»Die Zeit ist metasensorisch, sie hat, anders als Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten, keinen identifizierbaren Punkt der Wahrnehmung. Sie sitzt gewissermaßen auf allen Empfindungen wie ein Reiter.« David Eagleman, Neurowissenschaftler

Dass Zeit Geld ist, gilt selbst in Kaufmannskreisen als Argument einer Verblödungsstrategie. Was aber – wenn nicht Geld – die Zeit ist, ist eine philosophische und eine physikalische Frage. Wir haben uns dieses starre, allerdings nicht so ganz perfekte Zeitmaß in unser Leben gesetzt, damit wir vor diesem Raster alle Veränderungen zueinander ins Verhältnis setzen können. Es hilft unserer Verständigung und der Koordination von komplizierten sozialen Prozessen. Aber es beantwortet nicht die Frage, ob Zeit tatsächlich existiert. Der Philosoph und Naturwissenschaftler Peter Eisenhardt hat sich eingehend mit dieser Frage befasst („Der Webstuhl der Zeit“ rororo 60884) und wird nun damit beginnen, in Faust-Kultur seine Reflektionen als fortzusetzende Zeit-Schrift zu veröffentlichen.

Eine Zeit-Geschichte in Fortsetzungen

Der unsichtbare Reiter

Von Peter Eisenhardt

7. Zeitbruch

Die Lage im dritten Stock der Straße ohne Namen Numero 16: Nikolai hört zu. Schmidt berichtet. Der kleine Herr saugt versonnen an einer Zigarette und sieht durch das bogenförmige Fenster ins Nichts. Es geht um Kredite, um eine Art Tagesabrechnung. Schmidt referiert Zahlenkolonnen, Nikolai knetet seine rechte Ohrmuschel. Der kleine Herr drückt die Zigarette aus und springt Schmidt und Nikolai rucken ihre Köpfe aus dem Sessel zum Fenster jetzt Termine

„Morgen … nur Eschbach.“

„Und …“

„Er bringts nicht. Wollte Sie sprechen.“

„Mmh … Wie viel noch mal?“

„Zwanzig.“

„Eschbach, ja ja natürlich. Wie kennen uns seit der Schulzeit … Er schneite vor ein paar Wochen hier herein wie vom Monde gefallen … schriftstellert …“ Schmidt bläst ein wenig kraftlos seine Backen auf „… erzählte mir irgendeine saudumme Geschichte blabla brauche Geld habe meinen nächsten Buchvertrag so gut wie in der Tasche alter Freund du könntest doch bin überrascht dass du in der Kreditbranche … Er hatte einfach in die Gelben Seiten …“

Der kleine Herr am versenkten Fenster räuspert sich.

„Was?“

„Ausnahmen werden nicht gemacht, Nikolai!“

„Wieso Ausnahmen? Wer spricht von Ausnahmen? Ich wollte nur sagen er ist sowieso überfällig. Außerdem …“

Schmidt interveniert: „Hat er wirklich gesagt, dass er seinen nächsten Vertrag so gut wie in der Tasche habe?“

„Was?“

„Schmidt, halten Sie die Klappe!“ Der kleine Herr lauscht mit zusammengekniffenen Augen und neigt dabei seinen Kopf leicht gegen das Fenster.

„Was ist los? Stimmt was nicht?“

„…“

Schmidt tupft betont lässig auf sein Blackberry und lässt die neuesten Zahlenkolonnen über den Bildschirm sausen, während Nikolai ungeduldig auf den kleinen Herrn starrt, der inzwischen den engen Schlitz zwischen Fenster und Fußboden misstrauisch ins Visier nimmt. Die Ruhe wird immer lauter.

Nikolai platzt der Kragen: „Was zu Teufel machen Sie da?“

Der kleine Herr ignoriert den Ausbruch. „Haben Sie sich jemals gefragt, wie diese ominöse Petrow unter uns ihr Geld verdient?“

Schmidt murmelt so etwas wie „Petrowa“, bleibt aber wohl ungehört.

„Was weiß ich, sie ist ein Scharlatan und zieht irgendwelchen Narren das Geld aus der … Börse … Überlegen Sie mal: ‚Institut für angewandte Zeitforschung‘! Außerdem, was hat …“

„Vielleicht handelt sie mit Zeit, wie wir …“ Schmidt legt sein Gerät beiseite.

„Manchmal frage ich mich, Schmidt, warum Sie keine philosophischen Werke schreiben, statt Ihre Zeit mit uns zu vergeuden?!“

„Schluss jetzt! Ich für meinen Teil glaube, dass diese Petrowa für den Staat arbeitet.“

„Für den Staat? Was soll denn das heißen? Meinen Sie, dass sie ein Polizeispitzel ist? Das ist lächerlich! Und außerdem, haben Sie die mal gesehen? Sie sieht aus wie eine … eine …“

„Wie auch immer, da unten tut sich irgendetwas Ungewöhnliches …“

Der kleine Herr am versenkten Fenster räuspert sich.

„Was?“

„Ausnahmen werden nicht gemacht, Nikolai!“

„Wieso Ausnahmen? Wer spricht von Ausnahmen? Ich wollte nur sagen er ist sowieso überfällig. Außerdem …“

„… lächerliche alte Tante …“

Schmidt kneift die Augen zusammen und fasst irritiert Nikolai und den Herrn ins Auge. Was bei allen Dämonen …?

