Vom wechselseitigen Verhältnis zwischen Show-Ich und Song-ich am Beispiel von Pop-Größen wie Grace Jones, Christina Aguilera, Björk und Robbie Williams erzählt Michael Behrendt in der neuen Folge seiner Reihe „What Have They Done to My Song?“.

What Have They Done To My Song? Folge 11

Ich-Korrespondenzen

Wenn im Song-Ich auch das Show-Ich spricht

Von Michael Behrendt

Ich ist nicht perfekt

Die 80er Jahre waren das Jahrzehnt der Grace Mendoza. Unter dem Künstlernamen Grace Jones stylte sich die jamaikanische Sängerin zur androgynen Kunstfigur, die sowohl in der Heterowelt als auch in der Schwulenszene verehrt wurde. Ihr von Starproduzenten wie Trevor Horn und Nile Rodgers auf die Spitze getriebener Hightech-Sound, die Arbeit als Fotomodell, aber auch Promotionfotos, die sie wie eine Statue in Szene setzten, und Action-Rollen in James-Bond- oder Fantasy-Filmen unterstrichen das Image eines geheimnisvollen Wesens, das nicht von dieser Welt zu stammen schien. Solche Kunstfiguren eignen sich besonders als Projektionsflächen für die Fans. Dabei verstand es Grace Jones auch, ihr Show-Ich elegant auf das Song-Ich abfärben zu lassen.

In I’m Not Perfect (But I’m Perfect for You), 1985 erschienen auf der LP Inside Story, geht es unmittelbar um die intensive Liebesbeziehung zweier Menschen, wobei das Song-Ich sich nicht sicher zu sein scheint, ob die Beziehung eine entspannte und erfüllte oder eine anstrengende, letztlich unbefriedigende Beziehung ist. „Had we met at a different time we’d be perfect for each other / Now we’re spending all our time in this world apart together“ heißt es da, oder auch: „It really doesn’t matter wherever I might go / We are tied together, that’s one thing we both know.“ Das Nachdenken über den nicht ganz einfachen, ja fast schon schicksalhaften Bund gipfelt immer wieder in der Refrain- und Titelzeile: „I’m not perfect, but I’m perfect for you“, mit dem Zusatz: „I feel right on time … now I’m right on time.“ Was genau das im Kontext des Songgeschehens bedeuten soll, wer hier wen kritisiert und mal perfekt, aber dann auch wieder nicht perfekt findet, ob sich hinter „now I’m right on time“ eine sexuelle Anspielung verbirgt und ob die Songverse am Ende nicht sogar einen Dialog abbilden, also zwei verschiedenen Sprechern zuzuordnen sind – dazu hat sicher jeder Hörer und jede Hörerin eine eigene Meinung. Außerhalb des Songgeschehens aber entsteht eine auffällige Korrespondenz zwischen den Refrainzeilen und dem „perfekt“ gestylten Show-Ich „Grace Jones“: Ich bin nicht perfekt, aber dir erscheine ich so… Das klingt nicht nur, als würde ein liebender Mensch über seine Beziehung reflektieren, es klingt auch, als würde die Kunstfigur „Grace Jones“ zu ihrem Publikum sprechen. Nach dem Motto: „Ich wüsste noch einiges, was man an mir verbessern könnte. Aber für euch da draußen, die ihr mir zujubelt, bin ich natürlich perfekt.“ Auch mit der Beschwörung einer schicksalhaften Verbindung ergibt sich über den eigentlichen Songtext hinaus eine zusätzliche Botschaft des Show-Ichs an seine Fans.


