Kleine Sachen • Jamal Tuschick
Kessel Buntes
Eine Fahrt ins All-Gemeine als Uraufführung in der Regie von Pedro Martins Beja | Fotosynthese führt in die Hypertrophie. So will es das Leben in seiner Wachstumsgier. Auf dem Theater bedeutet das action und in der Natur kann das ein Wolkenbruch dann leider doch nicht sein. Ein subtropischer Klimaposer lässt uns in Mainz an Louisiana denken. mehr
Von Thomas Rothschild
dpa und demokratische Öffentlichkeit
Eine Demokratie ist eine Demokratie, nicht, weil und wenn sie von sich behauptet, eine zu sein, sondern nur dann, wenn sie die Kriterien für eine Demokratie erfüllt und die Bedingungen, die eine Demokratie definieren, nicht nur ermöglicht, sondern auch einhält. mehr
Guido Rohm • In Fortsetzung
Scherbengesichter
Nur eine Tasche. Noch diese. Keine andere. Diese Marke. Die besitzt sie. Noch nicht. Sie atmet. Tief. Tiefer. Sie saugt die Luft ein. Leder. Waren. Sie spürt sich nicht. Das Geschäft. Das schon. Ihre Hand fährt. Sanft wie über einen Männerrücken. Jörg. Manuel. Andreas. mehr
Theaterkritik
Hamlet
Hamlet – eine Frau? Eine doppelte Sicht auf die Frankfurter Inszenierung von Oliver Reese, in der Bettina Hoppe die von Roland Schimmelpfenning neu übersetzte Hamlet-Gestalt gibt.
Ruthard Stäblein: Hamlet
Stefana Sabin: Leben oder Sein?
Peter Liermann
Haikus zum Hören
Die Dame mit dem Hündchen
Tschechow steckt bis zu den Hüften im Schnee. Ein Eiszapfen klirrt. Er notiert mit dem rechten Zeigefinger die Idee für eine Erzählung in den Schnee. Es schneit. Es schneit sehr lange. Der Schnee bedeckt Tschechows Notizen. Der Schnee bedeckt Tschechow. Er hört ein Hündchen. Es nähert sich schnuppernd. Er hört die Stimme einer Dame. Die Dame hat eine Schaufel dabei, wie es Mode ist in Nischni Nowgorod. Die Dame gräbt Tschechow aus. Das Hündchen kläfft.
Ungekürzte Kurzgeschichte von Walter Gerlach
Ein furchtbar schöner Mann
Ein furchtbar schöner Mann, braunes Haar, samtig-braune Mandelaugen, sinnlich volle Lippen, schlanke athletische Figur, gekleidet in einen blauen Anzug mit weißem Hemd, die zwei ersten Knöpfe offen, braune Lederschuhe, kräftige Hände mit manikürten Fingernägeln, fummelte auf der Straße ewig um eine Regenrinne herum – hinter der sich ein kleiner Spatz verflogen hatte und nicht mehr aus seinem Gefängnis rauskam. Mit gefundenen Ästchen zielte der Schöne gekonnt vorsichtig auf das Vögelchen, ohne es zu verletzten, und rief immer wieder: »Mein Kleiner, mein Kleiner, bald hast du es geschafft!«
Es dauerte fast zwei Stunden, bis er ihn aus seinem Gefängnis befreien konnte. Zärtlich hielt er das Vögelchen in seinen Händen, bis er ihm ohne eine Vorwarnung, ohne einen Laut, genüsslich den Kopf abbiss – den reglosen Körper zu Boden gleiten ließ und fröhlich pfeifend seiner Wege ging.
Ein furchtbar schöner Mann.
Nichts
»Das Nichts« stand auf dem Türschild. Simone de Beauvoir klopfte drei Mal. Als niemand antwortete, öffnete sie die Tür und sah keinen Sartre. »Kein Sein?« fragte sie. »Kein Sein«, sagte Sartre, »nur Nichts.«
ich bin die
ich bin die
heimatlos
auf krücken
laufe ich
um mein leben
von dir weg
und erhole
mich
im schrebergarten
den ich schon lange
glaubte
verlassen zu haben
ein wort
ein satz
fällt wieder
vor dir
auf die knie
wenn es diesmal
richtig ist
lass mich die sein
zu der du kommst.