„Fühlen Sie sich so sicher? Hören Sie denn gar nichts? Sperren Sie doch die Ohren auf! Kommen Sie her! Na los, kommen Sie schon!“ Der kleine Herr insistiert. Nikolai zögert. Schmidt greift automatisch nach seinem Spielzeug. Der kleine Herr winkt mit ruckartigen horizontalen Zuckungen seiner linken Hand die Finger zur Handfläche gekrümmt Nikolai heran der folgt stellt sich neben den Herrn und auskultiert widerwillig. Nichts. Stille. Weiterhin Stille. Einfach Stille. „Jetzt! Hören Sie?“ Nikolai schüttelt den Kopf. „Wackeln Sie nicht rum, spitzen Sie …“ Nikolai vernimmt schließlich irgendetwas, ja doch was denn. Der kleine Herr hockt sich ohne Umstände hin und zieht Nikolai nach, während Schmidt ungerührt erstarrt? sitzen bleibt. Irgendetwas. „Wir sollten aufpassen. Ich wünsche nicht dass hier eine Nachlässigkeit einreißt à la das wird schon klappen letztlich kann das nur gut gehen wenn wir hellhörig bleiben sozusagen Schmidt das gilt auch für Sie!“ Schmidt auf seinem Sitzfleisch brummt etwas mehr oder weniger Zustimmendes um überhaupt ein Geringes zu sagen und dreht seinen Sessel schabend wie stampfend in die Richtung der beiden Lauschenden. „Verdammt noch mal!“ Eigentlich Stille. Nein, ein

„Klicken?“ Nikolai hält sich auf seinen Fußballen angestrengt im schwankenden Gleichgewicht. „Oder Klappern, was weiß ich. Das hat nun rein gar nichts zu bedeuten.“

„Vor ein paar Tagen tauchte unten ein Kerl auf, der mich in seiner geschäftigen Harmlosigkeit und Einfachheit sehr an einen verdeckten Staatsdiener erinnerte.“

„Sie scheinen ja genau zu beobachten, was die im 'Institut' so treiben.“

„So ist es. Ich habe meine Erfahrungen, glauben Sie mir. Ich bin keineswegs paranoid, wie Sie vielleicht annehmen. Übrigens gab es schon andere Vorfälle …“ Der kleine Herr packt Nikolai am rechten Arm. Selbst Schmidt der sich beruhigt? scheint etwas mitzubekommen ja doch was denn Schnarren

„Ja, so ähnlich. Aber von Klicklauten … eingefasst oder so … Hören Sie: klick klach klick klach klick…“ Der kleine Herr dirigiert ein imaginäres Stockhausenwerk. „Nein eher: klicklachklicklach …“

„Also gut, es klingt merkwürdig, aber … Wieso Ausnahmen? Wer spricht von Ausnahmen? Ich wollte nur sagen er ist sowieso überfällig. Außerdem …“

Schmidt hält den Atem an.

„Klickklichlachklichklickklickklichlachklichklick… und so weiter. Genau!“ Der kleine Herr scheint auf einmal fast zufrieden.

Nikolai schüttelt wieder den Kopf. „Ziemlich laut auf einmal, das gebe ich zu.“

„Jetzt ändert es sich … Klingt wie ein Piepsen …von irgendwelchem blechernen Kratzen …unter…“ Die zwei sehen sich an. „Das glaub ich jetzt nicht“, behauptet Nikolai ruhig und kehrt zur aufrechten Haltung zurück. Schmidt hat sich von seinem Sitz erhoben soll sich doch zu den beiden anderen gesellen die stehen am Fensterdurchlass zum unteren Stock ganz Ohr sogar ein Quäken und Rauschen. „Die stürmen“, sagt der kleine Herr und lacht. „Ach was!“ Nikolai beugt sich aber zu dem Durchlass. Auch Schmidt duckt sich geringfügig aber aus völlig anderen Gründen wobei Nikolai und der kleine Herr am Fenster hocken sich ohne Umstände hin Schmidt das gilt auch für Sie! Schmidt brummt etwas mehr oder weniger Zustimmendes um überhaupt ein Geringes zu sagen Was? brummt etwas mehr oder weniger Zustimmendes um überhaupt ein Geringes zu sagen Schmidt doch eigentlich in seinem Sessel oder wie in seinem Sessel warum

„Ja Menschenskinder kommen Sie doch her was wollen Sie denn wieder in das hilft Ihnen auch nicht … Was brummen Sie denn immer … Seien Sie doch lieber so freundlich, Schmidt, und gucken Sie mal nach, ob draußen, ich meine im Hausflur, ob da jemand … sich jemand befindet, s'il vous plaît!“ Schmidt verschwindet schnell.

„Niemand stürmt – das reicht jetzt. Sie sind wirklich … Wir werden weder verfolgt noch abgehört! Es gibt keinen Handlungsbedarf!“ Nikolai entschließt sich endlich sicher zu sein.

„Aha, sind Sie plötzlich unter die Politiker gegangen? Und wie interpretieren Sie dieses verdächtige Gesumse? Es war Ihnen doch verdächtig …!?“

„Meinetwegen. Trotzdem, wenn in diesem Augenblick niemand … außerdem bin ich der Auffassung, dass wir unsere Zeit vergeuden. Wir sollten endlich …“

Es klopft. Nikolai und der kleine Herr zucken zusammen. Kurze Pause. Nikolai schüttelt den Kopf. „Das ist nur …“ „Dieser Schmidt benimmt sich manchmal sehr bizarr, die Tür ist doch … offen …“ Der kleine Herr ist wütend. „Ich habe Ihnen schon oft gesagt, Nikolai, dass wir ganz einfach gestrickte Menschen für diese Funktion brauchen und keineswegs so einen … Schmidt! Außerdem .. verdammt, jetzt fange ich schon an, wie Sie zu quatschen … Was haben Sie denn?“ Nikolai deutet zum Fenster: „Ich glaube, das Klopfen kam von hier!“ „Unsinn, ich habe genau gehört, wo es herkam.“ „Na schön, gut, umso besser“, Nikolai schaut lange auf seine Uhr, als würde er gar nichts mehr verstehen, „ich gehe jetzt mal … ähm, wenn Sie erlauben?“ Nikolai schreitet auf die Wand zu, öffnet eine Art Tapetentür und verschwindet, ohne eine Antwort abzuwarten. Der kleine Herr lässt sich bis Eschbach zusammenzuckt und augenblicklich sieht er sich in das Zimmer gehen, gefolgt von einer Person, die er nicht erkennt. Jetzt also.