Christina Aguilera - Dirrty von nabukodonosour

Ich ist schmutzig

Ein ähnliches Wechselspiel zwischen Song-Ich und Show-Ich ist auch in Dirrty von Christina Aguilera zu beobachten. Der energiegeladene Dance-Track mit deutlichem Hip-Hop-Touch beschreibt eine schweißtreibende Party, in deren Verlauf der DJ die tanzende Menge in Ekstase versetzt: „DJ’s spinning (show your hands) / Let’s get dirrty (that's my jam) / I need that, uh, to get me off / Sweat’n til my clothes come off.“ Die Stimmung ist sexuell aufgeladen, das Treiben auf der Tanzfläche wird ungezügelter, besonders für den züchtigen Amerikaner „schmutziger“, und schon bald fallen die ersten Kleidungsstücke. Die Lyrics sind ein einziger, schier endloser Appell der Sprecherin an die eigene Person, an ihre Freundinnen und an die anwesenden Männer, auch die letzten Hemmungen fallen zu lassen und Grenzen zu überschreiten. „Me and my girls gonna shake the room“, heißt es da, „It’s explosive, speakers are pumpin’“, „Dancin getting just a little naughty“, „Temperature’s up, ’bout to erupt“ oder „Wanna get dirrty / It’s about time for my arrival“ und „Let’s get open, cause a commotion“. Am Ende steht fest, dass die Party draußen weitergehen wird, auch wenn der Club längst geschlossen hat: „What to do when the music starts to drop? / That’s when we take it to the parking lot / And I betcha somebody’s gonna call the cops“. Nicht nur in erotischer Hinsicht wird mit dem Überschreiten von Grenzen kokettiert, auch einer Konfrontation mit dem Gesetz würde man nicht aus dem Weg gehen.

Dirrty erscheint 2002 auf dem Album Stripped, dessen Cover der überraschten Öffentlichkeit eine deutlich gewandelte Christina Aguilera zeigt. Aus dem einstigen Teenieideol, das zwar von Karrierebeginn an sexy und verführerisch inszeniert worden, aber stets einem „sauberen“ Image verhaftet geblieben war, ist eine selbstbewusste junge Frau geworden, die sich in gewagt freizügigem Outfit und herausfordernder Pose präsentiert. Dirrty ist damit nicht nur der Partybericht eines feierwütigen Song-Ichs, sondern wirkt auch wie der Soundtrack zur Inszenierung auf dem Albumcover. Dem neuen, offensiveren Image der Künstlerin – ihrem jetzt mit aggressiver Sexualität, kompromissloser Attitüde und street credibility aufgeladenen Show-Ich – entsprechen ein nervöser, rauer Sound, wuchtige Hip-Hop-Beats, atemlos-schneidende Vocals und ein Gastauftritt des „harten“ Rappers Redman. Im Video zu Dirrty wird Christina Aguilera gleich in zwei Rollen inszeniert: zum einen als leicht geschürzte Boxerin, die bei einem schweißtreibenden Fight in einem an illegale Faustkämpfe erinnernden Kellerambiente ihre Gegnerin zu Boden schlägt, zum anderen als freizügig gekleidete Partygängerin, die mit ihren Freundinnen und verschiedenen coolen Jungs tanzt. Die Temperatur ähnelt der in einer Sauna, überall zucken und winden sich halbnackte vom Schweiß glänzende Körper. Die Choreografie dazu strotzt nur so vor aufreizenden Posen und eindeutig zweideutigen Bewegungsabläufen. So oder ähnlich stellt sich der gewöhnliche Sandalenfilmgucker eine Massenorgie im alten Rom vor, was dann schon fast wieder etwas Konservatives hat. Aber egal: „Wanna get dirrty“, „It’s about time form my arrival“ oder „I betcha somebody’s gonna call the cops“ – die Aussagen der feierwütigen Protagonistin aus dem Song beziehen sich so auch auf den Wandel des Show-Ichs „Christina Aguilera“ und nehmen bereits entrüstete Reaktionen in Fan- und Kritikerkreisen vorweg. Tatsächlich wurde die neue Christina Aguilera nicht überall mit Begeisterung aufgenommen, in einigen Ländern wurde das als anstößig empfundene Video sogar nur gekürzt ausgestrahlt oder gleich komplett verboten.

Mit Still Dirrty vom 2006 erschienenen Doppelalbum Back to Basics wendet Christina Aguilera die Dirrty-Strategie noch einmal an, aber unter veränderten Vorzeichen. Inzwischen ist die Künstlerin verheiratet und hat begonnen, sich auch als Produzentin zu etablieren. Parallel zur musikalischen Entwicklung, die durch den verstärkten Rückgriff auf die schwarze Rhythm & Blues-Tradition gekennzeichnet ist, inszeniert sich Christina Aguilera auf ihrem neuen Werk als endgültig erwachsen gewordene weiße Souldiva. Hatte man ihr nach dem Album Stripped einen Hang zum Ordinären und Anstößigen vorgeworfen, waren verschiedenste Kreise im Vorfeld des Back to Basics-Projekts plötzlich in Sorge, sie könne inzwischen zu brav geworden sein.

Schon schizophren, oder?

