Schreiben ist Sterben und Sprache Entzug. Maurice Blanchot, der im Jahre 2003 starb, sah in der Mitteilung die Abwesenheit der Welt. Ebenso entdeckte er in Marguerite Duras’ Erzählung Die Krankheit Tod in der intimen Gemeinschaft die Abwesenheit der Liebe. Ralf Rother zeichnet Blanchots Gedanken in TUMULT nach.

Essay aus der Zeitschrift Tumult

Jenseits der Liebe und der Ehe

Maurice Blanchot liest Marguerite Duras

Von Ralf Rother

Im zweiten Teil seines Buches Die uneingestehbare Gemeinschaft beschäftigte sich Maurice Blanchot mit Marguerite Duras’ Erzählung Die Krankheit Tod. Nach einigen Ausführungen zu Georges Batailles Gemeinschaftsforderung rund um das Acéphale-Experiment wie auch nach den Anmerkungen zur »machtlosen Macht« (1) des Volkes kam Blanchot mit der Lektüre von Duras’ Text auf die Liebenden zu sprechen.

Dem Volk trotz aller Unterschiede vergleichbar, bildet die Welt der Liebenden eine Gemeinschaft, die sich dem Sozialen und dem Staat entzieht. Ohne dass Blanchot es explizit betonte, setzte er in dem Duras-Kommentar seine Überlegungen zum Problem der Negativität fort, eine Negativität, die Bataille anhand Hegels diskutierte.

Hegel bestimmte die Ehe, und damit auch die Familie, als eine erste Rechtsform. (2) Die Welt der Liebenden, um die es Blanchot in der Auseinandersetzung mit Duras hingegen ging, ist bei weitem keine Keimzelle des Staates, keine erste Rechtsform einer sittlichen Gemeinschaft. Im Staat und für den Staat gibt es die Liebe nicht, so wie das Liebespaar für den Staat auch keine Rechtsbeziehung bildet. Für den Staat ist die Liebe keine Rechtsordnung, auf die er Einfluss ausüben, in die der Staat bestimmend und regelnd eingreifen könnte. Hegel sprach von der Natürlichkeit und Lebendigkeit der Liebe. Obzwar das Liebespaar eine Gemeinschaft ist, wohnt dem Paar ein asozialer Zug inne, wodurch es der Gesellschaft und dem Staat entrückt ist. So muss Hegel in seiner Schrift Grundlinien der Philosophie des Rechts zwischen der Liebe und der Ehe differenzieren: »[D]ie Liebe, welche Empfindung ist, läßt die Zufälligkeit in jeder Rücksicht zu, eine Gestalt, welche das Sittliche nicht haben darf. Die Ehe ist daher näher so zu bestimmen, daß sie die rechtlich sittliche Liebe ist, wodurch das Vergängliche, Launenhafte und bloß Subjektive derselben aus ihr verschwindet.« (3)

Liebespaare scheren sich nicht um die Welt der Anderen, um Nachbarn, um soziale Konventionen, um die Gesellschaft oder um den Staat. Äußerlich sind dieser Paarwelt die Rivalität, das Teilen, das Ressentiment, die Regeln, das Recht, der Ausgleich, der Kompromiss wie auch die Welt der Zwecke. Zu der den Liebespaaren äußerlichen Ehe gehören aber auch die Dauer, die Verantwortung, das Eigentum, das Vermögen und die Sorge, die immer auch eine Vorsorge ist. Erst der Dritte wirft (wie auch alle folgenden Personen) die Fragen nach einer gerechten Aufteilung auf und führt die Kämpfe um eine Verteilung in die Welt der Paare ein. Schon Kant verwies darauf, dass der Krieg und der Streit erst mit der Anwesenheit des Dritten auftauchen. (4) Auch Levinas machte deutlich, dass »das Wort Gerechtigkeit viel eher in der Beziehung mit dem Dritten angebracht [ist] als in der Beziehung mit dem Anderen“, (5) mit dem Nächsten. Allerdings insistierte er darauf, dass im Anderen stets der Dritte schon von vornherein gegenwärtig ist, denn „im Erscheinen des Anderen als solchen sieht mich und geht mich bereits der Dritte an.« (6)

