Drei Villen am Schaumainkai in Frankfurt bilden das öffentliche Zentrum des Weltkulturen Museums. Jahrzehntelang stand immer wieder ein neu zu bauendes Ausstellungsgebäude zur Diskussion. Aus Kostengründen wurde diese schöne Aussicht alsbald wieder aufgegeben. So bleiben die 67.000 Ausstellungsstücke im Depot. Ans Licht der Öffentlichkeit gelangen einzelne Objekte, wenn sie ein Künstler als inspiratorische Vorlage auswählt oder ein Forscher oder Wissenschaftler sie unter bestimmten thematischen Gesichtspunkten vorstellt. Das Frankfurter Konzept ist einmalig in der ethnologischen Museumslandschaft und wird daher von Insidern mit großem Interesse verfolgt. Die Museumsleiterin Clémentine Deliss erläutert im Gespräch mit Clair Lüdenbach, wie man ethnologische Objekte in die Gegenwart holt.

Weltkulturen Museum in Frankfurt

Es ist was anderes

Clair Lüdenbach im Gespräch mit Clémentine Deliss

Clair Lüdenbach: Weltkulturen Museum Frankfurt …

Clémentine Deliss: Nein. Das Museum ist jetzt bekannt als Weltkulturen Museum, und noch mehr, da das Wort Weltkulturen für das Museum mehrere Branchen beinhaltet oder mehrere Dimensionen: also ein Weltkulturen Labor, eine Weltkulturen Bibliothek, eine Weltkulturen Residency, Weltkulturen Bildung, Weltkulturen Abendschule, Weltkulturen Bildarchiv, Weltkulturen-Sammlungen, Weltkulturen Freunde, Weltkulturen Open-Lab, die neue digitale Plattform. Und das sind alles Elemente der Weltkulturen. Das zeigt, dass für uns sich das Haus nicht nur als ein Ausstellungshaus bezeichnet, sondern als eine Vielzahl von Aktivitäten, die immer mit der Sammlung anfangen. Die Sammlung ist das zentrale Kapital, wenn Sie möchten. Die Sammlung bildet das Zentrum. Und das ist vielfältig und wichtig und nicht nur auf die Ausstellungen konzentriert, sondern viel auf Bildung.

Das Frankfurter Museum hat keine große Ausstellungsfläche, auf der man all die Stücke ausstellen könnte, die das Museum besitzt. Ist das Konzept ursächlich auf diese besondere Situation ausgerichtet?

Als ich im April 2010 gekommen bin, hat man mich gebeten, ein Konzept für einen Neubau zu schreiben. Und dieses Neubau-Konzept war für ein Archipel von Gebäuden im Park, das ein Museum, eine Ausstellungsgruppe natürlich erweitern würde. Es gab verschiedene Ausstellungsräume, aber es gab auch sofort ein Labor, eine Werkstatt, um die ethnographischen Objekte und die Feld-Fotografien neu zu interpretieren. Die Idee des Labors war schon von Anfang an da. Und jetzt die Herausforderung, mit drei Villen zu arbeiten während der Entwicklung des Neubauprojektes, ist eine wichtige gewesen, weil wir dadurch auch die Arbeitsmethode bestimmen konnten. Das ursprüngliche Konzept besteht noch immer. Dass es keinen Erweiterungsbau gibt, ist ärgerlich, aber die Art und Weise, wie wir arbeiten, bestätigt sich. Und hätten wir jetzt einen Neubau, wäre sie für das Publikum natürlich noch wirksamer. – Sie ist es jetzt schon, aber mit 4000 qm extra könnte man viel mehr von der Sammlung betrachten. Aber wir würden trotzdem mit einem betonten Bildungselement arbeiten wollen. Es wäre nicht so, dass man in einen Raum geht, und man sieht viele Objekte, und dann geht man wieder. Sondern es gibt mehr in diesem Museum. Allein die Tatsache, dass Leute hier arbeiten, dass es Dialoge gibt mit den Kustoden, dass die Objekte wissenschaftlich und künstlerisch den Anstoß geben zu neuen Werken, die dann die Sammlung ergänzen und die natürlich an das Publikum vermittelt werden durch unterschiedliche Programme und Veranstaltungen.

