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Felix Tota denkt drüber nach, wie Autoren in Zügen aussehen.
Felix Tota denkt drüber nach, wie Autoren in Zügen aussehen.
Das halbe Wort

Felix Tota

Felix Tota – Wie ich ihn kennen lernte? Leipziger Buchmesse 2013: Ich unterhielt mich mit dem wunderbaren André Gstettenhofer vom Salis Verlag an dessen Stand. Er fragte, ob ich schon die Matratze bei der Edition Pächterhaus ausprobiert habe. Welche Matratze? fragte ich fasziniert – und dann dauerte es nur noch kurze Zeit, bis ich mich auf ebendieser niederließ. Felix Tota saß neben mir, erzählte mir von der neuen Veröffentlichung: der Landpartie 13, die er mit Juli Zucker, Andreas Thamm und Johanna Kliem herausgibt und in der auch ein Text von ihm abgedruckt sei (siehe weiter unten). Ich erzählte von Faust-Kultur und unsere Unterhaltung entspann sich immer weiter. Es war aber auch zu gemütlich auf dieser Matratze mitten auf der Leipziger Buchmesse!
Genau genommen sei Felix zur Hälfte Rumäne, zum Viertel Ungar und zum Viertel Moldauer, sagt er. Er sei mit 2,5 Jahren mit Muttern nach Deutschland (Wuppertal) und habe ausreichend Zeit gehabt, die deutsche Sprache zu lernen. Ja, offensichtlich, denn er studiert nun in Hildesheim kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Felix Tota. Bohème – man kennt meine Affinität dazu, gerne beziehe ich mich auf sie. Für mich ist Felix ein Bohémien, wie er im Buche steht – sein Auftreten, seine Präsentation, seine Worte und nicht zuletzt sein großartiger Text …
Jannis Plastargias

Da muss man aufpassen mit dem, was man sagt,
was man schreibt und wie man das rüberbringt.
Damit muss man aufpassen. Weil ich bin einer,
der lässt sich das nicht gefallen,
Freunde der Sonne.

Stefan Effenberg

Erzählung

Einen Scheitel ziehen – Modus Operandi

Von Felix Tota

Das Licht des Flurs, ähnlich sparsam dem der Pissoirs auf öffentlichen Rastplätzen, wirft den verzerrten Schatten, dem ich eingestehe, mir zu gehören. Meine Schritte machen keine Geräusche, meine hängenden Arme auch nicht. Der graue lebensfeindliche Teppich unter mir nimmt alles in sich auf. Ich habe ihn bespuckt und getreten, zu verstehen gegeben, dass ich jeden Gang auf ihm verabscheue, weil er mich am Ende in das Büro vom Sprenger führt. Richard B. Sprenger. Richard Bastard Sprenger – oberste Instanz der Abteilung, Arschloch allererster Güteklasse. Das Anklopfen an seiner Tür ließ meine Hand immer ein Gefühl davon erfahren, wie es wäre, wenn sie mit fünf Mittelfingern ausgestattet wäre. Ich gehe weiter, in dem Wissen, gleich ebendiese Tür zu öffnen und zu bemerken, dass Sprenger seinen Zigarrengeruch greifbar dagelassen hat. Wie jeder Geschäftsmann – oder seine Karikatur – raucht er Zigarren.
Die Etage ist noch leer. Zu dieser unchristlichen Zeit trifft man höchstens noch eine Reinigungskraft an, die das Stockwerk in den letzten Zügen vorbereitet. Ich gehe unter den Leuchtstoffröhren weiter. Neben dem Wasserspender, kurz vor Roberts Büro, nehme ich etwas Granulat aus dem Blumenkübel und stecke es mir in die Jackentasche. Robert. Guter Junge. Kommt gleich und gibt mir den Schlüssel. Robert hasst den Sprenger, genauso wie ich – und wie jeder normale Mensch, der eine Abneigung gegen Arschlöcher mit einem Hang zu bunten Krawatten und einem Redebedürfnis bezüglich Geld hat.
Robert wird mir helfen, mir die goldene Brücke bauen, um Sprenger das Andenken zu überreichen, das ich in meinem geschulterten Sack aus Jute dabei habe. Eine schwere Bürde, ein Relikt aus den 90ern, ein Beutel, auf dem vereinfachte rote Wurst und analog dazu gelber Käse aufgedruckt ist – aber es ist eine Bagage mit famosem Inhalt.

