Napoleon Bonapartes ‚Geheime Aufzeichnungen’, auf Korsika gefunden, aus einem unbekannten korsischen Dialekt übersetzt und herausgegeben von Paul Pörtner, sind Aphorismen vom Feinsten. Pörtner, der 1984 in München starb, war Dichter, Dramatiker, Hörspielautor, Romancier und Übersetzer. Tatsächlich wurden die ‚Aufzeichnungen’ in TUMULT gefunden.

Essay aus der Zeitschrift TUMULT

Geheime Aufzeichnungen

Herausgegeben von Peter Pörtner

1 Eccu! Das Leben ist eine Leseprobe.

2 Die Welt hat ihre Eigengesetzlichkeit. Es ist unmöglich, in ihr echte Spuren zu hinterlassen. Wenn du eine Idee umsetzt, wie es heißt, ist sie schon eine andere; nicht mehr deine. Man denke nur an die Idee der Weltherrschaft. Sagt der Deutsche Schiller doch: Spricht die Seele, so spricht, ach, die Seele nicht mehr.

3 Selbstverwirklichung ist immer Selbstverrat.

4 Ein Gefühl zu äußern, bedeutet immer, ein Gefühl zu entäußern, es sich zu entfremden; wobei offen bleiben muss, was mit jenem »sich« gemeint ist, gemeint sein kann.

5 Ich bin so voller Abscheu und Widerwillen den Menschen gegenüber, dass ich mich fast schäme. Sie haben mich verdient.

6 Das Faszinierende an dem Marquis de Sade ist seine Inkonsequenz. Was leben will, muss inkonsequent sein. Schrecklich sagen zu müssen, dass Konsequenz Tod bedeutet. Das spricht gegen die Idee, dass ein Gott die Welt geschaffen hat.

7 Ich verstehe den Philosophen Fichte nicht. Er sollte mir doch dankbar sein. – Dieser Gedanke ist mir gekommen wie ein Liedchen, das man dann so vor sich hin pfeift. Die Marseillaise, zum Beispiel.

8 Ich traue mir nicht; und bespitzele mich bei Tag und Nacht.

9 Strategie ist der Versuch, das Licht zu knebeln. Ihre Erfolge verdanken sich der Schwäche des Lichts. Das begreifen meine Bewunderer nicht. Sie sollten meine Maximen nicht lesen.

10 Die Menschen haben Gott mit einem Auge versehen, weil sie wissen, dass sie nicht unbeobachtet gelassen werden dürfen.

11 Manchmal rettet einen nur der Totstell-Reflex; unter der Bedingung, dass er gelingt.

12 Kann man sagen, die Angemessenheit des Lebens ist es, das Dasein vergessen zu machen? – So wie angepasste Brillen und Schuhe nicht mehr drücken?

13 Freiheit ist möglich, wo wir entgleisen. – Das soll natürlich heißen: Freiheit ist unmöglich. Weil wir den Moment des Entgleisens immer verpassen.

14 Besteht die Hauptaufgabe der Philosophie nicht darin, sich vieles wegzudenken? Anders gesagt: Ist das eigentliche Surplus nicht das Wegdenken?

15 Immer gibt es zwei Möglichkeiten, eine stumpfe und eine spitze. Die stumpfe versagt. Die spitze verfehlt. Aber beide stehen offen.

16 Jeder Sieg über die eigene Seele ist zuletzt ein Sieg für die anderen. Das ist kein erfreulicher Gedanke; aber man muss ihn akzeptieren.

17 Der schlimme Augenblick, in dem man merkt, wie dumpf man in die Welt schaut.

18 Mein Verhalten bei meiner Kaiserkrönung war als Parodie gedacht. Keiner hat es mir geglaubt.

19 Im Grunde habe ich in meinem Leben nur Parodien parodiert. Dass ich ihnen dabei ein neues Gesicht gegeben habe, so en passant, hat mich selbst überrascht. Den Effekt habe ich – gleichsam – eingestrichen.

20 Ich wollte mein Leben führen, als würde ich es nacherzählen. Von einem gewissen Zeitpunkt an, hat mein Gedächtnis versagt; und ich begann zu im pro visieren. Das hat mich, ich gebe es zu, und die Geschichte beweist es, überfordert.

