Über die Diskrepanz zwischen dem realen Ich und der Kunstfigur auf der Bühne denkt Michael Behrendt am Beispiel der Schlagergrößen seiner Kindheit und der Pop-Idole der Gegenwart nach.

what have they done to my song? Folge 6

Bata, Michael, Michaela und ich

Wer spricht eigentlich im Song?

Von Michael Behrendt

Bata Illic ist ein toller Typ. Und Michael Holm auch. So dachte ich zumindest Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Ich war zehn, elf Jahre alt, und die ZDF-„Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck war so etwas wie ein Familienpflichttermin, den man weder versäumen konnte noch wollte. Toll fand ich Bata Illic und Michael Holm, weil sie ein Gespür für Ohrwürmer hatten – und weil sie offenbar eine stattliche Reihe von Freundinnen vorweisen konnten. Zwar interessierte ich mich damals noch nicht so für Mädchen, aber ich war schwer davon beeindruckt, dass diese Typen im Fernsehen alle paar Wochen einer anderen Schönheit ewige Liebe schwören konnten – offenbar ohne größere Probleme zu bekommen.

Bata Illic, dieser mächtige Seitenscheitel mit dem sympathischen Akzent… „Oh, oh, Candida“, sang er ab November 1970 zu einem schmissigen Rhythmus, „keine Nacht kann ich schlafen, denn seitdem wir beide uns trafen, möcht’ ich immer nah bei dir sein.“ Es dauerte nicht lange, dann hieß es streichzart: „Judy, I love you“. Wieder einige Wochen später, im Februar 1972, hauchte Bata Illic Mädchen, wenn du einsam bist und empfahl sich einmal mehr als der bessere Partner. Diesmal schien Bata schon länger mitangesehen zu haben, wie ein Hallodri die Dame seiner Träume unglücklich machte – was ein behrztes Einschreiten erforderte: „Ich hab dich oft mit ihm gesehn / Und hab gewusst, du bist nicht frei. / Du hast getanzt und hast gelacht / und hast gedacht, er bleibt dir treu. / Doch wenn du heute traurig bist, / weil er nicht ehrlich war zu dir / Du wirst wahre Liebe finden, / geh den Weg ins Glück mit mir.“

Im Grunde war das dieselbe Geschichte wie schon bei Judy, also schien die Tröstermasche gut zu ziehen. Mit der wahren, ewigen Liebe konnte es allerdings nicht sehr weit her sein. Denn schon im Mai desselben Jahres himmelte Bata plötzlich Michaela an, genauer: „Mickaeeee-la-aha“. Auch sie hatte er offenbar einfach angesprochen, zur Abwechslung mal nachts an einem Flussufer: „Dunkel war die Nacht, ein Vogel sang / und ich ging allein am Fluss entlang. / Da sah ich dich dort am Ufer stehn; / Und du gingst mit mir, es war so schön.“ Es war klar, wie es weitergehen würde: 1973 wurden Candida, Michaela und wie sie alle hießen erst vom Little Girl, dann von einer Schwarzen Madonna ersetzt, und 1976, nach diversen weiteren Eskapaden, ging es um Donna Carmela Gonzales und um eine Susanna, die im Song Ich möchte’ der Knopf an deiner Bluse sein von Bata neckisch gebeten wurde: „Mach’ doch endlich mal ein Knöpfchen für mich auf.“

Ganz ähnlich verhielt es sich mit Michael Holm. Der wirkte zwar meist etwas melancholischer und gab die Namen seiner Liebschaften nur ungern preis. Aber erfolgreich in Herzensdingen schien auch er zu sein. Holm verliebte sich bevorzugt in südlichen bis exotischen Gefilden. Zum Beispiel war da das aufregende Mädchen, das er auf der Straße nach San Fernando kennengelernt, dann aber aus den Augen verloren hatte, und, so was Dummes aber auch, niemand in Mendocino kannte sie. Da war die Frau, mit der er Barfuß im Regen tanzte – „heiß, die Herzen so heiß vor Liebe, die wir uns heute geben…“ Es folgten My Lady of Spain oder mit Nur ein Kuss Maddalena die Dame mit dem auffälligen Doppel-D im Namen. Und es war klar, dass es sich nicht immer um dieselbe Lebensgefährtin handelte.