Die Zeit hat dich im Griff doch nicht die Zeit ist das Feuer das dich verzehrt es ist die leckende Flamme selbst die zerbrechende Bewegung

6. Zeitlichkeit

Helena feuerte die ominöse Zeitschrift flach auf die Arbeitsplatte des Schreibtischs, sodass ein dünner scharfer Knall Esther und Eschbach begrüßte. Der schien nur wenig irritiert, ließ sich von Esther willig mitten ins Büro schieben und sanft auf einen Stuhl bugsieren. Eschbach, einer Déjà-vu-Täuschung erlegen, wandte sich plötzlich geradezu kindlich vertrauensvoll an Helena – „Setzen Sie sich doch!“ -, rutschte an die Vorderkante des Stuhls – „Ich freue mich dass Sie mir helfen wollen …“, – überlegte kurz in die Stille hinein, zwinkerte, schüttelte schwerfällig den Kopf, erfasste schließlich die Sitzfläche mit den Unterschenkeln etc., um sich dem Genuss der gebrochenen Sitzlinie hinzugeben.

Stille … lange … sehr lange … nur ein paar Sekunden.

Eschbach wurde langsam nüchtern. Schließlich ging es nur um sein eingeklemmtes Auto, eben, eigentlich ging es nur um den Autoschlüssel von … oder ging es um mehr? Hatte er nicht eben um Hilfe gebeten? Mein Gott, wie peinlich, oder doch nicht? Einen kurzen Augenblick hatte er nicht parat, ob er nur seine Leidensgeschichte erzählt … aber das war vielleicht der Hilferuf gewesen … Er beobachtete Esthers luzides wohlgestaltetes Gesicht, das wie mit einem dünnen Bleistift gezogen, wie leicht hin getupft knapp neben seinem schwebte. Esther erwiderte mit aufgesetzt freundlicher Miene seinen Blick, um ihn aufzumuntern. „Wenn Sie … du noch eine Sekunde Zeit hättest …“ Noch von seiner Verzweiflungstrunkenheit überzeugt, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Lassen Sie mich machen … Wir kriegen das hin …“ Eschbach war sich da gar nicht mehr so sicher, wäre aber zu gerne wieder in eine Trance gefallen, die ihm Sicherheit und Ruhe bringen möge, damit er erlöst und frei von Sorgen erwachen könne. Ja, so soll es sein. Wäre es doch so. Morgen, morgen schon muss ich wieder vor diesem drahtigen Zwerg erscheinen ohne Geld keine Zeit wo ist Nikolai verdammt was wird das hier ich bin müde … Esthers Maske glitt ihr allmählich vom Gesicht. Eschbachs wirrer Haarschopf reizte sie plötzlich fast zum Lachen aber sie lachte nicht über ihn.

Helena beäugte die beiden misstrauisch. Die beiden? Helena war sich sicher. Im Grunde war es ihr egal. Das Ritual musste geprobt werden, jetzt. Und dann werden wir ja sehen. Helena sah die Welt mit anderen Augen. Aber ihr Kindchen durchschaute sie. Sie lehnte sich zurück. Der Kerl könnte der Richtige sein. Aber irgendetwas, etwas verdeckt versteckt … Kritisches spürte sie. Trotzdem. Kairos. Helena war entschlossen. Na denn, dann los.

„Herr …?“

Esther stupste Eschbach vorsichtig an.

„Was? … Eschbach, Andreas“, kam es automatisch aus ihm heraus. Esther drehte ihren Kopf zur Seite und presste die Lippen aufeinander. Helena ignorierte das und wiederholte: „Eschbach, gut“, als wäre der Name eine Art Empfehlung oder die richtige Antwort auf eine Prüfungsfrage.

„Herr Eschbach, vielleicht könnten sie uns einmal kurz schildern, was Sie so beruflich machen, damit wir uns ein Bild von ihnen …“ Helena zögerte kurz.

„Ich bin Physiker.“

„Oh, ah ja, Physiker, dann haben Sie sich wahrscheinlich schon ausführlich mit der Zeit befasst …!?“

„Zeit?“ Eschbach starrte auf Helena, als wäre sie eine Erscheinung, die ein böser Bekannter herbei zitiert hat, um ihn zu ärgern und zu verwirren. Sein Physiker-Ich bäumte sich auf und wurde mächtig. „Frau …“

„Petrow“

„… Petrow, hier unterliegt man einem weit verbreiteten Missverständnis, die Physik setzt voraus, was die Zeit ist oder sein mag, sie führt dann manchmal aus, wie die Zeit ist. Aber verzeihen Sie, ich möchte eigentlich …“

„Augenblick!“, Helenas Ton wurde ein wenig scharf. Sie war weder dumm noch ungebildet, nur ein bisschen … anders. „So viel ich weiß, spielt der Zeitbegriff in den neusten Theorien der Kosmologie eine wichtige Rolle. Außerdem gibt es Überlegungen von … na wie heißt er noch … Priginow … ist auch egal. Wir in unserem Institut haben einen ganz bestimmten Zugang zur Zeit, ich meine zum Begriff der Zeit, obwohl eigentlich …“ Helena war dabei, sich zu verhaspeln. Eschbach versuchte, sein zweites Pseudo-Déjà-vu-Erlebnis zu verscheuchen. Was zum Teufel ist hier los? Sind heute alle verrückt geworden oder bin ich …? Und was ist mit dieser Jüngeren? Die scheint ja eigentlich … Er hatte ihren feinsinnigen Zügen einfach vertraut … Ach was solls. Ich muss …Institut? Eschbach versuchte sich zu erinnern. Unter dem Kreditschild war irgendetwas Kurioses angezeigt gewesen, ja, irgendwie Institut für Zeitreisen, nein, Zeitforschung oder so ähnlich. Er hatte nicht die Absicht, sich wieder auf eine Diskussion über Zeit mit ein paar verrückten Dilettanten einzulassen, insbesondere ihn wahrlich andere Sorgen nieder drückten. Eschbach erhob sich, Esther ebenfalls, während Helena entweder souverän (oder eher unsicher?) sitzen blieb. [Stimme aus dem Regieraum: Mal langsam! Sie können noch nicht zum Ende des Kapitels kommen, zuerst muss klar werden … Das weiß ich! W a s wissen Sie? Das werden Sie ja gleich sehen, Sie … Schon gut!] Eschbach spürte als er so da stand so frei im Raum jeden Augenblick bereit zu gehen das Büro zu verlassen einfach so als er so alleine in den Raum ragte so frei schwebend dass neben ihm neben allen seine Sorgen spürte er eine Gegenwart so als wäre Sie die seine schon lange … nicht … [Pff…]