21 Was ich hier niederschreibe, gilt universell. Ich tue nur so, als würde ich von mir, als einem »guten Teil«, sprechen.

22 Ich wollte mich im Fluss der Geschichte verankern. Aber wie sollte das gehen? Der »Fluss« der Geschichte ist ein Lavastrom.

23 Ich kenne nur ein bisschen Dante. Aber den Teil der Hölle, die Vorhölle, wo die moralisch Faden im Kreis rasen, den kenne ich gut.

24 Ich frage mich, ob ich gescheitert bin, weil ich der Welt eine Vitalität bringen wollte, die sie brauchte, aber nicht verkraften konnte. Sie hätte mich zu einem Messias machen können.

25 Jede Seele, höre ich, ist ein hortus conclusus; also auch meine. Ich wollte ihre Mauern, ihre Grenzen zu weit ausdehnen.

26 Du musst erkennen, dass du immer deinem Verschwinden zuschaust, selbst wenn du eine Welt eroberst.

27 Und wenn du keine Welt eroberst, bist du schon verschwunden.

28 Mein Gespräch mit Goethe: Der Heuchler. Er hat nicht verstanden, was ich ihm – über sich – sagen wollte. Er wird aus unserem Gespräch ein Geheimnis machen. – Den Wieland hätte ich herzen können.

29 Ovid hatte es gut; nomenque erit indelelibe nostrum. Er brauchte nur zu schreiben, um seinen besseren unzerstörbaren Teil in die Welt zu setzen; durch den er noch immer lebt, parte tamen meliore mei. Ein verbannter Dichter braucht nur zu sagen: vivam: Das ist eben der Unterschied von gut und besser …

30 Ich weiß es nicht, wer meine Eroberungen gemacht hat; ich weiß auch nicht, wer da gescheitert sein soll. Wahr ist immer nur der Raum, Leipzig. Saint Cloud. Waterloo. Portoferraio. Vielleicht Ajaccio. Natürlich Malmaison, – wenn man darunter nicht die ganze Welt versteht.

31 Warum frage ich mich ständig, ob ich verstanden werde? Eine Berufung ruft immer an dem Berufenen vorbei.

32 Vielmehr wusste ich, dass ich es tun musste. Etwas rief, von hinter den Din gen her; es rief mich, aber es meinte mich nicht. Und genau das war mir gleichgültig. So bin ich mir ein unerreichbares Ziel geblieben.

33 Ich dachte immer, der Rand der Dinge kann mich nicht fassen; und fühlte mich im Recht, wenn ich ihn durchbrach.

34 Vielleicht beschenkt die Geburt uns darum mit einem Leib, dass das Leben etwas hat, das es zu einer Wunde verarbeiten kann. – Das ist kein Zitat. Das frage ich mich wirklich.

35 So gut ich ihn verstehen kann, ein Don Juan zu sein bedeutet, immer das selbe Geschlecht zu beflecken; und ein Robespierre spuckt immer in das selbe Gesicht, obgleich er honette Züge hatte.

36 Ich finde es amüsant und bedeutsam, dass man Orte, wo ich war, vor allem daran erkannt, dass etwas fehlt. Ein Theatervorhang. Ein Bild. Ein Stein. Eine Quadriga.

37 Im Traum habe ich wieder mit Ludwig XIV und Friedrich II gefrühstückt. Sie lachten mich aus. Ich hätte noch viel mehr bauen sollen. Vor allem Gär ten. Wir passten eben doch nicht zusammen.

38 Immer wieder kommt es mir so vor, als würde eine fremde Stimme mich daran erinnern, was ich bei meiner Scheidung von der Kaiserin gesagt habe: Das Schicksal bemeistert meinen Willen. – Wie kann es sein, dass einer, der so stark ist wie ich, so schwach ist. – Die Worte tun immer so, als herrschten sie überall. Dabei sind ihre Domänen sozusagen wohl definiert.

