebenserleichterung, mit dem sie ihre fortgesetzte Erfolgsgeschichte begründet, so weit zu treiben, dass wir Menschen sie mit selbstverständlichster Vertrautheit bedienen. Der Apparat gewinnt in dem Maße, wie er als Alltagsobjekt anerkannt wird bis hin zur Verschmelzung mit uns selbst. Nur so lässt sich nachvollziehen, dass wir die meisten Errungenschaften unserer Phantasie in Verfahrensdingen schätzen, obwohl wir sie in ihrer digitalen Komplexität nicht mehr verstehen, ja allenfalls noch Einblick in die Maschinen erhalten über ein anderes, ähnliches Gerät. – Wobei nicht entschieden ist, ob dumm genannt zu werden verdient, der hier nicht mehr fragt, oder schlau, weil er sich die Zweifelsfreiheit leistet, um sich von einem Leben zu entlasten, das er immer mehr mit sich selbst überfordert.

Politischer Sinn

2. Mai 2016

Was mag der Sinn sein in der gar nicht trivialen Lebenseinsicht, dass einer seine Identität in dem Maße entdeckt, wie er bereit ist, sie aufzugeben, dass eine Grenze erst erkannt wird, wenn man sie überschreitet, dass es keinen Gewinn geben kann ohne das Risiko einer Niederlage, dass man besonders schätzt, was man hergeben soll? Ein Antwortversuch: Es sind die Erfahrungen von Kontingenz, des möglichen Verlusts, die uns dazu bringen, eine Beziehung zu finden zu uns selbst oder den Dingen dieser Welt. Nicht was man hat, ist von Bedeutung, aber das, wozu man ein Verhältnis hat; nicht wer man ist, macht schon eine Persönlichkeit, aber die vielen Formen der Verknüpfung, nicht zuletzt mit sich selbst, zeichnet sie aus. Über das Individuelle hinaus ließe sich aus dieser einfachen Einsicht eine Folgerung zur politischen Identität ziehen: Die Fragilität Europas rührt wohl kaum daher, dass es zu viel aufs Spiel setzt, sondern dass es zu wenig wagt.

Versuchsfeld Ich

1. Mai 2016

Tiefer als in einer Psychoanalyse, ausgedehnter als in einer Beratung, ernster als in einer Seelsorge erforscht der Schauspieler sein Innenleben. In der Auseinandersetzung mit den Figuren, die er darzustellen hat, begegnet er sich selbst in all seinen letzten Gründen und Abgründen. Wenn er nicht den ganzen Reichtum seiner Persönlichkeit einsetzt, wird er nie den Charakter veranschaulichen können, den ihm das Drama zu repräsentieren aufgibt. Es ist sein Gestus, seine nur ihm eigene Ausdruckskraft, die er wählt, aber als ein Mittel, um einem Fremden, der ihm als Text begegnet, eine lebendige Seele einzuhauchen. Eine Seele, vor der er dann im besten Fall erschrecken mag, weil er sich in ihr sieht, wie er sich nie je meinte, wahrnehmen zu müssen. Schauspielen bedeutet zu entdecken, dass Ich ein Anderer, nein: viele Andere ist.

Antizipationsaktion

30. April 2016

Weil er sich in großen Fragen nur schwerfällig entscheiden konnte und über die Maßen zauderte, griff er zu einem Taschenspielertrick. All seinen Freunden verkündete er schon den Entschluss, den er selber noch nicht gefällt und vollzogen hatte, damit sie ihn dann so unter Druck setzten, dass er sich endlich aufmachte, wie sie es nun erwarteten. Er war ein Meister der Worte, aber ein kümmerlicher Lenker seiner eigenen Angelegenheiten. Für ihn war das Reden nur erfunden worden, um nicht handeln zu müssen.

Chaostheorie

29. April 2016

Mit jeder Handlung wächst das Maß der Unordnung im Leben. Irgendwann übersteigt es die Lust, ja die Fähigkeit, in das Chaos Struktur hineinzubringen. Man kann nicht dauernd seine Zeit damit verbringen, die eigene Vergangenheit aufzuräumen. Das Vergessen ist nichts anderes als der heimliche Beschluss, sich dem Wust aus angewachsener Wirrnis nicht mehr auszusetzen.

Was machst du morgen(s)?

28. April 2016

Nach dem Aufstehen zehn Minuten anschauen. Ersetzt die Morgengymnastik. Für die Eifrigen: 6 aus 48, ohne Zusatzzahl. Nachmachen.

Drinnen und draußen

27. April 2016

Gewissen: die innere Stimme, die uns von außen erreicht.
Gewissheit: die äußere Stimme, die unser Innerstes anspricht.

Realitätstest

26. April 2016

Es gibt Menschen, die darauf verzichten, die große Liebe zu leben, aus Furcht, sie könnte dadurch kleiner werden.

Das Richtige tun

25. April 2016

Warum die Wirtschaft mit der Ethik fremdelt? Weil für moralisches Handeln kein Lohn erwartet wird.

Unseriös

24. April 2016

In unserer hochkomplexen Welt, in der wir uns für alles Spezialisten leisten müssen, hat der Generalist grundsätzlich etwas Anrüchiges.

Auch das Kalte hat eine Seele

23. April 2016

Die Psychologik der Logik: Wo „wahr“ und „falsch“ eindeutige Werte sind, lassen sich Aussagen, die sich an Denkregeln konsequent halten, genau einschätzen. Die Logik ersetzt aber die in Lebensfragen bestenfalls gefundene Gewissheit nicht durch eine scheinbar noch zuverlässigere Sicherheit. Es ist vielmehr umgekehrt: Zu der Sicherheit eines vernünftig abgeleiteten Satzes schenkt sie den beglückenden Moment der Verlässlichkeit: Niemand muss in ihrem Raum nachdenken, wie er nachdenken muss. Die Logik ist der Inbegriff eines kalten absoluten Vertrauens.

Unterschiedslos

22. April 2016

Das Neue: jene Entdeckung, durch die der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler aufgehoben wird.

Mensch und Maschine

21. April 2016

Alles, was Technik ist, verrät den Möglichkeitssinn des Menschen. In ihr richtet er sein Augenmerk weniger auf das, was ist, als auf das, was noch sein könnte, und wehrt sich gegen die Vorstellung, dass etwas sein müsste. Die Wirklichkeit wird in der Technik überboten durch die Wirksamkeit eines Arsenals an Instrumenten, mit deren Hilfe – Gipfel des Siegs über die Realität – der Mensch seine Welt auslöschen könnte. Vielleicht hat er zuerst an ihr, der Technik, die Verstrickung von Freiheit und Verantwortung erkannt, und wenn nicht, dann an ihrem Missbrauch entdecken müssen, dass er seine Gestaltungskräfte nicht nutzen sollte, ohne von ihnen vernünftig Rechenschaft abzulegen.

Mit oder ohne?

20. April 2016

Eine der Finten des Glücks ist, dass es nicht verrät, wie man sinnvoll nach ihm sucht. Nicht nur gibt die Frage, was es denn brauche, um glücklich zu sein, Rätsel auf. Sie führt vielmehr in die Irre, weil fürs Glück wohl viel wichtiger ist als das, was man hat, dass man weglässt.

Problembewusstsein

19. April 2016

Dass im Jargon des selbstoptimierten Lebens Probleme zu Herausforderungen verniedlicht werden, verengt das Deutungsfeld. Denn nichts ist problematisch an Problemen, für die nicht gleich eine Lösung gefunden wurde, an denen zu wachsen zur Karrierepflicht erhoben wurde. Sie können ja auch einfach nur ausgehalten werden. Oder erledigen sich zuweilen von selbst, weil andere Fragen in den Vordergrund gerückt sind. Oder lehren Demut.

Restguthaben

18. April 2016

Die verbreitete Unsitte, einen schönen Resturlaub zu wünschen oder ein gutes Restwochenende, unterstellt, es ginge nur um abgezählte Stunden. Als ob ein Sonntag nicht gerade abends ein Feiertag sein könne, selbst wenn es sich bei seinen letzten vier Stunden um die Zeit handelt, die übrig geblieben ist. Eine zweite Halbzeit ist ja auch keine Restpartie; der dritte Satz einer Symphonie kein Restkonzert. Wie reagierten wir auf den Kellner, der den Nachtisch servierte mit der Grußformel „Einen guten Restappetit noch!“. Was antworteten wir dem Liebespartner, der nach dem Vorspiel leidenschaftlich einfordert: „Gib mir den Rest!“ … An dieser Stelle haben wir auf den Resttext verzichtet und wünschen daher keine schöne Restlektüre.

Und, und, und …

17. April 2016

Das „Und“ ist der Motor des Denkens. In ihm leistet sich die Sprache ein Wort, das andeutet, wie stark sie mit letzten Sätzen fremdelt. Und nun? Und doch. Und jetzt. Und dann. Und so weiter … Auch wenn keine logische Folge den nächsten Schritt erzwingt, erlaubt sich das Denken im „Und“ eine Fortsetzung, ohne dass es Auskunft geben müsste, wieso es weitergeht.

Fortsetzung folgt
Fortsetzung folgt

Mit dem Anfang anfangen

16. April 2016

Zum Geheimnis des Anfangs gehört, dass er sich kaum zu Beginn, sondern meist erst im nachhinein als ein solcher identifizieren lässt.

Macht nichts

15. April 2016

Nur der Ängstliche unter den Mächtigen greift ein und durch. Der kluge Mächtige hingegen gibt seinem Untergebenen, von dem er sich trennen will, Zeit wie Gelegenheit und vertraut darauf, dass dieser sie nutzen wird, um sich selbst zu demontieren.

Das höchste der Gefühle

14. April 2016

In einer Sache meisterlich zu sein heißt gerade nicht, sie zu beherrschen. Es bedeutet natürlich auch nicht, sich von ihr beherrschen zu lassen. Sondern „meisterlich“ verdient der genannt zu werden, dem sich diese Alternative nicht mehr stellt.

Dasselbe ist nicht das Gleiche

13. April 2016

Was logisch identisch ist – alles richtig machen, nur nichts Falsches tun –, kann im Leben ganz anderes bedeuten: hier der Eifer, dort die Angst.

Lachen und Weinen

12. April 2016

Melancholie: den Schmerz zum Lachen bringen.
Depression: das Lachen im Schmerz ersticken.

Die Antiquiertheit des Arguments

11. April 2016

Es gibt ein heimliches Achselzucken im öffentlichen Diskurs. Beim Widerspruch in einer Sache ertappt, reagieren die so Identifizierten immer öfter mit einem wortreichen „Na, und?“ – oder halten es überhaupt nicht für nötig, darauf zu antworten. Sie können sich das folgenlos leisten, weil das Gespür für die Struktur eines Arguments, für den Aufbau von Gründen, für zwingende Logik keine beurteilende Rolle mehr spielt. Jeder kann behaupten, was er will; ob er einen starken Beleg anfügt, ob er frei assoziiert, statt zu argumentieren, wissen nur wenige noch zu unterscheiden. Doppelmoral in Steuerfragen? Kein Problem. Ein Rechtsbruch des Gesetzgebers? Was soll’s. Strategieänderung in einer zentralen politischen Frage? Bleibt lang unbemerkt, muss nicht erklärt werden, bedarf keiner Rechtfertigung. Eher erntet derjenige Empörung, der die Ungereimtheit aufdeckt. Denn er entpuppt sich als Spielverderber im Gesellschaftsspiel des komplexen Meinungstauschs, in dem der Anspruch auf Verbindlichkeit und Verlässlichkeit, Stimmigkeit oder Stringenz wirkt, als würde man den Pepitahut für den letzten Schrei in der Männermode halten.

Fortsetzung folgt

10. April 2016

Letzten Endes – tröstlicher Ausdruck, der anzeigt, dass es vorläufige und vorletzte Formen eines Finales gibt. Dass dort, wo „Schluss“ gesagt ist, nicht unbedingt auch alles stockt. Dass es weitergeht, obwohl alles auf eine Sackgasse hindeutet.