Und dennoch, trotz dieser Bedürfnislosigkeit an Welt, trotz des Reduktionismus auf eine Paarheit, trotz dieser asozialen Eigenheit der Liebespaare, deren Sinn sich um die Zweisamkeit dreht, liegt ihnen auch ein Moment inne, der sie stets zu einer Trennung bereit sein lässt. So schnell und spontan die leidenschaftliche und sinnliche Begegnung mit einer zufälligen Person zustande kam, so schnell kann sich die Bande zwischen den Paaren auch wieder trennen. Die Geselligkeit des Liebespaares ist eine »stets zur Trennung bereite Verbindung«, (7) wie Blanchot schrieb. Hegel wies auf die Launenhaftigkeit und Vergänglichkeit der Liebe hin.

Im Zusammenhang jener Gemeinschaften, die sich durch die Liebe finden und schon von Anfang an in Trennung leben, notierte Blanchot in Anknüpfung an Debray das Wort von der »dürren Einsamkeit der anonymen Kräfte«. (8) Die dürre Einsamkeit der liebenden Zweisamkeit stellt eine derart »singuläre Beziehung« (9) dar, die in einem Antagonismus zur Ehe und zur Familie steht. Während die Ehe und die Familie von Dauer sein sollen – sofern die Ehe an die Familie, und damit an das Kinderbekommen und an die Erziehung von Kindern, geknüpft ist, wie bei Hegel –, und als Formen der Sittlichkeit aus dem Zufälligen und Sinnlichen entwachsen sind, so wohnt der Liebe die fatale Aporie inne, dass ihr Verlangen und ihre Obsession, dem Anderen oder der Anderen nah zu sein, scheitern muss und die »Form der Unmöglichkeit zu lieben annimmt«. (10)

Ob nun Duras’ Text Die Krankheit Tod mit diesem Scheitern und dieser Unmöglichkeit der Liebe zu tun hat, ließ Blanchot offen. Jedoch war er ihm Anlass genug, sich mit der uneingestehbaren Gemeinschaft zu beschäftigen, mit jener Gemeinschaft, deren Geheimnis es ist, verschwunden zu sein und nicht zu existieren, eine Gemeinschaft, die Blanchot schon in Batailles Acéphale-Projekt wirken sah.

Es ist nicht sicher, um welche Gemeinschaft es sich handelt, die Duras in ihrem Stück beschrieb. Die Differenzierung zwischen Liebe und Ehe scheint nicht unbedingt zu helfen. Die Beziehung, die von Duras durchgespielt wurde, lässt alle hegelschen Unterscheidungen zwischen der Liebe und der Ehe verschwimmen. Während für Hegel sich die Ehe durch einen Vertragsabschluss und in ihrer Dauerhaftigkeit auszeichnete, galt ihm die Liebe als kurzweilig, launenhaft, jedoch als jene Vereinigung zwischen Menschen, die »nur unter Lebendigen« (11) stattfindet.

In Duras’ Text wird nun eine kurz andauernde, aber körperlich-sinnliche und leidenschaftliche Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau vorgeführt. Vermutlich treffen sie sich in einem Hotelzimmer. Die Beziehung ist intim. Dass es sich bei der Frau um eine Prostituierte handelt, wird kategorisch verneint: »Sie [die Frau] schüttelt den Kopf.« (12) Auch wenn die Frau es verneint, als Prostituierte behandelt und verstanden zu werden, so hat sie sich für die Nächte, die sie mit dem Mann verbringt, bezahlen lassen. Zwischen dem Mann und der Frau gibt es einen Vertrag, in dem sie zustimmte, mit dem Mann bezahlte Nächte zu verbringen. Hingegen spricht auch nichts dafür, dass diese Beziehung auf Zeit einer Ehe oder einer lebendigen Liebe, eine Liebe zwischen Lebendigen, entspricht. Obwohl: Es gibt einen Vertrag, das Vermögen, die Verteilung des Geldes, spielt eine Rolle, wiederum besteht die Beziehung der beiden nur für ein paar Tage, und zudem ist die Welt der Liebenden derart abgeschlossen, dass sie sich nur auf sich selbst beziehen.

