Die Frage ist hier nicht, ob wir mit Truppenentsendungen und Waffenverkäufen über Bande schon längst wieder Kriegsteilnehmer sind und lediglich pro forma nie wieder Krieg beherzigen, sondern welchen Charakter unser fast 70jähriger Frieden – der längste seit erdenklichen Zeiten – angenommen hat. Der Berliner Schriftsteller, Künstler und Musiker Thomas Kapielski hat diesen Ausnahmezustand erst in der Zeitschrift Tumult und jetzt in Faust-Kultur auf seine Möglichkeiten hin durchdacht und nennt ihn den kalten Frieden.

Kurzessay

Der kalte Friede

Von Thomas Kapielski

Seit beinahe siebzig Jahren ist uns der Krieg abhold. Es scheint, als vermochten europa?ische Gewalten, mit irgend eschatologischen Geschicken ausgestattet, das Goldene Zeitalter des Ewigen Friedens zu inaugurieren. Westeuropas Nationen wiegen sich ganz selbstsicher, beinahe hochmu?tig in »besta?nd’ger Waffenruh’«. Man glaubt allhier den Frieden fu?r immer sicher und wa?hnt ihn nach Beendigung des Kalten Krieges durch Konstrukte der politischen Einigung und eine gemeinsame Wa?hrung noch zusa?tzlich befestigt. Der erbittert gefu?hrte jugoslawische Krieg (notabene: in einem Wa?hrungsgebiet), der eigentu?mliche britische Ausfall wider Argentinien und einige zaghafte Auslandseinsa?tze im Troß US-amerikanischer Truppen haben die Gewißheit vom dauernden Frieden in Europa selbst nicht erschu?ttern ko?nnen.

Solch eine ungewo?hnlich lange Zeit hiesigen Friedens muß mißtrauisch machen. Sollen wir denn glauben, daß dieses za?hlebige Wesen, das wir Krieg heißen, uns – ausgerechnet uns! – so einfach abhanden kam, verdampfte, sich in Nichts auflo?ste? War der Krieg Jahrtausende nur ein la?ßlicher Irrtum? – Womo?glich versteckt er sich nur? Er tost ja doch ringsumher ganz beharrlich fort. Auch bedenke man, ob jene, die den Krieg in Europa fu?r nie mehr mo?glich halten, ihm durch ihre Arglosigkeit etwa neue Wege ebnen. Vo?lker, die einiges davon verstanden, anempfahlen: Qui desiderat pacem, praeparet bellum – Wer Friede wu?nscht, bereite den Krieg! Und lasse ihn nie außer acht! Nun, derweil sich die Unbeku?mmerten des ungeachtet in Sicherheit wiegen und entwaffnen, gra?bt der Krieg womo?glich neues, heimliches Unheil auf. Und vielleicht besteht seine List eben darin: uns arglos, unbeku?mmert und kriegsblind zu machen. Wo also verbirgt sich der Krieg? Kann es sein, daß es hier ein historisches Novum zu entdecken gilt, dergestalt, daß sich der Frieden als eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln bezeigt? Wohl gemerkt: nicht so, wie es Spengler in Jahre der Entscheidung dachte, als er Clausewitz wandte und die politische Hegung des Krieges im Frieden meinte. Nein, wir fragen abweichend: Wo und wie wird mo?glicherweise Krieg im Frieden fortgefu?hrt? Bedient sich die verschwundene Plage neuer Listen und Larven, um ihre Gefra?ßigkeit im Frieden verborgen zu sa?ttigen? Krieg birgt die List, sich zu verstellen, zu vera?ndern, zu u?berraschen, hinterru?cks und ganz anders zu werden, als man ihn kennt und vermutet. Daß der Krieg u?berdies klein und schwelend, ungleichseitig und verdeckt gefu?hrt werden kann, wissen wir la?ngst. Wenn er u?berdies staubklein, verschmiert und allta?glich wird, wie in Luft aufgelo?st, dann versteckt er sich mo?glicherweise im Frieden, obzwar in einem falschen, einem kalten. Dann wa?re er ein »Kalter Frieden«. Und ein solcher tilgt und nichtet verdeckt und verhalten, damit er als Krieg nicht etwa anru?chig und beka?mpft werde.

