Der einstige Skandalrapper Bass Sultan Hengzt promotet sein neues Album mit einem Foto küssender Männer und gibt sich in puncto „Schwuchtel“-Rhetorik geläutert. Dass homophobe Raps heute seltener angestimmt werden, ist sicher auch ein Verdienst der immer breiteren internationalen Proteste, meint Michael Behrendt.

What Have They Done To My Song? Folge 15

Homophobe Rapper haben’s schwer

Von Michael Behrendt

Funny Games

„He Alder, haste mal ne Kippe?“ – „Verpiss dich, Schwuchtel! – „Ach, fick dich, Schwanzlutscher!“ – „Fick dich doch selber. Ich fick deine Mutter, und deine Schwester dazu!“ … Dick aufgetragen, yo. Aber solche Dialoge hört man im Alltag immer wieder, auf der Straße, im Schwimmbad, im Stadion. Mal ernsthaft, mal mit „spaßigem“ Unterton und manchmal aus den Mündern von nicht mal Zehnjährigen, bei denen fraglich ist, ob sie überhaupt wissen, was sie da sagen. Aber sie üben schon krass. Ein ähnlicher Jargon, man erinnert sich mit Kopfschütteln und Grausen, führte zu jenem Kopfstoß, den der französische Nationalspieler Zinedine Zidane im Finale der Fußball-WM 2006 seinem italienischen Gegenspieler Marco Materazzi verpasste. „Ich habe an seinem Trikot gezogen. Da hat er gesagt, wenn ich sein Trikot unbedingt haben wolle, könne ich es ja nach dem Abpfiff haben“, gab Materazzi sehr viel später einmal in der „Gazzetta dello Sport“ zu Protokoll. „Ich habe darauf geantwortet, dass mir seine Schwester lieber wäre.“ Und man darf vermuten, dass dies noch eine sprachlich geglättete Version des kleinen Disputs auf dem Spielfeld war.

Der Jargon und der berühmte Vorfall im WM-Finale 2006 sind lächerlich und traurig zugleich. Lächerlich, weil die benutzten Bilder völlig überzogen bis grotesk wirken und weil es nur schwer nachzuvollziehen ist, dass sich ein erwachsener Weltklassefußballer auf dem Rasen von einer vermeintlichen „Beleidigung seiner Schwester“ zu solch einem spielentscheidenden Ausraster provozieren lässt. Traurig, weil dieser Jargon nicht nur relativ weit verbreitet ist, sondern auch auf ein gesellschaftlich tief verwurzeltes Machotum, kombiniert mit einem seltsam übersteigerten Ehrbegriff, schließen lässt. Um abschätzige Äußerungen über Schwule und Lesben in Songs soll es hier gehen, aber ganz bewusst beziehe ich Bilder von sexueller Gewalt gegen Frauen mit ein. Denn häufig tritt beides in Kombination auf, es untermauert sich gegenseitig, geht buchstäblich Hand in Hand.

Das gilt erst recht beim Dissen in Rap-Songs, wenn die Kontrahenten am Mikrofon auf möglichst drastische Weise beschimpft werden. Wie hieß es doch so einschlägig im dämlichen Bushido-Song Stress ohne Grund: „Ich rauch Marlboro, Bitch / Du trinkst Aperol Spritz / Ich bin Fahrer, oh Bitch / (…) / Ich bin Assi, aber dein Gesicht ist Asym- / -metrisch, Bitch, du sammelst Briefmarken, ich sammel Kreditkarten / (…) / Kay, du Bastard bist jetzt vogelfrei / Du wirst in Berlin in deinen Arsch gefickt wie Wowereit / (…) / Und ich will, dass Serkan Tören jetzt ins Gras beißt / Yeah, Yeah, was für Vollmacht?, du Schwuchtel wirst gefoltert / Ich schieß auf Claudia Roth, (…)“

Genauso wenig, wie man das Duo Westberlin Maskulin als rechtsradikal und antisemitisch einstufen kann, wenn es das rhetorische Ziel der „Massenvernichtung von Wack-MCs“ ausgibt und dem Rap-Konkurrenten als Dominanzgeste geschmacklose Verse wie „Du bist Jude, ich bin Rassist“ entgegenschleudert, kann man jedem Rapper, der mit dem Begriff „Schwuchtel“ um sich schmeißt, einen ausgemachten Schwulenhass attestieren.

