Dany Laferrière musste erst 18 Bücher auf Französisch publizieren, bevor ein Werk von ihm ins Deutsche übersetzt wurde. Dann allerdings bekam er gleich den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Im Heidelberger Wunderhorn Verlag ist 2013 der von Beate Thill übersetzte Roman »Das Rätsel der Rückkehr« erschienen. Im gleichen Jahr wurde Dany Laferrière in die renommierte Académie française berufen und zählt von nun an zu den »Unsterblichen«. In seinem Roman thematisiert der in Haïti geborene und nach Kanada emigrierte Autor erstmals Erfahrungen des Exils. Er erzeugt eine Art flash poétique, um über Empfindungen zu sprechen, die in dem Heimkehrenden wach werden. Andrea Pollmeier hat mit dem Autor über sein Buch, seine Heimat und seine Exilerfahrungen gesprochen.

Haïti

»Das Rätsel der Rückkehr«

Faust-Gespräch mit Dany Laferrière

Andrea Pollmeier: Sie sind als Journalist und Schriftsteller tätig. Worin besteht für Sie der Unterschied beim Schreiben?

Dany Laferrière: Die Arbeit als Journalist hat mir dazu verholfen, der Schriftsteller zu werden, der ich heute bin. Ich begreife mich als einen beobachtenden Autor und nutze das Handwerk des Journalismus, um die Details des Ortes realitätsnah zu entwickeln. Diesen Rahmen erweitere ich dann mit Hilfe meiner poetischen Vorstellungskraft und versuche so, das Geschehen in der Erinnerung des Lesers zu verankern.

Ist es Ihnen als Autor wichtiger, Emotionen anzusprechen oder wollen sie vor allem auf die Erinnerungskraft des Lesers einwirken?

Ich möchte die Gefühle des Lesers erreichen, ob mir das gelingt, liegt in der Hand des Lesers. Zugleich wünsche ich mir, dass das, was ich schreibe, in der Erinnerung präsent bleibt. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen Journalismus und Literatur. Journalistische Texte muss man vergessen, damit die nächste Nachricht durchdringen kann. Literarische Texte soll man nicht vergessen, das wäre das Ende der Literatur. Indem man eine Information in sich aufnimmt, die gleichzeitig real und poetisch ist, spricht sie – so hoffe ich – das Gefühl an, doch das liegt in der Hand des Lesers.

In Ihrem Roman »Das Rätsel der Rückkehr« beschreiben Sie die Rückreise in Ihre Heimat Haïti, Sie geben den Protagonisten meist ihre wahren Namen, Sie bleiben also mit der selbst erlebten Wirklichkeit sehr offen verbunden und doch handelt es sich bei dem Roman um Fiktion. Wodurch entsteht in Ihrem Buch der feine Grad, der Fiktion und Autobiographie voneinander trennt?

Der Unterschied entsteht durch die Komposition. Das heißt, die konkreten Ereignisse beschreibe ich jeweils sehr realitätsnah, doch müssen sie nicht genauso und gleichzeitig stattgefunden haben. Wenn ich nach meinen Recherchen zuhause ankomme, verhalte ich mich wie ein Koch. Ich nehme die Ereignisse und gestalte sie anhand der Grundregeln des Erzählens, damit sie im Gedächtnis haften bleiben. Ich lege Wert darauf, dass die Geschichten an klar definierten Orten und zu bestimmten Zeitpunkten stattfinden. »Das Rätsel der Rückkehr« beginnt beispielsweise in Montréal in dem Augenblick, in dem ich die Nachricht vom Tod meines Vaters erhalte. Das Buch beschreibt dann die Fahrt zu dessen Beerdigung in New York und spricht später über den Moment, an dem ich meiner Mutter in Port-au-Prince die Nachricht vom Tod meines Vaters überbringe. Es gibt also ein Dreieck, drei klar definierte Punkte. Wenn diese Ausgangspunkte festgelegt sind, kann ich in meiner Erzählung dahin gehen, wohin ich will. Dann kann ich Zeit, Handlung und Emotion zueinanderführen. Mit großer Sorgfalt muss jetzt der Gesamtrahmen ausgearbeitet werden. Das gehört zur Komposition. In der Komposition zeigt sich die Kunstfertigkeit des Schriftstellers. Ich verwende hierfür sehr präzise gestaltetes Material und verbinde es mit dem Lebensalltag. Die Namen der Protagonisten sind alle wahr, ebenso sind die Orte und die Ereignisse alle im Realen angesiedelt.