Die derzeit unter uns ga?ngige Gewalt und Willku?r, ob ruchlos oder nur dreist, ist schamlos, sie verhehlt und scha?mt sich selten noch; vom Krieg allerdings wa?hnt sie sich fern; es sei denn, sie droht mit Krieg in den Sta?dten, ruft auf zu einem heiligen oder eigenma?chtigen. (Was je nach dem ernstgenommen wird, nicht aber als Kriegserkla?rung.) Der moderne, milita?risch institutionalisierte – jus ad bellum: legitime – Krieg hingegen scha?mt sich seiner notwendigen Gewalt und ka?me lieber ohne sie aus; er wu?nschte sehnlich, ein pazifistischer, ein guter, schadloser Krieg zu sein. (Gewisse Gewalten dra?ngen ihn quasi militant dazu.) Nun, wenn der Krieg die Gewalt nicht mehr will und abweist, dann adoptiert ihn womo?glich der Frieden und stiftet darum einen – Kalten Frieden?

Es la?ßt sich vermuten, daß die Summe der Gewalt unter Menschen einigermaßen konstant und allein ihre Verteilung und Auspra?gung variabel bleibt. Wird sie hier gea?chtet, geza?hmt oder ganz vergessen oder belanglos, dann keimt sie und die Lust an ihr sogleich anderswo; das Magma quillt aus anderen Rissen. So wa?lzen sich die Gewichte der Gewalt beharrlich von einer Waagschale zur anderen; sie bedru?cken oder peinigen stetig, egal wen oder wo und wie. U?berdies sind die Gewichte der Gewalt so anschmiegsam, wandelbar und ta?uschtra?chtig – wie je Kriegslist. Denkbar also abermals, daß es einen irgend geza?hmten Krieg, besser: einen Kalten Frieden, gibt, der seine ihm ganz eigentu?mlichen Lasten und Drangsale bezeigt.

Krieg herrscht eigensinnig. Doch eines scheint gewiß: einen Aderlaß, wie ihn die zwei letzten großen Kriege den Vo?lkern abno?tigten, darf dieser kinderarme, gemach dahinwelkende Kontinent nicht mehr wagen. Der massenmordende Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts bedurfte des Reichtums an Menschen; er sa?ttigte sich an der Fu?lle seiner – wohl auch darum – kriegslustigen Vo?lker.(1) Wenn wir uns den Krieg als einen um seine Existenz besorgten Parasiten denken, begabt mit bewußtloser Schla?ue, dann mu?ßte er heute, innerhalb Europas,(2) davor zuru?ckschrecken, Menschen zu fressen. Sie sind rar geworden, und es blieben kaum welche u?brig, ihn ku?nftig zu bewirten und zu stillen. Das große Morden und Brennen schnu?rte dem Krieg die Luft ab und plu?nderte seinen Brennstoff. Darum wandelt der Krieg sich tunlichst in Frieden. Ein Kalter Friede na?mlich, so es ihn, wie wir argwo?hnen, gibt, verheert ohne unba?ndige, maßlose Mordlust; er agiert als ein gema?ßigter, enthaltsamer, lauer Krieg und zielt auf blasse, nicht blutige Beute.

Folglich und abermals die Frage: Ko?nnte der Krieg, zu seinem Frommen, das große Abschlachten und Brandschatzen nicht bleibenlassen, um sich und seine Ruchlosigkeiten in einen Kalten Frieden hinu?berretten? Auf das große Gemetzel verzichtend, bliebe er geba?ndigt, gleichwie beißend, fingierte ewigen Frieden und hielte sich einstweilen an minderer Beute schadlos. Ein gewisser Reichtum ist Europa geblieben; die Vermo?gen sind breit verteilt. Das wa?re die eine Beute. Auch geho?ren zum Vermo?gen noch Ordnungen und Tugenden, das wa?re die andere. Ein Kalter Friede vertilgt, indem er arm und armselig, siech und dumm macht. Er zersetzt Vermo?gen, Geist und Gesittung der Menschen, u?berdies noch all die schwer wa?gbaren, gewo?hnlichen Sittsamkeiten: Zuversicht, Freundlichkeit, Benehmen, Frohsinn und dergleichen. Auch dies sind der Menschen mu?hsam erworbene Besitztu?mer; sie stiften Ordnung, Heil und Wohlstand, sind zerbrechliches, nichtsdestoweniger grundlegendes Gut inmitten einer bru?chigen Welt. Sie stillen gleichfalls Beutegier.