Mit genau diesem Vorwurf sieht sich auch der berühmte amerikanische Rapper Eminem seit Beginn seiner Karriere konfrontiert. Immer wieder baut er „faggot“, das englische Wort für „Schwuchtel“, als Beleidigung in seine Texte ein, und immer wieder erklärt er, dass es nicht er, sondern ein Rollen-Ich sei, das diese Dinge sagt, und dass „faggot“ mitnichten tatsächliche Homosexuelle bezeichne. Im November 2013 sagt Eminem in einem Interview mit dem amerikanischen Musikmagazin „Rolling Stone“:

Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, ohne mich eine Million Mal zu wiederholen. Aber das Wort und ähnliche Wörter fallen mir beim Battle-Rap ein, ich setze sie aber mit niemanden gleich … (…) Es ist mehr, als würdest du jemanden Schlampe oder Drecksack oder Arschloch nennen. (…) Mann, ich sage so viel ironischen Scheiß. Ich mache mich über andere Leute lustig, über mich selbst. Aber das echte Ich sitzt jetzt hier und spricht mit dir und hat keine Probleme mit Homosexuellen, Heterosexuellen, Transsexuellen – nicht ein bisschen.

Eminem erhält Zuspruch von dem bekennenden schwulen britischen Superstar Elton John und hat auch schon mit diesem zusammengearbeitet. Genauso gibt es jede Menge andere Rapper, die Schwule zu ihren Freunden zählen und behaupten, Begriffe wie „Schwuchtel“ nicht homophob, sondern eher im Sinne von „Schwächling“, „Warmduscher“ oder „Weichei“ als rhetorischen Bodycheck gegen Konkurrenten in ihren Raps zu verwenden. Auch Bushido sagt im Juli 2013 auf „FOCUS Online“:

Ich bin heterosexuell (…). Ich respektiere aber trotzdem Menschen, die ihre Homosexualität ausleben. Ich habe damit kein Problem. (…) Man muss akzeptieren, dass in der Sprache, in welcher ich spreche und damit meine ich nicht mich als Privatperson, sondern mich als Musiker, der im Studio sitzt und Songs aufnimmt, ich auch eine bestimmte Sprache bediene. In unserem Genre ist das einfach so. Wenn ich sage: Bist du behindert?, dann möchte ich damit nicht behinderten Menschen zu nahe treten. Und wenn mich ein Freund fragt, ob wir wandern gehen wollen und ich daraufhin sage: Bist du schwul?, dann bedeutet das nur, dass ich absolut keine Lust habe, wandern zu gehen und nicht, dass Homosexuelle es nicht wert seien, akzeptiert zu werden.

Aktuell in dieselbe Kerbe haut der einstige Skandalrapper Bass Sultan Hengzt, der sein anstehendes Album mit einem Foto zweier küssender Männer promotet und damit für einen Riesenwirbel sorgt, auch in der eigenen Szene. Der „ZEIT“ erklärt er:

Das Motiv hatte ich von einem Freund bekommen und fand es witzig. Ich hielt es für die richtige Antwort auf den Vorwurf, meine Musik sei über die Jahre „schwul“ geworden. Bekanntlich ist das so ungefähr das Schlimmste, was du als Rapper zu hören bekommen kannst. Bloß weil man sich weiterentwickelt und keine pubertären Texte mehr schreibt! (…) Die Leute wollen einfach nicht verstehen, dass wir Rapper nicht per se homophob sind. Jeder von uns hat Schwule in seinem Freundeskreis. Jemanden als schwul zu bezeichnen ist einfach ein Stilmittel, das erklären wir seit über 15 Jahren und sind es langsam leid. Deshalb träume ich davon, dass mein Plattencover hinter diese Diskussion einen Schlusspunkt setzt.

