Subjekt und Sprache, das sind zwei der großen Themen der poststrukturalistischen Theorien von Roland Barthes, Jacques Lacan und Jacques Derrida. Ihre These von der Nichtexistenz des Subjekts, vom Tod des Autors verneint Michael Behrendt. Der Autor und das Ich seien vielmehr »alive and kicking« und heute vielleicht gefragter als je zuvor.

what have they done to my song? folge 9

Alive and kicking

„Autor“ und „Subjekt“ – ein Rettungsversuch II

Von Michael Behrendt

Demenz ist ein großes Thema. Und dafür gibt es triftige Gründe: Die gesellschaftliche Entwicklung und der medizinische Fortschritt sorgen dafür, dass immer mehr Menschen immer älter werden. Doch mit zunehmendem Alter häufen sich Krankheiten, die in dieser Art und in diesem Ausmaß bisher nicht allzu relevant waren. Da sagen sich immer mehr immer älter werdende Menschen und immer mehr Mittvierziger, die zum ersten Mal eine Gedächtnislücke hatten: Holzhirn, sei wachsam! Gleichzeitig hat Demenz etwas zutiefst Verstörendes: Ein Hüftgelenk kann man ersetzen, ein Organ operieren – doch Alzheimer und andere Formen von Demenz markieren einen unaufhaltsamen Angriff auf die geistige Verfassung. Es geht um nichts weniger als die mögliche Auflösung der Persönlichkeit. Das weckt existenzielle Ängste.

Kein Wunder, dass Demenz längst auch Thema von Songs ist. Doch die Beispiele, die man im Internet findet, sind meist simpel gestrickt. Sie nehmen entweder die Perspektive eines erkrankten Menschen oder die Perspektive einer fassungslosen nahestehenden Person ein, das bietet sich an. Aber meist bleiben sie auf das bloße Beschreiben von Symptomen beschränkt: Da geht es um zunehmende Vergesslichkeit, ein immer höheres Maß an Verwirrtheit, der Tenor ist Betroffenheit. Umso spannender ist ein wunderschöner Song, den die Schottin Amy MacDonald 2012 zum Thema beigesteuert hat. Er heißt Left That Body Long Ago und ist in einschlägigen Internetvideoportalen leider nur als Audiodatei mit Lyrics-Anzeige oder Diashow zu finden. Den Pressemitteilungen nach ist Left That Body Long Ago inspiriert von der an Alzheimer erkrankten Großmutter der Sängerin. Auf jeden Fall erweist sich das Song-Ich schnell als demenzkranke Frau, die versucht, zu ihren Angehörigen zu sprechen. „Ich kann mich nicht mehr an meinen Namen erinnern, und ich weiß nicht, wer ihr seid, ich bin nicht mehr die Person, die ihr seht“, heißt es da übersetzt, „Ich weiß nicht, warum ihr eure Mutter, eure Ehefrau verloren habt, aber da ist mehr, als ihr seht, dies ist nicht das Ende, ich habe einfach nur diesen Körper schon lange verlassen. Jetzt bin ich frei, und ich bin glücklich, das wollte ich euch wissen lassen.“

Was ich bemerkenswert finde: Der Song geht über das betroffene und letztlich verständnislose Beschreiben von Demenzsymptomen hinaus. Auch wenn die Vorstellung eines Ichs, das den Körper verlassen hat, etwas esoterisch anmuten mag, ist da doch der Gedanke an eine starke Persönlichkeit: an ein Subjekt, das sich lediglich auf dem Rückzug befindet. Wo genau dieses Subjekt sitzt und wie es beschaffen ist, das kann und will der Song nicht erklären. Aber er beharrt auf der Existenz eines Ichs. Und dieses Ich äußert sich kraftvoll, intensiv, nutzt die Sprache für eine ergreifende Botschaft an die Angehörigen.