Indes, ist nicht der hiesige Reichtum la?ngst schon ein geborgter, ein geplu?nderter? Sind die Fundamente des Geistes und der Gesittung nicht bereits untergraben? Wer in den Sta?dten, ach was, auch auf dem Lande wohnt, wer auf die Bildschirme schaut, der gewo?hnlichen Rede lauscht, Witterung pflegt, der ermißt – so er denn sieht, was er sieht – die la?ngst entstandenen Scha?den – eines andauernden Kalten Friedens.(3) Der Kontinent hat sich la?ngst zu verausgaben, zu erscho?pfen, zu verblo?den begonnen. Auch hat er hieru?ber die Kraft verloren, sich zu behaupten als auch den Mut, die Gebrechen nicht nur zu benennen, sondern u?berhaupt erst zu gewahren. Wie auch immer, Blindheit, Lu?ge und Ausflucht, das sind ewig falsche Katechonten – oder sind es gar schon Scha?den als auch Listigkeiten eines Kalten Friedens?

Ko?nnte gar das europa?ische Geld, der Euro, mit guten Absichten und friedenstiftend in die Welt gesetzt, sich als Advocatus diaboli entpuppen? Streut er nicht la?ngst Zwietracht und Mißgunst unter die europa?ischen Staaten, und droht er diese am Ende nicht abermals zu berauben und zu bescha?digen – wie ehedem Krieg?(4) Entlarvt er sich als verschlagenes U?bel im Gewande hehrer Versprechung? Und stellen nicht u?berhaupt der hiesige Umgang mit Vermo?gen, das Leben auf Pump und die Gleichgu?ltigkeit am Geschick ku?nftiger Generationen etwas lange schon – im Frieden! – Zersto?rerisches dar? Lautloses Unheil zermorscht seit langem die Fundamente, und unter den noch Saturierten brodelt schon Zorn auf. Allein, wer sich erku?hnt, einen Unfug gefa?hrliche Torheit zu zeihen, wird weggewischt und Verderber genannt. Stures Durchhalten geho?rt seit je zu den Untugenden, nicht nur des Krieges; es triumphieren die heroische Geste, der Starrsinn vermeintlicher Macht und der gewohnte Lauf, befestigt durch Verleumdung.

Gewiß, vielmals schon sind Parallelen zur Spa?tzeit Roms auffa?llig gemacht und wiederum bestritten geworden; und doch: Auch uns, die dumm, wehrlos und lustig gewordenen Bevo?lkerungen des Westens bedra?ngen von den Ra?ndern her lebensentschlossene, begierige Vo?lker (die sich als Vo?lker erkennen, nicht als Bevo?lkerungen). Wider unseren duldsamen Agnostizismus bringen sich Unduldsamkeit, Enthusiasmus und Trotz in Formation. Unsere bitter erka?mpften Freiheiten sind uns gewo?hnlich geworden und den Allerwenigsten der Mu?he noch wert. Ein alles Gewa?hrenlassen, nicht, wie behauptet, aus Gru?nden der Toleranz, sondern der Gleichgu?ltigkeit und Schwa?che, zersetzt Besta?nde.

Und sollte Krieg tatsa?chlich irgendwann einmal zur Ultima ratio werden, da es alles, die Menschen, das Volk, Freiheit, Besitz und Leben zu verteidigen ga?lte, so wird man sich hier, so beschleicht uns bo?ser Verdacht, vor Kleinmut lieber jedwedem Joch beugen. Denn der Kalte Friede la?ßt schon beizeiten erstarren, verdummen und bersten.

(1) Gunnar Heinsohn hat dies vielmals dargelegt.