Diese Blender!

Die ZDF-„Hitparade“ wurde einmal pro Monat ausgestrahlt, was ein bestimmtes Zeitempfinden prägte. Weil Holm und Illic alle drei bis fünf Ausgaben eine neue Flamme präsentierten, verlor ich schnell den Überblick. Natürlich dachte ich damals nicht ernsthaft über den biografischen Gehalt dieser Schlager nach. Aber mit elf, zwölf und wohl auch noch mit dreizehn Jahren hatte ich doch ein gewisses Grundvertrauen in die smarten Herrschaften in den schnittigen Anzügen wie auch in ihre mehr oder weniger charmanten Kolleginnen und Kollegen: Irgendetwas, war mir unbewusst klar, musste das, was sie da in Liedern erzählten, schon mit ihrem Leben zu tun haben. Doch Moderator Dieter Thomas Heck gab gerne Hintergrundinformationen zu den dargebotenen Liedern. Außerdem hörte ich Radio, las hier und dort etwas in Illustrierten. Und so bekam ich allmählich mit, dass Schlagersängerinnen und -sänger alles andere als die Wahrheit sangen – dass sie vor allem geschickt mit meinen Gefühlen spielten.

Inmitten dieses ständigen „learning by listening“, dieses kontinuierlichen „wondering by watching“ gab es immer wieder wahre Aha-Erlebnisse. Zum Beispiel das kurze Gespräch zwischen Bata Illic und Meister Heck in der ZDF-„Hitparade“ vom 22. November 1975. Illic war gerade mit Ich hab’ noch Sand in den Schuh’n aus Hawaii in den Charts, als Heck ihm eine Weltkarte präsentierte. Darauf sollte er die besungene Insel ausdeuten. Und was passierte? Illic wurde unsicher und musste passen – ähnlich wie rund 35 Jahre später bei der einen oder anderen Aufgabe im „Dschungelcamp“. Ganz abgesehen davon, dass sich einige Schlaumeier unter den Schlagerfans bis heute fragen, ob denn nur der Sand, nur die Schuhe oder doch beides aus Hawaii stammten, hatte der Interpret offenkundig keine Ahnung von dem, was er da sang.

„So ein Blender!“, dachte ich mir dann auch bei Michael Holm und seiner Ode an Mendocino. Das fing schon an mit den geografischen Details: „Auf der Straße nach San Fernando“, hieß es in dem Song, „da stand ein Mädchen wartend in der heißen Sonne. / Ich hielt an und fragte wohin, / sie sagte: ‚Bitte nimm mich mit nach Mendocino.’“ Mendocino, so konnte man auf der Weltkarte schnell herausfinden, ist ein Ort an der amerikanischen Westküste, genauer gesagt: in Kalifornien. Auch eine Stadt namens San Fernando gibt es in Kalifornien, aber sie liegt mindestens 600 Kilometer südlich, und zwar im Landesinneren. Egal also, von wo man kam, Mendocino lag nicht wirklich auf dem Weg nach San Fernando. Nicht minder ernüchternd war, dass man den Song damals auch in englischer Sprache hören konnte, und zwar interpretiert vom Sir Douglas Quintet. Das Stück stammte vom Soundtrack des wenige Monate vor dem Holm-Hit erschienenen Kinofilms Easy Rider, und übersetzt begann der Text etwa folgendermaßen: „Teenybopper, meine Teenager-Geliebte / Ich hab letzte Nacht deine Wellen aufgefangen / Und das hat meine Gedanken durcheinandergebracht. / Du bist echt spitze / Bitte setz dich nicht in Bewegung / Bitte bleib in meinem Liebeshaus am Fluss. / Schnell sprechende Typen mit seltsam geröteten Augen / Haben dir Dinge in den Kopf gesetzt / Ich lieb dich so, bitte geh nicht fort / Bitte bleib mit mir hier in Mendocino.“