Genauso wie die scheinbar frauenfeindlichen Schmähungen „Schlampe“ und „bitch“, die mitunter sogar auf männliche Kontrahenten bezogen werden, scheinen auch Ausdrücke wie „Schwuchtel“ oftmals einfach Teil des klassischen Rap-Battle-Jargons zu sein. Und: Sie zielen immer darauf, Außenstehende, das Establishment, politisch unkorrekt zu provozieren. Dazu der Gesellschaftswissenschaftler Floris Biskamp: „Zunächst gilt es zu verstehen, dass in breiten Strömungen des Hip Hop nicht nur eine verbale Enthemmung vorherrscht, sondern systematisch Normbruch um des Normbruchs willen betrieben wird – auch wenn damit oftmals gar kein entsprechendes Weltbild verbunden ist.“

Ah ja, verstehe…

Und doch hat es etwas zutiefst Unangenehmes, wenn Begriffe für eine sexuellen Orientierung als Stilmittel in Diss-Raps, zur Abqualifizeirung von Kontrahenten benutzt werden. Zumal das ja nicht nur in Songs geschieht, wie Bushido suggeriert, sondern Teil des alltäglichen Straßenjargons ist. Es steht zu vermuten, dass hinter dieser Rhetorik in vielen Fällen doch auch eine unterschwellige, verborgene Schwulenfeindlichkeit steckt. Von daher kann ich auch die Entrüstung von Schwulen- und Lesbenverbänden verstehen, erst recht vor dem Hintergrund, dass Homosexuelle in einigen außereuropäischen, sogar in einigen (vorwiegend ost-)europäischen Ländern um ihr Leben fürchten müssen und selbst in Deutschland immer wieder gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt sind. Ein echter Straftatbestand auszumachen ist in vielen Fällen aber auch nicht: Dagegen sprechen häufig der „battle“-artige Inszenierungscharakter und das mögliche juristische Schlupfloch, die Äußerung einfach einem Rollen-Ich zuzuordnen, à la: Was? Das sage doch nicht ich, das sagt eine Figur in meinem Song!

Von der Rhetorik zur Rage

Im Frühjahr 2015 kündigte einmal mehr der jamaikanische Reggae- und Raggamuffin-Star Elephant Man eine Deutschland-Tour an. Doch während sich Jahre zuvor nur vereinzelt Protest geregt hatte, fühlte sich diesmal sogar die Politik auf den Plan gerufen. In Frankfurt am Main etwa beschlossen die Stadtverordneten, auf ein Auftrittsverbot des Künstlers hinzuwirken, konnten das Konzert aber nicht verhindern, zumal es in Räumen stattfand, die der Stadt nicht gehören… Schwulen- und Lesbenverbände engagieren sich ohnehin schon länger gegen Elephant Man und erreichten etwa in München, dass der Veranstalter das in der Stadt geplante Konzert ganz absagte. Der Grund: Elephant Man ist Autor von Songs, in denen die Ermordung von Schwulen und Lesben gefordert wird. Und zwar ohne Ironie, doppelten Boden oder künstlerische Entlarvungsstrategie, sondern in vollem Ernst. Von der Rhetorik zur Rage.