Ein milita?rischer Angriff auf Europas Staaten von außer halb sei hier jetzt unbedacht, wiewohl auch der nicht un mo?glich, denn es gibt Staaten als auch Gewalten mit milita?rischem Gewicht, die uns zu beugen trachten, wenn auch zuna?chst kaum fa?hig hierzu – wohl aber zu Kleinkrieg, Terror und Sabotage. Ansonsten mo?ge man einmal bedenken, was ein ku?nftiger Hegemon, etwa im Unterschied zum derzeit amerikanischen, Europa gegenu?ber zu wagen bereit sein ko?nnte.

(3) An anderer Stelle spreche ich – ohne noch den Begriff des »Kalten Friedens« erwogen zu haben – von einem »Vorspiel einer Lebensform der Zukunft (oder Gegenwart)! Na?mlich: Verschwinden des Staates. Hochkommen eines verpo?belten Nihilismus. (Wirklich everything goes! Und zwar: Diesseits von Gut und Bo?se!) Und wer wollte diesem Staat noch Respekt erweisen? Er ist ein geldgefra?ßiges, fades Fernsehereignis, eine Zeitungsposse, eine ku?nstliche Aufregung und vollauf mit Problemen bescha?ftigt, die er selbst verursacht. (…) Die Lebensla?ufe seiner ho?heren Angestellten (…) fließen glatt und abseits aller breiten, wilden Alltagsstro?me wohlgeschu?tzt dahin (…). Im Volk aber, im jungen zumal, kommt inhumanste Gleichgu?ltigkeit auf und es gedeiht die Erfahrung der Gewalt als sta?rkste aller sozialen Handlungen. Das Vorhandensein und Funktionieren o?ffentlicher Bequemlichkeiten wird im Nachwuchs fu?r naturwu?chsig gehalten (…) und demoliert. Die gesellschaftliche A?chtung jeglicher Form von Anstrengung (Bildung, Haltung, Arbeit, Elternschaft, Verantwortung) wird Konsens.
Die alten Formen bu?rgerlicher Moral (Ho?flichkeit, Distanziertheit, Zuverla?ssigkeit, Universalita?t, Benehmen) sind aufgebraucht, die geistige Kraft zu ihrer Wiederbelebung ist nicht mehr vorhanden. Das Verschwinden des großen Krieges zwischen den Nationen, nicht aber seines Gewaltpotentials, fu?hrt zu seiner Umgestaltung, zu seiner Klein und Regionalwerdung, zu seiner Zerstreuung, Mikroskopierung und Unsichtbarwerdung in Allgegenwart. Furcht und Gewalt werden zum sozialen Grundrauschen (…). Ko?rperliche Arbeit als aggressiver Druckausgleich: obsolet. Sport macht sich dem Krieg la?ngst gleich. Geistige Arbeit als Instrument sozialer Verfeinerung zieht sich hinter die Bildschirme zuru?ck und spielt dort in ku?nstlichen Welten (…). Jeder gegen jeden, aber kein Gott mehr weit und breit fu?r oder wenigstens gegen alle. (…) Der einzeln, unberechenbar Durchknallende (Galgenvo?gel, Psychopathen, Kriminelle, Serial Killers, Berufene) und die kriegerischen Rotten (als wiederaufkommende Feudalform: Clan, Gang, Mafia, Ra?uberbande, Privatarmee und sonstige Hakkapeliitten) setzen sich in den Ruinen staatlichen Gewaltmonopols fest, lo?sen es weiter auf, zerstreuen und chaotisieren oder organisieren die verwandelten Gewalten vermittelst stammesgeschichtlicher Rituale (Blut, Rache, Ehre, Gewalt). (…) Parole: Proleten, Heloten, Meto?ken und Hirten aller La?nder – haßt euch!« (Thomas Kapielski: Sozialmanierismus. Berlin 2001.)

Es heißt, Mitterand habe den Vertrag von Maastricht als »Versailles, nur ohne Krieg« zu deuten gewußt.

Thomas Kapielski

Auszug aus der Viertelsjahreszeitschrift TUMULT, © Büchse der Pandora, Frühjahr 2013.

Siehe auch:
TUMULT: Friedrich Kittler

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erstellt am 21.4.2013
aktualisiert am 20.10.2017

Viertelsjahreszeitschrift TUMULT