Sie setzen in Ihrem Roman zwei unterschiedliche Stilformen ein. Es gibt Passagen in Gedichtform und in Prosa. Dieser Wechsel hilft nicht nur dabei, die drei Orte voneinander abzugrenzen, sondern macht es möglich, Beobachtungen der Außenwelt mit Reflexionen über emotionale Vorgänge zu verbinden.

Ich hatte das anfangs nicht bewusst geplant. Ich bin nach Haïti gereist und wollte beschreiben, was ich sah. Ich wollte also einen Roman schreiben, der sich in der Jetzt-Zeit ereignet und von dem Moment spricht, den ich gerade vor Ort erlebt habe. Bislang hatte ich sehr viele Romane retrospektiv geschrieben. Immer war die vergangene Zeit Thema. Ich wollte jetzt ein Buch schreiben, bei dem ich nicht mehr andere Personen bitten musste, mir von ihrem Leben zu erzählen. Während meiner Reise schrieb ich also auf, was ich sah. Um das tun zu können, musste ich in der Lage sein, ganz schnell zu schreiben. Ich habe mir darum in einer Art Telegrammstil Notizen gemacht. Als ich wieder zuhause in Montréal war, wollte ich beginnen, das Buch zu schreiben. Das aber war nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die telegrammartig geschriebenen Notizen waren so stark verdichtet und direkt, dass ich diesen Notizen keine weiteren Elemente hinzufügen mochte. Ich wollte ihre poetische Kraft und emotionale Wirkung nicht verwässern.
Da meine Leserschaft jedoch nicht nur aus Haïtianern besteht, die die Notizen ohne weitere Ergänzungen hätten verstehen können, war es notwendig, den Hintergrund der Ereignisse zu erläutern. Aus diesem Grunde füge ich in den Prosapassagen Erklärungen ein und entwickle das Dekor, dann aber wechsle ich abrupt über zu den Tagebuch-Einträgen, die in Haïti entstanden sind. So entsteht ein flash poétique, ein blitzartiger Einfall, der den Moment fixiert. Einfacher gesagt ähnelt mein Vorgehen der Art, in der man Essen zubereitet. Welches Resultat am Ende entsteht, ist allerdings vom Leser abhängig. Alles, was er denkt, ist richtig, für ihn ist das Essen gemacht, das ich zubereitet habe, er ist es, der das Buch aufnehmen soll. Der Koch kann nicht selber essen, was er gekocht hat, er ist von den Düften überwältigt, er ist ihnen zu nah.

Ihre Art, Metaphern aus dem Bereich des Essens zu nutzen, um den kreativen Prozess zu beschreiben, der zur Entstehung eines Buches führt, wirkt auf mich ganz haïtianisch.

Ich habe immer schon die Vorstellung gehabt, dass das Schreiben eines Romans dem Kochen ähnlich ist. Das hat im Übrigen auch mit den Gegebenheiten des Exils zu tun. In Haïti wusste ich nicht, wie man Essen zubereitet. In der Fremde angekommen, musste ich es lernen. In diesem Moment habe ich verstanden, dass sich Zutaten wie Fleisch oder Gemüse, die man in einem Topf mit Wasser zum Kochen bringt, durch diesen Vorgang in etwas Neues verwandeln: Ähnliches geschieht bei der Entstehung eines Romans. Der Stil entspricht den Gewürzen, die man hinzutut, um dem Essen Geschmack zu geben, das ist der anschließende, zweite Schritt. Allerdings ist nur das Schreiben eines Romans dem Kochen vergleichbar, nicht auch das Schreiben von Gedichten!

Sie sind ein Autor, der zwar nicht mehr in seiner Heimat Haïti lebt, sich ihr jedoch sehr verbunden fühlt. Vor der Verleihung des Internationalen Literaturpreises im Haus der Kulturen der Welt in Berlin haben Sie sich beispielsweise dagegen gewehrt, als vor allem kanadischer Autor vorgestellt zu werden. Darum erlaube ich mir, noch einmal nachzufragen: Welcher Nationalität fühlen sie sich zugehörig, der haïtianischen oder der kanadischen?