Esther warf einen nach oben verdrehten Blick über Helenas Kopf hinweg an die Wand, während sie gleichzeitig ihre rechte Hand kühn auf Eschbachs linken Oberarm legte. Sie räusperte sich kurz.

„Eschbach Andreas, sei nicht eingeschnappt! Frau Dr. Petrowa wollte dich nicht belehren, es ist einfach ihr Charakter. Du hilfst uns, wir helfen dir. Wenn du bei unserem kleinen Experiment mitmachst – es dauert nicht lange – dann schauen wir mal, was wir oben erreichen können … Ich hab dir schon zugehört, Eschbach … Andreas.“ Im Zuge dieser kleinen improvisierten Rede strich Esthers Hand mehrmals über Eschbachs Schulter. Außerdem von der Rede überrollt nahm er brav wieder Platz.
Esther mahnte ihr schlechtes Gewissen. Wie ihm wirklich helfen? Dieser merkwürdige Physiker hatte keine Schuldensumme genannt. Sie schob das Problem auf. Wird er bei der Zeremonie mitmachen? Da steckt das Problem. Wird er?

Eschbach kaute an seiner Unterlippe. Experiment? Die Krönung des Tages! Im Grunde war es ihm egal. Was denn sonst noch? Was kommt danach? Kann man das noch steigern? Man kann! Na denn los! Eschbach geriet in den Strom einer künstlichen von Angst umflorten Wurstigkeit. Er wird.

Helena kniff die Augen zusammen, schnalzte mit den Lippen, nickte und schlug die ominöse Zeitschrift wieder auf … Gleich forscht nach ihren ominösen Notizen, indem sie suchend mit den Händen auf ihr Kleid klatscht.

„Los gehts!“

Du erahnst die Zeit nicht im Anderen im ganz Anderen auch nicht in der Unendlichkeit da ist sie nicht versteckt

5. Die Zeit versammelt sich

Die umtriebige, aber als scharfsinnig geltende feministische Ethnologin Esther Diener ließ ihre Wohnung in der Schweizer Straße heute früh in einem derartigen deterministischen Chaos zurück, dass sich selbst ein gut platzierter Dämon nicht mehr zurechtgefunden hätte. Früh – das heißt nach Esthers Tageseinteilung: so um halb zehn; Esther ist eine Eule. Sie hatte es echt eilig, denn sie musste unbedingt die Sitzung des Institutsrates besuchen (11 Uhr c.t.), denn Esther forscht am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Goethe Universität, denn … Außerdem und vorher musste sie ihre alte Freundin/Mentorin Helena Petrowna besuchen, um ihr geistigen Beistand zu leisten.

Und schon sitzt sie in ihrem alten Fiat Panda (die Kiste mit dem Stoffschiebedach) Gartenstraße Kennedyallee … und schon biegt sie in die Niederräder Landstraße ein an der Frauenhof Schule vorbei dann nach links zweite rechts Triftstraße die gleich ihre Identität wechselt und die Adolf-Miersch-Straße wird und sich nach einer zweiten Häutung Lyoner Straße nennt. Der Panda rast noch durch einige Straßen, deren Namen mir jetzt nicht präsent sind … Und schon ist Esther ans Ziel gelangt. Sie eräugte einen freien Liliputplatz hinter einem blauen Pseudokäfer, der eine unverantwortliche Stellschräge der Bordsteinkante gegenüber aufwies, und zwar in der Weise, dass er sie überrollt und sich mit der Schnauze bedrohlich auf dem Bürgersteig niedergelassen hatte. Esther quetschte ihren Panda lotrecht wie einen Smart in die Auslassung, sodass die linke Türe ihrer Kiste die Anhängerkupplung des Käfers leicht streifte. Sie schlängelte sich durch die rechte Türöffnung heraus, nachdem sie die Tür heftig gegen einen großen Steinpoller geschlagen hatte, der sie am Aufschwingen hinderte. Esther stolperte auf den Gehweg fast geradewegs in den Hauseingang Nummer 16, fing sich halbwegs wieder, geriet jedoch sofort ins Trudeln, weil ein anscheinend desorientierter verwirrt aussehender Mann mittleren Alters ihre Bewegung störte, indem er aus dem Hausflur stürzend haarscharf an ihr vorbei hetzte, was sie zurückzucken ließ und nochmals aus dem Gleichgewicht hebelte. Verdammter Idiot! Esther patschte mit der linken Hand an ein schmieriges Firmenschild SOFORT KREDIT KEINE SICHERHEITEN SOFORT BARGELD Dritter Stock stieß sich ab und prallte einigermaßen sanft gegen die rechte Eingangsnischenwand. Eschbach drehte kurz irritiert seinen Kopf nach hinten, taumelte aber den Gehsteig weiter entlang an seinem eingeklemmten Auto vorbei, das er überhaupt nicht wahrnahm. Esther legte die Unterlippe über die Oberlippen, zog die Augenbrauen noch oben, nur nicht aufregen, auch nicht über das Firmenschild unter dem des Kredithais INSTITUT FÜR ANGEWANDTE ZEITFORSCHUNG Dr. H. Petrow Zweiter Stock, das fiel ihr jedes Mal schwer. Helena ist ein wenig merkwürdig … Esther schaute einen Augenblick zu wie der Kerl auf dem Bürgersteig umher irrte, verschwand drauf im Hauseingang Pizzeria Bistro Idioten, kann man vergessen, nicht aber Helena.

