Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.

Kleine Stücke

TEXTLAND von Jamal Tuschick

17.10.2014

Feindseliger Attributionsstil

„Der Einzelgänger“ von Christopher Isherwood – Ein perfekter Roman wandert von Verlag zu Verlag

Früher Ruhm verträgt sich schlecht mit langem Leben. Die Leuchtspur des jungen Isherwood oszillierte zwischen Wilde und Byron. Der Engländer führte eine nomadische Existenz, bis er sich in den späten 1930er Jahren in Kalifornien niederließ. Den „Einzelgänger“ veröffentlichte er 1964. Tom Ford liefert der jüngsten deutschen Ausgabe das Vorwort. Ford erklärt, warum er ausgerechnet aus „A Single Man“ seinen ersten Film machen wollte, dramatisch rekapituliert er die erste Begegnung: „Ich war gelähmt vor Ehrfurcht“.

Am vorläufigen Ende einer längeren Editionsgeschichte erscheint der Roman bei Hoffmann und Campe. Er schildert einen Tag im Jahr 1962. Einen Tag im Leben von George, 58, Brite in Kalifornien/ Invertierter Witwer, wenn auch Witwer nicht nach dem Gesetz und vor den Nachbarn/ Professor am San Tomas State College. Die Kubakrise ist soeben unter Dach und Fach gebracht worden, George lebt in einer Gegend, die er als „Brutplatz“ einer ins bürgerliche Lager gewechselten Bohème beschreibt. Die Nachbarn ersetzten den Gin ihrer lyrischen Phase mit Cola, „dann kam der Nachwuchs, Wurf und Wurf und Wurf“. Isherwood (1904 – 1986) hätte solche Beobachtungen gern in Berlin gemacht, das ist verbürgt. Für den hauptstädtischen Paradebrutplatz (plus abgeräumter Bohème) starb er zu früh. Sein Held beobachtet mit einer Tendenz zur Herabsetzung. George hat etwas vom nölenden Zuschauer. Er lädt sich auf mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Designerblick. Seine sexuellen Präferenzen isolieren ihn, er wehrt sich gegen die allgemeine Ablehnung seiner Person mit der Ablehnung anderer. George pflegt einen feindseligen Attributionsstil, etwa in der Charakterisierung einer Frau Strunk: „Sie ist geübt in moderner Toleranz, dieser Vernichtungstechnik durch Nachsicht.“

George ist zur falschen Zeit am richtigen Ort (der Schwulenbewegung). Seine Ausschweifungen erinnern an Leopold Blooms Notdurft mit irgendeinem Mangel verbindende Gedankenschleifen – wenn George das Läuten des Telefons vom Klo zieht und er „nur unzureichend abgewischt … mit der Hose um die Knöchel“ das für die Strecke zwischen Korridor und Klo zu kurze Kabel als ein Versagen der Telefongesellschaft bedenkt.

George memoriert eine Liebesgeschichte, mit dem im Auto tödlich verunglückten Jim in der anderen Hauptrolle. Gleichzeitig genießt er „Wunder und Segnungen des Freeway-Systems“. George entspannt sich am Steuer, als Fahrzeugführer schwimmt er im Hauptstrom. An seinem Arbeitsplatz fühlt sich George „mysteriös und vor allem ausländisch“. Er registriert „aggressiv-virile Lässigkeit“ auf der anderen Seite des Geschehens. Er genießt seine professorale Dominanz auf einer Kriechspur des beobachteten Selbst. Auf dem Campus furzt er ausdauernd in die Leere eines unterbelichteten Tages.

Amerika baut Bunker, die Angst vor dem atomaren Armageddon steckt in den Knochen der Nation. George identifiziert die amerikanischen Prinzessinnen aus dem Geldadel der Ostküste als mindere Schwestern. Er analysiert extrem treffend die institutionalisierte Aggressivität der Minderheiten und wird im Gegenzug um Meskalin angehauen. The Beat goes on, Hipster unter sich, Meskalin ist gerade erst illegalisiert worden. George besucht eine dem Tod geweihte Rivalin, die bei Jims Unfall nur kurz mit dem Leben noch davongekommene Doris. Jims letaler Ausflug in die Heterosexualität traktiert ihn mit Ekel. „Ich bin die Frau. Ich bin die Schlampe namens Natur“, das war Doris für George, bevor sie unter die Räder kam. George gefällt sich als „Rommel in Zivil“, Isherwood campiert auf einem Gipfel zwischen den Höhenzügen Idiosynkrasie und Devianz. Das macht dem Autor keiner so gekonnt nach: die gradlinige Betrachtung eines Bekämpften und sich selbst Bekämpfenden, der Heterosexualität für eine Präferenzstörung hält.

In der Schule der Außenseiter steht „peripheres Sehen“ auf dem Stundenplan. Der Außenseiter darf niemanden direkt ansehen, will er nicht eine Bestätigung seiner Inferiorität ernten. Sein Blick gleitet wie ein Segelflugzeug durch den Anschein von Indifferenz. George beobachtet das bei Strichern. Sie begegnen ihm auf dem Weg in die Turnhalle. Den Hals als Gegenstand einer Verbesserung hat George längst aufgegeben wie eine unhaltbare Stellung. Das beschreibt den Truthahn-Faltenwurf zwischen einem Knockoutpunkt am Kinn und dem Plateau der Schultern.

Christopher Isherwood, „A Single Man”, Roman, Hoffmann und Campe, 158 Seiten.
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Im Gehege der Zeit

Über Hanf auf den Klippen – In Ernst Jüngers „Annäherungen“ strahlt die Materie

Zu einer Zeit, als Drogen in allen Boutiquen der Anschauungen Gegenstände der Gegenwart sind, rückt sie Jünger in einen überzeitlichen Rahmen. Er fängt an mit dem Wein, der Wein habe „Europa stärker verändert als das Schwert.“ Jünger vermutet, dass die Jahrtausende Wirkungen des Weins schwächten. Er erinnert an Weinfeste der Götter, die wie Koksorgien über den Horizont gingen. Er betrachtet den gelinden Rausch wie ein kultivierendes Moos auf den Findlingen der Gewalt, die zu Völkern und Staaten führen. Jünger stellt Wein als eine Sache heraus, die Eroberungszüge überdauert. Tabak ist ein „großes Geschenk Amerikas an Europa“. Auch beim Tabak spekuliert Jünger auf einen Niedergang von Euphorie & Weisheit „in der Sphäre der Alkaloide“. Den Autor interessieren Übergänge zwischen „gemeinem Schlaf“ (Shakespeare) und seinen (profanen) Träumen und zitierten „Visionen & Prophezeiungen“.

Jünger nimmt ein beseeltes Universum an, das mit Antennen aus Feinstofflichkeit vermessen werden kann. Insofern sind Drogen so etwas wie Radioteleskope. Jünger betont die Bedeutung der „rezeptiven Bereitschaft“ des Probanden, vor allem jedoch unternimmt er Abgrenzungen von „mechanistischen Theorien“, der Grobheit des Gesetzgebers und Säufern so wie Kettenrauchern – und, um ein Wort der Dekade anzubringen, vom uncoolen User. „Annäherungen“ erschien 1970 als empirisches Dokument mit autobiografischem Charakter. Jünger schrieb vermutlich das kenntnisreichste Buch zu einem Thema, das alle interessierte, Bewusstseinserweiterung war Mode. Die Acid-Adepten, Jünger nannte sie „Lehrlinge“, pilgerten zum Meister nach Wilflingen auf die Schwäbische Alb.

Jünger lotet Chancen der Askese aus, er meditiert über erhöhte Empfänglichkeit in Exerzitien. Er nennt die Pole der Zeit animalisch und vegetativ. Er führt die zur Beschwörung fantastischer Zustände taugenden Drogen im Spektrum zwischen Stechapfel und Bilsenkraut an. Das zählt zum Hexenwerk und Mittelalter und zur Groteske, die stets eine Verkümmerung darstellt. Der Leser ahnt Reserve des Autors im Nachtschattendschungel. Diese Räusche gehören dem Themenkreis Hokuspokus und Rummelplatz, während man mit Kokain die „Titanenwelt“ erreicht. Für Jünger sind Drogen Transportmittel, Raumschiffe, die keinem Süchtigen an Bord Platz bieten. Jünger kommt auf die Differenz immer wieder zurück, sein Bild ist die Morgenzigarette des Genussrauchers.

Kokain weicht aus „einer der Büchsen der Pandora“ unserer Gattung. Die von Kokain freigesetzten „Kräfte“ sind „natürlich“, sie übersteigen lediglich das ständige „Fassungsvermögen“. Jünger spricht von der Gewinnung „strahlender Materie aus organischer Substanz“.

„Der geistige Hunger ist unstillbar.“ Jünger fängt Träume und durchschreitet Blakes/Huxleys Pforten der Wahrnehmung als Abenteurer auf der Suche nach Satori. Den allgemeinen Drogenhunger von 1970 erklärt er mit dem im Maschinenzeitalter zur Zentrallinie des Lebens gewordenen, zeitfressenden Wettbewerb. Die Theologie sei um ihre Mittel gekommen, als trostlose Wissenschaft. Nun hält man Drogen für Paragleiter der Metaphysik. Jünger exponiert seine Skepsis vor der Masse, die richtig abgefahrenen halluzinogenen Stunts sind nach seinen Begriffen eine aristokratische Angelegenheit. Er rollt seine von bürgerlichem Stolz lodernde und sich zugleich über das Bürgerliche setzende Geschichte auf, seit den Tagen des Leutnant Jünger, den Verletzungen anfällig machen für Entspannung im Rausch. Zwei Dinge hält der Erfahrene fest: „Die Flucht (in den Rausch) ist als Bewegung verhängnisvoll“ und „der Rausch enthüllt, als ob ein Vorhang aufgezogen würde“ einen tieferen Charakter des (im Rausch wahrgenommenen) Geschehens. Klar ist hier nicht die Rede von Schnaps als Schlüssel zu Schlössern Bill Blake`scher Türen: „If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, Infinite. For man has closed himself up, till he sees all things thro' narrow chinks of his cavern.“

Ernst Jünger, „Annäherungen“, Klett-Cotta, 450 Seiten.
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Erscheint am 13.10.2014

Tod über dem Yalu

James Salter berichtet von seinem ersten Beruf als Kampfflieger – in seinem ersten Roman „Jäger”

Die meisten Gewalt nicht verherrlichenden Kriegsromane geißeln ihren Gegenstand von unten. Sie erzählen von der Auslieferung entrechteter Individuen an das militarisierte Kollektiv. Man kann es kaum besser sagen, als der Autor einer Besprechung von James Jones‘ „Verdammt in alle Ewigkeit“ 1951 im „Spiegel“: „Die Szenerie riecht nach Schweiß, Urin, schalem Bier und dem Abfall der Heeresküchen.“ Die Beschreibung passt auch zu Norman Mailers Abrechnung „Die Nackten und die Toten“ mit ihren schrankenlosen Darstellungen von Lebensläufen, die gegen alle zivilen Wahrscheinlichkeiten auf einer pazifischen Insel zusammenströmen und da zersetzt werden. Der Berufssoldat James Salter beneidete Mailer um „einen großen Krieg“. Salters 1957 erschienenes Debüt „Jäger“ erzählt von einem Kampfflieger, der den Zweiten Weltkrieg knapp verpasst hat. Captain Cleve Connell ist heilfroh, über Korea doch noch eine Chance zu seiner Veredelung zu kriegen. Der Autor schildert den Krieg von oben. Dass er das Richtige tut im Verein mit den Kameraden steht für seinen Helden außer Frage. In einem Vorwort, das der verlorenen Zeit geschuldet ist, erklärt Salter die Koordinaten des Koreakriegs. Jedes amerikanische Kind habe Anfang der Fünfzigerjahre einen Begriff von koreanischer Geografie und von den Waffen gehabt, die zum Einsatz kamen. Das betont Salter so wie er die „leichte“ Überlegenheit der russischen MiG-15 gegenüber der North American F-86 hervorhebt. Im Kampf der Jäger kamen Maschinengewehre zum Einsatz, nach elf Sekunden war die Munition verbraucht.

„Fünf Kills“ machen aus einem Flieger ein Ass. Cleve möchte als Ass heimkehren. Dabei erscheint er nicht verbissen, er ist ein angenehmer und angesehener Mann von gut und gern dreißig Jahren. Er führt ein Leben „wie in der Schule, behütet und reglementiert“. Cleve könnte überheblicher sein, doch hütet er sich. Er treibt mit seinen Kameraden über die Oberflächen des Verhaltens, nicht jeder will ein Held sein. Manchen reicht, zu überleben, für Cleve eine Einstellung wie von einem anderen Stern. Er erreicht Korea mit Todesahnungen, ohne besonders beunruhigt zu sein. Er verbindet Todesnähe mit „Reinheit“. Er wähnt sich „mit seinem Willen zur Selbstüberwindung“ in einer „exklusiven, asketischen Welt“. Beherrscht wird diese Welt von einem Giganten im Rang eines Colonels. Colonels Credo: „Ein Kampfpilot braucht nur Selbstvertrauen. … Und ich hab genug für uns alle.“ Colonel Imil freut sich über Verstärkung, Cleve scheint einem Ideal nahezukommen – diese Verbindungen von Besonnenheit und Entschlossenheit – Kaltblütigkeit und Erziehung – Gemeinschaftssinn und Vereinzelung.

Die kleinste Einheit im Luftkampf bildet ein Führer mit einem Flügelmann. Der Flügelmann bewährt sich, indem er den Führer deckt, jedenfalls ist das seine erste Aufgabe. Ein „egoistischer“, auf eigene Abschüsse fixierter Flügelmann namens Pell überflügelt Schwarmführer Cleve. Pell setzt zu seinem persönlichen Höhenflug an und entweiht mit Selbstbezogenheit den Innenraum, in dem Cleve die Apotheose vollziehen will. Jeden Tag steigt er mit seinem Schwarm auf, um in der Gegend des koreanisch-chinesischen Grenzflusses Yalu dem Gegner die Gelegenheit zum Angriff zu geben. Viele Einsätze gehen aus wie das Hornberger Schießen. Für Eingeweihte steht fest, dass zu einem Rundflug ohne Feindberührung oft der heimliche Wille zur Vermeidung gehört. Die Peinlichkeit ist allerdings öffentlich. Falls in der Einsatznachbesprechung kein Abschuss gemeldet wird, weicht „die größte Angst. Alle haben versagt und ein Gefühl der Kameradschaft kehrt zurück.“

Aus dem Vorwort:

„Ein kleiner roter Stern am Flugzeug … war das Zeichen für einen Abschuss. Eine Reihe mit fünf Sternen … war Ausdruck der größten Ehre.

Lord Byron, so sagt man, sei auf seine normannischen Vorfahren, die Wilhelm den Eroberer bei der Invasion von England begleitet hatten, stolzer (als auf seine Bücher) gewesen. (Ich) „fühle einen ähnlichen Stolz, am Yalu geflogen zu sein.“

James Salter, „Jäger”, Roman, Berlin Verlag, 304 Seiten.
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4.10.2014

Buch

Turn on, tune in, drop out

»Eden Express« – Mark Vonnegut erzählt die Geschichte seines Wahnsinns

LSD war die Droge, Schizophrenie die Krankheit und Anti-Psychiatrie ein Schlagwort der Sechzigerjahre. „Turn on, tune in, drop out“ postulierte Timothy Leary. Die Phrase einer Ära stammte von Marshall McLuhan. Vielleicht wird man die Dekade einmal als eine Renaissance deuten. In einer Zukunft, die den ersten Flug zum Mond wie eine Mayflower-Geschichte begreift. Im Verständnis der Acid-Propheten waren die westlichen Gesellschaften krank, ihre Außenseiter auf einem Weg der Besserung. Ein dilettantisches Interesse an vorzivilisatorischen Kulten verstärkte die Vorstellung, psychische Erkrankungen bahnten Wege zu höheren Einsichten. Auch Mark Vonnegut sieht sich zunächst im Vorteil besseren Begreifens, vielleicht sogar einer Prädestination, soweit es um „Gott und die neuen Lebensformen“ geht: „Ich fühlte mich beschenkt und schön. Das Leben war gnädig und gütig“. Wenn Mark „Hallo Gott“ sagt, grüßt Gott freundlich zurück. Marks Wünsche stehen ganz oben auf der Liste. Der Autor zitiert Charles Manson als Gewährsmann für extreme Selbstbezogenheit: „Wenn Gott in allem ist, wie kann ich dann das Böse sein?“ Manson sattelt Ende der Sechziger von Zuhälter auf Guru und Folkmusiker um. Er singt das Ende vom Macht-Liebe-Lied in der schaurigsten Version. Im Jahr von Altamont platzen die Blütenträume der Blumenkinder. Alle sind „schräg“, mit denen Vonnegut gern zu tun hat. Bald entzieht sich der Schriftstellersohn dem Wehrdienst „mithilfe einer unheimlichen Schizophrenie-Nummer“. Noch hält er sich für einen Simulanten. Psychiatriepatienten sind für ihn „Opfer unserer abgefuckten, materialistischen, unpersönlichen, hektischen, übertechnisierten, entmenschlichenden Gesellschaft“. Während die meisten Hippies Kalifornien ansteuern, reist Mark mit seiner Geliebten Virginia in einer privaten Gegenbewegung nach British Columbia. In der kanadischen Wildnis bezieht das Paar eine Hütte, zu der keine Straße führt. Es erweitert die Wohngemeinschaft und ergründet das Prinzip Selbstversorgung.

Im Original erscheint „Eden Express“ 1975. Vonnegut erlebt seinen Ausstieg (auch) unter dem Verwertungsdruck eines Autors. Jede Verhaftung wegen ungebührlichen Aussehens verspricht poetischen Mehrwert. Er dampft vor lauter Begeisterung für subkulturelle Erscheinungsformen im Zeichen der Räucherstäbchen. Er erzählt von Ökobauern, die sich selbst vor den Pflug spannen, „statt Tiere auszubeuten und irgendwelche Maschinen zu benutzen.“ Ein antitechnischer Affekt knüpft an das magische Denken. Der Autor wird sich seiner Krankheit in einer Umgebung bewusst, die dazu einlädt, Symptome zu delegieren. Vonnegut erlebt seine Schizophrenie zunächst wie einen Geburtsschmerz des neuen Menschen, der im „mystischen Einssein mit allem“ verschmilzt: „Als ich dann anfing, Stimmen zu hören, (nahm ich an) dass alle Stimmen hörten. Ich erkundigte mich ( ): „Und was erzählen euch eure Stimmen so?“
Für die Kommunarden ist Rationalität ein Übel. Die Gruppe befindet sich auf der Suche „nach unbekannten Formen des Denkens“. Manche haben schon beim Gemüseanbau Bedenken, sie streben eine Ernährung auf der Basis von Wildpflanzen an. „Mir kam der Gedanke, ob ich den Bäumen wohl wehtat, und ich fing an, mich bei ihnen zu entschuldigen.“
Allmählich zwingt der persönliche Wahnsinn Vonnegut in eine Differenzierung zum allgemeinen Wahnsinn „der neuen Horizonte und Durchbrüche“ in Angelegenheiten wie „Politik, Drogen, Sex, Religion, Ernährung“. Ich setze Eifersucht dazu. Die späten Hippies verlangen von sich Askese im negativen Gefühlsspektrum. Hass ist ihnen suspekt, Wut erscheint fragwürdig – und so auch Eifersucht. Virginia schläft mit Vincent, dann heult sie in seinen Armen, weil sie „Mark wehgetan“ hat.
Wo Kontrollverlust angestrebt wird, fällt pathologisch unkontrolliertes Verhalten nicht unbedingt auf. Das Zauberwort lautet Verdrängung. Der kanadische Urwald erscheint dem Kollektiv wie eine Instanz gegen Verdrängung. Nur als Beispiel für die Terminologie: „Möglich, dass diese Gefühle den Ausbruch verdrängter Homosexualität darstellten, was klinisch natürlich furchtbar signifikant wäre“. Und so weiter. Doch kommt es soweit, dass Vonnegut glaubt, ein Erdbeben ausgelöst zu haben. Die Vorstellung, psychische Erkrankungen seien ein „Mythos“ und Schizophrenie sei „eine gesunde Reaktion auf eine kranke Welt“ verblasst.

Mark Vonnegut, „Eden-Express – Die Geschichte meines Wahnsinns“, Berlin Verlag, 384 Seiten

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30.9.2014

Nino Haratischwili im Deutschen Theater (mit Schauspielerin Gabriele Heinz, links, und Sina Witthöft von der Frankfurter Verlagsanstalt)
Nino Haratischwili im Deutschen Theater

Gott ist Georgier

Nino Haratischwili erzählt auf knapp dreizehnhundert Seiten eine kaukasische Saga im Jahrhundert des Terrors – „Das achte Leben“ schwelgt in Farben der Verschwendung

Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, war er urlaubsreif. Er suchte den gelungensten Flecken Erde und fand ihn in Georgien. Als Chruschtschow nach Stalins Tod die Verbrechen einer Epoche öffentlich ansprach, äußerte sich Unmut in der Heimat des Despoten. Die Protestanten wollten auf den georgischen „Gott“ Stalin nichts kommen lassen. Es gehörte zu ihrem Stolz, in Stalin einen Landsmann gehabt zu haben, der ein Imperium wie ein tyrannischer Hausherr „unter seine Knute zu zwingen“ imstande gewesen war. Nino Haratischwili erinnert daran im Deutschen Theater. Die aus Tiflis gebürtige Autorin stellt ihr Epos „Das achte Leben (Für Brilka)“ vor – eine Familienrhapsodie mit einer Spanne von sechs Generationen. Am Anfang steht ein verschreibungspflichtiges Rezept für heiße Schokolade, das den Stammvater in der Gründerzeit von 1900 wohlhabend macht. Dreißig Jahre später wird seine Tochter Christine Geliebte des sowjetischen Geheimdienstchefs Beria. Der Georgier Beria teilt mit Goebbels eine Schwäche für Schauspielerinnen. Der Zampano des Terrors bestellt sich Schönheiten nach Hause und verwirrt sie mit kunstsinnigen Bemerkungen. Die Autorin liest im Duett mit Gabriele Heinz, sie antwortet auf Fragen ihrer Lektorin Sina Witthöft. Ein Rezensent wird zitiert: „Der Roman sei maßlos im Umfang“, doch könne er keinen Satz entbehren. Die vielen „Zeilen“ verdankt Erzählerin Niza „einem lange andauernden Verrat, der sich wie ein Fluch über meine Familie gelegt hat“. Niza berichtet ihrer Nichte Brilka. Dem Nesthäkchen der Dynastie geht es vermutlich so wie der in Deutschland aufgewachsenen Autorin, die sich Georgien zunächst in der westlichen Perspektive erschloss – bevor sie anfing aus Quellen zu schöpfen, die auch geografisch dichter am Geschehen sind. Nino Haratischwili räumt sachliche Darstellungen in eine Villa Kunterbunt der Mythen und Märchen. Im Deutschen Theater erwähnt sie die Macht des Kaffeesatzes und des bösen Blicks als Verhaltensrelikte einer Gesellschaft auf archaischem Grund. Den Georgiern sei ein Tugendpfad geläufig, auf dem man nie allein ist. Man lehre sie, „gläubig und fröhlich“ zu sein, in einem Land „ohne Ehrgeiz“. Die Autorin spinnt die Text & Teppich-Metaphorik weiter. Der Text als Gewebe – zu Elegien aus Tausend und einer Nacht. Die heiße Schokolade des Altvorderen (ich glaube, er ist der Ururgroßvater von Brilka, in jedem Fall stieg er auf bis zu einem Lieferanten des Zaren) war „schwarz wie die Nacht vor einem Gewitter“. Sie explodierte auf dem Gaumen oder ließ den Gaumen explodieren oder wirkte sich schwindelerregend auf den Gaumen aus. Der Komponist dieser Kreation war ein Mann von kollaborierender Lebensweise, seine Ehe „weder arrangiert noch glücklich“. Männlicher Nachwuchs stellte sich nicht ein, „war die Schokolade vielleicht zu köstlich? Lag ein Fluch auf ihr?“ Jedenfalls wird auch seine Tochter Christine nicht glücklich. Der eifersüchtige Gatte verätzt erst ihr Gesicht mit Säure, dann erschießt er sich mit einer Walther PPK. Nino Haratischwili behauptet, das XX. Jahrhundert habe alle betrogen. Den Kaukasischen Fünftagekrieg von 2008 erlebte sie als Urlauberin in Tiflis auf rauschenden Festen. So mixt sich das bei dieser Erzählerin.

Nino Haratischwili, „Das achte Leben (Für Brilka)“, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 1280 Seiten
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Siehe auch:

Gespräch mit Nino Haratischwili

28.9.2014

Das tote Telefon der Lieblosigkeit

Eine Bemerkung zu Klaus Pohls Schlüsselroman „Kinder der Preußischen Wüste“
 
Ein Ton, der sofort einleuchtet. Kein Satz verunglückt vor lauter Ästhetik. Klaus Pohl schreibt über Thomas Brasch, er schreibt den Roman eines Lebens, das im Feuilleton als verunglückt dargestellt wurde. Ich kann das Unglück nicht erkennen. Brasch ist auf der Höhe seiner Begabung wahrgenommen worden. Die letzte Wohnung am Schiffbauerdamm lokalisierte Brasch im Zentrum seiner Biografie. Bei Pohl heißt Thomas Brasch Robert Papst. Robert sagt: „Von hier bis zur Oranienburger Straße ist weder Ost noch West. Hier ist O-Weh-Berlin. Meine Schizophrenie hat endlich ihren Ort gefunden.“ Jeden Tag kommt Martina Hanf von der Akademie der Künste, um Sturm und Drang zu sichten – „Wind ist eine Bewegung der Luft“, sagt der Künstler in seiner Knabenblüte. Als arrivierter Autor schreit Robert manchmal aus dem Fenster, man hört ihn im Berliner Ensemble. Das ist das nächste Haus.
Pohl macht keine lyrischen Klimmzüge, um an den Dichter heranzukommen. Er erzählt wie ein Boulevardjournalist in den besten Stern-Zeiten. Er treibt die Pointen zusammen. Er motiviert den Titel. Friedrich I. habe den Oderbruch, „eine natürliche Auenlandschaft, die zweimal im Jahr überschwemmt wurde, meine preußische Wüste“ genannt. Der Soldatenkönig führte keine Kriege, er begann mit der Trockenlegung, sein Sohn führte Kriege und setzte außerdem Ehrgeiz in die brandenburgischen Sümpfe. „Ländereien urbar zu machen, beschäftigt mich mehr als Menschenmorden“, soll Friedrich II. gesagt haben. Auch Robert treibt im sozialistischen Froneinsatz „Wiesenentwässerung“. Da hat er schon vier Jahre Kadettenanstalt, Kartoffeleinsätze, Fluchtphantasien, poetische Anläufe und eine Relegation hinter sich. Sein Vater kam nach dem Krieg als Emigrant aus England und machte in einer Seilschaft mit Honecker Karriere. Pohl schildert einen harten Knochen, einen Familiendespoten, den das schrecklich macht: dass er sich vor allen im Recht wähnt. Er betrachtet die DDR als Familienbetrieb, in dem seine Söhne Verantwortung zu übernehmen haben. Der alte Papst will im Ganzen ein Volk erziehen, das sich ihm und seinen Genossen massenhaft entzieht, bis Ulbricht sagt: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen.“
Die Papst´sche Familiengeschichte verästelt sich in der Überdurchschnittlichkeit, Pohl schöpft aus dem Vollen. Roberts Bruder James will Schauspieler werden und Marlon Brando übertreffen. Er verehrt die halbrumänische Tochter eines Neurolinguisten, der mit Helene Weigel verwandt ist. Jeden Morgen wartet James vor der Jannowitzbrücke auf eine Sängerin, die noch zur Schule geht. „Immer hat er (für Nora) ein kleines Geschenk dabei.“ Und sei es „eine Handvoll Wind“. Da ist er wieder, der Wind auf dem Boulevard der scheckigen Narration. Pohl füllt Seiten. Der alte Papst erreicht seinen Zenit als stellvertretender Kultusminister. Robert lebt mit offenem Kopf, in seiner Phantasie schließt sich die Fontanelle nicht. Er gelangt an die Hochschule für Filmkunst in Babelsberg, dafür wird er sich bedanken

Nora verliebt sich in ihn, erst wohnt Robert illegal in der Hauptstadt. Dann angelt er eine Bude im Boxhagener Kiez. Nora singt „Der Abend ist gekommen“. Das Paar verteilt handgeschriebene Flugblätter in antifaschistischer Tradition gegen den Frost im Prager Frühling von Achtundsechzig. Am Ende vom Lied sind Robert und Nora gefangen. Nach ihrer Freilassung darf Nora nicht mehr auftreten, sie verlässt die DDR und heiratet schließlich Klaus Pohl.
Robert kommt erst in das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit nach Hohenschönhausen. Dann geht er zur Bewährung in die Produktion. „Schreib Gedichte“, wird ihm geraten: „Lyrik ist in unserer Zeit am wenigsten korrumpierbar“. Einen Stoff serviert man ihm auf dem Silbertablett. Gewirkt ist er aus den Emanationen eines „eiskalten Engels“. Der „Engel aus Eisen“ stirbt unter dem Fallbeil. Er hat kaum gelebt, vielleicht erklärt das den Engel. Robert kriegt sein Poesiealbum, er verliebt sich in Sophie, die schwanger ist von Noras Bruder.

Wer rät Robert? Im Roman heißt er Günter Edmund und ist alt und wüst. Ein Zyniker in seinem Material. Er hält Hof in Mahlsdorf, ein Dildo hängt als Mahnung über der Couch. Drei DDR-Dichter leihen ihm eine Legende. Zwei fallen zurück wie bei einem Spurt in Zeitlupe, der dritte hat ein verbotenes Stück geschrieben. Seine Empfehlungen gelten im Westen. Ein Lektor aus dem kapitalistischen Deutschland, verwirrt von den losen Sitten der Hauptstadtboheme, nimmt Robert unter Vertrag. Bald beklagt er die Treulosigkeit des Debütanten. Langsam löst sich der eiserne Griff, der Robert in der DDR hält. Robert denkt an Freiheit, er wird aber nur fallengelassen. „Die Kleine“ aus dem VEB Transformatorenwerk Oberschöneweide, die für einen intimen Vormittag mit dem gemaßregelten Dichter fürsorglich eine Flasche Korn in ihrem Spind gebunkert hat, wird als lyrischer Gegenstand gelegentlich nur noch erreichbar für eine Sehnsucht sein. Diese Sehnsucht würgt Robert, sobald er mit Sophie und ihrer Tochter von einem Jahr ins nächste das Land wechselt. Erfolg stellt sich sofort ein „im bunten Wahnsinn“. Nun ändert sich die Perspektive des Romans. Nora empfindet Not, sie kriegt kein Bein auf den Boden von Westberlin. Sie wohnt bei Robert und Sophie und kümmert sich um Sophies Tochter. Der gedopte Dichter dreht Filme, die Assistentinnen sind extrem hübsch. Nora betrachtet das Leben wie durch einen Türspalt. Sie ist seelisch unter Wasser. Jetzt gefällt mir die Geschichte wieder, da sie wieder einen Grund hat. Sie löst sich vom ersten Anlass so wie ein Artist loslässt im Vertrauen auf die Luft. „Die Freiheit war ohne Geld und ohne große Liebe wie ein totes Telefon.“ Nora irrlichtet durch die Stadt, eine verirrte Person, in der sich alles verwirrt. Das hat seine Zeit, es kommt eine andere. Nora gründet ihre Familie mit einem Mann, der sich auf Robert fixiert. Der Autor porträtiert sich selbst als avancierten Mitläufer bei Roberts finalem Amoklauf. Robert engagiert einen Weltstar für einen Kassenflop, der Film geht trotzdem in die Geschichte seines Genres ein.

Sophie verlässt ihn, an ihre Stelle treten die Heißhungrigen. Der Roman beginnt im Bordell und bewegt sich darauf zu. Roberts Frankfurter Verleger fordert einen Roman so groß wie Deutschland. Die Forderung entspricht einer schmeichelhaften Offerte, die Offerte führt Robert an seine persönliche Grenze. Diesen Roman kann er nicht schreiben. Einem Dreitausendseitenkonvolut zum Trotz. Robert hat sich verrannt auf der Lebensbahn eines Massenmörders. Pohl bleibt fasziniertes Publikum, er camoufliert sich als Louis. Papst nennt ihn Prinz. Ein Prinz ist jemand, der nicht König geworden ist. Die innerdeutsche Grenze knickt ein, die Weltgeschichte scheint einen Knicks zu machen, in Wahrheit verschärft sich die Lage.

Klaus Pohl, „Kinder der Preußischen Wüste“, Roman, Arche, 495 Seiten.
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21.9.2014

Thomas Wodianka, Mareike Beykirch und Anastasia Gubareva lesen im Berliner Maxim Gorki Theater

Radical Chic

Thomas Wodianka, Mareike Beykirch und Anastasia Gubareva lesen im Berliner Maxim Gorki Theater aus Olga Grjasnowas neuem Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“

Ein Vertrag kommt zustande durch Angebot und Annahme. Was auf die Fließbänder des Verhaltens gepackt wird, muss nicht besprochen werden. Konkludentes Handeln reicht. Beispiel: Sie ist affiziert und zeigt das an. Ein Gang zum Klo kriegt Aufforderungscharakter. Das Klo ist versifft, die Leidenschaft lacht den Dreck weg. In Olga Grjasnowas neuem Roman konkretisiert sich dieser Ablauf ohne Worte in einer Kreuzberger Kneipe. Da nimmt Jonoun das Interesse einer Frau wahr. Sie geht ihr voran zum Klo und folgt Leyla dann nach Hause, irritiert, aber nicht aus der Fassung gebracht vom Ehering der Bekanntschaft. Sie selbst hat mit Mitte Zwanzig schon eine Ehe hinter sich. In der fremden Wohnung lernt sie Altay kennen. Die in einem Kibbuz aufgewachsene Jonoun ist an ein Ehepaar aus Baku geraten. Leyla und Altay gehen erotisch getrennte Wege, ihre Ehe dient der Wahrung eines Anscheins. Dahinter steht das Prestige der Herkunftsfamilien, die eine Durchbrechung der postsowjetischen Ordnung sanktionieren müssten.

Ein Tisch und drei Leute auf der Bühne – Thomas Wodianka, Mareike Beykirch und Anastasia Gubareva lesen im Maxim Gorki Theater aus Grjasnowas neuem Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“. Sie korrigieren sich gegenseitig bei der Aussprache von Namen. Sie steigen krass ein, Leyla sitzt in Baku im Knast. Festgenommen wurde sie wegen der Teilnahme an einem illegalen Autorennen. Diese Konkurrenzen sind wohl ein Gipfel des Radical Chic, um einmal wieder an Tom Wolfe zu erinnern. Kinder reicher Leute begreifen sie als „letzte Möglichkeit der Revolte“. Das Vergnügen besteht darin, „Autos, auf die man früher jahrelang warten musste“, zu Schrott zu fahren. Immer nachts und immer in belebten Gegenden. Zwar steht diese Jeunesse dorée einer Clangesellschaft über dem Gesetz, aber das arrogante Rowdytum bringt den Polizeichef von Baku so auf die Palme, dass er eine Ausnahme macht und die rasende Blüte des Landes einbuchtet als sei sie Hänsel und Krethi – und nicht einflussreich bis nach Saudi-Arabien. Leyla war bis zu einem Unfall Tänzerin am Bolschoi Ballett. Sie gehört auch zur Crème de la Crème von Aserbaidschan, nur auf post-sowjetisch mit Heldengroßeltern, für die Schmerz pädagogisch wertvoll war. Deshalb Ballett, da „lernt man die drei Schmerzgrundarten“. Leyla fehlt das Ballett wie eine Droge. Eine gelungene Bewegung „macht sie high“. Ohne Training „fremdelt sie im eigenen Körper“.

Das ist alles sehr interessant sortiert im Roman, soweit der Vortrag reicht. Die Schauspieler scheinen mit Spaß auf der Arbeit zu sein, doch bei Schauspielern weiß man nie. Zwei Polizeischüler, einer weist „eine schlecht operierte Hasenscharte“ vor, erniedrigen Leyla von Amts wegen. Die Schüler scheitern am „undurchdringlichen Hochmut“ der Gefangenen.

Ich möchte noch einmal auf die jungen Autofahrer in Baku zurückkommen. Grjasnowa behauptet, ihre Revolte geschähe „aus Langeweile“. Der Westen habe sie enttäuscht. Er sei ihrer Kaufkraft nicht gewachsen. Sie verstehen sich als runderneuerte Gauche Kaviar.

Der Roman erfüllt Aufgaben einer Zeitung. In Aserbaidschan gilt „Homosexualität als Trend aus den Vereinigten Staaten von Amerika“. Derangierte „Sexarbeiter“ landen in der Psychiatrie.

Leylas Mutter war „Muse der gesamten südkaukasischen Kulturlandschaft“. Sie sorgte dafür, „dass der Wille zu funktionieren zum Fundament der Persönlichkeit“ ihrer Tochter wurde. Altay holt Leyla aus dem Gefängnis. Er überrascht sie mit seinem Kinderwunsch. Zugleich klärt er auf „Gay Romeo“ was in Baku geht. Wieder bringt Grjasnowa Fakten. Außerhalb von Baku annoncieren nur vier Männer ihre Interessen auf der Plattform. In Baku sind es dreihundert, hauptsächlich Ausländer.

Olga Grjasnowa, „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ , Roman, Hanser Verlag, 272 Seiten.
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19.9.2014

Jakob Augstein, Foto Jamal Tuschick
Buch

Die Unterdrückung kommt von innen

Frank A. Meyer und Jakob Augstein stellen ihren Gesprächsband „Es wird eine Rebellion geben – Was unsere Demokratie jetzt braucht“ im Berliner Ensemble vor

Die schönste Geschichte des Abends ist ein Heimatroman in drei Sätzen. Frank A. Meyer stammt aus Biel, seine Gegend war im 19. Jahrhundert Ringplatz einer revolutionären Bewegung. Im „Jurassischen Bund“ vereinten sich viele Uhrmacher. Ihre Weltbetrachtung ging vom Handwerk aus. Sie waren Bürger und Anarchisten. Meyer sieht sich in der Tradition des begehrenden Bürgers. Er betont den Unterschied zwischen Citoyen und Bourgeois. Meyer ist ein Feuerkopf, seine Säulen sind Streitlust und Verfassungstreue. Er schillert wie eine Libelle. Ihm gegenüber sitzt Jakob Augstein in der Rolle des Skeptikers. Zwischen Meyer und Augstein kommt Astrid Frohloff einer dankbaren Aufgabe nach. Das Gespräch in Gang zu halten, kostet keine Mühe. Aus Meyer bricht es, er denkt Demokratie mit Radikalität zusammen. Er sei der letzte „Freisinnige“, das Schweizer Wort für Liberale. Nur, dass Liberale in der Schweiz siegreiche Revolutionäre sein können. Der Citoyen geht mit Krawatte auf die Barrikade, er vertritt mit Meyer einen militanten Begriff vom Bürgertum. Meyer klärt: „Wir reden vom Bürger und meinen den Wirtschaftsbürger.“ „Nicht den Staatsbürger“ – den Meyer meint und verklärt.
Augstein sekundiert, die marktkonforme Demokratie sei „kastriert“. Viele Politiker brächten den Schneid nicht auf, der Wirtschaft und ihrer Macht zu widerstehen. Sie erlägen der Versuchung, sich vor Finanzgrößen kleiner zu machen als ihr Mandat es vorsieht. Augstein widerspricht Meyer: „Die Unterdrückung kommt von innen.“ Bürgerliche Freiheit und ihre Gestaltungsmöglichkeiten stellen sich für die meisten Teilnehmer am Gesellschaftlichen als Überforderung dar.
Meyer zeigt das Auditorium mit dem Finger an. „Da sitzt doch der Bürger“. Im Plural seiner Mattigkeit. Augstein grimassiert, vermutlich will er Meyer als schmeichelndem Volkstribun keinen billigen Zulauf mit Einwänden verschaffen. Dann sagt er aber doch: „Diese (bürgerliche Beteiligungs-) Freiheit gibt es in Wahrheit nicht.“

Meyer beschwört den „mündigen Bürger“. Er rühmt den „Freitag“ als „Augsteins Salon“, in dem jeden Donnerstag der mündige Bürger empfangen wird, um im großen Kreis „linke politische Kultur“ stattfinden zu lassen. Das ist kurz vor Kabarett, man könnte gegen Meyer einwenden, was Heiner Müller gegen Peter Hacks vorbrachte. Hacks habe „die DDR als Märchen“ falsch verstanden. Das Hack´sche Konzept erschöpfe sich „in historischen Analogien“. So ist das bei Meyer und der Demokratie. Er sagt wie ein anderer Goethe, wo „von Markt und Preis“ gesprochen wird, sollte „von Maß und Wert“ gesprochen werden. Mir fällt gerade Johannes Gross ein, das war auch so ein Meyer mit blendender Rhetorik.