Gegen Elephant Man und ähnlich schwadronierende Sänger wie Beenie Man, Buju Banton oder Sizzla bildete sich 2004 die weltweite Kampagne „Stop Murder Music“, die sich unter anderem für den Boykott von Konzerttourneen dieser Künstler engagierte und den „Reggae Compassionate Act“ aufsetzte, eine Erklärung, in der sich entsprechende Interpreten von ihren Songs gegen Schwule und Lesben distanzieren. Dies alles vor dem schon erwähnten Hintergrund, dass Homosexuelle in einigen Teilen der Welt und eben auch in Jamaika homophoben Übergriffen bis hin zu körperlicher Gewalt und Mordversuchen ausgesetzt sind. Speziell zum jamaikanischen Hintergrund schreibt Mathias Schütz:

Dieser Hass auf Homosexualität ist in Jamaika nicht auf Reggae beschränkt, sondern gesellschaftlich akzeptierter und staatlich institutionalisierter Konsens. So ist die gleichgeschlechtliche Liebe („acts of gross indecency“) auf Jamaika gesetzlich verboten. Der Reggae übernimmt in diesem gesellschaftlichen Klima nur die Aufgabe, den offensichtlich durchaus vorhandenen Vernichtungs- und Mordphantasien der Mehrheit der jamaikanischen Bevölkerung zum Ausdruck zu verhelfen. (…) Da ist zum einen Buju Bantons Song Boom Bye Bye: „Guy come near we, then his skin must peel, burn him up bad like an old tire wheel (…) It’s like boom bye bye inna batty boy head, rudeboy nah promote no nasty man, dem haffi dead“. (…) Der selbsternannte „King of the Dancehall“ Beenie Man formulierte dieses Bedürfnis am drastischsten in seinem Song Damn: „I’m dreaming of a new Jamaica, come to execute all the gays“.

Die „Stop Murder Music“-Kampagne zeigte eine außerordentliche Wirkung und führte dazu, dass einige der kontroversen Künstler den „Reggae Compassionate Act“ tatsächlich unterzeichneten, möglicherweise sogar verbunden mit einer gewissen Haltungsänderung. Auf ihrer Website nennt die Initiative „Stop Murder Music“ aktuell allerdings auch fünf führende Reggae- und Dancehall-Künstler, die noch nicht unterzeichnet haben und gegen die deshalb weiter mobil gemacht werden soll: Bounty Killer, Vybz Kartel, TOK, Buju Banton – und eben Elephant Man. Letzterer hat sich wie einige Kollegen auch in der Vergangenheit zwar durchaus bereit erklärt, die entsprechenden Songs nicht in Europa zu singen – in seiner Heimat Jamaika aber führt er sie, ohne mit der Wimper zu zucken, weiter auf.

