Die schlimmsten Songmisshandlungen aller Zeiten (Plätze 6–1)

They turned it upside down, Ma…

5. FOLGE

Von Michael Behrendt

„Look what they done to my song, ma“, sang Melanie schon 1971, „Look what they done to my song / It’s the only thing I could do alright / and they turned it upside down oh Ma / Look what they done to my song.“ Hier der zweite Teil meiner persönlichen Top 12 der schlimmsten Songmisshandlungen aller Zeiten.

Johnny Cash – Ring of Fire

Platz 6

Wenn Werber in ihre anale Phase zurückfallen:

Johnny Cash »Ring of Fire«

Songs werden gern als Allzweckwaffen missbraucht. Besonders gern nehmen Marketingleute sie zur Untermalung von Werbespots. Aus einem klassischen Lovesong wird dann eine Hommage an ein bestimmtes Automodell, aus einer Ode an die Jugend die Hymne für eine Anti-Aging-Creme. Okay… Aber manche Songs werden derart unglücklich eingesetzt, dass der Spot eigentlich nach hinten losgehen müsste. Nehmen wir Unbelievable, den supereingängigen Dancerock-Track der britischen Gruppe EMF aus dem Jahr 1990. Der Refrain mit dem Ausruf „Unglaublich!“, „Unbelievable!“, soll in dem Werbeclip, den er untermalt, einen schicken Sportwagen charakterisieren, natürlich im positiven Sinne. Dabei meint der Ausruf im deprimierenden Songkontext genau das Gegenteil, etwa im Sinne von: „Du bist so mies zu mir, es ist einfach unglaublich!“ Wer’s nicht glaubt, der höre selber nach.

Ganz anders lag der Fall bei Ring of Fire, einem der größten Hits des amerikanischen Countrysängers Johnny Cash. Hier wollten Werber den Text ganz bewusst in einen provokanten neuen Kontext stellen. Aber von vorn: Der 1962 erschienene Song handelt ganz offensichtlich von einer Liebesbeziehung. Ein Liebender bekundet seine leidenschaftliche Zuneigung, die er in das Bild eines lodernden Feuers kleidet. So heißt es in der zweiten Strophe: „The taste of love is sweet / When hearts like ours meet / I fell for you like a child / Oh, but the fire ran wild.“ – Übersetzt etwa: „Liebe schmeckt süß, / wenn zwei Herzen wie die unseren aufeinandertreffen. / Ich verfiel dir wie ein Kind, / oh, aber das Feuer loderte wild.“ Der Refrain, den auch heute noch fast jeder mitsingen kann, lautet: „I fell into a burnin’ ring of fire / I went down, down, down / And the flames went higher / And it burns, burns, burns, / The ring of fire, the ring of fire.“ Also: „Ich fiel in einen brennenden Ring aus Feuer. / Ich ging in die Knie, / und die Flammen schlugen höher. / Und er brennt, brennt, brennt, / der Ring aus Feuer, der Ring aus Feuer.“ Man kann nach autobiografischen Bezügen im Leben Johnny Cashs suchen oder einen spirituellen Gehalt in den Versen entdecken. Man kann das Feuer einfach als Leidenschaft deuten, aber auch im Sinne der Qualen, die Liebende zu durchleiden haben. Dass „Ring of Fire“ sowohl der geografische Begriff für einen Vulkangürtel im Pazifik als auch der Name eines Trinkspiels ist, das mit Karten gespielt wird, mag dabei jeweils zur Deutung der Metaphorik herangezogen werden. Stets aber beschreibt der Song eine äußerst innige Beziehung zwischen dem Ich und dem angesprochenen Du.

