Maria Magdalena

von Friedrich Hebbel
Regie: Alexander Brill

Gefängnis Familie

Es ist frappierend, wie treffend ein Drama aus dem 19. Jahrhundert ein Stück Gegenwart beschreibt. Für seine jüngste Produktion hat Regisseur Alexander Brill die Rahmenhandlung von Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“ übernommen, aus dem Tischlermeister einen Änderungsschneider gemacht und den Schauplatz wie stets an die gesellschaftliche Peripherie verlegt. Entstanden ist eine fesselnde Inszenierung die so aktuell erscheint, dass man meinen könnte, Hebbel hätte das 1846 uraufgeführte Trauerspiel eigens für das theaterperipherie verfasst. Der Dichter zeichnete seinerzeit nach wohin es führt, wenn Konventionen mehr als das Wohl der eigenen Tochter wiegen. Klara, die von ihrem Verlobten erst zum Beischlaf erpresst, dann geschwängert und schließlich schmählich verlassen wird, glaubt nur durch ihren Freitod dem Vater die Schande zu ersparen.

In dem kleinbürgerlichen Umfeld von damals sind die Lebenswirklichkeiten der Generationen ebenso unversöhnlich aufeinander geprallt, wie sie es heute in vielen Migrantenfamilien tun. Hier wie dort klammern die Eltern an zerbröselnden Werten, hier wie dort wird die Angst davor, was andere sagen könnten, zur verbindlichen Moralinstanz, hier wie dort legt die hoch gehaltene Tradition dem Nachwuchs erbarmungslose Fesseln an. Wie schon die drei vorherigen theaterperipherie-Produktionen führt auch „Legal – Maria Magdalena“ die Zerrissenheit entwurzelter Existenzen vor Augen. Dass Realitäten, von denen die meisten Bürger hierzulande keine Ahnung haben, emotional derart nahe gehen, liegt nicht zuletzt an den Bühnenkünstlern. Mit unglaublicher Kraft und Authentizität – und stets auch mit Witz – spielen die aus unterschiedlichen Kulturen stammenden Darsteller Situationen, die sie aus eigener Erfahrung kennen. Man leidet unweigerlich mit, wenn Meryem zunehmend verzweifelt, wenn die Mutter aus Kummer stirbt, wenn Sohn Murat eine ihm unbekannte Heimat glorifiziert, weil das Kanacken-Etikett fest an im haftet. Man begreift auch, warum der Vater eine Welt nicht mehr versteht, die seine einstigen Überzeugungen zunichte macht.

Während manche neuerdings mit polemischen Keulen wahllos auf Migranten dreschen, regt die Aufführung in Sankt Peter zu differenziertem Nachdenken an. Brill hatte es bei der Gründung zur Absicht erklärt, sich mit dem theaterperipherie in „die laufenden gesellschaftlichen Diskurse“ einzumischen. Es ist eine große Stärke, dass dies weder mit mahnendem Zeigefinger noch mit dem Weichzeichner geschieht. Die einfallsreichen Inszenierungen lassen sich vielmehr als Aufklärung im besten Sinne charakterisieren. So wie etwa in „Legal – Maria Magdalena“ die die Bühne umhüllende Frischhaltefolie im Verlauf des Abends immer mehr zerfetzt, legen die Akteure sukzessive jene Mechanismen bloß, die den Schutzraum Familie zum erstickenden Gefängnis werden lassen. Anders als Hebbel seiner Klara gewährt Brill jedoch seiner Meryem eine Perspektive. Statt in den Tod geht sie in eine andere Stadt, um dort ihr Kind groß zu ziehen. Es ist ein Ende mit Zuversicht und ein Verweis, dass Konventionen keinen Anspruch auf Ewigkeit besitzen.

Doris Stickler
Theaterperipherie

erstellt am 15.10.2010