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Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.

Kleine Stücke

TEXTLAND von Jamal Tuschick

Genet & Choukri
Genet & Choukri
Erinnerung an Jean Genet

Stille Schwimmer

„Ich besitze nichts außer dem Leben“, schreibt Choukri. „Aber immerhin habe ich das Stück Leben, das hinter mir liegt, und dann noch das, was vor mir liegt.“

Ende der Sechziger tauchte Jean Genet in Tanger auf. Er gab das Genie im Hotel. Das Personal erschreckte er mit abseitigen Gewohnheiten. Seine Großzügigkeit zeigte Genet Lumpen und Poeten. Er bewirtete Mohamed Choukri, den Paul Bowles entdeckt hatte, und Isaac S. Kiener, der inzwischen unter dem Pseudonym … rechtsgeschichtliche Abhandlungen veröffentlicht. Eine Welt trennte Isaac von den bombastischen Träumen und dem unüberwindbaren Phlegma der arabischen Asphaltliteraten, die auf Genets Kosten schwadronierten. Er war ein Sproß der nach New York abzeigenden Diaspora. Man hatte das Kind auf den Scherben einer Kultur gebettet. Ein ironischer Wellenreiter auf den Schaumkronen des Grauens war der Vater. Bei ihm trug das schlechte Gewissen eines Geretteten die Narrenkappe. Der Sohn drückte sich vor dem Militärdienst, türmte in die Türkei. Im Winter landete er in Istanbul. Isaak erlebte die Stadt im Kriminebel. Er traf einen Engländer, dessen Verstand weitgehend verraucht war. Der T. E. Lawrence-Orient steckte Graham wie eine Krankheit in den Knochen. Die Fallhöhe war schmerzfrei. Isaak und Graham erreichten Tanger gemeinsam. An einem Tag waren sie Schriftsteller, am nächsten gründeten sie eine Band. Sie vergrößerten einen anglo-amerikanischen Hippie-Stamm. Als die Edelabteilung abrückte, schloss sich Graham an. Isaak blieb mit einem Drogenproblem zurück. Genet gab Geld. Der süchtige Jude tröstete sich mit der unvoreingenommenen und eigensinnigen Weltsicht des Marokkaners:

„Ich besitze nichts außer dem Leben“, schreibt Choukri. „Aber immerhin habe ich das Stück Leben, das hinter mir liegt, und dann noch das, was vor mir liegt.“

Ich habe Issak in der Ernst Thälmann-Schwimmhalle kennengelernt – einen stillen Schwimmer mit behaartem Nacken und kahlem Schädel. Er hielt mich für einen Marokkaner, das interessierte ihn.

Wir redeten über die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V. (Constitutio Criminalis Carolina/ CCC). Vier Entwürfe und eine Modifikation des letzten Entwurfs (Augsburger Entwurf) gingen dem Inkrafttreten (1532) der ihre Zeit überholenden Strafprozessordnung voraus. (Erst im ausgehenden 16. Jahrhundert wurde das Strafrecht vom Zivilrecht geschieden.) Issak unterstellte dem Gesetzgeber eine Absicht der Eindämmung ungesetzlicher Verfahren. In jedem Fall verminderte die CCC eine Rechtsunsicherheit, die sich aus der Rezeption römischen Rechts ergeben hatte. Unter der Dusche zitierte Isaak freihändig den Sachsenspiegel von 1295, „butet der monzer eynen falschen phenning usz“, im konkreten Vergleich mit dem Haffner Sachsenspiegel von 1295: „Vnd bvtet der mvnszer einen falschen phennige so daz er da mit iht kovffen will“.

Wir konnten uns nicht trennen und landeten bald im Knaack 94 hart am Tresen.

„Wer vorsätzlich das Münzgewicht verringert oder sich das Münzrecht anmaßt, wird im Gefängnis verwahrt und nach „radt“ an Körper und Vermögen bestraft“, sangen wir wie ein Mann. „Dem Richter steht frei „am leib und gut nach gestalt der sachen“ zu strafen.“

„Wer oder was schränkt ihn indes ein?“ fragte Isaak betrunken. (Er ist und bleibt ein Suchttyp.)

„Die gesetzlichen Bestimmungen der Sicherheitshaft (Artikel 195 der CCC) und die geforderte Aktenversendung (nach „radt der oberkeit“, Artikel 219 der CCC regelt diesen Begriff als Anfrage an die Oberhöfe)“, entgegne ich flüssig. „Die Rechtssachverständigen schlagen eine Strafe vor und dem Richter bleibt überlassen, ob er den Vorschlag als Urteil verkündet.“ (Das sollte sich ändern.)

„Groovy“, entgegnete Issak.

So schrieb man damals Deutsch:

„Item inn dreierley weiß würd die müntz gefelscht, Erstlich wann eyner betrieglicher weiß eyns anderen zeychen darauff schlecht, Zum andern wann eyner vnrecht metall darzu setzt, Zum dritten, so eyner der müntz jre rechte schwere geuerlich benimbt, solche müntzfelscher sollen nachuolgender massen gestrafft werden, Nemlich welche …“

11.6.2015

Erinnerung an Peter Kurzeck

Heimatloser Hesse

Peter Kurzeck ließ gern den Eindruck entstehen, die Alltagskatastrophen führten ihre finsteren Schwänke allein zu seinem Erstaunen auf

Im Vierundachtzigerwinter lag für den Schriftsteller das nächste Frühjahr ferner als der Tod. Gegen Trennungsschmerz und Entsagung (der damals seit fünf Jahren mit Abstinenz in Schach gehaltenen Alkoholsucht) half nur: zu schreiben. „Ich schrieb jeden Tag … um auf der Welt zu bleiben.“

Eine Weile führten alle Wege in den Club Voltaire. Nach Wanderungen kehrte da auch der 1943 in Böhmen geborene und in Staufenberg bei Gießen aufgewachsene Peter Kurzeck ein.

So entstand „Kein Frühling“. Der Roman gab dem nächsten Titel die Temperatur vor. Nach einer Verlagsmitteilung eröffnete „Übers Eis“ einen auf vier Bände angelegten „autobiografischen Roman“, so als habe Kurzeck auch schon einmal etwas anderes erzählt als die eigene Geschichte.

Foto: badische-zeitung.de
Peter Kurzeck

Der Künstler als junger Mann – Peter Kurzeck (rechts) war sehr überzeugend. Seine Art war nachdrücklich, man konnte sich kaum entziehen. Links sieht man Kurzecks Verleger KD Wolff.

Es gab eine Verbindung zwischen Kurzeck und mir, wir waren beide Schreiber der Frankfurter Romanfabrik. Der Preis ist, glaube ich, nur fünf Mal vergeben worden. Kurzeck hatte das mit Residenzpflichten verbundene Stipendium vor dem Verhungern bewahrt. Er war immer kurz davor, zu verhungern. Kurzeck war ein manischer Sprecher, im Vortrag fand er zu seinem Text. Er prüfte die Wirkung von Darstellungen. Wie etwas ankam. Ein Wort, eine Staufenberger Szene – Kurzeck verlangte von seinen Erfindungen, dass sie Wirklichkeit wurden. Insofern war er Gott nah. Die Leute glaubten ihm, sie nahmen an, was er sagte. Das war wie ein Patent.

Vielleicht lachte er sich manchmal in die Faust.

Ab und zu wanderten wir gemeinsam in der Wetterau. Zum Schluss landeten wir stets im Club Voltaire. Ich kam selten zu Wort. Mir fehlte nichts, mir reichten Bäume und Bier zum Glück. Das unterschied uns sehr.

In „Übers Eis“ bedenkt Kurzeck die Ungewissheiten des Debütanten, der karge Wirklichkeit mit Tagträumen von einer besseren Zukunft als Schriftsteller polstert. Die Bedrückungen einer lebenslangen Kofferexistenz stecken darin. Kurzeck war das Kind von Flüchtlingen. Er blieb Flüchtlingskind. Ein heimatloser Hesse.

Wir waren Heimatschriftsteller. Wir erschrieben uns Heimat. Wir konnten Welten unterscheiden zwischen Gießen und Frankfurt so wie zwischen Gießen und Marburg. Uns war auf hessischen Fluren nichts egal, keine mundartliche Färbung, keine Wetterscheide. Es wurde alles festgehalten.

Kurzeck ließ gern den Eindruck zu, die Alltagskatastrophen führten ihre finsteren Schwänke allein zu seinem Erstaunen auf. Die Lagerfeuer auf den ausgebrannten Bahnhöfen von Fünfundvierzig, ein Dorf in den Fünfzigern, der Amikram – nichts davon zu vergessen, das war Kurzecks Obsession.

Bordellbesitzer Dieter Engel finanzierte Autoren

Wir hatten dasselbe Haus bewohnt, ein Fachwerk im Hof der Frankfurter Romanfabrik. Die Fabrik stand in der Uhlandstraße. Jeder Fabrikschreiber hatte ein Jahr gut in diesem Haus. Jeden Monat kam der Sudfass-Wirtschafter mit tausend Mark vorbei. Das war Kleingeld für den Mann aus dem Leben, er sagte das oft. Die Schreiber aber waren froh über die Sicherheit von tausend Mark im Monat.

„Übers Eis“ variiert bis zum Titel Motive älterer Romane. Die Handlung hängt an dem verschlissenen Faden einer nach neun Jahren aufgegebenen Liebesgeschichte. Aus der Verbindung zwischen dem Schriftsteller und einer Frau, die offensichtlich zur Wohltäterin wurde, ging eine Tochter hervor, mit der Kurzeck halb erfroren den soeben vom Mainufer zum Schlachthof umgezogenen Flohmarkt besucht.

Kurzeck notiert die gestickten Tiere auf dem Schlafanzug des Mädchens, dem er als Vater abhanden zu kommen droht.

Der biografische Unfall machte Kurzeck produktiv. Man müsste eine Verschwörermiene aufsetzen, um ihm mit dauernder Anteilnahme in alle Elendsecken folgen zu können. Im seinem Erzähluniversum wird der Armut ein Prachtkleid verpasst, mit Pailletten aus Skurrilität.

Der von Einsamkeit und Zahnschmerzen geplagte Schriftsteller hilft sich „Übers Eis“, indem er zusammenzählt, was einst schön gewesen: die kleine Münze des Glücks, die immer schon alles war, was einer wie er unter die Leute bringen konnte.

„Immer wieder das Geld und die Sorgen zählen.“

Seine Trebegänger und Sperrmüllexperten im ewigen Mistwetter sind abgeschnitten von den Beschleunigungen einer prosperierenden Republik.

„Tisch und Bett bloß geliehen.“

„Sonntags ist immer alles am Schlimmsten.“

KD Wolff
KD Wolff

Er war der jüngste SDS-Vorsitzende, er übernahm das Amt mit dreiundzwanzig, und durfte jahrelang nicht in Amerika einreisen. KD Wolff empfing Angela Davis im Frankfurter Club Voltaire und er hielt Peter Kurzeck als Verleger die Treue.

Sucht ist manchmal einziger Motor und letzte Weltverbindung – „Übers Eis“ freut den Frankfurter Kneipenkenner. Der „Tannenbaum“ in Bockenheim kommt vor und Wolfgang Utschick, der „als Logenschließer. Im Schauspielhaus. Leichte Arbeit“ fand, und natürlich KD Wolff, der von „Liebe“ als Voraussetzung einer gedeihlichen Beziehung zwischen Autor und Verleger sprach. Die Verknüpfung von Erwerb und Erotik als Phantasie, die über den Tag hilft, schimmert durch das Verhältnis zur Rundfunkredakteurin Rosemarie Altenhofer (HR 2/Abt. Lit.): „Sie wird vom ersten Augenblick an so schön sein, dass du nicht weggucken kannst.“

Rose Altenhofer hielt Autoren mit Aufträgen am Leben. Sie nahm sich Zeit, sie blieb Jahrzehnte interessiert. In der HR-Kantine sah sie mit mir Manuskripte durch. Es gab damals noch eine Kasse im Hessischen Rundfunk. Ein zwanghaft klammer Schriftsteller wie Peter Kurzeck rannte gleich zur Kasse, während die normal Elenden die Kohle überwiesen kriegten. War immer ein Fest, der Funk-Eingang auf dem Konto.

Einem Underground, der kein literarischer war, dient das Buch als Krypta. „Im Auto. Mit Christian. Für ein konspiratives Treffen. Einer, den ich an diesem Nachmittag zum letzten Mal sah, wurde … später erschossen.“

Peter Kurzeck: Übers Eis, Stroemfeld/Roter Stern, 325 Seiten
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6.6.2015

Will Vesper mit Sohn | Bernward Vesper
Will Vesper mit Sohn | Bernward Vesper
AUS DEM REGAL GEFISCHT

Die Reise

Bernward Vesper – Ich schere mich einen Dreck um Literatur

Sie nannten ihn den Irren von Triangel* – Bernward Vesper bemühte sich um die Veröffentlichung der Schriften seines NS-Vaters, während er zugleich „Schriftsteller gegen den Atomtod“ mobilisierte. Gudrun Ensslin gab es damals auch noch als Braut in Weiß.
*Triangel gehört zu Sassenburg im Kreis Gifhorn

Ein Mann fährt heim. Auf der Strecke von Jugoslawien nach Deutschland überlässt er den Beifahrersitz seines Volvos einem amerikanischen Sonntagsmaler. Man bekifft die Lage. In München nimmt der Reisende LSD, während „die Nebel der Isarwiesen“ steigen. Stoned sickert er in die Boheme. Am fahlen Morgen besucht er Uschi Obermeier. Rainer Langhans kommt dazu. Vesper ist nicht willkommen.

Der Autor (1938 – 1971) gibt die Ordnung seiner Geschichte unordentlich an: „Der eine Teil ist an meinen Vater gebunden, der andere beginnt mit seinem Tod.“

Will Vesper (1882 – 1962) war Leiter der NS-Schrifttumskammer. Nach dem Krieg bemühte er sich, ganz gravitätischer Verlierer, um zügige Fortsetzung der hochbürgerlichen Existenz. Der Sohn erinnert eine ländlich-niedersächsische Kindheit. Er betreibt wörtliche Anschmiegung an LSD-Emanationen in kryptisch-kuriosen Bemerkungen.

„LSD reißt den Schleier von der Wirklichkeit.“

Das Tripjournal ätzt die Schau einer Kindheit, in der das Vorkriegsdeutschland exotisch erscheint.

Bernward Vesper memoriert nicht nur zur Begründung der Abwehr „den Faschismus der Seele“ seines Vaters. Der Dreck ist in ihm, er wird ihn nicht los. Der Alte hat ihn geimpft, das weiß der Flagellant: „Und am Abend schloss ich mich ins Badezimmer ein und schlug mich mit dem Ledergürtel.“

Am 28. März 1963 zeigen Gudrun Ensslins Eltern die Verlobung ihrer Tochter mit B.V. an: ein Ereignis im Kurparksaal.

Das Paar treibt im linken Lager Prominententourismus. Gleichzeitig bemüht sich Vesper um eine Edition des diskreditierten väterlichen Œuvres.

„Die Reise“ beginnt er Neunundsechzig. In der Gegenwart des Romans, der Fragment blieb, bemerkt Vesper latenten Faschismus in der Verbohrtheit der Betrachter seiner langen Haare. Er sieht sich umstellt von „Vegetables“. Agitierte und Säureköpfe sind hingegen (gute) „Typen“. Im Klub der Kommunarden kommt Vesper zu „Menschen“. In den Formulierungen schlummern umgemünzte Wertungen. Kein kritischer Reflex sichert dieses Denken auf der Rampe, obwohl sonst alles zerlegt wird.

Trotz „theoretischer Schwierigkeiten mit dem bewaffneten Kampf“ trumpft Vesper mit dem Gewaltjoker.

Sechs Jahre nach Vespers Selbstmord erschien die „Reise“ zunächst mit der Fama eines maßlosen Textes. Heute weiß man, dass Verleger Jörg Schröder das Buch in die vorliegende Form brachte. Der Zugriff rechtfertigt nicht den einzigen Einwand gegen die von Kritikern behauptete und von Vespers Offenbarungsdruck scheinbar bestätigte anti-artistische „Authentizität“ der „Reise“. Der verbreiteten Rezeptionsfantasie vom triebhaft-unkontrollierten Auswurf stehen Einlassungen von Henner Voss entgegen. Vespers zeitweiliger Wohngenosse legte dar, dass Vesper biografische Peinlichkeiten verschwieg und auf Effekt schrieb. Vesper wollte Literatur hervorbringen. Er meldete dem Verleger ein wichtiges Werk. Im Deutschen Herbst, Monate nach Erscheinen der „Reise“, tropften erste Kritiken. Sie lösten eine publizistische Flut aus. Vesper bot als durchgeknallter APO-Kopf eine Projektionsfläche für politische Frustrationen der Generationsgenossen. Man verstand das Buch als ein zwischen Theorie, Impetus und Poesie in allen Revoltefarben leuchtende Abrechnung mit Terrorismus: dessen 77er-Virulenz in der Gegenwart von 2015 eine historische Vergegenwärtigung verlangt.

Bernward Vesper, Die Reise, rororo
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2.6.2015

Eine Erinnerung an Wolfgang Deichsel

Hessisch als letzte Möglichkeit

„Hören Sie nicht nach innen, da ist nichts.“ Mit Wolfgang Deichsel 1998 im Frankfurter Bahnhofsviertel

Die Grillhühner sind Brandleichen. Der Ätz eines Putzgiftes lastet auf Kaschemmenmief. Eine betäubende Kombination. Wir haben den Tisch am Fenster. Man sieht Pisser und Stürzer, Hütchenspieler, die Laufhauskundschaft, den ganzen Verkehr. Ein dampfender Spielothekenganeff schmeißt Münzen in die Automaten beim Klo. In seiner Sprache verlangt er Kleingeld von der Thekenkraft. Ihr Geduldsfaden ist so kurz wie eine abgefackelte Lunte. Die beiden verstehen sich.
Wolfgang Deichsel

Wolfgang Deichsel, Foto Ute Schendel
Wolfgang Deichsel, Foto Ute Schendel

Wolfgang Deichsel (1939 – 2011) wohnte lange vis-à-vis, unter ihm rumorte Stephen Galloway, „der die Stones choreografiert“. Gut war, dass man an der nächsten Ecke morgens um vier Pizza kriegte. Komfortabel fand Deichsel, dass im Viertel der Betrieb nie aufhört.

„Ich war damals fast schlaflos.“

Sonntagvormittags beobachtete Deichsel seine Nachbarn, die in ihren Plastikhosen „Versammlungen auf der Taunusstraße wie auf einem Marktplatz abhielten“; die Arme, ein Kreuz vor der Brust. Der Marlboroqualm stieg von der Hand am Herzen auf. Man sah, dass sie vom Ort zugezogen waren. Ihre Blutrache- und Bergwelterscheinungen erinnerten Deichsel an Landser, die als Spätheimkehrer mit ihm zur Schule gegangen waren. Heute würde der Dramatiker/Schauspieler deutsche Soldaten in einem Stalingradfilm mit Jugoslawen besetzen.

Schon Achtundsechzig stand seine Entdeckung als Stückeschreiber aus, wie Botho Strauß, damals Theaterkritiker, feststellte. Seine Begabung wurde früh gesehen, zum Beispiel von Georg Hensel, der Deichsels „eminente Fähigkeit“ vertrackte „Gedankengänge im Dialog abzubilden“ hervorhob.

Der Wiesbadener debütierte Fünfundsechzig mit „Bleiwe losse“. Der Hessische Rundfunk produzierte die Mund-Art als Hörspiel. Seine Entscheidung für ein Bühnenidiom aus südhessischen Dialekten revidierte Deichsel nie.

„Hessisch als letzte Möglichkeit vor dem Verstummen“, fiel Karlheinz Braun (Verlag der Autoren) ein. Braun stiftete Deichsel zu Molière-Übertragungen ins Hessische an. Ein Molièremilieu fand Deichsel im Frankfurter Biedermeier, mit seinem bornierten Glück im Winkel.