Hätte man die größere Ausstellungsfläche, dann hätte das noch mal einen größeren Spannungsbogen ergeben, weil man sowohl die traditionellen Ausstellungsstücke gehabt hätte, also den traditionellen kulturellen Zusammenhang …

Wir werden viel beachtet. Und zwar nicht nur in Frankfurt, sondern international, weil wir in diesem kleinen Rahmen eine neue Entwicklung veranlasst haben, die jedes Museum machen könnte, das eine Sammlung besitzt. Was wir mit einer völkerkundlichen Sammlung machen, ist einfach intensiver, weil diese Sammlung eigentlich nicht aus unserer Kultur kommt, aber absolut verflochten ist mit der Geschichte des Ortes, an dem die Sammlung sich jetzt befindet. Frankfurt zum Beispiel oder deutsche Handelssysteme und Kolonialismus usw., oder ethnologische Forschungsreisen etc. Aber die Größe dieses Museums hat keinerlei Auswirkung auf die internationale Anerkennung, die wir jetzt haben. Wir arbeiten z.B. mit Tate Modern und dem Universalmuseum Joanneum in Graz, und da brauche ich keine 4000 qm, um die Qualität zu bestätigen.

Das war ja auch keine Anmerkung, um die Qualität ihrer Arbeit in Frage zu stellen. Ich meinte, es hätte einen zusätzlichen Spannungsbogen gegeben. Einerseits hätte man all die Objekte anschauen können und das, was man daraus machen kann.

Es ist absolut wünschenswert. Noch dazu, weil das Museum seit 1944 nicht genügend Raum hat. Aber man kann natürlich nicht 67.000 Objekte gleichzeitig ausstellen. Das ist klar. Der Neubau hätte eine offene Schausammlung gehabt mit Tischen, wo man wirklich arbeiten kann. Also mit viel, viel Zugang für das Publikum. Er hätte auch eine Dauerausstellung gehabt und einen Raum, der für temporäre Ausstellungen bzw. für Veranstaltungen gedacht war. Aber das Konzept ist gleich geblieben. Wir haben eine Villa mit Labor, mit Bildarchiv. Das Labor ist extrem wichtig für uns. Man kann heutzutage eine Ausstellung kuratieren über eine Datenbank. Man nimmt eine Idee, eine typisch völkerkundliche Idee, „Magie und Ritual bei den N.N.“ oder irgendein Thema. Dann holt man sich in der Datenbank eine Liste von Objekten, dann bringt man einen Gestalter rein. Früher hat man das alles selber gemacht. Aber jetzt hat sich eine andere Ausstellungskultur entwickelt. Das heißt, oft werden große theatralische Gestalter eingeladen, wie in anderen Museen, und die bauen dann viel Zeug drumherum und inszenieren ein kleines Objekt. Und somit macht man dann eine Ausstellung. Das machen wir nicht. Wir laden Wissenschaftler, Künstler und Ethnologen, Schriftsteller und Juristen ein, die in die Sammlung gehen, mit den Ethnologen hier reden und eine Auswahl treffen, die für sie in einen Arbeitsraum hier im Labor gebracht wird, zusammen mit den Restauratoren. Es ist alles sehr sorgfältig arrangiert. Und die können mit dieser Sammlung in ihrer eigenen Werkstatt arbeiten, sie 24 Stunden lang, für vier Wochen, betrachten. Und daraus entsteht immer wieder eine neue Interpretation, neue Zusammenhänge, die nicht oberflächlich sind. Die nichts mit so einer alten Vorstellung vom Künstler und einem ethnographischen Objekt zu tun haben. Sondern sie öffnen mit diesen Objekten die Möglichkeit, gegenwärtige Fragestellungen darzustellen.

Das Objekt tritt dann in den Hintergrund. Das neue Objekt tritt dann in den Fokus des Betrachters.