Und das hatte ja nun mal gar nichts mit Michael Holm zu tun. Den Originaltext, eine szenesprachlich gefärbte, leicht wehmütige Liebeserklärung an ein Mädchen auf dem Sprung, hatte der Sänger für die deutsche Übertragung offenbar vollkommen umgeschrieben. Das kalifornische Mendocino galt in den späten 60er Jahren als Künstlerkolonie und Hippietreff, und vielleicht konnte man diesen Sachverhalt, ebenso wie komische Typen mit seltsam geröteten Augen und bewusstseinsverändernden Dingen im Kopf, einem braven deutschen Schlagerpublikum nicht zumuten. Wie auch immer, Holms Geschichte war ganz offensichtlich frei zusammengesponnen, inspiriert vom wohlklingenden Titel des Originals, einem exotisch anmutenden Ortsnamen – und vielleicht auch von den romantischen Idealen einer neuartigen Gegenkultur, die nach Deutschland überschwappten. Auch in anderen Songs entpuppte sich Holm eher als Märchenerzähler. Zum Beispiel begegnete er mir nicht nur auf der Straße nach San Fernando oder barfuß im Regen, sondern später auch zusammen mit Peter Orloff und Chris Andrews in jenem Texter- und Komponistenteam, das für Bata Illics Song Judy, I Love You verantwortlich zeichnete. Aha, dachte ich, Bata Illic nun wieder. Und vom Selberschreiben schien dieser Illic ja mal überhaupt nichts zu halten: Denn auch den Song Ich hab’ noch Sand in den Schuhen aus Hawaii hatte ihm jemand anders in den Mund gelegt – der professionelle Texter Fred Jay.

Ja, auch das war auffällig: dass einige Interpreten gar nicht so hießen, wie sie „im richtigen Leben“ hießen, sondern Künstlernamen angenommen hatten. Was ich in manchen Fällen auch durchaus verstehen konnte. Bei der damals ebenfalls erfolgreichen Rosemarie Schwab etwa oder bei ihrer Schwester Monika: „Mary Roos“ und „Tina York“, das klang doch einfach geschmeidiger, weltläufiger, glamouröser. Und wenn schon Interpreten für ihre Songs und die Bühne andere Identitäten annahmen, dann verwunderte es mich bald überhaupt nicht mehr, dass auch Texter und Komponisten sich kunstvolle Identitätsfassaden zulegten. So war der eben schon erwähnte Name „Fred Jay“ lediglich ein Pseudonym des songdichtenden Juristen Dr. Friedrich Alex Jacobson. Und auch „Jean Frankfurter“, Mitglied im Songwriting-Team für Bata Illics Michaela, hätte man im wirklichen Leben, geschweige denn im Telefonbuch, vergeblich gesucht. Denn Jean Frankfurter war eins von mehreren Pseudonymen eines Herrn mit dem eher langweiligen bürgerlichen Namen Erich Liessmann.

Ich ist ein anderer

Schon verwirrend: Da stellt sich jemand vor uns hin und sagt: „ich“. Selbst wenn man ein Stück zunächst nur im Radio, im Club oder auf einer Party hört, dauert es nicht lange, und man hat, vermittelt durch Zeitschriften, Musikvideosender oder Internetportale, ein Bild im Kopf. Man weiß, wie der Interpret, die Interpretin oder die betreffende Band aussieht – und hat eine Idee, wofür die vortragende Person, die vortragenden Personen stehen könnten. Was also liegt näher, als diesen „ich“ sagenden Leuten zunächst zu glauben und alles, was sie sagen und singen, auf sie zu beziehen?