39 Es ist die hervorragendste Tugend der Maske, nicht durchsichtig zu sein. – Das sagt viel über den Sinn von Tugend.

40 Sich den eigenen Rücken stärken. – Wenn man das tut, kann man sich nicht sehen.

41 Gottlosigkeit ist die perfideste Art des Luxus.

42 Seit ein deutscher philosophe mich »Weltseele« genannt hat, kann ich mich ohne Pferd nicht mehr denken.

43 Was die Welt ist? – Ein Echo von Gottes Schweigen.

44 Nachträglich, also jetzt, weiß ich, dass die Folgen meines Handelns en effet immer meinen Entscheidungen vorausgegangen sind; so wie man sagt aller au-de vant des désirs de … Sie haben mich benutzt, vielleicht sogar gebraucht. Jedenfalls sind unsere üblichen und bequemen Vorstellungen von Kausalität falsch.

45 Wirklich kreativ (ich habe da hohe Ansprüche) kann man nur aus Hass sein.

46 Warum bete ich nicht? – Das Opfer ist mir zu groß. Zum Gebet findet man nur über den Umweg der Demut. Ich liebe keine Umwege.

47 Du bleibst so klein wie die, von denen du anerkannt werden willst. – Bedenke das!

48 Die Welt ist eine Anamorphose; der Mensch der gekrümmte Spiegel, der ihr eine – wenn auch nur ihm selbst – erkennbare Form verleiht.

49 Ein typischer Emporkömmling. – Was ist so typisch an meinem Emporkommen? Meine Hut? Mein Gang?

50 Was für ein Roman ist mein Leben. – Das sage ich, weil ich gleichsam mit der Feder in der Hand gelebt habe. Nur das Prisma des Worts hat mir die Welt und mich selbst sichtbar gemacht. Ich musste es mir mit Worten verdeutlichen. Auch die ganze Geschichte der Welt können wir uns nur als Roman vorstellen.

51 Warum bestehe ich darauf, dass man alles, was man im Leben tun muss, mit Erwägung tut? – Doch nur darum, um einen Schein von Freiheit zu bewahren. – Maître des lieux: ein Meister der Orte kannst du nur sein, wenn sich die Orte in dir kristallisieren; du beherrschst nur die Orte, die du bist, auf die eine oder die andere Weise. Und genau darin liegt der Sinn der Erwägung.

52 Commercium. Es wird einmal einer die Zahl der Toten meiner Feldzüge mit meiner Lebenszeit verrechnen, mit der Zahl ihrer Minuten, ihrer Stunden. – Diese unsinnige Mühe sollte er sich ersparen. Denn meine Zeit und meine Feldzüge, die gehören mir nicht. Das weiß ich nicht erst, seit ich krank bin und um jede Minute mit dem Schicksal feilsche. Ja, es ist ein Handel, ein Geschäft.

53 Commers. Mit dem Teufel kann man, kann selbst Gott nur geschäftlich umgehen und verfahren. – Und ist Strategie denn nicht eine Art Geschäft? – Ich war ein guter Geschäftsmann. Bis ich zu kalkulieren aufhörte. Und zu wetten begann. Da hat der Teufel gelacht.

54 Um die Zeit meiner Geburt wurde Korsika Frankreich ein verleibt. Was für eine köstliche Volte der Weltgeschichte! – Louis XV und seine Paladine wussten nicht, was sie taten. Bedeutet meine Existenz nun, dass Gott ihnen verziehen hat – oder eben gerade nicht? Diese Rätselfrage erheitert mich. Sie erfreut mein Herz. Weil sie zu denen gehört, auf die es keine Antwort gibt.

55 Malmaison. Wie verärgert ich über Joséphine war! Und doch wurde Malmaison der schönste und beste – und vielleicht wahrste – Ort für Bonaparte. – Vielleicht macht mich deshalb meine Erinnerung – gleichsam im Gegenzug – so still und versöhnlich. – Joséphine hat das Haus mit Geld gekauft, das ich nicht besaß. – Sie hat es entweiht, ehe ich es mit ihr geweiht habe. – Ich habe ihr das Haus geschenkt, als ich nicht mehr mit ihr sein konnte. – Ich bin in das Haus zu rückgekehrt, als sie nicht mehr war. – Malmaison. – Seltsam, dass ich hier auch meine ersten Gesetze ersann; oder erfand. – Warum verschweige ich die Zeit, in der es unser gemeinsamer Ort war; der Ort unserer einsamen Zweisamkeit? – Weil ich nicht zugeben kann, dass geteilte Einsamkeit eine notwendige Voraussetzung für das ist, was wir Glück nennen? Wenn sie auch nicht ausreicht. – Auch seine notwendigen Bedingungen können das Glück, selbst im Sinne eines fast nichtigen Aufflackerns, nicht garantieren. Was seine Bedingungen hingegen immer garantieren, das ist das Ende des Glücks; zumindest gilt das für die Menschen. Aber gibt es so etwas wie das Glück der Welt, das Glück des Universums, das Glück der Zeit? Das Glück des Stillstands?