*

Sprenger sagte: „Sie wissen wohl, warum wir beide hier sind“ – durch seine albernen, viel zu kleinen Zähne. Er kam hinter seinem Schreibtisch hervor und ging an mir vorbei, er stand die ganze Zeit, die ich, geankert im Besucherstuhl, im Büro verbrachte. Er begann zu vagabundieren, im Raum umher, als wollte er das Gespräch im Vorbeigehen erledigen. Dann blieb er hinter mir stehen. Sprenger wollte wieder etwas sagen, ich ließ ihn nicht.

„Vermutlich nicht, um über ihren anstehenden Urlaub zu sprechen“, erwiderte ich, mit meinem Blick auf dem Bild seiner vom Zahnpastalächeln gebeutelten Familie. Ein Bild, das die komplette bucklige Sippe vor einem Bauernhof in seiner gänzlichen Beschissenheit zeigt. Diese gerahmte Bauernhof-Idylle sah so aus, als könnte sie es gut vertragen, dass ich ihr – beim Rausgehen, durch eine ungeschickte Bewegung – mit meinem Hintern zu nah komme, um es auf bedeutungsträchtige Art und Weise vom Schreibtisch zu schmeißen.

„Ja, wie immer gut erkannt“, sagte Sprenger bissig. „Es geht vielmehr um Ihren Urlaub, beziehungsweise um Ihre Freistellung. Das ist der gebräuchliche Verlauf der Straffung, das ist nichts Persönliches, eine betriebsbedingte Kündigung, keine verhaltens- oder personenbedingte“, fuhr er im mütterlichen Ton fort – immer noch hinter mir, die Hände erwartungsgemäß bei sich und nicht auf meiner Schulter.
Es war abzusehen, was mir Sprenger noch zu sagen hatte. Ich lehnte mich zurück und ließ ihn seine Textbausteine zusammensetzen, denen ich nicht mehr zuhörte. Ich fing an, den Speichel zu sammeln, den ich ihm nach dem Gespräch auf die Fußmatte setzte. Dabei sah ich mir weiterhin das Bild seiner Familie an, sogar sein Sohn wurde unter eine, diese – nein – seine Filialleiterfrisur gesetzt. Dieser arme, arme kleine Bastard.

*

Ich lege meine Hand auf die Türklinke von Roberts Büro und drücke durch. Die Tür ist abgeschlossen, Robert also noch nicht da, das Geheimnis somit offensichtlich und eine ziemliche Grundwahrheit.
Ich fasse in meiner Jackentasche nach dem Granulat aus dem Blumenkübel und rolle einzelne Kugeln unter Druck zwischen den Fingern, bis sie bröckeln und zerbrechen – so wie ich es als Kind in den Wartezimmern der Ärzte getan habe, die mich nervös machten. Mein Gesicht entspannt bei dem Gedanken, wie ich gleich in Sprengers Büro gehe und –
Ein Husten und lauter werdende Schritte kündigen Robert an. Er kommt und sieht mich an wie der Eingeweihte, der er nun mal ist.
„Naja, aufgrund von Unpünktlichkeit hat man dich ja wohl nicht gefeuert“, so seine Begrüßung, dann Händeschütteln und Schulterklopfen. Beim Blick auf meine Tasche fängt er an zu lachen. „Ohje, zum Glück sind es von meinem zu Sprengers Büro ja ein paar gute Meter – vielleicht aber auch nur ein paar naive Meter“, sagt er und stellt sich vor seine Tür.
„Ich hoffe das Beste für dich, aber wenn alles gut geht, wird das hier den kompletten Betrieb für ein paar Tage lahm legen“, deute ich auf meine pralle Tragetasche. Robert lächelt.
„Wenn wir in einer Welt leben, in der Leute wie Sprenger eine Daseinsberechtigung haben und sich mit widerlichem Glück in hierarchischen Strukturen bewegen können, dann finde ich, kann ich die Resultate deiner Aktion auch noch aushalten. Vor allem wenn man Leute wie Sprenger nicht wegen ihrem Erscheinen, dem Richtlinien- und Regelbuch der Gewalt nach, bis zur Unkenntlichkeit verprügeln darf“, sagt er ernst und gibt damit nochmals seinen Segen.
Er öffnet sein Büro und holt Sprengers Schlüssel, den er mir vor ein paar Tagen mit den warmen Worten „Ich kümmer mich irgendwie drum“ versprochen hat.