Die poststrukturalistische Verunsicherung oder:

Ich is only a three-letter-word

Subjekt und Sprache, das sind auch zwei der großen Themen einer Denkrichtung, die in der letzten Folge von „What have they done to my song?“ bereits anklang, als es um die Idee eines sich selbst schreibenden narrativen Diskurses, um Intertextualität und die Auseinandersetzung um Helene Hegemanns Axolotl Roadkill ging. Gemeint sind poststrukturalistische Theorien, wie sie von Roland Barthes, Jacques Lacan, Jacques Derrida oder Julia Kristeva in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts formuliert wurden und bis heute nachwirken: psychologische und sprachphilosophische Betrachtungen, die zusammengenommen herkömmliche Denkmuster massiv unterlaufen und zumindest ein großes Verunsicherungspotenzial entfalten. Nach Jacques Lacan etwa macht jedes Kleinkind im Alter von rund sechs Monaten eine ebenso ernüchternde wie prägende Erfahrung, nämlich dann, wenn es sich erstmals im Spiegel sieht und erkennt. Zuvor hat es nur Teile von sich wahrgenommen und das Gefühl gehabt, es sei eins mit der Welt – zumindest waren Außen-, Eigen- und Innenwahrnehmung noch nicht koordiniert. Jetzt aber erkennt es sich im Spiegel – und erfährt sein „Ich“ als etwas Fremdes, das außerhalb von ihm liegt. Ebenso wie in die Welt wird das Kind auch in die Sprache hineingeboren. Sprache ist immer schon da, ein Kind hat keine andere Wahl, als sich in dieser Sprache zurechtzufinden und durch sie zu lernen, über sie zu kommunizieren. Mit dieser Sprache hat es aber eine besondere Bewandtnis. Sie ist, wie wir bereits am Beispiel „Stuhl“ ausgeführt haben, ein willkürliches Zeichensystem, das in keiner unmittelbaren inhaltlichen Beziehung zu dem steht, was es bezeichnet. Das lässt Interpretationsspielraum. So kann der Begriff „Stuhl“ beim einen die Vorstellung eines Holzhockers mit Lehne, beim anderen die Vorstellung eines Büro- oder eines Zahnarztstuhls hervorrufen.

Hinzu kommt aber auch die Tatsache, dass viele Wörter semantisch offen und sogar mehrdeutig sind. „Stuhl“ bezeichnet nicht nur eine Sitzgelegenheit – so wie das Wort „Strom“ für „Elektrizität“ und ebenso für einen „Fluss“ stehen kann. Wörter ergeben in der Verständigung meist erst dann einen Sinn, wenn sie zusammen mit anderen Wörtern beziehungsweise anderen sprachlichen Zeichen auftreten. Dennoch entwickeln sie dabei aufgrund ihrer Offenheit und semantischen Flexibilität meist nicht nur einen, für alle Menschen gleichen Sinn, sondern oft genug unterschiedliche Bedeutungen. Man denke an die vielen kleinen und großen Missverständnisse, die wir täglich selbst in der Kommunikation mit uns vertrauten Menschen produzieren. „Abstellen!“, ächzt die Frau mit genervtem Blick, als sie vom Einkaufen nach Hause kommt – und ihr Mann macht schuldbewusst das doch etwas laute Radio aus. Die Frau guckt irritiert, hatte sie sich doch einfach nur gefreut, die schwere Einkaufstasche endlich abstellen zu können… Das heißt, Sprache führt immer auch ein Eigenleben und kann vom Sprechenden oder Schreibenden nie vollends kontrolliert werden. Und weil sprachliche Zeichen autonom, also nicht unmittelbar mit einem Ding oder Sachverhalt verknüpft sind und in einem ständigen offenen Wechselverhältnis zu anderen Zeichen stehen, beziehen sie sich in erster Linie auf sich selbst. Jacques Derrida spricht hier von einer „differance“ zwischen Zeichen und Bezeichnetem, von einer Art „Verschiebung“: Zeichen verschieben den Sinn vom bezeichneten Objekt weg auf sich selbst bzw. auf andere Zeichen hin.