„Unter der Maske von krämerhaftem Realismus und scheppmäuliger Herablassung“ vermutet der Autor bei seinen Landsleuten „eine große Erregbarkeit und die Bereitschaft zum Pathos“. Deichsel lässt seine Figuren besinnungslos reden, seine Stücke sind Schleifen der Intransigenz. Gellert heißen in „Etzel“ Eheleute, die einen aufnehmen, dessen fatalen Zustand sie angeblich verschuldet haben. Bei Gellerts wird die Wurst im Schlafzimmer gebunkert, der Herr im Haus hat einen gefährlichen Laubsägenhammer. Auch der Gast pflegt Eigenarten.

Fünfundsechzig bot sich Deichsel eine Assistenz unter Kortner in Berlin. Geprobt wurde der „Eingebildete Kranke“ mit Curt Bois. Bois‘ Spiel blendete den Nachwuchsdramatiker. Eine Weile betrachtete sich Deichsel als Sekretär des Schauspielers. Oft fuhr er in die Hauptstadt der DDR. Das Berliner Ensemble war europaweit die führende Bühne. Da wurden Richtlinien für politisches Theater formuliert.

Deichsel gründete den Verlag der Autoren nicht allein. In der Stein-Zeit war er Hausschreiber am Schauspiel Zürich. Von Siebzig bis Vierundsiebzig, „in der Ära vor Fassbinder“, leitete u.a. er das Frankfurter „Theater am Turm“ (TAT). Zuvor hatten Schauspieler einen Regisseur aus dem Amt gehoben. Die Putschisten setzten Deichsel als Wunschkandidaten durch. Damals stand die Demokratisierung der Bühnen auf allen Spielplänen. Schauspieler bekamen Einfluss in Besetzungsfragen.

„Das hätte man nie machen dürfen.“

Von einem im Allgemeinen wuchernden Hoffnungsüberschuss in den Wahnsinn getrieben, engagierten sich Schauspieler bis zur Selbstaufgabe. Sie zerrissen sich und andere vor lauter Begeisterung und Verzweiflung.

Deichsel trieb Brecht voran. Die Restauration ab Fünfundsiebzig kupierte auch die Spielräume des Spielmachers. Deichsel ging auf Reisen.

„Eine dunkle Zeit war das.“

Die professionelle Gemeinschaftlichkeit verebbte vor Ablauf des Jahrzehnts. Erst Ende der Achtziger wirkte Deichsel wieder als author & actor am Schauspiel Frankfurt.

Er vermisst die „enorm gescheiten Diskussionen am Theater“ um Achtundsechzig, „als es im Schweinsgalopp durch die Weltgeschichte ging“.

In einer Notiz verweist Deichsel darauf, mit der Zange aus dem Leib einer Klavierspielerin gezogen worden zu sein: ein früher Akt des Widerstands. Das Kind sah Frankfurt brennen, „die Feuerlohe schlug in den Himmel“. Der Vater sortierte schnapssediert Leichen.

„Ich zweifle nicht“, verkündet Deichsel im weltberühmten „Taunuseck“ mit einer Ex cathedra-Bewegung sich aus der vergrübelten Wuchtigkeit scheuchend, „dass so der Weltuntergang einmal Gestalt annimmt.“

Der Knabe hielt alle Menschen für getarnte Androiden, der Vater konnte mit den Ohren wackeln. Zur Beerdigung des Vaters kam die Creme der Wiesbadener Gastwirte.

Als Polizistensohn weiß Deichsel, wie man eruiert, zu welchem Mordopfer eine Hand gehört, die solo auftaucht. Er ist „dialogfixiert“. Für erzählende Prosa fehlt ihm der Atem.

In den Fünfzigern sah er Frankenstein im Kino. Deichsels Beschäftigung mit dem epochalen Klon zieht sich.

„So viel Schrecken und Chaos in mir.“

Beckett könnte dem hessischen Irrsinn a la Deichsel die Tür geöffnet haben. Das ist eine Welt aus den Fugen, mit Schrankexistenzen.

„Ich wollte die Befreiung der Frau von der Qual der Geburt“, erklärt Frankenstein nach Deichsel. Die Schöpfung wimmert, alles ist Menschenpfusch, ein Unfug sondergleichen. Seit die politische Folie unter den Deichselstücken pulverisiert ist, wandert die Wirkung im pyramidal Aberwitzigen. Einarmige werden gebeten, zum Applaus eine Hand des Nachbarn zu benutzen.

31.5.2015

Matthias Beltz, Foto: privat
Matthias Beltz, Foto: privat
Erinnerung an Matthias Beltz

Die Herausragenden und der Rest

Matthias Beltz – Ein Erdbeertörtchen vom Bäcker Hanns in der Sachsenhäuser Schifferstraße stand für ihn „in einem größeren Weltzusammenhang“

Das Erdbeertörtchen vom Bäcker Hanns repräsentierte den Sozialismus: Oben der Belag, also die Führung, erschien innerhalb der Gelatine-Schutzschicht, also der Partei, noch rot und frisch, während darunter der Boden, die Basis, schon aufgeweicht war.

Andreas Baader zweifelte an Matthias Beltz. „Der kann das nicht“, soll er gesagt haben. „Bewaffneter Kampf kann der Matthias nicht.“

Ich weiß das von Beltz, der die Einstufung als Herabsetzung erlebte und daran lange kaute. Er wohnte in Sachsenhausen, die Dielen knarrten comme il faut. Flügeltüren und Stehpult – ein steinalter hochformatiger Band war aufgeschlagen. Ein Buch so wichtig wie die Bibel. Allerdings habe ich den Titel vergessen. Ich verdächtigte Beltz, seiner reaktionären Spielfigur näher zu stehen als das damals in Frankfurt, wo Leute Distinktionsgewinne mit ihrer angeblichen RAF-Nähe und Haste-nich-gesehen-mich-und-den-Joschka-im-Häuserkampf erzielten, angebracht war.

Beltz erzählte, dass viele spontane (spontanistische) Aktionen wegen ihrer medialen Wirkung inszeniert worden waren. Dass gezählt wurde, wie oft man im Fernsehen vorkam. Nach jedem Artikel über die Frankfurter Spontis oder die Herausragenden Trebes, Klinke, Koenigs, Fischer, Cohn-Bendit hagelte es Leserbriefe, in denen sich Leute darüber aufregten, dass sie keine Erwähnung gefunden hatten. Damals kam noch richtig Post, ich habe die Briefe gesammelt. Der Durchmarsch der besser-als-der-Rest-Informierten bis zur gesellschaftlichen Beletage muss für viele Ex-Genossen eine Beleidigung gewesen sein. Man darf nicht vergessen, das Zauberwort der Stunde hieß Hedonismus. Genuss war Pflicht. Genuss gibt es nicht für umme. Man brauchte einen Posten, das heißt Freunde, ihr ahnt schon, worauf ich hinaus will.

Beltz wusste ohne Leidensdruck: Kabarett muss mitmachen beim korrupten Spiel um Einschaltquoten. Der satirische Vortrag warf schon Profit ab, wenn Beltz ein relevantes Wort im Schlick des öffentlichen Gesprächs mundartig dehnte. Gelacht wurde vor der Pointe. Beltz' mit Ressentiments bis zur Glaubwürdigkeit aufgeladenes Bühnen-Ich sprach aus, was unter den Kommunikationsoberflächen lauerte. Jeder vom Dulder-Humor der Ohnmächtigen anerkannte Gemeinplatz half Beltz, dessen erster Berufswunsch Pfarrer gewesen war.

Er nannte sich einen „vorwärtsgewandten Historiker“. Er kombinierte Handkäs mit Straßenkampf. Er blieb bis zu seinem Lebensende beleidigt, weil ich in die Zeitung gesetzt hatte, was Baader von Beltz gehalten hat. Er rezensierte das Geschwätz vor Wasserhäuschen. Frankfurt war der Ort seiner Erfahrungen – das Labor, in dem die Bilder entwickelt wurden, auf die er reagierte. Es wunderte ihn, „wie wenig soziale Explosionen die Stadt erlebte“. Beltz suchte den Witz in den Überforderungen, die an der Verpflichtung zur Toleranz rühren.

Er verarbeitete gern politische Reminiszenzen zu Frustrationsgeschichten. Ein Erdbeertörtchen vom Bäcker Hanns in der Sachsenhäuser Schifferstraße stand für ihn „in einem größeren Weltzusammenhang“. Es repräsentierte den Sozialismus: Oben der Belag, also die Führung, erschien innerhalb der Gelatine-Schutzschicht, also der Partei, noch rot und frisch, während darunter der Boden, die Basis, schon aufgeweicht war.

In dieser Miniatur steckt der ganze Beltz. Er war ein sparsamer Verwalter seiner Ressourcen, der Pointen-Mehrfachverwertung nicht abgeneigt.

23.5.2015

R.D. Brinkmann, gack-bremen.de
R.D. Brinkmann, gack-bremen.de
AUS DEM REGAL GEFISCHT

Amerikanische Freude

Ich hau die Zinken ins Blau – Eine Erinnerung an R.D. Brinkmanns Westwärts-Gedichte

Die Geschichte ist oft über qualmenden Aschenbechern erzählt worden: Wie Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975), Halbstar und ganz und gar jedermanns Widerpart, sich selbst 1970 aus dem Betrieb schloss, „verstummte“, wie ein Pathetiker sagte, um kaum beachtet weiterzuschreiben. Fünf Jahre veröffentlichte Brinkmann kein Buch, dann wurde er in London überfahren. Die Auslieferung seiner „Westwärts“-Gedichte an den Handel erlebte er nicht mehr. Die Angst vor einem Unfalltod geistert durch Gedichte. Brinkmann war der erste Petrarca-Preisträger, die Witwe ließ sich die Ehrung gefallen. Handke schlug in der Feierstunde Purzelbäume, Bazon Brock lief auf den Händen. Das wissen wir von Jörg Schröder, der als Privatdetektiv ermittelte.

Bis Neunundsiebzig der Nachlass unter die Leute kam, galt Westwärts 1 & 2 als Brinkmanns Vermächtnis.

Die Wellen rollen heran.

Ich hau die Zinken ins/ Blau!

In den Gedichten überlebt ein jugendlicher Ton, die helle amerikanische Freude des O’Hara-Fans Brinkmann, (auch O’Hara starb bei einem Verkehrsunfall) zugleich alle Düsternis, mit der man ihn heute in Verbindung bringt – infolge einer massiv von den Veröffentlichungen aus dem Nachlass gesteuerten Rezeption.

1974 war Brinkmann Gastdozent in Austin, Texas. Sekretärinnen flohen vor ihm. Brinkmann freundete sich mit einem deutschen Studenten an, man schrieb sich. Hartmut lockte den Dichter mit Interesse. Brinkmann nutzte die Chance zu einer Poetologie. Zwar behauptete er: „Zu Gedichten habe ich nichts zu sagen“, aber das stimmte nicht. Er zog die Gewinne aus seiner Biografie – Biografie als Material – mit unmethodischen Verlängerungen Richtung Hirnforschung und amerikanische Kulturtheorie. Philosophie lehnte er ab, Politik war wurscht. Ihn beschäftigte, wie sich „Rolling Stone-Magazin“ entwickelte. Er schnitt Bilder aus Zeitungen, schoss Fotos für einen Fotoroman. Seine Städte Vechta/Essen/Köln/London/Rom/Austin kamen in den Gedichten vor. Eine windregierte Landschaft ohne Menschen war ein Ideal.

„Stereo-Texte“ nannte Heinrich Vormweg Brinkmanns parallel laufende Gedichte. Sie erlauben Mehrstimmigkeit.

Erst im Gegenlicht von „Rom Blicke“ wurden die Vereinzelungsphantasien und das elitäre Gemurmel an Stellen ruchbar. In seinen Briefen an Hartmut taucht der sozial total gepresste Brinkmann als unzufriedener Wahlkölner auf, dem es manchmal richtig an den Kragen geht. Ein irrer Ton herrscht: „Lieber Hartmut, heute ist ein ganz mieser Tag draußen, bleich und regnerisch und dazu noch einer dieser absolut öden und verwahrlosten Feiertage auf deutsch … wo die ganze Öde der Umgebung … zum Vorschein kommt, so verrottet doof und brav-bürgerlich.“

Brinkmann schildert seine renovierungsbedürftige Wohnung, in der er dreizehn Jahre zubrachte. Schließlich war das Elend vollständig. Am 15. März 1975 schreibt er: „Wir müssen von Sozialhilfe leben, vorübergehend.“ Vorübergehend ist prophetisch. Am 23. April war das Elend vorüber. Wellershoff, der Brinkmanns Begabung früh gesehen hatte, charakterisierte die „Westwärts-Gedichte“ im laufenden Jahr Fünfundsiebzig dämlich als „Zeugnisse eines verfehlten Lebens“.

Heutige Ausgaben:
Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts, Rowohlt, 336 Seiten
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Rolf Dieter Brinkmann: Briefe an Hartmut, Rowohlt, 288 Seiten
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19.5.2015

Christoph Meiners
Christoph Meiners
Ein Text von 1790

„Die Natur des afrikanischen Negers“

In seiner Untersuchung schied Meiners die mongolischen von den „weissen und schönen … Nationen“

1790 fand Christoph Meiners (1747 – 1810) es an der Zeit, „die Natur des Negers so genau und öffentlich als möglich“ zu ergründen.

Der Göttinger Professor konnte sich nicht mehr um seine Reputation bringen, den Kollegen galt er längst als unorigineller Kopf mit einer Neigung zum Plagiat. Arno Schmidt schildert ihn als Schabernack-Figur von kurios-groteskem Zuschnitt. Lichtenberg musste Meiners als Debattengegner ertragen.

Noch war die Aufklärung eine hitzige Angelegenheit, die bürgerliche Epoche kündigte sich mit Revolutionsrufen an. Professor Meiners wollte die allgemeine Unruhe nicht bloß unter Behaglichkeitsverlusten verbuchen. In seiner Untersuchung über „die Natur des afrikanischen Negers“ schied er die mongolischen von den „weissen und schönen … Nationen“. Vorzüglich die „europäischen“ prädestinierte ihre „Grösse und edlere Bildung des Cörpers“ zur Suprematie. Hervorragender Repräsentant des „kaukasischen Menschen“ war der Norddeutsche. Ihn hoben „herrliche Anlagen des Geistes und des Herzens“ über das mongolische/afrikanische Gewimmel. Der „Neger“ stellte sich Meiners als niedrigster Fall der Menschwerdung dar. „Man kann behaupten, daß die menschenähnlichsten Affen den häßlichen Negern ähnlicher als die Neger den Europäern sind.“

Meiners unterwarf sein Traktat einer kernigen Diktion. Impetus verhalf seinem Standpunkt zu absurder Verve. Beherzt strebt die kleine Rassenlehre zu ihren Ergebnissen. Dem Widerspruch vorauseilend, gab der Autor „Freyheits-Freunden“ zu bedenken, „daß die Dummheit und Übelartigkeit der Neger und Americaner (gemeint ist die First Nation) nicht allein eine Folge ihrer Knechtschaft“ sein könne. Der Professor war entschlossen, mit der Gerechtigkeit zu gehen.

Die Kleinigkeit in Prosa soll einflussreicheren Denkern als Vorlage gedient haben.

Meiners, Christoph: Ueber die Natur der afrikanischen Neger und die davon abhangende Befreyung, oder Einschränkung der Schwarzen (1790), Hrsg. v. Frank Schäfer, mit einem Nachwort von Frank Schäfer, Wehrhahn Verlag 1997, 79 Seiten

16.5.2015

James Joyce als Kind, 1888
James Joyce als Kind, 1888
Aus dem Regal gefischt

James Joyce: Dubliner

„Verdammt auf eine Zeitlang nachts zu wandern.“

Vielleicht hatte Biograf Richard Ellmann die Shakespeare-Zeile im Sinn, als er über den zwanzigjährigen Dichter von „Chamber Music“ schrieb: „An den schütteren, verfärbten Faden seiner arbeitslosen Tage und ausschweifenden Nächte hing er seine Verse auf.“

Vielleicht dachte Joyce an Shakespeare, als er 1904 einer Geschichte diesen Anfang gab: „Nacht für Nacht war ich am Haus vorbeigegangen … und hatte das erleuchtete Viereck des Fensters studiert: und Nacht für Nacht hatte ich es auf dieselbe Weise erleuchtet vorgefunden, schwach und gleichmäßig.“

Sicher ist, dass Joyce (1882 – 1941) mit der Niederschrift der „Schwestern“ einer Aufforderung nachgekommen war, etwas „Einfaches, Ländliches … Ergreifendes“ zu liefern und ihn, den finanziell lebenslang Verlegenen, die Aussicht auf das Honorar antrieb.

Die Geschichte erschien zuerst am 13. August 1904 im „Irish Homestead“ und führte Stephen Daedalus in der Autorenspalte.

Stanislaus Joyce, des Schriftstellers Bruder und „Hüter“, begründet das Pseudonym mit Scham. Ein hochmütiger Debütant habe sich geniert, in dem „Schweineblatt“ zu veröffentlichen. Das ist die halbe Wahrheit. Joyce saß an „Stephen (Daedalus) Hero“, er war im Beat und sein eigener Held. Sein Alter ego in die profane Welt zu setzen, war grimmiges Vergnügen. Zehn Jahre später taktete „Dubliner“ mit den „Schwestern“ auf. Der Band arrangiert einen Zyklus von fünfzehn Geschichten. Joyce verwandelt „das grobe Brot des Alltagslebens in etwas, das ein künstlerisches Eigenleben besitzt.“ Sein Blick rempelt Dublin.

James Joyce, Dubliner, aus dem Englischen von Harald Beck, Reclam Stuttgart

13.5.2015

Heinrich Droege
Heinrich Droege
Aus dem Regal gefischt

Schwarze Stadt

Heinrich Droege im Frankfurter Nachkrieg – Schokolade gaben Besatzungssoldaten für Faschingsorden, die ihnen als besonders hohe Kriegsauszeichnungen untergejubelt wurden

Der Zwölfjährige war gut zu Fuß. 1945 marschierte Heinrich Droege (1933 – 2011) hundertvierzig Kilometer: von Schlitz, dem Ort seiner Evakuierung, heim nach Frankfurt. Er kam in eine schwarze Stadt, der Main floß durch Ruinen. Die Leute waren in ihre Keller gezogen, aus den Kellern zog Rauch.
Trümmerberge erinnerten den Jungen an die Alpen. Er zappelte in Fängen eines unbändigen Lebenshungers. Mit der Mutter ging er hamstern und klauen. Zum Frühstück gabs Karotten. Für einen Hasenbraten musste sich eine Katze überfahren lassen.
Kohldampf around the clock schoben jene, die mit Heinrich Droege den Krieg überlebt hatten. Der Autor schildert einen Stamm, gegründet von Not. Kesse und findige Typen gehörten dazu, halbwüchsige Organisationstalente und Stromer. Das Stammesgebiet lag im Schutt zwischen aufgebrochenen Straßen. Die Main-Indianer wussten, wie man einen Teich mit Handgranaten leerfischt. Ihre Geschäfte regulierten sie in der Zigarettenwährung. Schokolade tauschten Besatzungssoldaten gegen Wehrmachtslametta – und Faschingsorden, die ihnen als besonders hohe Kriegsauszeichnungen untergejubelt wurden.
Heinrichs Opa, ein klassenbewußter Prachtkerl, der beim Frühschoppen verschied, impfte den Enkel mit kritischem Bewußtsein. Auch der Vater dachte, „daß nach dem Krieg eine Revolution ausbrechen würde in unserem Land”.
Droege war kein raffinierter, wohl aber ein vollblütiger Erzähler. Der Chronik einer abenteuerlichen Jugend stehen Erläuterungen Spalier. Droege räsonierte. Seinen Rebellencharakter wollte er richtig verstanden wissen. Er sang das Lied der kleinen Leute, ein Bruder im Geist von Franz-Josef Degenhardt.