*

Gedanken wie Sprenger, du grenzdebil grinsende Steißlage, du bist bei deiner Geburt doch mit dem Arsch zuerst raus gekommen, erheiterten meine Stimmung, als er mir höflichkeitshalber, nachdem die Kündigung ausgesprochen war, gut zureden wollte. Dass ich bei der Konkurrenz sicher schnell eine neue Stelle bekäme, die würden suchen, habe er gehört. Er verwies darauf, dass er vielleicht auch ein gutes Wort einlegen könnte, eine gute Empfehlung. In diesem Moment begann seine Nase in irgendeinem Paralleluniversum zu wachsen. Daraufhin kamen weitere Worte, die verlangten, dass man sich mit ihm besser gut stellen und ihm regelmäßig den Arsch pudern sollte. Auch jetzt noch. Er erwartete Antworten, die ihm gefallen mussten, aber ich sagte nichts. Ich sah ihm einfach nur zu wie er Protest von mir verlangte. Er wandte den Blick von mir ab und schritt zu seinem geliebten Humidorschrank, in dem er die dicken Kackwürste aufbewahrte, die er rauchte und nie jemand anderem anbot. Dort fuhr er mit seiner zarten Hand, die noch nie richtig arbeiten musste, über das Holz, das er so lieb gewonnen hatte, weil es seine Zigarren vor Tabakkäfern und Austrocknung schützte. Mit dem Rücken zu mir erzählte er, dass man eine Kündigung eigentlich sportlich ansehen soll. Sportlich. Als Neustart, als Staffellauf. Ich fing an, ihn auszulachen und sagte, dass ich der Überzeugung wäre, dass diese Entlassung nicht ganz rechtens wäre. Ihm gefiel meine Reaktion nicht, er wurde hitzig und sprach mich mit meinem Nachnamen an: „Das sind die vollendeten Tatsachen. Wir sind zu jedem Rechtsstreit bereit.“

*

Ich verabschiede mich von Robert und bewege mich wieder – volle Kraft voraus – auf Sprengers Büro zu. Es wäre sicherlich eleganter, einen Gitarrenkoffer mit einer Axt darin dabei zu haben als eine Tragetasche, bedruckt mit Würsten und Käse – aber meine Schritte verkünden trotzdem eben die Entschlossenheit, die ich habe.
Der Geruch aus der Tasche steigt mir in die Nase, lässt mich lächeln und an das Meer denken, an irgendwelche Küsten, an kleine freundliche Orte, in denen man gerne spazieren geht, an kleine Häuser mit niedrigen Reetdächern, an genau die Heiterkeit, die dem Sprenger nicht blühen wird, wenn er aus seinem Urlaub wieder kommt.
Laut Robert wurden in der letzten Zeit mehrere Leute entlassen, was bedeutet, dass es eine Weile dauern wird, bis ausdrücklicher Verdacht entstehen wird, dass ich für die Sauerei in Sprengers Büro verantwortlich bin.
Ich finde es nur konsequent und sehr bezeichnend, dass Sprenger auch auf diese Art und Weise für Naserümpfen und Gelächter sorgen wird.
Sollte es eines geben, dann kann das Nachspiel ruhig kommen. Man kann das ruhig sportlich sehen, um in seinem Wortlaut zu bleiben.
Ich gehe weiter, bis ich vor Sprengers Tür ankomme. Ich wische mir die Haare aus dem Gesicht, stecke den Schlüssel in das Schloss, drehe ihn, drücke die Tür auf, gehe durch und atme tief ein.