Es wird eine Rebellion geben
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17.9.2014

Glückliche Bestie

Davide Enias Romandebüt „So auf Erden“ fängt stark an

„Here comes the story of the Hurricane. The man the authorities came to blame for something that he never done.“ Bob Dylan in „Hurricane“ über Rubin „Hurricane“ Carter

Der Klappentext verspricht einen „Hurricane von einem Roman“. Die Schreibweise von „Hurricane“ lese ich als Anspielung auf Rubin „Hurricane“ Carter, einen schwarzen Mittelgewichtsboxer, dessen Tragik Poesie in elisabethanischer Fülle provozierte. Carter war in der Form seines Lebens, als er 1966 verhaftet, wegen Mordes angeklagt und zu dreimal lebenslänglich verurteilt wurde. Das Urteil basierte auf Falschaussagen und Vorurteilen. Rehabilitiert wurde Carter nach neunzehn Jahren in Haft. Seine Biografie inspirierte Nelson Algren, Bob Dylan, Norman Jewison und Wolf Wondratschek. Davide Enias Held ist neun, als ihn ein Onkel zum ersten Mal in den Ring schiebt. Davidùs Begabung zeigt sich auf Anhieb. Er argumentiert mit den Händen fast wie ein geschulter Faust-Rhetoriker. Davidù liegt das Boxen im Blut, die Fachleute in Enias Roman erkennen das. Sie bemänteln ihre Freude mit einem Anschein von Ungerührtheit.

Das ist ein großartiger Einstieg. Enia lässt Davidù seine Geschichte selbst erzählen, sie spielt in Palermo. Auf den Straßen wird geschossen, die Polizei ist in jedem Fall der Feind. Der Junge verinnerlicht das Gesetz des Schweigens. Er nimmt Maß am bärbeißigen Onkel Umbertino. Davidùs Vater lebt nicht mehr, der Halbwaise wächst in Obhut seiner Mutter und ihrer Schwiegereltern auf. Die Großmutter lenkt ihn Richtung Literatur, der Großvater lehrt Davidù undurchdringlich zu sein. Der Enkel besteht seinen ersten Straßenkampf zum Schutz eines Mädchens: „Ich war ruhig und heiter wie der Zorn Gottes.“

Das Mädchen heißt Nina, so klingt für Davidù die Liebe. Er hört die Geschichten der Familie und entdeckt seinen Onkel neu als tugendhaften Hurengänger. Enia erfindet der Prostitution ein hübsches Gehäuse. Wie märchenhaft, denke ich, bis mir Malaparte und sein Seelen verkaufendes Nachkriegsneapel einfällt. Bomben fallen auf Palermo, „im Augenblick des Einschlags entstand eine kleine Sonne, die sich mit dem Regen traf“. Umbertino wird sein Schicksal offenbart: „Das Blut verleugnet sich nicht.“ Umbertino „ist eine glückliche Bestie“. Seine Stadt hält keine Gegner für ihn bereit, bis „der Neger“ erscheint, ein Deserteur der amerikanischen Streitkräfte – ein Mann, der im Alkohol badet – ein Mittelgewicht, das die Bestie von Palermo mit Bienenstichen zur Schnecke macht. Dem Neger wurde die Gnade der Schnelligkeit zuteil, sein nom de guerre könnte „Hurricane“ sein. Das Schlachtross Umbertino macht ihn zu seinem Meister. Eine Initiation findet statt, nach den Regeln der Kunst. Der schwergewichtige Novize entwickelt Vorzüge leichterer Klassen. Ich finde das riesig erzählt, vor allem die Stelle, wo Umbertino die Sache auf den Punkt bringt: „Der Neger war siebenundzwanzig und hatte kein einziges Mal im Gesicht.“

Er trifft, ohne getroffen zu werden. Nicht die Reichweite bringt den Vorteil, vielmehr die Beinarbeit: „Der Neger boxte nicht. Er schwirrte.“ Er löst die Verbindung zu seinem Schüler und verwischt seine Spuren. Umbertino eröffnet eine Boxschule, Enia erklärt sie zur heiligen Halle.

Die nächste gewaltige Begegnung in Umbertinos Leben wirft Licht auf Davidùs Vater. „Der Paladin“ kommt noch schneller als „der Neger“ bei seinen Gegnern ins Ziel. Das verleiht ihm mythischen Glanz, Enia reizt das Unwahrscheinliche aus. Er malt lauter Heldenbilder. Nicht immer schrammt er am Kitsch vorbei.

Davide Enia , „So auf Erden“, Roman, Berlin Verlag, 384 Seiten,
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14.9.2014

Boris Hillen, Foto: Jamal Tuschick
Boris Hillen, Foto: Jamal Tuschick

Am 8. Tag der Schöpfung

Boris Hillen liest in der Berliner Galerie SLaM auch aus „Agfa Leverkusen“

Der Reisende landet in Mexiko. Er sieht Pilger auf ihren Knien rutschen und eine Blutspur, die immer länger wird. Er denkt an Trotzki, der 1940 in Coyoacán mit einem Eispickel ermordet wurde. Er erinnert an Kulturen, die lange vor den Azteken existierten. Es gibt einige berühmte Vorläufer von Boris Hillens Mexikanischen Elegien, er liest in der Berliner Galerie SLaM – am Ende eines Tages, der Sommerhitze in Herbstfarben tauchte. Vor der Galerie stolpert ein Greis an einer Bordsteinkante. Er fängt sich mit jubelnden Händen, nun bedroht er den Bürgersteig. Das gefällt mir, diese Wut, die von Gebrechen ablenkt. Dem Auge leuchtet eine Schenke vis-à-vis, ein Satellit schlägt auf die Torstraße. Hillens Hotel in Mexiko-Stadt wäre ideal als Schauplatz für den Goldenen Schuss zum Schluss. Man könnte da indes auch noch einmal Thomas de Quinceys „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“ mit Gewinn lesen. Der Erzähler reist auf Speed, auf einer Terrasse mit ozeanischer Aussicht lässt er sich Meeresfrüchte servieren und Robert Mitchum wiederauferstehen. Er zieht durch Clubs, „die immer noch Disko heißen. Hier tobt der Krieg um die besten Stücke.“ Ausgefochten wird er „von Männern wie tolle Hunde“. Dem Reisenden zur Seite stehen die „boys“. Er wird sich ihnen angeschlossen haben, kaum zu glauben, dass so einer in einem Pulk über Kontinente streift.
Der Reisende bewundert den Todesmut der Klippenspringer in Acapulco, sein Schöpfer springt selbst. In die nächste Geschichte. Sie spielt in Paris, wieder ist ein Hotel im Spiel. Und ein Portier, der bestechlich ist. So bringt der „Goldmann“ die Zimmernummer der „Studentin“ in Erfahrung. Er beobachtet sie Tag für Tag, von der erhöhten Warte seines Arbeitsplatzes. Legiert mit Goldbronze steht er in vereisten Posen vor einer Kathedrale und lässt sich anschauen wie einer, der nicht zurückschaut. Tatsächlich sind ihm manche Passanten so vertraut, dass er aus seiner Rolle fallen möchte, um zu grüßen. Seine Studentin arbeitet als Taschendiebin, sie nutzt das Interesse des Publikums am Goldmann als Aufmerksamkeitsfalle.
Sie heißt Monique und liest Camus. Ihre Beine verdienen Bewunderung. Ihrer „Wirkung ist sie sich bewusst“. Monique schlägt dem Goldmann ein Spiel vor, bei dem einer vor dem anderen schließlich nackt sein wird. Der Sieger darf dem Verlierer für die Dauer einer Nacht seine Wünsche diktieren.

Jamal Tuschick, Boris Hillen und Tobias O. Meißner
Jamal Tuschick, Boris Hillen und Tobias O. Meißner

Der Autor holt zum dritten Schlag aus, die erste Lesung aus „Agfa Leverkusen“. Der Roman erscheint im kommenden Frühjahr bei S. Fischer. Hillens Held heißt Kishone, er ist „indischer Provinzfotograf“ – ein Mann der Schwarzweißfotografie, der lange gut von seiner Sache lebte. Doch von einem Tag auf den anderen will kein Mensch mehr das, was Kishone zu bieten hat. Er wird von einer Entwicklung überrollt, der er ablehnend gegenüber steht. Mit der Akribie des Konvertiten macht er sich dann daran, die Geheimnisse der Farbfotografie zu ergründen. Mit seiner Royal Enfield Bullet, eine Maschine, „die Götter zum Verstummen bringt“, fährt er Richtung Leverkusen, dem Agfa-Mekka. Unterwegs vorläufig noch in Indien trifft er Serge auf einer Harley Davidson Knucklehead. Serge ist ein Fremdenlegionär, „den der Indochina-Krieg übriggelassen hat“. Er hat eine Haut „wie Leder“ und war „nie was anderes als Soldat“. Sieht man von einer Phase als Lyriker in Kalifornien ab. Serge verfügt über eine ausgefeilte Theorie, soweit es die amerikanische Nationalhymne betrifft. Er hält die Hymne für eine Droge, in die Welt gebracht vom Teufel am achten Tag der Schöpfung.

Buch

Roswitha Quadflieg: »Neun Monate – Über das Sterben meiner Mutter«

„Heute ist Mama gestorben.“ So beginnt Camus` „Der Fremde“. Der schlanke Satz hat Karriere gemacht. Wie lange galt er als vorbildlich? Vermutlich haben Generationen von Autoren vergeblich versucht, einen Satz dieser Güte an den Anfang eines Romans zu stellen. Er steht in dem schwarzen Rahmen eines Kuverts für Todesfälle. Roswitha Quadflieg hätte ihn zum Motto eines Berichts über das Sterben ihrer Mutter bestellen können – „Neun Monate – Über das Sterben meiner Mutter“. Stattdessen verfiel sie auf Woody Allen und Joachim Ringelnatz. Schon glaubt man zu wissen, wohin die Reise geht, „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ Ein Kurzschluss. Die Autorin greift der Ahne unter die Arme, als Mutter Quadflieg mit zweiundneunzig ihre Fassung verliert. Sie wird nicht so gediegen abtreten wie sie gelebt hat. Der Zufall wird zur Fabel. Vom Termin der ersten massiven Abweichung bis zum Todestag verstreichen neun Monate. Eine Geburt im Rückwärtsgang. Im ersten Monat der Frist erreicht die Tochter in Marrakesch die Nachricht von einer eskalierenden Verwirrung der Mutter. Die Berichterstatterin vernimmt sie in einen rhythmisch hochgefahrenen Tumult. Sie fragt sich: „Warum sollte sich denn nicht auch meine Mutter mal anders benehmen dürfen als sonst, unerhört, verstörend, laut?“ Verdrängte Kriegserlebnisse steigen der Greisin zu Kopf. Sie versinkt in Paranoia.
Schwedisch-Livländischer Adel hat sie hervorgebracht. 1933 verbindet sie sich mit Will Quadflieg. Sie strebt selbst zum Theater, wird an der Berliner Volksbühne engagiert und nimmt außerdem ein Medizinstudium auf. Sie heiratet im Jahr der Geburt ihres ersten Kindes 1940. Der Gatte reüssiert am Schillertheater. Ein Luftangriff zerschlägt das Haus im November Dreiundvierzig. Im April Fünfundvierzig kehrt sie hochschwanger mit dem dritten Kind nach Schweden zurück. Die Autorin memoriert den biografischen Abriss in einem marokkanischen Internetcafé. Sie beschreibt den Lärm und die Armseligkeit vor Ort: „Vorn an der Kasse weint ein Mädchen ins Telefon.“
Ein Interesse der Mutter an Heilpädagogik ist noch nicht lange erloschen. Solange konnte sie dem Informationszeitalter die Stirn bieten, nun hat sie ihren Führerschein für die Datenautobahn abgegeben. Sie schafft nicht mal mehr die Tageszeitung. Ihr Wille wird zu einer fragwürdigen Erscheinungsform. Geschwister der Berichterstatterin listen die Verluste. Sie kommen nur mit einem Buchstaben vor, das verdichtet die Realität. Roswitha Quadflieg überlässt nichts der Fiktion (dies als blanke Behauptung), der Leser erlebt sie immer noch in Marrakesch, gerade enttäuschte sie der jüdische Friedhof. „Überall Dreck und Müll. Räudige Katzen.“ Die Versprechungen des Reiseführers waren falsch. Im nächsten Augenblick sieht Roswitha Quadflieg (nach Flug und Zugfahrt) ihre Mutter „auf dem Flur der Geriatrischen Psychiatrie“ in einem Hamburger Krankenhaus. „Ein Monster mit Glotzaugen.“
In der Mutter ist das Tausendjährige Reich auferstanden aus Ruinen. Ständig muss sie zum Verhör, das Okkulte regiert sie. Die Tochter schildert einen Geistertanz. Sie zitiert Referenten, die ihre Mutter zum Diktat zwingen: Swedenborg, Strindberg. In diesem Kabinett tritt der permanent untreue Gatte auf, als einer, der immer spielt. Verwandte kommen vor, wie sie verarmen. Die Hinfälligkeit greift um sich, noch einmal geht die Sterbende zur Schule. Sie lernt, dass sie nichts mehr anordnen kann. Frau Quadflieg schafft sich ein zweites Ich namens Frau Anders. Das reißt blöde Witze und findet an der Obszönität Vergnügen. Es spuckt aus, auf Geheiß des Teufels. Endlich betet sie den Tod in ihrer Muttersprache herbei. Der neunte Monat bricht mit dem Versprechen an, das letzte Kapitel zu beenden. Ein Konto wird aufgelöst, eine Scheckkarte zerschnitten. Ein Angestellter sagt: „Das war’s dann auch schon.“

Roswitha Quadflieg, „Neun Monate – Über das Sterben meiner Mutter“, Aufbau Verlag, 159 Seiten.
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9.9.2014

Buch

Anatomie eines Verbrechens

Orkun Ertener legt seinen ersten Roman vor. In „Lebt“ wird munter gestorben

In meiner Phantasie sieht Anna Roth aus wie Maria Furtwängler. Beide sind Ärztinnen und als Schauspielerinnen erfolgreich. Sie sind reich geboren, von nobler Herkunft zudem. Ihre Männer passen ins Bild. Mühelos gelingt ihnen, wofür sich andere auffressen lassen müssen. Dabei wiegt der Ruhm so schwer wie ein Achselzucken. Die Schauspielerinnen Anna und Maria schweben über ihrem Fach. Anna findet es an der Zeit, ihre Biografie zu streuen und zieht deshalb Can Evinman heran. Jedenfalls suggeriert sie das dem Ghostwriter. In Wahrheit soll ihm der Auftrag unter die Arme greifen. Ein großer Mann mit dunkler Vergangenheit hält seine Hand über ihn. Can nennt sich selbst Söldner, der bellizistische Vergleich fällt durch jede Prüfung. Can ist ein softer Familienmensch. Der Tod seiner Eltern kam früh, ein Strandunfall bis auf Weiteres. Can wuchs im Heim und in einer Pflegefamilie auf. Das ist Cans Tragödie, überraschend verbindet sie sich mit Strängen in Annas Lebenslauf. Der Biograf und die Bildschöne kommen sich gefährlich nah und zwar in Lebensgefahr.
Can lebt in Hamburg mit Frau und Kindern. „Lebt“ spielt in besseren Verhältnissen, man wohnt im Eigentum. Die Hausgemeinschaft rekrutiert sich aus neoliberalem Fußvolk. Sie pflegt die Dünkel freier Demokraten. Can wirkt in diesem Milieu deplatziert. Der Abstand kommt aus der Kindheit, Can rebellierte gegen den Verlust der Eltern in Aufständen, die ihn als schweren Fall erscheinen ließen. Es wird sich noch herausstellen, dass niemand ernsthaft freiwillig etwas mit dem Heranwachsenden zu tun haben wollte, noch nicht einmal die Pflegeeltern.
„Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen.“ Honoré de Balzac
Ertener hat eine Art Moby Dick von einem Roman geschaffen. „Lebt“ ist so geräumig, dass der Leser sich in Ecken verziehen kann, wo er den Handlungsmotor nicht mehr hört. Die Geschichte reist zurück in der Zeit und hält zum ersten Mal 1942 in Thessaloniki. Deutsche richten als Besatzer ein Massaker unter der einheimischen Bevölkerung an. Jetzt wird es kompliziert, denn Ertener verbaut im Untergrund einen Sonderfall jüdischer Sektenbildung. Die Rede ist von den Dönme – Gegründet von Schabbtai Zvi (1626–1676) als Gemeinschaft jüdischer Konvertiten, die unter osmanischem Druck förmlich zum Islam übertraten. Tatsächlich bewahrte sich in diesem Kreis die Idee, in Schabbtai Zvi sei der Messias auf die Welt zurückgekehrt. Ihre Hochburg war Thessaloniki. Als die Stadt griechisch wurde, gerieten die meisten Dönme – wahrgenommen als Muslime – in die Wanderungsbewegungen eines Bevölkerungsaustauschs. Doch gelang es einzelnen Familien, sich „unsichtbar“ zu machen und vor Ort zu bleiben. Sie waren dann während des Zweiten Weltkriegs den Verfolgungen der Nazis ausgesetzt, nachdem ein Gutachten geklärt hatte, dass Dönme unter dem Schleier des Islam eine hedonistische Auslegung des Judentums kultivierten.
Can erfährt, dass er ein Nachfahre der Dönme ist. Wie ein Stamm haben sie Clan-Äste ausgetrieben und sich in Europa verästelt. Ihre Domäne war lange der Tabakhandel. Can stammt aus einer Tabakdynastie, deren Vermögen Nazis in die Hände fiel. Protagonisten des Verbrechens von Zweiundvierzig spielen Rollen im Roman. Ein gottgleich agierender SS-Sprössling überflügelt die Infamie der Übrigen. Er bedroht Can und seine Familie, so wie er schon. Halt, ich werde doch jetzt nicht den Verteilerkasten der Spannung aus der Verankerung Ihrer Ahnungslosigkeit reißen. Nur so viel noch: Getrieben von Furcht und Neugier, aber auch von einer Macht, die ihn klarsehen lassen will, nimmt Can den Kampf auf. Thessaloniki wird zur Drehscheibe seiner privaten Ermittlungen. Anna unterstützt ihn, auch ein in Frankfurt am Main aufgewachsener Polizist namens Xenos scheint helfen zu wollen. Er geht mit harten Bandagen vor.
Wenn man sich erst einmal eingelesen und die polymorphe Anlage des Romans durchdrungen hat, wird die Lektüre zum Fest.

Orkun Ertener, „Lebt“, Roman, Fischer Verlag, 638 Seiten.
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7.9.2014

Vampire der Genügsamkeit im Berliner Ballhaus Naunynstraße

Hakan Sava? Micans „On my way home“ erinnert an das Schicksal der Pendelkinder

Der Theatersaal könnte als Kreuzberger Kongresshalle in die Welt gekommen sein. Natur wird eingeblendet und stellt sich auf Stuck reliefartig dar. Gerastert und vergittert sind die Personen auf dem Parkett. Ein Anrufbeantworter stellt seine Fragen – ein Speicher der Unverbundenheit. Aus dem Off melden sich verlorene Seelen der Migration. Zu Lebzeiten waren sie Vampire der Genügsamkeit, die ihr eigenes Blut tranken. Die Pioniere der Einwanderung wurden wie Pferde gemustert. In der Ära der Anwerbung ging es nur um die Arbeitskraft. Das erste Abkommen mit der Türkei kam 1961 ohne Berücksichtigung der Kinder zustande. In der deutschen Administration ersetzte man „Fremd“ mit „Gast“, um die Arbeiter dann wieder fast genauso unterzubringen wie gehabt: das heißt konzentriert in Baracken. Die Perspektiven koinzidierten: alle gingen von kurzer Dauer der Arrangements aus. Kinder wurden bei den Großeltern geparkt. Mitunter hielten die Zurückgelassenen die Großeltern für ihre Eltern. Wenn sie dann nach Deutschland verbracht wurden, kollabierten ihre stärksten Bindungen. Nun konnten die gesetzlichen Eltern schlecht erklären, warum sie den nachkommenden Nachwuchs erst einmal ausgeschlossen hatten.
Das zeigt Hakan Sava? Micans Spiel mit alten Fotos, schwarzweiß oder übercoloriert. Die Fotos sind Formate der schmerzhaften Selbstvergewisserung. Sie laden zu einer Zeitreise ein, ihre Protagonisten erscheinen narkotisiert. Verdammt zu Floskeln. Die Entfremdung findet auf allen Seiten statt. Lieblosigkeit wird geübt.

Ein Flügel steht im Zentrum, daran sitzt Enik und singt “Sometimes I feel like a motherless child”, so weit weg von daheim. Über die Pracht aus Gips an den Wänden fährt ein Zug nach Nirgendwo.

„Wie ist der Lukas so?“ fragt Dejan Bu?in in einem biografischen Anlauf.

In diesem Fall antwortet Eva Bay als Sofia, die mit vierzig Mutter wurde. Sie selbst lebte bis zur Einschulung bei einer „Tagesmutter“. Die Tagesmutter trat an die Stelle der Eltern, die ihr Leben in ein Arbeitslager verwandelt hatten, um den Kindern, die sie nie sahen, eine goldene Zukunft in Aussicht stellen zu können. Sofia wird aus der Obhut der Tagesmutter zu einer Tante nach Griechenland verschleppt. Die Tante macht schließlich schlapp und schickt das Kind nach Deutschland zurück. Da wird es mit zehn in die erste Klasse eingeschult. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, aber so war das. Inzwischen weiß man: Das zurückgelassene Kind entwickelt Schuldgefühle. Es vermutet Gründe für die Isolation in der eigenen Unzulänglichkeit. „Aus dem Muster der Selbstverurteilung rührt der Drang, sich extra zu beweisen, in der vergeblichen Hoffnung auf immediate-return”, sagt Gülcin Wilhelm. Die Soziologin fand dafür das Bild: „Du wirfst einen Stein nach dem anderen in einen bodenlosen Brunnen“.

Auch Mutterliebe ist Trainingssache. Der Mangel an Verbundenheit wurde von Müttern der ersten Einwanderungsgeneration oft theatralisch überspielt. Dafür liefert „On my way home“ ein Beispiel zu Mittelmeerstimmungen und einer Anspielung auf Hitchcocks „Vögel“. Sie fliegen hoch bis zu den Ballhaus-Balustraden, scharf umrissen im Gegenlicht. Das Stück reißt Biografien an, es erzählt aufgerissene Lebensläufe in knappen Sätzen. Fast immer ist die Rede von existenzieller Verunsicherung. Doch manchmal war das Leben der Zurückgebliebenen einfach. Man brauchte nur einen serbischen Holzfäller als Großvater, dessen naturwüchsige Erziehungsmethode dem Kind Verlustempfindungen erspart. Es reitet auf Schweinen und schlürft die Neige in Opas Schnapsgläsern. Im call & response auf der Bühne übernimmt Eva Bay den Part der Zufriedenen. Sie erntet Gelächter für die Bemerkung: „Beruflich mache ich das, was ich studiert habe.“ Sie ist ein „emotionaler Realo“.

3.9.2014

Eigensinn und Antifaschismus

Franz Dobler hat einen Krimi geschrieben – »Ein Bulle im Zug« erzählt auch von vielen Lesereisen des Autors

Moby Dick hätte jedem ein Bein ausreißen können, deshalb wäre es keinem Krüppel eingefallen, sich bei der Jagd auf den weißen Wal das andere Bein selbst auszureißen. Keinem, außer einem, wie wir aus der Literaturgeschichte wissen. In den Hafenkneipen von Tortuga bis Falafel saßen zu Moby Dicks Zeiten genug behinderte Matrosen und sprachen von Künstlerpech und Berufsrisiko. Hoffentlich Allianzversichert, hieß es allgemein. Nur dieser nachtragende Kapitän Ahab fand es notwendig, dem weißen Wal seiner Qual als Heimsuchung zu erscheinen, auf der ollen „Pequod“. Ich nehme an, daran dachte Dobler, als er seinen Helden, Kriminalhauptkommissar Fallner, in einem weißen Hai auf die Reise schickte. Auch Fallner ist ein Versehrter, vier Wochen braucht er, um in einen Zug zu steigen.

Wer Dobler kennt, der weiß, dass Fallner raucht. Die Vorläufer seines weißen Hais rauchten auch, ihre Nachfolger schlucken nicht mal mehr. Man nennt sie Triebköpfe und sagt ICE. Nur Dobler sagt „weißer Hai“. Fallner flieht folglich im Bauch eines weißen Hais vor seinem Verfolger, der ihm im Traum erscheint. Es handelt sich um einen Libanesen, den Fallner nach seinem Verständnis der Lage in Notwehr erschossen hat. Es gibt Kollegen, die Putativnotwehr annehmen. Fallners Partner verweigert die Unterstützung, seine Frau geht ihn spöttisch an. Jaqueline hat Fallner bei einem Nashville Pussy-Konzert aufgerissen und war erst einmal belustigt, als er sich als Mann von ihrem Fach zu erkennen gab. Wie sollte Fallners Schöpfer auch einen überzeugenden Bullen der Welt zum Fraß vorwerfen können? Fallner strotzt vor Musikalität, Eigensinn und Antifaschismus. Ihn hemmt das Repertoire eines Schriftstellers. Im Grunde ist er auf Lesereise. Er liest die Wimmelbilder auf Bahnhöfen – Fallner hat seine Therapeutin gegen eine Bahncard 100 eingetauscht. Er lebt in vollen Zügen. In Frankfurt am Main nimmt er die Spur eines Serienkillers auf, in Kassel an der Fulda würdigt er Kunst am Bau. Er trifft einen greisen Berufsmörder, der wie Bill Burroughs aussieht und einen Stockdegen in Bereitschaft hält. Seine Frau stöbert er im Bett eines anderen auf, um im Sprung über Rimbaud zu stolpern: „Je est un autre.“

Fallner hört Lee Morgan. Er weiß, eine komplizierte Geschichte muss man einfach erzählen. Ihn spreizt eine Vorliebe für die sowjetische Makarow, einst Faustfeuerwaffe der bewaffneten Organe der SBZ/DDR. Ihre offizielle Bezeichnung war „9-mm-Pistole M“. Später nannte man sie „PM 9“. Sie wurde in Lizenz im Ernst-Thälmann-Werk Suhl produziert. Fallner meditiert über melierte Griffschalen. Er zitiert in gewundenen Lettern einen Hauptsatz der amerikanischen Verfassung: „God created man, Sam Colt made them equal.“ Er sucht seine Potenz und freut sich über jede genitale Zuckung als Zeichen der Genesung. Ich rücke die Dinge so zusammen, wie sie im Roman auf ein Regal gehören.

Fallners Zugbegleiter bleibt die Frage: War es Notwehr? Der Libanese, auf den er geschossen, war bewaffnet. Die Leiche, auf die er dann herabsah, wurde von keiner Waffe beschwert. Wo war die Waffe? fragt sich Fallner. In seinem Gehirn als Gespinst?

Franz Dobler, „Ein Bulle im Zug“, Roman, Tropen, 347 Seiten
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29.8.2014

Puffmutter einer ironischen Weltauffassung

Das Berliner Ballhaus Ost eröffnet die Herbstsaison mit Hessels „Heimlichem Berlin“

„Bis zum Frühjahr 1924 lebte in Berlin ein junger Mensch, dessen Erscheinung die Männer und Frauen seines Bereiches erfreute, ohne dass sie seinem Wesen tiefer nachforschten. Erst als er fortging, erregte er bei einigen ein schwer zu erklärendes Abschiedsweh.” Franz Hessel

Tucholsky findet Franz Hessel „aus dem Azur“ geschöpfte Prosa „weiblich“. Er unterscheidet diese Zuschreibung von „weibisch“ und rückt sie ungestraft in die Nähe von Lebensuntüchtigkeit. Tucholsky entdeckt bei Hessel viel Schönes. Hessel spannt „in Berlin den Schirm“, wenn es in Paris regnet. Eine überbordende Freundschaft mit Henri-Pierre Roché und seiner späteren Frau Helen, die eine enge Freundschaft zwischen Henri und Helen als zweiten Glutkern hat, liefert Roché für „Jules und Jim“ die Vorlage. Truffaut verfilmt den Roman. 1927 veröffentlicht Hessel unter dem Titel „Heimliches Berlin“ die Geschichte einer Nacht in der Hauptstadt des 20. Jahrhunderts. Walter Benjamin charakterisiert Hessel als Repräsentanten des „alten Berliner Westens“. Dieses Quartier sei unverkennbar im Häusermeer isoliert. Es streckt sich an „jenem schmalen Uferstreifen zwischen Landwehrkanal und Tiergartenstraße.“ „Nicht Griechen oder Römer in modernen Kostümen“, bevölkern den alten Westen, „noch weniger Zeitgenossen in humanistischen Karnevalstrachten, sondern … Hausfrauen, Künstler, mondaine Damen, Kaufherren.“ Die sieht man nun auf der Bühne im Ballhaus Ost. Die Einschusslöcher in der Fassade des Theaters wurden in der Sommerpause vergoldet – Daniel Schraders Inszenierung geht über den Roman hinaus bis zu Bowie und einer Bohème ohne Gewissen. Man trifft sich bei Margot in einer Extravaganz zwischen Garage und Gewächshaus. Das Bühnenbild von Wieland Schönfelder deutet eine Architektur mit Aufgängen und Bögen an. Die Schönen der Nacht versteigen sich in ihren Betrachtungen der Bögen und, um ein anderes Wort der Zwanziger Jahre anzuspielen, der Schwellen. Sie fühlen sich dem letzten Schrei verpflichtet. Sie gefallen sich in einer Art elaboriertem Delirium. Tina Pfurr spielt Margot als Puffmutter einer ironischen Weltauffassung. Man rühmt Margots stilsichere Strenge, sie könnte auch auf Sankt Pauli unter Segelschiffern reüssieren. Ina Tempel spielt die Volkstümliche unter Hochgestochenen, alles so schön bunt hier. Sie rollt wie ein Mops im Tütü über die Bühne. Ihre Antagonistin ist eine Karola zwischen zwei Männern. Die Carambolage-Konstellation verspricht Tragik. Gina Henkel spielt die Exaltierte als Spaltprodukt. Sie löst Reaktionen aus, die ihr nicht recht sein können. Im Grunde hat sie ihre Männer als Verbündete gegen sich. Was dem einen zu ihrem Glück fehlt, bringt der andere anders nicht. Clemens findet sich schick in seiner Erhabenheit. Aus seiner Arroganz macht er eine lange Leine. Er weiß: Wenn man sich zwischen eine Person und eine Sehnsucht stellt, dann wird die Sehnsucht größer. Diesen Mechanismus darf man nicht bedienen. Die Realität setzt alle matt, darauf verlässt sich Clemens. Womöglich gönnt er Wendelin auch einfach mal das zweifelhafte Vergnügen einer unentschlossenen Frau. Oder ist es umgekehrt? Ich glaube, Toni Jessen spielt Clemens und Wieland Schönfelder einen fabelhaft indolenten Wendelin. Auf jeden Fall spielt Conrad Rodenberg Schlagzeug und Gitarre – als Solist am Rand des Kraters.

25.8.2014

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Grand Tour der schuldbewussten Hilfsbereitschaft

»Engel in der Kuppel« – Amos Mokadi resümiert den Schmerz der Völker

Berlin vibriert an den europäischen Wertschöpfungsketten vorbei. Die Hauptstadt produziert Bagatellen und belanglose Prominenz. Ihre Gehwegschäden sind zu Billigmarkenzeichen geworden. Der bürgerliche Besucher sehnt sich in Berlin bald nach Berchtesgaden. Das ist der gediegene Standpunkt. Da setzt die Migration den Zirkel an, um einen anderen Radius zu beschreiben. Achmed Mualam stammt aus einer palästinensischen Familie im Libanon. Das Massaker von Sabra und Schatila gehört zu seiner Geschichte. Flucht und Vertreibung bilden das Kreuz seiner Koordinaten. In den Neunzigerjahren kommt Achmed nach Kreuzberg, eine Deutsche nimmt ihn auf. Simone behütet ihn wie einen Sohn. Jetzt besucht er sie. Jetzt ist Winter im Roman, Böen fegen die Görlitzer Straße.
Ohne eine räumliche Bewegung wurde Simone zur Fremden. Es existiert nicht einmal ein Milieu, in dem sie sich als Marginalisierte begreifen könnte. Während Achmed in Kreuzberg seine Ideallinie beschreitet. Wo er steht und geht kommen ihm die Verhältnisse entgegen. Jugend vor Migrationshintergrund – so könnte das Bild zum Berliner Augenblick heißen. Die Prisen der Zugehörigkeit verschwendet Achmed an seine Verlustempfindungen.
Der Roman geht von einer Moschee aus und hin zu einer Kreuzberger Kindheit und Jugend. Achmed will sich nach islamischem Recht mit Fatma verloben, die bereits eine Wohnung mit ihm teilt. Das ist die verdichtete Unterschiedlichkeit in der Nussschale: die religiöse Verbindung zur Libertinage. Amos Mokadi beschreibt eine Antinomie der Vergangenheit, die in einem Labor der Zukunft die Fasson bloßer Widersprüchlichkeit kriegt. Das Übliche eben.
Achmed wird zum Protagonisten eines Zeitenwechsels, versteht selbst aber nur die Kehrseiten der Entwicklungen, deren Angelus novus er ist. Simone erwägt, ihre Wohnung an der Spree aufzugeben, als Opfer einer Verdrängung auf allen Feldern des Wettbewerbs. Achmed wundert sich, „dass eine Deutsche, die in Berlin geboren ist, ihre Wohnung, in der sie fast ihr ganzes Leben verbracht hat, einfach aufgibt“.
„Engel in der Kuppel“ erzählt Kalten Krieg durch die Blume der Biografie, die Simone zur Verliererin macht. Simone könnte zu Verwandten in eine brandenburgische Versorgungssteppe emigrieren. Als Leser steigt man entspannt in einen Zug der Reichsbahn, man glaubt die narrative Strecke zu kennen, die vor einem liegt, aber Amos Mokadi kontert die Erwartung mit Achmeds Herkunftsgeschichte. Der jugendliche Held kam in Abu-Schuscha auf die Welt, „in einem Dorf, das zerstört wurde, nachdem die Zionisten seine Familie vertrieben (und seine Mutter getötet) hatten“.
Achmed grübelt in arktischer Kälte, man ahnt die Armut, den Irrsinn und Übermut in Windfängen: „Jede Mutter muss sich von ihrem Sohn trennen, jeder Sohn verlässt seine Mutter. Daran ist doch nichts Schlechtes, bismillah ar-rahman ar-rahim (im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Gnädigen)! Ohne die Ehe gibt es keinen Fortschritt, so steht es im Koran.“
Simone empfängt den Sohn mit Kakao, sie erscheint Achmed wie eine „Renaissancemadonna“. Einst kam sie „wie ein Engel nach Sabra“. Sie brachte Trockenfrüchte mit und ließ ihre Telefonnummer zurück. Simones Grand Tour der Hilfsbereitschaft führt zur größten Überraschung im Roman. Ihre Wohlfahrt verknüpft modernes Flagellantentum mit einem Rucksacktourismus auf Routen des Leidens.
Achmed bestürzt, dass ihn vor der Moschee „ein Jude aus Palästina, aus dem Teil, den sie erobert haben und Issra'il nennen““ angesprochen hat. „Stell dir das vor: Der taucht plötzlich auf und fängt an, mit mir zu reden … Auch wenn die ganze Welt meint, dass dieses Land Israel gehört, ich werde das niemals anerkennen, niemals! … Ich will gar nicht davon reden, was die Schabab mit ihm gemacht hätten, ich hätte ihm selber die Augen und die Zunge ausgerissen, wenn er einfach so zu mir gekommen wäre. Aber er ist raffiniert, er ist ja nicht wirklich zu mir gekommen, sie sind schlau, diese Jahud, oder sie bilden es sich ein, jachrab beithom (ihr Haus möge zerstört werden)! Was hat er hier zu suchen, ha?“
Amos Mokadi lässt diesen Erzählfaden fallen, der Autor lädt den Leser auf das „Oberdeck des Frachters Galila mit Kurs auf Palästina“ zu einer Zeitreise ein. 1937 verlassen Berta und Erich Pomeranz Deutschland. In Palästina wird aus Berta Judith, stets übernimmt sie „die schwerste Arbeit, die der Kibbuz zu vergeben hat“. Zehn Jahre später kommt ihr Sohn Jonah zur Welt, er fällt im Sechstagekrieg von 1967. Seine Freundin, „eine deutsche Volontärin“ ist von ihm schwanger. Sie entbindet, bevor sie verschwindet – und zwar ohne „Jonah, den Zweiten“. Jonah wächst bei den Großeltern auf. Die Geschichte bleibt deutsch im Orient.
Der Autor nennt Jonah „einen geborenen Anführer“. Der Knabe übernimmt diese Einschätzung, seine Umgebung folgt ihm. In einem langen Prozess verliert Jonah den Anspruch auf Suprematie an die Einsicht, in extremen Lagen kopflos zu handeln. Man muss ihm das klar machen, dass er es begreift. Mit seinen Freunden, den „fünf Musketiere“ tritt er „getreu der Palmach-Devise „Triebe, Hiebe und Liebe““ seinen Militärdienst an. Unzertrennlich wollen die Wehrpflichtigen bleiben, doch dabei bleibt es nicht. Jonah ist nicht dabei, als seine Freunde zerfetzt werden. Um ihn auszuhärten, setzt man ihn an der Stelle ihres Todes als Kommandeur ein. Er lässt vor Ort eine Gebärende verbluten, den Blick einer Zeugin seines Versagens wird er nicht mehr los. „Augen blau wie der Morgen, der Blick wie ein Messer… Die gehört nicht zu den anderen, diese Blondine. Ich kann ihr Parfum riechen. Was macht sie hier, zum Teufel? Warum lässt man solche Leute durch? Walla, was für ein Blau… Technicolor! Wie ein Schlag in die Magengrube.“ Es kommt so weit, dass Jonah nach Berlin fährt, um „die deutsche Hure“ da zu suchen.
Vorher nimmt er ein Studium auf und verliebt sich. Die Rhapsodie des Lebens im Heiligen Land – Jonah trägt sich in die Reproduktionsliste ein, Sigal singt mit ihm das Lied von Tamar, der Tochter, geboren in der Erfüllung von Jerusalem. – Achmeds Kreuzberg scheint so fern.
Alle Verflechtungen schließen ein Verhängnis ein. Der Lauf der Welt raucht. Auf einer Schmauchspur gerät Jonah außer sich und außer Landes. Seine Suche nach einem Palästinensertreffpunkt in Berlin führt ihn zu der Moschee in der Flughafenstraße. Er spricht Achmed an, gibt sich als Engländer aus. Welch ein Bogen! Wie breit die Bahnen des Erzählens. Amos Mokadi synchronisiert den Schmerz der Völker.