Doch mit Still Dirrty gelingt es der stimmgewaltigen Interpretin, ihre Kritiker zu „beruhigen“. Nicht jede junge Frau von heute dürfte in Illustrierten zum Thema gemacht werden, das passiert wohl am ehesten Stars. Weshalb sich das Ich des Songs auch nah am Show-Ich „Christina Aguilera“ bewegt. Gleich zu Beginn scheint sie die von Teilen der Öffentlichkeit geäußerte Kritik aufzugreifen: „If you see me walking down the street /?Or in the pages of your magzine /?Looking just a little differently / ?Showing off a softer side of me / They saying I’m looking like a lady / They saying that love is going to change me.“

Es könnte sich aber, und das soll als Möglichkeit erwähnt werden, auch um ein Starlet, ein Model oder eine aus anderen Gründen bekannte, vielleicht auch berühmte Persönlichkeit handeln. Schon in den nächsten Versen werden diejenigen, die das Song-Ich als zu weich, als zu damenhaft und von der Liebe geblendet empfinden, daran erinnert, dass auch die raue, wilde, ungezügelte – die „schmutzige“ – Seite nach wie vor da ist und jederzeit zum Vorschein kommen kann: „But don’t be fooled by everything you see /?Gotta let the naughty in me free / (…) / sooner or later something’s going to erupt.“ Spätestens im Refrain wird dann auf den früheren Song Dirrty Bezug genommen: „Cause I still got that nasty in me ?/ Still got that dirrty degree / And if you want some more sexy / ?Still got that freak in me.“

Mit zunehmender Songdauer erfährt die „Hey, ich bin immer noch wild und unberechenbar“-Argumentation eine interessante Erweiterung. So wird mit der Kritik an der Kritik gegenüber Frauen, die einfach nur ihre Sexualität ausleben, ein Thema aufgegriffen, das schon den Erfolgssong Can’t Hold Us Down vom Stripped-Album prägte. Damals hieß es unter anderem: „Here’s something I just can't understand /?If a guy has three girls than he’s the man /?He can even give her some head and sex and roar / ?If a girl does the same then she’s a whore“, also sinngemäß: „Da gibt’s was, das ich nicht verstehe / Wenn ein Typ drei Mädchen hat, dann ist er der Größte / Er kann ihnen sogar einen blasen, mit ihnen schlafen und dabei herumschreien / Aber wenn ein Mädchen umgekehrt dasselbe macht, dann ist sie gleich ’ne Hure.“ Ein Gedanke, der in Still Dirrty fast eins zu eins wiederholt wird. Zunächst ganz allgemein – „Why is a woman’s sexuality / Always under so much scrutiny? ?/ Why can’t she do exactly as she please ?/ Without being called a million things? – und dann erneut mit engerem Bezug zur Starpersönlichkeit an sich, aber auch zum Show-Ich „Christina Aguilera“, das genervt davon ist, für freizügige, aber letztlich harmlosen Videos von irgendwelchen Spießern kritisiert zu werden: „If I want to wear lingerie outside of my clothes ?/ If I want to be erotic in my own videos / If I want to be provacative, well that ain’t a sin ?/ Maybe you’re not comfortable in your own skin.“

Etwa in der Mitte des Songs findet sich eine ganz allgemein gehaltene Absage an selbst ernannte Autoritäten, die meinen, anderen Menschen sagen zu müssen, was sie zu tun und zu lassen haben: „Don’t tell me to behave / ’Cause I’ll never play that game / ?Don’t tell me what to do / ?’Cause I’ll never be uptight like you /?Don’t look at me that way / ’Cause I ain’t never gonna change / And if you’re talking about my life ?/ You’re only wasting your own time.“ Dabei ist vor allem der zuletzt geäußerte Gedanke in unserem Zusammenhang von Interesse. Denn neben der Warnung des Song-Ichs, dass es keine Beurteilung seines Lebenswandels dulden werde, schwingt auch die Ansage des Show-Ichs an Publikum und Kritiker mit: Wer glaubt, durch den Song und durch den schillernden Bühnencharakter hindurch etwas über die Privatperson Christina Aguilera erfahren zu können, der verschwendet schlichtweg seine Zeit.