Die Frage ist im Grunde noch komplizierter. Ich lebe in Québec. Wegen der Konflikte, die zwischen der Provinz Québec und dem föderalen kanadischen Staat bestehen, legt man Wert darauf zu sagen, dass man nicht nur aus Kanada, sondern aus Québec kommt.
Ich bin in Haïti geboren, meine schriftstellerische Geburt erfolgte jedoch in Québec. Für meine Entwicklung waren vor allem drei Städte wichtig: In Petit-Goâve habe ich meine Kindheit verbracht, diese Zeit ist für all meine Bücher grundlegend. Als Jugendlicher lebte ich mit meiner Mutter in Port-au-Prince, diese Stadt hat mein Verständnis von Haïti und mein politisches Denken entscheidend geprägt. Hier habe ich auch die Leidenschaft entdeckt und ein Buch mit dem Titel »Der Geschmack junger Mädchen« geschrieben, in dem ich meine Jugend beschreibe. In Montréal entwickelte ich mich vom jungen zum erwachsenen Mann, dort habe ich fast alle meine Bücher geschrieben.

Durch den Aufenthalt in Kanada hat sich Ihre haïtianische Identität vermutlich verändert. In Ihrem Buch fällt auf, dass Sie immer wieder Identitätsfragen thematisieren. Wie sehr ist dabei Ihre Sicht auf die eigene Heimat durch das Exil geprägt?

Ich weiß es nicht. Die Gedanken im Buch sind nicht vollständig autobiographisch. Ich schreibe kein Buch über mein Leben. Ich schreibe zugleich ein Buch über die vielen tausend Haïtianer, die unter der Diktatur der Duvaliers ihre Heimat verlassen haben und ein brutales Leben im Exil aushalten mussten. Eine große Anzahl (eineinhalb Millionen) von ihnen hat in Nordamerika neue Lebensgemeinschaften im Exil aufgebaut. Meine eigene Lebenslage ist jedoch mit dieser Exilsituation nicht vergleichbar. Wenn ich spreche, denke ich jedoch an diese Menschen. Ich selbst habe aber diese traurige Seite des Exils nicht kennengelernt, im Gegenteil. Ich habe sehr viel geschrieben und bin viel gereist, mein Leben ist auf eine ganz andere Art verlaufen. Ich habe mich immer als einen Reisenden gesehen, ich lehne die Vorstellung des Exils ab. Ich meine – und zeige das auch in diesem Buch –, dass das eigentliche Exil derjenige erlebt, der bleibt, wie beispielsweise meine Mutter oder auch Duvalier. Meine Mutter, weil sie ihren Mann und ihren Sohn verloren hat, die in eine bestimmte Form des Exils gingen. Duvalier, weil er – um seine Machtposition nicht zu gefährden – seinen Palast nicht verlassen konnte. Auch er war im Exil, er war derjenige, der fernab von der Welt lebte. Ich hingegen war mitten in der Welt, ich war von Haïti nicht getrennt. Im Alter von 23 Jahren, habe ich damals die Welt entdeckt, ich fühlte mich nicht wie im Exil. Selbst wenn es keine Diktatur gegeben hätte, wäre ich gegangen, ich bin der Typ Mensch, der weggeht.

Ihr Vater aber fühlte sich im Exil?

Wenn ich vom Exil spreche, dann darum, weil viele Leben anders verlaufen sind als das meine, sonst hätte ich sicher nie über das Exil geschrieben. Als mich Duvalier ins Exil geschickt hat, wollte er mich bestrafen. Ich habe daraus jedoch eine Art Erholungszeit gemacht. Denn – und das beschreibe ich in diesem Buch – die stärkste Weise auf der Welt, wie man allen Machthabern widerstehen kann, ist, alles zu tun, um den Mächtigen zum Trotz glücklich zu sein. Genau das ist es, was sie nicht ertragen. Machthaber schätzen es, wenn man sich für oder gegen sie ausspricht. Die Position ist ihnen egal, Hauptsache, man fühlt sich durch sie massiv bedrängt; wenn man sein Leben jedoch losgelöst von den Machthabern lebt, werden sie ärgerlich.
Aus diesem Grund habe ich mir Zeit gelassen und erst in meinem 18. Buch über meinen Vater und über das Exil geschrieben. Doch kann ich nicht leugnen, dass andere Menschen das Exil wie ein schreckliches Unglück erlebt haben, wie mein Vater beispielsweise, der ein engagierter Politiker in seinem Land gewesen ist. Ich jedoch, ich war ein junger Mann von 23 Jahren, in diesem Alter war es für mich normal zu reisen.