Erinnern wir uns an das Ich, das nach Jacques Lacan vom Kleinkind im Spiegelbild als außerhalb liegende, fremde Instanz erkannt wird. Für diese Instanz hält die Sprache das Wort „ich“ bereit – ein selbstreferenzielles Zeichen, das mit anderen selbstreferenziellen Zeichen ein abgeschlossenes System bildet. Und schwups hat sich das Ich in dieser Sprache aufgelöst. Die Persönlichkeit, die „Subjektivität“ eines Menschen entwickelt sich damit lediglich als so etwas wie eine sprachliche Funktion. Vor diesem theoretischen Hintergrund kann man ansatzweise nachvollziehen, wieso Poststrukturalisten im Autor eine überkommene Kategorie sehen. Denn auch „der Autor“ ist abhängig von vorab existierenden Codes, weshalb es so etwas wie „Subjekt“ und „Identität“ für Poststrukturalisten nicht gibt. Roland Barthes etwa nennt den Autor einen bloßen „Aufschreiber“, der als Kategorie erst in demselben Moment entsteht, in dem er seinen Text schreibt. Der (literarische) Text wiederum bezieht sich immer schon auf vorher dagewesene Texte, er schöpft gewissermaßen aus ihnen und dem selbstreferenziellen System Sprache. Daher der Begriff „Intertextualität“, den Daniel Haas in seiner „Spiegel Online“-Tirade gegen die Helene-Hegemann-Kritiker erwähnte. Es ist ein vor allem von Julia Kristeva geprägter Begriff, der alle möglichen Arten beschreibt, wie sich die aus demselben selbstreferenziellen Sprachsystem geschöpften Texte aufeinander beziehen können. Da sich unser Bewusstsein, unser Umgang mit der Welt vor allem über Sprache konstituiert, gibt es, noch etwas weiter gedacht, nichts, was außerhalb des Systems Sprache liegt. Einige Poststrukturalisten gehen sogar so weit, die ganze Welt als Text zu lesen. Damit ist auch der Ort der Literatur nicht mehr ihre Quelle, nicht mehr der Autor, sondern das Lesen selbst. Oder, wie Barthes es formuliert: „Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.“

Language is a Virus (from Outer Space) - Laurie Anderson from Mondo Kane on Vimeo.

Das wiederum korrespondiert mit Gedanken, wie sie der amerikanische Beat- und Avantgarde-Literat William S. Burroughs in der seltsamen Formel „Language is a virus from outer space“ komprimierte: „Sprache ist ein Virus aus dem All.“ Im Prozess der Verbreitung dieses sprachlichen Virus, so Burroughs, dient der Mensch lediglich als Durchlauferhitzer, über den sich Sprache immer und immer wieder selbst reproduziert. Dass Kategorien wie „Subjekt“ und „Autor“ dabei genauso dramatisch an Bedeutung verlieren wie in poststrukturalistischen Denkmodellen, versteht sich von selbst. Wobei Burroughs’ These alles andere als poststrukturalistisch fundiert ist, sondern eher exzessivem Drogengenuss und der Auseinandersetzung mit sektiererischen Ideen geschuldet scheint. Auf jeden Fall ist es eine These, mit der man alle möglichen Gedankenspiele treiben kann. Eins der schönsten stammt von der amerikanischen Performance-Künstlerin Laurie Anderson, die in den 1980er Jahren den Satz „Language is a virus“ zum Titel eines Songs machte und darin die alltäglichen Kommunikationsschwierigkeiten, aber auch den Zynismus und die Selbstbezogenheit des modernen Menschen auf die Schippe nahm. Die eher sperrigen Lyrics, in denen sich Gedanken, Träume und das Spiel mit Erzählgesten mischen, konnten nicht verhindern, dass der Song ein veritabler Hit wurde. Er groovt einfach ungemein.