Amos Mokadi, Engel in der Kuppel, Roman, aus dem Hebräischen von Beate Esther von Schwarze, erschienen als ebook bei Palma Publishing Berlin, ca. 240 Seiten
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Die Leiche als Staat

Mark Benecke redet über Fliegen, die in Särgen wohnen und auch Dracula heißen

Berlin/Invalidenstraße – Fünfhundert Fliegenforscher auf Kongresstournee steigen, stürzen, fallen aus Busen. Lauter Begabungen auf einer Domäne des Lebens, die zum Beispiel mit „Leichenerstbesiedlern“ aufwartet. Die Erde wird von sechs- bis achtbeinigem Kleinwuchs dominiert. Die Betrachtung der Arten lehrt, wo unsere Albträume herkommen. Der Kongress kreist einen skelettierten Brachiosaurus brancai ein, wir sind im Naturkundemuseum. Kriminalbiologe Mark Benecke spricht zu Kollegen und Laien. Exemplarisch verkörpert er die neuste Neo-Gotik. Sein Stil verbindet archaische und futuristische Elemente. Er sieht aus wie der Hauptredner auf einer SM-Tagung. In seiner Aura fallen Leute auf, die ihm ähnlich sehen. Benecke schildert die Bedeutung der Fliege für die Forensik. „Fliegen, die gern auf Käse gehen, gehen auch gern auf Leichen, die nach Käse riechen.“ Der Biologe holt aus, er weiß, warum Fliegenforscher am liebsten Karohemden tragen. Bestimmte Muster steigern die Attraktivität. Die Evolution spielt mit Farben und Formen. Es gibt Schmeißfliegen im getunten Manta-Look, Fleischfliegen mit Schachbrettmuster und Fliegen in kultiviertem Schwarz. – Fliegen, die in Särgen wohnen. – Fliegen, die sich nur mittags zu einem Leichenschmaus bereitet finden. Jede Leiche wird zum Staatsgebiet von Insekten. Ihre Gewohnheiten verraten dem forensischen Entomologen Todesumstände. Madenteppiche sind besonders aufschlussreich.  
 „Von der Fliege lernen, heißt siegen lernen“, verkündet Benecke. Manche kann ihr Gesäß zum Atmungsorgan modifizieren. Das ist praktisch, wenn man bis zum Hals in einer Leiche steckt. Benecke hat die Mumien von Palermo untersucht. Er studierte Krümel, die man für Mäusekot gehalten hatte. In Wahrheit waren es Fliegenleichen, deren Art, Zustand und Lage dem Forensiker Auskunft gaben. Benecke half den Kriminalbiologen von Bogotá zu der Zeit, als da wie im Fließband unnatürlich gestorben wurde. Man stapelte die Leichen, die faulenden Stapel waren den Fliegen ein Fest – und so auch der forensischen Entomologie. Benecke spezifizierte gleich eine neue Art. Er spricht vor lauter Begeisterung für sein Fach wie im Fieber. Ich merke mir noch, dass Zebrastreifen vor Mücken schützen. „Mücken stechen nicht gern in Streifen.“

18.8.2014

Cover
Buch

Don't mess with Texas

You may all go to hell and I will go to Texas. Davy Crockett

Nic Pizzolattos „Galveston“ ist ein Spitzenaufreißer

Galveston ist eine texanische Stadt auf einer Insel im Golf von Mexiko. An ihrer Küste strandeten spanische Eroberer zur Zeit der Conquista, Frankreich beanspruchte sie als kolonialen Besitz. Galveston wurde später (wieder?) spanisch, doch erst der französische Pirat Louis Michel Aury gründete im 19. Jahrhundert eine europäische Siedlung auf der Insel. Aury stand als Söldner im Dienst von Simón Bolívar, man überwarf sich in New Orleans. Auf eigene Rechnung forderte Aury die spanische Marine im Golf von Mexiko heraus. Galveston machte er zu seinem Tortuga. Es soll immer noch ein Schatz auf der Insel vergraben sein. In Nic Pizzolattos Roman, der so heißt wie die Stadt, wählt ein Mann den Landweg von Louisiana nach Texas. Roy Cady, genannt Big Country, ist auf der Flucht nach Hause. In seiner Louisiana-Zeit verkörperte er den Texas-Style in Opposition gegen die lokalen Darstellungen eines Schlägers und Geldeintreibers. Cady trägt Cowboystiefel und Stetson, die Kollegen von der Konkurrenz tragen Trainingsanzüge nach italienischem Vorbild. Cady blieb für sich, ein Außenseiter mit Verbindungen. Lange schützte ihn eine mythische Nähe zum größten Gangster vor Ort. Das war ein Mann namens Harper Robicheaux. Im Jetzt der Handlung spielt Robicheaux keine Rolle mehr, Cady ist Fallobst, man stellte ihm eine Falle, die er wie ein moderner Ninja überlebte, obwohl es darauf kaum noch anzukommen scheint. Cady hat Krebs, mit der schlechtesten Prognose fährt er nach Texas. Er flieht nicht allein.
„Galveston“ ist voller geschichtsträchtiger Namen, der nordamerikanische Einfluss in der Gegend des Geschehens gleicht einem Rinnsal. Der lateineuropäische Imperialismus vergangener Jahrhunderte überlebt in den Namen der Gegenwärtigen. Die texanische Überformung der Milieus macht aus Raquel Arceneaux Rocky. „Ich vermutete, dass sie schon vor den Ereignissen dieses Abends gelernt hatte, dass man mit allem leben kann.“

„Die Ereignisse dieses Abends“ – Wiederholte Lektüre entdeckt dem Leser immer mehr Einschlüsse eines mörderischen Gewaltausbruchs. „Gun control means using both hands.“ Präzision und Zufall nehmen gemeinsam ein Blutbad, das macht Pizzolatto so schnell keiner nach. „Galveston“ wird zwar als Krimi gelistet und darf auch deshalb nicht nacherzählt werden, aber seine Potenz kommt aus der Narration. Roy fischte Rocky in einem Meer aus Blut, irritiert und beeindruckt von Raquels Kaltblütigkeit. Rocky fledderte erst einmal die Leichen, die auf das Konto von Big Country gehen. Pizzolatto beschreibt die Notwendigkeit einer Verbindung von Roy und Rocky. Der kranke Killer braucht das Mädchen, das sich in seiner Bedenkenlosigkeit dem großen Mann gewachsen zeigt. Immer wieder führt der Text zu Roys kolossaler Physis und Rockys prophetischer Weitsicht. Rocky weiß lange vor Roy, dass der gejagte Jäger bald auf sie angewiesen sein wird. Sie war als Prostituierte am Tatort, sie setzt auch Roy gegenüber auf erotische Wirkung. Die Einwände des Mittelstands liegen außerhalb ihres Universums. Raquel „Rocky“ Arceneaux stammt aus der Trailer Park-Zone, sie ist White Trash, ein blasser Redneck. Vom Mangel sozialisiert. „Fabrikware der Natur“, schreibt Nietzsche. Roy und Rocky haben die Herkunft gemeinsam. Bis er starb, gab sich ein Mann als Roys Vater aus, der noch nicht mal das war. Dem Mann folgte Roys Mutter, man stürzte vom Kühlturm oder von einer Brücke, im Ergebnis blieb sich das gleich. Der Waise landete in einem Kinderheim, weiße Landarbeiter holen ihn ab und stecken ihn in die Baumwolle. Von Fürsorge keine Spur.

Zusammengehalten wird diese Welt von Nieten des Patriotismus, der Paranoia und den Vorurteilen einer Klasse, die nicht mehr zum Zug kommt. (Sie hat sich historisch überlebt.) Die Grammatik der weißen Verlierer kennt keine Vergangenheit. Immer ist jetzt. Jetzt sind Roy und Rocky in einer Bar und der Ärger beginnt. „Typen wie sie kannte ich von klein auf, Sumpftrottel, erfüllt von einem permanenten Groll gegen alles.“ Lustvoll fahren sie die Fauna platt. Sie gehen mit ihren Waffen zu Bett. Ihr Hass brütet Grillen der Gemeinheit aus. Für Roy und Rocky wird es eng, bloß weil sie fremd sind. „Manche Erfahrungen überlebt man nicht, selbst wenn man es schafft, nicht dabei draufzugehen.“

In Texas verwandelt sich Roy Cady in John Robicheaux. Er sieht auch nicht mehr nach Big Country aus. Das übernimmt die Landschaft: „Ein mit Himmel gefüllter Granatwerfer.“ Rocky trotzt dem falschen John eine Erweiterung der Fluchtgemeinschaft ab. In dem Kaff ihrer Herkunft kommt eine kleine Schwester ins Spiel, die sich als Rockys Tochter Tiffany entpuppt. Plötzlich hat Roy/John eine Familie. Rocky täuscht Roy/John, er soll nicht wissen, wer Tiffanys Vater ist. Die Wahrheit riecht nach Notzucht kurz vor Inzucht. Verwahrlosung paart sich mit dem monumentalen Willen, besinnungslos in allem fortzufahren, was schon in vorangegangenen Generationen zum Elend beitrug. In einem schwebenden Moment des Romans scheint ein gutes Ende erreichbar. Der Autor orchestriert die Hoffnungen, um sie dann sang- und klanglos auszuschließen. Er schildert einen logischen Prozess. Roy Cady wurde von seinen Erfahrungen zum Einzelgänger geformt, er verhält sich so vernünftig wie jeder, der auf Gemeinschaft und Bündnisse setzt. Nur dass seine Vernunft keine Bündnisse gestattet. Der Gang der Handlung zieht sich lange hin, die Diagnose war falsch. Ja, man kann sich auf keinen verlassen. Wenn es darauf ankommt, ist selbst der Tod unpünktlich.

Nic Pizzolattos, „Galveston“, Roman, Metrolit Verlag, 253 Seiten
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12.8.2014

Improvisionäre in Aktion

Kunst auf Zuruf – Die Improvisionäre in Moabit

Der Boden der Tatsachen als Tanzboden der Möglichkeiten

Moabit – Ein Freilichtmuseum des Industriezeitalters endet vor Beispielen aktueller Wohnmoden. Bestand und Verdrängung, Molle und Korn, Trotz und Transit – die Sonne sieht im Augenblick wie ein Spielzeug aus, das ein Kind im Gras vergessen könnte. Auf der Terrasse des Instituts für Kunst & Urbanistik tafelt man vor einem Triptychon. Das erste Feld zeigt einen Grünstreifen. Straßen, Gleise und der Fluss ordnen sich zur Dreifaltigkeit. Die Geometrie des Verkehrs schafft das zweite Feld. Die Staffel der Routen gibt ein Tiefland am Ufer ab für vertikale Angaben der Architektur. „Das improvisionäre Gentrifizierungsdrama“ kommt vor dem Panorama so in Gang, dass man private Geselligkeitslaute nicht ohne weiteres von inszenierten Geräuschen unterscheiden kann. Das Eingespielte klingt nach Klatsch in der Theaterkantine. Ein mit den Masken der Freundlichkeit camouflierter Streit vertagt sich in den zotigen Bemerkungen einer Frau. Gelächter klirrt – so brüchig und durchsichtig. „Gott, wenn es einen gibt, ist ein Lächler“, sagte Brecht. Er behielt seine Augsburger Mundart bis zum Ende in Berlin. Der Terrassenboden vibriert unter dem Druck auflaufender Improvisionäre. Vera Schmidt erklärt die Spielregeln. Die Improvisionäre reagieren auf Stichworte. Sie fragt: „Welcher Kiez fällt euch zuerst ein, wenn ihr an Gentrifizierung denkt?“
Die Antwort liegt auf der Hand, die Kreativität des Auditoriums macht daraus einen Fantasiebezirk namens Moa-Berg. Damit verbunden sind „Wut auf und Verdrängung durch den Hipster“. Mit diesen Regieanweisungen fangen die Improvisionäre eine Menge an. Die Show auf Kommando und aus dem Stehgreif zaubert ein Elitepaar auf die Bühne, das eine Wohnung in Moa-Berg für „ein gutes Investment“ hält. Das Paar bestätigt sich seine Omnipotenz. Der nächste Durchgang klärt, was Hipster heißt. Marc C. Behrens verkündet: „Hipster heißt, jeder trägt die Haare so ungefähr.“
Zu klären bleibt, was macht Moa-Berg so schön? Das ist der Orient auf allen Gassen. Das sind die Spielhöllen, in denen man als Urgestein zuhause ist. Jacob Methner spielt Urgestein „Efti“, man sieht und hört, in welchem Umfang Alltagsethnologie die Zuschauer im Griff hat. Beruflich macht Efti nichts. Er harzt wie ein Weihnachtsbaum im Januar nadelt – genauso selbstverständlich. Efti geht Gassi, auch das schlägt dem Fass der Beobachtungsgenauigkeit den Boden aus. Efti will sich in der Sauna abkühlen, ein narrativer Winkelzug, von Halbwüchsigen ins Spiel gebracht. In einer Sauna über die Hitze auf der Straße klagen: das ist Efti wie er krebst und keucht.
Lena Milde bringt als Origami-Yoga-Aktivistin Chantal Realsatire auf ihre schreienden Punkte. Da sitzt die Selbstgefälligkeit, passt und hat Luft im Origami-Café mit den selbstgefalteten Kaffeetassen und der Gute-Energie-Pizza. Die Erzählung handelt von lauter Improvisationstalenten im Selbsterfindungsfieber.
Das Stück baut sich immer weiter aus, jetzt ist Jacob Methner ein Immobilienkarpfen, der sich wie ein Hecht fühlt. Jetzt geht Vera Schmidt als GEZ-Beauftragte unter die Leute. Sie hat einen Putzfimmel und ein lockeres Liebesleben: „Seit wann hast du deinen Freund?“ fragt Methner in seiner Eigenschaft als Brandbeschleuniger der Verdrängung.
„Nicht mehr lange, wie es scheint“, entgegnet Vera Schmidt in einer neuen Folge von Nymphomaniac. Also, wenn ihr Gelegenheit habt, die Improvisionäre dabei zu erleben, wie sie steinharte Verhältnisse zum Tanzen bringen, dann lasst sie euch nicht entgehen.

8.8.2014

Buch

Soziales Moos

Hila Blums großartiges Debüt „Der Besuch“

„Ein Drama aus Metall“ geht als Jaguar in Frankreich auf die Erzählstrecke. Ein größeres Drama droht, wenn Nili ihre Wohnung verlässt. Vor „der Drohung am Ende des Korridors“ fürchtet sie sich jeden Morgen. Entgegen geläufiger Wahrnehmung, lokalisiert sie die Wohnungstür nicht am Anfang der Häuslichkeit. Vielmehr verlieren an dieser Tür alle Garantien ihre Gültigkeit. Das ist die Matrix von Hila Blums erstem Roman „Der Besuch“. Das Debüt handelt von der hereinbrechenden Welt und ihrer zerstörerischen Kraft. Einem unberechenbaren und grundsätzlich feindlichen Außen setzt Blums Heldin Nili Schoenfeler Wohnung & Familie ausdrücklich als Panzerungen entgegen. Die Rede ist von zwei Tagen im Sommer – Jerusalem kollabiert in der Hitze eines Backofens und ein Junge kommt nicht nach Hause. Eine gewaltige Suggestion steckt in diesem Romananfang. Das Foto des verschwundenen Kindes füllt den Texthorizont bis zum Ende. Der sorgsam von einer eingewanderten Mutter gezogene Scheitel soll den Sohn aus der Zweifelhaftigkeit seiner fernen Herkunft in die fremde Mitte der israelischen Gesellschaft befördern. Seht her, sagt der Scheitel, ich bin eure akkurate Zukunft. Die Suchmeldungen spornen Nilis Befürchtungen an. Die Befürchtungen sind schwarz. Ihr Familienpanzer fährt mit stotterndem Motor. Gerade da, wo die Dinge feststehen und Unwägbarkeiten keine Rollen spielen sollen, strudelt alles im Fluss. Eine Tochter wäre nach einem Anfall beinah gestorben, sprachlos kam sie aus der Umnachtung. Die Schwester ist verrückt, die Mutter dement. Der Mann könnte ein Verhältnis haben, es gibt eine hochbegabte Tochter aus Natis erster Ehe. Die erste Ehe birgt Rätsel für die zweite Frau. Das ist ein Kessel Buntes, aber kein Panzer. Wie soll so ein Verein Schutz bieten? Darauf besteht Nili gleichwohl, zweifellos im Auftrag der Autorin.
Nili repräsentiert gehobenen Mittelstand. Sie arbeitet in einem Verlag an der Grenze zur Unterhaltungsliteratur als Übersetzerin. Sie kümmert sich um ihre Mutter im Heim, sie sorgt sich um ihre verreisten Kinder. Die epileptische Tochter saugt bei der irren Tante Uma „Sonne aus der Luft“ am Strand von Eilat. Stieftochter Dida besucht ihre Mutter in Amsterdam. Nili fürchtet Natis Untreue, obwohl sie selbst eigene Wege beschreitet. Der Roman lässt offen, wie weit Nili geht. Er präzisiert jedoch einen Punkt: Sex gehört in Nilis Kosmos zur sozialen Kompetenz. Sie erwartet und liefert stetig frische Buketts der Hingabe. Ausflüge in die Gleichgültigkeit beleidigen sie. Einem Gähnen des Gatten vor vielen Jahren folgen Nachspiele bis zur Handlungsgegenwart.
Nili rollt die Charaktere der Angehörigen und Assoziierten retrospektiv aus. Aufgegebene Lieben wirken nach, ein Verflossener „lauert auf eine Lücke in ihrem Leben“. Einmal im Jahr geht sie mit ihm essen. Männer, die sich zur Verfügung halten, sind vielleicht auch nur ein Mädchenmärchen, denke ich. Da schreibt eine ihre Biografie schön. Warum auch nicht.
Das Sprechen über die Familie und ihre Anlagerungen, soziales Moos aus gescheiterten und gar nicht erst zustande gekommenen Ehen, aus Verwandten und Rivalen und Anschlägen, wäre uferlos, säße es nicht fest in einer Kathedrale, so wie Diamanten über ihren Ringen in Kathedralen einspannt sein können. Eine Form der Fixierung auf der Basis von Kunst und Handwerk – Hila Blum beherrscht sie.
Ein Anruf wird zum Stein des Anstoßes. Der Anruf führt das Ehepaar zu einem Fehler in seinem Betriebssystem. Zu einer überspielten Dissonanz. Zu einer Bindegewebsschwäche ihrer Beziehung. Man hält die Irritation so sorgsam voreinander verborgen, dass Nili & Nati in dieser Angelegenheit zu Bauchredner werden. Das Paar steht vor einer Krise, da Jesaja Duclos der Anrufer war. Er hat sich einmal so hilfreich wie überheblich vor den Schoenfelers aufgespielt, im Pariser Edelschmeck „La Soupière d’Or“. Damit war eine erotische Aufladung verbunden, zum Nachteil von Nati. Er nahm mit Beischlafsverweigerung als einziger Maßnahme hin, dass sein künftige Frau von Duclos affiziert wurde. Affiziert von der Omnipotenz eines Big Spender. Kein Mann möchte hinter diesen Vorhang sehen, Hila Blum reißt ihn trotzdem auf.
Zur Verlobung hatte Nataniel Schoenfeler, Computergenie mit Kutscherhänden, Nili in Paris schick eingeladen. Als es im „La Soupière d’Or“ ans Bezahlen ging, fehlten ihm die Scheine. Sein Portemonnaie war weg, jahrelang glaubte er, es in der Oper liegengelassen zu haben. Er lief sofort Gefahr, seinen Kredit bei Nili zu verspielen. Der peinliche Klimax markierte Nati als Verlierer. Das macht den „Besuch“ großartig: Nicht gnädig, sondern grausam ist Nilis Perspektive, wenn der Verlobte am Superformat seiner Balz (der Besuch eines viel zu teuren Lokals) scheitert. Der Roman schildert das ohne fromme Floskeln. Das frische Paar sitzt am Tisch wie zu Gericht (über seine Verfassung) es ist der letzte Abend in Paris, Nili & Nati leben über ihre Verhältnisse zur Beschwörung einer segensreichen Zukunft … und dann das, Nati kann nicht geradestehen für sich und seine Braut. Duclos springt ihm bei. Jedenfalls legt der Anschein diese Deutung nah. Mehr wird nicht verraten.

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Hila Blum, Der Besuch, Roman, Berlin Verlag, 413 Seiten

6.8.2014

Foto: Jamal Tuschick

Ovids Traum

„Theater Anu” verpuppt das Tempelhofer Feld in einen „Garten der Wandlungen“

Die Nacht klatscht den Tag ab, high five unter Großmächten. Der Tag hat noch eine Verabredung in Neukölln und muss sich beeilen. „Geh mir fort“, sagt die Nacht. Wie ein Millionendieb kriecht sie über die Dächer Berlins. Auf dem Tempelhofer Feld macht sie es sich bequem. Sie legt ihr Spinnenkleid ab und öffnet den Schalter für die Träume. Sie streut die Mythen der Menschheit in den Schlaf der Epochen und ihrer Generationen. Das ist für sie von jeher keine große Sache. Die Nacht bleibt „Ministerin der Mysterien“, solange die Erde sich dreht.
„Mythen sind geronnene kollektive Erfahrungen“, sagt Heiner Müller. Er beruft sich auf Ovid, der in seinen „Metamorphosen“ die Weltentstehung nach antikem Verständnis beschreibt. In dieser Auffassung transformiert sich das Göttliche im Organischen. Götter beseelen Pflanzen, ihr Atem verwandelt jeden Hain in einen Tempel. „Theater Anu“ verwandelt das Ziel der Rosinenbomber in einen „Garten der Wandlungen“. Das Stück heißt „Ovids Traum“ und verspricht in der Regie und mit der Choreografie von Bille Behr „eine getanzte Traumwelt aus Licht & Schatten“.
Die Unschuld ist zwar über alle Gewalt erhaben, lässt Lessing Emilia Galotti erkennen, aber nicht über alle Verführung. „Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.“ „Ovids Traum“ scheint so gewaltig wie „die Gewissheit, ein Kind des Himmels zu sein“. Auf einem illuminierten Parcours treten Prokne, Persephone und Eurydice in Erscheinung.
Jede hat ihre Arena und keine macht es unter einer „Darstellung davon stürmender Sonnenrosse“. „Doch einfallsreich ist der Schmerz“, heißt es, und so auch: „An diesem Tag entstehen Wüsten. Der Erdkreis steht in Flammen.“
„Warum hast du das getan? Warum hast du mich hineingeworfen in eure Welt?“ – Wie gesagt, die Inszenierung ist eine Überwältigungstat, eine Tat aus Leidenschaft gewiss zumal. Tausend Einfälle illuminieren „Ovids Traum“. Die Unterwelt erscheint als Lichtspielpalast. Sprechakte sind Konserven. Der Text kommt aus dem Off, das verstärkt das dämonische Element.
Das Spielfeld hat einen milden Grat. Es gibt eine erhabene Zentrallinie und auf der Linie einen Punkt des fabelhaften Überblicks. Die Stimmen überlagern sich da, das Licht feiert seine Faszination wie an fernen Feuern. Man sieht Eva (Silvia Sassetti) nackt in Eden. Sie rumort „unter dem Baum des Vergessens”. Frau Rosa (Cox Ahlers) hält einem die Treue, der einmal Mensch war und nun Baum ist. Nicht, dass sie ihn noch genauso lieben könnte wie früher, doch gilt für den Baum wie für Jedermann: Besser der Spatz in der Hand als Taufe in der Traufe. „Pygmalions Geschöpf“ (Rosabel Huguet) residiert nebelschön in einem Schleier-Konglomerat. Ein Kokon (Lorenzo Pennacchietti) hängt bloß im Gehölz ab, doch sind seine Geräusche interessant.

4.8.2014

Buch

Ungeheuer an Unaufrichtigkeit

Blind ins Regal gegriffen und „Solar“ von Ian McEwan erwischt

Samuel Beckett bemerkt (in „Malone stirbt“): „Ich mache eine Pause, um zu notieren, dass ich in außerordentlicher Form bin. Es ist vielleicht das Delirium.“ Diese Feststellung könnte auch Michael Beard treffen, wäre er zu Einsicht begabt. Der Nobelpreisträger für Physik hat sein Genie verloren, Jahrzehnte nach einer wissenschaftlichen Großtat ist er nicht einmal mehr besonders geistreich. Gelegentlich scheint Beard kaum bei Sinnen. Ein Beispiel für Verluste, eine Szene im Zug: Beard isst die Chips eines anderen, glaubt aber, den eigenen Vorrat zu verbrauchen. Ihn erbost ein penetranter Mitesser. Beard, über fünfzig, kompakt wie ein Hamster, eskaliert sitzend, er phantasiert Mord und Totschlag. Endlich entdeckt er die eigene Tüte zwischen Zeitungen, die als Alibi für den Genusskauf herhalten mussten. Beard will seinem Leben eine neue Wendung mit einer Diät nicht zuletzt geben. Doch das Fleisch ist schwach. Beard hat einen Grad römischer Dekadenz erreicht, da wird die Torte zur Tortur. Seine Skrupellosigkeit ist bahnbrechend. Einen Nebenbuhler stellt er erfolgreich als Mörder hin, Forschungsergebnisse eines toten Kollegen beansprucht er für seine Karriere. Der Welt erscheint Beard weiterhin einigermaßen ehrenwert, jederzeit lässt er sich vor den Karren des Wissenschaftsbetriebs spannen, um Cash zu machen und Eindruck zu schinden. Als Leiter eines Instituts für erneuerbare Energie zeigt er, was in einer Fehlbesetzung steckt. Er verschwendet Ressourcen an die Laienpost. Laien sind Wähler und die Finanzierung des Instituts ist eine politische Angelegenheit.

Den Nachhall seines Ruhms verstärkt Beard mit neuem Blech. Besonders klangvoll ist die Klimaerwärmung in der Gegenwart des Romans. Als Wissenschaftstourist nimmt Beard an einer Reise zu kalbenden Eisbergen teil. Der endzeitsüchtige Katastrophenkarneval seiner Zeitgenossen treibt ihn in die Groteskenmalerei.

Ian McEwans gibt den wie wahnsinnig den Polarkreis verpestenden Klimagipfelstürmern, Eisbergliebhabern und Eisbärpaten Saures. Er haut ihr ahnungsloses Pathos in die Tonne. Das sind Beards lichten Momente, wenn die moralisch und intellektuelle kompromittierte Ruine andere Scharlatane erkennt und durch Gossen der Niedertracht schleift.

Am Anfang des Romans scheitert Beards fünfte Ehe am Klempner. Im Fortgang wird Gattin Patrice (an guten Tagen bebt sie schöner als M. Monroe) reibungslos ersetzt, der schwankende Boden, auf dem Beard existiert, bietet Bestand keine Haftung. Ich denke bei Beard an Heinrich VIII., so maß- und ruchlos erscheint mir McEwans Begünstigter des Bösen. Erkenntnisse zur künstlichen Photosynthese, die ganz bestimmt nicht Beard hatte, nutzt er als Geschäftsidee. Er reichert die Mythen der Klimaforschung zu seinem Vorteil an; ein Profiteur der Apokalypse als Wille und Vorstellung.

Beard hat „keine Geduld für das Kleingedruckte in den menschlichen Beziehungen“, ist aber selbst bedürftig. Er plündert den emotionalen Haushalt von Melissa, die in beinah schon betagtem Zustand unbedingt ein Kind von dem Launenpapst bekommen will. Sie setzt sich durch, der Greis wird Vater. Vertraglich geregelt ist seine Unzuständigkeit. Dann wird der Mann entlassen, den er ins Gefängnis gebracht. Die Welt kühlt ab, Erderwärmung als Erreger der Massen zieht nicht mehr. Künstliche Photosynthese und so auch der Schulrucksack als Solarmobil sind Schnee von gestern.

1.8.2014

Film

Mutmaßungen über Anthony

„Enemy“ erzählt eine doppelte Verstörung – Jake Gyllen­haal spielt sie in einer Doppelrolle

Adam Bell (Jake Gyllen­haal) unterrichtet Geschichte an einer Hochschule ohne Exzellenzfaktor. Auf den ersten Blick wirkt Adam unterdurchschnittlich, auf den zweiten auch. Ein Mann ohne Schatten – Sein Fach könnte ihm eine Form geben und ihn ein beachtlicher Interpret sein lassen, aber Adam wiederholt sich lieber, ohne die Kosten der Entwicklungssperre zu bedenken. Zum Ausgleich unternimmt er exorzistische Ausflüge in eine erotische Nebelwelt, so maritim wie Atlantis. Man wähnt ihn unter Wasser bei einer exklusiv aufgezogenen Präsentation nackter Frauen. In einer Szene wird eine Glocke angehoben und eine Spinne entzieht sich dem Arrest. Adam träumt schlecht von einem Zwischenwesen – Frau & Spinne kombiniert. Etwas in der Art geistert hypertroph und als Hommage an Horrorproduktionen aus einer frühen Phase der atomaren Rüstung im Film. Die Referenz zitiert eine Nachkriegsparanoia. Man fürchtete, Radioaktivität könne aus jeder gewöhnlichen Mücke eine Mücke im Elefantenformat machen.

Es könnte aber auch ein anderer sein, der in Bordellen verkehrt (ist). (Es ist ein anderer.) Adam hat einen Doppelgänger, der für ihn zur Obsession wird. Das erzählt „Enemy“ in der Regie von Denis Ville­neuve, frei nach José Saramago. Der Film spielt in einer kanadischen Mittelstandsblase, in der Gemäßigte heiß laufen. Man versteht erst einmal nicht, wieso die Entdeckung eines Doppelgänger so bedrohlich wirkt – und offensichtlich keine freundlichen Aussichten gewährt. Ein Kollege bringt Adam dazu, sich einen Film auszuleihen, in dem sein Doppelgänger auch keine große Rolle spielt. Der Schauspieler (Kleindarsteller, Komparse) scheint genauso genügsam zu sein wie der Professor. Adam dringt in den Lebensraum des anderen ein, er behauptet, der andere zu sein, um sich ein Bild von ihm zu machen. Er geht zu weit, wenn er sich vom Hausmeister die Wohnung des Schauspielers aufschließen lässt. Der Hausmeister hält sich selbst für einen Schauspieler. Adam begreift das Motiv der Eilfertigkeit und passt sein Verhalten der Situation um zwei, drei Grade zu effektiv an. Da zeigt sich der Charakter mit verschleiertem Mutwillen, einer sadistische Komponente und der Bereitschaft, Gelegenheiten auszunutzen. In dieser Bereitschaft treffen sich bald die Doppelgänger, doch bis dahin kratzt nur Adams investigativer Impetus an der Legalität. Adam täuscht die schwangere Frau des anderen, er tritt als Eindringling auf. Sein Verhalten erklärt sich nicht mit Neugier und dem Wunsch nach Klarheit. Adam scheint im Vorteil der Hinterlistigen zu sein.
Adam liebt über seine Verhältnisse, denke ich, angesichts seiner hinreißenden Freundin Mary (Mélanie Laurent). Der Film erzählt das anders, er suggeriert kein Gefälle in der Beziehung bis zum Zeitpunkt der Verstörung. Mary liebt den witzlos seelisch verarmten Adam. Er wird sie verraten. Aufgeregt offenbart er sich seinem Doppelgänger, dem Schauspieler/Komparsen Anthony Clair. Gyllen­haal spielt die beiden so genial verschieden, dass ich unwillkürlich nach physischen Unterschieden suche, so wie Adam & Anthony vergeblich hoffen, wenigstens eine Narbe nicht gemeinsam zu haben. Anthony wohnt mit Helen (Sarah Gadon) in einem Edelhoch­haus. Vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft kämpft er gegen den Eindringling Adam. Für ihn ist Adam ein Krebs, der seine Verhältnisse mutieren lässt. Anhony stellt selbst Nachforschungen an und stößt auf Mary, die Ahnungslose. Während Helen Bescheid weiß.

Noch einmal gewinnt Adam Kontur in einem kurzen Kontakt zur Mutter. Isabella Rossel­lini spielt sie, ein Gruß an/von David Lynch. Die Mutter diktiert dem Sohn, was er zu denken hat. Sie legt ihm seine Überlegenheit zurecht. Angeblich hatte Anthony mit ihrer Gebärmutter nie zu tun. Das könnte die beste Lüge des Films sein.
„Enemy“ hat mehrere Motti, die eingestreut und der Handlung zugeordnet werden. Ein Motto lautet: „Chaos ist nichts anderes als eine noch nicht entschlüsselte Ordnung.“ Am Ende verblüfft die neue Ordnung, als Resultat unglaublicher Verwerfungen. Die unwahrscheinlichste Variante kriegt das Gepräge der Normalität.

Magischer Norden

Marion Brasch entdeckt dem Leser das Blauharz-Universum

Wunderlichs Unglück ist größer als er selbst. Es hat einen Anlass, man könnte das Unglück mit einem Namen ansprechen, es Marie oder Liebeskummer nennen. Trotzdem wirkt Wunderlich so, als habe er Maries verflogenes Interesse gar nicht nötig, um abgründig unglücklich zu sein.

Ich verstehe den Mann auf Anhieb, eben so wie er leibt und lebt in Marion Braschs magischem Realismus – vor der Schwester sterben die Brüder. Wunderlich ist Melancholiker. Er bildet sich eine Durchschnittlichkeit ein, für die ihm das Format fehlt. Unser Mann in Berlin hat ein Leben als Bildhauer und Vater verfehlt, ihm fehlt aber auch das Herz für Abenteuer. Das sagt ihm ausgerechnet sein Telefon. Das Handy nimmt ihn förmlich an die Hand, kurz gefasst & beweglich. Allwissend & anonym. Eine Märchen-Requisite sagen Sie. Sagen Sie das nicht.

Die Frage, die der Augenblick Wunderlich stellt, lautet: Wie verhält sich Gott zu einem Funkloch? Wunderlich verlässt seine Geburtsstadt, da ihm dazu geraten wurde. Zuletzt war er mit Marie am Meer. Jetzt fährt er allein als moderner Mystiker. Mit keinem anderen Ziel als einer Richtung. Im Zug nach Norden begegnet er einer Alice im Wunderland der Vergesslichkeit ihres Großvaters.
Landschaften ergeben sich aus Bildern, die Adern zeichnen. Wunderlich wird an die frische Luft eines stillgelegten Bahnhofs gesetzt. Er trifft Finke, bald gibt ihm der Schlossherr Rätsel im Zuge des Verschwindens auf.

Wunderlich sucht Finke in einer verwunschenen Welt. Gediegene Ländlichkeit ist ihre Tarnung. Der Reisende gerät an Toni, ihre Aussprache rückt Silben lückenlos in Reihen. Sie initiiert Wunderlich mit dem Toten Mann im See. Toni offenbart dem Fremden das Blauharz-Geheimnis. Mit Blauharz kann man sich von seinem Gedächtnis befreien, es heilt ferner äußere Verletzungen. Toni findet ihren Schmerz viel zu passabel, um ihn vergessen zu wollen.

Finke bleibt verschwunden, und Wunderlich will weiter. Auf einer Draisine setzt er seine Nordfahrt fort. Die Ereignisse überschlagen sich wie Würfel stürzen. Eine Riesin kreuzt Wunderlichs Weg, ein Bänderriss bringt ihn zu einer Schiene. Im besten Hotel einer Stadt erscheint Wunderlich als ein ganz anderer. So suggestiv der Roman anfängt, so hinfällig erscheint er schließlich. Fast so, als habe Marion Brasch die Sache vor dem Ende abgegeben und einen Reißbrettarbeiter um Fertigstellung gebeten. Die Phantasmagorie von der Brüchigkeit einer Existenz, die sich nur dem Zufall noch überlassen kann, um wieder Bindungskraft zu gewinnen, verflüchtigt sich in schematischen Darstellungen einer gespiegelten Innenwelt. Sein Passwort für das Blauharz-Universum wird Wunderlich nicht noch einmal zugespielt.

Marion Brasch, „Wunderlich fährt nach Norden“, Roman, S. Fischer Verlag, 285 Seiten. Buch bestellen

20.7.2014

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Ein Filmabend zu Ehren von Jörg Fauser

„Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern.“

Er ist „Außenseiter unter Außenseitern“ (Wiglaf Droste). In seinen Berliner Jahren liefert die Potsdamer Straße Fauser Rohstoff – Sensationen knapp über den Bodenwellen. Strich und Muff. Alles so schön ranzig. Wie zum Mit- und Abschreiben für einen Bordsteinliteraten bereit gestellt. Die Bordsteinschwalben nisten noch da, gestaffelt nach Jahrgängen, die Straße behält ihre polymorphe Schäbigkeit. Man kann der sozialen Evolution bei der Arbeit zugucken. Ihre Protagonisten gucken die Nutten an. „Milieu ist Heimat“, findet Fauser. „Da ist auch viel Kitsch bei”, behauptet Katja Kullmann.
„Rohstoff“ heißt ein Fauser-Roman. „Das Leben ist der Rohstoff“, sagt der Schriftsteller. In der Metapher steckt Sucht als Erfahrung, Fauser war Junkie eine Weile. Er ist vierzig, als „Rohstoff erscheint. Drei Jahre später stirbt er den Fußgängertod auf der Autobahn, ein Unfall kurz vor München-Bogenhausen. Er wird überfahren wie Rolf Dieter Brinkmann überfahren wurde, den Fauser im Untergrund-Periodikum „Gasoline 23“ einen abgehalfterten Establishment-Schreiber nannte. Obwohl er Brinkmann im Hass und im Ton trifft: „Dieser deutsche Brei, diese klebrige Soße, die sie mit ihrer Kulturproduktion servierten, und diese Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison.“ Das Feuilleton kann die Frage nicht mehr klären, ob Fauser vor dem Unfall im Puff war.

Daran erinnert Christoph Rüters Dokumentarfilm aus dem Jahr 2006. Er läuft im P 103. Vielleicht dreißig Leute wollen den Film sehen, der Kneipenbetrieb läuft hochtourig weiter, ein warmer Abend zieht das Publikum vor die Tür und auf die Gasse. Die Gegenwart zählt Fauser noch einmal aus. Man sieht den Schriftsteller am Grab von Gottfried Benn, Benjamin von Stuckrad-Barre berichtet, was er von Fauser gelernt hat: „Es gibt kein Reinheitsgebot in der Literatur.“

Franz Dobler, Droste, Stuckrad im ICE, die Dokumentation geht aus von einer Lesereise der Überlebenden, Dobler im Zug: „Wäre Fauser am Leben, würde sich kein Arsch für ihn interessieren.“

Fausers Erscheinung passt nicht in das Bild seiner Texte. Er wirkt wie ein Gymnasiast, der zu viel Chandler und Hammett gelesen hat. Der Berserker im Autor bleibt verborgen. Alle möglichen negativen Markierungen haften an, die Überlebenden stellen klar, dass sich Fausers enorme Produktivität mit Suff nicht erklären lässt. Wer den Herrschaftstext seiner Gesellschaft nicht verinnerlicht, wird stigmatisiert. Dafür taugt Fauser als Beispiel bis zu den Dropout-Posen. Dobler hebt Fausers Lerneifer hervor, seine Bereitschaft, sich ständig zu entwickeln. Fauser mutierte vom Lyriker zum Allesschreiber. Das ist kein Kompliment, Allesschreiber weist auf einen durchgeschossenen Zustand. Jürgen Ploog kommt im Film zu Wort, an anderer Stelle erzählte er gern, wie sehr ihm Fauser als kleine Wurst erschienen sei. Ploog wirkt staatsmännisch an der Seite von Boss Burroughs. William S. B. sagt: „Das Leben ist cut-up.“ Für Fauser war diese Methode eine Episode in den Siebzigern, die Kamera streicht über die Frankfurter Skyline, Fausers Mutter führt ins Kinderzimmer. Sie war umwerfend schön in ihrer Jugend, Schauspielerin und dann beim Funk. Der Vater war Maler, der Sohn habe von ihr nur die Geduld, sagt die Mutter.

Fauser wehrt sich gegen das Geschwätz von der politischen Relevanz, die Literatur haben soll, gegen das Literatur-ist-tot-Geschwätz. Enzensberger, dem Rudel stets voraus, beschwört die Aporie der Avantgarde. Fauser präsentiert sich als Geschäftsmann.

Dobler darf ins Kinderzimmer, er sichtet frühe Manuskripte, er reist nach Istanbul, wo der Opiumesser Fauser in einem Hotel nahe der Blauen Moschee logierte.

Der Film montiert Ausschnitte, in einer Sendung nach Art von „Drei nach neun“ sagt Fauser mit umwerfender Offenheit: „Wie gefährlich Drogen sind, das wussten wir doch gar nicht.“

Carl Weissner erinnert daran, dass es für Charles Bukowski nur einen deutschen Schriftsteller gab: Jörg Fauser. Stuckrad liest aus „Rohstoff“ eine Westend-Szene in der Hochzeit der Hausbesetzungen. Fauser antizipiert den Lauf der Dinge vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer. Die jetzt am lautesten schreien, werden bald die reichsten Elche sein.

„Du darfst es dir nicht gemütlich machen“, verlangt Fauser von sich.

Der Eklat von Klagenfurt 1984 – Marcel Reich-Ranicki meint, Fauser habe beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb nichts verloren: „Er gehört hier nicht her.“ Das wäre ein Augenblick für die Faust gewesen. Fauser lässt ihn verstreichen, Achim Reichel singt ein Lied vom Jörg in der ZDF-Hitparade. Fauser beim tip-Berlin in der Reaktion, Dobler auf dem Potsdamer Platz. Kurz wird das „Schmale Handtuch“ angespielt, die Frankfurter Kaschemme lieferte Fausers „Bornheimer Finnin“ den Schauplatz – dir und mir Binding Bier, die Kultur der Wasserhäuschen mit ihren Steh- und Stützbier-Philosophen. Ein Schlappefligger darf sagen, was er denkt, das muss nicht immer gut sein.

Bourgeoise & Boheme – Durchbruch mit dem „Schneemann“ 1981, am Ende steht Bogenhausen, der Münchner Schick und ein Job als Redakteur bei Transatlantik, dem edelsten Journal einer Ära. Charles Schumann erwähnt, dass Fauser Straßen immer ohne Rücksicht auf Autos überquert hat, dann wieder Ensslin, Baader, der abgeführte Jan-Carl Raspe, Revolutionspathos: „Nur weil dein Buch nicht gedruckt wird, willst du die Revolution ausrufen.“

Den letzten Roman bringt Fauser nicht mehr zu Ende, seine Witwe meldet gemeinsame Freuden bei Box- und Stierkampfbesuchen.

Fauser stirbt mit 2.64 Promille am 17. Juli 1987, in der Nacht nach seinem dreiundvierzigsten Geburtstag. Bis dahin galt die Devise: „Ich bin ein erfahrener Trinker, ich komme immer wieder nach Hause.“

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Die dreißig Fauser-Fans wandern vom P 103 zum Ex´n`Pop ein paar Häuser weiter. Das Ex'n'Pop ist weltberühmt, eine behagliche Grotte. Neben mir reden Leute über Hank Williams III, hinter mir zweifelt Katja Kullmann an Jörg Fauser. Ist ihr zu viel Lederjacke. Auf dem Podium spricht ein Mann vom Berliner „Tip“. Er weiß, dass die Potsdamer Straße auf Gentrifizierung allergisch reagiert. Es gibt immer noch die Läden für Reizwäsche und die Brandmauern, an denen Fauser vorbeikam. Das Abendland geht immer noch ständig unter und unter geht auch immer noch jedes „radikale Künstlerkonzept in einem von Kunsthandwerkern besetzten Betrieb“. Fauser-Biograf Ambros Waibel feiert Fausers Literatur, als „eine, die lebt“. „Fauser ist eine Provokation. Wenn man es so macht wie er, dann muss man damit rechnen, dass man das Pensionsalter nicht erreicht.“

Regisseur Christoph Rüter verspricht die Rohfassung von „Rohstoff“ im Verlauf der Nacht.