Biographische Anagramme*

9. April 2016

*Das Schüttelwort, so das Anagramm im Volksmund, erinnert uns daran, dass lose Verbindungen eine Voraussetzung sind, eine Fülle von Bedeutsamkeiten zu erfahren. Das kann zur existentiellen Einsicht werden. Deswegen, kurz das Leben im Letterwechsel:

Geburt ist Betrug.
Gefühlswirrwarr am Anfang seiner Jugend: Fürwahr, wer Girls will, muss leiden.
Doch dann Berufswahl. Weshalb? ruft er.
Es geht ums Geldverdienen. Das Edle verdingen? Niemals.
Frauengeschichten vielmehr ist das Fachgerechte in uns.
Statt ins Geschäft gehts ins Café.
Wegen einer Herzenssache. Aber weil sie meint, dass er’s als Scherz ansehe, macht sie ihm die große Szene: He, Arsch!
Liebe, lernt er, endet oft im Gebrauch der Beile.
Und das ganze Leben im Nebel.
Freund, warum bist du fern? Da kommt er schon.
Tod heißt englisch Punkt – dot.

Lass es geschehen

8. April 2016

Mut ist kein Vermögen wie die Fähigkeit zu schwimmen, das Talent zum Musizieren, die erfolgsverwöhnte Lust an der ästhetischen Gestaltung. Mut zeigt sich erst in actu. Niemand ist mutig anders – da mag er noch so oft davon reden – als in der Handlung selbst, in der Ausübung von riskanten Vorhaben. Zu ermutigen heißt: genau diese Tat zu erleichtern.

Das Wild schützen

7. April 2016

Man sollte der Versuchung widerstehen, seine Träume gleich verstehen zu wollen, auch wenn sie noch so klar in der Erinnerung hängen. Sie stammen aus einer anderen Erlebniswelt und verlieren ihren zuweilen leitenden Zauber, sobald sie übersetzt werden. „Ein Traum ist wie ein Tier, aber ein unbekanntes“, schreibt Elias Canetti 1951*. „Die Deutung ist ein Käfig, aber der Traum ist nie darin.“

* Aufzeichnungen 1942 – 1985, 161

Spiegelbild

6. April 2016

Selbstbewusstsein: die Fähigkeit, sich selbst jederzeit fremd werden zu können.
Selbstvertrauen: das Talent, sich selbst jederzeit ganz nah zu sein.

Fraglos

5. April 2016

Heimat – ein Ort, dessen Kraft erst in der Fremde spürbar wird; die Antwort auf eine Frage, die nicht mehr gestellt werden muss; das Erlebnis des Selbstverständlichen.

Knapp vorbei

4. April 2016

Wie man einander nie begegnet: Er richtet sich ganz nach ihr. Sie ganz nach ihm.

Spielfreude

3. April 2016

Die säkulare Fassung der österlichen Verheißung, dass es zu jedem Ende einen neuen Anfang gibt, lautet formelhaft: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Vereinsmeierei

2. April 2016

Spätestens als er zum dritten Mal von Gleichaltrigen zum Geburtstag ge- und begrüßt wurde mit der leicht boshaften Formel „Willkommen im Club!“, erinnerte er die Altersgenossen an Groucho Marx, der sich einst mit einer Paradoxie wehrte: „Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“ Wenn einen sonst nichts verbindet, sollte man dem Lebensalter nicht auflasten, was an Wunsch zur Vergesellschaftung fehlt.

Quod erat demonstrandum

1. April 2016

Gewiss nicht die größte, vielleicht aber die schönste Form der Freiheit: Nie mehr sich selbst oder anderen etwas beweisen zu müssen.

Lebensphasen

31. März 2016

Mittelalt: jene Lebensphase, in der Kraft und Erfahrung ins Gleichgewicht geraten.
Älter: wenn die Erinnerungen die Erwartungen übertrumpfen.
Alt: Zustand, in der nur noch das Wetter für Abwechslung sorgt.

Rhetorik des Raums

30. März 2016

Wie hohle Phrasen auch entstehen: Man kann von Menschen so klein denken, dass jedes ihrer eigentlich passenden Wörter plötzlich wie aufgeblasen erscheint, als viel zu groß geraten für das Leben, in das sie durch geringschätzige Anschauung eingekürzt wurden.

Störungsfrei

29. März 2016

„Ich glaube, ich habe Wortfindungsschwierigkeiten“, sagt er, nachdem er allzu lang nach dem richtigen Ausdruck gesucht hat.
„Das wiederum glaube ich nicht“, erwidert sie. „Dieses Wort ‚Wortfindungsschwierigkeiten‘ finde ich viel zu schwierig für einen, der eine solche Störung hätte.“

Der Wurm im Buch

28. März 2016

Von einer gewissen Größe an fördert auch eine gute Bibliothek das Denken nicht mehr, sondern hindert es. Vor die Frage, was man sucht, tritt dann die Überzeugung, es jederzeit finden zu können. Der fremde Einfall hat die Herrschaft über die eigene Idee sichtbar angetreten.

Frauengeschichten

27. März 2016

Wer die im Testament überlieferten Auferstehungsgeschichten für unwahrscheinlich hält, muss für wahrscheinlich halten, dass Autoren aus einer durch und durch patriarchalischen Welt die Heldenrollen in ihren Erzählungen, jene Augenblicke, die über Glücken oder Misslingen der Geschichten entscheiden, Frauen überlassen. Sie sind es, weil sie sich nicht jammernd zurückgezogen haben wie die Jünger in ihrer Trauer und ihrem Selbstmitleid, die das leere Grab entdecken und von dessen Unheimlichkeit nicht überwältigt sind, sondern mit Realitätssinn der Sache auf die Spur kommen, jener Sache, an der schließlich alles hängt.

Nichts zu sagen

26. März 2016

Das Schönste an der Stille ist, dass sie sich nicht rechtfertigen muss; wohingegen die Stummheit oft unter den Zwang gestellt wird, sich erklären zu müssen.

Karfreitag

25. März 2016

An diesem härtesten aller Tage im christlichen Festkalender und dem befremdlichsten für jene, die ihn nicht feiern, ein Wort zur Liturgie: In ihr, der katholischen, wird der wichtigste Teil des Gottesdiensts, die Wandlung von Brot und Wein, beschlossen mit einem sich steigernden Dreiklang aus Präpositionen: „Durch ihn und mit ihm und in ihm.“ Er formuliert das Innenverhältnis der göttlichen Personen als eine Wesensbestimmung, die genauer wohl kaum sein könnte – klar, aber auch kühl. Menschlicher indes geht es zu an dem Tag, an dem nach altem Brauch auf die Einsetzungsformeln verzichtet wird, weil anderes im Blickpunkt steht: das Leiden des Weltenerlösers, das vorgestellt wird in den Geschichten des Testaments. Auch sie lassen sich in eine Präpositionsreihe bringen und verdichten. Passion bedeutet, so verstanden als Geschehen, das dem Menschen dient: mit dir, für dich, bei uns – Teilhabe, Hingabe, Verlässlichkeit. Nur, so knapp ist das nicht zu erzählen.

Pilatusfrage

24. März 2016

Zu den großen Irritationen des Denkens gehört, dass das Ideal, dem es sich in allem verpflichtet weiß: Wahrheit, dem Menschen nichts schuldet, ihm, der sich doch anstrengt, diesem Leitmotiv genau zu entsprechen. Was auch immer das Ergebnis seiner Mühen sein wird, noch nie hat Wahrheit den glücklicher gemacht, der sie erkannte. Es sei denn: dass jene verstörende Differenz zwischen dem Wirklichkeitssinn und dem, was menschlich genannt zu werden verdiente, Anlass ist, nach Wahrheit noch einmal ganz anders zu suchen. Pilatus war in seinem Gerichtsgespräch mit Jesus nah dran, als er ihn fragte, was Wahrheit sei. Aber er wollte keine Antwort.

Sei nicht so faul

23. März 2016

Ob nicht hinter den meisten unserer Ängste Bequemlichkeit steckt: also die Furcht, etwas ändern zu müssen? Statt des trostreichen Zuspruchs „Hab keine Angst“ wäre die Aufforderung „Sei nicht so faul!“ viel wirklichkeitsgetreuer und wirkmächtiger.

Potztausend*

22. März 2016

Bildung: die Voraussetzungen verstehen, aus denen Sätze formuliert sind.

* Die 1000. Notiz. – Der Ausdruck „Potztausend“ ist wohl ein verdeckter Fluch – „Gotts tausend Sakrament“ –, über den Erstaunen, Verblüffung, Überraschung ausgedrückt werden soll.

Testfall

21. März 2016

Unter den vielen dramatischen Geschichten des Testaments markieren die Passionserzählungen, die der semana santa ihren Inhalt geben, den Ernstfall. Sie stellen den Realismus der Gottesbeziehung auf die Probe, auf beiden Seiten: als Frage an die Festigkeit eines Glaubens, dem das Vertrauteste abhanden kommt, und als Bericht vom Scheitern einer höheren Bemühung um den Menschen, die ihr Ende findet, weil dieser dumm genug ist, sich nicht gefallen zu lassen, wozu er ohnehin nichts beizutragen gehabt hätte. Dass der Erlösertod dennoch nicht den Tod der Erlösung bedeutet, ist jedenfalls kein trotziges Ergebnis dieses Testfalls, sondern das Bekenntnis eines, der sich nicht irritieren lässt davon, dass es in den wichtigen Augenblicken des Lebens nichts zu rechtfertigen gibt.

Rasant ausgerastet

20. März 2016

Leidenschaft, auf die Probe gestellt, wird leicht zur Hysterie. Ein großes Gefühl, das meint, seine Echtheit beglaubigen zu müssen, steigert sich hinein in eine verkehrte Intensität.

Stilbruch

19. März 2016

Wenig ist lächerlicher als das Ergebnis einer erzwungenen modischen Metamorphose: Seit einiger Zeit trägt der älter gewordene Herr nicht mehr nur die zerbeulte Cordhose, sondern inszeniert sich in der Art des englischen Landadels mit Tweed, Ellbogen-Patches aus Leder, Seidenschal und dem obligatorischen Einstecktuch. Es passt alles, nur die Hose erinnert wegen des abgewetzten Cords unfreiwillig komisch an jene Tage, da die Klamotten noch aufs Selbstverständliche angezogen wurden und nicht die Stilerwartungen der sehr viel jüngeren Frau erfüllen mussten.

Mathematik des Passspiels

18. März 2016

Was das Publikum am Fußball liebt: seine Unberechenbarkeit.
Wie der Trainer im Fußball den Erfolg sucht: durch Kalkül.
Womit der Spieler nach der Begegnung sein Tor erklärt: mit Berechnung.
Worüber der Ahnungslose beim Zuspiel immer staunt: über die Genauigkeit.
Was den Verein am Saisonende am meisten interessiert: die Bilanz.
Weswegen die Mannschaft sich über die Maßen ärgert: wegen des Ausgleichs.
Was am Ende allein zählt: das Ergebnis.

Lebensbestimmung

17. März 2016

„Er ist der geborene Unternehmer“, so kommentiert der Gast im Publikum die kurze Rede des energisch vortragenden Managers.
„Sind wir das nicht alle?“ fragt der Sitznachbar zurück.
„Na, ich denke, dass es da doch deutliche Unterschiede gibt zwischen den Menschen. Die einen preschen voran, die anderen lassen sich hängen, dritte zögern, aber handeln dann in ihrer Behutsamkeit umso konsequenter.“
Der gelegentliche Gesprächspartner bleibt hartnäckig. „Weil sie gerade von den Menschen sprechen: Wir sind doch alle nicht nur Lebewesen, sondern wir müssen unsere Existenz in die Hand nehmen, sonst würde es mit uns alsbald schiefgehen. Jeder Mensch ist ein Lebensführungswesen, folglich: ein geborener Unternehmer“, bemerkt er unverhohlen triumphierend.
Leicht genervt beugt sich der Gast auf die gegenüberliegende Seite zu seiner Begleitung und flüstert: „Wie komme ich aus dieser Besserwisser-Nummer wieder raus? Unternimm du doch mal was.“

Ganz schön einträchtig

16. März 2016

Harmonie ist das freundliche Antlitz der Realitätsverweigerung.