Doch haben Sie Ihre Heimat nicht freiwillig verlassen?

Das hat keine Bedeutung. Der Grund der Abreise zählt nicht, wichtig ist vielmehr die geistige Haltung. Es zählt nur das, was man aus seinem Leben macht.

In Deutschland wird gegenwärtig überlegt, wie die Integration von Flüchtlingen unterstützt werden kann. Kanada gilt hierfür als positives Beispiel. Was hat Ihnen geholfen, sich in Kanada zu integrieren?

Die Antwort klingt vielleicht überraschend, aber das, was es mir ermöglicht hat, mich in Kanada gut zu fühlen, war, dass ich mir gesagt habe: »Ich werde in Kanada so leben, wie ich bisher in Haïti gelebt habe.« Das bedeutete damals nicht, dass ich mich nicht ändern würde. In Haïti war ich dreimal pro Woche im Kino und schrieb Kritiken für eine Theaterzeitschrift. In Kanada habe ich das so weitergeführt, trotz meiner äußerst schwierigen Lage. Ich war ein junger Arbeiter, dennoch ging ich weiter ins Kino und ins Theater, ich habe nicht in einem Ghetto gelebt. Ich mietete mir mitten im Herzen des Quartier Latin in Montréal ein Zimmer und lebte ganz in der Nähe von Künstlern und Schriftstellern. Ich tat, was ich in Haïti getan hatte: frei sein, lesen, schreiben, das fortzuführen war äußerst wichtig. Das einzig neue war die Fabrik. Ich habe weder versucht, in die Gesellschaft von Québec aufgenommen zu werden, noch habe ich versucht, sie zu verlassen.

Hat die kanadische Politik Sie in Ihrem Integrationsprozess unterstützt? Gab es öffentliche Programme, die Ihnen diesen Weg erleichtert haben?

Ich habe acht Jahre in einer Fabrik gearbeitet, anfangs als illegal tätiger Arbeiter, der weniger Lohn bekam als der Arbeiter aus Québec, es gab keinerlei Hilfsmaßnahmen für mich! Für Schriftsteller gab es hingegen von der Regierung vielfach Unterstützung, Bücher werden subventioniert. Mein erstes Buch mit dem Titel »Comment faire l´amour avec un nègre sans se fatiguer« (dt: »Wie macht man mit einem Neger Liebe, ohne zu ermüden«) war sogleich ein Bestseller, es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und auch verfilmt.
Meine Integration ist jedoch nicht deshalb gelungen, weil ich Erfolg in Kanada hatte. Selbst wenn ich nicht hätte schreiben oder publizieren können, hätte ich egal wo mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen geführt. Ich bin also kein gutes Beispiel, an dem sich die Integrationspolitik eines Landes beurteilen lässt. Ich habe einen Freund, Bouba, der die Hauptfigur meines ersten Romans geworden ist. Er lebt sein Leben, er macht genau das weiter, was wir gemacht haben, als wir Mitte der 70er Jahre zusammenwohnten. Neulich habe ich ihn auf der Straße wiedergetroffen, er ist glücklich und voller Leben. Er hat selbst jedoch kein Buch geschrieben, sondern macht immer noch dieselbe Arbeit, dennoch ist er ganz eins mit sich geblieben.

Als Schriftsteller muss man sich auch in das Verlagssystem integrieren. Sie haben in Paris u. a. bei »Grasset« publiziert und in Montréal bei »Mémoire d´encrier«. Glauben Sie, dass es für einen haïtianischen Autor sehr wichtig ist, dass seine Werke in einem großen Verlagshaus publiziert werden? Ist dies sogar eventuell eine Bedingung, um Anerkennung zu finden und zum internationalen Buchmarkt Zugang zu erhalten?

