Die Frankfurter Galerie Art Virus zeigt noch bis 29. Juni Arbeiten von Myla DalBesio und Trong Gia Nguyen. Eugen El ist vorab durch die Ausstellung gegangen und hat mit den beiden New Yorker Künstlern gesprochen.

Myla DalBesio und Trong Gia Nguyen, Foto: APE

Myla DalBesio und Trong Gia Nguyen, Foto: APE

Ausstellung: Zwei New Yorker in Frankfurt

Thomas Mann im Hobbykeller

Zur Ausstellung von Myla DalBesio und Trong Gia Nguyen bei Art Virus

Von Eugen El

Der Horizont eines Frankfurters ist manchmal ganz scho?n eng. Der Anspruch ist zwar hoch: von „Mainhattan“ ist da die Rede, immer wieder wird der Vergleich zu New York gezogen. Doch machen einige Hochha?user noch keine Metropole, und so fu?hrt man als Frankfurter doch ein insgesamt eher beschauliches Leben. Es gibt aber auch immer wieder Erlebnisse, die diesen Erfahrungshorizont sprengen und Ansa?tze von Internationalita?t herstellen, einen Hauch von Brooklyn in die eher mechanische Betriebsamkeit der selbst ernannten Metropole am Main hineinbringen.

Eine solche Gelegenheit bietet sich zurzeit an einem Ort, den ich vorher nicht unbedingt in meinem Fokus hatte. Art Virus Ltd. ist eine in einer Villa im su?dlichen Sachsenhausen untergebrachte Galerie, die neben eher marktga?ngigen Positionen auch junge, hierzulande weniger etablierte Ku?nstler fo?rdert. Im Rahmen dieses Projekts sind Myla DalBesio (geb. 1987) und Trong Gia Nguyen (geb. 1971) aus New York angereist und zeigen bei Art Virus eine repra?sentative Auswahl ihrer Arbeiten.

Als ich zwei Tage vor der Ausstellungsero?ffnung in der Art Virus-Villa eintreffe, herrscht dort ein angenehmes Chaos. Die beiden Ku?nstler sind noch dabei, ihre Werke aufzubauen und es scheint, als ha?tten sie noch einen sehr langen Abend vor sich. Wa?hrenddessen schwirrt der Gescha?ftsfu?hrer der Galerie, Michele Sciurba, durch die Ra?ume, mit einem Headset ausgestattet einen Anruf nach dem anderen ta?tigend. Man spu?rt den Ehrgeiz, der hinter diesem Projekt steckt.

Meine Hausbegehung beginne ich im Erdgeschoss, den Myla DalBesio mit ihren Arbeiten bespielt. Ihre auf den ersten Blick scheinbar nicht aufeinander bezogenen Werke sind in Wirklichkeit Teil eines Konzepts, das ihr erlaubt, zwischen unterschiedlichen ku?nstlerischen Medien zu wandern. DalBesio entwirft die Idee eines eigenen religio?sen Kults. Dieser Kult setzt sich zum Ziel, die uns bekannte Realita?t zu u?berwinden und zu neuen Dimensionen vorzustoßen. Die angestrebte Ekstase kann durch Meditation, aber auch Drogenkonsum und Ausu?bung der Sexualita?t erreicht werden. Im Gespra?ch betont die junge Ku?nstlerin mit einem umgedrehten Kreuz auf ihrem T-Shirt die fu?r sie evidente A?hnlichkeit zwischen spiritueller Ekstase und dem Orgasmus. Das Design des Kults resultiere aus ihren perso?nlichen Erfahrungen. Dabei geht es DalBesio darum, im Schutzraum der Kunstwelt etwas Neues aufzubauen, und zu schauen, wie weit sie dabei gehen kann, inwiefern ihr Experiment diesen Schutzraum braucht. Referenzen fu?r eine ku?nstlerische Aneignung und Umdeutung religio?ser Inhalte dra?ngen sich auf: man denke etwa an den in Offenbach lehrenden Zeichner Manfred Stumpf.

Bad Bitches, Foto: APE

Im Wohnbereich des Erdgeschosses ist DalBesios Serie „Bad Bitches“ zu sehen. Es sind Collagen, die opulente weibliche Unterwa?schemodels zeigen, fast schon ornamental angeordnet, den Betrachter mit Reizen u?berflutend. Fu?r die Ku?nstlerin sind dies starke Frauen, die durch ihre sexuelle Attraktivita?t eine gewisse Macht ausu?ben und sich dadurch auf eine andere Realita?ts-Ebene begeben. Der Kontrast zwischen der behaglichen Wohnzimmer-Atmospha?re und den „Bad Bitches“ funktioniert. Das Dekorative, das jedem u?ber dem Sofa ha?ngenden Bild innewohnt, wird hier durch die blanke Obszo?nita?t und die gleichzeitig strenge Komposition der Collagen konterkariert.