56 Vielleicht ist sogar genau das meine Tragödie, dass ich ein so guter Händler und Stratege, ein strategischer Wucherer war. – Man denke sich einen Schachspieler, der keine falschen Züge machen kann: Ein Blick ins Herz der Langeweile. – Meine Perfektion fand darin ihrer Grenze, dass die Welt eben kein Schachbrett ist. Da gibt es auch Wolken, Schnee, und Schlamm, und Menschen.

57 Mein Gespräch mit Metternich. Dafür schäme ich mich heute. Aus verschiedenen Grün den. Es war dumm, ihm zu sagen, dass er mich nicht verstehen kann. Es war dumm, ihm den Grund zu nennen, warum ich nicht mit ihm hätte sprechen dürfen. Wenigstens habe ich meinen Hut selbst wieder aufgehoben. Das war richtig. Und wurde deshalb falsch gedeutet. – Vor allem aber war es umsonst. Ich konnte damit die Zeit nicht einmal um eine Minute zurück drehen. – Aber Metternich konnte über mich triumphieren, indem er nichts tat, als mich zu zitieren; einen Faden aus dem Gobelin meiner Existenz zog, den er der Welt zeigte, um mich bloßzustellen. – Für einen kurzen Augenblick lang war ich der, für den man mich hält. Diesen Augen blick werde ich mir nie verzeihen. – Gott schenke der Scham, die ich darüber empfinde, eine lange Dauer.

Napoleons Chapeau, Palais von Fontainebleau

58 Nein, ich bin nicht eitel, ich möchte nur, dass man meine Dimension respektiert. Auch Friedrich der Große war klein. Aber ein Riese ganz eigener Art. Sollte es mir leid tut, dass er zu früh gelebt hat für mich? Dass wir uns gegen seitig nicht steigern konnten? – Das Schicksal arbeitet auch mit unzeitigen Geburten.

Treffen mit dem österreichischen Kanzler Metternich in Dresden 1813

59 Das kann, prima vista, niemand glauben. Mir fällt es selbst schwer; aber in meiner Jugend hat mir einmal ein Freund gesagt: Wenn ich mit dir zusammen bin, kommt es mir so vor, als würdest du dich dafür entschuldigen, dass du da bist. – Nota bene: Das ist eine zweideutige Aussage. Vielleicht hat dieser Freund damals schon mein ganzes Leben erklärt. Wer eine Welt erobern möchte, darf und kann nicht selbst Teil dieser Welt sein. Es muss so scheinen, als wäre er aus Versehen oder Frechheit da. Diesen Schein muss er wahren. Und das kann er nur, indem er so tut, als würde er sich für seine Präsenz, seine Erkennbarkeit entschuldigen.

60 Mein Leben, also alles was ich getan habe, war eine kollektive Tat; dass es als kollektives Verbrechen erscheint, ist nur eine Frage des Datums. Das Verbrecherische daran, das ich ja nicht leugne, wird die Welt vergessen. Hin und her.

61 Heute würde ich Jesus nicht mehr den größten Republikaner nennen.

62 Exempla. Beispiele werden erst zu Beispielen, wenn man ihnen folgt. – Aber welchem Beispiel hätte ich folgen sollen! In gewisser Weise bin ich das einzige Beispiel meiner selbst. Und werde es wohl bleiben müssen.

63 Cosa rara. Die Sache ist einfach: Glück ist, wenn die Welt dich dafür belohnt, dass du denkst und planst und tust, was sie von dir erwartet. Die Geschichte ist ein Potpourri solcher Raritäten.

64 Déviation, declinatio. Wirklich sind nur die Abweichungen. Das Modell ist die Idee eines Destillats aus allen Abweichungen, die einmal geschehen sein werden. – Die Geschichte ist eine Kette von Deklinationen; aber welchen Wortes, das wissen wir nicht.