18.7.2014

Saalslam im Heimathafen

Persönlichkeitskernschmelze oder Ausweg ins Dilemma

Saalslam im Heimathafen zu Neukölln – Erste Ansage: Respektiert den Poeten. Wer buht, fliegt. Dichter kriegen die Hausordnung: Keine Requisiten, keine Kostüme, kein Gesang. Jeder hat fünf Minuten, das Publikum wertet. „Du hast Ideen für dein Leben“ behauptet York Bartel im ersten Vortrag. Er zitiert Erich Fromm, das gibt zu der Befürchtung Anlass, dass bald wieder Erich Fried als Untoter aus einem Keller steigt. York Bartel reimt Fromm auf anal, das klingt banal-basal, der Dichter verliert den Faden. Er weiß: „Ihr werdet krumm krepieren.“
Seinem lyrischen Ich geht es „um die wahre Liebe, nicht um die Vermarktung von Gefühlen“. So könnte das in jedem Schulaufsatz stehen, die Verdichtung fehlt. Marie-Therese Schwinn deklamiert „Mir kommen Worte so banal vor“. Sie erzählt von einem Mann, „mein Gott ist der schön. … Du sirrst in der Luft. … Wir klammern uns an ein Schulterzucken. … In mir ist alles Brandung.“ In Nähe des angebeteten Du schwindet das Ich. Schwinn beschreibt eine Persönlichkeitskernschmelze, die gestoppt wird: „Ich erinnere den Moment, als du deinen Zauber verloren hast. … Unter meiner Haut ist kein Kribbeln mehr.“ Die vernickelten Wirkungen von Enttäuschungen, die das Leben erleichtern. Schon wollte man es aus der Hand geben, nur gut, dass die Selbstenteignungsabsicht unbemerkt blieb. Dipster löst Schwinn ab, er trägt Anschuldigungen vor. Sein alter ego philosophiert „aus Verzweiflung“, kurz denke ich an die Höllenkreise in Dantes Inferno. „Nichts ist doch schon was“ behauptet die poetische Alternative zum Autor. So wird eine Abfuhr umgedeutet mit Gewinn. Piet Weber folgt Dipster, er erzählt von einer Theresa, die im August im Solarium sonnt. Auch mit ihrem Namen ließe sich Hölle buchstabieren: „Eine Ehe mit Theresa kann nicht schlimmer sein als Asyl in Nordkorea.“ Thomas geht Theresa auf den Leim der Ehe, „Die Göttliche Komödie“ böte jedem Slammer einen idealen Stoff. Alle schenken Gutscheine zur Hochzeit, Dipsters Erzähler reiht sich mit einem finanziellen Versprechen für den Scheidungsanwalt ein.

Pansen liefert ein Reim-Delirium vom Kalender der Mayas bis zum leeren Konto eines Studienabbrechers. Die Freundin macht via short message service kurzen Prozess und Schluss mit Versager, da bleibt nur eine Single-Börse als Ausweg ins Dilemma – „eingeklemmt zwischen Wunsch und Realität“. Das erzählende Ich findet ein Auskommen als Callboy. Der strippende Weihnachtsmann trifft seine Mutter in fröhlicher Frauenrunde. Das gibt ihm den Rest.

Markus Riexinger kommt mit einer Dorfgeschichte an, der Depp im Dorf („eine Instanz der Gutmütigkeit“) wird fertiggemacht. Eine Frau bittet um Sterbehilfe, ihr wird geholfen. Claudia Tothfalussy berichtet von einer WG-Party mit siebzig taz-Autoren – und von einer lesbischen Wohngemeinschaft, die sich mit einer Katze plus 1 verstärken möchte. „Die wollen gleich zwei Muschis.“

Dominik Biermann besingt einen fernen Vater, „Oma lebt nur noch in mir“. Ich kann mit Biermanns Vortrag nichts anfangen, das Publikum hört aber was Gutes. Zuletzt hört Robin Isenberg mit einer Liebesgeschichte auf: „Ich bin so hässlich, ich wünschte, dich macht die Liebe blind.“ „Deine Augen spielen eine Ouvertüre, ein Intro, so leise und schön.“

„Besonders lyrisch und persönlich“ findet Moderator Daniel Roth den Abend. Plötzlich verstehe ich, warum man nicht mit einem fremden Text auf die Bühne darf. Das Performative wirkt sich so massiv aus, dass Schauspieler die besten Karten haben. Da die Kombination von literarischer & schauspielerischer Begabung in einer Person selten ist, fallen poetische Leistungen nicht einfach so durch die Raster darstellender Kunst. Im Finale überrascht Robin Isenberg mit Kindheitserinnerungen aus Tegel-Süd. „Wir haben ein Gefängnis, das ist das schönste Gebäude .“ Der finale Beitrag heißt „Wahrlich wir tanzen“. Isenberg animiert das Auditorium, er hat die Leute im Griff. Ein eingängiger Vers hält das Stück zusammen. Sieger wird aber Piet Weber, er bezahlt ein Mischbrot „mit Eigenurin“ und gibt noch Trinkgeld.

16.7.2014

Female Poetry Slam in der Volksbühne
Die Finalistinnen Dominique Macri, Franziska Holzheimer und Svenja Gräfen

Alles Fotoshop

Female Poetry Slam an der Berliner Volksbühne gibt Rätsel auf

Die Ersten springen schon bei der Applaus-Probe auf. Das Publikum ist die Jury, jede Poetin hat fünf Minuten, singen ist verboten, entschieden wird per Akklamation. MC Sarah Bosetti liest außer Konkurrenz einen „Opferlamm“-Text „zum Warmwerden“. Ihre Geschichte hat einen märchenhaften Kern, der Held wohnt mit vierzig noch bei seiner Mutter, Theresa Hahl, Bochum, startet den Wettbewerb. Ihr lyrisches Ich fragt: „Bin das nur ich oder ist die Welt nicht ganz dicht? Da läuft doch Wasser durch die Wand (der Welt).“ Hahls Gesellschaftskritik trifft heikle Punkte, sie bleibt jugendliche Verwunderung über erwachsenen Unverstand. Manche Sprachbilder funkeln: „Stanniolabziehfolie im Alltagsalphabet“, „ein Herz aus Routine-Ruinen“. Dem abgezirkelten Vortrag folgt der überragende Beitrag von Franziska Holzheimer, Hamburg. „Wir leben in einer Zeit bewegter Bilder“, Holzheimer erzählt aus der Kameraperspektive: „Realität ist nichts als ihre Wahrnehmung“ – Fotoshop als Realitätsersatz. Zoe Hagen, Berlin, schließt an, sie liest vom Blatt, rast durch den Text, „Deutschland ist das Land der Alten, wir müssen ihre Schulden bezahlen.“ Klingt nach einer Generation in der Haftung, das Auditorium zeigt sich hingerissen, doch geht aus der ersten Vorrunde Holzheimer als Siegerin hervor. Das passt zur Leistung.
Im zweiten Durchgang tritt Dominique Macri, Marburg, gegen das „Eintüten“ als einer deutschen Manie an. Ihr Alter Ego steht „ungefickt im Regen“, die zerlaufende Poesie einer Liebesgeschichte konkurriert mit Migrationsmitteilungen. Vehemenz wird als ethnisches Merkmal markiert. Ein Leben ohne Vorausschau unter lauter Vorausschauenden spricht sich aus. „Immer noch erkennt man uns, wir sind anders und lassen uns die Andersartigkeit abfällig attestieren.“ Macri wird immer besser, ihre Rede entrollt sich wie ein Banner. Bente Varlemanns Heldin trägt in „Was ich habe“ „einen blauen Fleck von Selbstverteidigung“ davon. „Es würde einzig und allein helfen, das Bewusstsein für andere Menschen zu ändern, auf Macht und Unterdrückung zu scheißen und körperliche Grenzen anzuerkennen.“ Die Autorin aus Hamburg redet sich norddeutsch in Rage. Anke Fuchs, Bonn, schlägt in einer Krankengeschichte leise Töne an. Ihr Text ist eine Ansprache, es gibt ein Du zum Ich: „Das Bier aus dem Kasten für den Fantasten in dir … der Wicht in dir konnte mein Ich entmachten.“ – Jedenfalls so ungefähr. Offenbar wurde da eine Verletzung verarztet. Macri gewinnt das zweite Rennen, es folgen die „Die gestörten Möchtegern Twins“ mit einer Raf-Kolportage, im Mittelpunkt steht Gudrun Ensslin. Ihre Pfarrerstochter-Biografie wird angespielt, die Tochter wirft dem Pfarrer moralische Inkontinenz vor: „Ich bin eine Kämpferin, ich bin nicht erpressbar“, G. Ensslins Sohn Felix taucht auf und geht unter. Die falschen Zwillingen bilden einen Chor, sie singen auch, obwohl das, wie gesagt, verboten ist. Ist aber egal. Svenja Gräfen sehnt sich nach dem „Zeit-Management ihrer Kindheit zurück“, nach „einem Hochgefühl, als die Stützräder abmontiert wurden“. Sie träumt von Beschleunigungspausen. Katharina Röben weiß: „Die Lage ist ernst, eine Rebellion unumgänglich. … Wann hattest du zum letzten Mal einen Füller in der Hand, es werden großzügig Likes verteilt, aber keiner schreibt mehr Briefe. Du bist, was du Pixel frisst.“ Ins Visier des Finales geraten Holzheimer, Macri, Gräfen. Holzheimer dreht Paul Celans „Todesfuge“ eine lange Nase mit vollem Körpereinsatz, inklusive eines abgebrochenen Spagats und einem kryptischen Hitlergruß. „Der Deutsch-Komplex“ geht als ein Siegertitel durch, er nimmt nicht nur die Melodie der Todesfuge“ auf die Schippe. Holzheimer persifliert: „Kein Massai für Margarete … das Grauen sitzt in den Graubrotscheiben.“ Ich begreife den Witz nicht: „Margarete, dein Haar stinkt nach Kraut.“ Celan: „Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland/ er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft/ dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng.“
Das Auditorium rast, Poetry Slam als Rechts-Rave? Ich bin ratlos. Ich hoffe, die sehr begabte Autorin besitzt mir gegenüber einen Humorvorsprung. Wahrscheinlich kann das Publikum den Rückraum und die Referenzen ihrer Verkopplung nicht identifizieren. Macri dichtet „unscharf im Vorübergehen“, es geht um die Oranienburger Straße, um „gepfändete Menschen“ auf dem Strich und daneben. Den letzten Beitrag liefert Svenja Gräfen, eine Geschichte über den Generationenkonflikt, das juvenile Ich „wird von alten Menschen angepöbelt“. Einerseits – andererseits sind Oma & Opa verrückt vor Aufgeschlossenheit. „Im Kampf der Generationen verbünden sich die Greise mit den Enkeln“, schreibt Sartre, die Repräsentantin des Geschehens bricht ihr Studium ab, Oma jubelt, Opa verlangt Senioren-Highfive. Es gibt zwei Sieger und eine Doppelspitze: Holzheimer & Gräfen. Ich finde, die Volksbühne muss sich als Gastgeberin über Holzheimers finalen Vortrag Aufschluss verschaffen. Ich wünsche mir, etwas falsch verstanden zu haben. Das war keine Verhöhnung der NS-Opfer, der Faschismus hat sich nicht im Spaßgewand und von hinten durch die Faust ins Auge zu Wort gemeldet. Da hat einfach nur ein alter Sack die Welt nicht mehr kapiert.

12.7.2014

Der Untergang des Egoisten Fatzer

Eine Tankbesatzung steigt aus und trommelt in der Nacht

Dela Dabulamanzi, Katharina Nesytowa, Johanna Diekmeyer, Josephine Fabian – Die Performerinnen von „Futur II Konjunktiv“ bringen im Berliner Ballhaus Ost eine Geschichte zu Ende, mit der Bertolt Brecht nie fertig wurde

Der erste Weltkrieg im dritten Jahr. Eine Tankbesatzung steigt aus, vier Männer desertieren. Sie landen in Mülheim an der Ruhr, Bertolt Brecht schrieb Mülheim mit unpassendem Mühlen-h. Wie gesagt, er wurde nicht fertig mit Fatzer. „The plot centers around soldiers who desert from the war and hide out in Mülheim, waiting for a revolution”, schrieb der amerikanische Kapitalismuskritiker Morgan D. Fuller in einer Morgenröte der Revolutionserwartung.
„Wendet euch um und/verwandelt den krieg der Völker in/den krieg der klassen“, fordert Fatzer.
Brecht kam 1953 auf das Fatzer-Fragment zurück, nach dem Aufstand vom 17. Juni. Pompös quittierte er die Lage: „Zum ersten Mal hat die Klasse gesprochen.“
Brecht entdeckte die Feme-Fressen von 1918 in der Erhebung. Visagen des Faschismus, Brecht sagte das so. Das war die falsche Sorte Amoralität. Fatzer schien Brecht im Jahrzehnt seines Todes akut zu sein. „Die Grundfrage lautet: Wer frisst wen?“
Am Ende frisst die Mannschaft den Egoisten Johann Fatzer. Am Anfang ist Fatzer Mannschaftsführer: „von uns allen bin ich / durch gehirn und physis am fähigsten / durchzukommen als einzelner“. Den kriegsmüden Kameraden ruft er zu: „jetzt nehmt eure / schädel in die hände und paßt / auf, heute am mittwoch gehe ich / fatzer und ihr büsching, koch und kaumann von diesem krieg weg, / der uns nichts mehr angeht.“ Merken Sie sich Kaumann als Familiennamen.
Nicht „Fatzer – Ein Fragment“, sondern „Fatzer – eine Zeremonie“ heißt die Adaption von „Futur II Konjunktiv“ im Ballhaus Ost. Die Performerinnen stehen vor Gräbern ohne Gott, sie starten auf dem kommunistischen Friedhof, da liegen religiös ungebundene Freiheitskämpfer. Der Rücken des Ballhauses ragt wie ein Mausoleum in den ruhenden Hof. Die Grabsteine sehen christlich aus, die Inschriften sind aber kernig.
„wendet euch um und / verwandelt den … weltkrieg in den / bürgerkrieg. also bleibet beisammen und tragt / den krieg in euer eigenes land.“
Johanna Diekmeyer installiert das Zeichen der Gemeinschaft – schamanischer Schlangengruß und heidnischer Segen. Die Verdun-Flüchtlinge verbergen sich in Kaumanns Mülheimer Bude, drei Jahre musste seine Frau ihren Mann entbehren. Sie braucht Zuspruch in rauen Mengen. Inzwischen steht das Ensemble auf der Ballhausbühne, es tritt sehr brecht´isch entweder als Chor oder statuarisch vereinzelt auf. Drei Bahnen staffeln den Raum vertikal. Ich sehe sie als kraftlose Rippen eines aufgegebenen Skeletts. Die Spielerinnen wechseln sich als Fatzer ab. Sie spielen mit Masken, Dela Dabulamanzi kommt hochschwanger zur Sache. Die Vier bekriegen sich in ihrem Separatfrieden, sie kennen nichts mehr außer Krieg. Die Kaumann ist so bedürftig, sie will die Beine für Fatzer breitmachen. Derb wird das erzählt: „was eine frau ist, die braucht nicht nur schleimsuppe“. Sonst würde sie „immer an ihren leeren schoss denken“ müssen.
Auch in Brechts „Trommeln in der Nacht“ kehrt einer heim, sein Trauma, der Maschinenkrieg, spielt keine Rolle in der maroden Herkunftswelt. Das muss für Soldaten Science Fiction gewesen sein: die Materialschlachten und Gasmasken und neuen Geistesstörungen. Sie kamen aus einer Welt kaiserlicher Kavallerie und fußkranker Infanterie in ein technisches, wie von Ufo-Besatzungen angerichtetes Inferno, das in Zeitgenossenschaft gar nicht zu begreifen war. Die Wahnsinnigen hielt man für Simulanten und den Krieg für einen Hammer, der aus Gründen der Völkerhygiene gelegentlich aus dem Kabinett geholt werden musste. Was blieb einem übrig? Man wäre als Kaiser auch lieber mit dem Cousin aus dem englischen Königshaus zum Segeln gefahren, statt Kanonenboote versenken zu lassen.
Nun kehren genau vier so ungefähr heim, Brecht traute den Verelendeten nicht viel und dem abstürzenden Kleinbürgertum noch weniger zu. Er schmiss die Klamotten der Verzweiflung wie Drehorgeln an. Zirkus in der Kneipe, Heiner Müller wollte Brecht in einer Peepshow erleben. HM: „Wenn man Brechts pornografische Gedichte liest, fällt auf, daß er immer wieder die Notwendigkeit des Duschens nach dem Beischlaf betont.“ Baal sagt: „Die Verbindung von Harnröhre und Geschlechtskanal – so etwas konnte nur einem Schwein einfallen.“
„ich scheiß auf die ordnung der welt“, brüllt Fatzer-Baal. „die elenden von heute sind morgen glücklich.“ Fatzer repräsentiert das Lustprinzip, besonders deutlich sieht das man im Spiel von Katharina Nesytowa, „lust baut gebäude aus nichts. … ich bin gegen eure mechanische art, der mensch ist kein hebel.“
Josephine Fabian-Fatzer umkreist die Kameraden marathonisch. Die Kameraden stellen sich zu lebenden Bildern zusammen. Sie befragen ein Orakel mit Buchstaben im Wortsinn (Stäbe aus Buchen). Sie sind getaktet & getrimmt auf Gleichklang nach der Marschordnung. Nur Fatzer macht Faxen, er bewohnt Frau Kaumann. Katharina Nesytowa spielt den Helden mit Budo-Bewegungen zwischen Tanz und Kampf. Mit mehr Kampf als Tanz. Die anderen machen auch Gong-fu, aber nicht mit so viel Energie und Gefühl für die Sache wie Katharina Nesytowa. Einmal kommt es zu einer Runde Chi Sao – Klebende Hände, ich muss mich am Sitz festhalten, dass ich nicht einsteige und mitmische.
In balladesken Phasen ist die Inszenierung von Johannes Wenzel ein Glasperlenspiel mit Tauziehen. Der Kälberstrick, an dem Fatzer seine Leute führt, wird ihm schließlich um den Hals gelegt. Es gilt: „wer gegen den strom schwimmt / dem fließt das wasser ins maul und erstickt ihn.“
Katharina Nesytowa gibt den sterbenden Fatzer, er verwandelt sich in eine Windmühle aus Segeltuch: „von nun an und für eine lange zeit wird es auf dieser welt keine sieger mehr geben, sondern nur noch besiegte.“

6.7.2014

Preisverleihung in Klagenfurt

Außenseiter-Sieg für Tex Rubinowitz

Klagenfurt 2014 – Zum Schluss sprach Sandra Kegel von einem „schwachen Jahrgang“. Die FAZ-Redakteurin wollte den Sieger nach seinem Auftritt am Samstag gekannt haben und allenfalls als Blinden unter Einäugigen gelten lassen. Dabei wirkte Tex Rubinowitz wie der krasse Außenseiter neben Repräsentanten des expliziten Kunstwillens. Wie in jedem Jahr verwahrte sich Chefjuror Burkhard Spinnen gegen die Klassifizierung der Autoren in Jahrgänge, allein es half wieder nichts. Der Ingeborg Bachmann-Wettbewerb suggeriert Stimmungen und Tendenzen, die sich jenseits der Veranstaltung nicht verdichten. Ich begrüße die Jury-Entscheidung als Einspruch gegen Produkte aus der Schreibschule und gegen ein Nierentisch-Verständnis von Sprache & Bedeutung. Normalerweise gibt es in Klagenfurt nichts zu lachen, deshalb bleibt Tex Rubinowitz auch als Sieger Außenseiter. Sein Beitrag ging als „Pointenjagd“ über den Parcours der Kritik. Die Zuschreibung hätte zur Hinrichtung führen können. Man muss die Jury mutig nennen, sie ist über den Schatten ihrer Angst gesprungen, nicht genug „Bedeutung“ auszuzeichnen. Dass ihr diese Angst im Nacken saß, zeigten die Hubereien bei allen Gelegenheiten. Ich erinnere daran, dass Marcel Reich-Ranicki sich einmal weigerte, die Kritikerrolle öffentlich in einem Zusammenhang mit Rolf Dieter Brinkmann zu spielen, da er fürchtete, im Fall einer wohlwollenden Aufnahme vorgeführt zu werden mit der Behauptung, das hab ich vorhin in fünf Minuten auf dem Klo geschrieben. Ich glaube, das ist die größte Angst von Klagenfurt, die Umkehrung der Verhältnisse mit dem Effekt einer Kritiker-Entblößung. Vielleicht reagierten die Juroren auf das, was Maja Haderlap in ihrer Eröffnungsansprache „eingesprachten“ Autoren implizit einräumte: die Chance, eine Sprache ohne die Last der Erziehung/Abrichtung fortzuschreiben. Tex Rubinowitz ist natürlich kein „Eingesprachter“, er scheint trotzdem an keinem deutschen Bildungstropf zu hängen, dieser Dirk W. aus Lüneburg.
Preiswürdig fand ich Kerstin Preiwuß mit einem Tochter-Vater-Text ohne Titel, und Anne-Kathrin Heier mit „Ichthys“. Beide Autorinnen gingen leer aus. Den Publikumspreis kriegte Gertraud Klemm für eine Geschichte, die mir gefallen hat – ein Einstieg in den Höllenkreis Familie.

Der 4. Wettbewerbstag in Klagenfurt

Jetzt ist es so weit – Hubert Winkels kriegt Atemnot vom Zuhören

Lakonie mit Sexappeal – Ein Debütant der Liebe kriegt seine Packung fürs Leben

Was angestrebt wurde, aber nicht stattgefunden hat, kann nicht verarbeitet werden. Man schreibt die Koordinaten der Erwartungen in ein freies Feld, das lässt sich wiederholen. Das ist mein Bild von Tex Rubinowitz‘ Geschichte. „Wir waren niemals hier“ beschreibt die Virulenz einer Nicht-Beziehung, sie streicht das Unglück des Liebenden durch und überschreibt es mit Lakonie. Ein Debütant der Liebe, Student im ersten Semester, Deutscher in Wien, sucht sich für seine Defizite eine Kommilitonin aus Litauen (in der UdSSR). In Litauen sei alles süß, behauptet Irma, auch das Brot. Sie habe daheim immer gern Zucker in Tanks getan. So eine also, mutwillig, selbstbezogen und abenteuerlich aufgelegt. Sie lernt koreanisch und wenn sie „An-nyeong-ha-se-yo – Guten Tag sagt, dann soll das heißen: Ich liebe dich. Der Erzähler erinnert sich mit dreißig Jahren Abstand daran, eine Facebook-Anfrage von Irma setzt den Prozess in Gang, nun weiß er Bescheid: „Man braucht Codes, wenn man keine gemeinsame Sprache findet“, schreibt Rubinowitz.
Das erzählende Ich tätowiert sich selbst in antiker Knastmanier. Irma schreibt auf einen Zettel: „Ich bin weggegangen. Wenn ich in 50 Minuten nicht zurück bin, komme ich gar nicht mehr. Brauchst nicht zu warten.” Sie bedroht den Zettel-Adressaten mit ihrer Unbeständigkeit, „sie macht ihn zum Affen“, sagt dann Meike Feßmann in der Auswertung. Hildegard Elisabeth Keller hat einem lakonischen Erzähler mit Sexappeal zugehört, sie nennt den Text „eine Pointen-Jagd“. Nicht nur mich erinnert Rubinowitz‘ Held zu seinem Vorteil an Sven Regeners „Herr Lehmann“.
Der letzte Autor des Wettbewerbs ist Georg Petz, ein schreibender Lehrer aus Wien, wohnhaft in Graz. Zum Schluss „Millefleurs“ – eine Dekor-Kategorie gibt dem Text den Titel. Er erzählt von einem deutschen Studenten in der Normandie – einem Lyriker des Herzens, die Geschichte ist ihm zu Kopf gestiegen. Ich störe mich an einem frühen Vergleich: „Die Arme wie zwei Wasserschlangen.“ Die Zahl zerstört das Bild. Student verliebt sich, es gibt einen Rivalen: „Du wirst ihn mögen, hat Cecile gesagt. Er ist wie du.” Kampf oder Rückzug, das ist hier die Frage. Sie wird in der Arena des Decision Day entschieden. Wie symbolisch. „Die Vogelperspektive wird den Untergang so in die Karten schreiben: zwei Schwimmer, schwer den Baggersee geschultert. Dann nur noch einer. Welle, Licht, Interferenz in der Schwarmerinnerung wie der Mohn im Kalk der Ufer.”
Metapher verkrusten die Geschichte, Winkels behauptet, beim Zuhören in Atemnot geraten zu sein. Juri Steiner fand das Dekorative omnipotent im Text. Dekor ist Impotenz, Spinnen spricht von zu vielen Roben übereinander. Keller findet „ein letztes Aufbalzen“ am Omaha Beach überzeugend geschildert. Ich hebe meine Schultern über die weit verbreitete Liebe zum Schwulst in der Literatur.

Der 3. Wettbewerbstag in Klagenfurt

So spricht das 21. Jahrhundert

Literarischer Missbrauch – Esoterischer Kitsch – Facebook-Freunde – Hauptpreis für Langeweile

Ingeborg Bachmann-Wettbewerb 2014 – Während die Autoren das Schweigen der Lämmer zelebrieren, gewinnt der kritische Ton in Klagenfurt an Schärfe

Hubert Winkels kramt den Fisch als christliches Erlösungsmotiv aus. Die Rede ist immer noch von Anne-Kathrin Heiers „Ichthys“. Jurorin Daniela Strigl variiert das Thema vom klugen Text, der den Autor in die Tasche steckt, wenn sie feststellt: „Hubert Winkels ist immer klüger als der Autor.“
Gereiztheit breitet sich aus unter den Juroren, Gegensätze grassieren, Animositäten deuten sich an, Hildegard Elisabeth Keller findet es besonders falsch, dass sich bei Anne-Kathrin Heier jemand „in den Straßenbelag schnäuzt“. Brunnen erklärt hingegen kathedralisch: „So spricht das 21. Jahrhundert.“
Birgit Pölzl wurde von Arno Dusini eingeladen, der sich zum Antipoden der Doppelspitze Winkels/Brunnen entwickelt. Die Grazerin versteht sich als politische Autorin im Kampf gegen den Neo-Liberalismus – ein Killer, folgt man Pölzl. In ihrer Geschichte nimmt eine Mutter final Abschied von einem Kind, für Meike Feßmann grenzt Pölzls Erzählmanier an „literarischem Missbrauch. Die Kritikerin konstatiert „esoterischen Kitsch“.
Brunnen erscheint der Text als Idylle, wie sie seit zweihundert Jahren in der Kunst nicht mehr stattfindet; es sei denn im Stillleben, da wirken „die Gegenstände besonders tot.“ Stillleben – Nature morte, das passt, Brunnen kriegt immer die Kurve.
Mit Senthuran Varatharajah, geboren 1984 in Jaffna, Sri Lanka, tritt ein „eingesprachter“ Autor an. Der Philosophie-Doktorand an der Berliner Humboldt-Universität hat keine literarische Veröffentlichung. Er debütiert auf der Bühne mit einem Hegel'schen Facebook-Chat. Es unterhalten sich Kinder politischer Flüchtlinge – Asylanten-Biografien im Dialog, um es wie eine Kritikerin zu sagen. Das „Asylheim“ kommt als trauter Ort im Gespräch vor, eine Mutter ist aus dem Kasten-Schema ihrer Herkunft ausgestiegen und bereut das. Den Sohn, der nun chattet, wollte sie nie haben, das macht sie deutlich.
Die Facebook-Freunde kennen sich weiter nicht, das steigert das Vertrauen.
Den Hauptpreis für die Verbreitung von Langeweile verdient Romana Ganzoni. So sieht es Meike Feßmann, die immer schärfer wird. Romana Ganzoni verbreitet noch eine Tochter-Mutter-Variante. Die im galoppierenden Selbstwertverlust gefangene Heldin fährt Auto, plötzlich sieht sie ihre Mutter im Rückspiegel auf der Rückbank. Mehr geschieht nicht. Brunnen wirft der Autorin vor, jeden Satz gefeiert zu haben, „bis zu drei Mal, Subjekt, Prädikat, Objekt“. Das war der Freitag in Klagenfurt.

Der 2. Wettbewerbstag in Klagenfurt

Heißlaufende Kritik

Am 2. Wettbewerbstag droht Juror Hubert Winkels mit vorzeitigem Ausstieg

„Die Stunde der Idioten“ beginnt morgens um zwei, wenn die Verwirrung und Frustration um sich greift und die Polizei nicht mehr voraussagen kann, wer gleich zuschlägt oder in eine Scheibe rennt oder Geschlechtsverkehr mit einem Fremden hat. Die üblichen Verdächtigen, Ausländer, Arbeitslose, Alkoholiker, sind jetzt nur noch u.a. potentielle Täter & Opfer. Die Gesellschaft gerät aus den Fugen und neigt zum Chaos, zumal in den Metropolen – diesen Ansaugstutzen der großen Energien.
„Die Stunde der Idioten“ steht fest als Begriff im Polizei-Jargon. Anne-Kathrin Heier aus Werne setzt ihn ein in ihrer Geschichte „Ichthys“, in der eine Stadt zur Erzählerin geworden sein könnte. Jedenfalls hält das eine Jurorin für möglich. Die Rede ist von „Berliner Tristesse“ in der Spannung von Hartz IV & Hipstertum. Ich finde, das erzählende Ich ist zu idiosynkratisch für sprechende Steine: „Zigaretten spielen eine Rolle, so wie all meine Süchte eine Rolle spielen: Ich mag sie, weil sie keine Rücken haben. Weil ich selbst entscheiden kann, wann und ob sie gehen, und meistens entscheide ich mich dagegen. Was das Potenzial hat zu bleiben, das soll bleiben. Ich gehe das Risiko ein, dass keine Antwort kommt, wenn ich Fragen stelle. Die Menschlichkeit wird überschätzt.“
Der Kunstwille im Text sei zu explizit, heißt es. Aus der Rezeption steigen Zuschreibungen im Spektrum von Verstiegenheit und Exaltation auf. Eine Stimmung kurz vor Beißwut. Winkels sieht in „Ichthys“ ein Beispiel für „das Dilemma jeder Avantgarde“. In diesem Dilemma zeigt sich, dass die Begrenztheit des Avantgardisten sich fataler auswirkt als Begrenzungen, die sich aus der Ordnung des Hergebrachten ergeben.
Kollege Arno Dusini protestiert, er fällt Winkels ins Wort, will die Unterbrechung. Winkels kontert: „Das können Sie nicht machen, sonst gehe ich.“
Die Kritik läuft heiß, das Publikum wendet sich gegen die Hegemonie auf der Bühne mit einem Applaus, der Anne-Kathrin Heier adelt.

Der 1. Wettbewerbstag in Klagenfurt

Virtuos, aber nicht relevant

Zum Auftakt des Ingeborg Bachmann-Wettbewerbs sprach Maja Haderlap – sie wurde 2011 für „Engel des Vergessens“ ausgezeichnet

„Es sind nicht immer die Schiffsbrüchigen, die auf einer Insel Zuflucht suchen.“ Mit diesem Zitat von Ingeborg Bachmann eröffnete ORF-Landesdirektorin Karin Bernhard die 38. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Bekanntlich gab es Überlegungen ihres Senders die Segel zu streichen und die Literatur am Wörthersee dem Spiel von Wellen & Wind in der kapitalistischen Lesart zu überlassen. „Der Markt richtet vieles, er könnte die Literatur hinrichten.“ Bernhard betonte die Bereitschaft des ORF, „die Veranstaltung langfristig abzusichern“.
Sie teilte mit, dass die nominierte Karin Köhler ausfällt, wegen einer Kinderkrankheit, „das kann passieren, wenn man Kinder hat“. Maja Haderlap hielt die „Rede zur Literatur“ unter der Überschrift „Im Licht der Sprache“. Sie führte eine Geschichte an, deren Ursprung in der Klagenfurter Topografie liegt. Maja Haderlap näherte sich dem Kern, indem sie das Wuchern der Peripherien in die Zentren zum Ausgangspunkt machte: „Die Peripherien mutieren zu Schauplätzen von Umwälzungen.“ Sie beschwor die Erneuerungspotentiale der geografischen, ethnischen und sozialen Ränder und kritisierte die Klischees von einem neuen Nomadentum, post-kolonialen und transkontinentalen Mischkulturen als begriffliche Klammeraffen. In eine Sprache eingewanderte Autoren spülten an neue Sprachufer, sagte ihre Begeisterung. In den Wettbewerbsdurchgängen am Donnerstag gab es keine Offenbarung. Wie eh und je feierte sich die Kritik als überlegene Instanz, während die Autoren in gewohnter Mittellage balancierten. Es war nicht alles schlecht, aber abgesehen von Gertraud Klemm, die den Nachmittag illuminierte, regten die Vorträge ihre intellektuelle Verdauung nicht an. Am Rand hieß es, dass Amazon „der weltweit größte Verleger“ sei, Hanser-Chef Jo Lendle wütete gegen das „self publishing-Zeug“, das via Amazon verbreitet würde. Vielleicht liegt da der Hase im Pfeffer der Ignoranz, dass die Branche nicht begreift, wie schmal der Grat zwischen nobilitierten und wildwüchsigen Publikationen inzwischen ist – auch insofern, als dass der eine wie der andere Auftritt kein besonderes öffentliches Interesse findet. Der Wettbewerb zieht allenfalls fünfundzwanzigtausend Zuschauer vor einen Fernseher.
Zuerst las Roman Marchel aus „Die fröhlichen Pferde von Chauvet“. Erst nach dem Vortrag erfahre ich von Hubert Winkels, dass der Text in eine Todeszone führt und „Mord aus Mitgefühl“ das Thema ist. Die Geschichte sei Michael Hanekes „Liebe“ nachgebaut, sie evoziere zu viele „Gefühlsmarker“. Wie gesagt, Klagenfurt bietet sich als Gipfeltreffen der Kritiker an. Oft rauschen die Damen und Herren über die Schmalspuren der Beiträge mit Bildungsschub hinweg, um sich pathetisch selbst Einhalt zu gebieten. Die Autoren sind nach ihren Lesungen zum Schweigen verdonnert und dürfen Mensch-ärgere-dich-nicht mit sich selbst spielen. Angeblich hatte ich eine Mutter-Tochter-Geschichte „von grandioser Brutalität“ gehört, der laut Chef im Ring Burkhard Spinnen die „Blechdecke der Wirklichkeit“ sprengt. Spinnen und Winkels spielten sich Bälle zu, sie treten als gemütliche Platzhirsche auf. Seit Jahren sind sie die Show und das Ensemble, Winkels nannte die Autoren „Opfer“. Kerstin Preiwuß ging mit einem Text ohne Titel an den Start. Die Lyrikerin las Prosa, eine Nerz-KZ-& Tochter-Vater-Karambolage. Die elegisch gestimmte Tochter erzählt von einem Fachmann für Pflanzentod, der ihr Vater war. Seine Gas-Kompetenz, die NS-Anspielungen schlackern und keckern, verschafft ihm Aufgaben in „der größten Pelzzucht-Anlage Europas“. „Die Farm“ liegt in der DDR, Preiwuß schildert den Farmer-Vater vor Käfigen: Die Nerze riechen sein Blut, „wie es gegen die Halsschlagader drückt. Die Zucht bringt neue Farben hervor, zum Beispiel Lavendel-beige. Der Vater weiß sich von seiner Frau verachtet, traut ihr Betrug zu. Er trinkt gegen ein permanentes Zittern, doch soll alles bloß Handwerk sein, das Töten der Tiere und das Brennen von Schnaps. Die ganz und gar gelungene Rede ist von einem Kriegstrauma, das ahnungslos in die Familie getragen wird. Die Kritik rumpelte gegen Preiwuß: „Überinstrumentalisierung/ Überlastung/ Beschädigung des Textes“. „Rhetorisches Feuerwerk“.
Preiwuß´ Erzählerin glückt eine animistische Gegenwelt zu der gewalttätige Vaterwelt. So argumentierte Jurorin Hildegard Elisabeth Keller, die den Kollegen Exegese-Akrobatik vorwarf. Tobias Sommer, ein schreibender Steuerbeamter, folgte mit seiner persönlichen „Steuerstrafakte – eine Kafka-Variante mit personeller Verdopplung und dem Spiel der Verkehrung von Lesererwartungen. Spinnen erkannte einen „Aufprall der Kunst in der Bürokratie“.
Das war der Vormittag auf 3-Sat, ich sah Preiwuß´ vorn. Doch dann kam ein radikaler Muttertag zur Sprache, die Österreicherin Gertraud Klemm las aus „Ujjagy“. Der Roman folgt der Perspektive einer Frau, die kein Familienglück im Winkel-Klischees bewirtschaftet. Die Repräsentantin der Autorin lässt sich (mit Einverständnis) von einer Kindergärtnerin sagen, dass die „sogenannten Zeichnungen“ ihres Manuels nichts taugen, „man sieht nichts außer zornige Linien. Die Kritik zog vom Leder, sie hatte „gewaltige Entladungen“ vernommen. Als letzte Autorin des ersten Wettbewerbstages las Olga Flor „Unter Platanen“. Das ist ein Text voller Verkleinerungen des Kleinen, siehe „kleine Lämpchen“. Eine Sybille Klein, 42, trifft einen „großen Franzosen“ wieder (bei einer Konferenz). Sein Englisch „ist makellos“, sein Anzug „ist makellos“. Sybille und der Makellose wiederholen sich, das hätte Flor für sich behalten können.

3.7.2014

Claudia & Monika Wiedemer spielen Kurt Vonneguts „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ – und der Amerikanist Thomas Irmer zeigt den Autor im Film: 53 Jahre nach der Bombennacht von Dresden, die Vonnegut als Kriegsgefangener auf dem Dresdner Schlachthof erlebte, besuchte der Veteran einen Schauplatz seiner Traumatisierung

Ein Abend im Deutschen Theater

Guter Tag zum Sterben – Kurt Vonnegut erinnert sich in Dresden

Zweimal besuchte Kurt Vonnegut einen wesentlichen Schauplatz seiner Traumatisierung als amerikanischer Kriegsgefangener in der Bombennacht von Dresden – den Schlachthof seiner Gefangenschaft, der Romantitel wurde. Bei einer räumlichen Annäherung begleitete ihn Thomas Irmer. Der Amerikanist aus Berlin-Pankow filmte den verstörten Vonnegut, er zeigt das Dokument im Deutschen Theater. Auch das ist eine Premiere und erst einmal nicht wiederholbar. Man sieht den Schriftsteller im Dauerqualm & Blitzlichtgewitter und vernimmt militantes klack klack klack. Ein Fotografengeräusch, Vonnegut galt BILD Dresden als Prominenter auf Durchreise. Man wusste zwar nicht, wer er war, aber nun wussten alle, wie der Berühmte aussah. Klack klack klack. Irmer erzählt, Vonnegut sei im Auto eingeschlafen, just nachdem er auf einem Schild „Torgau“ gelesen hatte. In Torgau an der Elbe wurde bekanntlich ein alliierter Schulterschluss für die Nachwelt inszeniert. Vonnegut geriet während der Ardennen-Offensive im Dezember ´44 in Gefangenschaft. Dresden galt als sichere Stadt, sie war unzerstört, als „Yanks“ in einen ruhenden Schlachthof verlegt wurden: „The City was untouched.“

„Merkt euch eure Hausnummer“, ordnete ein Feldwebel an. Vonnegut spricht den Dienstgrad Deutsch aus. Er hauste in der 5, in einem würfelförmigen Bau, in den man Schweine kurz vor der Schlachtung verbrachte. Der gekachelte Kasten diente als Kühllager. Vonnegut erinnert daran, dass zu diesem Zeitpunkt in Deutschland „fast alle Huftiere schon gegessen und wieder ausgeschieden“ waren. „Es gab nicht viel Fleisch.“ Vonnegut lacht ein bisschen zur Lakonie.

Die Gefangenen arbeiteten in einer Fabrik, bis zum 13. Februar 1945. Was geschah, vergleicht Vonnegut mit der Vulkanisierung von Pompeii. Er erklärt seine Lage während des Luftangriffs: „Wir saßen im Keller und konnten absolut nichts tun.“

Immer wieder betont Vonnegut, wie jung die Soldaten waren, ab und zu kam ein Wärter in das Verließ, das Wärtergesicht wurde länger. Der Feuersturm, der Dresden erfasste, sparte den Schlachthof aus.

Vonnegut lehnt mit hochgezogenen Schultern an einer Kachelwand, man ahnt den Aufruhr, der Tag danach sei wie ein Spaziergang auf dem Mond gewesen. Er flüchtet in Beschreibungsgenauigkeit, wo was war. Er brauchte zwanzig Jahre, bis er wusste, „wie sich die Wahrheit erzählen lässt“.

Die Leichen hätten oft „wie Wachsfiguren ausgesehen und friedlich gesessen“. Die Gefangenen mussten die Leichen bergen, „aus hygienischen Gründen“. Das betont und wiederholt Vonnegut – aus hygienischen Gründen.