Eschbach stoppt abrupt. Wo steht … Er dreht sich schwerfällig um … da sieht er es. Doch was er sieht, glaubt er nicht. Eingeklemmt. Eschbach mustert die Kiste des Anstoßes mit zusammengekniffenen Lippen. Die rechte Tür steht einen Spalt offen – man könnte … Er verharrt unschlüssig und steif wie ein Pfosten vor dem Panda. Er muss weg – aber wohin? Eschbach rafft sich auf, einfach weg, ob mit oder ohne Auto, das ist egal, ist alles egal, schließlich steuert er auf ein blank geputztes gelbrot leuchtendes Café zu, das künstliche Wärme, Geborgenheit und Freundlichkeit verspricht, alles egal.

Esther nimmt die Treppe. Nach ein paar Sätzen zieht sie mit Wucht eine schwere Glastür auf, schwenkt hastig links in den Querflur und presst nach ein paar Schritten mit dem Daumen eine weiße Klingeltaste, nein, einen Türöffner, denn es summt und Esther drückt einen Flügel der Institutstür mit der Schulter auf. In dem kleinen Raum dahinter sitzt eine schmächtige Dame an einem mächtigen Schreibtisch, kaut auf einer Zigarettenspitze herum und studiert verbissen eine Zeitschrift.

Mit „Setz dich, Kindchen“ wurde Esther von Helena begrüßt, die kaum aufschaute. Esther zog einen Stuhl mit verschlissenem Sitzpolster zu sich heran und lümmelte sich hin. „Also, wie gesagt“, fuhr Helena fort, „der Text ist eindeutig: Seid wieder gegrüßt Neheh und Djet, die ihr getrennt seid als Schatten, den ihr über Re werftet, ihr seid die, welche seinen Weg bereiten, und ganz neu erglänzen wird alles, wenn ihr wieder vereinigt seid… Dann kommt das Ritual, lese ich jetzt aus nahe liegenden Gründen nicht vor! So!“

Helena fixierte ihr Kindchen über den oberen Rand der Gläserfassung einer großen Hornbrille, die ihr schief auf der Nase saß, und schob ihm die Zeitschrift zu.

Werftet? Mit der linken Seite des Brustkorbes an den Schreibtisch gelehnt und durch den Ellenbogen abgestützt schlug Esther die Zeitschrift wieder auf, die während des Schlitterns über die Schreibtischplatte zugeklappt war. Wahrhaftig „werftet“, Esther schüttelte den Kopf. Was ist das eigentlich für eine … Zeitschrift … Der Neue Bund … Esther kniff die Lippen zusammen und „… männliche und weibliche Zeit Zeit der Bewegung und Zeit der Dauer …“ schob das Machwerk über die Arbeitsfläche zurück um „… wie du ja weißt, brauchen eine männliche Person meine Version des Rituals zu üben …“ sich zu distanzieren aber wie sie nicht vor den Kopf stoßen „… könntest mal überlegen, wen …“ Esther wurde durch Fanfarentöne erlöst. Sie atmete durch und stand auf, während sie gleichzeitig in einem einheitlichen eleganten Bewegungsfluss ihr Mobiltelefon ans Ohr drückte. Helena schaute ungeduldig, auf eine Antwort wartend, musste sich aber erst einmal mit unverständlichen Summ- und Knackgeräuschen zufrieden geben, die aus dem Lautsprecher drangen. Esther schritt den Raum … „Mm“ … „Ja gut“ … mit ausgreifenden … „Meinetwegen“ … Schritten ab, hin und her, her und hin … „Bis dann“ …, bis die Geräusche abbrachen. Also gut. Warum nicht jetzt. Der Kelch würde nicht an ihr vorübergehen. Dieser blöde Kerl eben … Sie hatte einen genialen Einfall.

„Helena, ich versuche … bin gleich wieder da.“ Esther auf dem Sprung stockt kurz. „Ich hab noch etwas Zeit, die Sitzung ist auf den Nachmittag verschoben neuer Tagesordnungspunkt vom Chef, irgend ein No soll eine Vertretung bekommen oder so, was weiß ich, ich versuche mal, äh, komme sofort wieder …“ Mit diesen erratischen Bemerkungen verschwindet sie durch die Flur-Glastür hetzt die Treppe herunter ins Pizzeria-Bistro und schaut sich um. Der ist nicht weg, der muss noch da sein, Bistro-Pizzeria, nichts. Esther wendet sich nach links, wirft einen Blick auf ihren Panda, die Tür schlägt sie zu, weiter ein Café und wirklich der Kerl hockt drin. Sie öffnet die Tür, klingeling, na so was, und setzt sich einfach zu Eschbach, der leer blickend in einer einsamen Tasse Kaffee rührt.

„Sie …“ Eschbach hatte keine rechte Kraft, wütend zu sein.

„Ja ich, es tut mir Leid, wir können die Sache gleich in Ordnung bringen, ich müsste nur den Schlüssel … holen. Dummerweise habe ich ihn vergessen, weil ich Ihnen … Sie können gerne … mitkommen …“ Esther ging die geistige Luft aus. Vielleicht war die Idee doch nicht so gut gewesen. Der Kerl hatte einfach so verloren und verzweifelt ausgesehen, als wäre alles mit ihm … Sie suchte nach einem Ausweg, aber das war nicht nötig, der Kerl stand auf und wollte mit, ich fass es nicht französisch, zahle immer noch, keiner da klingeling, ihr wurde die ganze Sache allmählich peinlich, aber zu spät. Eschbach trabte hinter Esther her, wie auf sie geprägt. Er erzählte irgendetwas von Geldverleih, Schulden und Eintreiben, aber sie hörte nicht zu, denn ihre zerebrale Peristaltik nahm sie total in Anspruch. Er muss bei dieser kindischen Zeremonie mitmachen sonst … was? Geldnöte, Esther horchte auf …“ Sie waren hier im dritten Stock?“ Ja, sicher der Kerl war vorhin aus der Nummer 16 gerannt, ja sicher, ich fass es nicht …

Eschbach zeigte auf das Schild SOFORT KREDIT KEINE SICHERHEITEN SOFORT BARGELD Dritter Stock

Beide verharren vor der Nummer 16.