Wenn’s um Geld geht

15. März 2016

Die Zeichen der Zeit sind ohnehin schon vielfältig und vieldeutig genug. Welche Botschaften soll man aus ihnen lesen? Nun wirbt auch die Sparkasse im unentzifferbaren Piktogrammstil. Was soll das heißen? Drei verquere Versuche über eine verquaste Kampagne:

1. Stoppt alle, die das Geld wie mit der Gießkanne verteilen. Lieber abwarten und Tee trinken! (nur die weißen Felder)
2. Bequemer geht’s nicht: Wo auch immer du bist, zuhause oder unterwegs, bleib sitzen. Für Geld Schlange zu stehen, lohnt nicht! (nur die roten Felder)
3. Das Tempo des Lebens (1): Ein schnelles Auto? (2) Lass es ziehen. (3) Die eigene Immobilie? (4) Sei froh, wenn am Ende jemand die Radieschen gießt, die du von unten siehst. (5) Was willst du mit dem vielen Geld? (6) (die Felder horizontal gelesen)

Symbol des Lebens: In Zeiten des billigen Gelds gehört das Vermögen nicht auf die Sparkasse

Denkzettel

14. März 2016

Viele große Veränderungen geschehen aus Versehen. So ehrlich der nachgeschobene Satz sein kann: „Das habe ich nicht so gemeint“, so armselig wirkt er als erschrockener Versuch, Entscheidungen zu entschuldigen. Er gerät zum nachträglichen Verrat der eigenen Freiheit. Es gehört zur Qualität eines Denkzettels, dass er zwar anderen zu denken geben soll, selber aber selten verrät, dass derjenige gedacht hat, der ihn ausstellt.

Großer Hunger

13. März 2016

Unter den vielen Bestimmungen des Menschen ist diese die genaueste: Er ist ein Chronophage – das Tier, das Zeit frisst.

Retro

12. März 2016

Man muss nur lang genug warten, dann kippt jedes Alte ins Antiquarische oder Antike, und was jetzt noch als schäbig gilt, wird fortan als Stil, mindestens aber als Stück einer Erinnerung begriffen, die zu bewahren historische Pflicht ist. Was dem erbarmungsfreien Zerstörungswerk der Zeit entkommt, erhält so allein durch seine Fortdauer den Anschein, wertvoll zu sein. Es handelt sich um eine Wertsteigerung durch Hartnäckigkeit. Das Substantielle ist ein Zeitbegriff.

Na schön, na gut

11. März 2016

Zugespitzt scheinen das Ästhetische und das Ethische von derselben Qualität zu sein, so dass wir beide formelhaft in einem Atemzug nennen: „Schön und gut“, heißt es dann lapidar, worauf nicht selten ein „Aber“ folgt. Wie unterschiedlich die Eigenschaften der beiden Begriffe indes sind, lässt sich ahnen, wenn man sie zu steigern versucht. Das Schöne ist ohne weiteres bis zum Superlativ dehnbar. Doch das Gute? Für das Ethische gilt, dass besser als gut auch das Beste nicht sein kann.

Handelsregister

10. März 2016

Der Ängstliche: Er handelt so, dass er sich wünscht, es schon hinter sich zu haben.
Der Träumer: Er handelt nicht, weil er sich wünscht, es immer noch vor sich zu haben.
Der Enthusiast: Er handelt, indem er sich wünscht, außer sich zu sein.
Der Blasse: Er handelt, ohne dass er es merkt, weil er in sich gekehrt ist.
Der Empfindsame: Er handelt, und trägt die Wirkungen seines Tuns stets mit sich herum.
Der Verantwortliche: Er handelt, weil er glaubt, die Folgen auf sich nehmen zu können.
Der Zögerliche: Er hält das Handeln an sich für etwas Sinnvolles.

Immer das Gegenteil

9. März 2016

Die Aufforderung „Vergiss mich!“, die das Ende einer tiefen Beziehung einläutet, ist so paradox wie die Gefühle in den Abschiedsaugenblicken. Wie soll man den Imperativ sinnvoll übersetzen? Absurd wäre, ihn als Erinnerung zu verstehen, zu streichen, was aus dem Gedächtnis verschwinden soll, ja den Verlust gar als Ergebnis eigener Anstrengung anzusehen. Besser bedeutet er: „Vergiss nicht, dich meiner zu erinnern, aber erinnere mich nicht an dich, damit ich dich vergessen kann.“

Seelische Klimazonen

8. März 2016

Man müsste eine Welt erfinden, in der nicht die Gefühlskälte, sondern die Herzenswärme als ein Schutzmittel taugt gegen allzu heftige Ansinnen, derer man sich erwehren zu müssen meint.

Ohne Rücksicht

7. März 2016

Wider jene Kritiker, deren Stilmittel ist, stets auf das zu verweisen, was man zwingend hätte auch noch bedenken und sagen müssen: Ein guter Gedanke ist immer einseitig und ungerecht.

Erträglichkeit

6. März 2016

In einer nur wenige Seiten langen Schrift mit dem Titel „Die Verneinung“, die er im Jahr 1925 veröffentlicht hat, erklärt der Seelenkundler Freud die Negation als jene Bedingung, unter der Verdrängtes sich ins Bewusstsein traut. „Das habe ich nicht gedacht“, ein solcher Ausruf sei das – nicht nur überraschte, sondern verurteilende – Signal des Klienten, wenn er sich mit seinen eigenen Lebensverschleierungen konfrontiert sieht. Er bestätigt sie, indem er sie leugnet. Das Negative ist das eigentlich Positive, so der psychische Taschenspielertrick. Geht das auch umgekehrt: Was wir bejahen, ist das, was wir abstreiten, wem wir zustimmen, ist das, was wir von uns weisen? Eines jedenfalls zeigt der Doppelsinn: dass es von Zeit zu Zeit wichtiger sein kann, auszuhalten statt aufklären. Er baut auf den Vorrang des Erträglichen vor dem Wahren.

Die Magie des Monotonen

5. März 2016

Der schöpferische Mensch zieht seine Kraft aus der Hassliebe zur Langeweile.

Chancenlos

4. März 2016

Wir denken immer, dass wir uns auf die Alternative „Sieg oder Niederlage“ einließen, wenn wir uns in Spiele begeben. Und wir glauben, dass nichts zu fürchten ist, wenn wir gar nicht erst einstimmen in diese Wahllogik, uns raushalten. Es gibt aber Spiele, in denen es eine von vornherein beschlossene Sache ist, dass man verliert – ob man Lust hat mitzumachen oder das scheinbare Glück verweigert, das angeboten wird. Machtspiele im Büro funktionieren zuweilen so, manche Finanzspiele und nicht zuletzt die ungezählten Spielarten einer verzweifelten Zuneigung. Denen kann man nicht entrinnen, ja man unterliegt gerade dann ganz sicher, wenn man sich weigert, sich zu fügen.

Schön schlicht

3. März 2016

Wie in der bildenden Kunst, in der Phasen des überwuchernden Ornaments von Zeiten abgelöst werden, in denen klare Formen vorherrschend sind, wächst gegenüber der politischen Kunst das Bedürfnis nach einfachen Lösungen im Maße, wie die öffentlichen Aufgaben immer unüberschaubarer werden. Der Unterschied ist nur, dass die hohe Schule des gestalterischen Verzichts das Substanzielle einer dargestellten Sache begründet, das Spiel mit der gesellschaftlichen Ignoranz hingegen die Substanzlosigkeit von simplen Gesinnungen offenbart – Wesentliches hier, das Unwesen dort. Ist einfach doch nicht gleich einfach? Alles kommt darauf an, dass das Schlichte den Schmuck nicht leugnet, sondern sich als dessen Vervollkommnung zeigt. Vom Leben indes zu abstrahieren bedeutet oft, vom Lebendigen abzusehen. Was das heißt? Jeder, der versucht hat, es sich in einem formvollendeten Bauhausmobiliar gemütlich zu machen, ahnt nach einer Weile stetig zunehmender Unbequemlichkeit, was die Differenz sein könnte.

Feste Masche

2. März 2016

Die Prinzipientreue unterscheidet sich vom Starrsinn darin, dass sie ihre Gewissheit nicht ableitet von dem, was andere denken, wohingegen dieser desto fester wird, je größer sein Publikum ist. Was hier nach innen gerichtet ist und sich nicht zeigen muss, erfährt dort seine Bedeutung erst, indem es sich zur Schau stellt.

Spannungsbogen

1. März 2016

Was in der Dramaturgie klassisch die Spannungskurve heißt, die ein Theater- oder Redestück über aufsteigende und abklingende Formen wirksam gliedert und so den Anfang mit dem Schluss verknüpft, erzeugt oft einen geringeren Nervenkitzel als all die ordnungszerstörenden Weisen, die sich im Weglassen eines Satzes, der Widersprüchlichkeit von Positionen oder der Brüchigkeit einer Handlung ihren Ausdruck suchen.

Damit habe ich nicht gerechnet

29. Februar 2016

Was wir Zufall nennen, ist nur der andere Name für eine Bedeutsamkeit, die wir konstatieren, ohne sie erklären zu können, und interpretieren, ohne dass wir sie zu verstehen vermögen. In ihm hat sich das Bedürfnis diskret erhalten, einem augenfälligen Ereignis einen höheren Sinn abzugewinnen. Alles Zufällige rechnet heimlich mit seiner Vorläufigkeit und hofft auf eine spätere Auflösung ins Unabänderliche.

Spiel’s noch einmal

28. Februar 2016

In jedem Spiel – ob der Wette, dem Machtkampf oder Theatervortrag, im Sport wie beim Gesellschaftsabend – klärt sich erst im Augenblick des Zuspiels, ob der andere ein Mitspieler, Gegenspieler oder Spielverderber sein will. Es ist der Moment, da er seine zuvor gezeigten Absichten bekräftigen muss, weil sie auf die Probe gestellt werden, und das Spiel sich mit dem Ernst berührt. Das Zuspiel verlangt unmittelbar nach einer Antwort auf die Frage, wie wirklich es einer meint, ob er sich einlässt oder die letzte Ausflucht sucht, in welche Rolle er schlüpft, ob er die Offerte aufnimmt oder ablehnt.

27. Februar 2016

Auf die übliche verklausulierte Form des klaren, schlichten Nein, die vor allem im Geschäftsjargon lautet: „Da tun wir uns schwer“, möchte man gelegentlich antworten: „Anderes habe ich nicht erwartet. Was leicht ist, kann ich selbst. Also, strengen Sie sich an.“ Was sagt das über uns, dass wir dort, wo Anstrengung und Mühe lauern, Hindernisse zu überwinden sind oder Widerstände klug zu umgehen wären, die Ablehnung verorten und nicht die Lust, sich in seiner Intelligenz und Kraft herausfordern zu lassen?

Jubel, Trubel

26. Februar 2016

Wenig galanter Dialog auf einer Jubelfeier:

„Da hat der Jubilar mal wieder sein ganzes Leben zusammengetrommelt, wenn man die Vielzahl der Gäste sieht.“
„Sein ganzes? Die bessere Hälfte scheint zu fehlen. Zumindest die früheren Lieben sind wohl nicht eingeladen, wenn ich das richtig überblicke – wahrscheinlich weil es die letzte nicht wollte.“
„Wer sagt denn, dass das seine letzte Liebe ist? So alt ist er ja nun auch nicht.“
„Sie nehmen’s aber genau. Na dann: die jüngste.“
„Verleiten Sie mich nicht zu uncharmantem Spott, Kollege. Die jüngste? Das ist sicher ein paar Jahre her.“
„Okay. Vielleicht: die aktuellste?“
„Who knows?“
„So langsam wird’s aber spitzfindig. Wie würden Sie das Verhältnis denn nennen?“
„Das ist doch die Pointe. Was das Leben lehrt, ist: Je länger es währt, desto schwieriger lässt es sich zusammenfassen. Dabei hoffen wir immer das Gegenteil, dass es sich im Alter endlich auf den Begriff bringen lässt. Begriffe taugen nur für die Langweiler. Bei den anderen muss man sich schon die Mühe machen, Geschichten zu erzählen. Und die interessantesten wären gewiss von denen zu hören, die heute leider nicht da sind.“

Regelwerk

25. Februar 2016

Paradoxie der Demokratie: Weil sie auf Regeln des Zusammenlebens fußt, die in ihr nicht ausgehandelt werden, kann sie darauf setzen, dass die Regeln des Zusammenlebens in ihr ausgehandelt werden.

Bürgersinn

24. Februar 2016

Am 27. Januar 1848 sagte Alexis de Tocqueville in einer leidenschaftlichen Rede vor der französischen Abgeordnetenkammer die Revolution einen Monat vor deren Ausbruch voraus und analysierte zugleich die Entstehungsbedingungen dieses Umbruchs. Er habe die „Tribüne bestiegen“, weil er glaube, dass sich die Sitten und der Gemeinsinn in einem gefährlichen Zustand befinden und „dass die Regierung auf eine äußerst riskante Weise dazu beigetragen hat“. Dabei sei ihm wichtig, dass verstanden werde, dass er dies nicht aus der Sicht eines Moralisten vortrage, sondern „von einem politischen Standpunkt“ aus. Das Beunruhigende für die Gesellschaft sei, dass der Bürger, also auch der gewählte Politiker, in einem umfassenden Sinn ungebildet ist, weshalb er dazu neigt, seine persönlichen Interessen vor die gemeinschaftlichen Aufgaben zu stellen. „Die öffentlichen Sitten verderben dort, sie sind dort schon gründlich entstellt; sie verschlechtern sich von Tag zu Tag; immer mehr werden die gemeinsam geteilten Überzeugungen, Empfindungen und Ideen von Einzelinteressen und individuellen Zielen abgelöst sowie von Auffassungen verdrängt, die dem Privatleben und -interesse entspringen.“* Es reichte, diese kleine, bedeutende Rede in unseren Parlamenten heute vorzulesen.