Gurkenleben
Stoßen Wandergurken gegen Hamster, hören Regenwürmer ein fernes Grollen. Der gefürchtetste Hühnerdieb am Hardanger Fjord ist die Salzgurke. Gurken klettern geschickter als Schimpansen, aber seit der großen Gurkenverfolgung (1809-1824) verweigern sie den Menschen diesen Anblick. Gurken in Lederhosen erregen sizilianische Witwen. Keine Gurke betrachtet ein Samurai-Schwert, das niedersaust, um sie zu zerteilen, so gleichmütig wie die ostfriesische Teeblatt-Gurke.
Lebenswerk
Als der Dichter starb, hinterließ er einen Vierzeiler. Der Sohn erbte zwei Zeilen und die Tochter erbte zwei Zeilen.
Ungekürzte Kurzgeschichte
Walter Gerlach
Hohelied der Skepsis
Heines Hiob
Vor allem für jüdische Dichter, die die Katastrophen des 20. Jahrhunderts miterlebt und überlebt haben, wurde Hiob, der tragische biblische Held, zum Symbol der Leidensfähigkeit. Aber auch schon für Heinrich Heine war Hiob eine wieder auftauchende Figur. Der Schweizer Literaturwissenschaftler Alfred Bodenheimer zeigt in seinem Aufsatz, wo in Heines Dichtung die Hiob-Geschichte Reflexe hinterlassen hat. mehr
TRAGISCHER VORFALL Nr. 56 von Philipp Mosetter
Faust-Gespräch mit Gerald Zschorsch
Absichtlich absichtslos
Gerald Zschorsch ist ein Dichter aus Elsterberg im Voigtland, an dem, seit 30 Jahren in Frankfurt am Main ansässig, die Gefängniszelle seiner rebellischen Jugend festsitzt wie an der Schnecke das Haus. Es verwundert nicht, wenn in den überwiegend kurzen, lakonischen Gedichten eine Radikalität erscheint, die der Gewalt, die ihm zugefügt wurde, eine kämpferische Energie entgegensetzt. Anlässlich seines 60. Geburtstags sprach Harry Oberländer mit dem Dichter hier
Eine Auswahl seiner Gedichte lesen und hören Sie hier
Briefwechsel
Joseph Roth schreibt
an Stefan Zweig
Bedeutende Briefwechsel, schriftliche Gespräche unter vier Augen, die von der ganzen Welt mitgehört werden wollen, sind stets mit einer besonderen Sorgfalt formuliert, und die attraktive Mixtur aus persönlicher Befindlichkeit und (welt-)politischer Bezugnahme, aus Intimität und kulturellem Interesse weckt unsere Neugier. Mit einer Reihe von Briefen berühmter Autoren, die Raimund Fellinger auswählt und vorstellt, wollen wir dieser Neugier entgegenkommen. Wir beginnen mit einem Brief von Joseph Roth an Stefan Zweig aus dem Jahr 1935. mehr
Im Video von Harald Ortlieb liest Olga Martynova aus ihrem Roman »Sogar Papageien überleben uns« (Droschl Verlag, Graz).
Im Kurzvideo von Harald Ortlieb liest Ilija Trojanow aus: »Zu den heiligen Quellen des Islam. Als Pilger nach Mekka und Medina«.
Im Kurzvideo von Harald Ortlieb liest Paulus Böhmer aus seinem Gedicht »An Angel«
Closeup von Harald Ortlieb
Bettina Khano: SpanSpace
Faust-Gespräch mit Oleg Jurjew
Ich bin eher der andere
Oleg Jurjew lebt in Rufweite vom Frankfurter Zoo. Hier entstehen die Werke, für die ihm zum Beispiel 2010 der Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil zugesprochen worden ist. Über seine Art des Schreibens, den besonderen Ton des Lyrikers und über Reminiszenzen an seine Geburtsstadt, das damalige Leningrad, spricht der Literaturwissenschaftler und Komponist akusmatischer Stücke Bernd Leukert mit dem Autor: hier – Ursula Krechel führt in ihrer Preis-Laudatio kongenial in Jurjews Werk ein: hier
Philosophie
E. M. Cioran oder Geniestreich eines Übermüdeten
Ein Syphilitiker wäre er gern gewesen. Schon als 22-Jähriger glaubte E. M. Cioran, die Bestialität der Welt habe all ihre Vorräte an Verderbnis und Gift ihn ihm vergossen. Faust erinnert an den Schriftsteller und Essayisten mit dem Beitrag »Geister der Nacht« von Otto A. Böhmer sowie mit einem Aufsatz E. M. Ciorans aus der Zeit seines faschistischen Irrwegs »Verzicht auf Freiheit«
Ein FaustVideo von Harald Ortlieb litchannel.tv
Expression
Kenn ein Land, wo die Blumen aus Glas,
wo die Blume versteinert sind.