Es gibt keinen Aufschub, da täuscht ihr euch wirklich nicht, nicht wirklich gibt es ihn, jeder Aufschub wird bitter bezahlt, aufgerechnet, ausgeglichen, sehr schnell

4. Die Zeit ist kein Ding

Andreas Eschbach steht erstarrt wie eine Eisskulptur vor der Pforte, als wäre sie das Tor zur Hölle. Kalter Schweiß. Seine Kleider hängen ihm am Leib wie die Lumpen an einer Vogelscheuche; er wirkt wie ein unschuldiger Schüler, den man zur – trotzdem gerechten – Bestrafung mit der Nase dicht an die Wand gestellt hat. Nichts geschieht… eigentlich könnte er wieder gehen eigentlich war er erst morgen aber er hat keine Zeit zu spät es ist zu spät… nichts geschieht… bis Eschbach zusammenzuckt, weil hinter ihm ohne Vorwarnung eine Stimme ertönt, die er nicht versteht – und augenblicklich sieht er sich in das Zimmer gehen, gefolgt von einer Person, die er nicht erkennt. Jetzt also.

Das Zimmer hinter der mächtigen Holztür gleicht eher einer Kammer denn einem weitläufigen Saal, den er doch hinter diesem Tor vermutet hat.
Ein Saal was für ein Unsinn…
„Bitte hier…“
Der Mann hinter seinem Rücken weist wohl auf den Stuhl, den Eschbach beinahe umgestoßen hätte. Eschbach setzt sich. Wieder Ruhe. Schau dich um. Ihm fällt in dieser Sekunde nur auf, dass die Fenster den Fußboden durchstoßen und auf Kniehöhe Halt gemacht hatten, den Fußboden, der ein kleines Stück vor den Fenstern zurück gewichen ist, sodass ein Blick in den unter der Kammer liegenden Raum möglich wäre, wenn man sich nahe an eines der oben halb runden Fenster stellen würde, um scharf auf die eigenen Schuhspitzen zu gucken, oder sich gar auf den grau-weiß melierten Teppich legen… Eschbach wird unruhig und dreht sich wirbelsäulenbiegend herum niemand hinter ihm wo zur Hölle ist der Kerl hin in diesem Kabinett kann doch niemand die Hölle ist nur eine kleine Mansarde ganz einsam völlig verlassen sitzt man drinnen für immer und das ist alles wer hat das Stawrogin in den Dämonen oder man übersetzt jetzt 'Böse Geister' müsste es heißen „in 'Die Dämonen'“ nicht „in den Dämonen“ lese ich ja keine Figuren sondern ein Buch mit dem Titel oder war es doch in 'Schuld…' nein 'Verbrechen…' verdammt warum kommt hier keiner wo ist Nikolai er hat mir versprochen wo steht das nur ich muss nachschlagen googeln man tappt eine enge Stiege hoch und sitzt in der Falle das ist ja wie beim Arzt Eschbach steht auf und schau dich endlich um jetzt fällt ihm in die Augen, dass das Kabäuschen überhaupt keine Büromöbel utensilien birgt birgt? wie erwartet wie Schreibtisch stuhl Rechner Bildschirm Drucker Telefonapparat Akten schrank was weiß er Papier stöße statt dessen eine Art Couchtisch ein paar Sessel und sein Stuhl seltsam deplatziert.

„Setzen Sie sich doch!“, raspelt verbindlich endlich eine dünne Stimme im Hintergrund und ein kleiner schlanker wie ein altehrwürdiger Bankangestellter undefinierbaren Alters gekleideter Herr tritt auf… ihn zu wo kommt…? und deutet auf den Stuhl, der von Eschbach gerade verlassen worden ist. Der Herr fläzt sich eher in einen der Sessel als dass er Platz nähme, was in geradezu schockierendem Kontrast zu seiner zwar etwas kratzigen aber doch höflichen Stimme und seinem gepflegten Äußeren steht. Eschbach knickt ein und plumpst auf den Solitärstuhl aufgestellt mitten im Dachzimmer in der Schusslinie des ominösen Herrn.