Nein, nein. Denn jede Person, die bei uns zu Gast ist, macht eine Interpretation im Bezug zu dem Objekt. Und ohne das Objekt geht es gar nicht. Und nachdem die verschiedenen Gäste bei uns im Laufe eines Jahres gewesen sind, baut sich die nächste Ausstellung auf. Wenn Sie nun „Trading Style – Weltmode in Dialog“ anschauen, dann werden Sie sehen, da sind 500 Objekte drin. Und oben sind die neuen Entwürfe der vier Modedesigner, die sie ausgewählt haben, und ihre Prototypen, die bei uns entstanden sind, in direktem Zusammenhang mit diesen Objekten.

Ich habe solche Sachen auch schon im Green Room gesehen z.B.

Der Green Room ist ein Projektraum. Im Green Room werden keine Objekte aus der Sammlung ausgestellt. – Absichtlich, weil wir die Problematiken des ganzen Hauses im Green Room auseinandernehmen, während in den Hauptausstellungen immer die Arbeiten und ihre Bezüge zusammenkommen. Es gibt kein anderes Museum mit einem Labor, das Leuten einen Zugang zu wichtigen Objekten gibt, die teilweise auch aus ihren Kulturen stammen: aus Ozeanien, und die sind aus Neuseeland oder aus Afrika, – die dann nicht nur als bloße Versuche eine Stunde lang diese Sachen anschauen, sondern vier Wochen lang mit der Bibliothek und mit dem Wissen des ganzen Hauses sich auseinandersetzen. Mir geht es darum, dass ein Museum, das eine Methodologie aufgebaut hat, wo Produktion ein wesentlicher Teil der Arbeit ist, sich ständig verwandelt. Es geht nicht um die Tatsache, dass die Ausstellungsfläche gleich bleibt und daher auch das Konzept gleich bleibt, sondern sich das Konzept ändert, sich verfeinert und raffinierter wird. Daher ist die zweite Ausstellung auf jeden Fall eine Erweiterung der ersten Ausstellung. Und die nächste wird noch eine Erweiterung des Konzepts sein. Insofern, wenn man wissen will, ob das gut ankommt beim Publikum, dann kann ich nur sagen, man muss sich die Ausstellung anschauen, die Besucherzahlen steigen, es sind sehr junge Leute, die diese Ausstellung besuchen kommen. Es ist nicht mehr unbedingt die Suche nach dem Indianer, wie man es sich gut vorstellt bei Völkerkunde-Museen. Es ist was anderes.

Das Gespräch führte Clair Lüdenbach

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erstellt am 17.11.2013

»Wir werden viel beachtet. Und zwar nicht nur in Frankfurt, sondern international, weil wir in diesem kleinen Rahmen eine neue Entwicklung veranlasst haben, die jedes Museum machen könnte, das eine Sammlung besitzt.«

Ausstellungsansicht TRADING STYLE, P.A.M., Foto: Wolfgang Günzel

Ausstellungsansicht TRADING STYLE, CassettePlaya, Foto: Wolfgang Günzel

»Wir laden Wissenschaftler, Künstler und Ethnologen, Schriftsteller und Juristen ein, die in die Sammlung gehen, mit den Ethnologen hier reden und eine Auswahl treffen, die für sie in einen Arbeitsraum hier im Labor gebracht werden, zusammen mit den Restauratoren. Es ist alles sehr sorgfältig arrangiert.«

Maske, Melanesien UND Prototyp Design, A Kind of Guise, Weltkulturen-Labor 2012

Ohrpflöcke. Amazonasgebiet, Brasilien, Foto Wolfgang Günzel

»Es geht nicht um die Tatsache, dass die Ausstellungsfläche und daher auch das Konzept gleich bleibt, sondern sich das Konzept ändert, sich verfeinert und raffinierter wird.«

Kopfstützen, Simbabwe 1928 – 1930. Foto: Wolfgang Günzel. Sammlung Weltkulturen Museum

Frauenschuhe, unbekannter Sammler, China, Sammlung Weltkulturen Museum

Federschmuck, Amazonasgebiet, Brasilien, Foto: Wolfgang Günzel