65 Die Zeit; die Mätresse des Universums. Nicht zu zügeln.

66 Nein, Boney war ich nie. Von den Briten so genannt zu werden, Nelson war auch kurz, hat mich gekränkt. Aber muss man jemanden ernst nehmen, der einen dermaßen missversteht resp. nicht versteht? Immerhin tröstlich, dass sich die Engländer so bemüht haben, so bemühen mussten, aus mir eine Karikatur zu machen. Gelungen ist es nicht. Für den Beweis danke ich Betsy.
Wie dankbar, ja glücklich war ich, als die kleine Nachbar in, Betsy, mich Boney genannt hat. Sie hätte gar nicht vertrauter, näher sein können. Merci, Britannia! – Wie oft verbot es mir die Höflichkeit, meinen Konversationspartnern zu sagen: Mit Unwissenheit sollte man nicht kokettieren. Mit Dummheit kann man nicht kokettieren.

Karrikatur von George Cruishank: Little Boney gone to Pot, 1814
Napoleon am Sarge Friedrichs des Großen am 25. Oktober 1806

67 Warum ich in der Öffentlichkeit nie meine Brille getragen habe, das weiß ich nicht. – Vielleicht weil eine Brille ein so privates Ding ist; und meine Seele habe ich ja auch nie gezeigt.

68 Das Bad ersetzt mir jetzt die Welt. – Erinnere ich mich richtig, dass Augustinus nach dem Tod seiner Mutter vor allem ein Bad genommen hat?

69 Was früher Chambertin hieß, heißt jetzt Constantia; und seine Blutfarbe wurde golden. Trotzdem bin ich noch immer besessen von der Gewohnheit. Anders als Joséphine. Wenn ich Wein trinke, habe ich das Gefühl, dass er mich konserviert; mich – und meine Seele.

70 Handlungen sind bewegliche Masken der Gedanken. Dennoch können sich die Gedanken in den Handlungen, die ihnen entspringen, sozusagen, oft nicht wiedererkennen.

71 Jede Handlung ist eine Fremdverwirklichung; im einen und im anderen Sinn.

72 Ich hatte schon als Kind, auf der Insel, das Gefühl, dass die Welt in mir ist. Alles, was ich tat, war der Versuch, sie nach außen zu versetzen.

73 Bei jeder Entscheidung hat es mich rasend gemacht, zu wenig zu wissen. Genau deshalb habe ich mich mit der Strategie begnügt. Und mit der Artillerie. – Man weiß nie, was geschieht. Aber man kann seine Kanonen so positionieren, dass der Zufall in die Falle geht; wenn er es will.

74 Und dennoch bleibt der Feind eines jeder Strategen – das Leben.

75 Unser Sprungbrett ist der Defekt, der das Böse, die Fülle des Glücks hervor bringt. Der Feldherr, der seine Leichen zählen lässt. Und mit seinem Pokal voller Blut der Sonne zuprostet. – Sang. Santé.

76 Trotzdem musste auch ich immer wieder dasselbe tun. Gerade ich.

77 Kairos ist ein Bösewicht. Der lächelnde Junge an jeder nächsten Straßenecke. An jedem nächsten Schlachtfeld. Er stand auch in Waterloo.

78 Wir simulieren das Leben, ohne sein Modell zu kennen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Feldherren so hinreißend erscheinen.

79 Ich denke, also wäre ich gerne.

80 Ich habe das Warten immer gehasst, auch als es noch ein Ziel hatte. Jetzt ist es nur ein Zustand. Ohne Ziel. Ohne Richtung. Ohne Sinn. – Es wirkt nur noch auf das Vergangene; es zehrt es auf.

81 Mit fünfzehn Jahren war ich wirklicher pater familias; erfolglos.

82 Leerer hätten meine Hände in Frankreich nicht sein können. Louis XVI hat sie mit seiner Flucht gleichsam gefüllt.

83 Gerade den Wahnsinn muss man kalkulieren.

84 Meinen frühen Erfolge – auch bei Joséphine – verdanke ich nur der Tatsache, dass ich aussah wie ein melancholischer Räuberhauptmann à la mode.