* Alexis de Tocqueville, Kleine politische Schriften, 180

Schlechte Laune, aber von Herzen

23. Februar 2016

Die wiederholt formulierte Befürchtung, die Maschine könne den Menschen in vielen Dienstleistungen ersetzen, wird in dem Maße zum Wunsch, wie sich der Mensch der Maschine bis zur unfreiwilligen Komik angleicht: Viele der gestanzten Floskeln, mit denen Unternehmen Kundennähe simulieren – „wir sind gleich für Sie da“; „danke, dass Sie uns die Chance geben, Ihnen ein Angebot machen zu dürfen“; „ich wünsche Ihnen einen wunderschönen und erfolgreichen Tag“ (so die Kassiererin zur gebrechlichen Dame im Gehwagen) – riefen nicht diese verhinderten Aggressionen hervor, kämen Sie von einer elektronischen Stimme aus einem Lautsprecher gepresst. Wie wohltuend wirkt da die schlechte Laune, die von Herzen kommt.

Der Roman des Jahrhunderts

22. Februar 2016

Noch nicht geschrieben ist das Buch mit dem Titel „Die Politik ohne Eigenschaften“. Ob in ihm wie im großen Vorbild von Robert Musil auch so viel vom Möglichkeitssinn die Rede sein würde, und so wenig vom Wirklichkeitssinn?

Spieglein, Spieglein

21. Februar 2016

Das Feedback ist die technische oder soziale Form der verlorenen Unschuld.

Das letzte Hemd im letzten Haus

20. Februar 2016

Anders als im christlichen Brauch, sind in der jüdischen Tradition Gräber das ewige Eigentum des Toten. Der Raum, in dem er bestattet ist, gehört ihm, so dass die letzte Ruhestätte nicht wiederverwendet wird. Dem Verstorbenen wird ein unantastbarer Ort zugesprochen, in dem er auf das Kommen des Messias ungestört warten kann. Mit dem zeitlich unbegrenzten Recht auf eine nur für ihn festgeschriebene Stätte ehren die Überlebenden den Toten und halten seine Würde fest, indem sie ihm einen Platz auf dieser Welt freihalten. Wie unterschiedlich doch die Vorstellungen sind, die mit dem Eigentum einhergehen: hier das unzerstörbare Recht auf ein letztes Haus, die zeitlos gewährte Bestimmung, es zu nutzen; dort die absolute Entkleidung von jedem Besitz bis auf ein letztes Hemd, das keine Taschen hat. Beiden allerdings liegt die Überzeugung zugrunde, dass nur der Freie (Befreite) auf Auferstehung angemessen hoffen darf.

Rechthaber

19. Februar 2016

Immer war es ein sicheres Indiz, dass er wieder mal nur Recht behalten wollte, ohne im Recht zu sein, wenn er seine Sache maßlos übertrieb. Als traute er seinen Gründen nicht mehr, verließ er sich fortan nur noch auf das plumpe Rednergeschick, ja er verfiel in eine größere Lautstärke als sonst. Von diesem Dröhnen seines Silbenschwalls getragen suchte er, was er erwiesenermaßen hasste, bei sich und bei anderen: unbedingt das letzte Wort haben zu müssen. Es sind diese Auffälligkeiten, die der Sprache das Substantiv „Rechthaber“ beschert haben. Er ist der, bei dem offenbleibt, ob er Recht hat; aber bei dem nie fraglich ist, um was es ihm geht: nicht um das Recht oder das Richtige, sondern um sich.

Schiebespiel

18. Februar 2016

Ein Großteil der Anstrengung in einer politischen oder wirtschaftlichen Organisation zielt darauf, Anspruchsnehmer sich bis zur Erschöpfung in ihr verirren zu lassen. Die Unangreifbarkeit einer Entscheidung wird erreicht durch die Ungreifbarkeit derer, die sie zu vertreten haben.

Es ist wie bei „Asterix erobert Rom“, wo sich die Protagonisten im modernen Labyrinth verlaufen, im „Haus, das Verrückte macht“, bei der Suche nach dem Passierschein A 38.

Klangteppich

17. Februar 2016

Lang, bevor Erik Satie mit seinen fünf Kompositionen einer musique d’ameublement, einer Tonkunst für den häuslichen Gebrauch, die Gattungsbezeichnung lieferte, waren schon die Stücke geschrieben und gespielt, die zur klanglichen Untermalung von festlichen Tischgesellschaften eingesetzt werden: der unvermeidliche Pachelbel – Canon & Gigue – oder Albinoni und Corelli. Es sind Titel für die kurze Phase einer Verlegenheit, für Augenblicke, da man einander gerade nichts mehr zu sagen hat, und der Gastgeber oft angestrengt die Liste jener Themen im Hirn durchläuft, die eine träge Runde wieder ins muntere Parlieren bringen. Da übernimmt das Lauschen der getragenen Melodien die Funktion, die vorbeiziehende Landschaften oft haben, wenn sie vom Eisenbahnabteil aus angesehen werden: Die zuverlässige Bewegung, auch als betrachtete, reicht, damit die Gedanken wieder in Fluss geraten und mit ihnen das Gespräch abermals in einen einvernehmlichen Gang kommt. Auch der Geist ist ein motorisches Organ.

Dreimal schwarzer Kater

16. Februar 2016

Im Maße, wie anstehende Entscheidungen einschneidend sind, wächst die Neigung, sie durch eine Prise Aberglauben abzusichern. Die Suche, ja Sucht nach kleinsten Zeichen dient im Erfolgsfall der Gemütsberuhigung, weil die Superstition wirkungsvoll ausblendet, dass solche Hinweise stets deutungsbedürftig sind und somit vieldeutig bleiben.

Elementarteilchen

15. Februar 2016

Wer einmal Diät gehalten hat für eine gewisse Zeit, weiß, wie fein nach deren Ende das einfachste Essen schmeckt: Schwarzbrot mit Salz, ein Apfel, die aufgebrochene Walnuss. Das ist der Sinn des Fastens: nicht der Verzicht auf, sondern der Gewinn einer Sinnlichkeit, die sich ihres eigenen Erregungspotentials wieder vergewissert. Es gehört zur Widersprüchlichkeit dessen, was wir wesentlich nennen, dass es sich unserer Aufmerksamkeit gewöhnlich entzieht.

Streng vertraulich

14. Februar 2016

Das Stimmengewirr im Zugabteil bietet für gewöhnlich einen dichten Geräuschteppich, in den eingehüllt der Vieltelefonierer meint, vor ungebetenen Gesprächszeugen sicher zu sein, wenn er nur nicht allzu laut spricht. So lassen sich auch von unterwegs noch unveröffentlichte Bilanzzahlen durchsprechen, die Vorlieben in der Einkaufsliste abgleichen, lässt sich der Büroklatsch höhnend weitergeben oder der Lebenspartnerin mal eben mitteilen, dass man sich von ihr trennen werde. Die Wellen an Gelächter im Hintergrund, das Rascheln der Butterbrotpapiere, Geflüster hier oder munteres Geplaudere dort sorgen für die gebotene Diskretion. Doch wie bei den Meereswellen, deren Interferenz zuweilen für eine glatte Wasseroberfläche sorgt, ersterben auch die zuverlässigsten Laute ab und zu, als würden sie von Geisterhand dirigiert. Im Waggon ist nun nur noch die Stimme des Manns am Telefon zu hören, die allerdings für alle deutlich vernehmbar: „… und dann muss ich Ihnen noch etwas sagen, was Sie bitte als absolut vertraulich behandeln mögen …“ Erschrocken dreht er sich um und starrt in spottbereite Gesichter. Plötzlich bricht das Abteil in lautes Gebrüll aus; der Geschäftsmann legt verlegen auf. Die unvermittelte Stille hat alle daran erinnert, von wievielen Unwägbarkeiten ein gutes Gespräch abhängt.

Finger weg

13. Februar 2016

Es ist ein Irrtum zu meinen, Eigentum sei nichts als das Verhältnis, das wir zu Gegenständen besitzen, die uns gehören. Erst wenn ein anderer sich für dasselbe Stück interessiert, bekommt es einen Eigenwert, weil wir es seiner Begehrlichkeit vorenthalten. Jeder kennt das lächerlich beklemmende Empfinden, das sich in dem Moment meldet, in dem sich der Freund ein Buch ausleihen will, das wir noch nie angeschaut haben. „Bring’s bald zurück“, ist noch die freundlichste Form einer plötzlich aufkommenden Furcht, es gerade jetzt zu brauchen. Das Eigentum ist eine Beziehung – nicht zum Objekt direkt, sondern – zu einem anderen über die Sache, der mich allererst stillschweigend nötigt zu sagen: „Meins.“

Nullnachricht

12. Februar 2016

Wenn Politik nach dem Interesse der Bürger gemacht würde, käme sie in den Nachrichten kaum vor.

Wieviel darf es denn kosten?

11. Februar 2016

Der Hang, einfache Lebenseinstellungen wie Ehrlichkeit oder Verantwortungsgefühl gleich als Werte zu übertreiben, rechnet nicht mit der subversiven Grundregel eines moralischen Denkens, das sich an Werten ausrichtet: Denn was auch immer ich als oberstes Handlungsprinzip wähle, es entwertet stillschweigend anderes. Die Sehnsucht nach Werten entstammt der Verlegenheit einer Gesellschaft, die vergessen hat, wie entlastend – um nicht zu sagen: wertvoll – es ist, aufs Selbstverständlichste anständig zu sein.

Ach ja

10. Februar 2016

Zehn Einstellungen zur Wirklichkeit:

– Romantik: der Glaube, es könne ein Ja geben ohne ein Nein.
– Revolution: der Antrieb, der im Nein liegt, ohne schon an das Ja zu denken.
– Redlichkeit: die Einsicht, dass jedes Ja auch ein Nein einschließt.
– Reue: die Hoffnung, gegen das Nein wieder auf ein Ja setzen zu können.
– Risiko: die Zuversicht, dass das Ja dem Nein überlegen ist.
– Rache: die Verbissenheit, ein Nein nie mit einem Ja zu erwidern.
– Rechtfertigung: das Geschick, das Nein wie ein „Ja, aber“ aussehen zu lassen.
– Ruhe: die Festigkeit, sich in seinem Ja nicht von einem Nein abbringen zu lassen.
– Rationalität: die Schärfe, zwischen Ja und Nein klar zu unterscheiden.
– Routine: die Kühnheit, aus dem wiederholten Ja und Nein eine Lebensregel zu formulieren.

Ich meine, du deine, er eine

9. Februar 2016

Meinung ist jene Stufe der Überzeugung, die man erreicht hat, wenn das Denken auf halber Strecke zur Begründung müde geworden ist. Der Fehler besteht darin, dass ein Zwischenziel als Endergebnis ausgegeben wird.

Aller Anfang ist abstrakt

8. Februar 2016

Er habe niemals gezögert, über das eigene Werk zu reflektieren, gesteht Heinz Mack, einer der Gründer der Künstlergruppe ZERO.* Der Satz ist tiefer, als er sich liest. Denn er unterstellt, es sei im Fach der höheren Malerei nicht üblich, das künstlerische Tun eigens zu bedenken. Zur Freiheit der Kunst gehört selbstverständlich auch, sich nicht über sich selbst verständigen zu müssen. Das Ergebnis spricht für sich; mit ihm ist alles gesagt. Darin unterscheidet sie sich von der Wissenschaft, die methodisch einordnen muss, was sie in der Sache schon mühsam auf den Weg gebracht hat. Warum also reflektiert ein Künstler wie Mack dennoch seine Arbeiten? Wohl weniger um des Publikums willen, dem er sie erklärt, sondern aus Zweifel an der unmittelbaren Wirkung. Das Bild selber ist entstanden durch einen Abstraktionsprozess, ist Struktur, nicht Gegenstand, Bewegung, nicht Inhalt. Am Ende geht es um die Gewissheit, dass es lohnt, über die Reflexion eine höhere Stufe der schöpferischen Unmittelbarkeit zu erklimmen, die ihre Ursprünglichkeit dort findet, wo sie längst verloren ist: in der Konstruktion.