Im Jahr 2007 veröffentlichte die deutsche „taz“ im Rahmen einer Debatte zum Thema „Ist Pornografie jetzt Pop?“ sieben Beiträge, die um das Phänomen sexistischer und homophober Texte in Hip-Hop und Reggae kreisten. Die Essays von Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Medien spiegelten das gesamte Spektrum der Argumente rund um die einschlägigen Lyrics wider, in denen sich wie gesagt ein frauen- und ein schwulenfeindlicher Jargon häufig mischen. Bundestagsmitglied Monika Griefahn kritisierte die entsprechenden Künstler heftig und verwies auf die negativen Wirkungen ihrer Songs. Dabei nannte sie mahnend jugendliche Straftäter, die nicht zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden könnten, und zitierte irritierte Teenager-Mädchen, die von Mitschülern ständig als „Nutten“ und „Schlampen“ angesprochen würden und sich fragten, ob sie normal seien, weil sie in ihrem Alter noch keinen Gruppensex gehabt hätten. Thomas Winkler dagegen erinnerte daran, dass man froh sein könne, dass junge Männer unter Druck ihre Fantasien in wenn auch hässlichen Fiktionen domestizierten, und warf der Politik vor, es gehe ihr doch letztlich nur „um die Definitionshoheit darüber, was Kunst ist, darf und soll“. Heide Oestreich hielt dagegen und warnte angesichts einer niedrigen Medienkompetenz vieler junger Menschen davor, sexistische, rassistische oder homophobe Äußerungen zum Protest einer Unterschicht zu stilisieren und Frauen, Schwarze und Homosexuelle „den Fantasien wildgeworderner Pubertanden“ zu überlassen. Jenni Zylka wiederum stellte den verrohenden Effekt entsprechender Songs infrage, plädierte dafür, selbstbewusste junge Frauen selber entscheiden zu lassen, was gut und was schlecht für sie sei, und gewann dem Rap-Phänomen immerhin einen aufklärerischen Aspekt ab: „Vielleicht hat der zwangsweise offenere Umgang mit Pornografie, Sexualität und ihren Spielarten ja auch den Effekt, dass Eltern heute früher und ehrlicher mit ihren Kindern darüber reden.“ Die letzten drei Beiträge der Reihe wiederum drückten eher eine skeptische Haltung aus. So kritisierte Murat Güngor, dass Gangster- und Pornorapper letztlich rückständige Bilder über „Neger“ und „Kanaken“ in die Unterhaltungsindustrie einspeisten und dadurch auch bei pubertären Jungs aus der Mittelschicht rassistische wie sexistische Stereotype verfestigten. Tobias Rapp sah im Hip-Hop das postfordistische Ellbogendrama einer vom Verwertungsprozess ausgeschlossenen, ökonomisch überflüssig gewordenen Szene, die mit Männlichkeitsgesten genau jenes System von Ausschluss widerspiegele, das sie überhaupt erst vorgebracht habe: „Gegen das Opfersein hilft nur das ‚Zum-Täter-Werden’.“ Man könne sich, so Rapp, Hip-Hop ein bisschen so vorstellen wie die Welt des Wrestlings. Und: „Das Einzige, was gegen Hiphop hilft – das verhält sich nicht anders als in allen anderen Jugendkulturen – ist anderer Hiphop.“ Klaus Walter schließlich schlug in eine ähnliche Kerbe, trauerte der eigentlich wundervollen Ska-, Roots-Reggae- und Dancehall-Musik Jamaikas mit ihrem beglückenden Einfluss auf die westliche Popmusik nach, fand es aber letztlich ebenfalls entschieden „falsch, Homophobie als Ausdruck einer ‚fremden’ Musikkultur zu entschuldigen“.

Dass die 2015er Diskussion um Elephant Man bereits die Tagespresse und die Parlamente erreichte, zeigt, dass die Stimmung in den letzten Jahren zugunsten der Kritiker, Skeptiker und Mahner gekippt ist. Konnten noch um die Jahrtausendwende Szene-Insider solche eindeutig sexistischen, rassistischen und homophoben Songäußerungen cool lächelnd ignorieren oder als exotische Manifestation einer fremden Befindlichkeit, als authentische Widerspiegelung des Lebens und der Kommunikation auf „der Straße“ tolerieren, kommen einschlägige Künstler heute außerhalb ihrer Heimatländer immer seltener mit solchen Lyrics durch. Was Reggae-Interpreten wie den Deutschen Tilman Otto, der unter dem Künstlernamen Gentleman sogar in seiner Wahlheimat Jamaika respektiert und gefeiert wird, nachdenklich macht. In einem Interview von „WELT Online“ aus dem Jahr 2010 heißt es:

WELT ONLINE: Sobald sich Reggae-Fundamentalisten wie Bounty Killer oder Sizzla zu Konzerten in Deutschland ankündigen, machen Schwulenverbände regelmäßig dagegen mobil. Zu Recht?
Gentleman: Die Debatte ist etwas aus dem Ruder gelaufen. Natürlich distanziere ich mich davon, wenn jemand aufgrund seiner Sexualität diskriminiert wird. Ich kann aber anderen Kulturen nicht meine Kultur verordnen. Ich muss nicht in Vatikan City Kondome verteilen oder im Iran den Frauen die Tücher vom Kopf reißen. Ich kann nicht in Jamaika die Homophobie geißeln. Was der Rastamann nicht mit seinem Glauben vereinbaren möchte, sollte man akzeptieren. Außerdem sollte man die Symbolsprache des Reggae nicht missverstehen. Man sollte nicht alles auf die Musik abwälzen. Das ist mir zu einfach.