Dennoch war sich die amerikanische Texterin Sula Miller im Jahr 2004 nicht zu blöd, Ring of Fire ausgerechnet als Untermalung eines Werbespots für ein Medikament gegen Hämorrhoiden ins Visier zu nehmen. Den in den Versen besungenen Ring aus Feuer in vollster Absicht als entzündeten Schließmuskel zu interpretieren, das ging allerdings der Familie des ein Jahr zuvor verstorbenen Sängers zu weit. „Die Hinterbliebenen der Country-Ikone haben sich jedenfalls festgelegt, was die Interpretation des Songtextes betrifft“, schrieb SPIEGEL Online damals in einem Artikel über den Fall. „Es gehe um die gestalterische Kraft der Liebe. Etwas anderes werde er für die Familie niemals bedeuten.“ Weshalb der Welt die Umsetzung dieser hirnrissigen Idee letztlich erspart blieb. Eine Songmisshandlung der übleren Sorte bleibt die Attacke von Sula Miller trotzdem – zumal sie dem Klassiker noch heute unangenehm anhaftet und mitverantwortlich sein könnte für die Verbreitung einer weiteren Schwachsinnsthese: Nach wie vor stößt man im Internet auf Songportalen und in Chatforen auf die Mutmaßung, Ring of Fire handele von Analsex.

Randy Newman – Short People

Platz 5

Ironie? Welche Ironie?!

Randy Newman »Short People«

Noch ein Beispiel für das Überhören auch der deutlichsten Textsignale, diesmal frei nach dem Motto: Wer kürzer schließt, liegt auch daneben. Short People erschien 1977 auf dem Album Little Criminals und kommt musikalisch eingängig-gemütlich daher. Allerdings setzen die Lyrics in den Strophen einen giftigen Kontrapunkt, indem sie kleinwüchsige Menschen („shot people“ – „Winzlinge“, „Kurze“) beschreiben – und zwar aus der diskriminierenden Perspektive eines scheinbar „normalen“ Passanten: „Short people got no reason to live“, lautet der dumpfe und zutiefst menschenverachtende Einstieg, auf den alle möglichen Beschimpfungen folgen: „They got little hands / And little eyes / And they walk around / Tellin’ great big lies / They got little noses / And tiny little teeth / They wear platform shoes / On their nasty little feet.“ Wer kleinwüchsige Menschen durch eine solche Vorurteilsbrille betrachtet, kann natürlich nur zu einem Schluss kommen: „Well, I don’t want no short people / Don't want no short people / Don’t want no short People / Round here.“

Dieses Credo wird verpackt in einen zwingenden Refrain, der geradezu auffordert zum Mitgrölen. Wer dem Impuls unbefangen nachgibt und vorher nicht genau hingehört hat, wird indirekt zu einem Teil der anonymen Masse, die andersartige Menschen bis hin zur Vertreibung und Verteufelung ausgrenzt. Die zweite Strophe wartet mit weiteren Vorurteilen und Anschuldigungen auf, im Refrain wiederholt sich die als Ablehnung formulierte Aufforderung, dass kleinwüchsige Menschen „von hier“ verschwinden mögen. Fast möchte man meinen, die Drohungen gegen Autor und Interpret Randy Newman, die Beleidigungsklagen von Behindertenorganisationen und das versuchte gerichtliche Verbot des Songs im amerikanischen Bundesstaat Maryland seien absolut gerechtfertigt. Doch drei Gründe sprechen dagegen. Einer davon liegt außerhalb des Songs: nämlich im Gesamtwerk und im Image Randy Newmans, der als kritischer intellektueller Songwriter mit einer alles andere als menschenverachtenden Einstellung gilt. Dann ist da zweitens eine behäbig-drollige, reichlich ironische Humpta-Humpta-Musik, vor allem im Refrain. Der dritte, mindestens ebenso gravierende Grund findet sich im gerne überhörten Mittelteil des Stücks. Dieser verlässt die diskriminierende Perspektive und lässt einen sanften Chor die völlig entgegengesetzte Haltung formulieren: Kleinwüchsige Menschen sind wie alle anderen Menschen auch, wie du und ich, und alle Menschen sind Brüder – „Short people are just the same / As you and I / (A fool such as I) / All men are brothers / Until the day they die / (It’s a wonderful world).“