Wo nur dornig wächst das Gras,
wo feurig bläst der Wind.
Kenn ein Land, wo regiert nur die Nacht,
wo der Funke glimmt und erlischt.
Wo man niemals wieder mehr lacht,
wo man Masken trägt, statt ein Gesicht.
Kenn ein Land, wo man Sterne verehrt,
wo man Menschen zu Göttern macht.
Wo man fördert das was verkehrt,
wo man hinter Mauern erwacht.
Kenn ein Land, wo man scharf ist auf Blut,
wo man Kinder zu Greisen macht.
Wo man schlecht ist, und man sagt gut,
wo man’s weinen hört fast jede Nacht.
Kenn ein Land, wo die Liebe zum Tod,
wo das nicht sein erstrebenswert ist.
Wo die Menschen in geistiger Not,
wo man eines Tages zerbricht.
Kenn den Tag, wo ein jeder bezahlt,
wo entschieden wird, wer, wie und wann.
Wo man letztmalig hört einen Schrei,
wo man sich wieder anschauen kann.
© Suhrkamp Verlag
Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) ist nicht neu, aber je länger und häufiger die Schwächen von Wirtschafts-, Steuer und Gesellschaftssystem in den Blick treten, desto reizvoller ist es, den Gaul einmal völlig anders aufzuzäumen. Eine Gruppe Kulturschaffender aus den Bereichen Kunst, Design, Film und Politik hat sich ein halbes Jahr intensiv mit dem BGE auseinandergesetzt. Die dabei entstandenen Filme zeigt Faust in loser Reihenfolge:
Wer profitiert von einem BGE?
Clair Lüdenbach
Weben und Wissen
Klaus Reichert hat mehr als einen Reiseführer geschrieben. Es ist ein Tagebuch mit allen eindrücklichen und profanen Gedanken des Tages, aber ebenso ein Werk mit unzähligen Querverweisen zur Geschichte der Menschheit. Trotz aller Dichte der Beobachtungen sind die »Türkischen Tagebücher« eine unterhaltsame Lektüre. mehr
Franziska Lüdtke
Die Königin der Mäuse
Hanns Zischler ist bekannt für seine Vielseitigkeit als Schauspieler, Übersetzer und Autor. In seinen bisherigen Büchern beschäftigte er sich mit Kafka und James Joyce. Jetzt hat er mit »Lady Earl Grey« ein verspieltes, hintersinniges Märchen geschrieben, liebevoll illustriert von Hanno Rink. mehr
Claas Janssen & Tommy Mayer
CARTOON
Auf den Spuren Henrik Ibsens
Des Dichters Techtelmechtel in Tirol
Was wissen wir schon von Ibsen? Ja, Nora oder Ein Puppenheim, Gespenster, Die Wildente, Hedda Gabler und freilich Peer Gynt. Ob wir die Schauspiele gesehen haben oder nicht, diese Titel haben wir zusammen mit dem Namen Henrik Ibsen im Gedächtnis. Auch dass er Norweger war, ist uns bewusst, aber wohl nicht, dass er 27 Jahre seines Lebens im Ausland verbracht hat, zuerst in Rom, dann in Dresden und München. Die Ferien verbrachte er aber gerne in Südtirol. Johannes Winter hat ihn dort getroffen, – sagen wir, nahezu. mehr
100. Todestag
Der Visionär Gustav Mahler
Schon früh erkannte Mahler, dass er zwischen Lebenskraft und Todessehnsucht zerrissen ist – und tatsächlich wird die besondere Spannung, die seine Kompositionen kennzeichnet, aus dem Aufeinanderprallen dieser konträren Stimmungen genährt. Vielleicht deshalb wirkt Mahlers Musik visionär, wie Ute Jung-Kaiser in ihrem Beitrag erklärt. mehr