Das war damals sehr kompliziert. Mein Wunsch war, mein Buch in dem kleinen Verlagshaus »Le Serpent à Plumes« in Paris als Taschenbuch zu publizieren. Man sagte mir jedoch: Es ist nicht üblich, direkt im Taschenbuchformat zu veröffentlichen. Aus zwei Gründen gibt man ein Buch zuerst in einer gebundenen Ausgabe und dann als Taschenbuch heraus. Erstens wird man zweimal für das gleiche Buch bezahlt. Zweitens gibt es zu einer Taschenbuchveröffentlichung mit großer Wahrscheinlichkeit keine Buchbesprechungen in den Zeitschriften, die dazu beitragen, dass das Buch bekannt wird. Man fragte mich: »Was möchten Sie also machen?« Ich habe geantwortet: »Ich veröffentliche zunächst das Taschenbuch, denn ich möchte junge Leser gewinnen und die haben meist nicht genug Geld.« Ich möchte mir also erst eine Leserschaft aufbauen, denn das einzige, was einen Schriftsteller ausmacht, ist seine Leserschaft. Mich interessieren vor allem meine Leser und nicht das Prestige des Verlagshauses. Das hat dazu geführt, dass ich neun Bücher veröffentlicht habe, ohne dass eine einzige Besprechung in der französischen Presse erschienen ist!
Später traf ich einen Journalisten der Tageszeitung »Le Monde«, der für den Literaturbereich verantwortlich war. Er war sehr erstaunt, dass noch keine Kritik meiner Bücher erschienen war. Er verstand das nicht, er hatte noch keinen Autor kennengelernt, der sich entschieden hatte, seine Bücher direkt im Taschenbuchformat zu publizieren, es sei denn, er war bereits sehr bekannt und wollte sich karitativ zeigen. Dieser Journalist hat über mich dann gleich einen großen Beitrag auf der Hauptseite der »Le Monde« publiziert.

In Kanada verkaufe ich einen großen Teil meiner Bücher, insbesondere in dem kleinen, von einem Haïtianer geführten Verlag »Mémoire d´encrier«. In Montréal habe ich zudem bei Boréal und VLB veröffentlicht. In Haïti ist in einem kleinen Schulbuchverlag von mir das Buch »L´Odeur du Café« (dt: »Der Duft von Kaffee«) erschienen, auch publiziere ich in der »Presses Nationales«. Dementsprechend glaube ich also nicht, dass die Publikation in einem großen französischen Verlagshaus der Weg zum Erfolg ist, nicht eine Sekunde glaube ich daran. Ich glaube, dass die Bücher ihr eigenes Schicksal haben und ihren Weg machen. Es gibt so viele Menschen, die in einem großen Verlag publizieren und die nicht übersetzt werden, auch gibt es viele, die in kleinen Häusern oder sogar auf eigene Kosten publizieren und sich am Ende durchsetzen. Es genügt, in die Zeit Vertrauen zu setzen und Literatur nicht als etwas zu verstehen, das – hier bin ich wieder haïtianisch – sofort gegessen und woran sofort Geschmack gefunden wird.

Mein Ziel ist es, mich im selben Moment sowohl in der Gegenwart und in den realen Details des alltäglichen Lebens zu bewegen als auch in der unbestimmten Zeit. Alle Beschreibungen meiner Bücher sind von dem Gedanken geprägt, den Gegenwartsautor mit dem Akademiemitglied und die Gegenwart mit der Ewigkeit zu verbinden. Beide Bereiche scheinen mir außerordentlich wichtig zu sein. Im Übrigen ist es genau das, was uns fehlt. Wir erleben ständig Zeitdruck und übersehen das Langfristige. Indem ich der Académie française angehöre, kann ich jetzt beides, die aktive Zeit und die unbewegte Zeit, miteinander verbinden.

Welche Bedeutung hat die Académie française für Sie?

Eine Institution wie die Académie française ist äußerst wichtig und zwar genau aus dem Grund, aus dem man nicht mit ihr im Einklang ist. Man wirft ihr vor, sie mache nichts und sei überaltert. Ich habe gerade ein Buch geschrieben mit dem Titel »L´art presque perdu de ne rien faire« (dt: »Die fast verlorene Kunst des Nichtstuns«). Ich meine, wir leben in einer sehr bewegten Gesellschaft, die mal nötige, manchmal aber auch unnötige Aktivitäten verfolgt.
Darum ist es wichtig, einen Raum zu haben, an dem es keine Zeitfrist gibt. Zurzeit arbeitet man in der Académie an der neunten Ausgabe des Dictionnaire. In den 400 Jahren, in denen man daran bereits arbeitet, hat es niemanden gegeben, der für den Abschluss dieser Arbeit oder für die Begriffsklärung eines Wortes eine Zeitfrist festgelegt hat. Durch den Eintritt in die Académie ist es mir möglich, die Gegenwart, die sehr drängend in meinen Büchern spürbar ist, mit dieser Idee von der Ewigkeit, die die Académie verkörpert und die einen Stillstand der Zeit erzeugt, in Einklang zu bringen.