Die in Klammern wiedergegebenen Verse sind Einwürfe des Sprechers – der Chor bringt so etwas wie dessen schlechtes Gewissen ins Spiel. Oder vielleicht auch nur die bittere Erkenntnis, dass so etwas wie Einsicht in das eigene Fehlverhalten Illusion bleiben muss. Und hier liegt auch das inhaltliche Zentrum des Songs. Glaubt man dem Autor The Free Lance-Star auf der Website www.fredericksburg.com, hatte Randy Newman irgendwann die Nase voll von dem Ärger um seinen ironisch-zynischen Beitrag zum Thema Vorurteile, den man in einem weiteren Sinne auch als Kritik an Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und allen anderen menschenverachtenden Haltungen auffassen kann. Und folgt man dem Internetlexikon Wikipedia, dann hat Newman selbst eine weitere Interpretationsmöglichkeit ins Spiel gebracht: „Short people“ könne nicht nur für „kleine“, „kurze“, sondern auch für „short-sighted people“, also für im übertragenen Sinne „kurzsichtige“ Menschen stehen. Die Ich-Perspektive wäre dann die Perspektive eines Passanten, der sich über die vorurteilsbeladenen Menschen in seiner Umgebung aufregt. Die kleinen Hände und Augen wären symbolischer Ausdruck der Kleingeistigkeit dieser gern im großen Stil lügenden Menschen, die obendrein erhöhte Schuhe tragen müssen, um sich mächtiger und wichtiger zu fühlen.

Es ist vielleicht eine etwas arg bemühte Sinngebung, die der Autor ins Spiel gebracht hat, um von Fehlinterpretationen abzulenken. Aber ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht. Der versöhnlich anmutende Mittelteil wäre dann das nachdenkliche Eingeständnis, dass man bei aller Ablehnung von Intoleranz und Diskriminierung selbst nicht frei von Vorurteilen ist. Ganz nach dem Motto: Haben wir nicht alle irgendwo einen blinden Fleck, sind wir nicht alle irgendwann mal intolerant und kurzsichtig – und sei es gegenüber intoleranten, kurzsichtigen Menschen? Das wäre dann fast schon ein Paradox – eine Wendung, die durchaus zu Randy Newman passen würde. Wie auch immer: Trotz zahlreicher Missverständnisse und Interpretationsschwierigkeiten bescherte Short People dem Singer/Songwriter den größten Hit seiner Karriere.

La France – Sniper

Platz 4

Angeklagt – Songs vor Gericht, Part II:

Sniper »La France«

Anfang des 21. Jahrhunderts machte die französische HipHop-Gruppe Sniper Furore. Ihr 2001 erschienenes Debütalbum Du rire aux larmes, frei übersetzt: „Von Lachen bis Weinen“, brachte es nicht zuletzt wegen des Stücks La France zu einiger Berühmtheit. Darin rappen die Bandmitglieder El Tunisiano, Aketo und Black Renega, allesamt junge Männer mit, wie man politisch korrekt sagt, „Migrationshintergrund“, zu harten Beats aufrüttelnde Zeilen. Einige davon lauten grob übersetzt:

Wir halten alle zusammen angesichts der Scheiße in dieser heiklen Lage / Den Kopf aus der Misere strecken, damit die Leute uns wahrnehmen / Als Bürger, nein, als Hund / quält uns Frankreich / Bis wir unserem Nächsten nicht mehr trauen / Eine Gesetzgebung, erdacht, um uns klein zu machen / Bruder hinter Gittern und jetzt / Könntest du denken, wir könnten uns ergeben / Wir täuschen uns nicht, außerdem sind wir alle heiß / Auf die Mission, die Minister und Faschos auszurotten / Denn heutzutage bringt es nichts, herumzuschreien, gegen Wände zu reden / Man könnte glauben, das einzige Mittel, um sich Gehör zu verschaffen, sei, Autos anzuzünden / Eine Nutte von einem hasserfüllten System, verbrennen, aber danach geht’s nicht weiter / Und ich weiß, dass es ihnen gut reinläuft, wenn wir uns gegenseitig zerfleischen / Die sogenannte Demokratie in den Augen eines eingeschlafenen Volkes / Wo sind die Menschenrechte eigentlich eingetreten?