* Die neue dynamische Struktur, ZERO 1, Düsseldorf 1958; Reprint ZERO 1-3, Heinz Mack und Otto Piene, Köln 1973, 14

Voll aggro

7. Februar 2016

Wut: Das Gefühl, im Recht zu sein, ahnt seine eigene Ohnmacht.
Zorn: Die Gewissheit, mächtig genug zu sein, setzt eine Sache in ihr Recht.
Verdruss: Das Gespür, dass die Machtlosigkeit unrecht ist, wendet sich gegen sich selbst.
Groll: Der Wille zur Macht steht sich im Weg, findet es aber richtig, dauerhaft nicht tätig zu werden.
Hass: Ihm macht es nichts aus, nicht im Recht zu sein.

Eins und eins

6. Februar 2016

Wenn stimmt, dass das Wort „rechnen“ ursprünglich einmal nichts hieß als: in Ordnung bringen, so muss man in der Sprachlosigkeit der höheren Mathematik auch eine versteckte Kapitulation sehen: Wir sind fähig, eine Welt zu denken, von der wir weder wissen, wie sie aussieht, noch sagen können, was sie bedeutet, und nicht einmal festzustellen vermögen, ob wahr ist, was wir abstrakt formulieren. Den Beweis überlassen wir einer (Rechen-)Maschine. Ordnung ist, was wir im letzten nicht begreifen.

Taxi, bitte!

5. Februar 2016

Die heitere Fahrgemeinschaft nahm auf der Rückbank Platz, zwei Frauen, ein Mann in der Mitte. Deutlich hörbar hatten sie schon ein paar Klafter tief ins Glas geschaut. Das Gespräch drehte sich dennoch um die Arbeit. Wenn Molekularbiologen über das Altern reden, ist alles Verfall: die Zellteilung verlangsamt sich, die Hirnleistung schwächt sich ab, die Körperbehaarung wird dünner. „Das ist bei der Jugend anders heute; die Männer lassen sich zwar wieder einen Bart wachsen, dafür sind sie an anderen Stellen schon früh ganz kahl.“ Verstecktes Kichern im Fond des Fahrzeugs. Der Taxifahrer, für einen Berliner ungewöhnlich, hatte den Wagen bisher schweigend in Richtung Hauptbahnhof gesteuert. Plötzlich wendete er sich um: „Ich bin zweiundsechzig und leiste mir gelegentlich auch eine Intimrasur.“ Das Kichern erstarb abrupt. „Äh, wie meinen?“ „Na, ich dachte, Sie haben über den Hosenbart gesprochen. Der ist bei mir weg, so wie bei Ihnen.“ „Woher wollen Sie das wissen, was wir von Ihnen nicht so genau wissen wollten?“ Eine der beiden Frauen empörte sich leicht gekünstelt über das Niveau der Unterhaltung. Da erwiderte der Fahrer elegant: „Gnädige Frau, ich fand Ihr Gespräch eben so interessant, dass ich langsamer gefahren bin. Es tut mir leid, dass es jetzt schon zuende ist. Wir sind angekommen. Aber darf ich mir die Freude machen, Ihnen die Fahrt nicht in Rechnung zu stellen. Uns Berliner Taxifahrern wird ja immer nachgesagt, dass wir unablässig auf den Fahrgast einredeten. Das stimmt auch. Aber manchmal braucht man neue Geschichten, und Sie haben mir heute eine geschenkt. Ich hoffe, dass Sie Ihren Zug pünktlich erreichen.“

Heftzweck

4. Februar 2016

Schon immer wurde in der Geschichte der Ehrungen das Verdienst eines Menschen auch geschickt genutzt, damit ihm der Verdienst verweigert werden kann. Nicht wenige Dekorationen sind gebunden an den künftigen Verzicht auf ein geldwertes Honorar für die honorierte Aufgabe. Man könnte mit dem Leitwort des englischen Hosenbandordens sagen: Honni soit qui mal y pense – ein Schurke, wer Schlechtes dabei denkt. Denn bei der Ehrung geht es natürlich um die vertrackte Frage, wie man eine informelle Leistung, die weit über das Geforderte hinausgeht, formal würdigt. Das ist der wahre Zweck des angehefteten Metalls.

Tag- und Nachtfalter

3. Februar 2016

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:

„Na, immer noch Schmetterlinge im Bauch?“ fragte er zur Begrüßung und packte ihn herzhaft an den Schultern. Es war beim letzten Treffen erst, da der Freund ihm strahlend gestanden hatte, wie glücklich er sei. Endlich, hatte er bekräftigend hinzugefügt, endlich die Richtige. Nun aber zog er bedächtig an seiner fast aufgerauchten Cohiba Club, bevor antwortete: „Wie man’s nimmt. Schmetterlinge schon. Aber es fühlt sich gerade an, als stecke ein Butterfly Messer in meiner Seele. Von heute auf morgen hieß es statt ,Ich liebe dich‘ plötzlich: Es. Ist. Vorbei. Auch drei Wörter. Sie reichen allerdings, um ein Leben so um die eigene Achse zu drehen, dass einem schwindelig wird und man den Halt verliert. Die Falter sind gewiss das falsche Bild für ernste Gefühle. Zu flatterhaft, verstehst du?“

Menschenverstand

2. Februar 2016

Nichts korrumpiert die Vernunft so sehr wie der gesunde Menschenverstand, wenn er sich als parteipolitisches Leitmotiv vorstellt. Er unterläuft jenes Prüfverfahren, das als Urteilskraft ihm die populistischen Flausen austreibt, auf dass er das Gemeinwohl im Sinn behält und nicht bloß über beifallheischende Gemeinheiten sinniert.

Verstehste?

1. Februar 2016

Die größte Gefährdung hoher Intelligenz: das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Es prägt den Charakter der meisten Gespräche, die diese Menschen führen, als ein Reden ohne Unterlass – weil sie meinen, die eigene Sache wieder und wieder erklären zu müssen – und als ein Hören mit Ungeduld – weil sie denken, die Sache der anderen immer schon begriffen zu haben.

Ganz schön hässlich

31. Januar 2016

Das Hässliche ebnet die Unterschiede ein; das Schöne streicht sie heraus.
(Notiert an einem Mittwintertag, dessen tristes Grau in Grau die Differenz zwischen Stadt und Land verschleiert.)

Entscheidungsschwäche

30. Januar 2016

Bei allen Vernetzungsmöglichkeiten, Erneuerungsfähigkeiten, Geschäftschancen: Der gesellschaftliche Erfolg der Digitalisierung wird maßgeblich geleitet von dem maßlosen Versprechen, dass sich durch sie das Leben eindeutig gestalten lässt. Wo eine Wahl nur zwischen Null und Eins zu treffen ist, verschwinden die Zwischenformen. Wenig ist dem Menschen so verhasst wie der Grauton seiner Existenz, wenn er dort zu entscheiden hat, wo er den Entschluss doch exakt gar nicht zu fällen vermag. Mit dem Digitalen glaubt er, all jene Phänomene zum Verschwinden bringen zu können, die ihm immer unheimlich waren, weil sie sich nie nur von einer Seite zeigten: wie das dunkle, janusköpfige Geheimnis einer Liebe, die er zugleich hassen kann, oder eines Vertrauens, das er zur Kontrolle einsetzt, oder einer Freiheit, die er als zwingende Last empfindet.

Kampf um Anerkennung

29. Januar 2016

Manchmal muss man, um ernstgenommen zu werden, gegen die eigenen Überzeugungen handeln.

Auf Sicht

28. Januar 2016

Wenn die Liebe blind macht, dann vor allem für ihr eigenes Ende.

Zwei Seiten, eine Medaille

27. Januar 2016

Ritual: die Langeweile wurde in Form gebracht.

Zeig’s mir

26. Januar 2016

Eitelkeit: die Außenseite der Empfindlichkeit.

Da lacht der Geist

25. Januar 2016

Der Einfall ist eine Idee, die sich selbst überrascht.

Vor neunzig Jahren

24. Januar 2016

Als der Begriff „Großwetterlage“ eingeführt wurde, schrieb die Welt das Jahr 1926. Er war noch keine politische Kategorie, sondern kennzeichnete die weiträumige Verteilung der Druck- und Wärmeverhältnisse in der Atmosphäre, die Isobaren und Isothermen. In Zeiten, da wir die Regenwahrscheinlichkeit für jedes Dorf auf die Minute genau vorhersagen können, hört sich „Großwetterlage“ so altmodisch an, wie es der Autor Robert Musil empfand, wenn er den ersten Absatz seiner berühmten Einleitung in den „Mann ohne Eigenschaften“, der mit einer exakten meteorologischen Beschreibung der Großwetterlage einsetzt, münden lässt in den einfachen Satz: „Es war ein schöner Augusttag …“ Heute ist die Großwetterlage kaum noch beschreibbar jenseits mathematischer Modelle, viel zu komplex ist das Geschehen, viel zu umfangreich sind die Analysenformen, wetterkundlich wie gesellschaftlich. Das Wort ist zu einer Metapher geworden, irgendwo platziert zwischen Makro- und Mikroklima. Aber jenseits ihrer begrifflichen Bestimmtheit, als Bildrede, charakterisiert die Großwetterlage sehr viel genauer, was sich tut, als es die Physik des Wettergeschehens je konnte. Die Rhetorik des Wetters vermag Sätze zu formulieren wie: Es braut sich was zusammen. Und jeder weiß, was damit über das Meteorologische hinaus gemeint ist.

Mein Leben als Tweet

23. Januar 2016

Die Biographie in hundertvierzig Zeichen:
Als ich verstand, dass ich später einmal werde sterben müssen, fühlte ich mich wie neugeboren. Seither suche ich in jedem Ende einen Anfang.

22.1.2016

Temperatursturz

Manche Zwiegespräche sind so kühl, dass auch der aufgewärmte Eintopf aus stets denselben Themen am Ende einfriert

21.1.2016

Sharing Economy

Nicht jeder Verzicht auf Eigentum heißt schon, dass wir miteinander teilen. Aber er ist vor allem eine neue Beziehung zur persönlichen Freiheit: als deren Wiedergewinn, weil man eine Last losgeworden ist, oder als deren Verlust, weil man keine Gestaltungsmacht mehr hat. Teilen bedeutet weniger, auf den anderen angewiesen zu sein, sondern mit dem anderen so umzugehen, dass mein Eigenes sein Eigenes genannt zu werden verdient. Könnte nicht die Voraussetzung dafür sein, dass es jemandem gehört, der es aber nicht allein besitzen will?

20.1.2016

Bleib bei deinem Leisten

Ein anständiger Wissenschaftler betrachtet jede Lösung als heimlichen Verrat seiner Liebe zu den Problemen.

19.1.2016

Recht und Freiheit

Warum Eigentum verpflichtet? Weil erst mit ihm, der Verfügungsgewalt über Sachen, Grund und Boden (im Unterschied zum Besitz, der die Dinge nur nutzt), allererst sichtbar wird, was Freiheit bedeutet: das geschützte Recht, mit dem, was einem gehört, jederzeit nach Gutdünken umgehen zu können, sofern damit keine Gesetze gebrochen werden. Es ist diese Freiheit, deren anderer Name „Verantwortung“ lautet, die zwingt zu fragen, welchen Ansprüchen zu entsprechen ist, und die sich rechtfertigen muss, warum sie so und nicht anders gehandelt hat.

18.1.2016

Es geht nicht ohne

Noch ein entscheidendes Paradox der Kommunikation (siehe auch das zweite Gesetz): Wer den Konflikt vermeiden will, muss ihn suchen. Es reflektiert die Voraussetzung jedes Redens: dass wir einander im Normalfall nicht verstehen, dass Harmonie nur in seltenen Situationen mehr ist als das schöne Ergebnis von Verdrängung, dass ein Streit besser klärt als das Schweigen, dass jedes Wort danach verlangt, ausgelegt zu werden durch Worte, die danach verlangen ausgelegt zu werden durch Sätze, die …

17.1.2016

Politik als Moral

Gesinnung: der Egoismus wird moralisch.
Verantwortung: der Altruismus wird politisch.