„Sie sind einen Tag zu früh“, beginnt der die Sprechstunde und zündet sich eine Zigarette an. Eschbach sucht automatisch nach einem Aschenbecher, findet aber keinen. Eschbach antworte
„Ja, ich dachte, ich wollte, wo ist Stawrogin Quatsch Nikolai er hat mir…“
„Nikolai ist verhindert, ich vertrete ihn. Sie müssen mit mir vorlieb nehmen. Sind Sie flüssig?“
Eschbach kapiert nicht denkt an Aggregatzustände: fest flüssig gasförmig suprafluid…
„Ja natürlich, nein, ich meine nein, heute nicht, deswegen komme ich doch heute schon, ich brauche noch etwas Zeit, ich hoffe hoffte auf Nikolai…“
„Wie gesagt, Nikolai ist verhindert. Sie haben Zeit bis morgen, und bitte verschwenden Sie nicht die meine und die Ihre. Wenn Sie heute nicht zahlen können, was wollen Sie. Kommen Sie morgen!“
Der Herr erhebt sich rasch von seinem Sessel und macht Anstalten, Eschbach zur Tür zu geleiten. Wo hat der Typ die Asche hingestippt?, fragt sich Eschbach und bleibt sitzen. Das ist nicht gut, das ist überhaupt nicht gut. Wo ist Nikolai?
„Morgen, ich kann es morgen bin ich auch nicht flüssig…“
„Kommen Sie morgen!“ Der Herr geht zur Tür und öffnet einen Flügel. „Wir halten uns an die Abmachung. Wie gesagt, Sie verschwenden unsere Zeit.“
„Aber…das hat doch keinen Sinn!“, Eschbach klingt verzweifelt, springt auf, „Sehen Sie, es geht doch nur…“ Der kleine Herr ruft kurz in den Flur und sofort taucht ein Mann auf, hat der ihn nicht hereingelassen, aber…
„Herr Schmidt zeigt Ihnen den Weg. Kommen Sie morgen um dieselbe Zeit.“ Eschbach steht da. Eschbach gibt auf. Ihm ist, als müsse er gleich zerplatzen, sein ganzer Körper zittert, alle seine Glieder bis in die Spitzen besonders die Spitzen sirren wie ein wild gewordenes Insekt nicht schreien Der Türflügel klappt zu.
„Gehen wir,“ Schmidt legt die Fläche seine linken Hand sanft auf Eschbachs Arm und führt ihn so durch den Flur in Richtung Glastür.
„Ich brauche noch Zeit“, flüstert Eschbach hilflos ins Leere. Er lässt sich lenken wie ein Kranker. Der Flur zieht sich hin, ein langer mühsamer Weg bis zur Glastür mit der zerbrochenen Scheibe brauner Teppichboden mit großen Flecken an den Rändern weißlich doch Schmidt ist ein guter Betreuer und Cicerone. Eschbach steckt seine Hände fahrig in seine Jackentaschen, findet sein Handy nicht, er muss Nikolai hat ihm einen Aufschub versprochen anrufen was soll er morgen das ist doch sinnlos. Sie erreichen die Glastür, Schmidt zieht sie auf, um Eschbach heraus zu lassen: „In der Apokalypse verheißt der Engel, daß keine Zeit mehr sein wird.“
Was? Eschbach versteht nichts. Außerdem noch Hohn und Spott? Schmidt lächelt freundlich, während er die Tür aufhält. Eschbach begreift immer noch nichts. Was zum Teufel…?
„…wird keine Zeit mehr sein, weil sie nicht mehr nötig ist,“ Schmidt lächelt weiter freundlich. Was? Keine Zeit? Was soll das? Nicht mehr? Die Zeit verlischt wie eine abgebrannte Kerze? Ich muss Nikolai was soll das was will dieser…
„Die Zeit ist kein Ding, sondern eine Idee. Sie wird in den Köpfen erlöschen,“ Schmidt schiebt Eschbach behutsam ins Treppenhaus und lässt ihn allein. Klappe zu Affe tot der Kerl veräppelt mich… Das Treppenhaus lädt zum Herunterpurzeln ein ganz einfach Eschbach wankt hält den Kopf schief die Augenbrauen hochgezogen die Augen aufgerissen ein Zerrbild so weit ist es das ist es! „Alte philosophische Gemeinplätze, immer dieselben seit Anfang der Welt“ das ist es! Schmidt hat zitiert! hat 'Böse Geister' zitiert wie kommt er was soll das unglaublich wer ist dieser Schmidt warum Stawrogin im Gespräch mit wie heißt er noch Kril… Krilow wie heißt er noch der verrückte Ingenieur…

Eschbach weiß nicht mehr ein noch aus plötzlich von Panik gepackt poltert die Treppe herunter und rennt im Hauseingang eine junge Frau beinahe über den Haufen.

Du findest die Zeit nicht in der Welt du findest sie auch nicht im Kopf denn der Kopf ist in der Welt warum fragst du nicht?

3. Die Zeit ist knapp

Der eigentlich erfolgreiche Krimiautor und zerstreute Physiker Andreas Eschbach hatte seine Wohnung heute sehr frühzeitig verlassen, um sein Auto zu suchen. Ihm war nie klar geworden, warum der frühe Morgen doch irgendwie frisch und planckgeputzt aussieht, als wollte Aurora ein altes dummes Klischee verkörpern – soweit ein luftiger Morgen irgendwas verkörpern kann. 'Greifen kann er, der Morgen, mit seinem hellen Licht, er langt mir, nein er strahlt er spuckt mir in die Augen, als wollte er sie rein waschen, und dann: Tränen lassen alles verschwimmen, die ganze reine krasse Klarheit…paradox…Na gut…soweit so schlecht…was für ein Tag…und er hat noch nicht mal ordentlich angefangen…', Eschbach hatte sein Sprachzentrum auch zuständig für das Gespräch der Seele mit sich selbst nicht recht im Griff gehabt: 'Der Kollege Sänger würde es anders ausdrücken', hatte Eschbach frei assoziiert, als er seinen Blick hatte umherschweifen lassen… [Stimme aus dem Nirgendwo (wahrscheinlich eine Art Regieraum): Die Leserin und auch der Leser haben inzwischen begriffen, dass hier mit den Zeiten gespielt werden soll…ist schon gut! Außerdem wissen die Lesenden um die Herkunft meiner Stimme.] …phantasierte Eschbach, als er sein Auto suchte, 'Sänger würde es anders ausdrücken, nach ihm hätte das Sprachzentrum unter Umgehung der Großhirnrinde – die erst nach einiger zeitlicher Verzögerung von dieser Insubordination erfahren hätte – einigen motorischen Einheiten, deren Bezeichnung mir gerade entfallen ist, die Information zugesandt, mein vorbereitendes lautloses Sprechen meine Stimmbänder meine Zunge meine Lunge meine Lippen…' Eschbach unterbrach seinen strudelnden zwanghaften Gedankenfluss, denn er hatte sein Auto gefunden. Es pfiff schrill und Eschbach wollte in seinen Wagen steigen, dessen grässliches Bonbonblau diesen modernen Skulpturenhersteller und Aktionskünstler, wie heißt er doch noch, entzückt hätte. 'Nein, nicht 'Subordination', sowas kommt bei Sänger garnicht vor, i c h komme garnicht vor, nur das Hirn, ja eben nicht mal m e i n Hirn'…„Pass doch auf du Depp!“ Eschbach regte sich auf, entweder über den ichlosen Sänger oder über den hirnlosen Kerl, der ihn eben beinahe angerempelt hätte, so genau weiß man das nicht. No überhörte den beleidigenden Fluch überspielte die fast ausweglose Lage meisterhaft um nicht zu sagen vortrefflich… indem er seinen Bekannten einfach unter den Arm fasste und ihm ohne ausholende Vorrede mit seinem nächtlichen Denkerfolg traktierte. Eschbach war zuerst verblüfft, dann verärgert. Er hasste es, wenn seine verschlurften Gedankengänge unterbrochen wurden, insbesondere wenn die in ihn eindringenden Fremdgedanken seines Erachtens wurmstichig waren. Eschbach war nicht so gnädig, im öffentlichen Raum jedem Dahergelaufenen sein Ohr zu leihen. Er war selten verfügbar; auch nicht für Bekannte, ja Bekannte!– zu seinem Bedauern musste feststellen, dass er dieser Kasperlefigur schon mehrmals in seinem Leben begegnet war…Mit einem merkwürdigen Namen war diese Gestalt geschlagen… Schon gar nicht ging es an, von einer Pappnase angefasst zu werden. Aber bevor Eschbach sich losreißen konnte, hatte No seine Beweisführung abrupt beendet: „…Also gibt es keine Zeit. Was sagen Sie?“ Lang anhaltende Gespräche auf der Straße waren Eschbach natürlich auch zuwider, daher wählte er nach kurzem Überlegen ein Totschlagargument: „Wie lange haben Sie gebraucht, diesen Gedanken zu fassen, No?“ Der antwortete minimal verstimmt: „Was weiß ich, ungefähr ein paar Minuten…“ Da sagte Eschbach nur: „Sehen Sie!“, stieg in seinen blauen Pseudokäfer, der zufällig vor Dr. Nos Wohnung stand und fuhr ohne ein weiteres Wort davon.