Doch Michaela und Mendocino haben gezeigt, dass das Ich im Song und das Ich der vortragenden Person nicht immer identisch sind – und dass die vortragende Person das Ich, das sie vorträgt, nicht einmal selbst ins Leben gerufen haben muss. Mit Blick auf die Künstlernamen wird dann eine weitere Differenzierung notwendig. Denn auch die vortragende Person, die uns aus Promotionfotos und Videoclips, aus CD-Booklets und von Konzertbühnen entgegenblickt, ist nur bedingt identisch mit der dahinter existierenden realen Person, die morgens ungeschminkt aufsteht, schlecht gelaunt duscht oder auch nicht duscht, einkauft, Geschäftliches bespricht, kocht oder bekocht wird, sich auch mal langweilt, vor dem Fernseher hängt, in Internetshops nutzlose Sachen bestellt und zwischendrin mit Freunden telefoniert. Die vortragende „öffentliche“ Person dagegen, also jenes schillernde Medienwesen, das wir mit dem Song verbinden, ist eine Kunstfigur: perfekt frisiert, interessant gestylt, auf ein bestimmtes Image hin konzipiert: Aus Rosemarie Schwab wird also „Mary Roos“ und aus Monika Schwab „TinaYork“, ähnlich wie aus Bill & Tom Kaulitz samt Freunden die Bandmarke „Tokio Hotel“ wird, aus Brian Warner „Marilyn Manson“ oder aus Robert Zimmerman „Bob Dylan“. Im Falle von „Joan As Policewoman“, der Band der amerikanischen Songwriterin Joan Wasser, ist – Joan als Polizistin – der Aspekt der Maskierung und der Verkleidung zur Kunstfigur sogar schon im Bandnamen angelegt. Dagegen schwingt im Bandnamen „Wir sind Helden“ bereits selbstironisch die überhöhende Verehrung mit, die erfolgreichen Songkünstlern vonseiten des Publikums entgegenschlägt. Und wenn sich ein deutsches Duo Ich + Ich nennt, klingt das nur im ersten Moment unheimlich persönlich – denn eigentlich kann man sich als Fan überhaupt nichts und niemanden darunter vorstellen. Doch selbst wenn Interpreten unter ihrem bürgerlichen Namen auftreten, kreieren sie eine Marke – und damit eine Kunstfigur, die nicht mit der realen Person dahinter zu verwechseln ist.

Belege dafür, dass man zwischen dem realen Ich einer vortragenden Person und ihrem öffentlichen Ich, gewissermaßen ihrem „Show-Ich“, unterscheiden muss, gibt es wie Sand am Meer. Der in der Öffentlichkeit so abgeklärt wirkende Rockstar Kurt Cobain, Kopf der Band Nirwana, nahm sich 1994 völlig überraschend das Leben – die wahre Person hinter der Rockstarmaske war der Welt weitgehend verborgen geblieben. Dem erfolgreichen Entertainer, Sonnyboy und Frauenschwarm Robbie Williams sagte man 2007 Depressionen, Burn-out-Syndrom und Tablettensucht nach. Und mit Blick auf das Coverfoto seiner 2009 erschienenen CD Reality Killed The Video Star, das ihn mit Motorrad auf einer Landstraße zeigt, bekennt Williams der Zeitschrift „Spex“, Ausgabe November/Dezember 2009, dass er gar keinen Führerschein hat. Weiter sagt er: „Ich kann natürlich Auto fahren. Ich darf es nur nicht. Ich fahre Go-Cart. (…) Aber ich kann Ihnen verraten, wie ich auf die Idee mit dem Motorrad kam. Ich hielt ein Fotobuch von Paul Newman in der Hand und wollte auch so ein Foto von mir haben.“ Das Show-Ich erweist sich also klar als Inszenierung, die mit dem biografischen Ich nichts oder nur wenig zu tun hat und in diesem Fall obendrein das Imagespiel eines anderen Stars, der Hollywood-„Legende“ Paul Newman, zitiert.

