Das Buch, das Georges Bataille Ende der 1920er-Jahre plante und das, ausgehend von Phantasmen und Mythen, den Grund für eine neue, mythologische Anthropologie legen sollte, hat er nicht geschrieben. Erhalten geblieben ist uns aber die Vorarbeit zu diesem Projekt, die aus einem fünf Entwürfe umfassenden Dossier besteht und der folgende zwei Fragmente über die Zirbeldrüse entnommen wurden.

Essay aus der Zeitschrift Tumult

L’Œil pinéal

[Zwei Fragmente]

Von Georges Bataille

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Wenn man das menschliche Sein von einem materialistischen Standpunkt aus betrachtet – das heißt, wenn man in ihm ein Ergebnis von Kräften sieht, die seiner spezifischen Natur heterogen sind –, ist es möglich, zwei Hauptsysteme anzuzeigen, die dieses Ergebnis darstellen.

Im ersten Fall kommen nur unmittelbar wahrnehmbare und unumstößliche Kraftkomponenten in Betracht wie Nahrung, Behausungen, Arbeit und Produktionsmittel, Kräfte, welche die menschlichen Massen auf der Erdoberfläche unter verschiedenen Formen entsprechend ihrem Entwicklungsstand erzeugen und deren Spiel Wesen, die so handhabbar wie Schachfiguren und unendlich disponibel sind, nur den Wert von Produktionsbeziehungen lässt.

Das zweite System ist nicht die Negation des ersten; es gestattet nicht, dass die unmittelbaren Kräfte, von denen die menschlichen Tatsachen modifiziert werden, diese Tatsachen von anderen Kräften isolieren, die, schon um weniger leicht messbar zu sein, partikulare Existenzformen annehmen. So stellt es den Menschen als einen vertikalen Körper dar, der sich auf der Erdoberfläche fortbewegt und mit den verschiedenen Zuständen des himmlischen Raums determinierbare Beziehungen eingeht.

Die Beziehung der beiden Systeme kann überdies präzisiert werden, wenn man darauf verweist, dass der Einfluss der Kräfte des Himmels, der Erde und der Elemente auf den Menschen umso weniger offensichtlich ist, je stärker die menschliche Tätigkeit von den Beziehungen zu den Produktivkräften in Beschlag genommen wird: Dieser Einfluss bleibt deshalb nicht weniger der fundamentale und permanente Antrieb, der über die deutlichsten wie über die blindesten menschlichen Reaktion gebietet.

Das einfachste Beispiel für die Einwirkung großer physischer Kräfte auf den menschlichen Körper ist das Schwindelgefühl. Wenn sich ein Mensch oben auf einer abschüssigen Wand ohne Brüstung befindet, wird er von Schwindel ergriffen, und es wäre zwecklos, wollte man beschreiben, was er empfindet, da die gewöhnlichen Bedingungen seiner Existenz auf der Erde aufgehoben sind: Man kann allenfalls das Bedürfnis feststellen, sich in eine schreckliche und bodenlose Leere zu werfen, das dem Selbsterhaltungstrieb in zerreißender Weise entgegensteht.

Um aber von dem, was im Schwindel enthalten ist, auf hinreichend explizite Weise Rechenschaft abzulegen und gleichzeitig das System geschärfter Wahrnehmungen besser zu charakterisieren, von dem die unabsichtlichen Projektionen der Menschen entscheidend beeinflusst werden, könnte man auf ein Phantasma rekurrieren, das direkt durch anatomische Gegebenheiten nahegelegt wird.

Jeder Mensch besitzt auf der Höhe des Schädels eine, unter dem Namen der Zirbel bekannte Drüse, die tatsächlich die Eigenschaft eines embryonalen Auges aufweist. Überlegungen zur möglichen Existenz eines Auges mit vertikaler Achse (was darauf hinausläuft, über den zufälligen Charakter von Körpern zu sprechen, die auch ganz anders hätten sein können, als sie sind) erlauben es, den entscheidenden Gehalt der verschiedenen Wege spürbar zu machen, an die wir uns generell so sehr gewöhnt haben, dass wir dahin gelangt sind, sie zu negieren, weil wir sie für die natürlichen und normalen Wege halten. Der Gegensatz zwischen dem Zirbel-Auge und der wirklichen Sicht erscheint daher als das einzige Mittel, die prekäre und sozusagen verkorkste Situation des Menschen inmitten universeller Elemente aufzudecken.