Heinrich Droege, Leben, nur leben!, Aarachne Verlag Frankfurt am Main 1998, 202 Seiten

30.4.2015

Aus dem Regal gefischt

Lenin im Réduit National

Christian Krachts „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“

I'll be here in sunshine or/and in shadow
Oh, Danny Boy, the pipes, the pipes are calling
From glen to glen, and down the mountain side.
The summer's gone, and all the roses falling,
'Tis you, 'Tis you must go and I must bide.
But come ye back when summer's in the meadow,
Or when the valley's hushed and white with snow,
'Tis I'll be here in sunshine or in shadow,—
Oh, Danny Boy, oh Danny Boy, I love you so!
But when ye come, and all the flowers are dying,
If I am dead, as dead I well may be,
Ye'll come and find the place where I am lying,
And kneel and say an Ave here for me.
And I shall hear, though soft you tread above me,
And all my grave shall warmer, sweeter be,
For you shall bend and tell me that you love me,
And I shall sleep in peace until you come to me!
(Oh Danny Boy, Oh Danny boy, I love you so.)

Die Welt auf dem Stand von 1917 – Krieg seit 100 Jahren. So liegen die Verhältnisse in Christian Krachts Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Zurückzuführen sind sie auf eine Fantasie, die Lenin aus Zürich nie abfahren ließ. Eine Volte der Weltgeschichte wird geografisch verschoben: in die von afrikanischen Truppen gestützte „Schweizerische Sowjetrepublik“, kurz SSR. Das erzählende Ich ist ein schwarz-schweizer Politkommissär. Der Handlungsschwung ergibt sich in der Verfolgung des konterrevolutionären Sanitätsoffizier Brazhinsky. Der Kommissär vermutet den polnischen Renegaten auf dem Weg ins „afrikanisch verwaltete Oberitalien“, aber doch noch im Réduit National, der 1886 ins Werk gesetzten, ab den 1930er Jahren von Henri Guisan und Samuel Gonard als Trutzeinrichtung organisierten eidgenössischen Alpenfestung. Die archaisierte, mit Fabelwesen bevölkerte, animistisch grundierte Romaneinrichtung lädt zur Verhaftung der üblichen Verdächtigen von Conrad bis Orwell ein. Es raunt und dräut bei Kracht. Trotzdem folge ich Krachts Helden gern, der mit Patronengürteln ins Bett geht, synonymblöd vom Pferd aufs Ross in einer Zeile kommt, und leider auch „die Fäuste ballt“.
„Koreanisch“ ist der Regen. Keiner kennt mehr Frieden. Allgemein richtet sich die eidgenössische Hoffnung auf eine Wunderwaffe. Die Schrift schleicht sich davon, während Leibeigenschaft wieder ins gesellschaftliche Bild passt. Ein Linientreuer reitet durch den Schnee, sein Herz schlägt buchstäblich am rechten Fleck. Er gerät an den kleinwüchsigen Kriegsdienstverweigerer Uriel. Erzengelig opfert sich der Kurze für den Gardisten.
Die Anlage im Massiv liegt ständig unter deutschem Feuer. In der Stollensphäre des Réduit gibt der Arzt Brazhinsky sein Bestes. Er besitzt übermenschliche Kräfte, „sein Wille drückte … mir die Waffe aus der Hand“. Brazhinsky bringt den Verfolger ins Grübeln. Am Ende demissioniert der Eidgenosse. „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ könnte aus tausend Funden bloß zusammengesetzt sein – ein Scherz. Meine Zweifel erinnern mich an eine Bemerkung von Reich-Ranicki. Ich fragte ihn, warum er zu der ad hoc-Beurteilung eines Rolf Dieter Brinkmann-Beitrags (in der Berliner Akademie der Künste 1969) nicht bereit gewesen sei. Hätte er gelobt, meinte Reich-Ranicki, wäre mit der Behauptung zu rechnen gewesen, der Text habe sich in fünf Minuten auf dem Klo ergeben. Manche vermutet man eben alle Zeit in Sperenzchenlaune.

Christian Kracht: „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, KiWi, Leineneinband
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22.4.2015

Buch

Lili rennt

In „Roter Winter“ schickt Annemarie Weber eine Frau in den besten Jahren auf Berliner Ho Chi Minh-Pfade. Sie liefert Szenen einer Ehe

„Roter Winter“ erschien ein Jahr nach „Keiner weiß mehr“. Reich-Ranicki nannte Brinkmanns einzigen Roman 1968 „außerordentlich und obszön“. Der Kritiker begriff „Keiner weiß mehr“ als „Reaktion auf die jahrhundertelange Verketzerung des Eros und der natürlichsten Instinkte des Menschen“.
Während Brinkmann Dinge mit wüsten Namen belegt, bleibt Annemarie Weber mondän in den Betrachtungen dieser Dinge. Beide, Weber und Brinkmann, reagieren fast reflexhaft auf die Revolte von Achtundsechzig als Randfiguren. Brinkmann wird von seiner Gegenwart abgestoßen, Weber (1918 – 1991) ist zu alt, um von den Freiheitsgewinnen einer neuen Zeit durchgreifend zu profitieren. Auch sie verweigert der Obszönität nicht ihr Recht.
Die Sechziger sind das Jahrzehnt der Werbung. Im Flow des Konsums formuliert der Westen sein Selbstverständnis. Die Sexualität wird zum Rapport bestellt. Was kann sie mehr leisten? Mehr Leistung muss schließlich alles und jeder bringen. Alles muss schneller werden. Geschwindigkeit gleich Fortschritt. Fortschritt gleich Freiheit. Der Mensch bleibt hinter den Maschinen zurück. Er halluziniert seine Entwicklungsfähigkeit im Maschinentempo.
In diesem Furor verlangsamt Annemarie Weber den Lauf der Welt. Ihre Lili Abelssen behält sich einen Ton vor, wie man ihn in den Zwanzigerjahren anschlug. Der Ton macht den Roman geräumig, er lässt Weite, Luft und Wehmut da zu, wo in „Keiner weiß mehr“ Enge, Atemlosigkeit und Hader herrscht. Der Ton macht die Musik, Frau Abelssen ist nicht von schlechten Eltern. Sie ist ein Kind des Feuilletons, von kleiner Form und ziseliertem Betragen. Eine Frau mit Eigenschaften. Von Männern erwartet sie jene Unterhaltung, die sie sich selbst nicht bieten kann. Was sie selbst kann, wird von ihr erledigt. Der Mensch muss wohnen, Lili hat beruflich mit Häusern zu tun. Ehebruch gehört zum Plansoll, deshalb redet man sich den Liebhaber noch lange nicht schön. Schön im Sinne von fähig, ist der Gatte, vormals eben nicht Jungbannführer und im Krieg auch nur Gefreiter; eine bürgerliche Erscheinung. Vorrätig in größeren Formaten, denken Sie an Herrn Huth, Vorgesetzter von Herrn Abelssen von Dreiunddreißig bis Fünfundvierzig.
Ihre Boshaftigkeit steckt Lili den Leuten als Visitenkarte zu, Richard heißt der Ehemann. Der Geliebte heißt Losch. Annemarie Weber schlachtet und verwurstet ihre journalistischen Lustpartien, sie war eine Edelfeder der Frontstadt Berlin. Lili schickt sie zu Modenschauen und wo man sonst hingeht. Losch erklärt ihr: „Die Sex-Revolte ist eine Masche der Kapitalisten. Sex lenkt ab von der Revolution.“
Revolution ist der letzte Schrei, da muss man hin. Das muss man gesehen haben. Richard ist schön und gut, wie gesagt. Aber Losch hat die Aktualitätskompetenz einer Zeitung. Nur als „Sünder“ taugt er wenig. „Aus seiner (erotischen) Unterlegenheit vor Lili (bastelt) er sich eine Tugend.“
Es dauert, bis man den vom Zeitgeist mitgerissenen Wicht deutlich sieht. Die Autorin schaufelt dem Handlungsjetzt ein Grab in der Luft einer Verweigerung. Sie verweigert den Jargon im Augenblick. Ihre Sprache filtert die Aufregungen von Achtundsechzig. Typen wie von Zille gezeichnet, reden in den Parolen der Außerparlamentarischen Opposition.
Kunst als Kontrast – Lili rennt durch die Straßen „zum Schöneberger Rathaus, wo Wasserwerfer in breiten Kolonnen aufgepflanzt“ sind. „Landsknechte der Revolution“ fahren auf Motorrädern in die Polizei. Nicht Losch, Richard begleitet Lili als Herr mit Stock. Er befindet: „Jetzt sind (die Landsknechte) am Platze.“
Nichts altert schneller als Avantgarde. Ich glaube, Truman Capote hat das gesagt. Eine extrem zeitgebundene Sprache hat gegen die Zeit keine Chance. Annemarie Weber liefert einen Beweis dafür, dass man mit hochgebundenen Sprachzöpfen ganz gut über die Runden kommt. „Roter Winter“ atmet noch.

Annemarie Weber, „Roter Winter“, Roman, AvivA, 345 Seiten
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16.4.2015

Aus der Regal gefischt

Faulkners Erbe

Robert Olmsteads: „Glanzrappe“

Robey Childs ist vierzehn, als seine Mutter von ihm verlangt, den Vater aus einem Krieg zu holen. Biblisch erscheint der Einstieg. Robey ist ein Allegheny country boy im Jahr 1863. Von der Welt hat er noch nicht mehr gesehen, als die Gehöfte in verwunschener Nachbarschaft. Ein Traum seiner Mutter nimmt ihm die Kindheit und kündigt den Kredit, der einem von vertrauten Verhältnissen eingeräumt wird. Magisches Denken in (beinah) menschenloser Landschaft – der mütterlich-somnambule Aufruf findet sein Echo der Bestätigung in den Worten eines alten Krämers: „Ja, deine Mutter kann so was sehen“. Sie „sieht“, dass „Stonewall“ Jackson, General der Konföderierten, nicht mehr unter den Lebenden weilt – und deshalb die Sache der Rebellen zur verlorenen Sache geworden ist. (Nicht alle glauben, dass „Stonewall“ eine ehrende Belegung ist. In einer Version verewigt der Beiname eine Angriffs- und Beistandsverweigerung.)
Der Krämer gibt der Sendung des Jungen eine Richtung ins Besondere. Er beschenkt ihn, auch wenn die Geschenke als Leihgaben deklariert werden. Er versorgt Robey mit dem Glanzrappen. Das Tier ist Leuten über. Robey reitet dem Ort der Entscheidung entgegen. Er reitet gen Gettysburg, Pennsylvania. Er durchquert traumatisierte Gegenden, in denen selbst die Bäume verstört sind. Er sieht unglaubliche Dinge, mit dem kalten Blick eines kleinen Rednecks. Er verbirgt sich vor Menschenjägern, die aussehen wie Marlon Brando in „Duell am Missouri“, und vor üblen Einzelgängern auf Nebenpfaden, die erst schießen und dann fragen.

Marlon Brando in „Duell am Missouri"
Marlon Brando in „Duell am Missouri"

Ihm kommt sein Pferd abhanden. Er wird verwundet, gerät in Gefangenschaft. Man verdächtigt ihn der Spionage. Robey bummelt zu einer Schlacht, die Union zieht noch einmal den Kürzeren. Er findet wieder zu seinem Pferd und entdeckt den Vater auf einem Leichenfeld. Noch lebt der Rebell. Robey gewöhnt sich daran, auf Männer zu schießen. Er handelt mit großer Zuversicht. Die Liebe klopft an, sie lässt sich nicht vermeiden. Am Ende führt Robey eine Schwangere heim. Die Mutter lehnt das Mädchen ab. Es ist auch nicht von ihrem Sohn schwanger.
Ich betrachte Olmstead als Faulkners Erben.

Robert Olmstead, „Der Glanzrappe“, aus dem Amerikanischen von Jürgen Bauer und Edith Nerke, „Die Andere Bibliothek“ Buch bestellen

9.4.2015

Trailer zu „Wenn es blendet, öffne die Augen”

Ohne Vorwarnung

„Wenn es blendet, öffne die Augen“ ist kaum zu ertragen. Der Film dokumentiert den Alltag von Veteranen der ersten russischen Heroinschwemme in Sankt Petersburg

Oh, flew in from Miami Beach B.O.A.C./ Didn't get to bed last night/ On the way the paper bag was on my knee/ Man I had a dreadful flight/ I'm back in the U.S.S.R./ You don't know how lucky you are boy/ Back in the U.S.S.R. (Yeah) „Back in the U.S.S.R.“

Der Anfang klingt nach Unterhaltung im Punkstil. Manche Filme schildern den Einbruch des Westens in die Post-Sowjetunion so, dass eine Nostalgie von schicker Tristesse auf dem Heimweg verdunstet. („Kino wird für Heimwege gemacht.“ Andreas Dresen) Darauf liefen meine Erwartungen an einen Abend im Krokodil hinaus. Das Kino in Prenzlauer Berg ist selbst filmreif, die sieben anderen im Saal sind weiblich und russisch. Sie tragen gute Sachen und Frisuren. Vom Stolz verhaftet, erwarten sie das Urteil der Zeit. In der zweiten Einstellung protokolliert ein Sozialarbeiter das Elend einer süchtigen Schwangeren.
„Seit wann stehst du im Drogenregister?“
„Ich glaube, seit Neunundneunzig.“
Der Fachmann bestärkt die Süchtige: „Es ist richtig, die Sucht dem Krankenhaus gegenüber zuzugeben. Das Kind wird mit Entzugserscheinungen geboren. Die Ärzte müssen wissen, weshalb es schreit.“
Der Sozialarbeiter fährt heim, im Auto sagt er: „Junkies sind offene Menschen. Es ist leicht für mich, sie zu erreichen.“
Ljoscha wirkt deprimiert und fast erloschen. Bald sieht man ihn im Zimmer einer Süchtigen. Hausbesuch, denke ich. Ich denke, Ljoscha versorgt eine Klientin mit einem Substitut. Er zieht eine große Spritze auf und verteilt die Dosis virtuos auf drei kleine Spritzen. Er redet so über die Sache, dass mir klar wird, dass ich bis eben auf einem Holzweg war. Ljoscha ist zuhause, selbst süchtig und versorgt seine Gefährtin. Wenn ich das richtig verstehe, hat er Schanna vor zwanzig Jahren mit HIV infiziert.
„Er redete über Aids wie über einen Schnupfen“, erinnert sich Schanna.
Anfang der Neunziger überfielen HIV und Heroin die russische Jugend wie ein Rollkommando. Es gab keine Drogensozialisation, keine Vorwarnung.
Das sagt der Film. „Wir wussten nichts. Wir wussten nicht, was Heroin bedeutet“, sagt Schanna.
Kinder- und Jugendbilder zeigen ein blühendes Wesen, die Stadien der Verwandlung in einen lebenden Leichnam skizziert Schanna mit selbstironischer Schadenfreude. Aus ihr spricht Intelligenz und Poesie. Sie ist gelähmt, sieht nach Hemiparese aus.
Eine unbetrübte Greisin erscheint im Zimmer, es geht zu wie in einem russischen Roman. Zuhause ist Ljoscha bei seiner Mutter. Sie bewirtet Überlebende der „Generation Perestroika“. Sie teilt ihr Bett mit Schanna, die auch im Bett nicht aufhören kann zu rauchen.
Klaustrophobische Stimmungen belasten die Szenen in einer Petersburger Platte. Ich mal euch jetzt nicht die Wohnung aus. Ljoscha ist der Hunger abhanden gekommen, die Mutter drängt. Ihre Liebe und milder Wahnsinn sind der letzte Anker, an dem sie hängt. Man sieht sie bei ihrer Berufstätigkeit in einer Bahn. Sie bezweifelt den Wert der neuen Freiheit.
„Wir hatten doch alles – Arbeit und Familie. Was will man mehr.“
Fotos, die Ljoscha gesund zeigen, sind ihr Schatz – der Sohn in Uniform, noch füllig.

Das Paar im Park. Ljoscha schiebt Schannas Rollstuhl. Schanna wünscht sich Kinderkram, sie hat sich in die Regression verabschiedet. Sie bläst Seifen der Fantasie. Dann ist sie wieder im Hypertext der Todesnähe. Ljoscha steigt dem Rollstuhl aufs Gestänge und nimmt eine Neigung im Gelände als Abfahrt.

Wenn es blendet, öffne die Augen, Dokumentarfilm, Österreich 2014, Regie: Ivette Löcker
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1.4.2015

Der Hut bleibt immer auf dem Kopf
Der Hut bleibt immer auf dem Kopf
Film

Geniale Abschweifung

Manfred Krug zeigt als Hannes Balla in „Spur der Steine“ der Welt und ihren Nebelkrähen den blanken Arsch. Er säuft mit seinen Ballas und führt sie großspurig an.

„Sechzehn Schornsteine stützten den Himmel über der Stadt.“ So steht es geschrieben in Erik Neutschs Roman „Spur der Steine“, erschienen 1964 im Mitteldeutschen Verlag.
Der Autor beschreibt eine Industriezone in der Vormauerzeit. Noch geht es um die gesamtdeutsche Befreiung der Arbeiterklasse. Man will Westdeutschland überflügeln und die Überlegenheit des Sozialismus beweisen. Die förmlich wie ein Mensch tätig oder ganz zur Maschine gewordene Landschaft wird als beispielhaft und vorbildlich für ein vereintes Deutschland dargestellt. Neutsch erfindet dem Giganten ein Schkona. Eine Batterie von Fabriken bildet ein Chemiekombinat. Nach allem greift der Auf- und Ausbau, das Leben ist eine Baustelle. Drei Konfliktfäden webt die Verfilmung von Sechsundsechzig in den ersten fünf Minuten zum Handlungsseil, mit dem sich mancher gleich aufhängen könnte. Der Film verschwand drei Tage nach der Uraufführung im Keller, in Beyers hochgelobtem Buchenwaldstreifen „Nackt unter Wölfen“ sind die Kommunisten im KZ so fest und famos wie Brigadier Balla auf dem Bau. Analog zu den Verwandlungen selbstständig wirtschaftender Bauern in Kollektivisten: widerfährt Balla das Wunder der Einsicht, nicht nur stolz zu sein auf sein Handwerk als permanente Autonomiebehauptung: „Ihr könnt Partei machen, wenn ich Feierabend habe.“ Der zweite Zündstoff steckt im Mangel. Managementfehler – „Planfetischismus“ fällt als problematisches Wort. Dazu kommt drittens Katrin „Kati“ Klee als neue Ingenieurin. Auftritt der vorgesetzten Frau. Mit ihr stemmt sich aber auch ein Staat gegen Arbeitskräfteschwund. (Man bildet für den Westen aus.)

Manfred Krug zeigt als Hannes Balla der Welt und ihren Nebelkrähen den blanken Arsch. Er säuft mit seinen „Ballas“ und führt sie großspurig an. Er haut mit Stuhlbeinen zu. Er tritt einen Kollegen vom Kipper, da er den Kies für „seinen“ Bau braucht. Er ergreift Frauen, die so ergriffen quietschen. Da Manfred Krug ihn spielt, tun die Überzeichnungen nicht weh. Ich sehe ihm gern bei der Arbeit zu. Und wie er sich wehrt und wie er weich wird wegen Kati, das ist auch schön anzusehen. Balla will mit Kati ins Kino: „Wegen Ihnen würde ich mir sogar einen DEFA-Film angucken.“ (Ein Brüller fürs Politbüro.)

Krystyna Stypulkowska spielt die empfängliche Kati. Männer versuchen sie mit Herabsetzungen und Verniedlichungen („kleine Chefin“, „Mäuschen“) zu entschärfen. „Fräulein“ ist noch korrekt.