Irgendwann weckt der Mann die Frau und fragt sie, »weshalb sie dem Vertrag der bezahlten Nächte zugestimmt habe. Sie antwortet mit schlaftrunkener, fast unhörbarer Stimme: Weil ich, von dem Augenblick an, da Sie mich anredeten, sah, daß Sie befallen waren von der Krankheit Tod.« (13)

Mit der Bemerkung, dass sie, die Frau, dem Vertrag zustimmte, und damit auch auf die für ein paar Tage und Nächte andauernde Gemeinschaft mit dem Mann einging, weil er von der Krankheit Tod befallen war, entfernte sich Duras von all dem, was Hegel über die Liebe und die Ehe sagte. Duras’ Liebende sind keine Lebendigen, die füreinander da sind. Die Frau breitet sich vor dem Mann, durch einen Vertrag geregelt, für Geld aus. »Sie sagt: Ich bin doch da, schauen Sie, ich bin vor Ihnen. Sie sagen: Ich sehe nichts. Sie sagt: Versuchen Sie zu sehen, das ist im Preis inbegriffen.« (14)

Hegel musste hingegen der Ehe die Lebendigkeit der Liebe voraussetzen. Er beschrieb die Ehe als eine verrechtlichte und sittliche Liebe, aus der zwar das Vergängliche und Launenhafte der Liebe verschwunden ist, jedoch musste er diese Liebe der Ehe voraussetzen, damit auch sie eine Gemeinschaft von Lebendigen bleibt. Wohl wissend um das Vergängliche und Launenhafte einer Liebe, die eine Ehe von Lebenden voraussetzt, musste Hegel die Ehe mit einer ihr äußerlichen Hürde stützen und schützen: »Weil die Ehe das Moment der Empfindung enthält, ist sie nicht absolut, sondern schwankend und hat die Möglichkeit der Auflösung in sich. Aber die Gesetzgebungen müssen diese Möglichkeit aufs höchste erschweren und das Recht der Sittlichkeit gegen das Belieben aufrechterhalten.« (15)

Woran kranken die Liebenden nun bei Duras? Von welcher Krankheit ist der Mann befallen, so dass die Frau den Vertrag einging, der die bezahlten Nächte regelt? Blanchot resümierte Duras’ Text in der Hinsicht, dass der Mann daran stirbt, »nicht gelebt zu haben, er stirbt, ohne daß sein Tod der Tod irgendeines Lebens wäre (er stirbt also nicht oder sein Tod beraubt ihn eines Mangels, von dem er niemals Kenntnis erlangen wird)«. (16)

Obwohl der Mann tot ist, will er versuchen, zu lieben, will er versuchen, die Frau zu lieben. Tagelang, wochenlang, auch ein Leben lang. Jedoch lehrt sie ihm hingegen die Einsamkeit. Sie entdeckt ihm die Einsamkeit, je näher er ihr kommt. Letztlich weiß er nicht, »ob dieser neue Körper, den er erreicht, ohne ihn erreichen zu können, ihn weniger einsam macht oder ihn im Gegenteil einsamer werden läßt«. (17) Er entdeckt mit ihr, dass es möglich ist, nicht zu wissen, obwohl er sie mit seinen Augen ansieht, obwohl seine Hände sie berühren, obwohl sein Körper ihren Körper berührt.

Etwas später stellt der Mann in Duras? Text der Frau die Frage:

»[…] wie das Gefühl, zu lieben, entstehen könne. Sie antwortet Ihnen: Vielleicht durch einen jähen Riß in der Logik des Universums. Sie sagt: Niemals durch den Willen. Sie fragen: Könnte das Gefühl, zu lieben, auch noch durch etwas anderes entstehen? Sie flehen sie an zu reden. Sie sagt: Durch alles, den Flug eines Nachtvogels, einen Schlaf, einen Traum, das Nahen des Todes, ein Wort, ein Verbrechen, durch einen selber, durch das Ich, plötzlich, ohne, daß man weiß, wie einem geschieht. Sie sagt: Schauen Sie. Sie öffnet die Beine, und zwischen ihren Beinen sehen Sie endlich das Dunkel der Nacht. Sie sagen: Da war sie, die schwarze Nacht, da ist sie. Sie sagt: Komm. Sie kommen. In ihr, weinen Sie wieder. Sie sagt: Hör auf zu weinen. Sie sagt: Nehmen Sie mich, damit es getan ist. Sie tun es, Sie nehmen sie. Es ist getan. Sie schläft wieder ein.« (18)