Das Stück erzählt nicht nur von der Wut junger Migranten über alltägliche Unterdrückung und Schikanen durch die französische Staatsgewalt, es formuliert auch den Drang, es dem „hasserfüllten System“ und seiner diskriminierenden Gesetzgebung heimzuzahlen. Weil es nichts mehr bringe, gegen Diskriminierung und Inhaftierung zu argumentieren oder auf die Straße zu gehen, um sich am Ende doch nur „gegenseitig zu zerfleischen“, seien allmählich andere Mittel gefragt – so die angriffslustige Argumentation eines in derben Versen sprechenden kollektiven Wir. Vor allem das Bekenntnis „außerdem sind wir alle heiß / Auf die Mission, die Minister und Faschos auszurotten“ wurde gehört – vom damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy, der Sniper 2004, sage und schreibe drei Jahre nach Veröffentlichung des Songs, im Anschluss an einen Auftritt in Rouen verklagte. Gewaltverherrlichung und Aufruf zum Beamtenmord, so lautete der Vorwurf, fünf Jahre Haft und 45 000 Euro Buße standen im Raum.

Aber ist das Wir im Song La France identisch mit den Rappern El Tunisiano, Aketo und Black Renega? Und: Ist ein Text wie „heiß / Auf die Mission, die Minister und Faschos auszurotten“ ein wörtlich zu nehmender Aufruf zum Mord? Im Dezember 2005 sprach das Berufungsgericht Rouen die Rapper in zweiter Instanz frei. Sniper hatten ihr Stück La France als drastische Schilderung sozialer Probleme, als „symbolischen Hilferuf“ gerechtfertigt, und die Richter waren ihrer Argumentation gefolgt. Ein bemerkenswert unaufgeregter Ausgang, denn nur wenige Wochen zuvor hatten schwere Unruhen in Pariser Trabantenstädten die Republik erschüttert und verschiedene weitere französische Politiker rechtliche Schritte gegen angeblich „volksverhetzende“ HipHopper gefordert. Heute gehört Du rire aux larmes von Sniper zu den „Klassiker“-Alben – zum Kanon – der Rock- und Popgeschichte.

The Police – Every Breath You Take (live Japan 2008)

Platz 3

Modern Stalking:

The Police »Every Breath You Take«

Romantik und Melancholie liegen in der Luft, wenn dieser Song erklingt. Doch der erste Eindruck täuscht. Denn Every Breath You Take ist alles andere als ein „wunderschönes“ Liebeslied, sondern ein handfester Stalker-Song. Schon in der ersten Strophe kündigt der Sprecher an, die geliebte Person, von der er verlassen wurde, nie aus den Augen zu lassen: „Every breath you take / And every move you make / Every bond you break, every step you take / I’ll be watching you.“ – „Bei jedem deiner Atemzüge / Und jeder deiner Bewegungen / bei jedem Bund, den du zerstörst, bei jedem Schritt, den du machst, / werde ich dich beobachten.“ Hier geht es nicht etwa um ein simples Liebesbekenntnis, sondern um eine Rund-um-die Uhr-Überwachung, die dann natürlich auch nachts erfolgt: „Every single day / And every word you say / Every game you play, every night you stay / I’ll be watching you.“ – „An jedem einzelnen Tag / Und bei jedem Wort, das du sagst / Bei jedem Spiel, das du spielst, und jedes Mal, wenn du irgendwo über Nacht bleibst, / werde ich dich beobachten.“ Und so weiter, und so fort.