Kunstfiguren müssen nicht aufs Klo

Die Kollision von realem Ich und Show-Ich wird gern auch in der öffentlichen Diskussion aufgegriffen – was stets erschüttert und zugleich fasziniert. So gibt die amerikanische Pop-Ikone Britney Spears in ihren Videos und öffentlichen Performances eine selbstbewusste, durchtrainierte, perfekt designte Dancing-Queen mit starkem Sex-Appeal; Medienberichte und Alltagsaufnahmen von der Straße oder aus Gerichtssälen dagegen präsentieren zeitweise eine aufgedunsene Privatperson, die mit dem Alkohol und mit familiären Problemen kämpft. Die im Mai 2012 an Krebs gestorbene „Disco-Queen“ Donna Summer gelangte in den 70er Jahren mit unzweideutig dahingestöhnten Songs wie Love to Love You Baby oder I Feel Love zu Weltruhm, hatte aber durchaus Probleme mit den Texten und ihrem Status als Sexsymbol: Schließlich war sie streng religiös erzogen worden, liebte eigentlich Gospelmusik und gehörte irgendwann sogar den Wiedergeborenen Christen an. In einem SPIEGEL-Online-Nachruf auf Donna Summer heißt es: „Dem afroamerikanischen Magazin ‚Ebony’ gegenüber betonte sie in einer Homestory 1977, dass sie jeden Abend bete und sich überhaupt nicht als sexy ansehe. Doch schließlich war sie Schauspielerin – nach Deutschland war Donna Gaines als Musicaldarstellerin in ‚Hair’ gekommen – und die hochsexualisierte Rolle, die sie nun spielte, war ein Kassenschlager.“

Rex Gildo war ein erfolgreicher deutscher Schlagerinterpret, der sich als treu sorgender Mann seiner Ehefrau Marion inszenierte und beständig eine heile Heterowelt besang. Nach seinem Tod im Jahr 1999 erfuhr jedoch auch eine breitere Öffentlichkeit von den Alkoholproblemen und der Homosexualität des am Ende ziemlich heruntergekommenen Stars, der im bürgerlichen Leben Ludwig Franz Hirtreiter hieß. Gerd Höllerich wiederum war ein ehemaliger BWL-Student, dem man eine große Unausgeglichenheit nachsagte und dessen überraschender Tod im Jahr 1991 auch von Selbstmordgerüchten umweht war. Zuvor hatte Höllerich als Schnulzensänger „Roy Black“ jahrzehntelang Frauenherzen betört. „Silke Höllerich“, so das Internetlexikon Wikipedia unter Berufung auf ein Buch der Ehefrau, „beschreibt ihren Mann als einen einerseits phasenweise sehr empathischen, liebevollen Menschen, andererseits als paranoiden, geizigen Egozentriker, der seine Frau vor anderen lächerlich machte, sie betrog, keine Beziehung zu seinem Sohn Torsten aufbauen konnte und im Alltag von seiner Familie und seinem Freundeskreis dieselbe Verehrung erwartete wie von seinem Publikum. Zeit seines Lebens soll Roy Black Probleme gehabt haben, die Gratwanderung zwischen seiner Rolle, dem Produkt ,Roy Black’, und seinem privaten Ich, Gerd Höllerich, zu bewältigen.“ Der Filmproduzent Karl Spiehs wird mit folgender Höllerich/Black-Anekdote zitiert: „Er riss gerne Witze über sich selbst, vor allem wenn er sich unglücklich fühlte. Sein Lieblingswitz: ,Wie bekommt man das Gehirn eines Schlagersängers auf Erbsengröße? – Einfach aufblasen!’“

Kurz: Show-Ichs sind Bestandteile von Kunstfiguren. Und Kunstfiguren sind cool. Entweder exakt so, wie ihre Anhänger sie haben wollen, oder ganz bewusst so, wie es niemand erwartet. Kunstfiguren haben keine Alltagsprobleme. Sie gehen nicht einkaufen, sie kochen nicht. Und sie müssen auch nicht aufs Klo.

Kid Rock ein Mörder?