Myla DalBesio, Foto APE

Einen der Ra?ume hat DalBesio mit rituellen Gegensta?nden, einem Portra?t des Hohepriesters ihres Kults sowie weiteren Arbeiten ausgestattet. So collagierte sie zum Beispiel diverse Call-Girl-Anzeigen mit gebleichten Dollarscheinen zu einem All-Over, in dem alles noch u?brig gebliebene Individuelle verschwimmt. Eine Serie von gewachsten Dollarnoten verweist auf eine fru?here, in New York aufgefu?hrte Performance. Außerdem zeigt sie in diesem Raum die Arbeit „Chrystal Heels“, Schuhe mit hohen Absa?tzen, die mit Kristallen ausgefu?llt sind. In DalBesio kultischem Universum besitzen Kristalle eine energiespendende, vor allem aber eine fu?r Ko?rper und Geist reinigende Wirkung. Auch Salz schreibt sie eine solche Wirkung zu. In ihrer Frankfurter Ausstellung zeigt die Ku?nstlerin eine Installation, fu?r die sie mehr als 100 Kilogramm Salz verarbeitet hat. Die Installation wurde denn auch erst zur Ausstellungsero?ffnung fertig. Auch das Haar und die Fingerna?gel spielen fu?r DalBesios Kult eine Rolle, als nachwachsende Elemente, als Element der Ha?utung. U?berhaupt betont die Ku?nstlerin im Gespra?ch ihre Faszination fu?r Transzendenz und Reinigung.

Die Fenster des kleinen Raums sind mit Zeichnungen zugeklebt. Stark um die Umrisslinien reduziert, zeigen sie Frauen in mitunter schlu?pfrigen Posen. Erst am Abend der Ero?ffnung konnte der Raum seine Wirkung entfalten. Wirkte er bei Tageslicht noch wie ein unaufgera?umtes Jugendzimmer, so bekam er bei Da?mmerung etwas von einer grotesken Mischung aus Schrein und Bordell, was DalBesios Konzept eines stark auf Sex basierenden Kultes sicher entgegenkommt.

Bei unserem Gespra?ch zeigt sich Myla DalBesio gespannt auf die Reaktionen des Frankfurter Publikums, schließlich ist dies ihre erste Ausstellung in Deutschland und Europa u?berhaupt. So sieht man die Ku?nstlerin am fru?hsommerlichen Abend der Ausstellungsero?ffnung immer wieder in angeregter Konversation mit den sichtbar glamouraffinen Ga?sten.

Nach einer kurzen Verschnaufpause im idyllischen Garten der Art Virus-Villa geht es ins Obergeschoss, wo Trong Gia Nguyen einen Teil seiner Werke installiert hat. Als Lockerungsu?bung zum Einstieg besprechen wir die Arbeit „What My Birds Think of Mitt“, ein Fotoportra?t des 2012 unterlegenen amerikanischen Pra?sidentschaftskandidaten, welches Nguyen fu?r einige Zeit in den Ka?fig der bei ihm zuhause lebenden Ziervo?gel gelegt hat. So ist Romneys Portra?t, wie man es sich denken kann, mit lauter Vogelkot u?berdeckt. Ein Hauch von Verga?nglichkeit manifestiert sich hier, denn wer wird noch in einigen Jahren wissen, wer Mitt Romney ist? Ein ebenso existierendes, der gleichen Versuchsanordnung unterzogenes Obama-Portra?t ha?lt der Ku?nstler jedoch unter Verschluss.

Eines der interessantesten Projekte der Ausstellung begegnet mir in Form von elf auf den ersten Blick unscheinbaren, mit Reisko?rnern gefu?llten, durchsichtigen Tu?ten. Der Ku?nstler hat sich hier von einem ga?ngigen Souvenir inspirieren lassen – dem eigenen Namen, auf ein Reiskorn geschrieben. Nguyen jedoch radikalisiert das profane Konzept und u?bertra?gt ganze literarische Werke auf die filigranen Ko?rner. Als Langzeitprojekt hat er sich Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vorgenommen – ein Werk, das auf immerhin rund 1,5 Millionen Wo?rter kommt. Fu?r die Frankfurter Ausstellung hat Nguyen Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter“ sowie das erste Kapitel von Thomas Manns „Tod in Venedig“ u?bertragen. Dabei ist dem Ku?nstler der hohe Konzentration erfordernde, fast meditative Prozess der Aneignung der jeweiligen Werke wichtig. Der konzeptuelle „Sound“ dieses Projekts erinnert einerseits an die satirische Publikation „Kunst aufra?umen“ des Schweizers Ursus Wehrli, gleichzeitig aber auch an die strengen malerischen Exerzitien des Roman Opalka. Wie u?berhaupt Verbindung von Witz und Tiefe Nguyens Arbeitsweise pra?gt.