Every Breath You Take wird gern – mal im Original von The Police, mal als miserable Coverversion – auf Sampler mit Titeln wie The Love Songs Album und The Greatest Love Song Collection gepackt. Wer weiß, welche finsteren Überraschungen solche Kuschel-Compilations außerdem bereithalten, wenn man hier und da genauer hinhört. Das gilt möglicherweise auch für einen neueren Feuerzeugschwenkschmachtfetzen wie Someone Like You von Adele: Dort steht das Song-Ich unangemeldet und ziemlich unverschämt vor der Tür des längst glücklich verheirateten Exfreunds, um ihm zu sagen, „that for me it isn’t over“, und lässig hinterherzuschieben: „Never mind I’ll find someone like you“, also: „Mach dir keine Sorgen, ich werd schon jemanden finden, der genau so ist wie du.“ Wenn das nicht auch eine ungesunde Fixierung ist…

Bob Dylan Interview

Platz 2

Verschwörungstheorien:

Bob Dylan – Killermüllologen greifen an

Vielleicht bieten Zeiten des Auf- und Umbruchs einen besonderen Nährboden für Verschwörungstheorien. Etwas Neues bahnt sich seinen Weg und versucht, das Alte abzuschütteln, das sich seinerseits hartnäckig sträubt, ja mitunter aggressiv wehrt. Da können die Kräfte des Neuen sich schon mal verfolgt fühlen und überall Verrat wittern, selbst in den eigenen Reihen. So geschehen in den 1960er Jahren, als kritische Vertreter der Gegenkultur begannen, ihre einstigen Idole, die schillernden Rockstars der Zeit, zu hinterfragen. Waren diese Stars nicht durch Ruhm und Geld längst korrumpiert? Oder, schlimmer noch: Hatten sie vielleicht von Anfang an als Agenten „des Systems“ agiert – ins Feld geführt, um die Jugend erst mit rebellischen Fantasien zu füttern und dann zu kritiklosem Konsum zu verführen?

Keine Frage: Ein bisschen Skepsis gegenüber Idolen ist nie verkehrt. Aber sie kann auch sehr bizarre Züge annehmen. Auftritt A. J. Weberman. Der New Yorker Verschwörungstheoretiker, der sich als politischer Aktivist verstand, war in den 60er und 70er Jahren felsenfest davon überzeugt, dass das böse „System“ seinen Helden Bob Dylan, den einst so großartigen Protestsänger, manipuliert und ruhiggestellt hatte. Weil Dylan immer seltener politische Lieder veröffentlichte und stattdessen allerlei religiöse und musikalische Wendungen vollzog, glaubte Weberman, einschreiten zu müssen, um den Songwriter wieder auf Rebellions- und Revolutionskurs zu bringen. Also gründete er die Dylan Liberation Front (DLF) und rückte dem Superstar mit ein paar ähnlich verblendeten Anhängern persönlich auf den Leib.

Eine von Webermans Strategien bestand darin, Dylan anzurufen und in Diskussionen zu verwickeln oder mit der DLF vor seinem Wohnhaus aufzutauchen und ihn zu Stellungnahmen zu bewegen. Mitschnitte von grotesken Telefongesprächen und Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Dylan auf Weberman einprügelt, geben Zeugnis von diesem eher ungewöhnlichen Aktionsansatz. Die andere große Weberman-Strategie bestand darin, Dylans Müll zu durchforsten, um eventuelle Anhaltspunkte für seine verschrobenen Theorien zu finden. Besonders dreist: Weberman verstand sich nicht nur als seriöser Dylan-Forscher, sondern erklärte sich auch zum Begründer einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, der „Garbology“, sprich: Müllologie. Ein Buch mit diesem Titel und die abstruse Theorie, Dylans Songtexte seien fast durchweg an Weberman gerichtet und pflegten einen nur schwer zu durchschauenden Geheimcode, sind die Belege für diesen durchgeknallten Interpretationsansatz. Der Versuch, in Dylans Texten „tooth“ („Zahn“) durch „electric guitar“ oder „chicken“ („Huhn“) durch „heroin“ zu ersetzen und zu beobachten, welche versteckten Zusammenhänge sich offenbaren, soll hier kein weiteres Mal unternommen werden. Die Lyrics dieses großen amerikanischen Songwriters haben schon genug durchmachen müssen.