Eine Gemüsesuppe ist eine Gemüsesuppe ist eine Gemüsesuppe

Theorien sind besonders dann überzeugend, wenn man sie letztlich einfach und direkt mit praktischen Erfahrungen untermauern kann. Und manchmal glaube ich noch heute, im Alltag Belege für poststrukturalistische und andere sprachvirologische Überlegungen zu entdecken. Zum Beispiel schon in ganz simplen Alltagsgesprächen, im Laden oder im Büro: „Darf’s sonst noch was sein?“ – „Schönen Tag noch“ – „Fangt schon mal mit dem Essen an, wird ja sonst kalt“ – „Und, wie geht’s?“ – „Na, geht so“ – „Muss ja“ – von diesen Floskeln bis hin zu den üblichen Witzchen und dummen Sprüchen. Erstanlich, wie man den ganzen Tag lang mit all den anderen Menschen derart im System Sprache aufgeht, dass man als Subjekt, als Persönlichkeit kaum noch zu erkennen ist. Und wie man in unterschiedlichen Personenkonstellationen auch sprachlich in bestimmte Rollen schlüpft, wie man mit Freunden, Eltern, Vorgesetzten, Kollegen die immergleichen Gespräche führt – und dabei Offensiv- oder Defensivfloskeln, Humor- oder Beschwichtigungsformeln benutzt, je nachdem wie vertraut man miteinander ist, wie sich die Hierarchie unter den Beteiligten gestaltet und welche psychischen Dynamiken, welche Rollenmuster sich zwischen ihnen etabliert haben. Ähnlich geht es mir, wenn ich in Internet-Songforen Kommentare zu einzelnen Stücken durchforste: „Supersong“, schreibt einer, „toller Song“ ein anderer. „Echt geiler Song“ die nächste. Und immer so weiter. Wo hier tatsächlich gefestigte Persönlichkeiten und starke „Subjekte“ eigene, kraftvolle Worte für individuelle Erfahrungen finden, ist noch nicht mal ansatzweise zu erkennen. Es scheint sich einfach nur das selbstreferentielle Zeichensystem Sprache selbst zu reproduzieren und dabei alles Individuelle zu absorbieren…

Ich hatte mal eine sehr betagte Nachbarin, die mich sonntags gern zum Essen einlud. Gemüsesuppe kochte sie besonders gut. In den ersten Jahren unserer Bekanntschaft erlebte ich sie als außergewöhnlich fit: Selbst im hohen Alter war sie noch in der Lage, eigenständig ihre Wohnung zu renovieren, darüber hinaus war sie ein ebenso interessanter wie unterhaltsamer Gesprächspartner. Bis sie auf einmal körperlich und mental abzubauen begann und es immer schneller bergab ging mit ihr. Als ihre Familienangehörigen sie endlich zum Umzug in ein Heim mit Betreuung bewegen konnten, war es so weit gekommen, dass sie, wenn ich sonntags zum Essen vorbeischaute, nur noch Ungenießbares kochte, kaum noch in der Lage war, Handgriffe zu koordinieren, und eine sprachliche Schleife nach der anderen drehte. Aus unseren Dialogen wurden endlose Monologe, in denen sie immer um dieselben Geschichten und Details aus der Vergangenheit kreiste – manchmal mehrmals am selben Nachmittag. Identität, das „Subjekt“ – nur eine sprachliche Funktion? Das Ich ein Nichts, das sich in Sprache verliert? Hier schien mir die These der Poststrukturalisten irgendwie Sinn zu machen. Und doch war meine Nachbarin gleichzeitig der Gegenbeweis. Denn zu den erzählerischen Endlosschleifen – zu der unkontrollierten Manifestation des selbstreferenziellen Systems Sprache – war es ja ganz offenbar erst durch das Zurücktreten des Subjekts, besser: durch den Übergang des Subjekts in ein anderes Stadium gekommen. Eines Subjekts, das bis dahin Sprache bewusst geordnet, geformt, manipuliert und zu individuellen, „subjektiven“ Botschaften verdichtet hatte. So wie das Ich in Left That Body Long Ago, dem wunderschönen Song von Amy Macdonald.

Interkulinarität? Tod des Autorenkochs?