Letztlich wird die Frau verschwinden. Nachdem alles vollbracht ist, nachdem alles getan ist, wird sie in der Nacht entschwinden: »Sie ist in der Nacht gegangen. Der Abdruck des Körpers ist noch in den Tüchern, kalt.« (19)

Blanchot schloss sein Buch nach den Untersuchungen zur Acéphale-Gemeinschaft, zum Volk vom Mai 1968 und zu den Liebenden bei Duras mit dem Befund ab, dass eine uneingestehbare Gemeinschaft bedeutet, dass diese Gemeinschaft »sich nicht eingesteht, oder aber daß sie so beschaffen ist, daß es keine Geständnisse gibt, die sie enthüllen, da man jedesmal, wenn man von ihrer Seinsweise gesprochen hat, ahnt, daß man nur das an ihr erfaßt hat, was sie als verfehlte existieren läßt«. (20)

Die Gemeinschaft, wie sie Blanchot mit Bataille und Duras aufzuzeigen versuchte, ist ein Zusammensein, das keinerlei Geständnis über seine Beschaffenheit, über seinen Status, abgibt. Egal welche methodischen Zugänge gewählt werden, die Gemeinschaft wird keinerlei Geständnisse abgeben. Und dennoch wird über ihre Seinsweise viel geschrieben und gesprochen. Diskurs über Diskurs. Diese Beredsamkeit ist ihr Schweigen, das nichts preisgibt. Das Zusammensein ist eine Gemeinschaft mit ungewissem Ausgang. Von der Gemeinschaft werden wir nicht wissen, um was für eine Gemeinschaft es sich handelt. Und dennoch, so Blanchot, besitze das beredte Schweigen »eine zwingende politische Bedeutung [… die …] uns nicht erlaubt, uns nicht für die Gegenwart zu interessieren, die, indem sie unbekannte Räume der Freiheit eröffnet, uns für neue, stets bedrohte, stets erhoffte Beziehungen verantwortlich macht, zwischen dem, was wir Werk nennen, und dem, was wir Werklosigkeit nennen«. (21)

Diese Gemeinschaft gründet weder auf die Anerkennung zwischen den Subjekten noch auf die Entscheidung einer Souveränität oder auf eine Gemeinschaft der Not, zu der der Mensch im Sturm der Gefahr zusammenrückt, sondern vielmehr auf ihre ihr unbekannte Öffnung. Das ist ihre Chance. Sie ist nicht Vision oder visionär, vielmehr ist sie Negativität: eine Gemeinschaft jener, die keine Gemeinschaft haben. Eine Gemeinschaft des Exils; Menschen, die ihr Asyl als Tote und nicht als Lebendige dort finden, wo sie nie zu Hause sein werden.

1 Maurice Blanchot: Die uneingestehbare Gemeinschaft. Berlin 2007, S. 59.
2 Vgl. G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, in: ders.: Werke 7. Frankfurt/Main 1970, S. 307-309.
3 Ebenda, S. 310.
4 Vgl. Immanuel Kant: Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte, in: ders.: Werkausgabe. Band 11. Frankfurt/Main 1993, S. 86.
5 Emmanuel Levinas: Wenn Gott ins Denken einfällt. Diskurse über die Betroffenheit von Transzendenz. Freiburg, München 1985, S. 101.
6 Ebenda, S. 102.
7 Blanchot, a.a.O., S. 59.
8 Ebenda, S. 60. Leider gibt Blanchot keine Referenz zu Debray an.
9 Ebenda.
10 Ebenda, S. 61.
11 G. W. F. Hegel: Frühe Schriften, in: ders.: Werke 1. Frankfurt/Main 1986, S. 245.
12 Marguerite Duras: Die Krankheit Tod. Frankfurt/Main 2000, S. 29.
13 Ebenda, S. 29.
14 Ebenda, S. 27.
15 Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, a.a.O., S. 315.
16 Blanchot, a.a.O., S. 89. Vgl. Duras, a.a.O., S. 29 f.
17 Blanchot, a.a.O., S. 91.
18 Duras, a.a.O., S. 65.
19 Ebenda, S. 67.
20 Blanchot, a.a.O., S. 97.
21 Ebenda, S. 97 f.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift TUMULT.

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erstellt am 31.12.2014

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