Faust-Interview: Kettly Mars im Gespräch mit Andrea Pollmeier
Video von Harald Ortlieb litchannel.tv

Kettly Mars im französischen Originalton

Die haitianische Autorin Kettly Mars, die nach dem Erdbeben vom 12. Januar in der „Zeit“ über die akutelle Situation der Bevölkerung berichtet hat, warnte bereits im Oktober vor der Durchführung der am 28. November 2010 stattfindenden Wahlen. Sie kritisiert die internationale Gemeinschaft und die haitianische Regierung. Beide verfolgten zu sehr eigene Interessen, fürchteten Unruhen und versuchten, von den in Aussicht gestellten Wiederaufbau-Gelder zu profitieren, während sich an der dramatischen Lage der Bevölkerung wenig ändere.

Interview mit Kettly Mars

Keine Wahlen in dieser explosiven Notlage

Wiederaufbau wird zum Köder der Korruption und
begünstigt Fortdauer des Elends

Sie haben das Erdbeben in Haiti selbst miterlebt und leben bis jetzt in Port -au-Prince. Wie sehen Sie die Lage der haitianischen Bevölkerung heute, acht Monate nach dem Beben?
Kettly Mars: Wenn sie eine solche Katastrophe trifft, dann erschüttert sie das zutiefst, psychisch wie physisch. Wir Haitianer fühlten in dem Augenblick des großen Unglücks eine sehr starke Verbundenheit miteinander, dies gab uns den Glauben, dass von diesem Tiefpunkt aus, alles machbar sein würde.
Jetzt aber, acht Monate später, herrscht große Bitterkeit. Inzwischen aber hat sich das Leben in Haiti auch physisch geändert, Port au Prince ist eine zerstörte Stadt, es gibt noch immer schiefe Häuser. Nur 10 Prozent der zerstörten Häuser sind wieder aufgebaut, freigeräumt und gereinigt worden, um Raum für freies Gelände zu gewinnen. Dementsprechend ist der Alltag schwer erträglich. Die Lebensbedingungen auf den öffentlichen Plätzen, wo die Menschen noch unter menschenunwürdigen Bedingungen in Zelten leben, sind auch für uns schwer auszuhalten.

Wie sieht ihr eigener Lebensalltag inmitten der Trümmer aus?
Ich erlebe diese Situation mit großer Wut. Wir gehen zurzeit den Präsidentschaftswahlen entgegen. Ich glaube, selbst wenn die Verfassung dies jetzt verlangt, sollte man zu diesem Zeitpunkt den Termin nicht einhalten. Es gibt noch zu viele Menschen, die leiden und nur schwer, das eigene Überleben regeln können. In dieser Notlage wäre es nicht klug, Wahlen abzuhalten, die aus meiner Sicht nichts Grundlegendes verändern können. Die Regierung sollte sich stattdessen in den Wiederaufbau hineinknien, aber im Gegenteil, man interessiert sich im Moment nur für politischen Machterhalt und das verstärkt die Frustration.

Die Präsidentschaftswahlen sollen am 28. November stattfinden. Sie sind also dagegen?
Ja, ich meine, diese Wahlen sollten um ein oder zwei Jahre nach hinten geschoben werden, es gibt jetzt Dringenderes zu tun. Der Wiederaufbau – ich mag das Wort Wiederaufbau nicht, weil es eine Art Betrug ist, es ist ein Köder. Haiti war vor dem Erdbeben nicht wieder aufgebaut, und es kann auch nach dem Schock nicht wieder aufgebaut werden. Ich denke, was jetzt getan werden kann, ist, von Grund auf neu zu starten.

Haben Sie als Schriftstellerin in Haiti die Möglichkeit, politische Entscheidungen zu beeinflussen?
Auf eine bestimmte Art „Ja“, wir sind eine Stimme innerhalb und außerhalb Haitis.

Wird diese Stimme gehört?
Ja, besonders von den jungen Haitianern. Die Stimme der Intellektuellen hat bei der Jugend in Haiti traditionell einen hohen Stellenwert. Ein Buch, das ist das wertvollste Gut, junge Haitianer sind bereit, zuzuhören und zu verstehen, was Ihnen die Stimme der Intellektuellen beispielsweise über die Geschichte Haitis berichtet, warum sich die Schachmatt-Lage Haitis beständig wiederholt.

Wie kann sich Haiti aus dieser Patt-Situation befreien?
Ich kann nicht vorhersehen, was in Haiti geschehen wird, aber ich glaube, dass etwas passieren wird, auch, wenn dies nur gewaltsam möglich ist. Die aktuelle Situation kann nicht so weiter gehen. Die internationale Gemeinschaft ermutigt dazu, den Status quo zu bewahren, weil sie keine Schwierigkeiten, keinen Bürgerkrieg und keine Probleme wünscht, lieber gibt man weiter Hilfe, die außerdem noch ein großes Geschäft darstellt. „Schaut her – alle sind zufrieden“.
Probleme entstehen durch die mangelnde Effizienz der Hilfe und die Korruption. Dabei handelt es sich um eine schwerfällige Maschinerie, die nicht nur schlecht geführt ist, sondern außerdem am gegenwärtigen Zustand festhält. Die Regierung fördert diesen Zustand, weil nur so Korruption weiter funktioniert. Ja, es gibt vieles, was getan werden könnte, und es ist traurig, feststellen zu müssen: In Haiti gibt es nicht den einen Willen zur Verbesserung der Lage. Stattdessen gibt es Inkompetenz und den Drang, zu vertuschen, was gegenwärtig geschieht. Es gibt keinerlei Transparenz.

Wann kann sich die Lage in Haiti stabilisieren?
Nein, ich glaube nicht, dass Stabilität in Haiti schon ein Thema für morgen ist. Diese Wahlen, und ich denke sie werden kommen, müssen aus nächster Nähe beobachtet werden, weil sie Gefahr laufen, sehr gewaltsam zu werden, darum glaube ich: Stabilität wird kein Zustand sein, den wir schon bald erleben werden. Diese Wahlen werden sehr gewaltsam verlaufen, entweder wird man versuchen, ihren Ablauf zu verhindern oder man wird sie fälschen. Was auch immer passiert, es wird nicht ohne Gewalt stattfinden. Bei uns ist es fast schon eine Gewohnheit geworden, dass Wahlen mit Gewalt verbunden sind. Leider ist gerade in diesem Moment die Einsätze sind zu hoch, schließlich spricht man von Milliarden für den Wiederaufbau, zu viele Interessen stehen auf dem Spiel.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

VG-Nummer: | erstellt am 19.11.2010

Kettly Mars
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