Welche Bedeutung hatte es für Sie, nun auch noch in Deutschland den Internationalen Literaturpreis vom Haus der Kulturen der Welt zugesprochen zu bekommen?

Ich bin nicht so gut darin zu sagen: »Ich bin sehr glücklich …«, ich bin eher beschämt, aber ich kann Ihnen sagen, dass ich achtzehn Bücher schreiben musste, bis eines meiner Bücher ins Deutsche übersetzt worden ist. Das ist umso erstaunlicher, als der Film, der zu meinem ersten Buch gemacht worden ist, mit einem gewissen Erfolg – wie Freunde mir sagten – auch in Deutschland gezeigt worden ist.

Als der Diktator Jean Claude Duvalier im Januar 2011 nach Haïti zurückgekehrt ist, ist er von jubelnden Menschenmengen empfangen worden. Denken Sie, dass noch stärkere historische Erinnerungsarbeit über die Zeit der Diktaturen in Haïti erfolgen müsste?

Ich habe über diese Zeit ein Buch geschrieben mit dem Titel »Le cri des oiseaux fous« (dt: »Der Schrei der besessenen Vögel«). Das Buch beschreibt die Nacht, in der ich Haïti verlassen musste. Die Bilder vom Empfang, den man Duvalier bereitet hat, sagen nicht viel aus. Die Bilder, die die Menschen bei seiner Ankunft am Flughafen zeigen, machen nicht die Menge der Menschen sichtbar, die nicht mit seinem Kommen einverstanden waren. Jemand hat mir damals gesagt: »Eine Insel ist eine Falle, man kann sie nicht verlassen.«

In Analysen über Haïti heißt es oft, dass die Menschen des Landes passiv seien und nicht reagierten. Ich möchte jedoch darauf aufmerksam machen, dass es in der Geschichte Haïtis seit der Unabhängigkeit von 1804 mehr als dreißig Mal einen Staatsstreich gegeben hat. Das bedeutet, das mehr als dreißig Mal die Haïtianer die bestehende Ordnung nicht akzeptiert haben und die politische Lage ändern wollten.

In Ihren literarischen Werken stellen Sie oft eine Verbindung zur haïtianischen Kunst her, verweisen beispielsweise auf den Maler »Tiga«, warum?

In all meinen Büchern, wie beispielsweise in »Pays sans chapeau« (dt: »Land ohne Hut), habe ich die starke haïtianische Kreativität gezeigt, die lebendig blieb trotz der schwierigen politischen und sozialen Lage, trotz der fehlenden medizinischen Versorgung, trotz des schlechten Erziehungssystems und trotz der Schulen, die kein Geld haben. Trotz all dieser Mängel ist das kulturelle Niveau nicht gesunken. Haïti ist eines der wenigen Länder, in denen die Kultur der Elite stark von der Kultur des Volkes genährt wird. In »Das Rätsel der Rückkehr« wählt der Erzähler am Ende den Weg der Initiation, er dringt tief in das Land ein und vereinigt sich mit dem Gott Legba. Er sucht in der Stadt nicht nach einem Salon, um darin Konferenzen abzuhalten, er sucht auch nicht nach einem Salon, um zu erklären, dass er ein großer Schriftsteller sei, er setzt vielmehr seine Reise fort, um so nah wie möglich zum Volk zu gelangen, und sagt: »Ich träume davon, meine Bücher und all das, was ich geschrieben habe, zu vergessen, um ganz in die Kultur des Volkes eintauchen zu können.«

Das Gespräch führte und übersetzte aus dem Französischen Andrea Pollmeier

Version en original:

Entretien avec Dany Laferriere

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VG-Nummer: | erstellt am 01.5.2015

Dany Laferrière
Dany Laferrière

Dany Laferrière
Das Rätsel der Rückkehr
Übersetzung: Beate Thill
Roman
300 Seiten, Hardcover
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Dany Laferrière – Internationaler Literaturpreis 2014

L'énigme du retour