Früher haben mich die Poststrukturalisten oder das wenige, das ich von ihnen verstanden habe, weil sie – na logisch – gerne komplex und mit viel „differance“ im Getriebe schrieben, immer wieder irritiert. Bisweilen haben sie mir sogar Angst gemacht. Inzwischen aber bin ich der Meinung, dass man sich hüten sollte, aus dem Zurücktreten einer ordnenden Instanz bei einem Menschen, aus seinem Aufgehen in sprachlichen Endlosschleifen die Auflösung oder gar die Nichtexistenz des Subjekts zu schließen. Es bekommt leicht etwas Nihilistisches, wenn nicht gar Zynisches und Menschenverachtendes. Auf einer Party kam ich einmal mit einer Frau ins Gespräch, die sehr darunter litt, dass ihre Mutter seit geraumer Zeit ähnliche Symptome zeigte wie meine damalige Nachbarin. Trotz aller scheinbaren Auflösungsanzeichen: Die Mutter erkannte ihre Tochter nach wie vor, sie empfand Freude, Trauer, Wut oder Schmerzen und hatte eine Haltung zu ihrer Umgebung – auch wenn diese Haltung von den Menschen in ihrer Umgebung immer schwerer nachzuvollziehen war. Dasselbe gilt für Autisten, für geistig Behinderte oder für Menschen, die sich aus anderen Gründen nicht lautsprachlich verständigen können. Spätestens seit dem 19. Jahrundert weiß und akzeptiert man, dass auch sie trotz aller Handicaps bestimmte Fertigkeiten besitzen und zu unterschiedlichen Graden bildungsfähig sind. Nachlassende Vitalität, Sprachstörungen, Anzeichen einer Demenzerkrankung, Behinderung: ja. Aber Auflösung des Subjekts oder gar der Beleg für eine nie dagewesene beziehungsweise nur in der Sprache spürbar gewordene Persönlichkeit? Ein klares Nein.

Und so erscheint mir die These von der Nichtexistenz des Subjekts, vom Tod des Autors, heute salopp formuliert eher so, als würde man behaupten, es gebe keine Meisterköche mit einem wiedererkennbaren Individualstil: weil alle Köche ja doch nur mit denselben Lebensmitteln arbeiten, die immer schon da sind und sich letztlich irgendwie auf sich selbst beziehen… Interkulinarität? Der Tod des Autorenkochs? Die ganze Welt ein X-Gänge-Menü? Irgendwie nicht. Von Ken Hom bis Linda McCartney, von Jamie Oliver bis Tim Mälzer sind meines Empfindens wahre „Urheber“ am Werk, die zwar aus dem seit Ewigkeiten bekannten Fundus derselben Lebensmittel schöpfen, aber doch jedem einzelnen Gericht eine individuelle Note geben. Das ist natürlich Polemik. Aber ähnlich verhält es sich in meinen Augen mit Kunstwerken, mit Romanen, Gedichten, Songs. Der Autor, das gestaltende Subjekt, lebt, ebenso wie die originäre Schöpfung, der persönliche Stil. Mir ist wurscht, bei wem und warum Helene Hegemann abgeschrieben hat, aber ich finde es durchaus in Ordnung, dass in späteren Ausgaben von Axolotl Roadkill der Urheber der „geklauten“ Passagen genannt wird. Ich glaube an ein Ich, das für sein Handeln und Schreiben verantwortlich ist und auch verantwortlich gemacht werden kann. Ich glaube an unterschiedlichen Sprachgebrauch im Alltag und an unterschiedlichen Sprachgebrauch im künstlerischen Kontext. Und ich glaube an das Konzept des Copyright – das heißt auch an das Honorar, das man als Autor aufgrund einer eigenständigen Leistung verdient.