Die Frauenkirche war eine Ruine, als Vonnegut nach Dresden kam, dreiundfünfzig Jahre nach der Nacht. Er plädierte dafür, die Kirche als Ruine und Mahnmal zu erhalten und zu belassen, spendete aber hundert Mark für den Wiederaufbau. Nach der Begehung meinte er: „Dies ist ein guter Tag, um zu sterben.“

„Um eine Reaktion mit den Mitteln der Literatur auf das Unsagbare“, geht es nach dem Film im Gespräch zwischen Irmer, Trauma-Forscher Hinderk Emrich und Wenke Hardt, die „Schlachthof 5“ am Deutschen Theater und am Theater unterm Dach inszeniert hat. Irmer findet es großartig von Vonnegut, dass der Schriftsteller „auf einer Science Fiction-Folie“ seine literarischen Lösungen entdeckte. Emrich zitiert einen Großen: „Das Rettende passiert in der Verwandlung durch die Kunst“. Vonnegut gelangte dahin in der Dissoziation. Er verweigerte die Gegenwärtigkeit seines Alter Ego, des Schützen Arsch im letzten Glied Billy Pilgrim. Das ist ein unterbelichteter Collegeboy an der Front wie in Gefangenschaft … Billy fällt ständig aus und um. Er überlebt als verwirrter Wanderer hinter deutschen Linien. Er schläft als Witwer ein und wacht an seinem Hochzeitstag wieder auf. Sein Verhältnis zur Zeit ist spastisch.

Das Unsagbare sei nicht zu bewältigen, sagt Emrich dämmrig. Die Konfrontation mit dem Trauma-Kern könne den Traumatisierten vernichten. Noch Jahrzehnte nach der Sprengung seiner Identität.

Der Vernichtung entging Vonnegut in die Kunst. Aber auch er entkam dem Dilemma nicht, Gefühle mitteilen zu wollen, die er (als Traumatisierter) nicht mehr empfinden konnte. Es fehlte das Narrativ, das hatte der Schriftsteller an das Unsagbare verloren. An Stelle des Narrativ´ trat Humor als Haltung. Emrich: „Bei Vonnegut ersetzt das Lachen das Weinen.“ Irmer illustrativ: Vonnegut habe gut in einer Art amerikanischem Usedom gelebt. Gelegentlich war er Saab-Händler. Ein Updike-Typ, der sechs Kinder aufzog. An den Bruchstellen der Sprache überschritt er Grenzen. So sagt es Monika Wiedemer, bis eben hat sie mit ihrer Schwester Claudia den Traumatext „Schlachthof 5“ gespielt.

Claudia & Monika Wiedemer, Foto: JT
Claudia & Monika Wiedemer nach einem tollen "Schlachthof 5" im Deutschen Theater.

Die Sonne war ein zorniger Stecknadelkopf – hardt attacks präsentiert „Schlachthof 5“ in der Regie von Wenke Hardt

„Der sieht nicht aus wie ein Soldat. Der sieht aus wie ein schmutziger Flamingo.“

Billy sieht so aus. Billy Pilgrim, Sohn eines Friseurs, Depp vom College, Kriegsfreiwilliger mit erschöpftem Kampfgeist. Auch der Idealismus ist flüchtig. Billys Infanterie-Regiment wurde in der Ardennen-Offensive aufgerieben. Die Deutschen rüsten zur Festung Deutschland, sie geben noch einmal jede Menge Munition aus, zwanzigtausend Amerikaner fallen, drei Musketiere lesen Billy auf. Ständig müssen sie sein Leben retten. Billys Geistesgegenwart hat sich aus dem Kampfgebiet zurückgezogen.

Claudia & Monika Wiedemer zeigen die Verwirrung des Patrioten Pilgrim aus New York City in einem phasenweise rein energetischen Dialog. Sie erscheinen in weißen Overalls nicht martialisch, ihre Kostüme spielen vielmehr eine pathologische Dimension an – die Krankenakte als Klamotte. Billy fehlt ein Stiefelabsatz, später wird er als Optiker Erfolg haben, nach einer Kur mit Elektroschocks. Sein unrunder Gang führt zu einem wunden Hüftgelenk. Zumal Claudia Wiedemer spezialisiert sich auf die Kunst des verzogenen Ausschreitens. Sie humpelt sehr schön. Eingeschlossen „im Bernstein des Augenblicks“ ist Billys Lebenswille. Seine Seele spaltet sich und sorgt für Sondererlebnisse wie zum Beispiel interplanetarische Expeditionen, an denen Billy teilnimmt, während ihn Kameraden zur Ordnung rufen. Billy landet auf Tralfamadore, man gibt ihm eine Irdische zu Fortpflanzungszwecken in einem zoologischen Garten. Die Tralfamadorianer kennen jeden Augenblick ihres Lebens zu jeder Zeit. Ihre Weisheit kulminiert in diesem Punkt: „Nur auf der Erde wird von freiem Willen geredet.“

„Über ein Blutbad lässt sich nichts Gescheites sagen.“

In Gefangenschaft verliert Billy zuerst seine Stiefel, „die Füße verwandeln sich in Blutpudding“. Seinen Rettern ist nicht mehr zu helfen, so erschossen wie sie im Wald liegenbleiben.

Die Spielerinnen erzählen. Sie wechseln Ebenen wie Turner die Holme. Auf einer Ebene verschmelzen traumatische Szenen mit dem Nachkriegserfolg eines Brillenfachmannes, der sich so gebettet hat, dass es reicht für wohlig situiert. Der bürgerliche Erfolg verhöhnt den Gefangenen wie er zusammengepfercht im Viehwaggon zehn Tage durch eine einzige Nacht geschleust wird. Deutschland befindet sich in der Verdunklung, der Transport hält auf einer Kirmes des deutschen Rassenwahns. Verreckte Russen im KZ-Modus einerseits. Anderseits stehen Engländer im Saft. Sie halten sich in Form von Prachtexemplaren mit Bodybuilding und Orangenmarmelade. Das Rote Kreuz bombardiert sie mit Lebensmitteln, auf der Bühne entsteht eine Festtafel. Billy erscheint in einem gefütterten, mit Pelz verbrämten Mantel, ursprünglich bestimmt für den als Zirkusdirektor herausgeputzten Affen eines Drehorgelspielers. Oder vielleicht doch für einen kleinwüchsigen Zirkusdirektor? Es sind Mäntel von Toten, in denen Gefangene lächerlich überleben sollen. Das erklärt man Billy, die Engländer teilen brüderlich mit den Waffenbrüdern. Ihre Näpfe sind aus Konservenbüchsen gebastelt.

Ein Tisch wird hochgeklappt zur Zelle auf der Bühne. Billy kommt nach Dresden, sein Mentor heißt Edgar Derby. Claudia & Monika Wiedemer machen seinen Charakter klar. Vierundvierzig ist der Mann und hat doch den besten Körper im Tross der Verlorenen. Hochschullehrer Edgar Derby musste Verbindungen spielen lassen, um an die Front zu kommen. Er kümmert sich um die Kinder im Zug, das sind verwaiste Siebzehnjährige, die alles richtig machen wollten. Ihr habt alles richtig gemacht, sagt er, bevor man ihn erschießt, weil er eine Teekanne mitgehen ließ bei der Bergung von Leichen.

Einmal sagt wer: „Das Geheimnis des Friedens ist auf Erden unbekannt.“ Ich glaube, das sagt einer von der Besatzung einer fliegenden Untertasse, die Billy entführt.

„Die Sonne war ein zorniger Stecknadelkopf am Tag nach der Bombardierung.“

Die Schwestern gehen durch Billys pathologischen & phantastischen Zustände, die Leichen sitzen wie in einem Terrakotta-Kabinett so fein in ihren Dresdner Kellern. Das Spiel mit dem Grauen geht weiter, es entzieht dem Trauma die Tragik. Für Tragik ist alles zu basal.

29.6.2014

Janin Stenzel auf dem Balkon des Theaters unterm Dach in Prenzlauer Berg. Eben hat sie Jon Fosses Gitarrenmann großartig gespielt.

Illuminiertes Schneckenhaus

„Ich bin meine eigene Nacht” – Janin Stenzel spielt den Gitarrenmann von Jon Fosse im Berliner Theater unterm Dach

Janin Stenzel, Foto: Jamal Tuschick
Janin Stenzel, Foto: Jamal Tuschick

„Ich bin meine eigene Nacht“ – Janin Stenzel spielt den Gitarrenmann von Jon Fosse im Berliner Theater unterm Dach
Oft redet man über eine Person in der Vergangenheitsform, obwohl sie überhaupt nicht vergangen ist. Man ist bloß ausgeschlossen von ihrer Gegenwart, so wie der Gitarrenmann ausgeschlossen ist vom akuten Leben seiner Frau. Er sagt ihr nach: „Kunst lag stets außerhalb ihrer Möglichkeiten. Sie war eine verunglückte Künstlerin.“
Das gilt allemal für ihn, für den Mann in der Unterführung. Die weiteren Umstände seiner Existenz werden nicht ausgeführt im Theater unterm Dach. Bühnenbildnerin Carola Volles liefert eine Skizze, das fertige Bild hat jeder parat. Jeder kennt den Gitarrenmann von Jon Fosse. Der Autor war Gitarrist in einer Band mit dem sprechenden Namen „The Rocking Chair“. Sein Gitarrenmann ist eher unmusikalisch. „Ich bin meine eigene Nacht“, erkennt er. Eine Nacht „auf der (vergeblichen) Suche nach Herzensnähe.“
„Der Gitarrenmann“ ist ein Zwiegespräche mit der Kälte, sein Protagonist, ein Einwanderer. Er hat sich für ein Land mit Fjorden entschieden, für ein Eisland, in dem mit Kronen bezahlt wird. In diesem Land lebt sein Sohn, der sich des Vaters schämt. Der Gitarrenmann beschwört trotzdem Zufriedenheit – in einem Provisorium, das zerfällt. Zugleich steckt er in der Larmoyanz-Falle, „mit einem Rest Stolz“. Das Lamento kriegt Hall zur Verstärkung.
Fosse geht mit einfachen Sätzen vor: „Ich singe mit der Stimme, die ich habe.“ Janin Stenzel verleiht den Sätzen Nachdruck in einem verhaltenen Spiel. Sie verdichtet, indem sie ausspart. Sie spielt in einem illuminierten Schneckenhaus. Die Abkehr von der Welt ist vollzogen, der Gitarrenmann macht sie öffentlich. Wie peinlich: Die Leute gehen mit gesenkten Köpfen an mir vorbei. Ich stehe da und singe.“
Luzius Heydrich inszeniert ein stilles Stück. Es ist so still, dass ich nicht mitschreiben kann. Der Gitarrenmann kann seine Lieder nicht leiden – so wie Musik im Allgemeinen. Er hat alles verfehlt: „Ich stehe jeden Tag da und singe meine Lieder.“
Die Redundanz einer ins Leere gegangenen Nicht-Begabung – Der Gitarrenmann ist eine Selbsterfindung aus Pein & Not, die als publizierte Qual Auskunft über die Stellung der Gattung im Universum gibt. Darunter macht es Fosse nicht, er zitiert die Bibel. Seinen Text grundiert kirchenferne Gläubigkeit. Sein Gitarrenmann erscheint in einem Stadium zwischen Chaplin und Engel. Ja, wenn man genau hinsieht, erkennt man einen Engel der Verzweiflung im Spiel von Janin Stenzel. Man könnte auf ihrem Vortrag ausrutschen, säße man nicht auf dem Trockenen – so sehr redet sie über den Schmerz (des Gitarrenmannes, so wie Fosse ihn schuf) und einen eklatanten Mangel an Scherz hinweg. Der Gitarrenmann nimmt sein Nichts nämlich furchtbar ernst. Er versteht seine Erniedrigung als Voraussetzung für einen höheren Anruf. Darauf kann er lange warten.
An einer Stelle koinzidieren seine Erwartungen mit einem Erlebnis. Ein Mann, dessen verblichene Frau soeben zu Asche wurde, ein Mann, der seit Jahren verächtlich an ihm vorüber ging, dieser Mann wirft nun dreißig Kronen in den Hut. So bezahlt er seine Erregung, die es ihm nicht gestattet, Ruhe zu bewahren. Beiden fehlt die Kraft zur Empathie, der Bürger würgt an seiner Trauer, der Paria bedauert bloß sich. Das wird großartig herausgespielt von Janin Stenzel.

26.6.2014

Bühnenbildboykott

Woyzeck in der Gegenwart – Oleg Myrzak inszeniert Georg Büchners Dramafragment am Berliner Theater unterm Dach als Revue mit Fellatio & Gesang

Selbst der Doktor schließt nicht aus, dass Woyzecks Wesen der verstümmelte Auswuchs eines reichhaltigen Kerns sein könnte. Er diagnostiziert eine Aberratio mentalis partialis. Um es genauso wie Büchner zu sagen: „Woyzeck, Er hat die schönste Aberratio mentalis partialis, die zweite Spezies, sehr schön ausgeprägt. Woyzeck, Er kriegt Zulage! Zweite Spezies: fixe Idee mit allgemein vernünftigem Zustand. – Er tut noch alles wie sonst? Rasiert seinen Hauptmann?“
The Lady is a Tramp und der Hauptmann eine Frau. Katharina Heyer spielt den Hauptmann mit Peitsche & Pumps. Sie kujoniert „die Kreatur, wie Gott sie gemacht, du bist geschaffen aus Staub, Sand und Dreck. Willst du mehr sein als Staub, Sand und Dreck?“ Sie springt in die Gegenwart, dann ist sie Wärterin im Arbeitslosenzoo: „Bewerben Sie sich zeitnah, sprich heute, sonst dürfen wir ihnen kein Arbeitslosengeld II anweisen.“
Timur Isik spielt den Tropf vom Dienst als begabte Ohnmacht. Isik kann singen und Klavier spielen und verständlich in Zungen reden. Sein Woyzeck erinnert an ein Zirkuspferd. Woyzecks Folgsamkeit ist ein Galopp der Anpassung. Was immer ihm vorgesagt wird, er kriecht in den Trichter der Abrichtung. Der lackierte Hauptmann kommt gar nicht hinterher mit seiner Peitsche. Vorauseilender Gehorsam, dein Name sei Woyzeck. Er gibt dem Fatalismus der Geschichte seine Stimme: „Frau Hauptmann, wenn unsereins in den Himmel käme, müsste er beim Donnern helfen.“
Woyzeck weiß: „Die gemeinen Leute haben nur die Natur, doch keine Tugend.“ Ab und zu kann sich Isik in der Rolle eines Billig-Hipsters zu Neukölln erholen. Er singt ein Lied auf das Lustprinzip, es heißt Bier & Ausschlafen. Die Bescheidenheit des Programms wird im Stück auffällig gemacht, als Schlumpf in der dritten Reihe soll man nicht glauben, das Bier & Ausschlafen im Hartz IV-Paket als Lösung gelten könnte. Nein, diese „Woyzeck“-Auffassung geht mit kritischem Impetus über die Bühne.
An sich ist die Bühne leer. Sieht man von Absperrvorrichtungen ab. Die Säulen der Segregation leuchten: „Und es ist, als ginge die Welt in Feuer auf.“ Ständig verfängt sich Woyzeck, wie dann auch Marie im Gatter. Marie erscheint im Zustand der Gnade. Katja Sallay spielt Woyzecks Braut heiter im Niedergang und vor der Niederkunft. Sie geht mit ihrem ganzen Sein vor dem Doktor auf die Knie. Sie öffnet die Schenkel wie vor einer Untersuchung – Gynäkologie & Sexualität. Der Doktor zieht schon mal die Handschuhe an. So viel Symbolismus muss sein. Fjodor Olev spielt die Koryphäe mitunter in riskant gepunkteten, halblangen Unterhosen. Er verabreicht Woyzeck eine Kur zum Sterben als Experiment mit Erbsen. Die Diät bringt den Probanden bekanntlich um den letzten Verstandesrest. Zum Glück entlässt ihn die Regie wieder einmal in das permanente Jetzt am Hermannplatz. Da entdeckt Woyzeck mit gebrochenem Herzen einen Strand. Er gelangt zur Hasenheide, vielleicht in Anspielung auf eine Anregung, die Daniel Schmolling mit der Ermordung seiner Geliebten Henriette Lehne in der Hasenheide von 1817 dem Autor bot. Sonst „tut der Woyzeck seinen Dienst, Er ist ein interessanter Casus.“
„Das Geld geht in Verwesung“ zur Melodie eines Kurpfälzers auf der Pirsch – der Doktor fragt: „Wovon hätte der Arzt leben sollen, wenn Gott nicht den Menschen geschaffen hätte?“ Das sind so Fragen, während Woyzeck mit einem Feudel eskaliert. – Und „über der Stadt ist alles Glut.“
Dreht Woyzeck am Rad, sagt sein Peiniger „Piano“. Der Doktor bemerkt „Übergänge zum Esel“ beim Versuchskaninchen just an den Ohren – „meist die Folge weiblicher Erziehung“.
Das Personenleitsystem stellt sich als Leitkultur dar. Leidkultur geht auch. Marie kokettiert sich einen Wolf, der Bauch steht ihrer Grazie im Weg. Katja Sallay ist auf doof geschminkt, Marie klimpert mit Schmuck. Findig will sie den aus der Gosse gezogen haben: „Unsereins hat nur ein Eckchen in der Welt und einen Spiegel und doch habe ich einen roten Mund wie die große Madame.“
Woyzecks Eifersucht beendet Maries Possierlichkeit. Doch zuerst bringt sie noch einmal ihre Methoden an den Mann. Ab sticht Woyzeck endlich das Weib: „Die Erde ist höllenheiß, mir ist eiskalt, die Hölle muss kalt sein.“ – Und auf der Bühne schaffen Lichtwechsel ein Interieur.

21.6.2014

Wunderwaffe der Antike

Das integrative Theater RambaZamba mit „Philoktet“ im Berliner Ensemble – Neben Mario Gaulke, Juliana Götze, Moritz Höhne, Sven Normann, Jonas Sippel und Nele Winkler spielen Sebastian Brandes und Tobias Rott als assoziierte Ensemble-Mitglieder mit

Die Geschichte ist schnell erzählt: Philoktet, Waffenträger und Erbe des göttlichen Herakles, wird nach einem Schlangenbiss zum Aussätzigen der griechischen Heerscharen. „Ihn fraß am Fuß eine Wunde.“ Kapitän zur See Odysseus lässt den Argonauten auf Lemnos zurück und zieht sich so des Helden Hass zu. Schließlich wird Philoktet wieder gebraucht, Odysseus schickt den rothaarigen Neoptolemos (Sohn des Achill) vor, um einen Verratenen mit Verrat an die Front vor Troja zu locken. So erzählt es Sophokles in einem Drama mit sagenhaftem Charakter. In jeder Sage steckt der Glutkern einer Kultur, „Philoktetes“ handelt von dem, was eine Gemeinschaft verbindet und hoch hält, so dass sie nicht verwahrlost an Stränden niedriger Beweggründe. Die Ambivalenz der Geschichte bleibt interessant und insofern die Frage, ob Odysseus als Repräsentant der griechischem Staatsräson nicht doch sehr viel mehr ist als bloß tückisch und infam.

Das Ensemble des integrativen RambaZamba-Theaters hat sich den Sophokles-Stoff vorgenommen und im Berliner Ensemble in einer Inszenierung von Jacob Höhne großartig auf die Bühne gebracht. Ein Vorspann schildert Herakles-Abenteuer. Im ersten Durchgang wird Philoktets Sonderstellung im Heroen-Gefüge begründet. Herakles tötet & häutet den nemëischen Löwen und zeigt sich außerdem den fünfzig Thespios-Töchtern in vollem Umfang gewachsen. RambaZamba-Spieler markieren den Löwen, die stymphalischen Vögel und eine Hdyra mit sieben Köpfen sowohl im Angriff wie auch im Verenden. Den triumphierenden und endlich im Gifthemd entkräfteten Herakles spielt schön martialisch und angenehm rotzig Moritz Höhne.

Nach einer offensichtlichen Umbaupause steht ein Symbol der Stärke monumental im Karst von Lemnos – Pfeil und Bogen als Riesen-X. – Eine Wunderwaffe der Antike, ob ihrer Unfehlbarkeit. Odysseus weiß, Philoktet sieht in ihm den ärgsten Feind, wie ihn trotzdem gewinnen? Sven Normann spielt Odysseus im Rollstuhl. Einmal rast er aus dem Saal und erfüllt mit Absturzalarm sämtliche Katastrophenerwartungen. Er unterläuft Klischees spielend im Sitzen.

„Mach mich so schlecht wie du willst“, gestattet er Neoptolemos. Jonas Sippel spielt den Gefolgsmann, der nach Tacitus für seinen Fürsten kämpft und mehr nicht soll. Während Fürsten allein dem Sieg verpflichtet sind. Auch das steckt im Mythos, die Einrichtung von und die Kontrolle über Moralsysteme. Das Bewusstsein geht nicht über das lokale Moralsystem hinaus. Der Horizont persönlicher Gewalt endet im Funktionsstolz. Die Griechen wussten, dass Böses nicht unbedingt von bösen, sondern gern einmal auch von besonders beflissenen Menschen getan wird.

Jonas Sippel hat sich im Kino auf seine Rolle vorbereitet und bei Brad Pitt Maß genommen. Juliana Götze, Nele Winkler und der ensemblefremde Sebastian Brandes spielen Krieger auf der Insel. Die Argonauten sehen aus wie Landsknechte und andere Wegelagerer. Sie lassen Joints kreisen, fotografieren sich wie Touris und fallen auch sonst immer wieder jugendbewegt mit Bier und Grillgut aus ihren historischen Rollen. Kauend kalauernd durchschlagen sie die antike Sprachebene. Da gelingt alles, man versteht den Konflikt, der in diese Interpretation des Stücks als Achse eingezogen wurde. Sind List und Lüge als Mittel zum Zweck eines Sieges über Troja vertretbar?

So wird man sich das einmal erzählt haben, so farbig, anschaulich und affektiv. Die Götter waren den Menschen nah, sie sprachen aus ihnen. Man verstand als Auftrag, was einem eingegeben wurde.

Philoktet erscheint, den Krüppel spielt der „gesunde“ Tobias Rott mit einer Haut wie Erde. Seltsam geworden in der Einsamkeit und hungrig alle Zeit. Neoptolemos stellt sich harmlos vor, noch sieht er List und Tücke als Notwendigkeit ein. Die Katharsis kündet sich an. So sicheren Fuß steht er da nicht: Vor dem von Missachtung geschändeten Philoktet. Noch macht er einen auf zufällig, doch schon im Gewissenskonflikt. RambaZamba-Spieler Jonas Sippel zeigt das Ornament des Neoptolemos –Verbrechens in seiner Tragik. In ihm kämpfen Stolz & Scham. Sein Gerechtigkeitsempfinden wurde von Odysseus düpiert, nun demontiert er sich selbst. Er gibt sich aus als falscher Fuffziger, indem er vorgibt, gleichfalls ein von Odysseus Gekränkter zu sein.

Der fatal wie ein Verlierer riechende Philoktet erklärt sein Überleben auuf Lemnos so: „Was mein Magen forderte, das schoss mein Bogen mir.“ Er redet mit Neoptolemos wie mit einem jüngeren Freund. Er packt ihn am Kragen von Ehre & Gewissen. „Bring an Bord mich unter, wo du willst. … Zur Flucht aus einem Unglück hilft uns jeder Wind.“

Dann erwacht Philoktet, ein Traum aus Trug ging zu Ende. Neoptolemos vergreift sich am Bogen, dazu ein bisschen „Planet der Affen“ und „Alexis Sorbas“. Die Argonauten stellen lebende Bilder vor das Publikum, zu Nerven zersägenden Melodien – ein Hauch von Techno und Polarkreis. Philoktets Pfeil ist lang wie ein Speer, eher noch wie der Stab eines Hochspringers. Er sieht aus wie ein göttlicher Teleskopstab aka Totschläger.

„Partei für diesen Kranken“ wollen die Argonauten nur ergreifen, wenn Philoktet sich als Freund zu erkennen gibt. Das ist die nächste Lektion im Stück. Bittet der Verbitterte, darf ihm Hilfe nicht verweigert werden. Bevor die Angelegenheit eine humane Wendung nehmen kann, rollt und rockt Odysseus an. Die Bühne staubt, es riecht nach Bratwurst, Philoktet strebt nach Selbstmord. Noch nicht einmal die Geier wollen seinen durchbluteten Kadaver. Philoktet fordert ein Schwert, sich zu entbeinen, man reicht ihm eine Picknickgabel.

Nun die Katharsis, es geht um Vertrauen. „Man kann seine Meinung ändern“, vulgo sich bessern. Neoptolemos läuft über zum Guten, Philoktet legt an auf Odysseus. Nun stellt sich Neoptolemos zwischen die Kontrahenten im Fürstenrang. Sind alles Fürsten, man vertiefe sich in Neoptolemos´ Stammbaum. Es heißt: „Sage der Ödnis Lebewohl.“ Plötzlich ist Party auf dem Bühne. Herakles äußert sich aus dem Off, herabgestiegen vom Olymp. Er verspricht Genesung und Sieg (über Troja) dem Philoktet. Herakles spricht aus einem Himmel wie von Ikea.

20.6.2014

Vera Schmidt als egozentrischer Sterntaler im Prenzlauer Berg
Vera Schmidt als egozentrischer Sterntaler im Prenzlauer Berg

Ein Straßenmärchen – Die Schönhauser Allee als magische Zone

»Nebel Brutal« geht in die Verlängerung

„Wusste gar nicht, dass es das noch gibt“, rotzt eine Passantin die Aule ihrer Verstimmung in die Gegend. Das Leben hat ihre Haare gefärbt, „old age ain't no place for sissies“ (Bette Davis). Jung war sie in den Neunzigern und wahr ist, die nächtliche Straßenszene trägt die Signatur einer vergangenen Epoche. Ein Zufallspaar ergibt sich der Aufregung über Clubs und Drogen. Es weiß genau, wo man hingehen kann und wo auf keinen Fall und was ausreichend knallt. Einer Meinung ist man trotzdem nicht. Es geht um Distinktion, um das Spezialwissen der Snobs. An der Vergnügungsfront bildet sich in jeder Generation eine Aristokratie, unsere beiden gehören eher nicht dazu. Das sind Mitläufer, im Mittelpunkt nur, wenn sie vor dem Spiegel ihrer Eigenliebe stehen. Aber was sehen sie dann?
„Nebel Brutal“ diffundiert in die Realität, musikalische Muskelverbrecher nehmen Witterung auf. „Schlampen und Homies“ sind in ihrem Territorium, zumindest lauter als die muss man unbedingt sein. Ich vernehme eine Verherrlichung von orientalischem Sperma und registriere Anspannung bei kahlen Gegenspielern, untergekommen in Sicherheitsdiensten und sowieso überall im Ordnungsamt. Autochthon versus allochthon, „Nebel Brutal“ ist allerdings eine Herausforderung für die Wahrnehmung. Manches wird so dicht an der Geläufigkeit inszeniert, dass man das Publikum mit seinen Kultur-Markierungen braucht, um den Vorgang identifizieren zu können. Das Publikum könnte aber auch einem Straßenmusiker, den Exaltationen eines Zersprungenen oder einem gemeinen Streit abgerungen sein.

„Um ewig weiter zu fliehen“, singt M. Fritze. Sie ist die Rattenfängerin vom Prenzlauer Berg, ihr folgt ein ausdauernd interessierter Schwanz. Vera Schmidt triumphiert als egozentrischer Sterntaler. Die Selbstbezogenheit provoziert Widerspruch und Ratlosigkeit an einem Brunnen wie vor dem Tor. Gleich kommt die Schönhauser Allee, im Tross herrscht immer noch Erwartung.

17.6.2014

Gott und die Sängerin
Gott und die Sängerin

Mystifikation des öffentlichen Raums

Navigationsensemble für die Unterwelt – „Nebel Brutal“ nimmt sich Berlin somnambul zur Brust

Im Mauerpark geht es gerade zu wie auf einem Flughafen. Man checkt ein bei Sonne, Mond und Sternenstaub. Boarding mit planetarischem Begrüßungsschnaps und Snack-Offensive. Vor Ort heißt an Bord, man pflanzt sich auf eine Wiese.

„Nebel Brutal“ versteht sich als Navigationsensemble für die Zwischen- & Unterwelt. Dem Publikum steht eine Entführung durch geschultes Personal bevor. Gott selbst steigt in die Kanzel. Er hadert mit der Schöpfung und einem krummen Rücken. Er fürchtet, „aufgegriffen“ zu werden, im Kittel eines Blockwarts. „Sagen Sie dann bloß nicht, dass Sie mich kennen.“

Björn Zahn spielt Gott, er ist der Schöpfer dieser Inszenierung. Fahrt nimmt sie in einem Sandkasten auf. Da wird einer Anwärterin (auf eine verfehlte Existenz) geraten: „Du musst mehr Ohnmacht spüren.“

Der Appell verfehlt seine Wirkung nicht. Die Protagonistin fällt immer überzeugender aus der Rolle einer Tüchtigen. An dieser Stelle im Stück ist Gesellschaftskritik angebracht, während Gott alle Aufmerksamkeit dem Display seines Telefons schenkt. So kennen wir ihn, so saumselig. Verloren in der Gegenwart.

Bespielung des öffentlichen Raums - Sich Berlin zur Brust nehmen
Bespielung des öffentlichen Raums - Sich Berlin zur Brust nehmen

Auf einer Brücke führt ein Selbstmörder vor dem Sprung das große Wort seiner Abschiedsrede. Christian Wagner trägt die Trauer der Überlebenden als Tracht. Er weiß: „Wo Schönheit und Freiheit herrschen, schiebt sich immer etwas naturgesetzlich dazwischen.“

Der Mann mit dem Leergut schleppt sich vorbei, das Theater kommt in der Wirklichkeit an. Nur wer bezahlt hat, kann die Differenz bestimmen. Alle anderen sehen im öffentlichen Raum alles Mögliche, mit der Erwartung, dass alles Mögliche passieren kann. Sie werden ihre Deckung nicht aufgeben, nur um zu prüfen, wie wahr das Elend auf der Brücke ist. Der Spieler soll springen, dann kann man weitersehen.

Die Aufführung verschmilzt mit einem Abend im Prenzlauer Berg. Ein weiblicher Troubadour wirkt sich wie ein Wegweiser aus. Das ist M. Fritze mit ihrer Kristallkehle. Ein Winkel, der den Irrtum fördert, er könne im Verborgenen liegen, führt zum Horror im Höllenkreis zwischen „Psycho“ und schweigenden Lämmern. Noch einer, der lieber als Mädchen auf die Welt gekommen wäre. Aus seinem Unglück macht er ein Märchen, in dieses Märchen zieht eine ein, die so aussieht wie er gern aussehen würde. Klar, dass getötet werden muss.

Lena Milde spielt die Schöne mit aparten Zuckungen. Auf der anderen Seite der Theatralik fließen Schienen parallel nach Pankow. Zwei Männer fliehen über Stolperstellen, Schotter- und Erdvereine, ahnungslos spielen sie mit. Schade, dass nur ich diesen Überblick habe. Die anderen Mitläufer haften ferngesteuert an der kontrollierten Herstellung einer Aberration. Jetzt steht der Mond voll am Himmel, ein Leib des Mittelstands läutet zackig das Ende seiner Übungen ein. Alex von Ric gibt das neoliberale Programm aus der Provinzperspektive zum Besten, obwohl auch sein Schwabe inzwischen in Berlin lebt. Um die Stadt kommt keiner herum, der einen Platz in erster Linie beansprucht, jedenfalls behauptet das der Ertüchtigte. Er weist auf den Zustand der Straßen hin, auf die weltberühmten „Gehwegschäden“. Die gibt es nicht in seiner Heimat. Vielleicht gibt es da auch keine Flaschensammler. Das ist die nächste Geschichte, sie handelt von einem guten Tag. Davon, dass in Berlin das Geld auf der Straße und in den Parks liegt. Für zehn leere Sternburger kriegt man mehr als ein Bier. Klirrendes Leergut gehört zu den Grundgeräuschen der Stadt. Schwanensee klingelt anders, doch Halt! Die Aufgezäumten vor einer Wand sehen aus wie verirrte Trottoirschwalben. Aus dem Zivil der Gegend stechen sie hervor wie Kathedralen aus der Laubenkolonie. Sie haben, was den anderen fehlt, ob sie nun den Spielern hinterher trotten oder Fußball gucken (kein Spätkauf ohne Bildschirm) oder vor einem Restaurant, das vorgestern noch Eckkneipe war, die Füße so weit wie möglich vom Scheitel separieren. Sie haben das Geld, sich einzukaufen und am Berliner Monopoly teilzunehmen. Als Siegessäulen leuchten sie der Unauffälligkeit, ich erkenne Vera Schmidt unter einer Perücke. Sie ist mir heute schon einmal als Sonne begegnet. Johanna Malchow war schön als Sternenstaub und rockt nun die Maklerin am kalten Buffet einer verregneten Nacht. Den Mond auf Erden spielte Marc C. Behrens, genauso wie den Mann im Kleid.

15.6.2014

Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen

Ein Abend mit „Keiner weiß mehr“

Er empfiehlt sich mit Lyrik und wird zu Prosa ermutigt. Dieter Wellershoff erkennt das Talent, die Kritik nimmt Witterung auf. Anfang der 1960er Jahre erscheint Rolf Dieter Brinkmann „als Benjamin einer Gruppe“, da lebt er in Köln und studiert Pädagogik. Brinkmann schreibt einfache Gedichte, lyrische Schnappschüsse sind das nach eigener Angabe. Er steht in keiner deutschen Tradition, der Dichter will kein Arbeiter im Weinberg der verkarsteten Geschichte sein. Er popularisiert die amerikanische Gangart, unterstützt und herausgefordert von Ralf-Rainer Rygulla, dem Freund aus Essener Bleizeiten. Brinkmann kommt aus Vechta in Westfalen, er hat Buchhändler gelernt, so wie Rygulla. Der viel beweglichere Andere bringt aus London Zündstoff mit, in der Gestalt kleiner Magazine. Die englischen Zauberworte heißen Unabhängigkeit und Untergrund. Sie werden nach Kräften verbreitet, bis das Feuilleton anfängt, damit zu jonglieren, anfängt auch mit „der neuen Sensibilität“, vor allem jedoch mit „Pop“. Plötzlich ist alles Pop – und „Keiner weiß mehr“ folglich „der erste genuin entwickelte deutsche Poproman“. Das behauptet Karl Heinz Bohrer, Brinkmanns einziger Roman steht 1968 auf der Spiegelbestsellerliste.

Der mit dem Penis schreibt

Der Autor wehrt sich gegen alle möglichen Zuschreibungen und so auch gegen die Vermutung, er würde „nur mit dem Penis schreiben“. Brinkmann rudert zurück, er distanziert sich und stürzt sich lauthals in das Verderben der Isolation. Eben noch der Zukunft Puls und bald schon die unerträgliche Wurst als chancenloser Feind der Gesellschaft und ihrer Formen. „Schakal von Metropolis“ kommt viel später und viel zu spät für den 1975 tödlich Verunglückten. Seine Heroisierung kriegt er nicht mehr mit. Sie wird angeheizt von den postumen Veröffentlichungen der in Köln, Rom und Austin entstandenen Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen.

Dieses manische Gemurmel

Eine dünnhäutige Armut spielt ihre Rolle schon in „Keiner weiß mehr“ – und jetzt lesen Schauspieler daraus vor. Sie lesen: „Trockene Frauen sind besser als nasse Frauen“.

Ist das nicht ein Heftchensatz? Nein, Brinkmann gehört zum Kanon, man hat sich auch noch mal umgezogen, das muss also gut sein. Sonst hätte man heute Abend das Leben verfehlt, das überall mächtig aufrauscht für deutlich weniger als der Eintritt gekostet hat. Daher die Frage: „Hast du noch genug oder soll ich erst?

Geld ziehen.

Es gibt auch noch den Typus weiblicher Mann mit Schillerkragen, der gern schnullerisch wirkt.

„Was soll denn schon sein“, befragt Brinkmann in „Keiner weiß mehr“ die eigene Ratlosigkeit. Da sitzt er mit Frau, die jederzeit genauso gut auch eine andere Frau sein könnte, das sagt er so, und behindertem Sohn fest, entsprechend eng erscheinen die Verhältnisse. Während „der Rainer in seinen Pornounterhosen“ womöglich doch freier sein könnte. Auf jeden Fall ungestörter. Maleen Brinkmanns Sprachregelung für ihre Vorbildlichkeit im Roman zieht das Besondere ihrer Ehe in das Allgemeine junger Ehen. Wie man eben als Paar mit Kind zur Miete wohnt in der Gegenwart von 1967, „in einer typischen Kölner Altbauwohnung“. Wie man eben der häuslichen Tristesse auf die Tenne und „in den Flitter“ (ein Lieblingswort von Brinkmann) entgeht. Wie sich das eben auswirkt, die kurzen Röcke, der Beat, das Engtanzen. Die sexuelle Revolution findet statt. Dann spielt man wieder Schallplatten in der Wohnung ab, das Kind tappt an, wie soll man so zu Text kommen.

„Diese übertriebene Art da zu sein von Rainer.“ Einer redet auf den anderen ein: monoman, wütend, enttäuscht. Immer redet Brinkmann. Sein Alter Ego stellt fest: „Das Kind hatten sie weder gewollt noch verhindert“.

Ich frage mich, woher das Textvertrauen der Schauspieler rührt. „Keiner weiß mehr“ fände gewiss keinen Verlag mehr als Manuskript eines Namenlosen. Barrieren, an die Brinkmann eckt, sind aus einem Muff, der nicht mehr hergestellt wird. Sie stammen aus der Engelmacher-Ära: „Das Kind wäre leicht mit der Stricknadel zu verhindern gewesen.“

Das Auditorium dampft in der Hitze. Man hätte auch essen gehen können, auf dem Podium geht einer in die Vollen der Expression, wenn bei Brinkmanns daheim mal wieder der Deckel vom Topf fliegt. Ist für einen Ernst Busch-Profi leicht so ein obszöner Vortrag … „in völliger Armut, alles so mickrig, alles so deutsch beschissen … so unelegant und schwer von Begriff.“ Klar beschreibt Brinkmann sich. Er trifft sich auch. Auch die Schauspieler sind ausreichend jung, um der bekümmerten Dichterwut überzeugende Gesichter zu geben.

Herrensitz im Garagenstil

†i†u$ – Shakespeares Blutrausch »Titus Andronicus« als Splatter-Orgie im Berliner Ballhaus Ost

Foto: Jamal Tuschick

Im Jahr des Herrn 410 nahmen Westgoten die Hauptstadt der Welt ein. Die „Welt” verglich das Ereignis mit dem Septemberterror von 2001. Die Goten folgten Führer Alarich, er soll bei seinen Leuten auf gutes Benehmen (nach den Maßstäben der Zeit) geachtet haben. Zweihundert Jahre zuvor waren sich Römer und Goten zum ersten Mal auf dem Schlachtfeld begegnet. Ein römisches Erfolgserlebnis verbindet sich mit der Schlacht bei Naissus in Serbien. Nun kehrt ein Feldherr siegreich nach Rom zurück. Er humpelt und hustet. Er raucht und rumpelt. Er röhrt wie ein Hirsch, aber sein Kettenhemd gleicht einer Corsage. Er heißt (wie Shakespeare es wollte) Titus Andronicus, im Ballhaus Ost brennt die Luft. Ich kann mich an keine ebenso aufwendige Inszenierung vor Ort erinnern. Der bewässerte Burggraben schützt einen Herrensitz im Garagenstil – nicht Bauhaus, sondern Baumarkt. Titus lässt nach Art des Hauses den erstgeborenen Sohn der gleichfalls in die Sklaverei geführten Gotenkönigin Tamora schlachten. Das macht unheimlich Spaß. Das ist lecker. Erst mal Augen ausstechen – man ist zwar schon kultiviert, hat aber noch keine Affektkontrolle.
Tamora, die alte Trine, sinnt im Verein mit verbliebenem Nachwuchs und ihrem schwarzen Edelstecher auf Rache. Christophe Vetter spielt die Wachtel mit blauem Lack auf den Nägeln. Vetters anti-androgyne Spielform provoziert das Gelächter der Komödie und erinnert daran, dass zu Shakespeares Zeiten auch Frauenrollen von Männern gespielt wurden.
Hanna Binder spielt Titus Andronicus im Ensemble der Berliner Theaterkompanie „Gold & Hiebe”. Regisseurin Lucia Bihler beherzigt ein Wort von Friedrich Dürrenmatt: „Daß unsere Welt nichts als ein blutiges Schmierentheater ist.”
Ihr Rom ist eine bigotte Veranstaltung, es herrscht Sodom & Gorgonzola in einem ewigen Nero am Tiber. Die Macht kommt aus den Gewehrläufen der Epoche. Schwerter zu Colts lautet eine Regieanweisung. In einer Showdownserie legt jeder jeden pompös um – gleich unter der Kurie fließt die Styx, der Fährmann (Christopher Heisler) sammelt die Leichen in Säcken. Er sieht selbst aus wie das Menschenopfer als Moorleiche oder wie ein trauernder Salamander.
Die Diskurslast des Stücks entlädt sich in pessimistischen Einschätzungen soweit es Gerechtigkeit betrifft. Ein Spitzbube im Amt möchte besonders teuflisch erscheinen. Er schaut bei Shakespeare nach, ob der ihm helfen kann. Das wird alles großartig gespielt, gespielt wird mit den Effekten ästhetischer Übersteuerung, weit weg von jedem Einwand, den man erheben könnte.