Den in Vietnam geborenen, seit 1975 in den USA lebenden Ku?nstler muss man sich als einen a?ußerst entspannten Zeitgenossen vorstellen. Beim Abendessen erfahre ich etwas mehr u?ber seinen Werdegang. Wie es in New York oft u?blich ist, verfasst er auch Texte und Kritiken und kuratiert jedes Jahr einige Ausstellungen. Auch Berlin ist kein unbekanntes Pflaster fu?r Nguyen. Dort genießt er die Mo?glichkeit, auch mal erst nachmittags um drei zu fru?hstu?cken. U?berhaupt sei der Lebensrhythmus in Berlin viel langsamer als im heimischen Brooklyn.

Trong Gia Nguyen, Foto: APE
Trong Gia Nguyen neben seinem Sebastian

Trong Gia Nguyen vor seiner nachgebaute Tischtennis-Platte und neben dem „Heiligen Sebastian“, Fotos: APE

Schließlich geht es zum Herzstu?ck dieser Doppelausstellung. Im Untergeschoss der Art Virus-Villa hat Nguyen sein „Mann Cave“ aufgebaut, der aber nicht nur im Titel fu?r Irritation sorgt. Der Begriff „Man Cave“ bezeichnet den Zufluchtsort des amerikanischen Mannes, eine Art Hobbykeller, der Sportgera?te wie Devotionalien ebenso entha?lt wie einen Fernseher. All das la?sst Nguyens auf den beru?hmten deutschen Schriftsteller verweisendes Werk auf den ersten Blick nicht vermissen. Doch lauert auch hier hinter der allta?glichen Maske eine tiefere Bedeutungebene. Die originalgetreu nachgebaute Tischtennis-Platte schließt an einen Spiegel an, sodass man gegen sich selbst spielt und eigentlich nicht gewinnen oder verlieren kann. Dass man sich selbst der gro?ßte Gegner ist, weiß man schon zur Genu?ge, hier aber schwingt auf einmal die Angst mit, das Spiegelbild ko?nnte sich verselbsta?ndigen und in echte Konkurrenz treten. Ein in Anlehnung an Hobbykunst auf schwarzen Samt gemaltes Trikot des Basketball-Heroen Michael Jordan oszilliert zwischen Traum und Trauma: statt „Air Jordan“ heißt es dort „Air Qaeda“. Zum Abschluss entdecke ich noch ein Dartboard, das die Umrisse des Heiligen Sebastian nachbildet – hier nach Giovanni Bellini. Eine Arbeit, die vor „Campyness“ nur so strotzt! Susan Sontag ha?tte ihre helle Freude an dieser augenzwinkernden Dekonstruktion der abendla?ndischen U?berlieferung. Im Gespra?ch betont Nguyen die Bedeutung der Doppeldeutigkeit seiner Werke – sein Ziel sei es, Kunstwerke zu aktiven Objekten zu machen, die die Routinen des Betrachters zu irritieren vermo?gen.

Nach der Begehung verfestigt sich bei mir der Eindruck, zwei unterschiedlich starke Positionen kennengelernt zu haben. Myla DalBesios Arbeiten scheinen noch eine gewisse Reife vermissen zu lassen. Auch fehlt ihnen a?sthetische und konzeptuelle Konsequenz. Das Gedankengeba?ude, das sie um ihre Arbeiten herum errichtet, steht auf einem wackeligen Fundament. Vor diesem Hintergrund erscheint Trong Nguyens Position deutlich souvera?ner. Seine Einfa?lle beschra?nken sich keineswegs auf konzeptuelle Gags, vielmehr entfalten sie ungeahnte kulturelle Bezu?ge. Eine solche Verbindung aus Spiel und Ernst ist in der Kunst selten und daher umso lo?blicher.

Als ich in den warmen Frankfurter Fru?hlingsabend hinaustrete, bin ich mu?de, aber auch glu?cklich u?ber eine bereichernde Begegnung, eine Entdeckung, einen Hauch von Brooklyn in Frankfurt.

Eugen El

Fotos der Ausstellung:
Alexander Paul Englert

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 30.4.2013

Trong Gia Nguyen |

Myla DalBesio

Dauer der Ausstellung bis 29. Juni 2013

Galerie Art Virus

„Chrystal Heels“ von Myla DelBesio

„Dollar Bills“ von Myla DelBesio

„What My Birds Think of Mitt“ von Trong Gia Nguyen

»Rilke. Briefe an einen jungen Dichter“ – auf Reiskörner geschrieben von Trong Gia Nguyen

Max Weinberg

Der Frankfurter Künstler Max Weinberg geht durch die Saloon-Tür in Trongs „Mann Cave“

Gerade erschienen:

Trong Gia Nguyen : Mann Cave

Trong Gia Nguyen
Mann Cave

Format: 210 × 210 mm
60 Seiten, zahlr. Abb., vierfarbig
Broschiert mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-9815893-1-3

Katalog-Buch bestellen

Myla Dalbesio : Born Rich

Myla DalBesio
Born Rich

Format: 210 × 210 mm
72 Seiten, zahlr. Abb., vierfarbig
Broschiert mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-9815893-0-6

Katalog-Buch bestellen