Das ist nun wirklich kein cool lächelndes Ignorieren und auch kein Verteidigen irgendeiner als aufregend und exotisch empfundenen Haltung. Als Insider geht es Gentleman um den Respekt gegenüber einem fremden Glauben und einer anderen Lebenseinstellung. Und doch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Welt durch Globalisierung und Internet zusammenwächst – dass sich Staaten und Kulturen immer weniger auf individuelle Einstellungen zurückziehen können, wenn sie am internationalen Dialog und am weltweiten Handel teilhaben wollen. Das gilt auch für eine Großmacht wie China, die eine andere Auslegung der UN-Menschenrechtskonvention verfolgt und sich Einsprüche gegen ihre drastischen Reaktionen selbst auf harmloseste staatskritische Meinungsäußerungen verbietet, aber zunehmend weltweit in die Kritik gerät und immer häufiger mit lokalen/regionalen Unruhen konfrontiert wird. Dass sich die Unterdrückung von Arbeitern, aber auch die Unterdrückung von Frauen und der Hass gegen Homosexuelle in einigen Teilen der Welt noch ein paar weitere Jahrhunderte unwidersprochen halten werden, wird immer fraglicher.

Schon die zitierte „taz“-Debatte war Ausdruck dieser Entwicklung. Kurz zuvor hatte der Rapper G-Hot, bürgerlich Gökhan Sensan, mit seinem im Internet veröffentlichten Song Keine Toleranz und erbärmlichen Zeilen wie diesen für Furore gesorgt: „Ich geh mit 10 MGs zum CSD und kämpf für die Heten, die auf Mädchen stehen. / Seid wie ein Mann und zeigt, dass ihr keine Toleranz habt, haltet zusammen und schneidet denen den Schwanz ab!“ G-Hot wurde prompt angezeigt, selbst Szene-Insider – von Rapperkollegen bis hin zum alles andere als zimperlichen Hip-HopLabel Aggro Berlin – distanzierten sich, während schwulenfeindliche User in sozialen Netzwerken Beifall spendeten. Eine später veröffentlichte Entschuldigung des Rappers, in der er behauptet, der Song sei nie für die Veröffentlichung gedacht gewesen, nur durch die Weitergabe an Dritte ins Internet gelangt und obendrein ironisch, als überspitzte Darstellung und Konterkarierung gängiger Vorurteile gemeint, wirkt auch heute noch eher fadenscheinig. Warum produziert man so einen Track, und warum gibt man ihn weiter? Erst recht dubios wirkt das Ganze vor dem Hintergrund, dass G-Hot, der sich inzwischen Jihad nennt, seit 2013 einen Track namens Keine Toleranz 2 ankündigt. Auch wenn dieser dem Vernehmen nach als Diss-Track gegen einen Rap-Kollegen gemeint sein soll, darf man sich doch wundern, warum der „Künstler“, wenn er doch niemanden verletzen will, ausgerechnet weiter mit dem Titel seines bisher verletzendsten Songs hantiert.

Ob als „Stilmittel“ eingesetzt oder aggressiv gelebt, Homophobie und Sexismus im Hip-Hop haben mehrere Ursachen. Oft scheinen sie aus einem Minderwertigkeitsgefühl und gesellschaftlichem Außenseitertum, gern auch in Kombination mit verhärteten patriarchalen Strukturen, zu resultieren. Da möchte ich deutschstämmige Rapper ausdrücklich nicht ausnehmen. Wie schon anklang, werden Schwule und Lesben in einigen Teilen der Reggae-Kultur Babylon zugeordnet, einem Symbol für die dekadente, vornehmlich weiße Unterdrückungskultur. In Deutschland wiederum sieht „taz“-Autor Martin Reichert auch „junge Männer mit türkischen oder arabischen Wurzeln“ als anfällig für Homophobie,