*

Nichts wird wahr ohne sein Gegenteil. Realismus vs. Idealismus – Ballas Gegenspieler heißt Parteisekretär. Eberhard Esche spielt Werner Horvath. Auf seine Art ist Werner genauso stur und schneidig wie der Holzer. Er will den „Texaskönig“ für die Republik gewinnen. Der „Weltverbesserer“ (Balla über Werner) gewinnt erst einmal Katis Zuneigung. Das hat Folgen.

Es raucht zwischen Balla und dem Sekretär. Noch weiß Balla nicht, was Selbstkritik ist. Alle anderen sind mit dem Sujet vertraut wie mit jeder Partei-Routine: „Na ja, irgendwann trifft es jeden.“

Werner wird gerügt und rügt selbst: „Wir loben und tadeln nach Nutzen und Notwendigkeit.“

Er ist verheirateter Vater, das Liebesspiel mit Kati demontiert ihn. An einem heiligen Abend pendelt er zwischen seinen Frauen. Balla ballert sich zu. Er sinniert über Werners Idealismus und über Deutschland in Stücken: „Drüben ist Scheiße und hier … waren doch eben noch ein Haufen Flaschen (auf dem Bord).“ Eine geniale Abschweifung. Ein Kollege mit einer Vergangenheit als Hauptmann munkelt im Gegenzug: „Ich hatte auch mal ein Ideal. Bei jedem Schuss dachte ich, er fiele für Deutschland.“

Spur der Steine, DDR 1966, Regie: Frank Beyer, nach einem Roman von Erik Neutsch, mit Manfred Krug, Krystyna Stypulkowska, Eberhard Esche

29.3.2015

Film

Sozialistischer Realismus mit Schmackes

„Schlägt‘s dich in Scherben, ich steh für zwei, und gehts ans Sterben, ich bin dabei!“ – Gilbert Wolzow glaubt an den Krieg

Dietlinde Greiff als Marie Krüger – In der DEFA-Sternstunde „Die Abenteuer des Werner Holt“ formieren sich Dietlinde Greiff, Angelica Domröse, Maria Alexander und Monika Woytowicz zu einer Riege Holt holder Schönheiten.

Er brennt dem Krieg entgegen. Gilbert Wolzow, martialisch pubertierender Spross einer Offiziersfamilie, kennt seinen Heraklit von Ephesos. Für Wolzow ist „Krieg aller Dinge Vater“. Er baut Bomben im Kinderzimmer und referiert freihändig die Schlacht von Cannae. Im Weiteren haut er für sein Leben gern, egal wen. Auch wenn das politisch unkorrekt war, sympathisierte ich mit Wolzow, als ich Dieter Nolls Romandebüt „Die Abenteuer des Werner Holt“ las. In einer DEFA-Produktion von 1965 spielt Manfred Karge den jugendlichen Helden mit einem Hauch von Übergewicht. Sein bester Freund stochert hinter ihm her, von Nachdenklichkeit gebremst. Die Handlung schwimmt in Holts skeptischem Gedankenstrom. Als Flakhelfer setzt er sich für russische Gefangene ein, er befreit Slowaken, die auf ihre Hinrichtung warteten. Der Krieg geht ins sechste Jahr, die Front nähert sich den Reichsgrenzen und schiebt Flüchtlingstrecks und KZ-Häftlinge auf Todesmärschen vor sich her, Holt verzieht sich in die innere Emigration. Er denkt über Befehlsverweigerung nach, im Film wird daraus ein Traktat.
Karla Chadimová kreuzt als Milena Werners Bahn außer Konkurrenz. Milena haut den wüsten Schulze tot mit der Axt. Bei der kann Holt nicht landen. Holt ist ein Womanizer. Wolzow liebt Knarren.

Andere desertieren, ein musisch besonders begabte Schulfreund von Holt und Wolzow wird von einem SS-Mann erschossen, als er sich gegen eine Barbarei empört. Aus Freunden werden Feinde – Holt richtet die Waffe auf den zum Durchhalten entschlossenen Wolzow. Es kommt viel bunter, der Film weicht von der Romanchronologie ab und schlachtet das Actionpotential der Vorlage weidlich aus. Regisseur Joachim Kunert serviert sozialistischen Realismus mit Schmackes.
„Die Abenteuer des Werner Holt“ waren in beiden Darbietungsformen Kassenerfolge in der Bundesrepublik. Im „Stern“ wurde der Roman vorabgedruckt. Die Flakhelfergeneration erkannte sich grenzübergreifend wieder. Sie stand im Saft und hielt die gesellschaftlichen Läden zusammen: Das war ihre versaute Jugend, von der Noll erzählt. Er bringt seinem Holt die Zweifel in homöopathischen Dosen bei, etwa wenn Holts Vater, ein relegierter Chemiker, dem ihm systematisch entfremdeten Sohn ins Gewissen redet. Auch an dieser Stelle wird die faschistische Indoktrination nicht überwunden, aber nun weiß Werner, wozu Zyklon B eingesetzt wird. Die zermürbende Wirkung dieses Wissens spiegelt sich in Klaus-Peter Thieles Zügen. Thiele spielt Holt weniger zögerlich als Werner mir im Roman erschienen ist. Holt gefällt Mädchen und Frauen, er verliebt sich zweimal unter seinem Stand. Am Schönsten finde ich Dietlinde Greiff als Fabrikarbeiterin Marie Krüger. Holt verspricht ihr ewige Treue, sie lacht über den bürgerlichen Unsinn. Angelica Domröse, Maria Alexander und Monika Woytowicz formieren sich zu einer Riege Holt holder Schönheiten. Außer Konkurrenz kreuzt die umwerfende Karla Chadimová Holts Bahn.
Die NVA spielt mit als Wehrmacht am Boden.

Die Abenteuer des Werner Holt, DDR 1965, Regie: Joachim Kunert, mit Klaus-Peter Thiele, Manfred Karge

Kino

Bambule

Gleich brennt Berlin – „Von jetzt an kein zurück“ könnte 2015 der beste deutsche Film sein

Zuerst sieht man Benno Ohnesorg am Boden. Demnächst flippt die Republik aus. Eine bleierne Zeit liegt in den letzten Zügen. Rosemarie, die Ruby genannt werden möchte, verdient im Plattenladen heimlich dazu. Die Mutter darf nicht arbeiten, sie ist dem „Haushaltsvorstand“ genauso unterworfen wie die Töchter. Ben Becker spielt Rubys Vater als Tyrann in der Strickjacke. „Von jetzt an kein zurück“ enthält eine Liste mit Aufregungen vergangener Tage, angefangen bei gefährlich langen Haaren über gefährlich kurze Röcke bis zu der in Zweifel gezogenen Jungfräulichkeit einer Minderjährigen. Der Erziehungsaberglaube einer Ära quillt aus jeder Filmpore. Plötzlich versteht man die 68er-Rebellion wieder. Ruby pflegt eine verbotene Freundschaft, Martin lehnt sich mit Rimbaud gegen die Verhältnisse auf. Der Heranwachsende lebt mit einer abgedrehten Oma und einen in Stalingrad abgeklärten (mit Halluzinogenen vertrauten) Vater zusammen in einem Widerstandsnest. Er gehört zu einer naturwüchsigen Opposition. Anton Spieker spielt Martin wie einen dunklen Stern. Spiekers kantige Konturen geben Martin skulpturale Gestalt. Martins Unbedingtheit und seine Zweifel erinnern an Rolf Dieter Brinkmann und an die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Er dichtet für Ruby: „Beiß in den Apfel, Schneewittchen, willst du ewig mit Zwergen leben?“
Das Paar bricht aus, ein Konzert der Monks ist sein Ticket in die Freiheit. In Berlin will es untertauchen, die Rede ist ferner von Wohngemeinschaften in Frankfurt am Main, wo jugendliche Ausreißer, zumal Fürsorgeflüchtlinge willkommen sind. Die RAF der ersten Stunde tritt durch die Pforten der Wahrnehmung, man erinnere sich an Baader-Meinhofs „Heimkampagne“. Peter-Jürgen Boock wurde so rekrutiert, auch seine Biografie spielt mit. Ruby und Martin werden aufgegriffen, der Junge landet in der „Moorpension“ von Freistatt. Da singen sie das Lied von den Moorsoldaten und haben allen Grund dazu.
Rubys Eltern befürchten bei der Tochter „sexuelle Verwahrlosung“, sie nehmen sich selbst als Überforderte wahr. Sie geben Ruby in die Obhut „barmherziger Schwestern“, die erbarmungslos und durchaus mit ausbeuterischen Absichten auf die Schutzbefohlenen einwirken. Victoria Schulz spielt das Mädchen Rosemarie. Sie sieht aus wie eine ausgeruhte Ulrike Meinhof. Das ist kein Zufall. „Von jetzt an kein zurück“ referiert „Bambule“-Gegenstände. Der Film, zu dem Meinhof das Drehbuch schrieb, griff das BRD-Fürsorge-Regime an.
Rubys silberner Sopran hebt sie empor, die Mutter Oberin schenkt Ruby besondere Beachtung. Sehr schön finde ich eine Stelle, da weist die Chefin den feisten Steiß der Selbstgefälligkeit einer Nonne so zurecht: „Wir bräuchten dich als Fels in der Brandung, aber du bist bloß ein Pudding.“
Die Nonnen foltern „in Demut“.
„Von jetzt an kein zurück“ hat keine Lücke. Man staunt vor Glück, ist alles da – eine Geschichte, die hinhaut. Der Film wechselt die Farbe mit dem Aufkommen des Farbfernsehens. Dieter Thomas Heck dreht ein Glücksrad der Republik. Ruby tritt in seiner Hitparade auf. Martin sieht nun aus wie Christian Klar. In seinem Auto fährt eine Pistole mit.

Von jetzt an kein zurück, D/AU, Regie: Christian Frosch, mit Ben Becker, Victoria Schulz, Anton Spieker

20.3.2015

Kino

Serviler Service

„Focus” bringt es auch nicht mit Will Smith

Ein Lügner ist schlimmer als ein Dieb. Nicky Spurgeon ist Lügner und Dieb in der dritten Generation und außerdem eine Klasse für sich. Wenn er Jess Barrett (Margot Robbie) die Feinheiten des Taschendiebstahls beibringt, hilft er einer „Praktikantin“ auf die Sprünge. Fraglich ist, wer wem mehr vormachen kann. Ich finde die Geschichte vom betrogenen Betrüger schnell langweilig, das Kino ist angenehm leer. Nachmittagsvorstellung. Jeder sitzt mit so viel Abstand wie möglich zum nächsten Bürger. Das finde ich zivilisiert. Sich nicht auf die Nerven gehen zu müssen aus lauter Unbeholfenheit, ist fast schon Kultur. Ich gucke mir Will Smith an, egal in welcher Rolle, ich sehe immer nur Will Smith, den Frischgeduschten. Seine Ausstrahlung (ich bin nicht nur smart, sondern auch sauber, Mann) widerspricht der Filmaufgabe. Man nimmt ihm den linken Vogel nicht ab.
Die Australierin Margot Robbie erinnert mich an Sharon Stone in „Basic Instinct“, so kühl verworfen. Jess hätte auch was Gescheites lernen können. Dann müsste sie nicht bei einem Betrüger in die Lehre gehen. Einmal sieht man New York bei Nacht in einer apokalyptischen Einstellung. Mehr Drama bietet „Focus“ nicht.
Jess trifft Nicky gezielt in einem Hotelrestaurant – in dieser Air zwischen unerschwinglich und unausstehlich. Der Kellner sagt zu Nicky: „Es war mir eine Ehre, Sie bedient haben zu dürfen.“
Das ist doch schon wieder furchtbar. Das Restaurant folgt den Richtlinien für Aquarien. Wer es ins Aquarium geschafft hat, geht als Star durch den Abend. Jess wohnt im Hotel, wie praktisch. Sie lädt Nicky ein und legt sich bei der ersten Gelegenheit ambitioniert auf ihn. Nicky spricht über Jess‘ „Möpse“ wie über Haushaltsgegenstände. Den Formaten „ehrlich“ und „wahr“ scheint er vollkommen entfremdet. Trotzdem behauptet der Film, Nicky sei der ganz große Manipulator. Das kann gar nicht sein, in Nicky verschwimmen die Unterschiede. Sein Kalkül tarnt sich als Zufall. Er erklärt Jess die Welt als Wille und Vorstellung im Designerdrogenrausch. Es gibt jede Menge Rotwein und Evokationen von Weinbergen als Gipfel eines Lebensstils.
Im Mercedes-Benz Superdome von New Orleans legt Nicky einen Triaden-Tycoon aufs Kreuz, während der Super Bowl Amerika elektrisiert. Der spielsüchtige Pate ist gut, bloß Nicky ist besser. Der Held stößt seinen Lehrling ab und zieht sich zur Probe auf ein Altenteil zurück. Man macht ihm endlich ein Angebot, dass er nicht ausschlagen kann. Engagiert, um jemanden auf hohem Niveau hereinzulegen, erreicht Nicky Buenos Aires. Er begegnet Jess wieder, sie hat sich den Rennstallbesitzer Garriga angelacht. Ob sie das Boxenluder nur vortäuscht?

Gerald Mcraney spielt Garrigas Mann fürs Grobe und Nickys Vater. Er schimpft ständig auf den Nachwuchs und schießt schließlich auch auf ihn. Von ihm stammt die Weisheit, dass sich seine Sorte Kriminalität nicht mit Liebe verträgt.

Focus, USA 2014, Regie: Glenn Ficarra, John Requa, mit Will Smith, Margot Robbie, Rodrigo Santoro, Gerald Mcraney

14.3.2015

Gewitter im Kopf

Zurzeit kann man Joel Basman in „Wir sind jung. Wir sind stark” und in „Als wir träumten” sehen. In jedem Fall spielt der Schweizer einen Deutschen kurz vor Amok

Die Geschichte würfelt zwei Dutzend Kneipen- und Kumpelcharaktere und ein Dutzend Straftaten auf den Tresen der Ereignisse. Sie knallt die Gesichter von Freundschaft und Verrat auf die Platte. Das Protokoll der Freundschaft sieht vor, dass gemeinsam gesoffen wird im Dreiklang von legal, illegal, scheißegal. Man bricht Autos auf, ohne andauernde Aneignungsabsicht. Unbefugter Gebrauch eines Fahrzeugs (strafbar nach § 248b StGB) ist ein Tatbestand der Fünfziger, als Halbstarke die westdeutsche Justiz mit einem neuen Phänomen konfrontierten. Den kriminellen Absichten fehlten Diebstahlsmerkmale. Für die Jungen von 1990 ist das alte Spiel eine neue Sache, sie schleudern mit geknackten Schüsseln durch Leipzig. Sie räumen einen Getränkeschuppen aus und ziehen eine Demente dezent über den Tisch. Sie ziehen ihren eigenen Club auf.

Alle haben Gewitter im Kopf, jeder eine andere Art Sturm. Jedem legt Verzweiflung eine Hostie auf die Zunge. Der Geigerzähler des Wahnsinns schlägt in alle Richtungen aus. Andreas Dresen erschafft auf der Folie von Clemens Meyers Romandebüt Leipzig wie vom Höllenbrueghel gemalt.

Die Stadt scheint ihre Form verloren zu haben wie ein weich gewordener Karton. Rückblenden zeigen die Helden als Thälmännchen. Sie spielen Krieg nach Vorschrift, sie marschieren im Kreis … und Dani, von Geburt Favorit, macht dem schönen „Sternchen“ eine sehr schöne Liebeserklärung: „Ich merk mir dein Gesicht für immer.“

Merlin Rose spielt Dani als großen Zauderer. Er verrät die Kumpel in der Not, er verweigert den Beischlaf mit einer Bedürftigen im Alter seiner Mutter, er läuft ziemlich schnell weg. Aber nicht schnell genug für Kehlmann, der im Hooligan-Stil den Rahm der Nacht abschöpft. Inzwischen gehört Sternchen dem Hool-Gott. Ruby O. Fee spielt ein Mädchen von der Stange, (erst sozialistisch, dann neo- narzisstisch) bis es an der Stange strippt – vor Willensfreiheit strotzend.

Dani erkennt: „Knast ist wie Ferienlager, nur enger.“ Wenn die Freunde blau sind, werden sie tauende Eisblumen. Alkohol treibt sie aus ihren Verschanzungen. Das Leben ist ein Schuss ins Dunkle, aber dann sind Pitbull, Mark, Rico, Paul und Dani doch noch kurz Könige der Nacht in ihrem „Eastside“. Kehlmanns Truppe stoppt den Höhenflug.

Der Film steckt voller Nebenerzählungen, die alle großartig sind. Paul (Frederic Haselon) verliebt sich in eine „West-Fitschi“, die in ihrem Kiosk die Lotto-Fee spielt. Pitbulls düsteres Phlegma führt eine halbe Treppe tiefer in den Keller der neuen Verhältnisse. Sein Beispiel lehrt den Zusammenhang von Pragmatismus und Verhängnis. Wenn er sagt: „Mark hätte die Drogen auch von einem anderen beziehen können“, dann verweigert er die Last der Schuld am Tod eines „Bruders“.

Ja, Pitbull (Marcel Heuperman). Manche werden alt geboren, Pitbull zum Beispiel. Sein Leben scheuert wie auf Kies.

Das Drehbuch stammt von Wolfgang Kohlhaase, der mit „Berlin – Ecke Schönhauser“ 1957 die Antwort im sozialistischen Realismusstil auf die westdeutschen „Halbstarken” mit Horst Buchholz gab. Rico ist ein Buchholz der Techno-Ära. Man versteht lange nicht, warum der Boxer und das Talent Rico, von Julius Nitschkoff exakt und mit einem Anschlag aus Granit geil auf sämtliche Punkte gebracht, aus dem Ruder läuft. Scheint doch alles da zu sein: Schnelle Hände, Herz, Biss, das Auge. Ist gar nicht logisch, dass ihm Graciano „Rocky“ Rocchigiani mehr liegt als der kubanisch eingestellte Henry Maske. Schließlich kapiert man, dass Rico nicht mehr an sich glaubt, er macht den Freunden was vor. Schade! Mir versetzt die Einsicht einen Stich. Aber es ist nun einmal so wie Manfred Wolke sagt: „Man kann keinen zum Sieg streicheln.”