16.1.2016

Nicht so wichtig

So viel Abstand hat die falsche Bescheidenheit gar nicht zu jener Form von Übertreibung, der sie sich absolut entgegengesetzt wähnt. Beide, der Angeber wie der Anspruchslose neigen dazu, ihre eigene Sache nicht ernstzunehmen; der eine, indem er sie maßlos überbewertet, der andere, indem er sie nicht angemessen wertschätzt. Der Tiefstapler ist dem Hochstapler verwandter, als beiden lieb sein dürfte.

15.1.2016

Morgen, morgen

Bei manchen Menschen ist die Zukunft so vollgestopft mit Erwartungen, Unerledigtem, Entscheidungsschwächen, Plänen und Prognosen, dass sie den Zugang zu ihr nicht mehr finden. Man hat den Eindruck, als sei deren Vergangenheit durch die Hintertür ausgebrochen und käme ihnen nun mitsamt dem gesammelten Ballast entgegen. Nichts bedarf die Zukunft mehr als der Offenheit.

14.1.2016

Reiner Zufall

Eine Strategie ist in dem Maße erfolgreich, wie sie fähig ist, den Zufall für die eigene Sache zu nutzen. Man mag an dieser Bestimmung erkennen, dass sie viel voraussetzt.

13.1.2016

Das ist der Hammer

„Das Klavier gehört doch im Grunde zu den Percussion-Instrumenten wie das Schlagzeug, die Zimbel, die Kuhglocken?“ Die Konzertpianistin zögert einen Moment, dieser Zuordnung zuzustimmen. „Stimmt schon“, antwortet sie. „Aber man kann mit dem Anschlag …“ Plötzlich stockt sie. „Merkwürdig, was in diesen Tagen des Terrors mit einem Wort geschieht. Ich wollte eigentlich sagen, dass ein reines Schlaginstrument wie etwa die Triangel den vollen Klang mit dem ersten Impuls erzeugt und dann verhallt. Wohingegen ein Klavier so gespielt werden kann, dass der Anschlag den Klangverlauf beeinflusst. Ich vermag mit meinen Fingern, ja mit der Bewegung des Oberkörpers dafür zu sorgen, dass die Wirkungen sich in ihrer klanglichen Kraft erst entwickeln, nachdem ich die Taste angespielt habe.“ Und dann fügt sie noch leise hinzu: „… wie bei einem gewaltsamen Anschlag, der auch in vielerlei Weise nachhallt.“

12.1.2016

Immer die anderen

„Ah“ – der Ausruf dehnte sich unmerklich ins Respekt zollende Staunen –, „Sie sind Philosoph. Ein Freund der Weisheit.“
„Freund schon“, reagierte der so Angesprochene dezent, „aber weise sind immer nur die anderen“.

11.1.2016

Das Brot des Künstlers

Man kann Städte unterscheiden am Applaus des Publikums in einem ihrer Konzerthäuser. Da muss man noch nichts von der Architektur gesehen haben, braucht die Mentalität ihrer Bewohner nicht zu kennen, nichts zu wissen über die Farbe des Dialekts, der in einem Bezirk gesprochen wird. Es reicht die Art des Beifalls nach einer Vorführung: hier prasselnd wie ein eiskalter Wasserfall, dort zerhackt wie ein schlecht gefällter Stamm, tosend oder tobend, verhalten, beiläufig, mechanisch, als käme er von Aufziehpuppen, trotz lang andauernder Akklamation: ausgeblieben. Im Finanzzentrum strahlt nichts von der Wärme ab, die zwischen den Handflächen beim Klatschen entsteht; in der Metropole huldigen die Hörer den Künstlern, indem sie schon hinausgehen, immer auf dem Sprung zum nächsten Anlass für Anerkennung. Und dann gibt es Orte, an denen der Applaus fast die Musik aufnimmt, die gerade noch erklungen ist: herzlich und rhythmisch, voller Melodie und Liebenswürdigkeit – ein Widerspiel des Klangwunders, das im Raum noch nachhallt.

Wie wird hier wohl geklatscht?

10.1.2016

Gewiss ist nur das Ungewisse

Unruhig pendelt das Leben zwischen dem Bedürfnis, der Ungewissheit zu entfliehen, indem es fortdauernd Entscheidungen trifft, und dem Wunsch, der daraufhin einsetzenden Gewissheit zu entkommen, weil es Furcht verspürt vor deren Langeweile.

9.1.2016

Geld oder Geist

Ist je deutlicher beschrieben, was die Eigenschaft des Geldes ist, als in den „Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten“, die Karl Marx von April bis August 1844 in Paris verfasst hat? Dort, wo Vertrauen gegen Vertrauen getauscht wird, muss Geld nicht gegen Geld getauscht werden – und umgekehrt. Nur unterschlägt er, dass sich das Vertrauen gegen Geld nicht eintauschen lässt, weil das Geld das Vertrauen (in es und seinen Wert) voraussetzt. Was alles mit allem vergleichbar macht, beruht auf der Fähigkeit nicht zu allem gleichermaßen ein Verhältnis entwickeln zu müssen. Das Geld, schreibt er, „ist die Verbrüderung der Unmöglichkeiten, es zwingt das sich Widersprechende zum Kuß. Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen – und zu der Natur – muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußrung deines wirklichen individuellen Lebens sein. Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d. h., wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußrung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.“*

* MEW Ergänzungsband. Erster Teil: Schriften, Manuskripte, Briefe bis 1844, 567

8.1.2016

Sich selbst überheben

Es gibt eine Arroganz gegen sich selbst, die dafür sorgt, dass wir es an Nachsicht vermissen lassen, wenn wir an unseren Ansprüchen gegenüber dem Leben scheitern. Die verschlossene Härte, die jeder Überheblichkeit innewohnt, verhindert, dass wir aus dem Misslingen jene Erfahrungen ziehen, die der eigenen Sache erst ihre Form geben, indem sie sie begrenzen.

7.1.2016

Sehr komisch

In dem Augenblick, in dem wir die Zuneigung zum Komischen verlieren und uns dem Ernst schmallippig verschreiben, geben wir auch unsere Lust am Experiment dahin, lassen wir Neugier, Abenteuerreiz, die Sehnsucht nach dem Unbekannten. Was oft vergessen wird: Der Erfindungsgeist ist von der heiteren Art. Er hat Freude daran, dass etwas nicht passt zu dem, was schon ist, und vertraut darauf, dass genau das gesucht wird.

6.1.2016

Der Unmensch

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:

„Hast du’s auch gelesen? Früher haben die Mexikaner den Axolotl gegessen, du weißt, jenen Schwanzlurch, der eine Dauerlarve bleibt und nie erwachsen wird. Gegart und in Maisblätter gewickelt haben sie ihn. Außerdem wurde er als göttliches Wesen verehrt“, erzählt sie begeistert. „Das geschieht ihm recht“, antwortet er geistesabwesend. „Auch wer ewig jung bleiben möchte, muss irgendwie enden.“ Die Vorstellung eines aufgeschnittenen, schleimigen Reptils, das seine Kiemen noch als Geäst außen am Körper trägt, fand er mit Blick auf seinen Teller nicht wirklich appetitfördernd. „Du bist so unsensibel“, murmelte er nur über den Tisch und vertiefte sich in seine gebratene Scholle. „Un-? Wenn Menschen eine bestimmte Vorsilbe hätten, wie sie an einem bestimmten Datum ihren Geburtstag feiern: das Un- wäre dein Präfix. Unaufmerksam, undankbar, untätig, uncharmant, unhöflich, unfreundlich, unausstehlich.“ Sie rang nach weiteren Wörtern, um sich Luft zu machen. Erstaunt blickte er auf. „Da fehlt nicht viel zum Unmenschen“, sagte er grinsend und küsste sie. „Du bist einfach unwiderstehlich.“

5.1.2016

Greif zu

Glück des Redners: vor Publikum das Wort ergreifen. Glück der Zuhörer: ein Redner, der nicht nur das Wort ergriffen hat, sondern von ihm auch ergriffen ist.

4.1.2016

Sprachphilosophie

Einen Gedanken denken bedeutet, einen Satz zu formulieren. Die notwendigen „Zutaten“ zu einer Idee sind von grammatischer, logischer und rhetorischer Art.

3.1.2016

Wie lang noch?

Der Routinebesuch beim Arzt gerät schnell ins Grundsätzliche. „Das gesamte Untersuchungsergebnis erhalten Sie dann in der kommenden Woche“, sagt er, den Blick auf die Krankenakte gerichtet. „Wie lang wollen Sie das eigentlich noch machen? Andere haben in Ihrem Alter damit längst abgeschlossen.“ Erschrocken antwortet der Patient, dass er schon noch vor habe, ein paar Jahre zu leben. „Eben“, erwidert der Arzt amüsiert „aber eigentlich wollte ich nur wissen, warum Sie noch so hart arbeiten und nicht längst öfter Golf spielen oder segeln.“ „Trotz meines Handicaps einer fortgeschrittenen Biographie möchte ich die nächste Wende doch lieber in der Wirklichkeit schaffen“, meint der Klient entschlossen und ergreift die erstbeste Gelegenheit zur Flucht aus dem Sanatorium.

2.1.2016

Nur du

Freundschaft: das Talent, mehr als einem ernsthaft zu zeigen, dass er der einzige ist.

1.1.2016

Wir robben uns rein

Neujahr in Nordfriesland

31.12.2015

Altjahresmorgen

Kein Gesetz ist wirkungsvoller als die alte Regel: „Das Leben geht weiter“. Der Satz bekommt in Silvester seinen Feiertag und nutzt die Gunst der Stunde, um den Pessimismus der Menschen ein für allemal der Lächerlichkeit preiszugeben.

30.12.2015

Das Ende finden

Der Augenblick, da er begann, seiner eigenen Rede zuzuhören, war exakt der Punkt, an dem er mit ihr hätte aufhören sollen. Nicht weil seine Gedanken fortan schlechter oder seine Sätze ungeschliffener gewesen wären. Aber da er sich nicht mehr in seinem Publikum verlor, verlor er sein Publikum.

29.12.2015

Zwiegespräch mit dem Schönen

Der Architekt empfiehlt dem Bauherrn, in das alte Haus zuvor „hineinzuhören“, um zu erfahren, wie es sich behutsam modifizieren und modernisieren lässt. Es ist ein Rat, der mit jener überkommenen Genie-Legende spielt, nach der die großen Skulpturen von den Bildhauern schon im rohen Marmorquader gesehen wurden, so dass es nur darum zu tun war, sie aus dem Stein mit Hammer und Meißel zu befreien. Als ob sich das Geheimnis des Schöpferischen so einfach auflöste. Was am Ende vielleicht anmutet, als habe hier einer mit großer Zurückhaltung in das Gebäude eingegriffen, die Materialien stimmig ausgesucht, die Temperatur des Raums ermessen, Spannungen so erzeugt, dass sie schließlich eine schöne Gestalt ergeben – all das ist das glückliche Ergebnis eines … ja was? In der Tat: eines Hinhörens. Aber oft eines Hörens auf sich. Und erst dann eines Hinsehens auf den Gegenstand. Und nicht zuletzt eines Eingriffs in beides, vielleicht sogar eines brutalen. Qualität, und um die soll es gehen, erschließt sich zwischen dem, was das Objekt fordert, und dem, was das Subjekt will. Sie ist das Resultat einer wechselseitigen Korrektur, eine Dimension eigenen Rechts: niemals nur Konstruktion, nie bloß Konservation.

28.12.2015

Friede auf Erden

Nichts ist friedfertiger als Gleichgültigkeit. Jede Konzentration auf eines enthält alle Voraussetzungen für den Konflikt mit dem anderen.

27.12.2015

Weitgehend weise

Warum der Aphorismus leicht mit Weisheit verwechselt wird?
Seine kurze Form verschleiert, dass der Satz erklärungsbedürftig ist.
Seine Knappheit fordert auf, sich noch etwas hinzuzudenken.
Seine Bestimmtheit unterstellt, dass für den Augenblick nicht mehr zu sagen sei.
Sein Wortspiel gibt sich den Anschein, als sei hier ein Gedanke wie von selbst entstanden.
Seine Unbedingtheit strebt nach der Überlegenheit gegenüber dem Kontext.
Vielleicht ist Weisheit nichts als eine rhetorische Figur.