85 Was Frankreich gerettet hat, ist, dass ich mich ihm geopfert habe; als Ersatz. Für eine zweite Revolution.

86 1805. Auch Karl den Großen habe ich parodiert. – Den vielleicht sogar am er folg reichsten.

87 Das leere und brennende Moskau hatte auch eine strenge und kluge Schönheit. Es war – irgendwie – nach meinem Sinn. – Es kam mir vor wie eine voll endete Welt. – Wenn auch am falschen Ort. Aber es fiel mir schwer – zu gehen.

88 Die Fahrt zurück nach Paris hatte nur insofern etwas von einer Flucht – als es mir so vorkam, dass sich nichts bewegt. – Ich war ein Punkt Zeitlosigkeit, eine poröse Statue. Eine Reliquie, die bewegungslos, aber unendlich stürzte.

89 Eines kann man nicht leugnen; – dass ich viel zur Entwicklung und Perfektion der Kryptographie beigetragen habe. Mein ganzes Leben ist eine Geheimschrift; auch für mich selber. Gleichsam ein anderer Code Napoléon, ein code secret. – Überhaupt muss der vollkommene Herrscher seinem Wesen und seiner Berufung nach ein Sekretär sein. Er muss von und über sich alles wissen, aber so, als wüsste er es von einem anderen und über einen anderen.

90 Zugleich war ich einfach nur pragmatisch, wo andere Ideen oder gar Visionen wittern wollen. – Und pragmatisch kann nur der sein, der seinen In stinkt zu seinem Gewissen macht.

91 Krieg ist auch vergleichbar mit der Gartenkunst. Der Krieg arbeitet an der Geschichte wie ein Gärtner an der Landschaft. Kriegsführung und Gartenkunst sind sich auch darin ähnlich, dass sie den Gegebenheiten des Geländes, der Natur der Örtlichkeit, Tribut zollen müssen. Sonst ist das Ergebnis ein Desaster – oder unschön. – Übrigens ist ein Garten nie fertig; geschweige denn vollendet. Auch dem Wildwuchs ist nie beizukommen.

92 Ich habe in meinem Leben viele kennengelernt, die eine intensive Beziehung zur Macht hatten; von all denen errangen nur diejenigen Erfolge, die schwach waren. – Ihre Schwäche war der Vollzugsgehilfe ihres Glücks. – Aus Ägypten musste ich fliehen, um mit Macht belohnt zu werden. Ich habe mich der Notwendigkeit gebeugt.

93 Manchmal erweist sich Hilflosigkeit als Strategie. Es ist leicht zu sagen, das habe ich gewollt, das habe ich geplant; nachdem das Geschehen, zumeist das Schicksal, es so gefügt hat. – Dass die Hilflosigkeit, die détresse, hier der eigentliche Agent war, das wollen die Zuschauer nicht sehen.

94 Meine Liebe zum Gesetz und mein unverbrüchliches Misstrauen den Menschen gegenüber – sind dasselbe. – Vielleicht habe ich das aus der Tragödie der Schöpfung, aus ihrer débâcle, gelernt.

95 Worte, die mit dem Finger auf meine Seele zeigen: Stille Augen, Ehrgeiz, Ar mut, perfume; zum Beispiel.

96 Fast immer (diese Einschränkung teile ich freilich nicht), sagt Goethe, der liebenswerte Heuchler, ist die Erfahrung eine Parodie auf die Idee. – Um diesen Satz beneide ich ihn.

97 Es fiel mir immer leicht, anderen viel zuzumuten, deshalb stelle ich mir meinen Eintritt ins Paradies so vor: Ich komme an der Paradiesespforte an, finde sie offen, gehe hinein, folge einem breitschultrigen Mann mit einem steinbleichen Nacken, eine Weile, bis er plötzlich stehen bleibt, sich um dreht, mir erstaunt und verärgert in die Augen schaut und sagt: Porco dio! Habe ich heute vergessen abzuschließen?

Aus einem unbekannten korsischen Dialekt übersetzt von P. P.

Kürzlich in einem trockenen Erdloch auf Korsika aufgefunden. Wer sie dorthin verbracht hat, das weiß man noch nicht.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift TUMULT.

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erstellt am 05.5.2015

TUMULT Frühjahr 2015