Gerüstet wie antike Navy Seals kehren die Sieger heim. Sie haben auch was Ägyptisches an sich. Sie können eine schicke Gebärdensprache. An der Assoziationsfront tobt der Bär, von Caligula bis Schneewittchen und den sieben Amazonen wird alles mitgenommen und dekorativ hingerichtet. Um im Beat des Dramas zu bleiben: Ein Kaiser stirbt, Titus könnte ihm auf den Thron folgen. Er ist bereits ausgerufen vom Tribun Marcus Andronicus, doch Titus bietet Kaisersohn Saturninus (Maike Schmidt) die Krone an und zudem seine Tochter Lavinia. Ein Apfel symbolisiert die höchste Reichswürde, immer wieder fällt der Apfel ins Wasser. Dann setzt die wilde Jagd ein und alle Sonntagsreden sind vergessen.
Kara Schröder spielt Lavinia. Sie macht ständig kurzen Prozess mit Shakespeares Versen. Der Text kracht gegen Mauern der Erwartungen. Schröder gibt Lavinia eine wegwerfende Art. Die Feldherrentochter ist einem jüngeren kaiserlichen Abkömmling versprochen, der Knabe heißt Bassianus (Anton Weil), sein Bruder Saturninus greift zur Gotenkönigin. Tamora bittet ihre Söhne Demetrius (Anton von Lucke) und Chiron (Harry Schäfer) darum, Bassianus kalt zu machen. Bassianus klingt wie Basti auf der Bühne und so possierlich, proper und apart wie ein Basti spielt Anton Weil seine Rolle.
Die Aufgabe erfüllt diese Brüder mit Eifer, ihre Schuld schieben sie in die Schuhe von Titus' Söhnen Martius und Quintus. Demetrius und Chiron knöpfen sich auch Lavinia vor, sie beschließt ihren Auftritt im Ballhaus Ost wie in Vorbereitung auf ein SM-Festival. In der historischen Wahrheit, für die niemand einstehen kann, wird Lavinia zwar übel zugerichtet, doch gelingt selbst ihr es (in ihrem bedauernswerten Zustand), Rache zu organisieren. Am Ende grassiert der Tod im Graben und der Applaus will nicht enden. „Ganz großes Tennis” sagt ein extra angereister Regisseur eine Reihe unter mir.

9.6.2014

Ana bahebbak ya habibi – Ick dir ooch, mein schwarzer Schatz

Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf” am Berliner Maxim Gorki Theater

Szenenfoto, JT

Es ist die letzte Premiere der ersten Spielzeit einer neuen Intendanz im Maxim Gorki Theater. Sie bringt Fassbinders „Angst essen Seele auf” auf die Bühne. Das Gastarbeitermelodram aus dem Jahr 1974 erzählt von unpassender Liebe. Die verwitwete Putzfrau Emmi Kurowski geht ein Verhältnis mit dem Marokkaner El Hedi Ben Salem ein, den alle Ali nennen. Sie verliebt sich und will wissen, wie das auf arabisch heißt: Ali antwortet: „Ana bahebbak ya habibi.”

Schließlich heiratet man. Der Tunesier El Hedi Ben Salem spielte den Ali im Film. Er spielte auch eine Rolle im Liebesleben des Regisseurs. Nun spielt Taner ?ahintürk El Hedi Ben Salem aka Ali. Aus dem Pappkoffer seiner Erfahrungen: Die Deutschen sind zu ihren Hunden netter als zu Fremden, die angeblich stinkend auf ihre Kosten leben. Der Untermensch lebt im Gastarbeiter weiter, davon kann Ali ein Lied singen. Allgemein wird viel gesungen, Daniel Kahn verdichtet als Moritatensänger unterschiedliche Weisen, sentimental zu sein. Er könnte den Abend auch solistisch bestreiten. Alis gebrochenes Deutsch ist eine poetische Revolte gegen die Allgegenwärtigkeit der Herabsetzungen. Warum sollte man eine Sprache beherrschen wollen, die nur zur Herrschaft, das heißt gegen die eigene Person eingesetzt wird.

Taner ?ahintürk macht den Ali großartig im Stil gutgekleideter Einsamkeit. So sah man sie auf den Bahnhöfen und in den Kulturvereinen – Arbeiter in Anzügen, denn es war Sonntag. Man wusste, wie sie hausten in ihren Sechsbettzimmern. Die Kneipen, in denen sie sich trafen, wurden zu Außenposten des Maghreb. Allet so schön orientalisch hier. So viel Gefühl. Jeden Abend kommt Emmi (Ruth Reinecke) mit ihren guten Erinnerungen an den polnischen Säufer, der sie zur Witwe machte, an einem Außenposten vorbei und traut sich nicht. Einmal doch legitimiert sie Regen, sie erscheint als Schutzsuchende, so schusselig und unbeschirmt. Wirtin Barbara (Mareike Beykrich) führt ein strenges Regiment, die Witwe ist ihr ungeheuer. Sie saugt selbst den Honig der Exotik. Im Film kriegt diese Latenz mehr Bedeutung als auf der Bühne. Hakan Sava? Mican inszeniert die ersten Durchgänge der Migration als Ausstiegsversuche (aus der Armut) ohne Aufstiegserwartungen. Die Heimat ist schön, aber arbeitslos. Das Gastland säuft im Regen ab, das Stück selbst scheint zu regnen, von dem Brot, das es in Deutschland zu verdienen gibt, kann der Mensch allein nicht leben.
 
Das Maxim Gorki Theater ist ein anti-theater der Gegenwart, eine Rakete auf dem Weg zum Mond der Chancengleichheit. Zumindest suggeriert das Micans Adaption von „Angst essen Seele auf”. Die Schauspieler erreichen im Fahrstuhl Parterre. Sie wechseln ihre Rollen, gleich sind sie wieder die furchtbare Brut, die Emmi mit dem Polen an die Luft und in die Welt gesetzt hat. Die Familie schämt sich für Mama-Flittchen, Ali schlägt um sich in lunaren Szenen. Emmi bewährt sich als Luder, sie steuert den potenten Bimbo, einer Nachbarin soll geholfen werden. Subtext: Dann leih ich Ihnen mal meinen Neger. Eine Hand wäscht die andere in Unschuld.
Ich will jetzt nicht damit anfangen, was oft bei „Angst essen Seele auf” erwogen wurde: Die Einsicht in die Unmöglichkeit einer unmöglichen Liebe. Deshalb muss man nicht ins Theater, sondern man muss ins Theater, um zu sehen & zu hören wie Geschichte voranschreitet. Da ist der Kolonialwarenrassist Angermayer. Er kam versehrt aus Russland und schüttelt einen leeren Ärmel. Er setzt Ali zu und Emmi vor die Tür, um sich von seiner Olga, „das Beste, was mir seit Stalingrad passiert ist”, endlich belehren zu lassen. Geld kennt kein Vaterland, das Geld kann doch nichts für Ali & Emmi.
Fies und devot, was für eine miese Angermayer-Mischung. Die Geschichte geht nicht gut aus, wie könnte sie. Ali ist viel jünger als Emmi, er wärmt eine Omi und erlebt das zum Schluss genauso als Mesalliance wie Emmis Kolleginnen und Kinder. Tratsch im Treppenhaus, white trash auf der Treppe, Knatsch auf der Arbeit, Ruth Reinecke berlinert die patente Alte. Sie schmiert die Leute. Sie kommt dem gesunden Volksempfinden mit Cognac, sie knackt taube Nüsse, doch den Altersunterschied kriegt auch sie nicht klein. Einmal sagt sie zu ihrem Ali: „Ick will jar nich' wissen, wo du bist jewesen.”
Der Zuschauer weiß, wo der Gatte untreu war. Ali hat Barbara gut getan. Nun plagt ihn Katzenjammer. Er rauft Haare und ringt mit sich, doch was soll das. Morgen oder nachher wird ein saftiges Schmachten ihn wieder auf die Umlaufbahn der Reproduktion schicken. Barbara hält ihn mit Couscous in Form und bei Stimme, während Emmi Ali an deutsches Essen gewöhnen wollte. Großer Fehler.
 
Dimitrij Schaad und Aram Tafreshian spielen böse Nachbarinnen (leger transgender) und unerträgliche Nachkommen. Anastasia Gubareva und Sema Poyranz spielen postfaschistische Putzfrauen, wie sie sich das Maul zerreißen. Zumal Sema Poyranz erreicht als Schlappmaul sämtliche Vorbilder.

8.6.2014

Kronleuchter in der Küche

Wenn sich die Mutter nicht mehr beherrschen kann

Gerade läuft alles schief und ich weiß kein Mittel dagegen. Louis wollte Claudi unbedingt kennenlernen, wir trinken Tee in der Küche und warten darauf, dass Claudi aus dem Schlafzimmer kommt und alles verdirbt. Das heißt, ich warte darauf. Louis erwartet nur meine Mutter. Es ist halbzwei, Louis hat mich von der Schule abgeholt, meine Mutter ist um diese Zeit immer schon in ihrer Nebelwelt. Ich höre sie husten.

Im direkten Umgang sind wir gut zueinander. Claudi würde mir nie etwas vorschreiben, sie weiß gar nicht, wie das geht. Sie hat ihre taz und ihre (vor meiner Geburt verstaubten) Ansichten und sogar noch ein paar Freunde, die mal Künstler und politisch waren, und sie hat auch immer noch ihre Eltern, die sich so geben, als hätten sie Rudolf Steiner persönlich gekannt.

Meine Mutter verbringt ihre Tage im Bett. „Kissenboot“ sagt sie zu ihrem Bett. Mich nennt sie langes Elend. Louis betrachtet zweifelnd den Kronleuchter am Küchenhimmel. Seine häusliche Verhältnisse stelle ich mir protzig und langweilig vor.

„Was macht deine Mutter noch mal?“ fragt Louis.

„Sie redigiert literarische Texte“, sage ich. „Man nennt das freies Lektorat.“

„Und davon kann man leben?“

Meine Großeltern unterstützen (ernähren) uns, das will ich nicht sagen. Louis wollte unbedingt mit, das hat er jetzt davon. Sein Vater ist Diplomat oder Chef der Weltbank oder Meisterspion im Nahen Osten. Sein Sohn weiß das selbst nicht. Er sieht ihn nie. Louis’ Mutter war Vizeschönheitskönigin in Rio de Janeiro.

Meine Mutter steht im Rahmen und lässt einen fahren. „Oh“ sagt sie und schlägt sich auf den Mund. Das ist der neuste Tick. Sie schaut mich panisch an, ihr ist klar, dass sie gerade alles vermasselt hat. Umgehend ergreift sie die Flucht zu ihrem Kissenboot und der Kerzenarmada.

„Das ist deine Mutter?“ fragt Louis fassungslos.

Ich bin zu verlegen für jede Pose oder Posse. Außerdem bin ich es leid, mich für Claudi stark machen zu müssen. Schließlich bin ich nicht ihre Mutter.

„Du kannst jederzeit gehen, falls dir was nicht passt.“

Am liebsten würde ich mich auch verkriechen, meine Fantasie wird lebhaft, wenn ich mir vorstelle, was Louis den Leuten über meine Mutter sagen wird.

„Wie hältst du das nur aus?“ fragt er.

Ich sage nichts. Es gibt auch Leute, die mich für meine Freiheit in einem Hippiemuseum beneiden. Che kommt gravitätisch in die Küche und reibt sich an meinen Beinen.

Wir sitzen bei Bruno am Fenster, mit freiem Blick auf das schlanke Hochhauswohnheim der Schwesternschülerinnen. In dem Haus wird ständig eingebrochen. Wir haben schon gegessen, Louis hat auch schon bezahlt, für mich mit. Ich bin pleite, die Pizzeria ist voller junger Krankenschwestern, die nach passenden Männern Ausschau halten – und Bruno sieht aus wie ein angehender Arzt.

4.6.2014

Schöne Momente

Texas & Tanja

Ein halbes Jahr nach der Trennung erscheinen sie vielen noch als Paar. Sie arbeiten weiter zusammen und nach der Schicht sitzen sie so zusammen wie immer. Sie begrüßen und verabschieden sich wie ein Paar. Kein Dritter erkennt die kleinen Verzögerungen und Verschiebungen, die das Vollbild der Vertraulichkeit allmählich aus dem Rahmen nehmen. Sie verbringen ihre freien Abende gemeinsam, sie gehen nur nicht mehr gemeinsam nach Hause.

Sie vermeiden Streit, sie sitzen fest in einer Förmlichkeitsfalle. Sie richten eine Denkmalschutzkommission ein, zur Bewahrung der schönen Momente. Manchmal geraten die Trennungsgründe ins Schweben und Trudeln.

Eine Weile können sie sich nichts mehr sagen, ohne wenigstens einen Rückzug einzuleiten. Wenn Texas eine bestimmte Sache besprechen möchte, will Tanja bestimmt kein Wort gerade über diese Sache verlieren. Sie hat Angst, dass sich das Gute ihrer gemeinsamen Vergangenheit in Texas' Betrachtungen verformt. Sie fürchtet Ranküne. Aus diesem und jenem macht Texas für Tanja eine haarige Angelegenheit.

Tanja träumt von Kenneraugen für ihre Schätze. Sie träumt von einem, der sie im Zentrum seiner Aufmerksamkeit unterbringt. Bis dahin könnte sie eine Affäre gegebenenfalls auch mit Texas haben.

Sie kampieren vor dem Kiosk im Günthersburgpark. In ihrem Rücken wirbeln Kinder spielend Staub auf. Der Staub überzieht sämtliche Flächen. Er nistet sich in Kuchen und Pizza ein.
Vor den Spielplatzkioskklos verlängert sich seit Stunden eine Töchter- und Mütterschlange. Eine besonders kompetente Biomutter verlangt Klopapier von den Kioskleuten. Die herausfordernde Art stößt auf Ablehnung.

Manche Mütter haben schlecht gefärbte Haare, man sieht ihnen ein osteuropäisches Flüchtlingsschicksal an. Ein dicker Mischling steigt vor dem Kiosk vom Rad, das ist der Buffet-Kurt. Am Tisch seiner Wahl rückt man bereitwillig auf. Routiniert zieht er eine Flasche aus seinem Rucksack. Die Frau neben ihm kratzt einen Butterrest vom Boden einer Butterdose. Die Leute bringen alles Mögliche mit zum Spielplatz und zu den Bänken für die Erwachsenen, die Frau hat sogar eine Tischdecke mitgebracht. Mit ihren Butterfingern streicht sie manisch über die Decke. Tanja könnte sie dafür töten, Texas will wissen, wann Tanja zuletzt mit ihm im Bett war. Tanja hat das Datum parat, gibt es aber nicht zu.

„Was soll das?“ fragt sie stattdessen, obwohl Tanja genau weiß, was das soll und es ihr genauso geht. Entweder greifen Texas und Tanja bald einmal wieder auf sich (als grundsätzlich doch immer noch bewährtes Paar) zurück oder es geschieht das Gleiche mit anderen.

28.5.2014

Klandestine Keimzelle der Kultur

Das Literaturfestival „Rummelsburg 2” endet mit Siegerkränzen und Ovationen für „die absolut besten Dichter vom Kollwitzplatz”

Erst noch Bier - Peter Wawerzinek kommt gleich zur Lesung
Erst noch Bier - Peter Wawerzinek kommt gleich zur Lesung

„Die Straße der Besten ist mit den Köpfen der Sieger gepflastert”, steht auf einem Transparent. Es überspannt die Knaackstraße und schafft so eine Verbindung zwischen der Kulturbrauerei und dem sagenhaften Lokal 94. Wer das Geheimnis der Hausnummer kennt, weiß, dass unter dem Schankraum eine klandestine Keimzelle der Kultur wie ein Schneller Brüter im Halbdunkel der Gehirnforschung liegt. Da findet der finale Festivalabend in der Totalität eines überwältigenden Andrangs statt. Festival-Manager Kai Pohl, der auch als Dichter im Dienst ist, beschwört den Asphalt der Lyrik als Triumph der Straße und ihrer Logik. In seiner „Umbaupause” berichtet er schmissig im Ton von „viel Spaß in der Lobby” und „paraolympischen Hobbyontologen”. „Ein Gedicht für die Grütze” bleibt im Hals ihm dann doch nicht stecken. Pohls poetisches Programm reicht von den Sternen bis zu Nervenzusammenbrüchen auf halbausgeweideten Kontinenten. Falls er sich selbst zu einem der Besten erklärt haben sollte, dann nicht zu Unrecht. Er variiert den großen Howlin' Wolf Allen Ginsberg: „I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix, angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night, nur mit einer thematischen Verschiebung Richtung Werbung. „In Gottes Stunden Hotel” gibt es „semantische Checkpoints” und die heiße Zeile: „Uhren sind Huren der Ratlosigkeit in Gottes Stundenhotel”. Auch Pohl ist kein Sprengmeister des Raumzeitkontinuums, aber er arbeitet sich vor, indem er viel Geschichte auf den Zug der Gegenwart lädt.

Gekonnt geht es weiter, Kristin Schulz, geschult an Heiner Müller und Thomas Brasch, beherrscht den Doppelschlag von Theorie und Poesie. „Jede Pfütze ein Spiegel” heißt es in ihren „Gesammelten Fehlmärchen”, erschienen im Gutleut Verlag und empfohlen von Bert Papenfuß der Vertonung. Schulz beobachtet „das Manöver der Mauersegler”. Sie erkennt die Einzelgänger in Büschen und das „Bindegewebe der Felder”. „Komm wir gehen Ängste füttern” schlägt das lyrische Ich seinem Leser vor. Als Zuhörer vernimmt der Leser eine neo-sakrale Poesie, die in allem ernst bleibt. Ironie ist Feigheit, könnte eine Ansicht dieser Autorin sehen, aber wer weiß so was schon. Schließlich „bemerkt kein Baum unsere Nähe zum Holz” in „gültiger Stille”.
Man könne sämtliche „Fehlmärchen” wie ein einziges Gedicht lesen, erklärt Schulz. Ein „zur Ader gelassenes Leben” blutet einem entgegen. Es weiß von „atmenden Steinen”. Nach Schulz hat es Henning Rabe schwer mit seiner Leichtigkeit im Text. Das Auditorium kippt aus der Geschlossenheit von eben in das auch eher historische Jetzt „Armenischer Äpfel”. Rabes narrativer Spielwitz ist beachtlich. Er bringt Not zur Fülle und zieht Eigenschaften in schwindelerregende Wörter. Seine Äpfel findet der Autor im Kloster, der Abt gibt einen grandiosen Gastgeber. „Beschämend drücken Gerichte den Tisch ein … allein das Leben ist unerschwinglich.” Beerenschnaps greift die Konzentration an, die Aromen der Maulbeere tauchen aus einem Wodkameer. Mehr Wodka schreit der „bukolische Gleichmut”. Man muss essen bis zum Vollrausch in dieser armenisch-archaischen Gesellschaft, die Rabe so gut wie ein Rabelais (nur flüssiger) dem Publikum vor Augen führt. So geht es immer weiter im Lokal 94, die Dichter des Kollwitzplatzes reihen sich auf zu einer Phantasmagorie und zu einem Glasperlenspiel, doch das alles weiter zu erzählen verbietet die Verschwiegenheit.

26.5.2014

Anna Gschnitzers „Ponys. Eine Aufladung”

in der Regie von Marie Bues – Das Berliner Theater unterm Dach als Schlachthaus der Selbstverwirklichung

Auf der Bühne dreht sich ein Kreuz. Frauen treiben es an. Sie beschreiben sich als Ponys. Zugleich erscheinen Flatter, Butter und Fly als (halbierte) Reiterinnen nach Art der Kentaur. Sie sind Zwischenwesen aus der Anderswelt der Kreativwirtschaft. Sie kauen das harte Brot der als Selbstverwirklichung getarnten Selbstausbeutung vieler Gaukler. Flatter, Butter und Fly wollen zum Zucker künstlerischer Freiheit die Sicherheit der Abhängigen. Der Widerspruch von Geld und Kunst ist ein Dilemma, das sich in ihrem Leben auflösen soll.
Bis dahin beklagen sie die Verhältnisse auf hohen Absätzen. Die Extravaganz am Fuß versteht sich als Huf. Die Selbstbehauptungsarabesken als Aspekte einer Selbstverwirklichungsdikatur zeigen, wo der Schuh jeweils drückt. Butter (Monika Wiedemer) setzt auf Action, Fly (Katharina Behrens) auf Reflection und Flatter (Barbara Behrendt) auf Perfection. Daraus folgt: Butter läuft heiß, Fly erblasst und Flatter verzweifelt. Das wird variiert in zig Durchgängen, die an Mode- und Talentschauen erinnern – die Ponys als Tanzmäuse der Kulturindustrie. Die Kunst auf Butterfahrt. Die Selbstvermarktung als Ausverkauf im Teleshopping-Stil.
Mir fällt noch stellarer Jahrmarkt ein. Vielleicht deshalb, weil der schauspielerische Auftritt so geladen ist. Die Lampen am kritischen Bewusstseinsstrom flackern hingegen.
Am Rand des Geschehens und im Dunst einer Hundehütte weben Männer einen Klangteppich. Anton Berman und Kostia Rapoport gefallen auf dem Ponyhof im Schiesser Feinripp. Manches Lied ihrer Pferde können sie singen.
Action, Reflection, Perfection – Die Kulturschaffenden gehen tierisch auf das Publikum los. Sie reiten auf, das Ticket garantiert keinen Verbraucherschutz.
Die Inszenierung läuft an der Longe einer schnell erzählten Fabel. Die Ponys wollen ihren von der Pleite bedrohten Hof retten. Das steckt als Kern im schwelenden Textreaktor. Die Formulierung sind steil wie in einem Überbietungswettbewerb: „Wir liefern ein urban survival kit, eine Milieustudie am eigenen Fleisch, the perverts' guide to ponyfarm, eine Hau-Drauf-Know-How-Komödie.”

21.5.2014

Beinharte Kommunisten

Ines Geipel liest in der Berliner Tucholsky Buchhandlung

Das westdeutsche Paar steckt die Köpfe zusammen: „Dass die sich immer als Opfer stilisieren müssen.”
Sie fallen auf, die Wessis, an diesem Abend in der Tucholsky-Buchhandlung. Vermutlich erscheinen sie sich imposant mit ihren Extras. Er hat die Jackettärmel gekrempelt und erzielt so einen Stulpeneffekt. Sein Bart ist auf Kaiser getrimmt. Er zwirbelt an sich herum, ein steinalter Pfau, der sich bestimmt stets attraktiver fand als seine Frau. Sie ist die aufgedonnerte Mauerblume mit dem schönen Mann. Das Urteil zischt sie mit fanatischer Schärfe: „Dass die sich immer.”
Du Volksgerichtshof von einem Weib, denke ich. Wie überall wähnt sie sich in der Überzahl. Davon geht sie einfach aus. Wo sie ist, ist Westen. Sie hat nun die Orientierung verloren. Außer ihr, ihrem Gatten, dem Buchhändler und einem Zaunkönig in der letzten Reihe sind nur Ossis am Start. Missbilligung breitet sich aus. Sie bildet sich ab auf den Gesichtern einer Résistance. Der kulturelle Dissens ist mit Händen zu greifen.

Ines Geipel stellt ihr neues Buch vor, „Generation Mauer”, sie ist eine Galionsfigur. Von ihr geht etwas Vorbildliches aus. Wenn Ines Geipel sagt, sie habe recherchiert und nicht bloß auf eine Lücke im Bewältigungsbedarf und auf Google gesetzt, glaube ich das. Sie war eine Ausnahmeathletin. In einer 4 × 100 Meter-Vereinsweltmeisterstaffel sprintete sie gemeinsam mit Marlies Göhr. Das beeindruckt mich mehr als ihr publizistischer Radius. Mir bleibt schleierhaft, wie sie es seelisch fertig brachte, ihren Namen aus der Rekordliste streichen zu lassen. Sie veranlasste das als Protest gegen „das Zwangssystem Doping in der DDR”.
Jetzt erzählt sie von „einer unerzählten Generation”, die 1960 geborene Autorin erzählt von der eigenen. „Wir waren die Babyboomer des Osten und Kinder der Teilung.”
„Wir bekamen den vollen Einschluss von Geburt an mit. … Meine Eltern waren beinharte Kommunisten.”
Daher die Skepsis gegen jede Ideologie und daher keinerlei DDR-Nostalgie. „Die DDR war eine Verratskultur und ein Angstsystem”, behauptet Ines Geipel.
„Wie kriegt man das ein bisschen markant?” Mit dieser Frage sei sie ans Werk gegangen. Sie habe sich „selbst markiert, um Unterschiede herauszustellen”. Die Unterschiede zu den BRD-Zeitgenossen so wie die Unterschiede zu Älteren (mit der doppelten Diktaturerfahrung) und Jüngeren (der Klassenfeind im Klassenzimmer) in der DDR.
Ines Geipel liest aus ihrem Buch den Anfang. Er vergleicht einen fünfzigsten Geburtstag als opulente Mottoparty in Mariendorf mit einem fünfzigsten Geburtstag in Pankow. Das Gegenstück zum Westen war eine Angelegenheit mit Buletten und Kartoffelsalat. Es wurde viel geraucht. Es fiel ein Schlüsselsatz der Entmündigung: „Das, was für uns als Leben vorgesehen war.”
Der Plural betrifft „die verzögerte Identität einer Stotter-Generation.”

Man habe dem „Ost-Existenzialismus nicht entgehen können”. „Generation Mauer” versammele “Biogramme einer gebrochenen Generation”.
Das geht so zwei Stunden, ich werde nicht müde, zuzuhören. Ich kenne sonst nur ostdeutsche Nostalgiker, die in ihrem Gefühlsosten schwelgen. Oft sind das Wendegewinner in der zweiten Generation, die mit ihrer Kaufkraft und der Kaufkraft ihrer Eltern Tag für Tag Restposten einer Ursprünglichkeit schleifen, die sie mit einem besseren Deutschland assoziieren. Den armen Ossi kennen die auch nur aus dem Fernseher und vom Spätkauf. Lustig ist, wenn so Sieger den Kollwitzplatz mit der Begründung verweigern, dass da die Schwaben sind. Schwaben als Sammelbegriff für “die anderen”. Dabei sind sie selbst längst die anderen, also Schwaben. Schwaben oder weg vom Fenster des Prenzlauer Bergs.

Nach meinen Beobachtungen stehen DDR-Dissidenten dem vereinten Deutschland besonders fern. Jemand könnte zudem einwenden, dass eine Westsozialisation in der Berliner Republik Fremdheitsgefühle nicht ausschließt. Schließlich gibt es auch die alte Bundesrepublik nicht mehr. Meine Prägungsfiguren, von Willy Brandt bis Siegfried Unseld, repräsentieren außer Kurs gesetzte Werte. Doch will ich daraus keinen Kranz flechten. Ich muss mir nur Fünfzigjährige im Allgemeinen angucken, um klarzusehen, dass ich kein gemeinsames Band brauche.

Aber so ist das mit den Ossis. Selbst wenn sie ihre Herkunft verfluchen, verhehlen können sie die nicht. Sie kommen aus einer Konsensgesellschaft. Sie suchen Übereinstimmung. „Generation Mauer” soll ein Debattenbeitrag sein. Ich wünsche Ines Geipel, dass viele mit ihr ins Gespräch kommen wollen.

19.5.2014

»Ostern in Kunovice« kurz vor Pfingsten im Ballhaus Ost

Zwei Grazien träumen von Mähren. Das Kunovice ihrer Kindheit liegt fern zwischen den Strömen Erinnerung und Imagination. Nah liegt es der mäandernden Morava, die Mähren ihren Namen gibt.

Damen, die sich dezidiert äußern – das fällt auf und prägt sich ein in diesem Lost-in-Translation-(Zwischen den Welten)-Stück von Franziska Seeberg und Lisa Vera Schwabe. Damen im Kostüm. Vermutlich kommen sie gerade vom Friseur, die Kostüme haben in jedem Fall Signalfarbe. Die Damen heißen Franziska (Cathrin Romeis) und Vera (Franziska Dick). Sie sind kategorisch und didaktisch. Sie ergänzen sich im Vortrag und wirken dabei manchmal wie das doppelte Lottchen. Der Vortrag (als Summe) evoziert das Bild einer nach allen Seiten wegrutschenden Landkarte.

Die Bühne versammelt eine ambulante Anrichte, die auch als Jugendherberge herhält, ein Telefonhäuschen, das zur Asservatenkammer umgebaut wurde, eine prä-digitale Entwicklungseinrichtung, eine Projektionsfläche und eine Gesangsanlage. Ja, es wird viel und schön gesungen, „Ein Musiktheater“ heißt deshalb die Unterzeile zum Titel. Der Gesang beschwört eine ländliche Folklore, mit derbem Einschlag. In Kunovice jagten und droschen die Jungen mit Weidenruten rituell (zu Ostern?) ihre Generationsgenossinnen, die sich das gern gefallen ließen. Der Punkt wird exponiert. Das Ritual gehörte zu einem Fruchtbarkeitskult, die Mädchen bedankten sich mit einem Ei (als Gabe für den Favoriten.)

Ich nenne Franziska und Vera Navigatorinnen, da ihnen das Publikum unbedingt auf alle möglichen Hügel des Sonderbaren folgen soll. Auch wenn ihr Mähren räumlich und zeitlich weit weg ist. Sie grenzen das Gebiet ein und sagen einmal Tschechei zu Tschechien. Das rutscht so aus der deutschen Herkunft – Hochmut der Abstammung. Ist aber nicht so gemeint. “Schlonsakisch” heißt es im Bühnentext der Schlesierinnen zur Herkunft in einer Landessprache.
Die Navigatorinnen erzählen von Traumpfaden zwischen Böhmen und der Slowakei. Sie ordnen die Gegend historisch ein und singen (wie gesagt) ihre Lieder. In den Liedern sei ihr Gemüt am besten aufgehoben, sagen sie.

Sie studieren ein Foto – Ostern in Kunovice vor zwanzig Jahren. „Das Bild ist bei Babi aufgenommen.” Man sieht einen Jungen mit Geige, das ist Lukás. Veras Stiefschwestern Katja und Nikola sind auch zu sehen. Jedes Kind hält ein Instrument. Als Erwachsene hat Vera mit Lukás Kontakt aufgenommen und die Konversation auf englisch vorangetrieben. Lukás ist total „open minded”, wenn es darum geht, was mit Kunst auf die Beine zu stellen und die Kultur von Kunovice in die Berliner Gegenwart zu beamen.
Franziskas Vater war hauptberuflicher Hitlerjugendführer, das ist lange her und führt in das Avalon des Reichsprotektorats. Die Machtverhältnisse nach Fünfundvierzig kommen in Nebensätzen vor. Dann ist man gleich wieder privat, so wie die Aufnahme aus dem privaten Fundus von Lisa Vera Schwabe stammt. Das bis zum Exzess unspektakuläre Foto zentriert die Inszenierung, es entstand in einer Diele.

Der Zwischenraum war das Reservat einer Kristallgläser-Sammlung und anderer selten genutzter Gegenstände. Sonst ging man da nur durch, nur nicht zu Ostern. Wenn die Kinder kamen, um zu musizieren. Jedenfalls suggeriert das die Konzentration der Navigatorinnen auf diesen Augenblick. Sie reden darüber, was ihnen „richtig bemalte Eier“ im Vergleich zu Schokoladenostereiern bedeuteten. Wie wenig sie mit der christlichen Auffassung von Ostern verband. Wie traurig im Grunde das Ganze seinem Anlass nach war/ist. Aber eben nicht für sie als Mädchen in einer herzlichen Gemeinschaft. Sie vermissen die Herzlichkeit.
In der Gebrauchsanweisung steht: „_Ostern in Kunovice_ verknüpft dokumentarisches Material mit den Mitteln des Musiktheaters und unternimmt eine Reise in ein Bild. Schicht für Schicht werden die Geheimnisse des 20 Jahre alten Fotos aufgedeckt. Dabei verbinden sich Tonaufnahmen aus Kunovice mit tschechischen Volksliedern und werden Teil einer Soundkomposition, die sich dem Foto auf musikalische Weise annähert. Vor uns sehen wir das Bild und hören die beinahe schon vergessenen Geschichten, die es uns erzählt. Wir lernen die Menschen auf dem Foto kennen und erfahren, wie sie damals gelebt haben und wie ihr Leben heute ist. Gemeinsam kehren wir zurück zu den Ursprüngen des Bildes, die weit in der Vergangenheit liegen.”

Das sieht man als etwas sehr Gelungenes auf der Ballhausbühne. Das Stück weckt ein mährisches Interesse, von dem ich nichts wusste. Es geht von etwas Einfachem aus und gestattet in der Verwandlung seinem Gegenstand eine Reise auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

14.5.2014

Zum Auftakt des Rummelsburg 2-Literaturfestivals wird im neuen „Baiz” Bill Myers' Film SKLAVEN Markt gezeigt.

„Wenn es um die Familie geht, kennst du keine Verwandten.”

Der Satz fällt auf einer Kreuzung, vor mir rückt ein Paar wütend zusammen. Da ist schon das neue „Baiz”, die Kultur- und Schankwirtschaft stieg vom Fuß zum Scheitel des Prenzlauer Bergs auf. Der Scheitel heißt Schönhauser Allee, heute Abend geht das Rummelsburg 2-Literaturfestival los. Es gibt „den Dichtern des Kollwitzplatzes” Gelegenheiten. Einer aufgegebenen Institution dieser Gegend so wie des Festival-Genres, dem „SKLAVEN Markt”, widmete der Amerikaner Bill Myers 1999 (im Jahr der Geschäftsaufgabe) eine Dokumentation. „Viel zu lang sei der (zu seinem Vorteil schließlich gekürzte) Film geraten”, sagt Bert Papenfuß in seinem einführenden Referat. Papenfuß erscheint wie der letzte Überlebende einer Reise ans Ende der Nacht. Der Referent stochert ein bisschen in Myers' „langatmigem Dilettantismus”, was war der eigentlich? Myers war Germanist, mit seiner Kamera habe er „einfach draufgehalten” – fasziniert von den Biotopisten im ostdeutschen Untergrund.

Im Berg am Werk. 1996 gründete Papenfuß den SK gemeinsam mit Frank Willmann auf der Fläche des Prater-Gartens an der Kastanienallee. Ein Streit um Biermarken (falls ich das richtig verstanden habe) zwang zum Umzug. Der Kneipenname wiederholte und ergänzte den Namen einer Zeitschrift. Das Periodikum ehrte im Titel eine Editionsidee von Franz Jung. Es bezog sich auf Jungs „Zur Wiedereinführung der Sklaverei”. Mancher kam in die Kneipe (egal, wo sie gerade war) mit der Erwartung, einen Schauplatz seiner sexuellen Vorlieben zu entdecken. Er könnte mit Geschichten „aus dem Unterleib Berlins” auf eine Spur der Verwandlungen gesetzt worden sein.

Veteranen der ersten SK-Stunden äußern sich im Film, so wie der Philosoph Guillaume Paoli. Der Franzose fand in der Kneipe eine „Heimat”. Seiner Biografie entnimmt er, was passt. Er sei in einer kommunistischen Stadt aufgewachsen und deshalb auf die DDR vorbereitet gewesen. Neben ihm sitzt eine Kollegin, gerade hat sie Arthur entbunden. Lange war sie für die SK-Filmreihe zuständig. Man habe einen „osteuropäischen Schwerpunkt” kultiviert und Schwierigkeiten bei der Finanzierung gehabt.

Der SK machte weiter im „Theater unterm Dach” und übernahm dann das „Siemeck” in der Rykestraße. „Das war eine markante Kneipe am Wasserturm.” Ein Solitär, inzwischen gibt es zwanzig Lokale an dieser Ecke. Die Strecke der SK-Nomaden endete im „Walden” in der Choriner Straße. Man sieht Wladimir Kaminer, er lernt deutsch auf der Bühne. Kaminer rasiert die Fremdsprache mit dem Hobel seines Akzents, man versteht nur ab und zu ein Wort. Noch steht sein Ruhm in den Sternen.

12.5.2014

Die Auslieferung des Lebens an den Alltag

Ulysses im Berliner Ballhaus Ost

Stephen Dedalus ist ein Hilfslehrer mit literarischem Ehrgeiz. Seine Schüler findet er „weder unschuldig noch erfahren”. Sein Land erscheint ihm „wie der zerbrochene Spiegel einer Magd”. Seine Freunde nennen ihn einen Ketzer. Am Totenbett der Mutter verweigerte er das Gebet. Stephen verkündet seine Mutlosigkeit: „Ich bin kein Held.”
Das weiß man, wenn man die ersten dreißig Seiten des „Ulysses” gelesen hat. James Joyce schildert einen indolenten Charakter, „von des Gedankens Blässe” in Form gebracht. Er wohnt in einem Wehrturm aus der Zeit napoleonischer Kriege und lebt in einem Tagtraum. Stephen sagt: „Die Geschichte ist ein Alptraum, aus dem ich zu erwachen suche.”
Das ist der erste Satz in einer „Ulysses”-Adaption von Marat Burnashev und Swantje Basedow, mit Bruno Cathomas als Leopold Bloom und Mirco Kreibich als Stephen Dedalus.
Der durch sämtliche humanen Zustände mäandernde Roman spielt 1904 an einem Sommertag. Die Nacht nimmt der Bewusstseinsstrom mit bis zur Mündung.
Er beginnt auf den Klippen über der See (in der Gegend von Dublin). Eine Einspielung deutet das auf der Ballhausbühne an, dann kommt die Gegenwart ins Spiel. Die Auslieferung des Lebens an einen unerheblichen Alltag (egal wann oder wo) – ihr Repräsentant heißt Leopold Bloom. Der Anzeigenakquisiteur ist eine grandiose Null. Er studiert die Tageszeitung wie eine Wissenschaft. Er lobt sich für seinen abergläubischen Skeptizismus. Aus allem zieht er ungehobelte Schlüsse. Die Joyce-Forschung weist Leo (Poldi) den Platz des vulgarisierten Stephen zu – der Künstler als alter Mann. Sein Stigma ist Impotenz in jeder Hinsicht. Stephen spricht sie an, sobald er seinem verworfenen Alter Ego begegnet. Es ist eine Leistung dieser Inszenierung, dass man die wie aus einem Bombenschacht ragende Darstellung einer leisen Verachtung (für Leos Eifer) im Roman sieht.
Leopold heißt nach Sacher-Masoch so, seine Frau Molly ist eine andere Venus im Pelz. Leo kriecht vor lauter Beflissenheit in die gelangweilte Aufmerksamkeit des jungen Genies, das auf der Bühne aber bloß ein anderer Blödmann ist. Die Selbstverherrlichung des Autors Joyce in Stephen kommt nicht vor. 
Das Stück gelingt auf Europaletten vor Leinwänden  – „stream of consciousness” als Video. Man bemerkt Molly (Patrycia Ziolkowska) in ihren lunaren Stimmungen, die Adaption macht aus ihr eine halbe Polin. „Die spanische Rose” (bei Joyce) bleibt als Unvollendete und hypertroph Sehnsüchtige identifizierbar. Auch das macht Spaß. Szenenapplaus gibt es für einen präzisen Vortrag: „Welche Handlung führte Bloom beim Eintreffen an ihrem Bestimmungsort aus?”
„Auf der Haustreppe der 4. der äquidifferenten ungeraden Nummern, Eccles Street Nummer 7, führte er mechanisch die Hand in die Gesäßtasche seiner Hose, um den Wohnungsschlüssel herauszuholen.”
„Befand dieser sich dort?”
„Er befand sich in der entsprechenden Tasche der Hose, welche er am vorvorangegangenen Tage getragen hatte.”
…  

23.4.2014

Die Mutter sang alle Tage

Als junge Frauen lebten sie in „der Kommunistenstraße“ nicht weit von der Wolga. Die Schwestern Emma und Emilia haben eine Menge mehr erlebt als die meisten ihrer hart geprüften Generation. Die längste Zeit war ihr Dasein gestimmt von Verfolgung und Mangel. Heute sagen sie: Hauptsache zu essen, Hauptsache das Dach hält den Regen ab. Wichtig ist, dass die Kinder und Kindeskinder Arbeit haben und dass die Fortpflanzung in geregelten Bahnen abläuft.

Seit achtzehn Jahren leben die in den 1920iger Jahren geborenen Schwestern im Prenzlauer Berg. Ihre Vorfahren waren von Katharina der Großen nach Russland gebeten worden. Durch die Jahrhunderte blieben sie deutsch und unter sich in ihren Gebieten. Das änderte sich nach der Oktoberrevolution. Die bäurischen Betriebe der Wolgadeutschen gerieten unter den Hammer der Kollektivierung. Im zweiten Weltkrieg wurde ihnen die Herkunft zum Verhängnis, man deportierte sie nach Sibirien. Man transportierte sie wie das Vieh. In Sibirien warteten die Kohlegruben mit ihren Sportsfreunden Hunger und Kälte.