26.12.2015

Feste feiern

Nach den ausgiebig erkundeten Feiertagsformen verwandtschaftlicher Vergesellschaftung kehrt mit dem Bedürfnis, allein zu sein, auch der Wunsch zurück, wieder zwischen Erschöpfung und Erfüllung unterscheiden zu können – gerade weil beide, die Erschöpfung wie die Erfüllung, so paradox es anmutet, finale Spielarten ein und desselben Zustands sind und kaum getrennt werden können.

25.12.2015

Flüchtige Gedanken

Das anthropologische Geheimnis der Weihnachtstheologie: alles andere als das feierlich Getragene der Festfolklore; es geht um nichts als nackte Erträglichkeit. Weniger eine angemessene Haltung – Frömmigkeit oder Freude – ist gefordert. Erzählt wird vielmehr eine Geschichte vom Aushalten. Die Krippe im Stall symbolisiert nichts Niedliches, sondern die Weigerung einer Welt, der Vorstellung Raum zu gewähren, es könnte Größeres geben als sie selbst. Allenthalben werden Fluchtgeschichten erzählt, aber nicht als soziales Drama oder moralische Mahnung (wie es in den Kirchen jetzt wieder zu hören ist), sondern als Bericht über die prinzipielle Heimatlosigkeit Gottes. Diese Selbstaufgabe des Höchsten als Hingabe zu entdecken, ist die Aufgabe des Menschen.

24.12.2015

Mehr Licht

Licht ins Licht zu bringen, war lange, bevor es ein physikalisches wurde, ein metaphorisches Unterfangen. Als Inbegriff der Wirklichkeit ist das Bild vom Licht zugleich das, was sie verlässlich ermöglicht. Wo nichts scheint, ist auch nichts zu sehen; und wo nichts zu sehen ist, muss man fürchten, dass auch nichts ist. Nur durch das Licht hat der Mensch Neben- und Mitmenschen, eine Umwelt, eine Welt; aber das Licht selber hat er nicht. Es lässt sich nicht sehen; aber es lässt sehen. Indem Licht die Finsternis vertreibt, setzt es all jene Bedingungen frei, die es Menschen erlauben, sich in der Welt zu orientieren. Das Licht schenkt Gewissheit: Klarheit über den eigenen Standpunkt, Deutlichkeit in dem, was ihn bestätigt oder gefährdet, Genauigkeit in den möglichen Wegen. Die Hauptaufgabe des Lichts ist, im weiten Sinn, Aufklärung. Nichts für sich selbst zu sein und so allem anderen zu dienen, diese Eigenschaft prädestiniert das Licht, stellvertretend für die beiden großen Begriffe des Lebens gebraucht zu werden: für Wahrheit und Gott. Es veranschaulicht, was Zurückhaltung, Demut und Diskretion zu bewirken vermögen. Nicht zuletzt das wird erzählt über jenen Menschen, dessen Geburt als Gottessohn zu Weihnachten gefeiert wird.

Foto: Jürgen Werner
Mehr als heiße Luft und frommer Wunsch: die weihnachtliche Freude

23.12.2015

Finanzmathematik

„Wenn Ihre Aktien fünfzig Prozent des Werts verloren haben, müssen sie um hundert Prozent wieder zulegen, um genau jenen Betrag zu erreichen, den sie mal hatten. Verstehen Sie?“ Der Kunde ist sichtlich nicht beeindruckt von den Rechenspielen des Vermögensberaters, der seine Defensivstrategie fürs Depot erklärt, und antwortet nur. „Alles andere wäre überraschend. Sie werden sich ja auch doppelt so viel Mühe geben müssen, mich als Kunden wiederzugewinnen, als es brauchte, mich zu vergraulen.“

22.12.2015

Populismus

Politischer Populismus ist jene Form des Denkens und Sprechens, die vorgibt, dem Volk „aufs Maul“ geschaut zu haben, wenn sie ihm in den Mund legt, was sie den eigenen Parteigängern ständig in den Rachen wirft: dass die schlichten Lösungen die Probleme schlichten. Er zieht aus der Vorstellung Kraft, dass eine Lüge, wenn sie mehrheitsfähig wird, schon zur Wahrheit taugt.

21.12.2015

Sei nicht so naiv

Die Arglosigkeit verhält sich zur Ahnungslosigkeit wie das Kindliche zum Kindischen.

20.12.2015

Nur nichts verraten

Zwei Einstellungen zum Älterwerden: Man kann die lebenseinschneidende Zäsur eines runden Geburtstags wie ein objektives Ereignis zur Kenntnis nehmen, das kommt und wieder vergeht. Oder man findet eine Einstellung dazu und akzeptiert ihn als Datum der eigenen Geschichte. Ob es einen Unterschied macht, wenn man ein symbolisches Alter erreicht und es öffentlich ignoriert, oder ein gelassenes Verhältnis dazu entwickelt, dass es so ist? So mancher runzelt die Stirn zu tiefen Falten aus Sorge, die Lebensspuren könnten im Gesicht allzu deutlich erkennbar sein.

19.12.2015

Stilkritik

So manche Gedankenwendung folgt dem falschen Ideal, so verschlungen zu sein wie die Hirnwindung, aus der sie offenkundig stammt.

18.12.2015

Was bei Machiavelli nicht steht

Rhetorik des Machterhalts: Sprich so, dass jeder genau zu wissen meint, was du willst, wenn er es hört; und nicht mehr wirklich weiß, was er gehört haben soll, wenn er sich der Aufgabe widmen will. Solange der andere an sich selbst zweifelt, wird er nicht an dir zweifeln.

17.12.2015

Das Netz hat Löcher

Eine wichtige Regel der digitalen Welt lautet: Je loser die Bindung, desto leichter die Vernetzung. Nur was keine allzu enge Beziehung besitzt, lässt sich über weltumgreifende Transaktionen in ein Verhältnis setzen. Der Zugang zu allem setzt voraus, dass der Besitz nichts gilt. Nicht mehr der substanzielle Charakter einer Sache ist entscheidend, aber ihr medialer. Das Geld mag als Inbegriff dieser Form beispielhaft gelten, die für sich nichts ist, indes für alles eingetauscht werden kann. Dieses Digitalgesetz ist gebildet nach dem Muster des logischen Grundsatzes von der umgekehrten Proportionalität zwischen Inhalt und Umfang eines Begriffs: Je größer die Reichweite einer Kategorie, desto geringer ihre Bestimmtheit. So sagt das „Buch“ über die Eigenart des Lesestoffs weniger aus als der „Taschenbuchkriminalroman“, ist allerdings auf sehr viel mehr Bände anwendbar. Und beide Muster bilden strukturell wiederum eine Voraussetzung ab, die den Menschen in seiner Entwicklungsgeschichte maßgeblich beeinflusst hat: Nur weil er sich irgendwann herausziehen konnte aus dem strengen Ausleseverfahren der Natur durch „Körperausschaltung“ (Paul Alsberg), weil er nicht unmittelbar auf das Reizsystem seiner Umwelt organisch reagieren musste, bedeutete ihm jede Flucht aus einem Konflikt auch einen Erfahrungsgewinn mit Ansprüchen aus anderen Umgebungen. Erst die Unabhängigkeit von spezifischen biologischen Systemen machte ihn fähig, sich allenthalben zu seinem Vorteil anzupassen. Die kulturelle Überlegenheit entsteht aus einer natürlichen Verlegenheit. Je schwächer das Talent zur unmittelbaren Antwort, desto größer die Freiheit.

16.12.2015

Feuerwerksmusik

„Bleib mir bloß weg“, wehrt der Freund ab. „Silvester ist das verlogenste Fest im Kalender. Erst feiern die Leute ausgelassen, weil ein Jahr zu Ende geht; und wenn es dann schließlich rum ist, haben sie einen Kater und seufzen, dass es wieder so schnell vergangen ist. Mir verbirgt sich hinter dieser aufgekünstelten Heiterkeit, all den Feuerwerkssinfonien und Luftschlangenparaden zu viel vanitas. Umgekehrt wäre es angemessener: den Katzenjammer zuerst, danach die Freude, dass es weitergeht.“

15.12.2015

#hobbylos

Einer aus der älteren Generation der Erzeugerfraktion wird unfreiwillig Zeuge, wie drei zahnspangenbewehrte, durchgestylte Mädchen sich über einen Klassenkameraden lustig machen und dessen Qualitäten abwägen: „Vergiss ihn“, sagt die eine plötzlich glasklar, „der ist total hobbylos“. Ob bei den Chicksen von heute auch die alte Frage aus den Fünfzigern wieder verstanden würde: Darf ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen? Hobbylos war der nicht, der so einlud, weder im alten Sinn eines Menschen ohne Steckenpferd noch in der seit ein paar Jahren gebräuchlichen, jugendlichen Steigerung von „uncool“.

14.12.2015

Gut genug, besser nicht

Jetzt beginnt wieder die Zeit, in der die schniefenden Zeitgenossen einander in gepflegter Etikette, aber grammatisch ungelenk „Gute Besserung!“ wünschen. Als ob die Steigerung desselben der Genesung besonders zuträglich wäre. „Besserung!“ reichte schon, wenn alles andere gerade nicht „gut“ genannt zu werden verdient.

13.12.2015

Vorläufig

Nicht nur die Dramen haben ihren Wendepunkt. Auch deren Vorspiele. Der dritte Advent feiert den Täufer Johannes in seiner Rolle als Vorläufer und Vorbote des Weltenerlösers, dessen Geburt ein paar Tage später in der Christenheit festlich begangen wird. In ihm spitzt sich zu, was Weihnachten meinen könnte. Offenbar war es nötig, einen Interpreten voranzuschicken, um Fehldeutungen von vornherein auszuschließen. Aber nicht nur das. Johannes trat vor allem auf als abstrakter Mahner, den eigenen Lebenslauf zu ändern – allgemein noch, weil die Richtung, in die es inskünftig gehen sollte, zu seiner Zeit nicht präzise erkennbar war. Vor der Lebensänderung steht die Sinnesänderung, so seine Worte. Der neuen Handlung muss eine neue Haltung vorausgehen. Unheimlich hingegen sind gut gemeinte Taten, ohne dass zuvor die Einstellung gewechselt wurde – eine Gesinnung, die sich fortan an zwei Prinzipien zu orientieren hat, welche sich wechselseitig begrenzen: an Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gleichermaßen. So ist der dritte Advent der große Trainingstag der Menschheit, an dem sie erprobt, ob sie fähig sein wird, sich auf einen Weg zu machen, der mit Fug menschlich heißen könnte.

12.12.2015

Freundeskreis

Zu den verstörenden Erfahrungen einer gelegentlichen Einladung beim Freund gehört, dass die anderen Gäste zu ihm in eben demselben Verhältnis stehen: auch Alltagsvertraute und Gefährten sind, obwohl sie doch untereinander so fremd erscheinen. Man kennt sich nicht näher und will sich auch nicht kennenlernen über den Abend hinaus. Nur über den Gastgeber teilt man die formale Gemeinsamkeit, dessen Intimus zu sein. Da lebt einer seine Vielfalt und Zwiespältigkeit sichtbar aus in der Zahl der unterschiedlichen Lebenskumpel, die es gewiss nicht verdienten, als Freundeskreis wahrgenommen oder angesprochen zu werden. Und würden sie es, fragt man sich unwillkürlich: Wollte auch nur einer von ihnen dazugehören?

11.12.2015

Geschwätz von gestern

Nach den ausufernden Erfahrungen mit dem ersten Gesetz der Kommunikation – „Man kann nicht nicht kommunizieren“* – entdecken wir nun die zweite Regel der Kommunikation: Wenn alles bedeutsam ist, ist nichts bedeutsam.

* Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson, Menschliche Kommunikation, 53

10.12.2015

Alles muss versteckt sein

So mancher erzählt mannigfach Geschichten, – nicht um sich oder etwas in ihnen zu zeigen, sondern – um sich hinter ihnen zu verstecken. Dabei wiederholt er nur, was das Talent, einen Mythos zu erfinden, eine Sage zu spinnen, den eigenen Alltag mit ein paar Anekdoten auszuschmücken, vermutlich einst hervorgebracht hat: die Langeweile an der wirklichen Welt. Sie ist es, die unsere Fähigkeit, ins Blaue hinein zu fabulieren, bei manchen zur Meisterschaft einer aufs Schönste gefertigten narrativen Kunst gebracht hat, die beim Hörer ins Schwarze trifft. Wir phantasieren, weil dem Geist die Realität nicht genügt. Wir lügen, weil uns die Wahrheit ermüdet. Wir erfinden aus Ärgernis an dem, was wir erfunden haben.