Als wir träumten, Deutschland 2015, Regie: Andreas Dresen, mit Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Marcel Heuperman, Ruby O. Fee

10.3.2015

Stark und allein

Nichts ist so einsam wie ein Bushi, es sei denn ein Tiger im Dschungel – „Bande de Filles“ schildert eine Emanzipation als Vorstadtdrama

Sie läuft unrund wie auf Stelzen, ihr Blick erzählt von Erniedrigung. Marieme (Karidja Touré) lebt in einer Pariser Vorstadtplatte. Ihre Familie entbehrt den Vater, ein älterer Bruder regiert nach den Devisen des Faustrechts. Das Faustrecht herrscht allgemein – in einem Regime ebenso archaischer wie unbegriffener Ehrbegriffe. Marieme gehört zu den Unterworfenen, sie duckt sich vor den Jungen, die lungernd und lauernd die Treppenaufgänge besetzt halten. Doch steckt genug Lebensmut in ihr, um auf Auswege zu spekulieren. Marieme beansprucht „Normalität“, das will sie sein: „Normal“ nach den Gesetzen der Blocks, die ein Quartier am Rand der französischen Gesellschaft bilden. Marieme weiß, dass ihr Wunsch in eine Falle führt. Das macht sie besonders, dieses Kratzen an einer Naht der Ausweglosigkeit. Sie versagt in der Schule und verschweigt ihr Versagen zuhause. Zuhause hängen jüngere Geschwister an ihr, die Mutter folgt beruflich einem Feudel und privat einer Theologie der totalen Erschöpfung. Für ihre Töchter hat sie nicht mehr in petto als eine Wiederholung des eigenen Scheiterns. Marieme verweigert sich der Billiglohnvariante. Sie schließt sich einer Mädchenbande an, die Jungenrechte beansprucht. In diesem Bund wird Marieme zu Vic wie Victory. Sie bleibt aber eine unbeholfene Einzelgängerin, abgestoßen von dem Frauenbild ihrer Umgebung. „Du spielst den Mann“, heißt es einmal. Die Travestie kommt aus der Not, Weiblichkeit ständig Angriffen, Nachstellungen und Herabsetzungen ausgesetzt zu sehen. Marieme schlägt sich mit der besten Schlägerin im Gebiet und „erbeutet“ den Büstenhalter der anderen. Das ist die weitreichenste Imagination einer männlichen Rolle, die „Bande de Filles“ zur Schau stellt. Das Desaster der Anverwandlung, die vorderhand wie ein Triumph aussieht und nach viel Anerkennung schmeckt, macht aus der Einzel- eine Grenzgängerin. Marieme verlässt die Geborgenheit in der verhältnismäßig milden Unterwerfung und schleudert auf die Banlieue-Nachtseite mit akuter Kriminalität. Der Pate im Plattenbau erkennt ihre Lage. Abou charakterisiert das Mädchen mit dem Blick des Jägers. Er sagt, was er sieht: „Du bist stark und allein.“

Der Film hat schicke Stellen, er feiert blaue Stunden der Mädchen-Autonomie. Es gibt gelackte Tanzeinlagen zu „Diamonds in the sky“, Freude schöner Götterfunken im Ornat einer Subkultur mit den Stars von Morgen. Man sieht dem Drogenhandel zu, wie er das Geld aus der weißen Mittelschicht zieht und mit Einnahmen aus Zuhälterei mischt. Man hat das alles oft gesehen, aber nicht so. Die Mischung aus schwarz, weiblich und deklassiert, geht unter die Haut. Das liegt auch daran, dass Marieme an ihrem Widerstand verzweifelt. Sie tut das Richtige, indem sie sich löst. Sie ist kein eiskalter Engel, aber sie könnte mit ihm sagen: „Nichts ist so einsam wie ein Bushi, es sei denn ein Tiger im Dschungel.“

Bande de Filles, Regie: Céline Sciamma, mit Karidja Touré, Assa Sylla, Lindsay Karamoh, Mariétou Touré

9.3.2015

Charles Manson und der Werwolf

„Inherent Vice – Natürliche Mängel“ – Ein Film von Paul Thomas Anderson nach einem Roman von Thomas Pynchon

Larry „Doc“ Sportello ist ein Acid-Age-Marlowe oder Marlow, je nachdem, wie weit man gehen oder wie tief man graben möchte. Doc lebt an einem kalifornischen Strand, „Gordita Beach“ steht auf einem verwehten Schild, seinem Kalender ist das Jahr 1970 eingeprägt. Die Hippies machen schlapp, Altamont hat stattgefunden. Eine Gewährsfrau kämpft mit „Lidstrichproblemen“. Das Drogenphlegma legt Doc flach. Joaquin Phoenix spielt den privaten Ermittler mit Mut zum Backenbart. Er sieht mit der wölfischen Wolle nicht so gut aus wie Jack Nicholson in „Shining“. Als heimliches Rollenmodell taugt Charles Manson.
Doc ist ein reduzierter Typ, und da fangen die Schwierigkeiten an. Man sieht nie mehr als Doc und Doc sieht so gut wie nichts. Das jedoch in allen Farben des Regenbogens. Doc hebt immerhin ein Lid, als seine Verflossene aufkreuzt. Sie heißt Shasta Fay Hepworth und könnte bis eben in „Chinatown“ abgehangen haben. Der Film filtert ein Potpourrie der Anspielung aus der Pop-Ikonografie, die Musik klingt eine halbe Stunde nach „The End“ mit Zimbeln wie in „Apocalypse Now“.
Katherine Waterston spielt Shasta Fay mit Schamhaar, das zu dick aufgetragen wurde. Shasta Fay orientiert sich am morbiden Charme der hörigen Familie. Sie trifft die Linie einer Susan Atkins alias Sadie Mae Glutz (siehe The Manson Family).
Sie bringt den Ex auf den neusten Stand ihres Liebeslebens, bevor sie sich unter mysteriösen Umständen verflüchtigt. Das Mysteriöse greift um sich. Die Realität zieht sich zurück wie eine erschöpfte Tänzerin, sie lässt den Zuschauer sitzen oder hängen. Docs Wahrnehmung ist nicht zu trauen; ebenso gut könnte man zu einem Betrunkenen ins Auto steigen. Auf Docs Bürotür steht LSD für „Lokalisierung, Sicherheit…, Detektei“.
Shasta Fay hat oder hatte was mit Tycoon Mickey Wolfmann, den eine späte Erleuchtung zu einem Wohltäter und kapitalistischen Irrlicht macht. Er lässt eine Gratis-Wohnmaschine in die Wüste stellen, Doc inspiziert die Baustelle so wie den Massagesalon „Chick Planet“ zum Nachteil seiner körperlichen Unversehrtheit. Er kommt neben der Leiche eines arischen Bruders zu sich und steht nun unter Mordverdacht. Die konvulsivische Erzählweise des Films, die auf eine konvulsivische Erzählweise der Vorlage wenig vorteilhaft verweist, verhindert, dass Spannung aufkommt. Es geht um Drogenhumor, den muss man erst einmal haben. Ich verirre mich im psychedelischen Disco-Bauch des Handlungswals, Joaquin Phoenix spielt zusammen mit Reese Witherspoon wie schon einmal in „Walk the line“. Nun spielt Reese Witherspoon eine Staatsanwältin. Penny Kimball legt sich zu dem speckigen Detektiv, wie Liebe sieht das schon deshalb nicht aus, weil Doc so verdammt lethargisch ist. Er findet Wolfmann in einer Klinik, Nazi-Rocker ergänzen das Pflegepersonal. Auch ein schwarzer Panther spielt seine Rolle. Die intensivste Beziehung hat Doc zu dem LAPD-Agenten Christian „Bigfoot“ Bjornsen. Josh Brolin spielt den Polizisten als kantiges Kinn. Die Karikatur wirkt karitativ, sie ist das Steak in der Suppe.
Doc treibt einen Surfer auf, den alle schon auf der ewigen Welle wähnten. Er legt sich mit einem Triaden-Kartell an – dem „Golden Fang“. Nichts ist so wie es den Anschein hat, die gelbe Gefahr besteht aus weißen Zahnärzten. Shasta Fay taucht wieder auf und pumpt genug Leben in den Doper Doc, dass er sowohl Adrian Prussia als auch Puck Beaverton kaltmachen kann. Wenn auch mit einer hölzernen Choreografie. Ich erkläre Ihnen jetzt nicht, wer Adrian Prussia und Puck Beaverton waren. Warum sollte ich für Klarheit sorgen, wenn es sonst keiner tut? Ich sage noch eins. Der Titel bezieht sich auf einen Begriff des Seerechts, der Begriff taucht auch in einem Roman von William Gaddis auf. Ansonsten gilt: Wenn du dich erinnern kannst, dann warst du nicht dabei.

„Inherent Vice – Natürliche Mängel“, USA 2014. Regie: Paul Thomas Anderson, mit Joaquin Phoenix, Katherine Waterston, Joanna Newsom, Josh Brolin, Owen Wilson, Reese Witherspoon, Benicio Del Toro

5.3.2015

Die als Entdeckung sich verkennende Erfindung

„So spüre ich doch im Lesen das Heilsame“ – Margret Boveri an Ernst Jünger

Sie verkehren auf dem Olymp ihrer Epoche und sind sich dessen pausenlos bewusst. Erstaunlicherweise wird das für den Leser nicht zur Anstrengung. Erstaunlicherweise ist Margret Boveri die ansprechendere Gesprächsteilnehmerin. Sie wirbt um Jünger und tritt in ihren Briefen auf. Jünger lässt sie immer wieder abfahren, er fasst sich kurz. Er enttäuscht die Freundin, wenn er in Berlin zu tun hat, einen Besuch der Boveri aber vermeidet. Boveri bringt ihre Kränkbarkeit zum Ausdruck und so ihren Rang, der es an sich nicht zulässt, ausgelassen zu werden. Sie berichtet von Krankheiten, Jünger diagnostiziert von oben herab „Maladie de relais.“ Das sind Krankheiten, „durch die uns ein neuer Vorspann gegeben wird“.

Für Jünger geht es immer um die Gattung und den Erdkreis im Sternenfeuer, das ist sein Fieber. Er schreibt: „Die Leute ziehen eine Größe aus ihrer Zeit und deren Eros wie einen Fisch aus dem Wasser und freuen sich darüber, daß sie zu stinken beginnt.“ So kritisiert er Augsteins Buch über Friedrich II. Vielleicht kann man einwenden, dass Preußen auf vielen Wegen von der nationalsozialistischen Landnahme befreit wurde.

Boveri plaudert über die Todesumstände von Walter Frank: „Ich glaube fast, daß die Frau von Frank ihm auf einer Parkbank den Gnadenschuß geben musste … Ich fand es übrigens immer sehr merkwürdig, daß unsere Generäle des Widerstands … sich unfähig zeigten, sich selbst zu erschießen.“

Die Autorin liest die Memoiren von Leonard Woolf. Sie charakterisiert den Mann: „Der letzte Liberale, rationale Weltoffenheit mit Scheuklappen.“ Sie reiht perlende Befunde auf eine Kette ihrer Huldigungen, sie will gefallen und bestechen, während Jünger eher einlenkt und Erlesenes lediglich zur Freude der Freundin beisteuert. Von ihrem Geburtstag erfährt er aus der Zeitung, es beschämt ihn nicht, Boveri gegenüber vergesslich und nachlässig zu sein. Sein Vorsprung spricht sich aus, Jünger hat seiner Beobachtungsgabe Unglaubliches nachgesagt: „Zuweilen, beim Ansehen eines Menschen, den ich schätze, wende ich die Augen ab – in dem Gefühl, daß ich ihn durchschieße“. In ihren Besprechungen erklärt Boveri Jünger mehrfach zum Chef-Vertrauten des Unbewußten. Er taugt ihr als ein Mann des Jahrhunderts, sie zählt sich zu seinen Verteidigerinnen in erster Linie. Die Feuilletonistin schätzt den privilegierten Zugang zu einem Schriftsteller, den sie in ihren Artikeln der schnöden Gegenwart entgegen stellt. Jünger versteht, wie er eingesetzt wird, er schlägt manchen Haken, um das Feuilleton an seinen Fersen aus dem Tritt zu bringen. Manchmal kommt er Boveri mit verborgener Grobheit, als erwehre er sich einer unvermeidlichen Verehrerin. Boveri teilt selbst aus und verweigert Liebesdienste. Jünger darf sich nicht darauf verlassen, dass sie ihn in jeder Besprechung glänzen lässt. Verweigerte Besprechungen laufen schon auf eine Auslieferung ans feindliche Lager hinaus. Jünger hält sich für hellsichtig: „Hinsichtlich der Wahrnehmung der historischen Realität bin ich vorgeschaltet … das heißt, ich nehme sie … vor ihrem Erscheinen wahr.“

Trotzdem greift Jünger nicht ins Rad. Der Fatalismus der Geschichte behält ihn für sich, Jünger sucht die Freiheit in den Katastrophen seines Jahrhunderts. Im Vergleich bleibt Boveri eine ehrgeizige Aufsatzschreiberin, die wohl versteht, was in ihrem Fall nicht in Frage kommt.

Margret Boveri und Ernst Jünger – Briefwechsel aus den Jahren 1946 bis 1973, Landtverlag, 323 Seiten

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4.3.2015

Mara als Mädchen
Mara als Mädchen/ http://en.wikipedia.org/wiki/Mara_Neusel

Berthold Mayrhofer und Jamal Tuschick: Heute Abend spielen wir wieder zusammen

Mein Freund Berthold,

wann lässt sich das schon sagen: dass Freundschaft nicht nur eine Erscheinung war? Wir saßen in seinem Kinderzimmer und hörten Herbie Hancock zur Hochzeit des Jazzrock. Berthold besaß einen futuristisch designten, elektrischen Kontrabass, ich zweifle daran, dass in Kassel noch ein zweites Exemplar dieser Güte Platz fand.
Wir diskutierten die Gesetze der Kunst, das war eine Schule, die wir ernstnahmen. Wir waren definitiv nicht die Fun-Fraktion. Wir konferierten ständig in einem Stehcafé auf der Treppenstraße, Tchibo oder Eduscho, ich weiß es nicht mehr. Sonst weiß ich noch alles.
Wir widmen diesen Abend, das wird Berthold jetzt überraschen, doch steht sein Einverständnis außer Frage, unserer gemeinsamen Freundin Mara Neusel. Sie ist im letzten Jahr gestorben, das ist schlimm. Das ist nicht wieder gut zu machen.
Mara war von Anfang an bei uns, ein Kind dieser Stadt, so wie Berthold, so wie ich, mit einer befruchtenden Differenz zu den herrschenden Verhältnissen.
Vielleicht kann dieser Abend so etwas wie ein Familienwappen sein.
Ich schweife kurz ab: Spartaner hatten immer Muße, es sei denn, sie führten Krieg. Ein Handwerker war in der Antike ein Banause, man begriff ihn als Verlängerung des Schaufel- oder Besenstiels. Irgendwann verstand man Müßiggang nicht mehr – und erklärte ihn zur Todsünde. Man entwickelte einen Hass auf Mispeln und Moos. In der UDSSR stellte man den Handel mit Lorbeerblättern (parasitäres Gewächs) unter Strafe. Kunst setzt Muße voraus, wir – Berthold und ich – nehmen uns das Recht der Freien auf Muße.

2.3.2015

Kino: American Sniper

Das richtige Leben

I dreamed I saw Chris Kyle last night/ Alive as you or me/ Says I, “But Chris, you're ten years dead”/ “I never died,” says he.

Es war wie immer, wenn ein Mythos entsteht oder eine neue Insel aus dem Meer steigt. Erst redeten Leute darüber an den internationalen Lagerfeuern, eine Art Höhlenzeichengeschichte kursierte als holzschnittartige Zuspitzung, die Relativierungen gingen los. Denk an Simo Häyhä, hieß es, und seine fünfhundert Bestätigten.

Simo Häyhä auf die Frage, was er nach einem Schuss empfand: „Den Rückstoß.“

Eine Freundin lernte ihn auf einem Schießstand in Lubbock, Texas, kennen, sie fand Chris Kyle intelligent, ausgeruht und überlegen. Er schrieb gerade ein Buch über amerikanische Geschichte am Beispiel der Waffen, die zum Einsatz kamen. Er analysierte sie wie ein Ingenieur und zog soziologische Schlüsse.

„Der hat nichts zu verarbeiten“, behauptete die Freundin. „Chris ist mit sich im Reinen.“

Dann erschienen seine Biografie „American Sniper: The Autobiography of the Most Lethal Sniper in U.S. Military History“. Dann erschoß ihn jemand. Dann nahm sich Clint Eastwood der Sache selbst an.

Amerikaner glauben, dass, als der run auf die Freiheit im 17. Jahrhundert losging, die meisten Schafe in Europa geblieben sind. Sie sagen einem das nicht ins Gesicht, dazu sind sie zu höflich. Im Film klärt ein Vater seine Söhne auf: „Es gibt drei Sorten Mensch: Schafe, Wölfe, Hütehunde.“ Er nimmt Chris mit auf die Jagd und lobt seine Schießanlagen als „Gabe“, die selten verteilt wird. Chris „bringt ein Herz zum Stehen“ und schmeißt die Flinte ins Korn. Der Vater rügt den Mangel an Respekt vor der Waffe.

Chris und sein Bruder werden Cowboys, sie reiten Rodeos und „führen das richtige Leben“.

Chris Kyle (Bradley Cooper) meldet sich freiwillig, er will seinem Land „dienen“. Er wird Navy Seal und in vier Irak-Einsätzen zwischen 2003 und 2009 als Scharfschütze eingesetzt. Man nennt Kyle „Legend“ auch um ihn hochzunehmen. Inzwischen meint das wohl kein Amerikaner mehr ironisch. Das Land leckt seine Wunden, indem es verehrt – dem zivilen Alltag entfremdete Helden. Mit leerem Blick und unansprechbar sitzt Kyle die Zeit zwischen den Einsätzen ab. Seine Frau Taya Renae (Sienna Miller) verzweifelt an ihrem geborenen Krieger mit seinen hundertsechzig bestätigten Abschüssen. Andererseits wollte sie etwas vollkommen Hypertrophes, die texanische Gigantomanie noch Übertreffendes. Taya Renae ist patriotisch d'accord. Die größte schauspielerische Leistung in diesem Film besteht darin, dass Sienna Miller Taya Renaes genetischen Maximalismus nicht herunter spielt.

Kyle sieht sich als seiner Waffenbrüder Hüter, in Falludscha verteidigt er Gott, Vaterland und Familie. Die Familien der anderen fallen in seiner Wahrnehmung unter den Tisch. Er versteht sich als Spezialist und glaubt, jeden Schuss vor seinem Schöpfer verantworten zu können. Das kann Kyle nur in Konsequenz der kompletten Entwertung des Gegners glauben. Iraker sind „Wilde“, Kyle kehrt im Nahen Osten in den Wilden Westen zurück. Er spielt Cowboy & Indianer im Irak. Er kehrt die eigene Verwilderung unter den Gebetsteppich.

American Sniper, USA 2014. Regie: Clint Eastwood, mit Bradley Cooper, Sienna Miller, Luke Grimes, Jake McDorman

26.2.2015

In der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika wurde 1776 unter anderem der Gleichheitsgrundsatz festgeschrieben. 1965 wurde er mit drei Protestmärschen unter der Führung des Baptistenpredigers Martin Luther King in Selma/Alabama unter Menschenopfern formal durchgesetzt. Davon erzählt der Film Selma, der jetzt in die deutschen Kinos kommt.