Born In The USA – Bruce Springsteen Paris 85

Platz 1

Unter falscher Flagge, Part II:

Bruce Springsteen »Born in the USA«

Vorsicht mit Hymnen – es könnte auch eine Antihymne sein: Platz eins unserer Top-12-Liste der schlimmsten Songmisshandlungen geht – wie auch in vergleichbaren Aufstellungen im Internet – an die brutale Vereinnahmung von Born In The USA, einem Song des amerikanischen Rockstars Bruce Springsteen aus dem Jahr 1984. Verantwortlich waren hier nicht etwa patriotische Radio-DJs, sondern höchste politische Stellen. Vor allem der feierlich-bombastische Charakter der Musik, die einen sarkastischen Kontrapunkt zum deprimierenden Textinhalt setzt, erwies sich für den Künstler als Bumerang. Das Stück erzählt von einem jungen Mann, der sich ohne Perspektiven in einer wirtschaftlich schwachen Region der USA durchs Leben schlägt – oder besser: der geschlagen wird. Die Tritte und Schläge, die er erleiden muss, sind sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn zu verstehen, und wie ein geprügelter Hund versucht er irgendwann nur noch, sich durchzumogeln: „Born down in a dead man’s town / The first kick I took was when I hit the ground / You end up like a dog that's been beat too much / Till you spend half your life just covering up.“

Als er einmal ganz tief in der Klemme sitzt, die Gründe dafür bleiben unklar, ist die Armee der einzige Ausweg: „Got in a little hometown jam / So they put a rifle in my hand / Sent me off to a foreign land / To go and kill the yellow man.“ Der Song erzählt also keine Heldengeschichte, er rollt vielmehr ein trauriges Schicksal auf. Nachdem der junge Mann, der sich schnell als Antiheld entpuppt, in Vietnam nichts anderes gemacht hat, als zu töten, kehrt er in die Heimat zurück. Dort aber bleibt ihm die Chance versagt, ein neues, normales Leben als Arbeiter in der örtlichen Raffinerie zu beginnen. Auch der Kriegsveteranenbetreuer vom Department of Veterans Affairs kann ihm nicht helfen: „Come back home to the refinery / Hiring man says, ‚Son if it was up to me.’ / Went down to see my V.A. man / He said, ‚Son, don’t you understand now.’

So bleibt der Protagonist allein mit seinen widersprüchlichen Kriegserinnerungen. Am Ende findet es sich im Schatten der Strafanstalt, vor den Toren der Raffinerie wieder, offenbar obdachlos. Seit zehn Jahren schon streift er ziellos umher, ohne ein Zuhause – und ohne eine Zukunft: „Down in the shadow of the penitentiary / Out by the gas fires of the refinery / I’m ten years burning down the road / Nowhere to run ain’t got nowhere to go.“