Es gibt zweifellos eine große Anzahl von Personen, die sich manchmal in den Feldern auf den Rücken gelegt und sich plötzlich, ohne es zu wollen, Auge in Auge mit der unermesslichen Leere des Himmels gesehen haben.

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          Soleil cou coupé.
          Guillaume Apollinaire

Die Zirbeldrüse ist unter der Schädeldecke, auf der Spitze des menschlichen Gebäudes situiert, weshalb ihr okularer Charakter nicht unbedeutend und sekundär wie bei den Tieren ist. Dieses Gebäude gilt in dem Moment als fertig gestellt, in dem ein Soldat unter dem Befehl des Stillgestanden in aufrechter Haltung erstarrt (wenn man sich auf die militärische Existenz als auf eine geometrische Existenzweise bezieht). Geschähe diese rigorose Projektion der menschlichen Totalität nicht unabhängig von der eigentlichen Projektion des Blicks – anders gesagt, würde die Zirbeldrüse die normale (horizontal gerichtete) Sicht in die Vertikale hinein verdoppeln –, könnte der Mensch dem Adler verglichen werden, von dem die Alten dachten, dass er die Sonne mit den Augen fixiert.

Die imaginäre Zuordnung einer männlichen Funktion zur Zirbeldrüse ist offensichtlich weder zufällig noch willkürlich. Obwohl die direkte und reguläre visuelle Verbindung eines beliebigen irdischen Wesens mit der solaren Strahlung (in Anbetracht des embryonalen Charakters der pinealen Sicht) eine rein mythologische bleibt, spielt die Drüse in den sexuellen Funktionen, die sich in Fällen der Hypertrophie als frühzeitige und exzessive Entwicklungen darstellen, eine entscheidende Rolle. Der rein psychologische Ausdruck eines Zirbel-Auges, das an die Aufrichtung des Körpers – als eines inkongruenten und provozierenden Vorgangs – gebunden ist, ist also durchaus nicht ohne physiologische Basis. Trotzdem hat diese Koinzidenz keinen vorrangigen Wert, da die gemeinsame Natur so verschiedener Funktionen wie Mannbarkeit und Vertikalität erst zuletzt aufscheint.

Wie dem auch sei, es ist möglich, auf grundlegende Weise zwischen der horizontalen Richtung der normalen, zweiäugigen Sicht und der vertikalen Sicht des Zirbel-Auges zu unterscheiden. Die horizontale Richtung scheint auf den ersten Blick die einzig logische oder genauer: die einzig nützliche zu sein. Die Vernunft (und vielleicht sogar die Natur) protestiert gegen die Existenz eines Auges, das nicht dazu dient, den Kontakt zwischen einem Wesen und den Gegenständen, die seiner Erhaltung dienen, herzustellen. Aber dieser Protest hat fast keine Bedeutung, weil sich insgesamt die Vernunft weiterentwickelt hat und die Natur als konform mit einem System von Impulsen und Handlungen gedacht wird, die von einer horizontal gerichteten Blickweise abhängig sind. Dagegen ist es möglich, ein System von Impulsen, ja eine ganze geistige Aktivität zu bestimmen, die nur über dem Kopf befindliche Regionen zum Gegenstand haben (oder aber diametral entgegengesetzte Regionen, die nicht angesehen werden können, weil sie sich in die Tiefe des Erdreichs erstrecken).

Die pineale Sicht entspricht dem zweiten System von Impulsen und ist nicht weniger vollständig als das horizontale System, so dass sie, weit davon entfernt, eine absurde und grundlose Imagination zu sein, als eine psychologische Funktion angesehen werden kann, mit demselben Recht wie die horizontale Sicht.