Kino

Geburtsschmerzen einer neuen Zeit

„Wir können jemanden jederzeit unwiderruflich ausschalten.“ J. Edgar Hoover im Oval Office-Gespräch mit Lyndon B. Johnson

Montgomery, Alabama, 1955. Die Afroamerikanerin Rosa Parks weigert sich, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen. Das führt zu ihrer Festnahme und einem Boykott der Busse. Der schwarze „Busboykott von Montgomery“ startet das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung ist die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Deren charismatischer Führer, ein Baptistenprediger aus Atlanta, wird 1964 Friedensnobelpreisträger. Die anstehende Preisverleihung räumt „Selma“ den Eingang zum Geschehen frei. Dr. King zweifelt vor dem Spiegel an der Popularität einer Krawatte. Gattin Coretta (Carmen Ejogo) rät zu mehr Mut zur Eitelkeit, ihr geht Martins demonstrative Bescheidenheit auf die Ketten. Sie wünscht sich ihren Mann der Familie zugewandter. Aber Martin Luther King braucht die Bruderschaft, um sich gesteigert zu erleben. Seine Ladestation ist die Bühne – und die Bewunderung der Schwergewichte in der Halbdistanz seines Lebens. Da sind Männer wie Andrew Young und Frauen wie Diane Nash. Ich finde es gut, dass der Film von Ava DuVernay (Oprah Winfrey und Brad Pitt produzierten mit) MLK in seinen häuslichen Verhältnissen geradezu erloschen darstellt. MLK reicht Corettas spröde Schönheit und das Familienglück nicht. Nachts ruft er Mahalia Jackson (Ledisi Anibade Young) an, um „die Stimme des Herrn“ zu hören. Er wirft die Sängerin aus dem Bett und sie macht, was Dr. King verlangt. Das ist Telefonsex mit einem Superstar.
David Oyelowo spielt MLK sauber abgebremst. Man spürt die Kraft und die Kontrolle. Ab und zu rutscht Martin auf der Schmierseife seiner Zweifel aus. Das sind starke Momente im Film. Auch die Rivalität zwischen SCLC und dem (jüngeren und lebhafteren) Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) sorgt für den Geschmack eines echten Historienschinkens. Manche Szenen evozieren ein Bild von Eulen und Falken. King und seine Tafelrunde kühlen die Heißblütigkeit der Studenten bis zu einer brauchbaren Temperatur herunter. Auf jeden Weißen, den wir killen, kommen zehn von uns, die gekillt werden, erklären sie dem Nachwuchs der Revolution.
„Selma“ erzählt vom Kampf um das Wahlrecht. Mit Mitteln der Bürokratie und der Bedrohung hält das weiße Establishment unter der Ägide von Alabama-Wallace die schwarze Bevölkerung von Rechten ab, die von der Verfassung garantiert werden. Tim Roth spielt Gouverneur George Corley Wallace schön schneidig. In seine erste Amtszeit fiel der „Bombenanschlag von Birmingham“, dessen Schilderung in „Selma“ misslingt.
Wallace repräsentiert ein Selbstverständnis, das Segregation in die Nähe eines Naturgesetzes rückt. Der Film gibt solchen Standpunkten Raum. Er zeigt den Zusammenstoß von Gruppen, die nur aus Verteidigern zu bestehen scheinen. Wieder einmal geht das Abendland im Ansturm der Barbaren unter. Die Geburtsschmerzen einer neuen Zeit lassen das bleiche Antlitz der Gegenwart grimassieren. Nur Wallace behält die Fassung seiner Verachtung. Andere tarnen Unfähigkeit mit Verachtung oder verwechseln Masse mit Kraft oder Jahrhunderte, aber Wallace ist einfach ein Konföderierter ohne Pferd. Er sieht den Angelus Novus Dr. King an, als stünde der Ku-Klux-Klan mit einem Kälberstrick im Anschlag vor der Tür. Tim Roth gibt einen fabelhaften Gouverneur ab.
1965 konzentriert sich der gewaltfreie Protest auf Selma, Alabama. Hier wurden in der Vergangenheit Versuche afroamerikanischer Bürger, sich als Wähler registrieren zu lassen, von Amts wegen besonders fintenreich obstruiert. Der große weiße Mann vor Ort ist Sheriff Jim Clark – ein Gewalttäter in Uniform und ein Bruder im Geiste von FBI-Chef J. Edgar Hoover, der von seinem Präsidenten freie Hand verlangt: „Wir können jemanden unwiderruflich ausschalten.“ Clark sperrt MLK ein, die Zelle wird zum Schauplatz der inneren Einkehr. Ihr entgegengesetzt sind Oval Office-Impressionen – Dr. King im Gespräch mit Lyndon B. Johnson aus Stonewall, Texas. „But even if we pass this bill, the battle will not be over“ – Der Präsident, von Tom Wilkinson angenehm grobschlächtig gespielt, fordert quid pro quo von dem „Negerführer“, der dem kultivierten Rotnacken lieber ist als Malcolm X. MLK gilt der US-Regierungsspitze als kleineres Übel, so windelweich wurde er lange auch von Malcolm X gesehen. Nun will der Radikale im SCLC-Stil die Sache voranbringen. Er wird das Jahr nicht überleben. Um als Leiche mit Zukunft in die Geschichte einzugehen.
An sich ist MLK ein Mann, der die Herzen rührt, ohne selbst den Kopf zu verlieren. In der Not hilft ihm Matthäus 6, 26: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“
Die meisten großen Filme transportieren Sätze, die dem kollektiven Unbewussten abgelauscht sind und ins kollektive Gedächtnis eingehen. „Selma“ kommt ohne einen großen Satz aus. Die Aktivisten des zivilen Ungehorsams sammeln sich in Selma, sie scheitern in Selma, sie kehren zweimal um, als Sinnbild ihres Scheiterns überspannt die Edmund Pettus Brücke den Alabama. Der siebte März wird Bloody Sunday. Ein Gericht entscheidet zugunsten der Demonstranten. Im dritten Durchgang gelingt der Marsch von Selma nach Montgomery als genehmigter Protest – we shall overcome. Der Marsch zur Landeshauptstadt begann an einem kalten Tag. Im Film scheint die Sonne, auch ein weißer Pastor aus Boston biss vorher in den Asphalt. Die letzten Worte, die er auf Erden vernahm, lauteten: „Jetzt weißt du, wie es ist, ein Nigger zu sein.“

„Selma“, Regie: Ava DuVernay, Alabama 2014, mit Tom Wilkinson, Giovanni Ribisi, David Oyelowo

23.2.2015

Film

Du darfst nicht lachen, wenn ich dich haue

„Fifty Shades of Grey“ hätte auch ein guter Film werden können

Nicht Jane Austen oder eine Brontë brachte Anastasia Steele (Dakota Johnson) auf den Geschmack einer blaustrümpfigen Existenz. Thomas Hardy, ein englischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, der schließlich nur noch Gedichte schrieb, gibt ihren Sehnsüchten die richtigen Betonungen.
Anastasia studiert Literaturwissenschaften und jobbt altmodisch in einem Heimwerkerparadies. Sie fährt einen Käfer, sie hat eine exzentrische, zum vierten Mal verheiratete Mom. Eine Mom, die verliebt sein muss, weil das ihr Kick ist. Eine unzuverlässige, aber garantiert enttäuschende Mom. Diese Mom lebt als MILF-Monster in Savannah, Georgia. Taucht sie auf der Leinwand auf, sieht man vor allem einen Mund. Der Mund passt einem weißen Hai als Maul.
Anastasia bewahrt sich in Erwartung des Richtigen. Ständig beißt sie sich in die Unterlippe. Sie trägt Kleider, die zum Käfer passen. Bestimmt guckt sie gern Filme aus den Siebzigern, Filme im Stil der „Love Story“.
Anastasia wohnt mit einer Matrone zusammen, die ihre Gutmütigkeit auf die Probe stellt.

*
Christian Grey (Jamie Dornan) hatte „einen schweren Start ins Leben“. Seine Mutter war eine süchtige Prostituierte. Sie gab ihn ab, Christian kam zu vermögenden Leuten. Die setzten ihn an ein Klavier. Da sitzt er noch nach dem Sex, freibrüstig und nicht ganz so dekorativ wie die Umgebung. Die soeben deflorierte Anastasia hat beim Vorspiel das Klavier berührt und die Frage aufgeworfen: „Spielst du?“
Um sich selbst zu antworten: „Natürlich spielst du.“
Jetzt weiß sie auch, was hinter dem Spiel steckt. „Du hast es gelernt, um den Leuten zu gefallen, die dich aufziehen sollten.“
Ganz schön clever. Anastasias analytische Schlagfertigkeit schält Christian aus seinem Panzer. Als Jugendlicher wurde er von einer Älteren missbraucht und deutete das als Initiation um. Vermutlich drückte die Frau auch Kippen auf seiner Brust aus. Das würde Narben erklären. Die Domina gab Christians Dominanz die Richtung. Seine Gespielinnen müssen eine Verschwiegenheitserklärung abgeben und einen Vertrag unterschreiben, der den Geschlechtsverkehr regelt. Anastasia ist die 16. Vertragspartnerin und in dieser Eigenschaft sperriger als ihre Vorgängerinnen.
Leute, die es wissen könnten, halten Christian für herzlos. Sein Wohlstand sprengt die Grenzen gewöhnlichen Reichtums. In Seattle ragt das „Grey House“ auf. In einer frühen Einstellung steht Anastasia vor dem Komplex und … beißt sich in die Unterlippe. Ihrer Kragenweite entspricht ein Fotograf kurz vor seiner ersten Ausstellung. Aber nein, dieser Christian mit seinen Verträgen setzt gleich den Hubschrauber und sich als Piloten ein, um Anastasia zu beeindrucken. Mit Protz will er sie gefügig machen. Der Protz zieht auch. Vermutlich glaubt Anastasia aber, dass sie sich trotz und nicht wegen des Protzes in Christian verliebt hat. Er ist für Anastasia der richtige Mann so wie der Käfer für sie das richtige Auto ist. Anastasia deklariert den Käfer als classic car, der Schalk sitzt ihr im Nacken. Einmal passiert das Paar einen Aufmarsch der Boliden.
Anastasia: „Welcher ist deiner?“
Christian: „Alle.“
Darunter macht er es nicht. Anastasia findet das niedlich. Sie beißt sich in die Unterlippe und erzieht Christian zu Sprachspielen. Es ergibt sich die Gelegenheit, ein geflügeltes Wort aus dem Schweigen der Lämmer anzubringen – Hannibal Lecters „Bereit, wenn Sie es sind.“
Anastasia erkundet Christians Liebeslücken. Sie akzeptiert Unterwerfung ohne (bedeutenden) Schmerz. In der Zwischenzeit öffnet sich Christian in einem schmerzhaften Prozess. Darum geht es in „Shades “, wenn man sich den Film so anguckt, als wäre er nie über kleine Kinos hinausgekommen. Als habe man mit kleinem Geld eine ordentlich schmierende Versuchsanordnung hingekriegt und zwar nicht nach einer millionenfach verbreiteten Vorlage, sondern mit einem Drehbuchdebüt und ohne einen Roman im Rücken. Dann bietet sich die Aussicht auf einen Mann, den noch keiner mit einer Frau in der Öffentlichkeit gesehen hat. Seine Menschenfängerfähigkeiten lassen sich nicht bestreiten. Wer mit ihm intim wird, erkennt dass er unnahbar bleibt. Nun kommt Anastasia und sorgt dafür, dass Christian sich fremd wird. Sie dreht an der Schraube seiner Liebesfähigkeit. Das erlebt Christian als Risiko. Um sich vor Kontrollverlust zu schützen, presst er Anastasia in sein Programm. Anastasia versteht nicht, dass er über sich ein Liebesverbot verhängt hat. Das in eine Dornrose verwandelte Hurenkind macht Zugeständnisse. Christian stellt einen „normalen“ Abend jede Woche einmal in die Zone seiner Bereitschaft. Im Gegenzug soll Anastasia als Erfüllungsgehilfin seiner Wiederholungszwänge bitte nicht lachen. Christian fleht sie an, devot zu sein. Das geht natürlich nicht. Anastasia beißt sich bloß wieder in die Unterlippe.

Fifty Shades of Grey, 2015, Regie: Sam Taylor-Johnson, mit Dakota Johnson, Jamie Dornan, Luke Grimes

19.2.2015

Greise Killer

In „Natchez Burning“ spielt Greg Iles mit Mythen und Legenden im Erzählkranz der Kennedy-Morde

Jeder Pionier hatte eine Kiste für seine Bibel, das Blei und ein Ersatzpulverhorn. Die elementaren Fragen beantwortete entweder die Bibel oder eine Kentucky Rifle. Eine Frage dieses Kalibers treibt „Natchez Burning“ an: Was, wenn du gezwungen wirst, dich zwischen deinem Vater und der Wahrheit zu entscheiden? Auf tausend Seiten geht Greg Iles der Frage nach, um zu einer erstaunlichen Antwort zu kommen. Lesen Sie selbst.
Howlin Wolf besingt „The Natchez Burning“. Greg Iles übernahm den Titel für den ersten Band einer Thriller-Trilogie, die als work in progress dem Autor eine Zukunft gibt. Held der Geschichte ist Penn Cage, für Iles-Leser ein alter Bekannter. Mit seiner Tochter Annie zog der Ex-Staatsanwalt und Schriftsteller nach Natchez, er kehrte zurück in das Nest seiner Kindheit und schwang sich da zum Bürgermeister auf.
In der Gegenwart des Romans ist Natchez eine überwucherte Brutstätte rassistischer Gemeinheit. Im Kampf gegen die Bürgerrechtsbewegung folterten und mordeten Veteranen jahrelang. Die „Doppeladler“ nahmen regelrechte Blutbäder, getrieben von einer pathologischen Wut. Sie sahen sich als Herren ihrer Welt, des weißen, ländlichen Südens, während sie in Wahrheit bloß Handlanger einer zugezogenen und einer eingesessenen Mafia waren. Die Polizei vertrat Interessen des Ku Klux Klan. Rechtsprechung war in Natchez lange „ein hoher Baum und ein kurzer Strick, wenn du schwarz bist“.
Iles spielt mit Mythen und Legenden im Erzählkranz der Kennedy-Morde. Er erinnert an den „Emanzipationsmarsch“ von Selma nach Montgomery. Obwohl die Geschichte breit wie ein Straßenkreuzer der Fünfziger aufliegt, wird sie engmaschig erzählt. Penn Cages Vater gerät wegen angeblicher Sterbehilfe in Schwierigkeiten. Der alte Arzt könnte seiner besten Sprechstundenhilfe (und verheimlichten großen Liebe) den Abschied leicht gemacht haben, (nicht nur) in Mississippi würde das einen schweren Straftatbestand erfüllen. Der Fall kocht die Vergangenheit auf, die tote Krankenschwester war Schwester eines ermordeten Bürgerrechtsaktivisten. Sie hieß Viola, der Bruder Jimmy. Der Leser weiß stundenlang mehr als die schwarze Staatsanwaltschaft oder der unvermeidliche Lokalreporter. Dennoch bleibt die Geschichte spannend. In ihrer Matrix mischt sich Blut mit Blues. „Katrina“ fegt durch Natchez, wühlt den Mississippi auf und legt ein paar Bäume um. In der Zwischenzeit werden jede Menge offener Rechnungen beglichen. Die Machtverhältnisse haben sich in Natchez zu Gunsten der Schwarzen verschoben. Doch sind die Doppeladler noch im Einsatz – greise Killer, die sich mit Viagra dopen und gelegentlich gegenseitig umbringen.

Greg Iles, „Natchez Burning“, Roman, Rütten & Loening, aus dem Amerikanischen von Ulrike Seeberger, 912 Seiten
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18.2.2015

Neuerscheinung

Häuptlingsstolz

Ein Hirnforscher verliert sein Gedächtnis – Matthew Thomas erzählt in seinem Debüt das Scheitern in der Mittellage

Am Anfang geht es zu wie in „Gangs of New York“ hundert Jahre später. Eileen macht Hausaufgaben am Hof ihres Vaters. Der Hof ist ein Wirtshaus voller Iren und der prächtigste von allen ist Big Mike Tumulty. Der Mann ist „ein Mythos“. „Seine Fäuste waren so groß wie Babyköpfe und sein Rumpf war wie die Bierfässer, die er sich links und rechts unter die Arme klemmte.“
Klingt nach Obelix. Eileens Vater könnte sagen, was Amsterdam Vallon Mitte des 19. Jahrhunderts in „Gangs of New York“ sagte: „If yo get all of us together, we ain‘t got a gang, we got an army.“
Die Töchter dieser Mietskasernenkolonie tanzen den Slip Jig im katholischen Kirchenkeller, Väter regeln ihre Angelegenheiten nach überkommenen Vorstellungen. Big Mike richtet und schlichtet in der Kneipe, geformt von Grundsätzen und körperlicher Arbeit: „Für einen Mann ist ein Nebenverdienst Pflicht. Geld ist zum Ausgeben da.“
Er spricht von sich in der 3. Person: „Big Mike leiht sich nie einen Penny von einem anderen Mann.“ „In seinem schweren Schritt liegt Häuptlingsstolz.“
Seine Frau putzt „die Fabrikbüros und Toiletten bei Bulova, … um Punkt sechs (stellt sie) das Essen auf den Tisch“. Von mir aus könnte das immer so weiter gehen als proletarisch furnierte Einwanderungsgeschichte, aber Matthew Thomas steigt in seinem Debüt zügig auf die Zinnen des gehobenen Mittelstandes und seiner Langeweile. Eileen, Jg. 1941, ist die Protagonistin des Aufstiegs. Sie wächst als Einzelkind auf, ihre Mutter hat zwölf Geschwister. Es gibt einen Untermieter in der Wohnung und eine Hochbahnstrecke vor den Fenstern. 1965 macht Eileen „ihren Master in Pflegedienstleitung an der New York University.“
Als hätte sie es gewusst. Der Mann, den sie als zweiten Motor des Aufstiegswillens in ihrem Leben einbaut, verliert sein Gedächtnis. Tatsächlich gilt des Autors Ehrgeiz der vernickelten Darstellung einer Demenzerkrankung am Beispiel von Ed. Doch erscheint Ed erst einmal als blendende Partie, er stammt aus einer eingesessenen Familie und folgt seinen Neigungen gewissenhaft. Die erste gemeinsame Wohnung vibriert in Eileens Wahrnehmung wie ein Sprungbrett. Sie tritt konservativ auf, das gehört vielmehr zu ihrem Schick als zu den Überzeugungen. Sie setzt maximale Erwartungen in Ed, Eileen schreibt ihm einen Stil vor. Sie wird Mutter von Connell.
Hirnspezialist Ed untersucht die Wirkungen psychotroper Pharmaka auf neurale Prozesse. Er beschäftigt sich mit Maulbrütern, er verbringt jede Woche sechs Tage im Labor. Ed lehrt so ernsthaft wie er forscht. Seine Frau will sich vergrößern, sie sucht das häusliche Glück im Winkel eines besseren Vororts. Ed gibt widerwillig die Nähe zur Herkunft ab, Matthew Thomas erzählt ganz genau, wie eine Schere aufgeht und die Interessengegensätze manifest werden. Nach ungefähr zweihundert Seiten kommt die Krankheit ins Spiel, sie tarnt sich als Spleen und skurriles Verhalten. Ed kapselt sich ab, er isoliert sich mit Kopfhörern. Sein Sohn wiederholt ihn in der Weltflüchtigkeit. Connell ist der geborene Außenseiter und ein Chronist des väterlichen Krankheitsverlaufs. Immer wieder treffen sich die beiden an Punkten ihres Unvermögens … eines unwahrscheinlichen Mangels beliebiger Eigenschaften. Sie sind Sonderlinge von einem Stamm. Eileen erzwingt den Umzug in ein repräsentatives Haus, längst trägt sie die Last der Familienerhaltung. Für ihren Mann erfüllt sich das den Titel motivierende Motto des Romans: „Wir sind nicht wir, wenn die Natur … die Seele zwingt, zu leiden mit dem Körper“ (König Lear).

Matthew Thomas, „Wir sind nicht wir“, Roman, Berlin Verlag, 893 Seiten

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Saufen, bis der Kellner kotzt

„Forelle Grau“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der im Großraum Berlin zwei Wohnungen für insgesamt fünfzig Mark Miete besaß – und dann kam die Wende

„Andere Kinder hatten liebevolle Großeltern. Ich hatte Pech.“ Man möchte hinzufügen: Auf der ganzen Linie. Die Mutter nimmt sich elf Tage vor seinem dritten Geburtstag das Leben. Das Kind kommt zu Leuten (Verwandten) und sagt Mutti zu der Frau, die da ist. Sechzehn Jahre später greift die Staatssicherheit den Fall auf und ordnet ihn unter „Forelle grau“ ein. Grau wie Schwarz und Forelle wie Bach. Schwarzbach erzählt sein Leben als OL. Der Cartoonist Olaf S. war „ein Mauerkind, großgeworden mit Wachtürmen, Flutlichtern, Patrouillen, Signaldrähten, Hunden und Elektrozäunen“. Nichts davon steht im Weg, als er kurz bevor die DDR „wie eine überhitzte Leberwurst platzt“ mit Apfelsaft, doch „ohne Mückenspray“ in Ungarn durch eines „der größten Sumpfgebiete Europas“ und den eisernen Vorhang nach Österreich gleitet.

Schwarzbach schlägt in seinen Memoiren den lockeren „Bluesbruder“-Ton der unangepassten DDR-Jugend an. Den Anfang macht das Ende der Geschichte, der Künstler lebt gerade in Brighton, er beobachtet den Abflug der Stare im Land der richtigen Musik.