Matrix re-reloaded

Dieses Credo würde ich auch einigen zeitgenössischen Hirnforschern entgegenhalten, die das Ich von einer ganz anderen Richtung her infrage stellen. Weil sie es weder lokalisieren noch als Stoff identifizieren können, aber immer feinere Methoden entwickelt haben, um die elektrochemischen Prozesse in den verschiedenen Regionen des Gehirns zu messen, vertreten diese Forscher die Thesen, das Ich sei lediglich ein „neuronales Konstrukt“ und werde ausschließlich vom Gehirn hervorgebracht – kurz: das Gehirn selbst sei das Ich. „Im gegenwärtigen Paradigma der kognitiven Neurowissenschaften gilt Bewusstsein als eine interne Repräsentation der Außenwelt, die vom Gehirn erzeugt wird“, fasst Prof. Dr. Thomas Fuchs von der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg diese Sichtweise kritisch zusammen. „Der Körper bleibt dabei eine Art physiologischer Trägerapparat für das Gehirn, in dem die unkörperliche Innenwelt des Bewusstseins entsteht. Gehirn und Körper sind zwar verbunden, doch genügt es für die Erforschung des Bewusstseins und des Selbsterlebens, nach ihren neuronalen Korrelaten im Gehirn zu suchen – nach Bewusstseinskorrelaten oder Selbstmodulen.“ Das klingt erst mal ziemlich abgehoben, lässt sich aber relativ einfach umschreiben. Denn was Fuchs hier als problematische Einstellung anspricht, ist die Loslösung des Denkens vom Sein, des Leibes vom Bewusstsein. Die Folge: „Bewusstsein wird nicht als Funktion eines lebendigen Organismus angesehen, sondern direkt mit Gehirnprozessen ‚kurzgeschlossen’.“ Oder, wie der Erfolgsautor Richard David Precht in seinem Bestseller Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? von 2007 plakativ formuliert: „Der Körper ist eigentlich nur ein Klotz am Kopf.“

Beide Autoren, Fuchs und Precht, räumen zwar ein, dass sich das Ich – oder: das Subjekt, die Seele, das Bewusstsein – nicht konkret greifen und beschreiben lässt, machen aber gleichzeitig darauf aufmerksam, dass zur Bewusstseinsbildung entscheidend auch unser alltägliches Wahrnehmen und unser Agieren in der Welt gehören. Precht: „Das menschliche Bewusstsein ist ein Zusammenspiel des Körpers und seiner Erfahrungen mit der Umwelt.“ Damit erhält das Gehirn, wie Fuchs erläutert, einen anderen, niedrigeren Stellenwert. Es ist nicht mehr die von einigen Hirnforschern proklamierte zentrale, sondern eher eine dienende Instanz: „Es erscheint (…) nicht mehr als ein isolierter Apparat, der die Welt oder das Subjekt konstruiert, sondern in erster Linie als Vermittlungsorgan für die Beziehungen der Person zu ihrer Umwelt.“ Wichtig sind dabei auch soziale Beziehungen: „Das Selbst entwickelt sich in der Interaktion, als ein ‚Selbst-mit-anderen’ oder soziales Selbst.“

So wie ein Kleinkind wächst und zum Erwachsenen reift, so wächst und reift auch sein wichtigstes Vermittlungsorgan, das Gehirn. „Geistige Wesen sind wir nur als lebendige, verkörperte Wesen in Beziehung zu anderen“, schreibt Fuchs weiter. Sein Fazit: „Ich, das bewusste, erlebende und handelnde Subjekt, befinde mich nicht im Gehirn, sondern immer genau dort, wo auch mein lebendiger Körper mit all seinen biologischen Funktionen ist, die meine bewussten Zustände und Handlungen ermöglichen und hervorbringen.“ Die scheinbare Schwäche in dieser Argumentation, nämlich die Tatsache, dass sich das Ich weder als Substanz festmachen noch in einer bestimmten Region des Körpers oder des Gehirns verorten lässt, wandelt Precht geschickt in eine Stärke um: „Denn keine Seele oder kein Ich zu finden, ist natürlich viel besser, als ein solches Ich zu finden, um es dann in Einzelteile zu zerlegen und zu entzaubern. Und was für eine Vorstellung, die Hirnchirurgen könnten dieses Ich operativ entfernen!“ Was nichts anderes bedeutet als: Es gibt ganz sicher ein Ich, aber es ist ein so komplexes Gebilde, dass man es weder „messen“ noch eindeutig „lokalisieren“ kann – und dass es, wenn überhaupt, erst nach jahrzehnte- oder gar jahrhundertelanger weiterer Forschungsarbeit verstanden werden kann.