Die virtuelle Sicht, deren Organ die Zirbeldrüse ist, kann allgemein als eine Vision des Himmelsgewölbes definiert werden. Da sich aber die verschiedenen Aspekte dieses Gewölbes untereinander nicht gleichen (da die Wanderung und Intensitätssteigerung des Sonnenlichts im Laufe des Tages einen Kulminationspunkt erreicht), kann man die Sonne im Meridian als das wesentliche Objekt des virtuellen Auges definieren. Tatsächlich löst die Sonne im Meridian eine Projektion menschlicher Impulse aus, die eindeutiger als jede andere ist, obwohl sie keine materielle Form annimmt und nur in der mythologischen Freiheit einen adäquaten Ausdruck finden könnte.
Der Adler, der in den fernsten Regionen des Tageshimmels beheimatet ist und mit den Augen den Sonnenherd fixiert, ist offenbar das vollständigste Bild dieser vertikalen Projektion: Der explizite Wert dieses Bildes ist umso größer, je mehr der Adler als mythologisches Tier in seiner Vollendung die menschliche, an die augenhafte Zirbeldrüse gebundene Funktion übernimmt. Der Adler muss nicht nur mit der Sonne selbst identifiziert werden, sondern ist gleichzeitig auch das Opfer der solaren Allmacht. Er ist gleichermaßen das Tier des Zeus wie das des Prometheus, das heißt, dass Prometheus selbst Adler (Atheus – Prometheus) ist, der aufbricht, das Feuer vom Himmel zu holen. Die Erklärung des Ursprungs des Feuers durch einen Vogel, der bis zur Sonne fliegt, ist ein allgemeines mythologisches Thema (das sich noch in der normannischen Folklore findet, in der ein Zaunkönig mit diesem Diebstahl beauftragt wird, in dessen Vollzug sein Gefieder Feuer fängt).

Georges Bataille: Œuvres complètes. TOME II. Paris 1979, S. 36-40. Die zwei Fragmente stammen aus einem insgesamt fünf Entwürfe umfassenden Dossier zu einem Buch mit dem Titel L’Œil pinéal, das letztlich nicht geschrieben wurde. Mit ihm wollte Bataille den Grund für eine neue, mythologische Anthropologie legen, die von Phantasmen und Mythemen ausgeht, davon überzeugt, dass gerade sie für die Erkenntnis des Menschen von unschätzbarer Bedeutung sind. Die Anfänge dieses Projekts reichen bis ins Jahr 1927 zurück; der einzige, sicher zu datierende Text wurde 1930 verfasst. Die beiden hier ausgewählten Fragmente sind vielleicht nicht die charakteristischsten, aber es sind die kürzesten und zudem außerordentlich prägnant. Sie erlauben gerade in ihrer Zurückhaltung die Punkte zu verdeutlichen, um die sich Batailles Denken auch dann noch dreht, als er dieses Projekt längst aufgegeben hat. Das Problem der Heterologie – die Polarität zweier diametral entgegengesetzter Impulse – wird in ihnen antizipiert und an den beiden Achsen der Horizontalität und der Vertikalität veranschaulicht. (Anm. d. Ü.)

Aus dem Französischen von Rita Bischof.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift TUMULT.

Kommentare


dDr. rer. nat. Harald Wenk - ( 11-09-2019 10:29:30 )
dir diskussiondr zibeldrüdse geht narürlich mitten in DESCARTES hinein, der der zentral von Spinoza kritisiert wird.. Es geht da um den freien willen.

imfranzösisvh akdemischr diskurs spielt descartes die rolle kants, hegels hier: der "nationalphiosoph"!

Inhaltöloch sonDamsios Bücsr, §"DEcate Irrttum" und über Spinoza und dtzr GRegfühle da wogl "prfesionell" das beste.

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erstellt am 23.9.2014

Georges Bataille
Georges Bataille

Georges Bataille im TV-Interview von 1958. Interviewer: Pierre Dumayet. Übersetzer: Vidar Vikingsson.