Die Ich-Armee

Ist man einmal für die möglichen Korrespondenzen zwischen Song-Ich und Show-Ich sensibilisiert, dann stößt man schnell auf zahlreiche weitere Beispiele. Etwa im Song Poker Face aus dem Jahr 2008, in dem Lady Gaga ihr Song-Ich ein Du und einen „Er“ adressieren lässt, die vermutlich identisch sind. Es geht um das Pokern, genauer: das Bluffen, beim Verführungsspiel, und wenn das Song-Ich verkündet, dass niemand hinter dessen Poker Face blicken kann, dann schwingt darin auch eine Botschaft der unberechenbaren Kunstfigur Lady Gaga an ihr Publikum mit. Oder nehmen wir Army of Me, einen Song, den die isländische Ausnahmekünstlerin Björk 1995 auf dem Album Post veröffentlichte. Im Text spricht ein Ich, das offenbar am Ende seiner Geduld ist und dem angesprochenen Du zu drohen beginnt: „Stand up / You’ve got to manage / I won’t sympathize anymore“, heißt es etwa in der ersten Strophe – und weiter: „You’re alright / There’s nothing wrong / Self-sufficience please! / And get to work“ – also: „Du bist in Ordnung / Nichts an dir ist falsch / Unabbhängigkeit bitte! / Geh an die Arbeit.“ Der Refrain macht dann unmissverständlich deutlich, dass das Song-Ich mit einer Armee aus Ichs aufmarschieren wird, wenn die angesprochene Person noch weiter herumjammert: „And if you complain once more / You’ll meet an army of me.“ An einer späteren Stelle des Songs scheint die Drohung schließlich wahr geworden zu sein: Das Du ist verlassen, ganz auf sich allein gestellt, sein Rettungsteam erschöpft. Aus dem einst mitfühlenden Song-Ich ist ein feindliches lyrisches Wir geworden – die angedrohte Ich-Armee: „You’re on your own now / We won’t save you / Your rescue-squad / Is too exhausted.“

Björk - Army Of Me from sabina popa on Vimeo.

Was innerhalb des Songs in sprachlichen Bildern die Ungeduld mit einem ständig klagenden, unselbstständigen Gegenüber zuspitzt, lässt sich leicht auch als spielerische Kampfansage des Show-Ichs verstehen: und zwar an ein starfixiertes Publikum, das seine Sehnsüchte in das Idol projiziert und stets nur die eigenen Erwartungen erfüllt sehen will – oder an ätzende Musikkritiker, die sich vor allem über die Beurteilung fremder Leistungen definieren, sich selbst aber keiner wirklichen Herausforderung stellen müssen. Übersetzt: „Ihr könnt an mir herumzerren, soviel ihr wollt, ich gehe meinen Weg, ich tue, was ich will. Macht lieber etwas aus eurem eigenen Leben. Und wenn ihr euch weiter beschwert, dann haue ich euch so viele Versionen meiner Selbst, so viele schrille künstlerische Konzepte um die Ohren, dass euch hören und sehen vergeht.“

Das Hauptmotiv des Songs könnte vom dritten Teil des Horrorfilms Tanz der Teufel inspiriert sein, einem mit starken komödiantischen bis grotesken Elementen versehenen Fantasystück, das 1994 unter dem Titel Army of Darkness (Armee der Finsternis) herauskam. In diesem ziemlich unterhaltsamen Kinoblödsinn wird unter anderem gezeigt, wie der Protagonist Ash gegen eine Unzahl verkleinerter Versionen seiner selbst kämpfen muss. Sollte der Film tatsächlich als „Vorlage“ für den Song von Björk gedient haben, ist er ein schönes Beispiel dafür, wie man Motive eines bestehenden Werkes spielerisch variiert und in einem neuen Kontext, zum Beispiel einem Lovesong, aufgehen lässt. Aber auch ohne direkten Bezug zum Kinospektakel ist Army of Me über die unmittelbare Beziehungsthematik hinaus ein gelungenes Bild für die Macht der Künstlerpersönlichkeit mitsamt den verschiedenen Identitäten und Show-Ichs, die sie im Schaffensprozess annimmt. Zu dieser Interpretation passt auch, dass Björk im Army of Me-Video eine Art Untergrundkämpferin spielt, die in einem überdimensionalen Panzerfahrzeug durch die Straßen einer Stadt fährt und schließlich ohne Rücksicht auf Verluste Teile eines Kunstmuseums sprengt – nur um einen jungen Mann, der dort wie ein Ausstellungsstück für das zahlende Publikum aufgebahrt ist, aus dem Tiefschlaf zu erwecken.