Zwei weitere Eigenschaften von Kunstfiguren: Sie lassen sich beliebig mit pseudobiografischen Details ausschmücken – und man kann sie mühelos in andere fiktionale Kontexte integrieren. Was die Ausschmückung mit pseudobiografischen Details betrifft, sei stellvertretend für viele Fälle an den kleinen Privatmythos erinnert, der die amerikanische Band Blue Öyster Cult umgab und die Musiker zu Aliens stilisierte. Auch die regelmäßig kolportierten Versuche irgendwelcher Plattenfirmen und Manager, reale Liebesbeziehungen, Verlobungen oder gar die sexuelle Orientierung eines umsatzstarken Stars zu verheimlichen, um schwärmende (= zahlungswillige) Fans nicht zu vergraulen, gehört noch in diese Kategorie.

Unterhaltsame Beispiele für die Integration von Kunstfiguren in andere fiktionale Kontexte stellen dagegen die Gastauftritte dar, die Gesangsstars „as himself“ oder „as herself“, also unter eigenem Namen beziehungsweise unter ihrem Künstlernamen vor allem in TV-Serien absolvieren. So ist der Amerikaner Kid Rock „Held“ einer Folge der beliebten Krimiserie „CSI NY“. Die Handlung: Als während eines Kid-Rock-Konzerts, kurz vor der Zugabe, der Fahrer des Stars ermordet wird, gerät Letzterer selbst unter Mordverdacht. In der kurzen Zeitspanne zwischen Abgang von der Bühne und Rückkehr auf dieselbe hätte er die Tat durchaus begehen können. Passend zu seinem rüpelhaften Image gibt sich Kid Rock bei den Ermittlungen erst mal wenig kooperativ. Aber es ist nicht bekannt, dass Kid Rock im wahren Leben schon mal unter Mordverdacht gestanden hätte.

Etwas liebevoller eingebunden wird die amerikanische Country-Ikone Willie Nelson in eine Folge der schrulligen Krimiserie „Monk“. Auch Willie Nelson wird des Mordes verdächtigt, und zwar an seinem Manager. Zum Glück ist der ermittelnde Detektiv, der geniale, aber unter Zwangsneurosen leidende Titelheld Mr. Monk, einer der größten Fans von Willie Nelson, weshalb er sich bei den Ermittlungen besonders anstrengt, um sein Idol zu entlasten. Und was in Amerika funktioniert, muss natürlich auch von deutschen Fernsehserien aufgegriffen werden. „Unter uns“ heißt eine erfolgreiche Daily-Soap auf RTL, in der der Rockstar Wolf Maahn, der auch schon erfolgreichere Tage gesehen hat, als „er selbst“ auftritt. Dabei ist ihm von den Drehbuchverantwortlichen eine uneheliche Tochter angedichtet worden, die er nach deren Geburt sträflich vernachlässigt hatte und jetzt, als er sie Jahre später wiedertrifft, zunächst gar nicht als seine Tochter erkennt. Im Gegenteil: Er sieht in der attraktiven jungen Frau eine potenzielle Affäre und baggert sie an. Doch weil wir uns im Vorabendprogramm befinden, darf Wolf Maahn die wahren Zusammenhänge erkennen, noch bevor Verstörenderes passieren kann. Sein Show-Ich aber wurde um eine interessante fiktive Facette bereichert.

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erstellt am 11.6.2013
aktualisiert am 07.4.2015

what have they done to my song?

Songs sind allgegenwärtig, Songs sind der Soundtrack unseres Lebens. Doch obwohl sie gern viele Worte machen, sind es eher Sounds, Melodien und Rhythmen, Stimmungen, Styles und Attitudes, auf die wir Hörer anspringen. Textinhalte und ihr Zusammenwirken mit nichtsprachlichen Elementen bleiben oft auf der Strecke. Wie funktionieren Songs? Wie schaffen Songs Bedeutung? Und was machen wir daraus? Diesen Fragen geht der Frankfurter Autor Michael Behrendt im Rahmen eines Buchprojekts nach: mal subjektiv und assoziativ, mal analytisch hinterfragend – seine Songauswahl kennt wenige Grenzen. Faust-Kultur fasst einige Beiträge zu einer kleinen Serie zusammen. Es geht um hinhören, verstehen, missverstehen, um Song-Ichs, Show-Ichs, Darstellungsformen – und immer wieder um die Schlüsselfrage: „Wer spricht im Song?“