Emma erzählt davon, wie von nichts besonderem. Die Leute starben wie die Fliegen, doch gab es Beispiele für Erbarmen. In ihrem Glauben hielten die Schwestern fest am Leben, die protestantische Prägung leierte im Grauen nicht aus. In der Nacht kamen die Räuber und holten sich Brotkarten von den Halbverhungerten. Der Vater, ein Mann der Käserei, verreckte nach einem Arbeitsunfall. Man ließ ihn verletzt liegen, mehr brauchte der Tod nicht. Der Tod war der einzige, der auf seine Kosten kam.

Der Krieg wurde gewonnen, wenn man Russe war, die Schwestern blieben Verlierer. „Man nannte uns Schwarzarbeiter, weil wir jede Drecksarbeit annehmen mussten“, erinnert sich Emilia.
„Wir waren Tiere für die Russen“, fügt Emma sanft hinzu. Ausführlicher wird keine, das Panorama der Entrechtung taucht nur kurz am Horizont der Erzählung auf. In der Sowjetunion lag Sibirien an einem unterversorgten Rand. Das war Niemandsland in der Moskauer Perspektive, wenn auch voller Rohstoffe, die von deutschen Kriegsgefangenen aus den Kellern der Erde geschaufelt wurden.
„Die Soldaten taten uns leid“, sagt eine Schwester. Ich ahne Gesten und das Glück der Vertrautheit einer gemeinsamen Sprache. Die Wolgadeutschen bewahren ein schönes, noch deutlich lutherisches Deutsch, voll sakraler Poesie. Die Mutter habe „alle Tage gesungen“ und sei „gelehrt wie ein Pfarrer“ gewesen.

In der soweit üblichen Hochhauswohnung am Thälmann-Park erinnert der evangelische Sprachschmuck an eine aufgegebene Literatur und an Familienbilder in einem Dachbodenreservat. Emma durfte auf eine pädagogische Hochschule. Nach dem Krieg war sie Lehrerin im Landkreis von Nowosibirsk. Satt wurde man erst ab 1948. Zu Lohn und Brot kam man in der Landwirtschaft, die eine ledig, die andere heiratete, deutschstämmig musste der Gatte sein. Für ihn hatte die Verschleppung in der Ukraine begonnen, wo seine hessischen Ahnen als Kolonisten zu einem Auskommen gelangt waren. Der Gatte war katholisch, in den ursprünglichen Verhältnissen der deutschen Einwanderer wäre das ein Ehehindernis gewesen. In Sibirien ließ man Fünfe gerade sein.
In den späten Fünfzigern bildeten sich die Schwestern zu Buchhalterinnen fort, ihnen wurde wohler – jedoch nicht wohl genug, um ihre Lage nicht dauerhaft für etwas Vorläufiges halten zu müssen. „Alle Russlanddeutschen wollten in die Bundesrepublik“, sagen sie, jede für sich und auf ihre Art. 1989 durften die Schwestern ausreisen.
„Michail Sergejewitsch Gorbatschow sei Dank“, sagt Emma. Zuerst fand man eine neue Heimat in Bad Hersfeld. Um familiärer Umstände wegen bald wieder in den Osten zu ziehen. Da lebt man nun mit Ernst Thälmann vor der Nase, das Monument an der Greifswalder Straße ist dreizehn Meter hoch, fünfzehn Meter breit und fünfzig Tonnen schwer.

18.4.2014

»Ich war Mudschahid«

Wir einigen uns auf Massud. Keine Klarnamen, das ist die erste Verabredung. Ich treffe Massud in einer badischen Stadt. Er kassiert mein Telefon und lässt es verschwinden. Plastik statt Jute – das orientalische Speakeasy unserer Begegnung findet man nicht einfach. Ich sehe, dass es ein säkularer Ort der Migration war, vor einer religiösen Überformung. Die Grundierung zeigt immer noch einen farbenfrohen Mix und erzählt von weltlichen Bedürfnissen.

Massud stammt aus der Gegend von Kabul, sein Geburtsort ruft einen Märtyrer im Namen auf. In der Stadt am Khyber Pass stellen sunnitische Tadschiken die Bevölkerungsmehrheit. Ihre Organisationsform ist familiär, nicht tribalistisch. Massuds Familie wurde von vielen Reformansätzen der letzten hundert Jahren erreicht. In Afghanistan ergab sich jeder Fortschrittsgedanke aus den Zwängen zur Verwaltung eines Staates, der immer wieder von gegensätzlichen Stammesinteressen gesprengt zu werden drohte. Von innen und von außen wirkten Kräfte gegen eine autonome Einheitlichkeit, nach den Spielregeln der Nationalstaatlichkeit. Massuds Großvater war im königlichen Erziehungswesen. Eine Verwandte gründete ein Gymnasium. Frauen waren unverschleiert am Gesellschaftlichen beteiligt. Es gab eine politische Aufstandsbereitschaft in der Familie. Die Leute wurden verbannt.

Seit zwanzig Jahren lebt Massud in Deutschland. Solange ist „ein Hallo“ des Wiedererkennens schon viel auf den Wegen, die sich jederzeit ergeben. Massuds Erlebnisse in der Mehrheitsgesellschaft sind Distanzerlebnisse.
„Ich habe mehr erwartet“, sagt er.
Er spricht von „Berührungsängsten“. Das ist eine weiche Formulierung. Sie zeigt den Kurs einer grundsätzlichen Zurückhaltung an.

Massud war noch nicht alt genug für die Schule, als die royale Herrschaft in Afghanistan endete. Er will sich an die Begleitmusik des Putsches mit tieffliegenden Jets und Detonationsgeräuschen erinnern.
Der König kurte gerade in Italien, das machte die Sache der Putschisten einfacher. Mohammad Daoud Khan rief die Republik aus. Er stützte sich auf eine kommunistische Partei und setzte auf die Sowjetunion als stärksten Verbündeten. Bekanntlich ist Afghanistan das Massengrab der Großmächte, seit den kolonialen Expeditionen des neunzehnten Jahrhunderts. Die Sowjets wollten es gescheiter anfangen als die Engländer. Sie nahmen Einfluss auf das Parteienwesen, das aber auch nur modernere Formate für den Interessenbetrieb der Stämme und Ethnien hervorbrachte. Alter Wein in neuen Schläuchen – die Paschtunen hatten ihre eigene kommunistische Partei. Eine Weile waren Maoisten mächtig. Dann nicht mehr.

„Mit Daoud Khan kam die Angst“, sagt Massud. Dem nachbarschaftlichen Gefüge gingen die Vertrauensverhältnisse aus. Die Zentralisierung der Wirtschaft, ihre staatliche Lenkung, erzeugte Mangel und Uniformität. Lebensmittel wurden zugeteilt, „plötzlich hatten alle die gleichen Schuhe an“. Massud lernte Schlange stehen, bis zu drei Tage von früh bis spät wegen einer Sache, die anders nicht zu kriegen war. Der Staat warb um seine jüngsten Angehörigen, in roten Hemden sollten sie paradieren.
Kommunistische Folklore. Die Familien wehrten sich mit dem Koran. Der Islam erteilte dem Kommunismus, als einer Abkehrdoktrin von traditionellen Werten, eine Absage nach der anderen, das freute besonders die Amerikaner. Die Religion war zunächst eine stille Widerstandsform, eine nicht so einfach zu kriminalisierende Formulierungshilfe. Die Herrschenden ließen sich mit dem Koran kritisieren, ohne dass Gefängnis gleich das nächste gewesen wäre.

Massud ging in Kabul zur Schule. Die Schule war eine amerikanische Gründung. 1979 marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein, eine brüderliche Beistandsmaßnahme, wenn man so wollte wie der Kreml.
Muhammad Taraki regierte. Aber nicht mehr lange. Die von Taraki eingeladene Sowjetunion richtete ein Marionettenkabinett ein. Sie führte den Krieg einer Besatzungsmacht gegen alle möglichen Gruppen im Widerstand. Die afghanische Armee rekrutierte von der Schulbank weg. Auf eine militärische Ausbildung wurde weitgehend verzichtet.
„Sie gingen als Schüler und kamen als Leichen zurück“, erzählt Massud. Er entzog sich dem Wehrdienst nach Pakistan. Das Procedere der Verweigerung hatte System, Massud machte die Talibtour von Peschawar nach Islamabad und retour. 1987 wurde er in ein Kampfgebiet geschleust, in der Provinz Logar. Als Mudschahid kämpfte Massud für ein Butterbrot namens Gotteslohn, für Gott und Vaterland, so rustikal und idealistisch in einer Karl May-Landschaft. Dem Glück seiner Unversehrtheit bereitete eine Scud-Rakete das Ende. In einem heimlichen (bestimmt auch unheimlichen) Höhlenhospital nahmen arabische Ärzte Massud einen Arm ab. Man schaffte den Invaliden nach Peschawar in ein Kriegskrankenhaus.
Massud erinnert sich an Schlachthofszenen. Sieben Operationen musste er über sich ergehen lassen. Er nutzte eine Gelegenheit via Frankreich nach Deutschland zu reisen. Seinen Antrag stellte er im Taunus mit Tinnitus – und Splittern in den Beinen. Er lernte deutsch, er wollte sich sofort zurechtfinden: nach den Regeln des Gastlandes. Nichts fiel ihm leicht, die deutsche Sprache nicht und schon gar nicht die einhändige Bewältigung seines Alltags.

Massud holte sein Abitur nach und ließ sich zum Bürokaufmann ausbilden. Er bewarb sich, die vielen Absagen schob er auf seine „geringe Belastbarkeit“. Er wurde Imam einer Gemeinde, somit entscheidend, wenn es um Hochzeiten, Scheidungen und Geburten geht. Zu spirituellen Selbstverpflichtungen kam der Wille zur Erwerbstätigkeit. Massud machte eine Ausbildung zum Netzwerkadministrator. Nach dem 11. September mochte ihn kein Unternehmen an „empfindliche Stellen“ lassen, das erklärt man ihm so. Es herrschte Generalverdacht.

Wiedergesehen

Die Wohngemeinschaft sieht den »Chef«

»Der Chef«, ein Film von Melville aus dem Jahr 1972, beginnt mit Reliefs: wie aus einem Eisblock geschnitten.

Catharine Deneuve

Gerammt von einem SUV für unsere Jüngsten, brüllt ein Original lokaler Gemütlichkeit seinen Schwabenhass über die Winsstraße: „Lass dir zu Miss Fukushima küren.“

Ein SUV schießt rückwärts auf den Bürgersteig. Der Fahrer springt aus dem Fahrzeug und rennt gegen ein anderes. Er gibt dem Mann am Kinderwagen Bescheid: „Wenigstens einmal etwas hingekriegt, das Hand und Fuß hat“.

Mein Wohngenosse und Weggefährte Mirko hat sich heute schon sagen lassen müssen, dass er in einer kulturellen Absteige beschäftigt sei, mit den Fähigkeiten eines blinden Fotografen. Jetzt trifft ein Terrorist der Verachtung mit dem ersten Schlag den schlimmsten Schmerzpunkt. Mirko ist fünfundvierzig und unjüngst zum ersten Mal Vater geworden. Den Nachwuchs von Greisen nennt der Prenzlauer Berg „Knackerkinder“.

Wir sind auf dem Weg zur Videothek, die Wohngemeinschaft hat eine Jean-Pierre Melville-Woche ausgerufen. Wir wohnen praktisch. Vor der Tür hält ein Vietnamese den täglichen Bedarf in Vorrat, neben ihm brummt ein Fahrradladen wie verrückt und daneben warten die (Film-)„Delikatessen“. Ich weiß gar nicht, ob man zu so einer Ausleihe noch Videothek sagt.

„Der Chef“, ein Melville aus dem Jahr 1972, beginnt mit Reliefs: wie aus einem Eisblock geschnitten. Die Stimmung ist maritim, aber nicht mediterran. Da friert nicht das Mittelmeer ein, vielmehr rollt der Atlantik an. Die Theatralik des Wetters steigert die Erwartungen. Melville spult die Szenen in Saint-Jean-de-Monts langsam ab. Das suggeriert eine mentale Zeitlupe. Jedes Revers, jede Häuserzeile, jede Kontur, jede Böe und jede fliegende Zeitung bietet sich der Einprägung an und erscheint als Wesensmerkmal eines Helden. Ja, die Häuser und das Wetter und der Plymouth Road Runner spielen Charakter. All das charakterisiert vier Gangster auf dem Weg zur Arbeit. So wie sich Mirko morgens aufs Rad setzt. Als Dutzendtyp der Kultur. Die Repräsentation kommt von außen, die Stadt beschreibt ihn.

Drei Gangster steigen aus und dringen in eine Bank, der Fahrer behält die Ruhe.
Ein Schusswechsel stört den Raub, angeschossen wird ein Gangster zur Belastung. Hier interessiert mich, wie lange hält die Solidarität und welche Zeichen kündigen das Ende an.
Die Gangster legen eine falsche Fährte. Sie tauschen den Plymouth gegen einen Mercedes und liefern ihren Verletzten in einem Krankenhaus ein. Richard Crenna spielt das Gehirn des Quartetts – einen Nachtclub-Besitzer namens Simon. Dieser Simon kämmt sich gern, er achtet bei jeder Gelegenheit auf seine Garderobe. Mit einem nachlässigen Krawattenknoten raubt man keine Bank aus. Seine Gefährtin beweist auf den ersten Blick, dass Simon ein Leben auf Messers Schneide avec plaisir führt. Catharine Deneuve scheint als Cathy nicht von dieser Welt, sie schwebt über der Jauche allen Irdischen. Sie spielt wie unter Drogen eine Komplizin mit den besten Verbindungen zur Polizei. Ihr Liebhaber ist Kommissar. Edouard Coleman geht in Simons Club ein und aus. Er trinkt Scotch aufs Haus.
Alain Delon spielt den Beamten wie einen Verbrecher. Als Schläger und Erpresser im Amt. Wenn er sich im Club ans Klavier setzt, klimpert die Pose. Wenn er romantisch auftaut, sind alle Worte und Gesten leer. Seine Versprechen sind Lügen. Alain Delon ist ein Mann ohne Eigenschaften, ein gewalttätiger Langweiler. Sein Gegenspieler Simon hat mehr Farben. Man ahnt die Struktur seiner Beziehung zu Cathy. Sie geht über ihn hinaus, in ihr erkennt Simon seine Grenzen.
Cathy tötet den verletzten Teilnehmer am ersten Überfall im Krankenhaus. Als Schwester verkleidet, spritzt sie ihn bildschön ins Jenseits. Noch ein eiskalter Engel in Melvilles Trophäensammlung.

Der erste Coup diente der Finanzierung einer viel größeren Sache, von der Kommissar Coleman Wind bekommt. Simon seilt sich aus einem Helikopter ab. Er entert den Nachtzug nach Lissabon. Er mistet einen Kokskurier aus. So ausführlich wie auf dem Theater.

Marc Albouis heißt der von Cathy ermordete Gangster. Er stirbt als Monsieur Schmidt. Bald wird sein Kollege Louis Costa verhaftet. Er lacht Coleman aus. Coleman schottet sein Büro gegen die Außenwelt ab. Die Schmerzkur kann beginnen.

13.4.2014

Wiedergesehen

Der Eiskalte Ingenieur

Ein Homo faber des französischen Widerstands – Lino Ventura als Mann der Résistance in Melvilles »Armee im Schatten«

Armee im Schatten

In Melvilles „Eiskaltem Engel“ aus dem Jahr 1967 steht vor allem der Bushidobibelspruch: „Es gibt keine größere Einsamkeit als die eines Samurai, außer vielleicht die eines Tigers im Dschungel.“ Zwei Jahre später unterstellt der Regisseur seinem Résistance-Drama „Armee im Schatten“ ein Fazit von Georges Courteline: „Mauvais souvenirs soyez pourtant les bienvenus. Vous etes ma jeunesse lointaine.“
Das Zitat heißt schlechte Erinnerungen willkommen, da sie zählen zur Jugend (des Erinnernden). Jean-Pierre Melville spielt so auf seine Zeit im Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht an. ?Das erste Bild zeigt paradierende Wehrmacht vor dem Arc de Triomphe. Paris ist entblößt und ohnmächtig. Das freie Frankreich geht am Stock. Melville zeigt die Okkupation als eine Serie brutaler Verwaltungsakte. Er stellt der Okkupation den kantig-virilen Ventura entgegen. Dieser Bulle oder Bruch-Typ passt in keinen bürgerlichen Anzug. Das Zivile liegt ihm nicht. Lino Ventura verkörpert den gesellschaftlichen Grenzgänger. Ihm könnte ein Club in Marseille gehören als Fassade für ein Schwarzmarkt- und Schleuserkönigreich. Während Flüchtlinge aus ganz Europa in seinem Laden auf falsche Papiere und ihre Passage nach Übersee warten, fordert er den Pianisten auf: „Play it again.“?Ventura spielt aber den Ingenieur Philippe Gerbier. Der lehnt sich nicht nur auf gegen einen übermächtigen Feind. Vielmehr repräsentiert er eine autokratische Regierung im Untergrund. Das ist entscheidend: der Ingenieur zweifelt nicht an seiner Legitimation. Er fühlt sich aber auch nicht berufen. Dazu fehlt ihm die Phantasie. An keiner Stelle tritt Lino Ventura als Philippe Gerbier mit einer aus-Sorge-um-Frankreich-Attitüde auf. Er entscheidet über Leben und Tod aus maskulinem Selbstverständnis. Seine Haltung sagt: Ich unterwerfe mich nicht. Ich denke an Malraux, der einen Helden sagen lässt: „Kein Unglück soll weiter reichen als der Lauf meines Revolvers.“?Ingenieur Gerbier führt einen inneren Monolog, das Publikum vernimmt den sachlichen Text aus dem Off. Seine Notlage öffnet ihn für ungewöhnliche Allianzen, doch sein Standpunkt bleibt fest. Wenn er sich auch mit einem Kommunisten verbündet, besteht er doch auf den Abstand zwischen den Ansichten. Das heißt, unter anderen Umständen könnte der Kommunist Feind sein. So ist er wenigstens Franzose.

„Armee im Schatten“ vereint eine Reihe persönlicher Dramen. Sie handeln davon, wie Menschen unter Druck reagieren. Sie führen auf die schmalsten Grade zwischen Vertrauen und Verrat. Sie suggerieren in der Summe, dass jeder Verräter werden kann. – Und das es nicht unbedingt die besten sind, die am längsten durchhalten.
Melville lässt Ventura die gewohnte Schlagkraft. Gerbier bringt eine schwer bewaffnete Wache mit dem Messer um. Er tötet, um zu überleben. Das ist keine patriotische Tat und keine militärische Maßnahme. Der Bürger wird zum Würger unter dem Zwang einer Besatzung.?Gerbier veranlasst und überwacht die Hinrichtung eines Kollaborateurs. Der Film zeigt diesen Verräter als Schwächling und seine Henker als besonnene Männer, die mit leichter Hand und schwerem Herzen das Richtige tun.
„Armee im Schatten“ adaptiert einen Roman von Joseph Kessel, der auch die Vorlage für „Belle de Jour“ lieferte. Man hat Melville vorgeworfen, in einem Genrefilm Psychologie zu treiben. Ich finde, Melville nutzt seine film noir-Brillanz, um eine komplexe Geschichte nicht aus dem Ruder straffer Dramaturgie laufen zu lassen. Übrigens sehen die uniformierten Deutschen im Film bis zum Obersturmbannführer wie Komparsen aus.
Gerbier organisiert den Widerstand in Marseille. Mit dem Chef der Résistance reist er im U-Boot nach London. Da sieht er kurz de Gaulle. Er wird Zeuge der englischen Gelassenheit im Bombenhagel. Schließlich erfährt Gerbier, dass sein Stellvertreter verhaftet wurde. Er steigt ins nächste Flugzeug und springt mal so eben über Frankreich ab.?Paul Meurisse spielt den Chef der Résistance als einen Mann, dessen Fähigkeiten im Verborgenen liegen. Neben Ventura erscheint er wie der demente Dorfpfarrer. Der festgenommene Adjutant heißt Félix Lepercq. Paul Crauchet spielt ihn wie einen Gangster von Format. Simone Signoret nimmt als omnipotente Mathilde Lepercqs Platz ein. Sie studiert die Baupläne der Heeressanitätsschule in Lyon. Da hat sich das die geheime Staatspolizei einquartiert.

Beinah am Rand des Geschehens spielt der strahlende Jean-Pierre Cassel den unternehmungslustigen und findigen Flieger Jean-François Jardie. Jardie schließt sich der Gerbier-Gruppe stürmisch an. Er findet dann ein merkwürdiges Ende. Sollte ihn das Leben in der Illegalität zermürbt haben?
Ich will eine Stelle hervorheben: Gerbier nennt seine engsten Gefährten, einen besonders mutigen und einen besonders starken Befehlsempfänger, Mörder. Die Frage ist, ob er sich selbst so sieht oder ob ihn das Urteil ausnimmt? Guckt euch den Film an und sagt Bescheid.

5.4.2014

Das Schweigen in Wirtshauslaune – Wie das Bewusstsein zur Sprache kam

Mirko Borscht inszeniert „Woyzeck III – Magic Murder Mystery“ am Berliner Maxim Gorki Theater gleichzeitig als Lehrstück vom vormodernen Menschen in seiner ganzen Unmittelbarkeit und als Überwältigungstheater

Man muss kaum wissen, was im „Woyzeck“ steckt, um Mirko Borschts Anspielungen im Handgepäck einer beiläufigen Rezeption verstauen zu können. Büchners Fragment beschreibt u.a. Auswirkungen von Versuchen an Soldaten. Im frühen 19. Jahrhundert zwang die Obrigkeit Gemeine zu einer Diät mit Erbsen. Die Kur vergiftete Probanden, Mangelernährung führte zu Halluzinationen und muskulärem Kontrollverlust. Wahnsinn und Versagen grassieren auf der Bühne mehr als Kommentar und weniger zur Illustration. Manche Zuckungen lassen sich allerdings so verstehen, als solle über das Produkt eines unerwartet nachgebenden Schließmuskels der Mantel des philosophischen Schweigens in Wirtshauslaune ausgebreitet werden.
Einige Woyzecks lösen sich dabei ab, vergiftet (und vormodern) zu erscheinen. Jeder ist ein von Armut und Unwissenheit Gedemütigter. Unrasiert und fern der Heimat. Unfähig zur Abstraktion. Leicht abzurichten. Die Repräsentanten der Macht bleiben in ihrer Überlegenheit weitgehend verborgen.
Woyzeck tötet, wen er liebt. Ich sehe nicht klar, ob seine Marie von den Toten auferstanden ist (und für einen Beischlaf sich nur noch einmal hingelegt hat) oder ob ihre Leiche geschändet wird. Am Anfang lagert sie (in der Gestalt von Mareike Beykirch) auf dem Bühnenboden, später engagiert sie sich in einer geräuschvoll leckenden Unterwelt, mit einem Höllenkreis wie von Hieronymus Bosch darüber. Da hat Falilou Seck, verkleidet als Bonvivant, à la bonne heure die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies als Folge einer Gattungstendenz zur Selbstermächtigung längst erzählt. Später kehrt er im Schiesser Feinripp auf die Bäume zurück. Friederike Bernhardt begleitet ihn am Piano. Die musikalische Unterwanderung endet in prekären Verhältnissen. Darin wird grandios getrunken und getorkelt.
Tamer Arslan spielt einen Woyzeck zwischen Hippie und Rocker. – Als Spekulationsobjekt von Macht und Ohnmacht. Er soll Marie erlösen. Sie schreit: „Du Lusche, bring mich um.“
Das Begehren unterstützt ein weiterer Woyzeck (Till Wonka). Er schlägt auf Puppen ein, er könnte tödlich sein.

Die Dunkelheit des von Erbsbrei vernebelten Geistes und einer im Kunstnebel tauchenden Bühne reißt auf im Licht der Erkenntnis. Dimitrij Schaad erklärt die Evolution des Bewusstseins als einen Prozess, in dem Sprache säkularisiert wurde. Der Riss geht dem Vernehmen nach durch die griechische Antike. Vor Odysseus war alles Mengenlehre und göttlicher Auftrag. Die Menschen waren zufrieden in einem schizophrenen Zustand. Sie hörten Stimmen, die Stimmen gehörten Göttern. Die Götter lieferten Imperative. Erst Odysseus habe die Mandatsträger für so erreichbar gehalten, dass ihre Überlistung als Möglichkeit am Horizont aufschien. Mit Homer kam das Bewusstsein zur Sprache. Dimitrij Schaad zitiert Julian Jaynes' „Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche“. „Wann immer die Helden Homers im Krieg um Troja unter Stress gerieten, nahm ihnen eine innere Stimme die Last fälliger Entscheidungen ab. Laut und klar vernahmen Achill und Agamemnon Befehle aus der rechten Hirnhälfte.“ Dimitrij Schaad kriegt für seinen Monolog, der auch den Untergang der Inkas erklärt, Szenenapplaus.

Nicht ohne meine Bierflasche

Ein Transmissionsriemen der spontanen Poesie – Die interaktive Straßentheater-Sensation »Janeinvielleicht« von Katharina Merschel und Christian Weiß in Berlin

Was ist das denn? Was ist los? Da ist Suhrkamp/ und hier die Spaghetti-Bar/ in der ich mit Robert De Niro war. Die Nacht rekrutiert im Prenzlauer Berg. Das Repertoire steht fest, nur das Personal wechselt. Flaschen kriechen aus klammen Kästen und finden in klammen Händen Halt. Leuchtkörper überbieten sich im Ankündigungseifer. Auf der Pappelallee zieht eine Blindgängerin Blicke an. Kein Alarm. Heiter erscheint die Hilflosigkeit und fröhlich ihre Dokumentation. Siehst du nicht die Kamera? Alles nur Theater. Die Kamera überträgt die Verwirrung und das Einverständnis ins Ballhaus Ost. Das Publikum schreibt der Blindgängerin den Handlungsverlauf vor. Ist demnach interaktives Theater. Die Blindgängerin darf keine eigenen Entscheidungen treffen. Jemand will, dass die Allee gesperrt wird. Schnell werden die Aufgaben schwerer und absurder. Die Chancen zum Übergriff stimulieren die Phantasie. Aus der Passivität zum Entscheider: das heißt von Null auf Hundert in drei Sekunden.

Die Blindgängerin heißt Fabienne Elaine Hollwege. Sie stammt aus Luxemburg und lebt im Wendland. Man ahnt eine engagierte, glockenklare Existenz. Der heimliche Wunsch, sie in Schwierigkeiten zu sehen oder vor Schwierigkeiten zu bewahren, steckt in den Forderungen. Das zum Regisseur avancierte Auditorium beweist ohne Vorlauf eine Entschlossenheit, Fabienne aus der Umlaufbahn der eigenen Angst und Zurückhaltung direkt auf den Mond der Unmöglichkeiten zu schießen. Die Probandin wickelt folgsam junge Männer ein, das Absperrband hatte sie ahnungslos in der Handtasche. Die Eingewickelten spielen entspannt mit, sie erklären ihre studentischen Verhältnisse vor typischer Kulisse. – Ein Spätkauf, der anziehend wirkt. Nicht ohne meine Bierflasche, sagt hier jeder. Dass das vor der Tankstelle gefilmt wird, hat etwas Normales im Spektrum zwischen Flirt und Casting. Vielleicht wird man gleich entdeckt, egal für was. Jeder hat das TV-Starformat verinnerlicht.
Die Situation löst sich auf, Fabienne soll schnorren. Ein freundlicher Geist führt sie zum nächsten Gemüseladen, Fabienne bietet dem Händler Tanz und Gesang für eine wohltätige Gabe an. Der gute Mann ist selbst gehandicapt und voller Merhamet. Er sammelt Punkte auf dem Weg ins Paradies.
Man erwartet nun von Fabienne, dass sie mit der Bahn fährt. Mädchen, die noch zur Schule gehen und für die ein Abend im Prenzlauer Berg Aufenthalt im Abenteuerland bedeutet, helfen der Eingeschränkten aus schierem Mitgefühl. Offensichtlich sehen sie einen Menschen in Not. Ohne Blick ist Fabiennes Gesicht eine einzige Entschuldigung. Eine Bitte, zu verzeihen. Die Wehrlosigkeit möchte keinen Ärger.

Unterwegs erhält sie eine häusliche Einladung zum Tee von einem asiatischen Geschäftsmann. Der ist dann aber doch nicht ganz so frei. Daheim wartet die Gattin, selbstverständlich „glücklich verheiratet“ mit ihrem Trickser. Man könne indes ins Geschäft ausweichen. Der Geschäftsmann wirbt mit der Einlage für seinen Schuhladen an der nächsten Ecke. Zwei Fliegen mit einer Klappe – er sieht auch aus wie das tapfere Schneiderlein.

In der Bahn gerät Fabienne an einen Spanier mit Gitarre. Sie animiert ihn mit ihrem blinden Mund. Er offenbart seine Leidenschaft, und im Zufall der Begegnung entsteht völlig unerwartet eine Poesie aus dem Album der Nostalgie.

30.3.2014

Brigitte Bardot in »Die Verachtung«

»Schon blickt die Nacht zu den Sternen«

Homer und Alberto Moravia lieferten die Vorlagen, Jean Luc Godard inszenierte, Brigitte Bardot und Michel Piccoli spielten – „Die Verachtung“ aus der Jahr 1963

Ein französisches Ehepaar in einem römischen Rohbau. Im Bruch feiern sich die Aschenbecher sogar als Einprägungen in Klopapierhalterungen. Man geht buchstäblich durch Türen. Die Einsätze liegen im Treppenhaus.
Camille war bis zur Hochzeit Stenotypistin, Paul hat das Drehbuch zu „Toto gegen Herkules“ und ein paar dubios publizierte Krimis geschrieben. Er verachtet Kino und liebt das Theater. Am Ende des Films sind alle Gründe ausgezählt, die Paul vom Vergnügen an seiner Arbeit trennen.
Der amerikanische Produzent Jeremy „Jerry“ Prokosh bietet Paul an, eine Odyssee-Operette flott zu schreiben, der Autor soll Gegenwart und Geschwindigkeit in eine Adaption dieser Urgeschichte bringen.

Cinecittà verwurstet die Antike, Historienschinken hängen an den Fleischerhaken des Kommerzes. Sandalenfilme soweit die Füße tragen, Produzent Prokosh erhebt er sich über den eigenen Schund. In einer besonders theatralischen Einlassung vor einer besonders lausigen Kulisse sagt er dem Sinn nach: Wo Könige einst in Palästen lebten, regiert nun der Ramsch in Buden.
Jack Palance spielt den Amerikaner in Europa. Jerry verhält sich wie ein Kolonialherr. Er hält sich für einen Halbgott. Das verkündet er, ohne ein Ohr für die Gegenrede: „Nicht die Götter haben den Menschen geschaffen, der Mensch hat die Götter geschaffen.“
Sein Vorleben bleibt unklar. An einer Stelle wird das deutlich gesagt. Jerry kommt in die Arena als Mann ohne Vergangenheit. Am Ende hat er auch keine Zukunft mehr.
Jerry kleidet sich gediegen, verhält sich aber nicht so. Vielmehr tritt er auf wie in der Badehose. Er unterstellt Paul, keine Wahl zu haben. Die Unterstellung begründet er mit Camilles Schönheit. Schöne Frauen sind teuer. Intelligenter stellt sich der Zusammenhang nicht her in einem Jahrhundertfilm mit Spitzenschauspielern und einer Legende. Fritz Lang spielt Fritz Lang. Als Regisseur des Films im Film wehrt er sich mit Geistesblitzen und Zitaten gegen den Produzenten: „Schon blickt die Nacht zu den Sternen.“

Brigitte Bardot spielt die Kindfrau Camille auch mit Perücke. Sie scheint ihren Stimmungen ausgeliefert. Im Gegenzug tyrannisiert sie Paul mit Launen. Sie wirft ihm vor, sie aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu haben. Wenn sie ihn nicht mehr einfach so lieben kann, dann ist das seine Schuld. Sie erwartet von sich kein verantwortungsvolles Verhalten. Aus der ersten Begegnung mit Jerry ergibt sich ein knisterndes Verhältnis, so leicht entflammbar ist Camille. Auch ihre Erregung ist Pauls Fehler. Subtext: Wie kannst du mich nur mit einem so potenten Alpha-Mann (im Alfa Romeo) allein lassen? Sie flirtet und wirft Paul die Zeit vor, die er ihr zum Flirten gelassen hat. Schließlich muss sie ihm sagen, dass er kein richtiger Mann sei. Deshalb heißt der Film „Die Verachtung“. Er handelt von der Angst eines Mannes vor der Verachtung seiner Frau. Indem er ihr zu gefallen versucht, verliert er sie. Pauls finale Deklassierung findet auf Capri statt, in der aztekischen Villa, die sich Moravias Kollege Curzio Malaparte auf einen Felsendorn setzen ließ.

Paul sagt tatsächlich zu, mit dem Honorar kann er sich auf einen Schlag schuldenfrei stellen. Offensichtlich ist die Geldsache für Camille wichtiger als für ihn, jedenfalls deklariert Paul sie als Liebesdienst.
Michel Piccoli spielt den Autor. Seine Erscheinung widerspricht der Rolle. Piccoli verkörpert einen zurückweichenden Charakter. Man sieht auf Anhieb, dass Paul dem zügellosen Jerry wenig entgegen setzen kann. Er verweigert den Wettbewerb. Paul changiert unentwegt. Er imitiert Dean Martin.
Pauls Englisch ist mau. Vermutlich spricht Jerry mit Absicht nur amerikanisch. Seine Assistentin übersetzt und vermittelt. Francesca Vanini (Giorgia Moll) kann auch deutsch und italienisch. Ihr gelingen literaturfähige Formulierungen bei jeder Gelegenheit.
Francesca ist auf eine kaum erzählte Weise Jerrys Vertraute und Geliebte. Sie dient ihm, er bedient sich ihrer. In diesem Verhältnis herrschen Heiterkeit und Harmonie. Plausibel wird das nicht.
Jerry brüllt und fuchtelt in einem Vorführraum, er fühlt sich von Lang geleimt. Lang weist ihm Unrecht nach, das könnte Jerry egal sein. Doch scheint er seinen Horizont mitunter erweitern zu wollen. Zugleich überfällt ihn ein Unbehagen vor kultureller Überlegenheit. Er variiert einen berüchtigten Satz: „Wenn ich das Wort Kultur höre, ziehe ich mein Scheckbuch.“
In der „Verachtung“ gehört Malapartes Villa Jerry. Der Produzent macht keine Anstalten, an einem der weltschönsten Plätze seine Absichten zu verschleiern. Camille soll als untreue Penelope verstanden werden, mir geht das zu weit. Sie kommt aus einem Keller erotischer Einfälle. Jerry packt die Trophäe auf den Beifahrersitz seines Cabrios. Camille verspricht zu zeigen, was sie von ihm hält, wenn sie erst in Rom sind.

24.3.2014

Keine Hand für einen Deutschen

„Grüße aus Sarmatien“ – Ein Dokumentarfilm von Volker Koepp

Eine Kreuzworträtselfrage lautet: „Alter Name für das Land zwischen Weichsel und Wolga?“ Ich kenne die Antwort von meiner Oma. Sarmatien bezeichnet nach einer anderen Alliteration das Gebiet zwischen Donau und Don. Weitere Bruchstücke meines Kreuzworträtselwissens: Herodot hielt die Sarmaten für Nachfahren der Amazonen. Sarmatische Reiter standen in römischen Diensten. Man nimmt eine Sammelbezeichnung an. Stammeskonföderationen wurden als „sarmatische“ Verbände (Panzerreiter/ gepanzerte Lanzenreiter/ Völkerwanderer/ (iranische) Hirtenvölker) wahrgenommen. In Thüringen sollen Sarmaten fast schon im Nachhall ihrer Geschichte ein Königreich gegründet haben, das im fränkischen Reich aufging. Behauptet wird, dass die Merowinger selbst von Sarmaten abstammen, folglich gar keine Germanen waren, die als Franken dann von sich reden machten.

Volker Koepp bereiste Sarmatien wie es sich gliedert. Moldawien, Weißrussland, Litauen und die Ukraine liegen auf der Strecke. Der Ausflug beginnt im Kurischen Haff an der vereisten Ostseeküste. Die Landschaft und ihr Meer liefern Europa Traumbilder. Eine Gewährsfrau erinnert sich an Klassenfahrten zur Memel „noch zu Sowjetzeiten“. Am Strand erzählt sie von einem stummen Fährmann. Das klingt märchenhaft, die Kamera setzt den Betrachter in ein Boot. Der Fluss sieht aus als führte er sein Wasser und alles mit ihm in eine Unterwelt.
Koepp könnte sich auf Thomas Mann in der Sommerfrische berufen. Er beruft sich lieber auf den ostpreußischen Dichter Johannes Bobrowski (1917 – 1965), der Sarmatien mit der Seele suchte und dessen spätes Debüt „Sarmatische Zeit“ heißt. Bobrowski war ein Vertriebener, ohne Revanchist zu sein. Aus der Kriegsgefangenschaft kam er (im Jargon seines Staates als Umsiedler) in die Hauptstadt der DDR. Die Mark Brandenburg erschien ihm unerheblich im Vergleich mit dem Memelland seiner Herkunft: „Ein Hof so groß wie ein ganzes märkisches Dorf“.
Bobrowski sah „Ebenen im riesigen Schlaf“, wenn er an seine erste Heimat dachte. Er bestimmte Sarmatien in einem geografisch überschießenden Bogen: (das ehemalige) Ost- und Westpreußen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Russland und Schweden. Diesen Raum bevölkerten (historisch) neben anderen Prußen, Polen, Russen, Deutsche, Kuren und Litauer. Koepp folgt den polyphonen Spuren, die Gegenwart zieht sich vor den Mythen zurück. „Das ist hier schon typisch Galizien“, verkündet eine Schönheit unter einem wild bewölkten Himmel.
Kornkammerspiele.
Die Puszta-Galgen über Brunnen.
Ähren und Locken in einer Landschaft der Habsburger. Lauter Schönheiten sind des Reisenden Pfadfinderinnen.
Koepp erreicht Czernowitz an der Pruth. War einmal auch rumänisch und dann eine Stadt der UdSSR. Jetzt liegt sie in der Ukraine. Paul Celan wurde in Czernowitz geboren. Die jüdische Diaspora in der Bukowina bekommt die Stimme von Frau Zuckermann: „Dass ich einem Deutschen die Hand reichen könnte, niemals.“
Koepp erkennt in Sarmatien den Schauplatz des größten Grauens im 20. Jahrhundert. Er führt Stalins mörderische Neuordnung der Landwirtschaft in der Ukraine anfangs der 1930er Jahre an – und die Vernichtung der Juden in Weißrussland im Zuge der deutschen Endlösung. Mehr als ein Viertel der weißrussischen Bevölkerung fiel der Wehrmacht und der SS zum Opfer.

20.3.2014

Garantierte Vielfalt

»Die Moskauer Prozesse« – Ein Dokumentarfilm von Milo Rau

„Die Moskauer Prozesse“ bezeichnen echte Gerichtsshows aus dem 20. Jahrhundert mit führender Bolschewiki in leidtragenden Rollen. Es hat was von Spaß, wenn Milo Rau das gefräßige Wort seinem Filmtheater verpasst, als sollte an den „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ heiter erinnert werden: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich zweimal ereignen. Er vergaß hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“
„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken“, sagt Marx. Milo Raus ergebnisoffene Inszenierung (im Moskauer Sacharow-Kulturzentrum) trifft Verhandlungen, die wegen der Ausstellungen „Vorsicht! Religion“ (2003) und „Verbotene Kunst“ (2006) so wie wegen des „Pussy Riot“-Kirchenprotests (2012) geführt wurden. Angeklagte, Anwälte, Zeugen und Experten aus den amtlichen Prozessen spielen mit. In ihren historischen Rollen wenden sie sich an eine Jury aus der Mitte des Volkes. Kein Drehbuch schreibt den Juroren Ansichten vor. Ein Imker aus … sitzt neben einem Industrietaucher aus Kasachstan. Garantiert ist ethnische und religiöse Vielfalt. Der konservative TV-Journalist Maxim Schewtschenko gibt lustvoll den Staatsanwalt. Die Anklagebank belebt auch Pussy Riot-Aktivistin Katja Samuzewitsch.
Im Verlauf der Nachspiele kommt eine Kennerin zu Wort, die völlig sediert (als sei Geschichtsfatalismus ein Narkotikum) referiert, dass die in Streit stehende Kunst aus dem Nonsens-Repertoire der Achtziger und Neunziger geformt gewesen sei und überhaupt nicht ernst genommen werden wollte.
Die andere Seite, angeführt von Repräsentanten der Orthodoxie, will von Fun (ist ein Stahlbad) und doppelbödiger Verspieltheit nichts wissen. Da tritt jedes Mal ein anderer Rasputin gegen einen Freiheits- und Rechtsstaatsbegriff an, der von „der Pest des Neoliberalismus“ herrühre. Dieser „Neoliberalismus“ unterminiere „das Menschsein“. Er schaffe Zombies wie „die Mädchen von Pussy Riot“.
Kürzer gesagt, der Westen bleibt Versucher des heiligen Russland und das „neoliberale Freiheitsverständnis“ ist ein eingeschleppter Virus. Einfalt segnet den Hooligan-Patriotismus eines Wladimir Sergejew von der „Kampfsportvereinigung orthodoxer Bürger“. Dieser Stürmer der Ausstellung „Vorsicht! Religion“ weiß das Recht auf seiner Seite. Priester Wsewolod Tschaplin klärt für ihn: „Die sogenannte moderne Kunst ist ein Parasit.“
Nichts Eigenes gelänge ihr.
Schwach und gebremst erscheinen die Vertreter der Künstler und ihrer Kuratoren. Die Parteigänger der Freiheit wirken wie Dissidenten, fast schon wie Delinquenten.
Sie argumentieren mit eingezogenen Köpfen. Anna Stavickaja war Verteidigerin in den ersten beiden Prozessen. Ihre Vernunft entfaltet vor Ort geringe Kraft. Auch der Philosoph Michail Ryklin spricht aus dem inneren Verhau der Isolation. Seine Frau Anna Altschuk, eine Angeklagte im Prozess gegen „Vorsicht! Religion“, nahm sich das Leben.