…und nicht zu vergessen: Robbie Williams

Und wenn wir schon beim Thema „Selbstreflexion des Künstlers im Licht der Öffentlichkeit“ sind, dann darf natürlich einer nicht fehlen: Robbie Williams. Der charismatische britische Sänger und Songschreiber war einst Teeniestar mit der Boygroup Take That, heute ist er gefeierter Solokünstler und Entertainer. Zugespitzt könnte man sagen: In fast jeden zweiten Song, in fast jedes zweite Video von Robbie Williams ist der beschriebene doppelte Boden eingebaut – die Spannung zwischen Song-Ich, biografischem Ich und Show-Ich. Häufig schwingt dabei ein gehöriges Maß an Selbstmitleid mit. So findet sich auf dem Soloalbum Escapology, dessen Cover bezeichnenderweise einen an den Füßen aufgehängten Robbie Williams mit ausgebreiteten Armen, also den Star in auf den Kopf gestellter Kreuzigungspose zeigt, neben einigen anderen mehrdeutigen Songs der wunderschön pathetische Hit Feel. Im Text heißt es: „Come on, hold my hand / I wanna contact the living / Not sure I understand / This role I've been given / I sit and talk to God / And he just laughs at my plans / My head speaks a language / I don't understand“. Und der Refrain bringt auf den Punkt: „I just wanna feel real love / Feel the home that I live in /’Cause I got too much life / Running through my veins / Going to waste.“ Die zweite Strophe geht im gleichen larmoyanten Stil weiter: „I don’t wanna die / But I ain’t keen on living either / Before I fall in love / I’m preparing to leave her…“ – und so weiter und so fort.


Robbie Williams - Feel von RobbieWilliams-Official

Das ist nicht nur der Hilferuf eines von Ängsten und Selbstzweifeln geplagten Song-Ichs, das keine Gefühle, keine Liebe zulassen kann und aus Angst, verletzt zu werden, selbst verletzt – das ist auch der spielerisch-pathetische und durchaus selbstverliebte Appell eines Show-Ichs an eine unbarmherzige Öffentlichkeit. Der Künstler als Märtyrer, der niemandem trauen, sein Herz nicht wirklich verschenken kann – und der sich, weil ihm diese Rolle schicksalhaft zugewiesen wurde, immer wieder von neuem zur Unterhaltung des Publikums auf der Bühne opfern muss. Ein Gedanke, den Williams besonders drastisch und genüsslich im Video zu seinem Hit Rock DJ aus dem Jahr 2000 zuspitzt: Umgeben von cool bis herausfordernd dreinschauenden Frauen, entledigt er sich dort exaltiert tanzend und mit einem dümmlichen Grinsen im Gesicht zunächst seiner Kleidung und dann, in einer von Musikfernsehsendern gern zensierten Splatter-Sequenz, auch seiner Haut und seiner Muskeln. Die Fleischbrocken, die er von der runden Bühne aus in die Menge wirft, werden von den Frauen gierig aufgefangen, und das anfangs so stilvoll-hohle Treiben verwandelt sich in ein schockierend blutiges Ritual. Ein krasser Fall von Selbstopferung des Künstlers und Kannibalismus aufseiten des Publikums. Am Ende hat sich die Menge den Star, das Show-Ich, regelrecht einverleibt. Das Konstrukt „Robbie Williams“ ist buchstäblich bis auf die Knochen entblößt und blamiert – ein in mehrfacher Hinsicht gefundenes Fressen. Außer einem seelenlosen Skelett bleibt nichts von ihm übrig.

In der nächsten Folge: Wenn männliche Show-Ichs weibliche Song-Ichs präsentieren – und umgekehrt

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erstellt am 14.3.2014

what have they done to my song?

Songs sind allgegenwärtig, Songs sind der Soundtrack unseres Lebens. Doch obwohl sie gern viele Worte machen, sind es eher Sounds, Melodien und Rhythmen, Stimmungen, Styles und Attitudes, auf die wir Hörer anspringen. Textinhalte und ihr Zusammenwirken mit nichtsprachlichen Elementen bleiben oft auf der Strecke. Wie funktionieren Songs? Wie schaffen Songs Bedeutung? Und was machen wir daraus? Diesen Fragen geht der Frankfurter Autor Michael Behrendt im Rahmen eines Buchprojekts nach: mal subjektiv und assoziativ, mal analytisch hinterfragend – seine Songauswahl kennt wenige Grenzen. Faust-Kultur fasst einige Beiträge zu einer kleinen Serie zusammen. Es geht um hinhören, verstehen, missverstehen, um Song-Ichs, Show-Ichs, Darstellungsformen – und immer wieder um die Schlüsselfrage: „Wer spricht im Song?“