Me, Myself & I

Auch Demenzphänomene lassen sich beschreiben, ohne dass man das Subjekt an sich infrage stellen müsste. Precht verweist auf die etwas holzschnittartige, aber als Erklärungsmodell gern herangezogene These von der Existenz verschiedener Ich-Zustände: „Mein Körper-Ich sorgt dafür, dass ich weiß, dass der Körper, mit dem ich lebe, tatsächlich mein eigener Körper ist; mein Verortungs-Ich sagt mir, wo ich gerade bin; mein perspektivisches Ich vermittelt mir, dass ich der Mittelpunkt der von mir erfahrenen Welt bin; (…) mein Autorschafts- und Kontroll-Ich macht mir klar, dass ich derjenige bin, der meine Gedanken und meine Handlungen zu verantworten hat, mein autobiografisches Ich sorgt dafür, dass ich nicht aus meinem eigenen Film falle, dass ich mich durchgängig als ein und derselbe erlebe“ – und so fort. „Zu all diesen Ich-Zuständen“, schreibt Precht weiter, „finden sich Störungen, bei denen das eine oder andere Ich nicht richtig funktioniert.“ Weshalb wir es auch bei geistig gestörten Menschen oder bei der dementen Nachbarin noch immer mit ernstzunehmenden Subjekten zu tun haben – mit eigenständigen Ichs.

Demnach sind auch Gedichte, Romane oder eben Songs Produkte eigenständig schaffender Ichs, die – sofern sie sich gegen das Reproduzieren von gängigen Phrasen und Klischees entschieden haben – originäre und als originär identifizierbare Werke hervorbringen. Und haben wir es nicht gerade bei Rockstars und in Popsongs mit unglaublich starken Persönlichkeiten zu tun, die uns ihre Einblicke in die menschliche Psyche, ihre Kritik an der bestehenden und Visionen von einer besseren Welt vermitteln? Von Bob Dylan über Bruce Springsteen bis zu Bob Marley, von Iggy Pop und David Bowie über Malcolm McLaren bis zu Joe Strummer, von James Brown über Freddie Mercury bis zu Madonna oder Lady Gaga – geht es nicht gerade in Pop, in Rock, Soul, Techno und Dance, um starke Ichs, die aus der individuellen Wahrnehmung ihrer Umwelt schöpfen, den individuellen Erfahrungen, die sie in der Welt und im Umgang mit anderen Menschen gemacht haben? So wie bei dem unkonventionellen Hip-Hop-Trio De La Soul, das 1989 mit dem fast schon programmatischen Song Me, Myself and I weltweit Furore machte. Wir sind keine Hippies, proklamierten sie, wir haben auch nichts mit Moden und Stilen zu tun, wir machen auch nicht auf „Böse Gangster“. Jeder von uns ist ein Original – ein Ich, er selbst, und das ganz individuell, eben: Me, Myself and I. Was ganz einfach heißt: Der Autor und das Ich sind alles andere als tot. Sie sind „alive and kicking“ und heute vielleicht gefragter als je zuvor.

In der nächsten Folge: Ich und Ich – ein Puffer muss dazwischen!

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erstellt am 26.11.2013

what have they done to my song?

Songs sind allgegenwärtig, Songs sind der Soundtrack unseres Lebens. Doch obwohl sie gern viele Worte machen, sind es eher Sounds, Melodien und Rhythmen, Stimmungen, Styles und Attitudes, auf die wir Hörer anspringen. Textinhalte und ihr Zusammenwirken mit nichtsprachlichen Elementen bleiben oft auf der Strecke. Wie funktionieren Songs? Wie schaffen Songs Bedeutung? Und was machen wir daraus? Diesen Fragen geht der Frankfurter Autor Michael Behrendt im Rahmen eines Buchprojekts nach: mal subjektiv und assoziativ, mal analytisch hinterfragend – seine Songauswahl kennt wenige Grenzen. Faust-Kultur fasst einige Beiträge zu einer kleinen Serie zusammen. Es geht um hinhören, verstehen, missverstehen, um Song-Ichs, Show-Ichs, Darstellungsformen – und immer wieder um die Schlüsselfrage: „Wer spricht im Song?“