9.12.2015

Eigeninitiative

Es geht weiter: Mit diesem Versprechen verführt das Leben sich selbst. So schaffen wir es, die großen Hürden, die es aufstellt, immer wieder zu überspringen, und glauben, weil eine Sache sich erschöpft, dass eine andere beginnen wird. Die große Enttäuschung setzt ein, wenn wir merken, dass dieses „Es“, das da die Geschichten fortführt, nicht lange Bestand hat und in Wahrheit eine versteckte Aufforderung ist, „Ich“ zu sagen. Nie ist ein Anfang schon gesetzt, weil wir eine Lebensphase zu Ende gebracht haben; kaum eine Erfahrung als Lebensabschnitt beschlossen, nur weil wir längst zu Neuem aufgebrochen sind. Was Entscheidung heißt, meint genau dies: dass wir an die Stelle des Es das Ich platzieren.

8.12.2015

Ich nicht

Freiheit: ein anderer Name für das Ich.
Verantwortung: ein anderer Begriff für Freiheit.
System: das Ende der Freiheit, das Versteck der Verantwortung – Ich nicht, sondern Es.

7.12.2015

Wo ist die Brille?

„Warum immer so pessimistisch?“ fragt er entnervt.
„Ich bin realistisch“, antwortet sie gelassen.
„Aber du siehst in allem nur Negatives“, entgegnet er.
„Ich bin halt weitsichtig“, erklärt sie.
„Das ist viel zu kurzsichtig gedacht“, widerspricht er.
„Wer ist denn jetzt negativ?“ spottet sie.

6.12.2015

Zeichnung: Robert Gernhardt

Sankt Nikolaus

Zeichnung Robert Gernhardt
„Bilden Sie mal einen Satz mit …
… Nikolaus:

Nutze die Gelegenheit!
Hilf Nicole aus dem Partykleid.“*

* Aus Robert Gernhardts Dichterwettstreit

5.12.2015

So fern, so nah

Die formale Struktur des Weltschmerzes: Das Abstrakte wird konkret.
Und die des Glücks: Das Konkrete ist abstrakt.
Was haben beide gemeinsam? Etwas Unwirkliches, das jedoch unwirksam bleibt.

4.12.2015

Leitender Angestellter

„Und welche Art von Unternehmen leiten Sie?“ wird der Philosoph gefragt, als er sich in einen Managementkongress verirrt hat. Seine Antwort lässt nicht auf sich warten: „Ich führe einen Zeitvertrieb.“

3.12.2015

Gehaltsschere

Wo wird am meisten verdient? Die lukrativen Geschäfte sind kaum von produktiver Natur, sondern – in einem weiten Sinn – von logistischer Art: Investment Banking, Private Equity, Börsenhandel, Maklerdienste, Beratung in aller Form, vielleicht Marketing und Werbung. Weniger die Sache bringt den Ertrag als deren Abwicklung.

2.12.2015

Verreist

„Habe ich dich gestört?“ fragt sie, als er kaum vernehmbar seinen Namen ins Telefon nuschelt. „Nein, ich habe nur nachgedacht und bin durch den Summton des Apparats herausgerissen worden.“ „Oh, das tut mir leid. Ich glaube, du brauchst mal eine Luftveränderung, um aus deiner Dauerbelastung herauszufinden.“ Er schwieg. „Hallo? Bist du noch dran?“ unterbricht sie die Stille. „Ja, ja“, sagt er geistesabwesend. „Andere Gedanken würden schon ausreichen. Du weißt, dass ich lieber im Kopf verreise, als mich mit all den Plagen einer durchgeplanten Ferienfahrt herumzuschlagen. Da erreicht man immer seinen Anschluss. Und das Lieblingsplätzchen ist stets frei.“ „Ist ja auch billiger“, antwortet sie resigniert, weil sie gehofft hat, dass sie sich wieder einmal mit ihm auf den Weg machen würde. „Am Ende könnte der Preis sehr hoch sein, den ich dafür bezahlen muss“, reagiert er schon aus weiter Ferne. Sie hört schließlich nur noch ein Knacken und ahnt, dass er mehr beendet hat als ein Gespräch.

1.12.2015

Über Kreuz

Über das Wortspielerische hinaus lässt sich die Vorahnung als eine Nachahmung der Zukunft verstehen zu Zeiten, da diese noch nicht eingetreten ist. Geht das auch umgekehrt? Vielleicht ist das Déjà-vu eine „Nachahnung“, die als „Vorahmung“ vorgestellt wird.

30.11.2015

Innen und Außen

Wenig ist persönlicher als Stilfragen.

29.11.2015

Genau genommen

„Ich habe eine gute Nachricht für Sie.“
„Woher wollen Sie das wissen? Wenn die Nachricht für mich ist, kann auch nur ich bewerten, was Sie mir bedeutet.“

28.11.2015

Willkommenskultur

Gartenzwerg als Scheinriese als Weihnachtsmann: das magische Dreieck der deutschen Mentalität.

Bochumer Bahnhofs-Mission: Niemand muss fürchten, ins Ungewisse aufzubrechen

27.11.2015

Die Frage aller Fragen

Man versteht vieles besser, wenn man fragt: Wie lautet die Frage, auf die das, was ist, eine Antwort darstellt. Und welche anderen Antworten sind noch möglich?

26.11.2015

Versuch und Irrtum

Die vorherrschende Ideologie der gegenwärtigen Regierungspolitik gibt sich pragmatisch und ist maßgeblich von der wissenschaftstheoretischen Grundannahme beeinflusst, nach der sich der Erkenntnisfortschritt über trial and error ereignet. Die Gesellschaft wird zum Versuchsfeld für allerlei Entscheidungsfolgen, die solange nicht in Frage gestellt zu werden brauchen, wie sie sich nicht falsifizieren lassen. Ob etwas wahr genannt zu werden verdient, was ehedem nur hieß, dass es die Probe aufs reale Exempel bestanden hatte, ob eine Sache strategisch anzugehen ist, sich an ersten Prinzipien orientiert – all das störte die politische Vernunft, die sich wie Experimentalphysik verhält.

25.11.2015

Kippfigur

Die großen Gefühle sind wie Vexierbilder. In ihnen steckt mindestens eine zweite Empfindung, die sich erkennen lässt, wenn man den Blickwinkel wechselt, mit dem man auf sie schaut. Hat man den einen Affekt genau gesehen, meint, ihn klar erfasst zu haben, trübt sich die Wahrnehmung ein: Durch ihn hindurch scheint nicht selten die gegenteilige Regung. So mancher abgrundtiefe Hass verbirgt geschickt die Verzweiflung, die sich in ihm ausdrückt und lässt nach langem Studium auch noch die unerfüllte Liebe entdecken, aus der er hervorquillt. Ist nicht der Neid eine verbogene Form der Bewunderung? Und die Liebe heimliche Angst vor dem Alleinsein und der Zweisamkeit zugleich? Wer soll hier entscheiden? Es gehört zur Perfektion des Versteckspiels, dass sich weder dem Beobachter noch dem von seiner Leidenschaft Ergriffenen eindeutig erschließt, welche Stimmung vorherrscht, ja in den meisten Fällen nicht einmal, dass da mehr im Gange ist als nur das Offenkundige. Man müsste eine reine Rhetorik der bedeutenden Emotionen entwickeln können, die alle Kunstgriffe, Tropen und Figuren einer Sprache des Innenlebens enthält: die Metaphern der Seele, die Paradoxien der menschlichen Beziehungen, die Ironie des ehrlichen Geständnisses, den Euphemismus hässlicher Sentiments …

24.11.2015

Enthaltsamkeit

Die größte Anstrengung des Denkens ist nicht, knifflige Probleme klug zu lösen. Sie besteht darin, sich eines Urteils zu enthalten, solange eine Sache nicht zureichend gut beschrieben ist.

23.11.2015

Das Publikum spricht mit

Jeder Beobachter ist ein heimlicher Kritiker. Jeder Handelnde ein versteckter Schuldner. Es ist kein Kunstkniff, die Wirklichkeit zu blamieren, wenn man sie konfrontiert mit dem, was möglich wäre und notwendig ist. Da fehlt immer etwas, da hat stets einer gefehlt. Ihre Überlegenheit zieht die Theorie daraus, dass sie in allen drei Modi das Hausrecht besitzt.

22.11.2015

Mehr als das

Die Klarheit eines Willens, die Schlichtheit eines Gefühls und die Deutlichkeit einer Tat sind so schwer zu erreichen wie die Genauigkeit des Begriffs oder die Einfachheit der Idee. Die formalen Grenzen der Lebendigkeit heißen: Sowohl-als auch, Weder-noch und Entweder-oder. Zwischen ihnen haben wir uns zurechtzufinden.

21.11.2015

Grammatik der Wut

Die Sprachlosigkeit der Sprachlosen: Wut.
Die Sprache der Sprachlosen: Gewalt.
Die Sprachlosigkeit der Sprechenden: Fassungslosigkeit.

20.11.2015

Unvollendet

Die Kritikerin: „Ist dein neues Buch schon erschienen?“
Der Autor: „Ich schreibe daran.“
Die Kritikerin: „Es sind nicht die schlechtesten Werke, die sich lesen, als würde daran noch geschrieben werden.“
Der Autor: „Man schreibt besser, wenn man nicht immer daran denkt, den Text einmal zu publizieren. Das Wort behält so seine Unschuld.“
Die Kritikerin: „Werde endlich erwachsen.“
Der Autor: „Wie unromantisch.“
Sie: „Ach, du entwickelst eine Liebesgeschichte.“
Er: „Ich erlebe gerade eine.“
Sie: „Darf ich fragen, mit wem?“
Er: „Tu nicht so unschuldig. Werde endlich erwachsen.“

19.11.2015

Alternativlos. Sprachlos. Leblos

„Nun sprechen die Waffen.“ Waffen sprechen nicht. Aber Worte können töten. Und Waffen Worte. Wo das Reden aufhört, herrschen Einverständnis, Erschöpfung oder Gewalt. Alle sind Formen des Totalen: Man kann nur ganz einverstanden sein, ist vollkommen erschöpft, will sich in seiner Wut nicht bremsen lassen. Daher: Solange wir uns verbal austauschen, gleich ob argumentierend oder beleidigend, kritisierend und fragend, laut wie diskret, hart, versöhnlich, formal, leidenschaftlich, ist eine Sache nicht zu Ende und muss anders nicht fertig gemacht werden.

18.11.2015

Trotzdem lachen

Das gewisseste Kennzeichen eines freien Geistes ist, dass er Dinge sagen kann, die wirklich lustig sind. Andere zum Lachen zu bringen, zeugt nicht nur von spielerischer Intelligenz, sondern vom Vergnügen an der Unabhängigkeit.

17.11.2015

Auf Brautschau

Der kleine Junge ist zum ersten Mal beim Friseur und versucht, seinen Respekt vor den Rasiermessern und Haarscheren sich nicht anmerken zu lassen. Mit Anlauf nimmt er auf dem Drehstuhl Platz, lässt sich den Umhang umbinden und schaut, seine großen Augen erwartungsvoll auf den Spiegel gerichtet, dass ihn niemand von hinten überrascht. „Na, wie alt bist du denn?“ Der kinderkundige Friseur eröffnet das Gespräch, das die lästige Prozedur ins Beiläufige rücken soll. Da wirft der Blondschopf seinen Kopf um und sagt mit ernster Miene: „Ich bin schon drei und ledig.“

16.11.2015

Kriegserklärung

Aus dem Gedicht des Journalisten und Lyrikers Carl Sandburg The people, Yes wurde besonders die großzügig übersetzte Zeile bekannt: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“. Sie galt in der deutschen Friedensbewegung der Achtzigerjahre als Leitmotiv und war auf vielen Plakaten der pazifistisch gesinnten Demonstranten zu sehen (oft fälschlich Bert Brecht zugeschrieben). Unter den veränderten Gefährdungen freier Gesellschaften in diesen Tagen mag eine leichte Abwandlung des Satzes die Situation genau beschreiben: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner hat es gemerkt. Auch in Zeiten des systematischen Terrors müssen Kriege noch erklärt werden; aber vielleicht nicht so sehr einem Gegner als denen, die von ihm in die Gewalt hineingezogen werden.

15.11.2015

Es ist Wahnsinn

Dass der Wahnsinn Methode hat, macht ihn nicht vernünftiger, sondern nur verrückter. Nichts ist gewalttätiger als jene Rohheit, die sich mit dem feinsten und schärfsten Talent des Denkens verbündet: der Logik.

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erstellt am 24.6.2015