*

Zuerst hole ich die Silikonpistole aus der Tasche, mit der ich nachher den unteren Türspalt ausfüllen werde, damit der ganze Raum ausnahmslos für Sprenger konserviert bleibt. Ich hoffe, er verbringt seinen Urlaub auf äußerst angenehme Weise, denn dadurch wird diese Überraschung noch ätzender für ihn. Zu dem Silikon lege ich den Hammer und die Nägel auf den Schreibtisch neben den Bilderrahmen. Ich nehme das Bild in die Hand und sehe es mir ein letztes Mal genauer an. Da ist Sprenger und daneben seine Frau. Über die Frau ist nicht viel zu sagen, da ihr Gesicht zur Hälfte von dem dicken Bollerkopf des Sohnes verdeckt wird. Mit seiner kindlich fetten Faust hält der selbstgefällig grinsende Spross einen kleinen Spielzeugtraktor in die Kamera. Unter normalen Umständen und – mit etwas Abstand von meiner momentanen Haltung – ein rührendes Motiv. Sprenger, ich bin mir sicher, dein traktoraffiner Trampel von Sohn wird irgendwann mal ein prächtiger Güllefahrer. Ich stelle das Bild wieder zur Seite und greife nach meiner fast leeren Tasche. Als Letztes hole ich den noch in Zeitungspapier eingewickelten Hauptdarsteller hervor und lege ihn ganz behutsam, als wäre er etwas Sakrales, in die Mitte des Tisches. Ich sehe zum Radio, dann zum Humidor, schiebe alles, was ich brauche, auf die Schreibtischunterlage, hebe sie an und benutze sie als Tablett, mit dem ich zum Humidorschrank gehe. Davor lege ich die Sachen auf dem Boden ab. Ich öffne die Tür des Schrankes, ziehe die unterste der schönen Zedernholzschubladen zu mir und streiche über die teuren, würzig riechenden Kackwürste. Hier, du Leckermäulchen, um Tabakkäfer musst du dir keine Sorgen mehr machen. Das wird dir zwei Finger in die Nase rammen, wenn du wieder kommst. Dann packe ich den Hauptdarsteller aus, einen prächtigen 3-Kilo-Lachs. Ich lege ihn auf die Zigarren, nehme Hammer und Nagel in die Hand und beginne, den Lachs in die Kackwürste zu hämmern.
Als ich fertig bin, schalte ich das Radio ein – pünktlich zur Wettervorhersage. Es werden ein paar warme Sommertage erwartet.

Erzählung aus: Landpartie | 13, Edition Pächterhaus, Hildesheim 2013
ISBN 978-3-941392-33-5

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Siehe auch:
DAS HALBE WORT

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erstellt am 09.4.2013

Felix-Emeric Toţa: Versteht alle Dinge nicht. Den Berechnungen nach, geboren am 30.01.89 in Rumänien. Aufwuchs, Prägung und Raserei in Wuppertal, dabei das Echo vertragen. Seit 2011 [Anno Domini], Studium KSKJ in Hildesheim. Danach Pilot bei Aeroflot. Felix Tota performs it in the style of The Action to a room of dandified hipshaking Parisians in 1966. Beat that. – Dies schrieb vor genau 101 Jahren der große Anarchist und Dichter Erich Mühsam in seinen Tagebüchern über ihn.

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