„Born in the U.S.A. / I was born in the U.S.A. …“ Vor dem Hintergrund des geschilderten Schicksals ist der inhaltlich nüchterne Refrain – wie die Strophen atemlos herausgebrüllt – eine bittere Anklage. „’Tis the star-spangled banner! Oh long may it wave“, heißt es stolz in der amerikanischen Nationalhymne, „O’er the land of the free and the home of the brave!“ Doch vom Land der Freiheit und der Heimat der Tapferen, von jener Nation, in der es jeder vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann, ist in Springsteens Song nicht viel zu spüren. Besungen wird vielmehr ein Land, das sozial Schwache und andere Außenseiter, die kaum für ihre traurige Karriere verantwortlich zu machen sind, einerseits zum Töten in die Fremde schickt, andererseits als Kanonenfutter verheizt und die überlebenden Kriegsveteranen gnadenlos im Stich lässt. Bevor sich der Song ins Finale schleppt, ist er unter einem Schlagzeuggewitter, das wie eine Mischung aus Prügel und Schüssen klingt, kurzzeitig buchstäblich kollabiert.

Es war der konservative Journalist George Will, der sich nach dem Besuch eines Springsteen-Konzerts in einer seiner einflussreichen Kolumnen begeistert darüber äußerte, dass das Publikum enthusiastisch Flaggen schwenke, während der Künstler über Fabrikschließungen und andere soziale Probleme singe. „Springsteen, a product of industrial New Jersey, is called the ‚blue-collar troubadour’“, hieß es in der Kolumne zusammenfassend. „But if this is the class struggle, its anthem – its ‚Internationale’ – is the song that provides the title for his 18-month, worldwide tour: ‚Born in the U.S.A.’” Will hatte Verbindungen zum Wahlkampfteam von US-Präsident Ronald Reagan, der sich 1984 gerade zur Wiederwahl stellte, und schlug vor, den häufig im Radio gespielten Song strategisch einzusetzen. Im Gegensatz zum Merkel-Team rund 20 Jahre später – Angie, wir erinnern uns – baten Reagans Strategen das Management des Künstlers um Erlaubnis. Wie zu erwarten, ließen Springsteens Vertreter die Präsidentenberater höflich abblitzen. Und dennoch lobte Reagan bei einem seiner darauffolgenden Wahlkampfauftritte die „Botschaft der Hoffnung“ in Songs von Künstlern wie Bruce Springsteen. Tatsächlich sähe er, Reagan, es als seine Aufgabe, die Wähler bei der Verwirklichung dieser Träume zu unterstützen. Nur wenige Tage später verbat sich der Künstler während eines Konzerts vor großem Publikum die Vereinnahmung seiner Songs. Die allerdings kann man nicht nur Ronald Reagan vorwerfen: Born in the U.S.A. wird auch heute noch immer wieder gern als ungebrochen patriotische Hymne gespielt und mitgesungen.

Kommentare


Fritz Philipps - ( 09-04-2013 10:22:17 )
Liebe Faust-Redaktion, lieber MIchael Behrendt. Herzlichen Dank für die sehr interessante und originelle Artikelserie - bei einigen Beispielen (u.a. "Born in the USA") fühlte ich mich "ertappt". Beste Grüsse, F. Philipps

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erstellt am 26.3.2013

Foto: Ernst Stratmann

What have they done to my song?

Songs sind allgegenwärtig, Songs sind der Soundtrack unseres Lebens. Doch obwohl sie gern viele Worte machen, sind es eher Sounds, Melodien und Rhythmen, Stimmungen, Styles und Attitudes, auf die wir Hörer anspringen. Textinhalte und ihr Zusammenwirken mit nichtsprachlichen Elementen bleiben oft auf der Strecke. Wie funktionieren Songs? Wie schaffen Songs Bedeutung? Und was machen wir daraus? Diesen Fragen geht der Frankfurter Autor Michael Behrendt im Rahmen eines Buchprojekts nach: mal subjektiv und assoziativ, mal analytisch hinterfragend – seine Songauswahl kennt wenige Grenzen. Faust-Kultur fasst einige Beiträge zu einer kleinen Serie zusammen. Es geht um hinhören, verstehen, missverstehen, um Song-Ichs, Show-Ichs, Darstellungsformen – und immer wieder um die Schlüsselfrage: „Wer spricht im Song?“