Es scheint nichts Besonderes in Olaf zu stecken, er ist faul, fernsehsüchtig, Fußball ist auch egal. Die leibliche Tochter seiner Pflegeeltern haut ihm jahrelang die Hucke voll. Die „Oma“ beklaut ihn und mokiert sich über „die Memme“, die indes ungemein in die Höhe schießt. Olaf lässt sich vom „Neuen Deutschland“ zum Facharbeiter für Offsetdruck ausbilden. Der Meister sieht aus wie Lemmy Kilmister: „Eines Tages fing ich ihn auf, als er im Treppenhaus vom obersten Absatz herunter … stürzte. „Danke Jungs, weitermachen!“ lallte er.“

Ein Alltagstrott mit viel Alkohol bestimmt das Texttempo, die Sache bleibt trotzdem interessant. Schwarzbach archiviert die Schliche der Staatsferne. Er erinnert an idyllenmalerische Subversion so wie an den „Paragraf zur Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten“. Im Arbeiter- und Bauernstaat müssen die Bluesbrüder und –schwestern „eine geregelte Arbeit“ nachweisen. Sie schustern sich gegenseitig Hausmeisterjobs und Toilettendienste zu. Sie erzeugen eine beträchtliche Akademikerdichte in der Friedhofspflege. Sie kontern die Selbstherrlichkeit der SED-Macht mit Fluxus-Methoden. Nach der Tschernobyl-Katastrophe gibt es plötzlich jede Menge Obst und Gemüse, das für den Westen bestimmt war, da aber keine Abnehmer fand. Inzwischen ist Schwarzbach paradiesisch in Prenzlauer Berg zuhause, er unterhält zwei Wohnungen für insgesamt fünfzig Mark Miete. Er weiß noch nicht, dass jetzt die Party stattfindet, die viele in der Zukunft vermuten. In der Greifenhagener Straße lernt er den Umgang mit einer Handhebelpresse. Mit seiner Korona praktiziert er das Prinzip „Saufen, bis der Kellner kotzt.“ So geht das immer lesenswert weiter. Ich verstehe „Die Geschichte von OL“ als Dokument der Geschichtsaneignung, als gelungener Versuch, die eigene Biografie nicht auf westlichen Allgemeinplätzen verkommen zu lassen.

Olaf Schwarzbach, „Forelle Grau – Die Geschichte von OL“, Berlin Verlag, 320 Seiten
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Im Rückblick sehen die Dinge immer anders aus. Jamal Tuschick erinnert sich an Sklaverei und Bürgerkrieg in den Südstaaten, an den Rassismus und andere amerikanische Träume.

13.2.2015

„The Natchez Burning“

Gerade wieder einmal Howlin Wolf gehört

Natchez bezeichnet ein Volk der ersten Nation Amerikas. Französische Frontiers des 18. Jahrhunderts tauften die erste weiße Siedlung am Mississippi Natchez. Sie dezimierten die indigene Bevölkerung und schufen im Schatten von Fort Rosalie den Sockel einer kolonialen Verwaltung, die von Engländern übernommen und schließlich amerikanisch wurde. In der Ära des Antebellum South war Natchez das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum einer Sklavenhaltergesellschaft im Bundesstaat Mississippi. Wenn hartgesottene Sportsfreunde und Bombenleger mit in Natchez wurzelnden Stammbäumen bis zu den Indianerkriegen und von Geburt an sowieso im Ku-Klux-Klan beschlossen, den „Nigger-Prediger“ Martin Luther King und Jacks kleinen Bruder Bobby K. umzulegen, geschah dies in der historischen Konsequenz von Appomattox.  
Das Gefecht bei Appomattox Court House war die letzte militärische Aktion der Rebellenarmee vor ihrer Kapitulation. Robert E. Lee ergab sich Ulysses S. Grant, Männer, die den katholischen Yankee Robert Kennedy für einen Vaterlandsverräter hielten, empfanden die Schmach des Südens Jahrzehnte später noch als persönliche Niederlage. Bei einem Großbrand kamen 1940 über zweihundert Besucher eines Konzerts von Walter Barnes and his Sophisticated Swing Orchestra ums Leben. Barnes war in Chicago zuhause, er hatte sich seine Sporen in Al Capones Speakeasies verdient. Die Band spielte „Tuxedo Junction”, als das Feuer ausbrach. Howlin Wolf besingt „The Natchez Burning“. Jerry Lee Lewis wurde auf der anderen Seite der Wasserstraße in Ferriday, Louisiana, geboren. Auch da kennt man das Saitenspiel mit einem Feuerzeug als Flaschenhals.

Dixie

Das Schauspiel schloss den Zufall aus, darum ging es

Das Dixie hatte seine Blüte in den späten siebziger Jahren gehabt, als in der Kleinstadt X fünf Herointote pro Jahr die Regel waren. Nun, Ende der Achtziger, teilten es sich unauffällige Schüler und Arbeitslose mit Skinheads, den zeitlosen motorradfahrenden Halbstarken, saufenden Landwirten, die am Wochenende kamen, und Gelegenheitsarbeitern, die, anders als in großen Städten, ihre langen Haare noch als Protest verstanden.
Oft stand Daniela hinter der S-förmigen Theke. Früher hätte ich sie euch genau beschrieben und auch viel mehr Soziologie angebracht, Soziologie und Erotik, aber das hilft mir nicht mehr. Auf dem Tresen reihten sich die Helme der Verehrer. Sie bildeten eine Phalanx, hinter der Schwächere Rauchzeichen gaben. Daniela verstand ihr Geschäft, sie penetrierte die Mauer der Bewunderung ohne Aufwand. Die Bestellungen der ersten Reihe zwangen Daniela dazu, hoch zu greifen. Sich nach Flaschen zu strecken, die für sie fast unerreichbar auf einem Bord platziert waren. Das Schauspiel schloss den Zufall aus, darum ging es. So sehr Langeweile beklagt wurde, so sehr begrüßte man die ewige Wiederkehr des Gleichen.
Meine Familie hat sich in der Gegend von X ausgeprägt, ich hatte mich ein bisschen herrschaftlich dahin zurückgezogen, um mit einer längeren Schreibsache fertig zu werden. Ich gehörte dazu und auch wieder nicht. Jedenfalls bestritt niemand mein Anrecht auf einen Platz in der ersten Reihe. Ich war genauso gelangweilt wie alle anderen, doch im Gegensatz zu allen anderen kannte ich Dixieland aus eigener Anschauung. Im Lokal fing eine konföderierte Kriegsflagge Staub. Eine texanische battleflag der Los Alamos-Ära illustrierte eine Spiegelwand. Die erste Reihe sah sich und die Helme im Spiegel, zu Sweet Home Alabama und ZZ Top-Titeln.
Daniela fragte, was wollt ihr hören und einer sagte garantiert ZZ Top. Es herrschte absolut kein Zwang zur Originalität. Es war auch keiner witzig. Ich glaube, wenn einer im Dixie witzig geworden wäre, hätte das sein Bleiberecht gefährdet.
 

Genetischer Kurzschluss

Jambalaya „bezeichnet ein auf Langkornreis aufbauendes Gericht, typisch für die Cajun- und die kreolische Küche in Louisiana.”

Zitiert nach Wikipedia
 
Foreman war ein Redbone aus der Gegend von Lafayette, Louisiana. Seine Haut schimmerte wie Bronze, er hatte die mimische und gestische Beweglichkeit einer Statue. In Foreman kochte eine brisante Mischung aus Misstrauen und introvertierter Gereiztheit. Er war nicht direkt bösartig, nur starrsinnig. Ich glaube, am liebsten wäre Foreman unsichtbar gewesen. Die Geschichte seiner Familie war so merkwürdig, dass sie wie ein Grimm’sches Hausmärchen weitererzählt wurde. Ich kannte sie, bevor ich Foreman traf, immer wieder war jemand diesseits und jenseits des Mississippi darauf zu sprechen gekommen. Foreman weigerte sich, sie auch nur mit einem Satz zu bestätigen. Er arbeitete als Mechaniker und trug nie etwas anderes als Arbeitskleidung. Er hatte einen Hof, der allmählich von Lafayette eingeholt wurde. Foreman las, ich ertappte ihn mit einem Buch von William Alexander Percy, das war ein älterer Verwandter von Walker Percy. Bill Percy entsprach einem Idealtyp des Deltas – er verkörperte den Mississippi-Mann, wie er im Buch steht.
Foreman erschien bindungslos, obwohl er in keine Richtung weit fahren konnte, ohne auf seine Familie zu stoßen. Freiwillige Isolation ließ diesen Sproß einer Dynastie verdorren, die in Mississippi und Louisiana eine schillernde Unterwelt (Parallelgesellschaft) bevölkerte. Ab und zu spuckte er einen Halbsatz aus, man konnte von ihm vergessen werden, während er neben einem brütete. Die Geschichte seiner Familie nahm ihren überlieferten Anfang mit einem Sklaven, der 1837 einen Aufseher vom Pferd riss, bevor er sich in die Büsche schlug. Er ließ eine Familie zurück, das waren einige Leidtragende seines Eskapismus. Etwas musste über den Mann gekommen sein, vielleicht eine Offenbarung seines längst christlich überformten Götterglauben. Ihn könnte ein Fuchs gebissen haben, mit irdischer Vernunft ließ sich sein Verhalten nicht begreifen. An seiner Verfolgung (mit Bluthunden) beteiligten sich der philanthropisch gestimmte Plantagenbesitzer und seine Söhne. Die Herrschaften waren wie vor den Kopf geschlagen, erkannten sie doch mit mildtätiger Wirkung und Hausandachten auch in Schwarzen liebenswürdige Geschöpfe Gottes. Sie waren Vorreiter einer „menschenwürdigen Sklavenhaltung“, die Nachbarn bezweifelten deshalb ihre Satisfaktionsfähigkeit. Doch ging das Seelenheil vor guter Nachbarschaft und Ehre, die Hölle brannte schließlich ewig. Das Anwesen endete in einem Sumpf voller Schlangen, Alligatoren und Bären. In der Unwegbarkeit fanden die Häscher und ihre Hunde den Tod. Für Gebildete war das so was wie die Varusschlacht am Mississippi, obwohl es keinen Hinweis auf ein Gemetzel gab. Der Entlaufene überlebte den Betriebsunfall der Geschichte, er verkroch sich bei einer Splittergruppe, die sich im Verborgenen hielt. – Personell ausgedünnt von Katastrophen und Krankheiten (womöglich auch von Kannibalismus). In diesem Verband traf Europa auf Afrika, die Karibik und das ursprüngliche Nordamerika, (die Welt als Dorf/ ein genetischer Kurzschluss) um noch einmal wild zu werden. Der Verband war zu schwach für Auseinandersetzungen. Das rettete ihn. Die Mischlinge existierten wie die Tiere im Wald in einer kurzlebigen Generationenfolge. Sie reduzierten sich auf einen Clan von Nachkommen des Entlaufenen und anderer Gesetzloser. Abe Lincoln holte diese Leute nicht aus ihrem Verhau. Sie bauten ihre Scheu in Kontakten zu Waldbauern ab, die selbst Ausgeschlossene waren. Im 20. Jahrhundert stiegen sie in das Geschäft der illegalen Schnapsbrennerei ein. (Sie blieben im Drogengeschäft.) In kleinen Schritten näherten sie sich der Zivilisation. Die Sumpfmenschen (swamp people) wurden sichtbar und mit ihnen ihre Geschichte. Foremans Ahne war ein alphabetisierter „Negerlümmel“ gewesen, ja, auch das hat es gegeben. Er hatte seinen Lebenslauf auf den weißen Stellen einer Bibel festgehalten und sein Schriftwissen weitergegeben (jedoch nicht die Umstände seiner Flucht). Spätere Sumpfmenschen schrieben die Chronik fort, die Bibel stammte aus dem Besitz des im Unterholz seiner Gemeinde verloren gegangenen Plantagenbesitzers.?Einmal kamen Foreman und ich uns so nah, dass wir gemeinsam Jambalaya aßen, während Ratten unter den Dielen Hochzeit feierten. Das Lokal stank wie ein alter Scheuerlappen. In nächster Nähe verweste gewiss ein gewaltiger Kadaver. Mir schmeckte es trotzdem. Die Bedienung war dramatisch vernarbt. Als hätte sie einen Flugzeugabsturz überlebt. Ich fragte Foreman danach, zum ersten Mal antwortete er in vollständigen Sätzen: „Sie hat sich selbst verletzt. Das hat sie gemacht, um nicht verrückt zu werden. So wenig wie du das begreifst, begreifst du den Süden.“?Der Vortrag klang wie ein Akkord, den ich aus Texas kannte, mit einer Differenz wie zwischen akustisch und elektrisch. Ich begriff, auch Foreman sah sich als Southerner, dem ganzen Rassenirrsinn zum Trotz. Er wäre mit Lee* gegen Grant geritten und das machte ihn stumm. Das war Foremans Fluch.

*Und auch Lee, dem Lincoln vor allen anderen West Point-Absolventen das Kommando über die Unionstruppen angetragen hatte, wollte, dass die Vereinigten Staaten nicht zerfielen, er brachte es bloß nicht über sich gegen seinen von der Union abgefallenen Heimatstaat Virginia Krieg zu führen. Lee lehnte die Sezession ab. Er glaubte nicht an die Sache des Südens und er glaubte nicht an einen Sieg der Rebellen. Alles Weitere geschah trotzdem. Dann kann man doch auch als Redbone gegen den Abolitionismus aufstehen. Ich denke, so was sollte man nicht zu früh in seinem Leben begreifen. Als ich die Geschichte von Foremans Fluch vor dreißig Jahren zum ersten Mal in Deutschland verbreitete, geschah dies unter Ausschluss ihres Kerns, da der nicht in mein Weltbild passte und ich so viele Widersprüche in einer Person noch nicht vertrug.

Texas

Man öffnete Gräber, deren Lagen allseits bekannt gewesen und ganz selbstverständlich verschwiegen worden waren.

Mein Interesse am amerikanischen Bürgerkrieg hat eine romantische Wurzel. Alles fing damit an, dass Texas einen besonderen Klang bekam, wie Schliemanns Troja und das Arabien von Lawrence. Wie andere Atlantis und Avalon halluzinierten und auf ihren Fahrrädern zu Kreuzzügen aufbrachen, in die Steinzeit zurückkehrten oder sich mit Vandalen einschifften, so träumte ich von Texas. Auf der Folie der texanischen Geschichte und Geografie schuf ich eine Gegenwelt zur Gegenwart im Land von Willy Brandt. Ich begriff, wer aus seiner Haut fährt, gerät außer sich. Brandt ging, der deutsche Herbst kam, dass Texaner in ihrem Bürgerkrieg besonders unerschrocken waren, deckte den Scheck meiner Erwartungen. Schließlich wurde der amerikanische Süden im Ganzen zu meiner Domäne und nun begannen die Schwierigkeiten. Ich konnte mich drehen und wenden wie ich wollte, mir fehlte das Zeug zum Sklavenhalter. Ich war der egalitäre Dutzendtyp mit der Protestnote im Ohrloch, Segregation passte nicht zum Look. Deshalb nahm ich die Bürgerrechtsbewegung ins Programm, das führte mich zu den Leichen im Keller der white supremacy. Anfang der Achtziger kam ich nach Mississippi, die aufgehobenen Rassenschranken vibrierten noch. Man konnte unverhohlen Rassist sein. Zum Grauen (zur Aufarbeitung) der Geschichte gehörten Knochenfunde. Knochen in Stacheldrahtkränzen, die an Kreuzigungen denken ließen. Man öffnete ungeweihte Gräber, deren Lagen allseits bekannt gewesen und ganz selbstverständlich verschwiegen worden waren, bis ein Ermittlungsdruck die unheimliche Friedhofsruhe störte. Mörder stolzierten als Helden zu Gerichtsterminen. Bundesbeamte wurden wie Repräsentanten einer Besatzungsmacht wahrgenommen. Ich war dabei, als ein Kollege in den Besitz eines Beweismittels gelangte, das ein einschlägiges Verbrechen erhellen konnte. Wir stritten, ob man es dem Sheriff überlassen könne, in dessen Zuständigkeit die Sache fiel. Er war zumindest familiär verstrickt und in seinem Amt eine fulminante Fehlbesetzung. Ich war dagegen, das gute Stück mit dem Risiko seines Verschwindens aus der Hand zu geben. Aber der Kollege sagte: „Wir sollten Mitch die Gelegenheit geben, das Richtige zu tun.”
Das klang für mich wie Texas.

 

Weißer Abschaum

„Der Angler würde dich im Sumpf verschwinden lassen, wüsste er, was du für einer bist. Aber zum Glück siehst du deinen Gedanken nicht ähnlich.“

Mein Gewährsmann hieß Lance Longeau. Er zog ein Bein nach und sah aus wie ein mitgenommener Steve McQueen. Lance stammte aus einer weißen Schwarzbrennersippe, war in Ferriday, Louisiana, aufgewachsen, und hatte, welche Ironie, lange für das Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms in Baton Rouge gearbeitet. Irgendwann war er einem Gangster im Rang eines Polizei-Lieutenants in die Quere gekommen, man hatte ihn fertiggemacht und aus Versehen am Leben gelassen. Lance wirkte fadenscheinig, trotzdem zweifelte ich nicht daran, dass er auch noch aus der Hölle zurückkehren würde, um eine Rechnung zu begleichen. Er hatte den Staatsdienst quittiert und Baton Rouge aufgegeben. Nun lebte er wieder in der Gegend seiner Herkunft, nur auf der anderen Flussseite im Bundesstaat Mississippi. Er hatte nicht mehr viel vor und er war nicht der Typ für Hobbys und Heimwerken. Lance vertrödelte seine Tage in einem 68er Mustang. Er sorgte dafür, dass mit mir geredet wurde. Die sagenhafte Gesetzlosigkeit seiner Vorfahren verschaffte ihm Vertrauen. Er brachte mich mit Heimwehr-Veteranen zusammen, die breitbeinig „den Standpunkt des Südens“ vertraten. Eine Hochkultur sei ohne Sklaven nicht zu haben, sagten sie. Von Inzucht gezeichnete Hillbillies führten Mesopotamien, Griechenland und Rom an. Sie sprachen von Prädestination und erinnerten daran, dass Schwarze (nach der Befreiung 1863) sich selbst unter den Schutz ihrer ehemaligen Besitzer gestellt hatten. Es bestand eine im 18. Jahrhundert am Mississippi ansässig gewordene, aus dem Pilgrim-Pool geschöpfte Virginia-Familie fort, die von 1627 bis 1863 Sklaven gehalten hatte. In der Zwischenzeit hatten die Herrschaften Evolution gespielt. Sie waren Menschenzüchter gewesen.
„Du kannst solche Leute nicht läutern“, sagte Lance, wir aßen Alligator am Spieß in einem schwimmenden Restaurant. „Es ist eine Erinnerung des Blutes, die sie so hochmütig macht. Ihre Ahnen waren Gottes Amtmänner auf Erden. Unumstritten, kannst du dir vorstellen, was es bedeutet, unumstritten zu sein? Es geht überhaupt nicht um Rassenschranken für sie. Sie wähnen sich über allen. Ich bin für sie weißer Abschaum in der fünften Generation, und du kannst sicher sein, dass sie wissen, wie der erste Longeau mit Vornamen hieß, der in diese Gegend kam. Die wissen mehr über meine Familie als ich.“

Der Alligator schmeckte wie Hühnchen. Er dümpelte in einer süßscharfen Soße, ich fragte mich, ob Lance sich mit einem Magengeschwür herumschlug. Er aß, als fiele ihm das schwer. Er hatte keine Familie gegründet, seltsam, es schien mit Lance sonst alles in Ordnung zu sein.