(…) denn auch in ihren Herkunftsländern ist das moderne, westliche Konzept von Homosexualität nicht konsensfähig. Die Türkei zum Beispiel musste ihre Gesetzgebung gegen Homosexualität liberalisieren, um in der EU aufgenommen zu werden. Was jedoch nicht bedeutet, dass diese Liberalisierung von allen Teilen der türkischen Gesellschaft nachvollzogen worden wäre, insbesondere nicht von der ländlichen Bevölkerung, aus der sich der größte Teil der türkischen Migranten in Deutschland rekrutiert. In den meisten muslimisch geprägten Ländern ist Homosexualität weiterhin strafbar, bis hin zur Todesstrafe. Je rigider die Auffassungen von den traditionellen Geschlechterrollen, desto weniger Freiheit und Lebenschancen für Homosexuelle. Ein Umstand, der alle jungen, pubertierenden Männer stark unter Druck setzt, gleich ob sie in der Stuttgarter Vorstadt oder in Berlin-Neukölln aufwachsen. Und bei der sie intelligente, also säkulare Unterstützung bräuchten.

Wo Songlyrics im relativen Gleichklang von Song-Ich, Show-Ich und biografischem Ich oder ohne ironisierende, distanzierende Elemente zu Gewalt gegen Frauen, Schwule und Lesben aufrufen, darf und muss meines Erachtens gesetzlich eingeschritten werden. Das ist bei Nazirock nicht anders. Gegen das übliche schwammig-provokante Dissen, Protzen und Prahlen aber helfen langfristig wohl nur gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Die sicherlich hier und da vorhandene latente echte Schwulenfeindlichkeit wäre wohl auch nur schwer nachzuweisen – und wenn doch, müsste man möglicherweise einen nicht unbeträchtlichen Teil der Bevölkerung ins Gefängnis stecken.

Vielleicht helfen auch, wie Tobias Rapp andeutete, anders gelagerte, in jeder Hinsicht „bessere“ Raptexte – so wie Schwule Mädchen von Fettes Brot. Die drei Hamburger Rapper greifen das Dissing harter Gangster-Rapper, sie seien verweichlichte feminine Warmduscher, auf und deuten es zu einer starken Marke um: „Schwule Mädchen – Kampfeinsatz / (…) / Wir sind schwule Mädchen (…) Also seid ihr dabei, wenn der Beat losgeht?“ Es wird ja nicht jeder Skandalrapper wie Bass Sultan Hengzt irgendwann Vater und dadurch ein geläuterter Mensch, dem wir, wie die „ZEIT“, nur allzu gerne mitfühlend Raum für Erklärungen geben:

Ich habe mich vom Gangster-Rap distanziert, obwohl ich damit noch viel Geld hätte verdienen können. Aber vor fünf Jahren bin ich Vater geworden, das hat alles verändert. Früher hatte ich keine Träume, aber seit meine Tochter auf der Welt ist, möchte ich ein guter Vater sein und meiner Familie ein glückliches Leben ermöglichen. Ich träume davon, meiner Tochter eines Tages in die Augen zu schauen und ihr zu sagen, dass ich mich für sie geändert habe.

Hach, schluchz…

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erstellt am 06.4.2015

Wie funktionieren Songs? Wie schaffen Songs Bedeutung? Und was machen wir daraus? Diesen Fragen geht der Frankfurter Autor Michael Behrendt bei Faust-Kultur nach: mal subjektiv und assoziativ, mal analytisch hinterfragend – seine Songauswahl kennt wenige Grenzen. Es geht ums Hinhören, Verstehen, Missverstehen, um Song-Ichs, Show-Ichs, Darstellungsformen – und immer wieder um die Schlüsselfrage: „Wer spricht im Song?“