Rau hat inzwischen Einreiseverbot in Russland. Sein Film konserviert eine Bereitschaft zum kurzen Prozess. Plötzlich stehen Kosaken als Garanten der öffentlichen Ordnung im Saal. Mit Händen zu greifen ist ihre Enttäuschung, dass gerade kein Blut vergossen werden darf.

18.3.2014

An einem Abend im Roten Salon der Berliner Volksbühne

Thomas Meinecke erinnert sich an Clubnächte

Meinecke sei der Richtige für einen Kurzschluss von Baudelaire und Warhol. Das behauptet Marcus Steinweg, er organisiert eine philosophische Reihe im Roten Salon. Steinweg zitiert aus Warhols „From A To B And Back Again“. Er begrüßt das amerikanische Bekenntnis: „Ich bin für Schönheitsoperationen.“ Baudelaires „Lob der Schminke“ habe Warhols Authentizität-ist-eine-Konstruktion-Credo den Weg gewiesen.
Meinecke spielt seit Jahren seine Rolle als Transgender-Swinger mit erlesenen Pop-Referenzen auf der Strecke von Nerd, gay und queer. Gern beugt er englische Wörter germanisch. Er liest aus Kolumnen, die versammelt im Verbrecher Verlag erschienen sind. Für Barry White’s „Let The Music Play“ unterbricht Meinecke das Programm. Eine Poprentnerin hält sich die Ohren zu: Auf Youtube
Der Autor hebt die synthetische Qualität und „sozialen Errungenschaften von Disco“ hervor. Diese Musik habe ihren Ursprung „in sexuellen Dissidenzen“. Meinecke verdankt Offenbarungen „ästhetischen Konzepten sexuell Andersdenkender“. Er ist weit entfernt von der gewollten Apathie eines Robbe-Grillet. Der Diskurs-MC und Vinyl-Verfechter nennt Mae West eine antike Subkultur-Ikone. Meinecke spielt „Over The Rainbow“, Judy Garland singt: Auf Youtube
Meinecke erinnert daran, dass sich Christian Wulff mit diesem Lied aus dem Bundespräsidentenamt verabschiedete.

Am Fuße der Allegheny Mountains probte Meinecke gemeinsam mit Rotnacken „Auferstanden aus Ruinen“, danach gingen die Eingesessenen schießen. Mit den Büchern von Hubert Fichte im Gepäck landete er in Brasilien. Der Weltreisende erzählt von ausgeschlafenen Besuchen im Berghain nach dem Frühstück: „In der Panorama-Bar waren alle außer mir noch von gestern.” Er berichtet von „ästhetischen Spießrutenläufen“ in einem „gentrifizierten“ Londoner Stadtteil. Er spielt „You Make Me Feel“ Auf Youtube … und erinnert sich an Frankfurter Funkenmariechen in Sven Väths „Cocoon Club“ (2004 – 2012), „die alle aussahen wie Sabrina Setlur“.
„Die Hanauer Landstraße legt sich nachts schlafen wie keine andere Straße in Deutschland“, beobachtete Meinecke in der Aura des CC. „Organisch“ sei die Innenarchitektur gewesen. „Die DJ-Kanzel schwebte über allem, das (…) ist nicht mehr demokratisch (…).“ Meinecke spricht neben dem U60311 auch das „Robert Johnson“ hart an der Grenze, aber doch jenseits von Frankfurt am Main, an. Ich entdecke Silke Hohmann im Publikum, das schönste Frankfurt an der Spree, während Meinecke „Criss Cross“ in das Delta seiner Kindheit verlegt: Auf Youtube

Thomas Meinecke, „Analog“, mit Zeichnungen von Michaela Melián, Verbrecher Verlag, 112 Seiten
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16.3.2014

Protest und Körper

»Das wahre Gesicht – Dance Is Not Enough« von Christoph Winkler im Berliner Ballhaus Ost

Die Bühne beschreibt einen Bogen. Der Bogen assoziiert Arenen von der Antike bis zur Allianz-Arena. Deformiert vom Tagesgespräch sehe ich über dem Prospekt Uli Hoeneß im schwebenden Spiel mit bayerischen Löwen. Ich imaginiere noch ein paar frühe Christen als Karnivoren-Frühstück, während Luke Garwood um eine Ecke schnürt. Er moderiert eine Youtube-Einspielung. Der Film zeigt ägyptische Jeunesse dorée dancing in the street. Genau genommen zeigt er die Ballett-Compagnie der hauptstädtischen Staatsoper beim Sirtaki. Die Performance erregte amtlichen Anstoß. Allmählich kommen Luke Garwoods Kollegen zur Bevölkerung der Bühne. Sie wiederholen und erläutern die inkriminierte Inszenierung im öffentlichen Raum. Sie fand statt als politische Maßnahme, ich glaube, am 11. 06. 2013 auf der Nilinsel Zamalek. Die Tänzer protestierten gegen Verordnungen von Kultusminister Alaa Abdel-Aziz El-Sayed Abdel-Fattah. Alaa Abdel-Aziz El-Sayed Abdel-Fattah hatte gleich nach seiner Benennung Opernhauschefin Ines Abdel-Dayem abgesetzt. Salafisten forderten, das Ballett abzuschaffen, als „nackte, unsittliche Kunst“.
Luke wundert sich über den Pornografie-Vorwurf. Immerhin habe der Angriff aus dem Kultusministerium auf die Kunst dem bourgeoisen Ballett zu einem volkstümlichen Anstrich verholfen.

Protest mit artifiziellem Körpereinsatz, darum geht es im Stück. In Südafrika, so berichtet Ahmed Soura, leisten Frauen der Staatsmacht Widerstand, indem sie die Beamten mit nackter Vehemenz konfrontieren. Im kulturellen Kontext dieser Weltgegend bliebe den Konfrontierten, das meldet Soura, nichts anderes übrig als schockiert zu sein.
Es folgt als Einrede, die Widerständigen würden sich mit solchen Auftritten entmündigen. Ahmed Soura, ein Prinz aus Burkina Faso, den jede Königstochter zur Kobra küssen könnte, hält dagegen. Er studiert mit seinen Kollegen die afrikanische Choreografie ein, so dass das Auditorium ein Gefühl für die Sache kriegt.

Der Abend wächst sich zum Überwältigungstheater aus. Ahmed Soura Chris Daftsios, Luke Garwood und Luis Rodriguez steigern sich wie in einem Rebellenästhetik-Wettbewerb, Christoph Winklers Ensemble illustriert den antikapitalistischen Vergnügungsdampfer „Flashmob“ mit Überschriften. Besonders passend: „Wenn ich nicht dazu tanzen kann, dann ist das nicht meine Revolution.“
Endlich fällt der Hammer mit einer geschichtsfatalistischen Feststellung: „Demokratie ist eine Illusion. Kapitalismus ist Realität.“ Das wird dann auch noch mit zuckenden Extremitäten buchstabiert.

13.3.2014

Muskulös in die zweite Lebenshälfte

Der Film „Les salauds – Dreckskerle“ – Dämonen der Bourgeoisie

Marco Silvestri fährt als Kapitän zur See. Der Sohn eines Schuhfabrikanten sieht aus wie ein Leuchtturm der Handelsmarine. Er geht überstürzt von Bord, seine Schwester Sandra steckt in Schwierigkeiten. Sie hat das Erbe angetreten, nun muss sie Konkurs anmelden. Eine Dynastie macht Pleite.

Wie einfach und gut der Anfang ist, versteht man am Ende. Regisseurin Claire Denis erzählt nicht-linear, sie schaltet Cut-ups und legt impressionistisch Spuren. Das Immergrün von den splitternden Spiegeln bietet sich an zur unbeholfenen Beschreibung.

Ich sehe „Les Salauds – Dreckskerle“ in einem kleinen Kino. Übriggeblieben aus der Kollektivzeit. Die Werbung richtet sich gegen Banken, empfohlen wird Attac. Das jugendliche Publikum fabuliert in zig Sprachen. Wenn der Film nicht wie ein Kaleidoskop Effekte liefert, sich seine Sprache verlangsamt, dann sieht man auf der Tribüne das Leuchten der Bildschirme. Der Griff nach dem Taschentelefon und die Messung des smarten Datenstroms erfolgen vermutlich unwillkürlich als Reaktion auf zu geringes Tempo im Zentralgeschehen. Ich glaube, die Verminderung erzeugt Schwindel.

Eine Generation bereitet sich auf den Weltraum vor. Die Enkel dieser Generation werden die Entfernungen und Geschwindigkeiten der Zukunft erleben wie getrabte Ausritte.

Es ist also subversiv von Claire Denis, zuzeiten ihren Film förmlich anzuhalten und die Kamera ausschweifen zu lassen wie den Blick über einen Autobahnparkplatz. Müll neben Tonnen, so arrangiert. Die halbverdeckten Gesten eines Streits im Auto. Die Schönheit der Standspur. Ein vergessenes Blinklicht – die Geschichte baut sich so auf wie Strahlen im Dunst ihre Kraft verlieren.

Blaulicht signalisiert Unfall. Man versteht, der Unfall verlief tödlich, eine Frau irrt nackt durch Straßen. Polizistinnen beruhigen eine Aufgeregte. Schließlich stellt sich heraus, dass ist Silvestris Schwester Sandra (Julie Bataille), sie hat gerade ihren Mann verloren, Tochter Justine (Lola Créton) liegt nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus.

Ein Seemann, geschieden, zwei Töchter, kommt in Paris an, seine neue Wohnung könnte als Hommage an den letzten Tango inszeniert worden sein. Schaustellerische Szenen zeigen, dass Silvestri seine Muskeln in die zweite Lebenshälfte retten konnte. Vincent Lindon lässt sie spielen. Er spielt einen genussfähigen, im Ansatz kultivierten, markenbewussten und in sich ruhenden Supermann für Haus & Garten. Seine Züge fahren in eine Landschaft à la Serge G. Seine Poesie führt in die Keller des Existenzialismus als Rollkragenmode. Silvestri verführt eine Nachbarin, die Nachbarin rechnet ihm vor: „Du trägst Hemden für dreihundert Euro das Stück und doch versetzt du deine Uhr.“

Silvestri kündigt die Lebensversicherung und verkauft seinen Alfa Spider. Die letzte Fahrt zum Händler als melancholisches Vergnügen mit stacheliger Lenkradschaltung. Der Motor röhrt das Lied vom Verzicht. Allerdings ist dieser Klang auch eine Referenz an das französische und italienische Kino der sechziger und siebziger Jahre. Zweifellos gibt es einen Klassiker, in dem Alain Delon in einem Alfa zum Romeo wird.

Silvestri ruiniert sich, um Sandras Schulden einzudämmen. Der Zuschauer ahnt, da ist ein Fass ohne Boden aufgemacht worden. Doch Silvestri scheint zu glauben, mit seinen nautischen Mitteln und Methoden festen Grund unter die Füße der Familie kriegen zu können.

Gern würde er mit den eigenen Töchtern Zeit verbringen, aber das Schicksal seiner Nichte bindet ihn. Es schraubt ihn in einen Abgrund. Justine wurde missbraucht und dabei gefilmt. Silvestris Schwester wusste das, Sandra weiß noch mehr. Es kommt aber nicht mehr von ihr als die Bequemlichkeit: „Du warst nicht da, was sollte ich tun?“

Der neue Nachbar handelt nach Plan, wenn er die junge Mutter aus der vierten Etage verführt. Chiara Mastroianni spielt Raphaëlle als ausgehaltene, von Skrupeln kaum bedrängte Frau. Raphaëlle raucht dekorativ. Sie hat einen Sohn von dem Mann, den Sandra und Marco für den großen Schuldigen halten. Edouard Laporte (Michel Subor) war ein großzügiger Geschäftsfreund des toten Schwagers. Der späte Vater finanziert dem Kind der Konkubine eine Eliteschulzeit. Laporte erklärt das so eitel wie biblisch: „Er ist mein letzter Spross.“

Ich verrate nicht mehr. Aus Vergnügen an der Sache möchte ich noch zwei Drehungen in den Dübel des Bösen schrauben. Silvestri vertraute dem Schwager, er war ihm blutsbrüderlich gewogen. Er wähnte seine schwache Schwester in kompetenten Händen. In jedem Fall war man Offizier der Kriegsmarine gewesen – das wird kurz angesprochen, als Garantie und Versprechen.

Die Hohlheit des Versprechens verwandelt sich in Säure. Sie frisst sich durch alles Gefügte. Einmal sitzen Bruder und Schwester im Büro der aufgelassenen Fabrik. Sandra reicht eine Pistole über den Schreibtisch des Patriarchen. Marco fragt: „Was soll ich damit?“

Die Unfähige, so plötzlich wie sinnlos resolut: „Nimm sie, Papa hat sie besorgt, du wirst sie brauchen.“

Doch nutzt Silvestri die Pistole gar nichts im Sumpf jener Großbourgeoisie, deren heimlicher Dämon Dominique Strauss-Kahn immer noch heißen könnte – Sexuelle Gewalt als Gesellschaftsspiel und Machtbeweis in höchsten Kreisen.

Verlorene Seele in der Retrokapsel

Deniz Utlu hat in seinem Roman „Die Ungehaltenen“ alles richtig gemacht

Elyas ist zu jung für Erinnerungen an jene Mauer, die Jahrzehnte für die Beschaulichkeit einer Kreuzberger Sackgasse sorgte: „Ich hatte von dieser ganzen Ost-West-Geschichte nur David Hasselhoff mitbekommen.“
„Looking for freedom“ – Kulturell ragt Elyas überall heraus, will das aber nicht wahrhaben. Seine hintergründige Existenz soll eine Selbstverständlichkeit sein. Ist sie nicht. Viele Abweichungen verbergen sich im Anschein. Elyas studiert, designt Bars. Die Berliner Mitte erträgt der Kreuzberger nur betrunken. „Wie Kuhscheiße“ klebt ihm seine Gegend an den Haken. Er schreibt einen Beitrag zum Integrationsdiskurs und wird vom Bürgermeister als High Potential einer neuen Generation eingeladen. Jetzt hast du es geschafft, sagt die Mutter.
Elyas kann sich dann doch nur daneben benehmen. Er erklärt ein Klo zu Kunst am Bau. Er sieht Gesichter wie von einem blinden Schnitzer. Er bricht das Studium ab, sein Vater liegt im Sterben. Elyas halluziniert die Väterwelt der Zehnbettzimmer. Sein Gewährsmann für die Vergangenheit ist Onkel Cemal. In dessen Kleiderschrank hängt immer noch die erste Garnitur des Einwanderers. Nun gibt Cemal den Milieubewahrer.

Zu allen Zeiten gehörte die Revolutionsromantik den Jungen als einer Arena der Desillusionierung. In den „Ungehaltenen“ berufen sich alte Männer auf Carlos Marx und Che Guevara. Die Protagonisten der fortgeschrittenen Migration sind Kreuzberger seit vierzig Jahren. Bourgeois finden sie Tennis und Dauerlauf. Sie schreiben Gedichte, verlassen von ihren Frauen. Sie leben in einem Museum, das demnächst abgerissen wird.

Verlorene Seelen in der Retrokapsel – Deniz Utlu erinnert sich an den Text der Eltern: „Du musst dankbar sein und darfst nicht auffallen.“
Man ist zu Besuch in einer Gesellschaft und vielleicht auch schon zu lange da. Utlu bleibt der einzige Türke in seiner Klasse. Mit acht schreibt er seine Lebensgeschichte auf. Hannover liefert der Jugend Schauplätze. Utlu bespielt die Stadt, sieht die Junkies in der Passerelle „aufgereiht“, demonstriert gegen eine Expo. Er organisiert Lesungen und gibt „Freitext“ heraus. Utlu zieht nach Berlin, studiert Volkswirtschaft. Er will wissen: „Warum läuft die Ressourcenverteilung weltweit so schief.“
Das heißt, er interessiert sich für Verteilungskämpfe. Er liest John Stuart Mill, Karl Marx und Adam Smith. Er zitiert Stuart Hall: „Dass die tiefste kulturelle Revolution durch den Einzug der Marginalisierten in die Repräsentation ausgelöst wurde – in der Kunst, der Malerei, der Literatur, überall in den modernen Künsten, in der Politik und im sozialen Leben im allgemeinen. Unser Leben wurde durch den Kampf der Marginalisierten um Repräsentation verändert.“
„Ich könnte auch in der französischen Schweiz leben oder in Ghana“, sagt Utlu. Sein Einzelkind Elyas sucht sich seinen großen Bruder auf der Straße, einen Abitur-Almanc?lar in der Alpha-Version. Der Kurt (türk. Wolf) heißt Hekim. Wie Mike Tyson liebt er Tauben. In seiner Gegenwart kommt Elyas zur Sache: „„Alles Nazis“, sagte ich, „auch die Nichtnazis sind Nazis. Die Clubbesucher, Latte-macchiato-Trinker, Pillenschlucker, Studenten, dein bester Freund. Du selbst.“
Elyas rennt durch Berlin, die meisten Stationen sind kenntlich gemacht. Das Revier erstreckt sich zwischen Möbel Olpe und dem Berghain. Elyas fliegt in die Türkei. Er schätzt sich glücklich in diesem Augenblick auf einem Rastplatz: „Alle Menschen, die im Raum saßen, waren auf der Durchreise.“ Elyas reist gemeinsam mit Hekim – und Aylin, deren Vater im Sterben liegt. Elyas’ Vater ist schon tot. An der Galatabrücke essen die Freunde Alaskafisch. „„Am Bosporus wird Fisch aus Alaska verkauft.“
Hekim schielte zu den Kartons, auf denen „Alaska Fish Ltd.“ stand: „Okay, also: ziemlich frisch?“
Wir lachten los, ich kaufte den Alaskafisch, und wir aßen ihn zusammen mit den Möwen an der Brüstung.“

Deniz Utlu, „Die Ungehaltenen“, GRAF, 240 Seiten
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Siehe auch:

Deniz Utlu in »Das halbe Wort«

9.3.2014

Vom Rokoko gepuderter Musikmops

»Amadeus Superstar« – Nina Kupczyk inszeniert das Drama des begabten Kindes zum Beispiel von Wolferl den-Gott-liebt am Berliner Theater unterm Dach

Historische Aufzüge und Ausflüge in die Gegenwart bestimmen das Geschehen auf der Bühne im Wechsel. Das Wunderkind geht in Serie als Kinderstar im Rokoko. Wolfgangs Justaucorps sitzt. Die Kniehosen sind der letzte Schrei. Die Waden liegen blank. Der Hochbegabte ist Spielzeug des Establishments. „Kann er auch blind spielen und mit einem Finger orchestral klingen?“ fragt der Monarch matt von der Fadesse seines Überflusses.
Wolferl Amadeus kann das und darf deshalb auf den Schoss der Kaiserin. Er wird herumgereicht und mit ihm seine Schwester Maria Anna Walburga Ignatia, kurz Nannerl. Ebba Ekholm spielt sie von leidend bis bandagiert. Antje Temler, Sol Ly und Tom Pidde spielen den Bruder. Man tritt ihm ständig in den Arsch.
Die Geschwister touren, europaweit gebucht vom Adel und geplagt von Artigkeit.
Wolferl reist in solistischen Angelegenheiten mit dem Vater, er versorgt Nannerl polyglott mit Nachrichten. Man bewundert seinen unverfrorenen Stil, seit die Bäsle-Briefe im Original überliefert werden. Dies zur Probe des Tonfalls: „Dir schicke ich hundert Busserln oder Schmatzerln auf Dein wunderbares Pferdegesicht.“
Er reist als getrimmter Virtuose, angehalten zur Höchstleistung in Permanenz vom Leopold. Wie der Vater den Sohn springen lässt, das sieht man auf der Bühne ganz vorzüglich als Mechanik mit Kleist’schen Scharnieren. Wolfgang Noack erinnert mich als Gevatter Mozart aber auch an den alten Graf, das Preisgeld in Plastiktüten vom Platz tragend.
Der junge Mozart ist der „Musikmops“ einer Epoche. Man muss ihn nur auf den Kopf stellen, dann fallen die Noten gefällig(st) ihm aus den Ohren. Auf den Kopf gestellt wird er zumal von einem Terroristen des gesunden Volksempfindens. Christian Senger hilft Ähnlichkeit mit Charles Manson, um übel zu wirken. Er ist Stabschef des sadistischen Mittelmaßes und so geht das immer weiter Richtung Ernüchterung. Am Ende haben alle Burnout und jeder weiß, was nach dem Hochmut der Hybris auf den Fuß fällt.

5.3.2014

Sarrazinischer Gedankenmüll

Eine Minderheit sorgt dafür, dass Thilo Sarrazin im Berliner Ensemble nicht zu Wort kommt. Er erscheint, schweigt und verschwindet.

Sarrazin in Erwartung eines großen Auftritts
Sarrazin in Erwartung eines großen Auftritts

Sarrazin kommt ins Foyer des Berliner Ensembles. Ich rechne mit freundlichem Applaus, stattdessen wird der Rassismusvorwurf laut. Eine Minderheit verschafft sich vehement Gehör. Sie reklamiert Brecht für sich. BE-Chefdramaturgin Jutta Ferber interveniert. Sie wirkt hilflos in ihrer halbherzigen Beschwörung demokratischer Umgangsformen. Vermutlich stehen die Demonstranten ihr näher als der Gast. Ferber überlässt einer Aktivistin das Mikrofon, die Aktivistin äußert Einwände gegen Sarrazins Deutschland-schafft-sich-ab-Thesen und was dem in „Der neue Tugendterror – Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ hinzugefügt wurde. In einem Twitter-Kommentar lege ich ihr „sarrazinischen Gedankenmüll“ in den Mund, das wird vom Co-Veranstalter „Cicero“ sofort und vom „Neuen Deutschland“ später übernommen und verbreitet. Noch nicht einmal beim Abschreiben hat man mehr Zeit.

Sarrazin auf dem Hof des Berliner Ensembles
Sarrazin auf dem Hof des Berliner Ensembles

Tatsächlich sagt die Aktivistin: „Wir sind die Kopftuchmädchen, der Tugendterror, die Gebärmaschinen und die Gemüsehändler“ (mit der angeborenen Dummheit).
Es kommt zu Streitgesprächen und Handgemenge, weitere Aktivisten sickern ein. Sie bleiben eine aktive Minderheit. Ich glaube, sie nehmen die Feuertreppe zur Umgehung der Polizei. Sarrazin weiß, dass ihm gerade eine Steilvorlage geliefert wird. Nur zum Zug kommt er nicht. Zwar droht Ferber mit „starken Männern“, das sagt sie so, „wir haben viele starke Männer im Haus“, aber es bleibt dabei. Aktivistinnen übernehmen das Podium und organisieren die Verdrängung der Herrschaften und ihrer Leibwächter. Mit Sarrazin rücken die „Cicero“-Journalisten Alexander Marguier und Frank A. Meyer ab.

Inferno des guten Willens

Sven Regener liest im Berliner Ensemble aus »Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt«

Wie gesagt, Herr Lehmann ist jener Kreuzberger Kiezkauz und Marottenkönig aus Bremen, den Sven Regener in seinem literarischen Debüt berühmt machte. Da hatte das letzte Jahrtausend gerade die Luken geschlossen, der Autor erklärte lapidar, Lehmann sei ihm „so zugelaufen“.

In seiner soziophobischen Versteinerung wirkt Lehmann wie ein Exponat im Lapidarium. Sein bester Freund Karl erscheint nicht so reduziert. Am Anfang des Regener’schen Erzähluniversums, gleich nach dem Urknall, bereitet der Skulpturenschweißer eine Ausstellung vor. Schmidt bricht dann „mit verschmorten Synapsen“ zusammen. An einem historischen neunten November gibt ihn Herr Lehmann im Urban-Krankenhaus ab. Davon geht Regener in seinem vierten Roman aus. „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ – Im ausverkauften Berliner Ensemble liest der Hanseat mit Seemannsgang im Tonfall. Der Vortrag tropft vor Identifikation. Bei Regener haben Hänger die ideale Passform. Von älteren Semestern wird Karl immer noch Charly genannt.

Hic Rhodus, hic salta. Karls Rhodus heißt Hamburg-Altona. Da lebt er nun im Trödel des geschütztes Wohnens und der betreuten Werkstätten. In einem Inferno des guten Willens. Karl darf nur noch Kaffee und Zigaretten und Eisbecher nach Absprache. Die Wohlfahrt hat ihn im Griff mit ihren Weisheiten für den sedierten Schlumpf auf Haloperidol.

Regener resigniert in theatralischer Stellvertretung, die Arme umjubeln den Kopf im Berliner Ensemble. Er stellt Karl dem Publikum aufgeschwemmt, „grau und impotent“ vor. „Charity-Haubitzen“ degradieren Karl in „therapeutischen Bastelstunden“. Ertragen muss er Typen wie Henning, einen „vom Baum des Alkoholismus geschüttelten Apfel“.

In dieser trüben Verfassung wird er zur Entdeckung von Raimund Schulte: „Ich sah ihn lange bevor er mich sah. Ich hatte gerade Paranoia und die Tür fest im Blick, weil Werner nicht wollte, dass wir ins Eiscafé gingen, und ich hatte die Pillen abgesetzt und Angst davor, dass Werner beim nächsten Plenum aus einem Eisbecher ,Monteverdi‘ ein großes Ding machen würde, da hätte ich kaum für mich garantieren können ohne Pillen.“

Werner führt Aufsicht in der „gemischtgeschlechtlichen Drogen-WG“, Raimund stellt sich als ein anderes Fossil aus Berliner Tagen heraus. Raimund kennt „keinen Subtext, keine Metaphern, keine Rücksicht“.

So bündig schreibt Regener. Er hört sich auch so an.

Raimund hatte mehr Glück als Karl. Er reüssierte in der 1994 an allen Ecken und Enden der Republik triumphierenden, auch von solchen Vergnügungsfrontveteranen wie Raimund gekaperten Spielart Techno. Dem Kumpel aus Glitterschnitter-Tagen, die Band mutierte zu einem BummBumm-Label, stellt Raimund Zukunft in Aussicht. Die Begegnung im Eiscafé La Romantica kriegt eine utopische Dimension in Karls Hoffnung auf Entmündelung. Bald biegt Karl vor Uelzen nach Berlin ab, im Gepäck einen Stadtplan „noch mit Mauer“. Er hält am umbenannten Marx-Engels-Platz: „Ich wollte in das Berlin, das ich nicht kannte.“ Es sieht aber auch nur aus „wie Bielefeld mit anderen Mitteln kurz nach dem Krieg“.

Willkommen in Mitte. Es riecht nach „Müll, Kotze, Schimmel, die Mischung, die anzeigt, dass es draußen schon wieder hell ist“.

Raimund und noch so ein übriggebliebener Ferdi haben sich als Medizinmänner im Rave-Fieber spät noch einmal neu erfunden. Ihre Abteilungen für „Gummistiefel-Techno“ und “Techno mit Anspruch” expandieren. Sie planen eine „Magical Mystery Tour“, in Anspielung auf „das Hippieding“ ihrer zerschellten Sehnsüchte – die Nostalgie der DJs. Karl soll den Tourbus fahren, da er doch sowieso nüchtern bleiben muss. Er steuert zuerst Bremen an, via McDonald’s. Schon ist er im Besitz eines Taschentelefons. Der seltene Apparat gibt ihm Gelegenheit, an Apparate zu erinnern, die man in Kühlschränke packen musste, da sie nicht aufhörten, zu klingeln. Karl Schmidt teilt mit Frank Lehmann einen Hang zum Nebensachen-Fetischismus.

Sven Regener, „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“, Roman, Galiani Verlag, 512 Seiten
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27.2.2014

Der Zeit überlegen

Es gibt einen Kinofilm über Cees Nooteboom

Cees Nooteboom beschäftigt das Verhältnis von Sprache und Zeit. Er kontert die Drohungen der Zeit mit einer Idee. Für ihn ist die Welt das Forum einer Gleichzeitigkeit von allem, was denkbar ist. Nooteboom verlässt so eine Provinz der Übereinkünfte. Man kann das „elegant“ finden, so wie Marie Depussé, eine Freundin des Autors, die in einem Film zu Wort kommt, den Heinz Peter Schwerfel über den Schriftsteller vor zehn Jahren drehte.

Ich bin Nooteboom begegnet, er kam in Cowboystiefeln zu Empfängen. Verkrümelte sich das Amuse Gueule auf Lang- oder Hochflor, kickte er es generös in eine Ecke, ohne das Gespräch mit Giorgio Agamben oder Hilmar Hoffmann in der Muttersprache des anderen zu unterbrechen. So fix zwischen Raubein und Weltmann. 2004 war ich bei der Premiere von „Hotel Nooteboom“. Schwerfel nannte es „halsbrecherisch“, einen Film über Literatur zu machen. Der Dokumentarist fand Bilder, für die man sich das Volumen einer Hollywoodproduktion wünscht. Warum nicht einmal die Kraft der Verführungsindustrie auf ein Genie richten? In der Arbeit eines guten Schriftstellers lagert so viel Hoffnung. Im Film tauchen immer wieder Wolken auf, weil der ständig reisende Nooteboom im Flugzeug sitzt. Im Weiteren sieht man ihn in Wirtshäusern und Cafés in Amsterdam, Budapest und auf Menorca, lesend und schreibend. Er schreibt mit Füller. Man kann sich kaum vorstellen, dass sich seine Bücher aus solchen Kleinigkeiten wie Notizen zusammensetzen. Auch die Buchstaben, die Nooteboom aufs Papier bringt, sind klein. Sein Radius schließt aber alle Kontinente ein. Er äußert sich in vier Sprachen, die auf den Betrachter wie eine polyphone Notwendigkeit und zugleich wie eine mit Beiläufigkeit verschwiegene Welteroberung wirken. In den zentralen Ansichten von „Hotel Nooteboom“ geht es nicht um Repräsentanz, Biografie und Werkschau. Stattdessen kriegt man eine Ahnung von der Arbeitsweise des Schriftstellers. Wahrnehmung und Libido paaren sich. Nooteboom besitzt die Welt mit den Augen. Das bestätigen Aussagen der Freunde, die sich der Zentralfigur auch mit Passagen aus seinem Werk nähern. So fällt ein populärer Nooteboom-Satz, er steht am Anfang von „Rituale“: „Die Erinnerung ist ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“.
László Földényi, Nootebooms Übersetzer ins Ungarische, der neben Rüdiger Safranski und Connie Palmen befragt wurde, verriet ein Geheimnis, indem er seinen Freund einen „richtigen Spürhund“ nannte. So einem spielt die Erinnerung keinen Streich. Sie gehört ihm als Beute. Vielleicht ließ sich Nooteboom deshalb auf dem Pere Lachaise vor Prousts Grab aufnehmen.

Hotel Nooteboom – Eine Bilderreise ins Land der Worte

27.2.2014

Galakultur

Ein Protokoll/ Geronima – Künstlerin in Braunschweig

In Rio werden nachts Kinder totgeschlagen, was manche Leute sich vormachen, das macht ihnen keiner nach. Er sagt: „Das ist doch Galakultur“, aber mir ist schon alles egal. Fränk kann nichts mehr verkehrt machen, nicht an diesem Abend und nicht in Braunschweig. Wieder erklärt er, wie kompliziert und interessant die Verhältnisse in der Stadt „seiner zweiten Geburt“ liegen. Ich stelle mir die Metropole „an der Ostküste“, in der Fränk „zum Künstler“ wurde, wie einen kolossalen Container vor, keine Ahnung warum Container. Und warum Künstler? Fränk hätte sonst was werden können nach seiner „Initiation an der Ostküste“. Furchtbar finde ich, dass er von Amerika so viel hält und Aufhebens macht. Ich meine, als Amerikaner.

Seit wann sind Amerikaner so? Die Geschmackspolizei kommt mit Sekt, ich denke an die Papierschiffchen und an die bunten Pflaster, die meine Tochter und ihre Freundinnen jetzt so gerne haben.

Sie pflastern sich zum Spaß und rülpsten auf Zuruf.

Ich sehe Sandro, diesen professionellen Brunnenvergifter. Sandro hat etwas an sich, das Frauen kurz hoffen lässt. Er verdirbt alles, sein „Karma“ schreibt ihm das vor. Seinen Eltern gehört in Stuttgart ein Hügel voller Häuser, auf diesem Stuttgarter Hügel ist Sandro unerträglich geworden.

Der Provinzprofessor gratuliert mir widerwillig zu einer lobenden Erwähnung, er hat schon alles gesehen, als Salzsäule in der Jack Wolfskin Jacke. Wissensmüll kommt Fränk zum Hals heraus, ich will einen Satz sagen, in dem das Wort Lotterie vorkommt.

Schauspieler rennen mit Flaschen herum. Alle sind in Eile wegen der Züge, die sie noch kriegen müssen. Das geht gar nicht, übers Wochenende in Braunschweig zu bleiben.

26.2.2014

Shemtkhveviti paemnebi

Im Berlinale-Forum wurde ein Film des Georgiers Levan Koguashvili gezeigt – Shemtkhveviti paemnebi/ Blind Dates

Georgisch klingt in meinen Ohren wie Türkisch und Persisch im Mixer. Die Straßen- und Landschaftsszenen im Film haben einen orientalischen Anstrich. Ich erwarte islamische Zeichen, so einfach ist das, wenn man nichts weiß. So automatisch laufen die Erwartungen der Ahnungslosigkeit hinterher.
Georgien hat eine orthodoxe Prägung. Als Staat der UDSSR war Georgien lange der amtlichen Säkularisierung ausgesetzt.
Koguashvilis Film schweißt Tbilisi (Tiflis) und das Schwarze Meer aus Bildern, die alle Zeit der Welt zu haben scheinen. Einmal ist es am Strand so regnerisch, dass sich eine offenbar von Freiluftgier gelenkte Gesellschaft unter einer Plane mit Wodka einrichtet. Obwohl ein Restaurant gleich daneben seine Einladungen mit offener Pforte ausspricht. Das sieht nach schönem Leben aus. Lehrer Sandro wohnt mit vierzig noch bei den Eltern, sein bester Freund scheint da auch zu wohnen. Iva (Archil Kikodze) trainiert eine Frauenfußballmannschaft.
Stille Genießer und ruhige Vertreter treffen Frauen am Bahnhof. Sie gehen mit Fremden ins Hotel, um sich bekannt zu machen. Gesprächig werden sie trotzdem nicht.
Iva hat ein Blind Date mit einer Blinden. Er will ihr die Aussicht auf einem unerreichbaren Balkon nahebringen. Sie verführt ihn und winkt dann entrückt aus dem Bahnbusfenster. „Invisible Man“ lacht aus dem Portfolio der Filmgeschichte.
„Blind Dates“ ist ein Lichtstreifen. Koguashvilis Humor hat einen langen Arm. Andro Sakvarelidse spielt den Zauderer Sandro, er kriegt kaum die Zähne auseinander. Einerseits scheint er alles zu haben und zu scheuen. Andererseits hadert er mit sich. Das Unglück der Eltern lastet, sie wollen Enkel. Das Leben soll weitergehen.
Dann verliebt sich Sandro in die Mutter einer Schülerin. Friseurin Manana (Ia Sukhitashvili) hat einen Schönheitssalon in Tbilisi und einen Tengo im Gefängnis. Tengos Entlassung bricht Sandro vom Sockel der Lethargie. Er hört auf, ein Denkmal seiner Genügsamkeit zu sein. Tengos Wildheit zwingt Sandro auf einen Parcours der aktiven Lebensform. Er gerät an die von Tengo geschwängerte und zur Abtreibung eingeladene Natia (Sopho Gvritishvili). Deren Familie, Bürgerkriegsflüchtlinge aus einer Republik vor der georgischen Haustür, hält Sandro für den Vater. Temperamentvoll rät man ihm zur Ehe. Natia würde wohl jeden heiraten, doch am liebsten Iva. Mit ihm verbindet sie eine Leidenschaft für italienischen Fußball. Das passt, Sandro ist immer noch in Manana verliebt und Tengo sitzt schon wieder im Knast.

23.2.2014

Chorgesang und Fliegenfischen

Lars von Trier/ Nymphomaniac 1

Ein Mann, den bestimmt nicht erst das Alter bedächtig gemacht hat, findet eine Frau am Boden. Er offeriert der Gefallenen seine Gebrechlichkeit als Stütze und seine Wohnung als Asyl. So fängt „Nymphomaniac 1“ an, dieser Lars geht los mit Rammstein – „Führe mich“. Nicht in Versuchung, sondern erlöse mich mit deiner Geschichte. Ich denke, Seligman tickt so. So heißt der Alte, die verletzte Joe nimmt ihm seine zufriedene Einsamkeit. Stellan Skarsgård spielt Seligman voller Anglerbuddhismus, „entweder beißen alle oder keiner“, und Charlotte Gainsbourg spielt eine bösartige höhere Tochter mit plötzlichem Moral-Koller und katholischen Anwandlungen. Søren Kierkegaard kommt auch zu Wort, Seligman verschweigt die Quelle: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“
Joe findet Seligmans Namen seltsam, das gibt ihm Gelegenheit zu erklären, was klar ist. Darüber geht Seligman hinaus, wenn er sich außerdem einen „jüdischen Antizionisten“ nennt. Die Demagogie verkleidet sich als karnevaleske Kino-Dämonie, die vorgibt in der Anderswelt eines Edgar Allan Poe zu ankern. Wer das glaubt, wird selig.
Stacy Martin spielt Joe in ihren Erinnerungen. Joe betont in ihrer Ich-Erzählung eine starke Vaterbindung, der Vater, ein Arzt, bemüht sich zumal um botanische Bildung mit Herbarium und Eschenkult. In der nordischen Mythologie steht die Esche für den Kosmos. Von Trier übersetzt antikes Vokabular in smarte Gegenwart. Die Götter wohnen zur Miete. Sie haben sich in der Mittelschicht eingenistet.

Joe vergleicht sich mit einem Sack Kartoffeln. Sie bittet Jérôme (Shia LaBeouf) um ihre Defloration, „dann drehte er mich um wie einen Sack Kartoffeln“. Bald beginnt für Joe die Zeit des seriellen Sexes, sie versteht das als Aufstand gegen die Liebe. Die Liebe erscheint Joe unnatürlich: „Auf hundert Verbrechen, die im Namen der Liebe begangen werden, kommt nur ein Verbrechen im Namen der Lust.“
Sie engagiert sich in einer Sex-Sekte, sie reißt im Akkord auf. Sie wettet und würfelt auf/um Männer. Den Zufall bestimmt sie zu ihrer Regierung.

Joe begreift wohl, was sie anrichtet. Sie gibt einem verheirateten Liebhaber den Laufpass mit der Formulierung (aus dem Textbuch für Verheiratete), die ihr immer dann gefällt, wenn der Würfel so gefallen ist, dass vier Augen aufschauen. Dann sagt Joe: „Da ich weiß, dass du deine Frau nie verlassen wirst, … .“
Eine halbe Stunde später beweist der Entflammte seine Liebe, indem er mit Sack & Pack vor der Tür seiner Geliebten steht. Uma Thurman spielt die auf dem Fuß folgende Ehefrau. In Joes Wohnung kehrt sie eine Furie heraus. Joe bleibt entrückt, der fremden Not schlafwandlerisch entfremdet.
Sie begegnet Jérôme wieder. Er ist vorübergehend Chef (als Vertreter seines Onkels) und Joe spielt seine Sekretärin. Nun weiß sie, was Liebe ist.

Schuld und Erlösung – So wie Joe auf ihre Schuld besteht, wird sie von Seligman wie am Fließband exkulpiert. Er scheint nicht ganz von dieser Welt, Seligman erklärt sie mit Anglerlatein, dem Diabolus in musica und Cantus firmus.
Von Trier schildert eine Mechanik. Er bildet Seligmans phantasmagorische Bezüge zwischen Tritonus, Chorgesang und Fliegenfischen konkret wie für den Volkshochschulunterricht ab. Mich beeindruckt diese in Plastik geschlagene Liturgie für den Hausgebrauch und alle Fälle, vom Gebet bis zur Gestik. Klar wird, Joe könnte Seligman einen Mord gestehen, er würde ihr besinnungslos und doch mit einem tröstenden Zitat Absolution erteilen. Seligmans Bedeutungsgewinn im Verhältnis zu Joe ist eine Geschichte in der Geschichte. Kein Zweifel an ihrem tragischen Ende. Aber erst im zweiten Teil.

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erstellt am 27.2.2014