„Sind diese Übermenschen organisiert?“

„Sie werden in einem Orden geboren. Nur die männlichen Angehörigen einer feststehenden Anzahl von Familien sind zugelassen. Für sie ist die Gegenwart eine Flaute, die haben auch noch alles in ihren Kellern. Die glauben, dass sie oder ihre Nachkommen dazu bestimmt sind, das Jüngste Gericht abzuhalten.“

Ich war Anfang Zwanzig, im Fernsehen lief der Afghanistankrieg. Die Mudschaheddin waren noch die Guten. Lance bestellte Malzkaffee als Nachtisch, kurz tauchte der Kopf des Kochs auf. Er war der einzige Schwarze im Lokal, so weit ich sehen konnte. Die Gäste waren zurückhaltend und ernsthaft angezogen, die Bedienungen wirkten gedrillt und dennoch unbefangen. Ich ahnte einen konkludenten Zusammenhalt auf der Grundlage gemeinsamer Überzeugungen, von denen keine zu mir passte. Die Amerikanisierung Deutschlands war doch nicht so weit gediehen, wie meine Oma behauptete.

Lance steckte in seinem Kampf mit dem Gleichmut eines Mannes, der sich nichts anderes vorstellen kann. Seine Umfangsformen verrieten wenig, als fürchtete er, dass sich ein Bild von ihm verfestigen und man ihn darauf festlegen könnte. Er verhielt sich flüssig.

Lance war der erste ghost dog, mit dem ich es zu tun bekam. Bald sollte ich begreifen, dass er zu einer Meute gehörte. Aber an diesem Alligatorabend auf dem Old River, einem See, der einmal eine Mississippischleife gewesen war und sich einer Flussbegradigung verdankte, dachte ich noch, dass die verschlafene Art, mit der Lance seine Bewegungen tarnte, nur zu ihm gehörte.

Ich schnappte einen Fetzen vom Nebentisch auf. Es ging um Angelköder. Lance lächelte so gemütlich wie eine Kobra, er war meiner Abschweifung gefolgt.

„Dieser Angler gehört zum White Citizen’s Council. Der würde dich im Sumpf verschwinden lassen, wüsste er, was du für einer bist. Aber zum Glück siehst du deinen Gedanken nicht ähnlich.“

Wollte Lance mich glauben machen, ich sei in einen Dschungel geraten? Ich hatte noch keine Ahnung, dass er mich für seine offene Rechnung einspannte. Dass ich sein Köder war und er mich in die Irre führen wollte, indem er eine Gefahr zitierte, die nicht bestand. Für diese reformierten Ku-Klux-Klan-Karnivoren existierte ich nicht. Die hatten das FBI kommen und gehen sehen, ohne gravierende Verluste. Kleine Fische waren gegrillt worden. Intern nannte man das Reinigung. Man sagte: „Wo Aas liegt, da sind auch Geier.“

Höhlenmalerei der Zuwendung

Er sah aus wie ein Honk, der Hank heißt.

Er stand mir im Weg und das war Absicht. Zweifellos stand er unter Drogen. Speichelfäden rannen über ein manisch mahlendes Kinn.
„Hab gehört“, sagte er. Es war mehr ein Gurgeln.

Ich wollte gar nicht wissen, was er gehört hatte. Ich befand mich auf dem Rastplatz der Atchafalaya Sumpf Brücke, einem besonderen Stück Interstate 10, ich wollte nach Lafayette, um mit Foreman zu reden. Inzwischen hielt ich auch ihn für einen ghost dog, ich plante eine Reportage über den Bund. Ich war einer Version des Südens auf der Spur, von der man in Deutschland nichts wusste. Ich würde einmal wieder der Erste sein und diese Aussicht erhöhte das Jagdfieber.

Auf dem Platz stand ein Denkmal zu Ehren der 82. Airborne Division, ich ordnete dem Honk einen Dodge Pickup mit Käfigen auf der Ladefläche zu. Auf seiner Kappe stand Detroit. Er kam mir wie die Idealbesetzung eines Organisators von Hundekämpfen vor. In seinen Mundwinkeln schäumte Spucke wie Spüli. Ich war sicher, nicht zu ihm durchdringen zu können. Ich glaubte, dass er mich wie eine Halluzination wahrnahm. Wie hatte er es bis hierher geschafft? Die Brücke ist beinah dreißig Kilometer lang.

Er setzte erneut zum Sprechen an, aber eine innere Bewegung war stärker. Ich sah sie aufsteigen, sie sorgte für ein kindliches Erstaunen. Jemand rief einen Namen, ich bildete mir ein, Louis zu hören, ein Mädchen, es konnte nicht älter als zwöf sein, näherte sich. Es heftete seinen Blick auf mich, als ginge von mir eine Bedrohung aus. Es schien eine komplizierte Lage anzunehmen und mich für den Verursacher zu halten. Es erreichte den Honk, nahm ihn an die Hand und redete in français cadien auf ihn ein. Der Honk ließ sich widerstandslos abführen. Das Mädchen drehte sich um und bedachte mich mit einem tierisch wütenden Blick. Bei ihr daheim in den Wäldern hätte sie geschossen. Mit dem Dodge lag ich richtig. Das Mädchen kletterte auf den Fahrersitz. Es fuhr den Wagen vom Platz wie ein alter Honk.

Foreman war nicht glücklich, mich zu sehen. Ich nahm ihm die liebe Einsamkeit. Bestimmt redete er laut mit sich. Mein Interesse an ihm erschien ihm abwegig – wie eine Perversion. Ihn erfüllte die Mission eines geräuschlosen Abgangs in absehbarer Zeit.

Doch gab es Spuren menschlicher Kontakte, die Foreman zu verschleiern trachtete; eine Höhlenmalerei der Zuwendung. Der Mann war in einer engen Auslegung nicht allein. Auf einer Anrichte stand ein Apfelkuchen, nicht dass Foreman mir ein Stück angeboten hätte. Der Kuchen war keine Formalität. Den hatte jemand mit Familien- und Frohsinn gebacken. Wie gesagt, Foremans Verwandtschaft, Nachkommen der swamp people, schillerten in den Farben einer expandierenden Subkultur. Foreman stellte die Behauptungen eines verlorenen Schafs auf, doch der Zustand des Hofs erzählte eine andere Geschichte. Hier wirtschaftete nicht ein Mann allein.

„Wie man es erzählen kann“, schreibt Christa Wolf, „so ist es nicht gewesen.“ Ich hätte Lance, vielleicht sogar Mortimer nach Foreman fragen können. Aber ich war nach Layafette gefahren, ohne Erkundigungen einzuziehen. Ich wollte gewisse Dinge zuerst von Foreman erfahren.

Eine Mund- oder Spielart, eine Variante – Schlägt man den falschen Ton an, ist die Sache verdorben und man kommt nie hinter ihr Geheimnis. So wie ich Lance mit kurzen Schusswaffen identifizierte und Mortimer mit tödlichen Händen, dachte ich bei Foreman an Messer und Schlingen. Foremans Totemtier war die Schlange. In seinem Wohnzimmer stand ein Schrein, der Foremans Armeezeit gewidmet war. Und ich kann Ihnen sagen, die Ausstellungsstücke waren alle auf Hochglanz gebracht worden. Glauben Sie, dass Foreman je mit einem Poliertuch unterwegs war? Ich konnte mir das nicht vorstellen. Er hatte seine Zeit in Korea gehabt, ich kriegte immerhin einen Becher Malzkaffee mehr oder weniger vor die Füße geknallt. Es fiel Foreman verdammt schwer, freundlich zu sein. Als würde Freundlichkeit ihm den Rücken aufreißen.

Immer deutlicher sah ich, dass er geachtet wurde. Es musste eine Gemeinde geben, in der Foreman eine Rolle spielte. Vielleicht riss er nachts Hühnern die Köpfe ab und versetzte Jünger in Ekstase, wer wusste das schon bei Tage. Plötzlich stand die entstellte Bedienung in der Tür.

Siehe hierzu: Genetischer Kurzschluss

Einmal kamen Foreman und ich uns so nah, dass wir gemeinsam Jambalaya aßen, während Ratten unter den Dielen Hochzeit feierten. Das Lokal stank wie ein alter Scheuerlappen. In nächster Nähe verweste gewiss ein gewaltiger Kadaver. Mir schmeckte es trotzdem. Die Bedienung war dramatisch vernarbt. Als hätte sie einen Flugzeugabsturz überlebt. Ich fragte Foreman danach, zum ersten Mal antwortete er in vollständigen Sätzen: „Sie hat sich selbst verletzt. Das hat sie gemacht, um nicht verrückt zu werden. So wenig wie du das begreifst, begreifst du den Süden.“

„Ich wusste nicht, dass du Besuch hast“, sagte sie schlicht und ergreifend.

Foreman knurrte in ihre Richtung, die Frau stieß einen Laut des Entzückens aus.

„Ich werde mich wohl selbst vorstellen müssen“, sagte sie urban. „Mein Name ist Martha, ich bin eine Freundin von Foreman.“

„Haben Sie den Kuchen gebacken?“ fragte ich.

„Er hat Ihnen nichts angeboten, stimmts? Warten Sie, ich hole Ihnen ein Stück.“

Es war offensichtlich, dass Martha Foreman nicht nur nichts übelnahm, sondern ihn gerade heraus verehrte. Das verstärkte meinen Verdacht, dass Foreman eine Menge verbarg.

Martha trug einen Sorang oder etwas in der Art, womöglich sah ich eine karibische Tracht. Gelb war die dominierende Farbe, ein einpeitschendes Gelb, das narrativ auf die Sinne wirkte. Ein Gelb, das etwas ausrief wie ein geläuterter Mönch.

Martha servierte mir von ihrem Kuchen, sie hatte sogar Sahne aufgetan. Wie passte die Sahne zu Foremans Legende vom verlorenen Schaf im Wolfspelz? Schon der Kuchen war ein Dementi der Isolation. Im Kuchen waren halbe, in Zimt gebadete und kryptisch beschriftete Äpfel verarbeitet. Ich aß offensichtlich wenigstens eine Botschaft. Ein verzuckertes Dach brach beim ersten Stich ein.

Marthas Erscheinung erinnerte mich an eine Erzählung, die mir als Junge das Einschlafen schwer gemacht hatte. Die Erzählung handelt von einem Reisenden, der in einer Wüste in Gefangenschaft gerät. Man schneidet ihm die Zunge ab und legt einen Stein auf die Wunde. Der Mann verfällt dem Wahnsinn, aber die Wunde heilt. Man hält ihn in einer Kuhle, ab und zu wird er wie ein Hund herum geführt. Seine Entführer führen im Karst ein karges Höhlendasein. Es gedeiht kaum eine Distel. Sie halten Ziegen in einem äußerst traurigen Zustand, die Betreuung der Ziegen obliegt Sklaven. Die Sklaven tragen Glöckchen an eisernen Halsbändern. Sie sind schlankweg klein, so wie ihre Herren ohne Ausnahme an der Zweimetermarke kratzen. Von Beruf sind die Herren Räuber und dabei so effektiv, das man von höherer Stelle schon lange keine Strafexpedition mehr angeordnet hat. Eines Nachts zitiert man den Versehrten zu einer religiösen Veranstaltung in eine Höhle. Unser Held entdeckt an den Wänden Zeichnungen, die ein wasserreiches Leben mit Krokodilen und Stelzvögeln dokumentieren. Der Held erlebt bei der Zeremonie eine Verwandlung, die ihn zum stummen Austräger einer frohen Botschaft macht.

Ich fand das Ende der Geschichte stets zu optimistisch, aber das Motiv der Sonderstelle des Versklavten reizte mich. Exotische Herkunft bewahrt ihn vor dem Schicksal eines Ziegenhirten ohne Menschenrechte. Man kann sich das Leben dieser Hirten gar nicht trist genug vorstellen. Die Volksgemeinschaft demütigt sie. Manchmal werden sie von morgens bis abends erniedrigt. Das ist für die Herrenrasse so wie für uns Fernsehen. Es gibt so gut wie nichts zu tun. Also, was machen die Herrschaften? Sie hocken im Schatten, mastrubieren ihre Vorderlader und gucken dem Nachwuchs zu, wie der Sklaven quält. Die freien Männer haben keine anderen Funktionen als zu zeugen und zu töten. Und nun kam Martha um die Ecke und ich sah nicht nur meine Erinnerungen an diese Geschichte in Farbe, vielmehr war mir, als würde Martha denselben Film gucken.

„Möchten Sie noch ein Stück, sie können gerne“, ermutigte mich Martha. Ihre Narben hatten rote Ränder, die in gewissen Stimmungen des Lichts wie Schmuckborten aussahen.

Ich wollte keinen Kuchen mehr, das bäurische Wohnzimmer mochte seine erste Einrichtung in den 1860er Jahren erhalten haben. Eine Jagdszene an der Wand traf noch den Geschmack widerwillig Wiedervereinter. Wie gesagt, der amerikanische Bürgerkrieg ist mein Steckenpferd, Foreman war eingeschlafen. Seine Brauen lungerten wie buschiges Gesindel in Parks. Ich dachte an Eichhörnchen. Martha rutschte auf, das Kleid blendete, ich fragte: „Weißt du, was ein ghost dog ist?“

Dieser Übergang vom Sie zum du ist eine melodische Angelegenheit. Ich würde um Martha nicht herum kommen.

„Was weißt du über ghost dogs?“ fragte sie zurück.

„Ich kenne zwei und hoffe, Foreman ist der dritte, dem ich Fragen stellen kann. In Deutschland weiß man nämlich gar nichts über ghost dogs.“

„Vielleicht kann ich helfen.“

Martha machte sich an mir zu schaffen. Ich war jung, die Sache versprach fun & thrill. Und schlafende Hunde soll man bekanntlich nicht wecken.

Wie alle, die von Sprache eingenommen sind, neige ich zu Leichtgläubigkeit. Die Leichtgläubigkeit unterminiert das Vorgefasste. Andere stellen gleich Überzeugungen fest, um ihre Standpunkte zu sichern. Ich steige ungesichert wie ein Liebender in das Bergwerk eines jeden und entdecke Schätze. Ich glaube erst einmal alles. Das heißt, ich glaube nichts. Aber das weiß ich nicht. Erst Stunden nach der Begegnung fangen meine Zweifel an, die Bilanz zu orchestrieren. Während sich der Aufgefasste immer noch im Besitz meiner Zustimmung wähnt, hackt mein System ihn schon klein. Er wundert sich dann, was er über sich lesen muss. Ich wundere mich auch, vermutlich bin ich sogar mir selbst gegenüber leichtgläubig.

Die Intimität mit Martha bewertete ich als Initiation, sie erlebte den Vorgang als Dechiffrierung. Sie wollte etwas von mir (über mich) wissen, ich wollte Foreman besser begreifen. Natürlich konnte Martha ihrem Alltag nicht die Bedeutung geben, die er für einen Journalisten hatte. Technisch betrachtet, erreichten wir ein Unentschieden und weil ein Unentschieden kein Ergebnis ist, dass körperliche Anziehungskraft gelten lässt, mussten wir die Regeln ändern und in die nächste Runde gehen. Die schwarze Martha hatte slawische Züge, das Delta schwitzte die Emanationen einer Völkerwanderung aus. Martha griff nach einer Marlboro, das Bett hätte in einem Bordell um Neunzehnhundert seine Sprungfedern lassen können. Über uns drehte sich der Ventilator unter einer verblödeten Decke, ich glaubte nicht, dass Foreman der Gang der Ereignisse entgangen war.

Martha blieb unbesorgt. Vermutlich fand sie mich niedlich, weil sie keinen Widerstand spürte. Aber mein Reptiliengehirn hatte sie längst auf den Seziertisch verfrachtet. Sie holte mir ein Glas Wasser, mit dem Schwung der Siegerin. Da lag die Beute wie ein ahnungsloses Kind. (Ein Weißbrot mit einem Akzent wie Marmelade.)

Ich fuhr einen Ford-F-150 Pickup, das Modell war erst seit Wochen auf dem Markt. Das Auto war eine Wucht. Die Sonne schlug auf die Windschutzscheibe, Martha hatte den Ausflug vorgeschlagen. Sie hatte die Potenz eines ballistischen Körpers, Sie dürfen mir diesen Quatsch ruhig übelnehmen. Meine Haut erinnerte die Hornhaut ihrer Hände. Nun wusste ich schon einiges. Die ersten ghost dogs waren in den 1870er Jahren bemerkt worden, als ethnische und soziale Randerscheinung. Es könnte sie schon immer gegeben haben. Denken Sie an Pierre Caprice. Entscheidend scheint gewesen zu sein, dass die Rassenzugehörigkeit nicht die Klammer bildete. Das waren Leute mit Anpassungsschwierigkeiten, die sich über feststehende Begriffe von Zugehörigkeit und Legalität hinweg setzen konnten.

Der Ford stank nach Erstzulassung. Marthas Schenkel interessierten mich. Ich war ein Zwerg in ihrem Schoß, schon klar. Aber sie fand mich akzeptabel und ich fühlte mich genau so überlegen.

Ich hatte mein Gehirn. Ich stand am vorläufigen Ende einer langen Kette erfolgreicher Omnivoren. In jeder Konstellation würde ich die Rolle des Analytikers übernehmen und der andere sein Begehren auf mich richten. Martha war viel mehr ein Experiment als ich. Sie war weit davon entfernt, ein ausgereiftes Modell zu sein. In ihr schlugen sich die Eigenschaften. Was in der Psychoanalyse der Heilung dient (dienen sollte), verfestigt und verblendet im Alltag die Machtverhältnisse. (Alle Verhältnisse sind Machtverhältnisse und Macht ist aufgeschobene Gewalt.) Wer sie nicht ausüben will, kann nur wie Kevin allein zuhause bleiben.

Martha wollte noch etwas einpacken, ich hielt vor einem viktorianischen Bau, an dem nichts mehr dran war. Ich wartete, sie hätte es sich auch anders überlegen können. Jeder, der mich in meinem überheblichen Fahrzeug musterte, rauschte im Gefühl der körperlichen Überlegenheit auf. Diese Überlegenheit war so viel wert wie die Kraft eines Löwen im Zoo (eines Schwertwals im Delphinarium). Anderenfalls hätte Martha mit dem Pfund ihrer Beine sonst wo gewuchert.

Sie stieg wieder ein, wir versenkten die Seitenfenster. Die Luft roch nach Abend, Salz und Kiefern. Wir passierten das Atchafalaya Basin, die Raffinerien im Marschland fackelten malerisch Gas ab.

„Lass uns umkehren“, bat Martha.

Ich wendete bei der nächsten Gelegenheit (viele Meilen später). Noch einmal fuhren wir durch Lafayette, die gewünschte Richtung lag mir im Blut. Bald bildeten Raffinerien eine illuminierte Kette an der Küste. Ich fühlte mich wie auf LSD. Plötzlich Prärie – nun war der Himmel so klar, dass er die Nacht erhellte. Wir unterbrachen die Fahrt, sobald wir die Staatsgrenze passiert hatten, um in einer Bar wie jedermann Lone Star-Bier zu trinken. Die Flagge der Konföderierten erschlaffte hinter dem Tresen, Martha sah in die Frettchenaugen von ca. fünfzig betrunkenen und bewaffneten Honks. („An armed society is a polite society.“) Bei unserem Eintritt lief „Highwayman“, ich hörte sehr zu meinem Vergnügen Johnny Cash, Willie Nelson, Waylon Jennings und Kris Kristofferson. Ich versuchte erst gar nicht, nicht provozierend zu wirken, das hätte sowieso keinen Zweck gehabt und wäre mir außerdem als fischiges Verhalten ausgelegt worden. Die Männer wandten sich bald wieder den Billardtischen zu. Jemand blockierte die Jukebox, um sicher zu gehen, dass nicht die einzigen drei Soultitel im Angebot aufgerufen wurden. („Come and take it.“) Ich war wieder in Texas und in einer großzügigen Betrachtung immer noch auf der I-10.

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erstellt am 07.2.2015