Andreas Eschbach fuhr den Reuterweg hinunter, ließ die Alte Oper links liegen, bog nach einigen unverständlichen Manövern links ab und hielt sich in Richtung Main, den er überqueren wollte. 'Hinunter, hinunter, warum eigentlich >hinunterunten< oder sonstwie gelegen sein…Verdammt noch mal was mach ich nur was mach ich nur ich krieg das Geld nicht nicht heute morgen nicht ich bekomm das Geld nicht was mach ich nur…' Der Main spiegelte einen halbwegs blauen Himmel wider, sodass seine braune Brühe den Eindruck erweckte, selbst blau zu sein eigentlich ein Betrug aber Flüsse betrügen nicht Eschbach wurde immer verzweifelter betrügen nicht ich aber muss Haltung bewahren um Gottes willen Haltung bewahren sonst bist du verloren bin ich sowieso bin ich irgendwo in der Bürostadt Niederrad hielt Eschbach an. Er erspähte eine Parklücke, und stieß schief hinein, ohne auf irgendein Hinweisschild zu achten. Ihm war kalt. Er war zu spät. Mit den Zähnen an der Unterlippe zuzelnd suchte Eschbach fahrig die Nummer 16? 6? 26?…Hier, da, dort hinten, weiter, ein Hauseingang gleicht dem anderen, rechts eine Pizzeria, es riecht fettig und salzig, links ein Bistro, es riecht kaffig und milchig, in der Mitte ein erkerartiker Eingang von einer Drahtglastür verschlossen, eine Latte von schmutzigen Geschäftsschildern mit handschriftlichen Korrekturen an einer Seitenwand, endlich 16, ja 16 ist es, er weiß es wieder, 16, Gott sei Dank, eine tiefe Erleichterung nimmt ihm seine akute Angst, eine Erleichterung, sie packt ihn so fest, dass er zittern muss, er stockt, die Erleichterung drückt ihn tief darnieder, was für ein Glück, was für eine Linderung, endlich, hier herein, an der Pizzeriaküche vorbei, die Aufzugskabine weg, die Steintreppe hoch, und höher, langsam, nicht so schnell, Eschbach hält vor einer zerbrochenen Glastüre und tritt in einen langen Querflur, sodass er unschlüssig ist, ob rechts oder links…öffnet sich am Flurende eine solide Holztür, Stimmen ertönen, von ihnen angezogen und abgestoßen zugleich steuert er doch auf sie zu, lässt einen kleinen Mann in einem Kamelhaarmantel an sich vorbei, schneller Eschbach, zu spät, die festgefügte Holztür schnappt ein. Stille.

Andreas Eschbach verharrte neblichten Kopfes vor dieser zweiflügligen Holztür und starrte auf die Füllung, als könnte sie sich in eine Art Diptychon verwandeln, um ihn endlich zu erretten. Pustekuchen. Eschbach brauchte Zeit. Gleich öffnet sich die Tür und er wird die Kammer betreten, in der ihn das erwartet, was Ihr in unzähligen Filmen gesehen habt. Eschbach hat keine Zeit, er hat kein Geld, und er hat keine Hoffnung.
Zeit kannst du nicht kaufen, die Zeit ist wie ein spielendes Kind, und ein spielendes Kind kannst du nicht kaufen…

2. Das Gespenst der Zeit

Dr. No steht jetzt höchst vergrätzt am Straßenrand und flucht und grummelt vor sich hin: „Dieser Idiot bildet sich ein, mich mit der linken Hand niedergemacht zu haben. Sicher, es gibt die Zeit, jeder Depp weiß das, als ginge es um die Widerlegung der Zeit, nein, darum geht es nicht, jeder… das ist doch klar! Die Zeit wird in Frage gestellt, nicht mit Worten beseitigt… Was ist das für ein merkwürdiges Wesen, die Zeit…“ No schlappt kopfschüttelnd zu seiner Haustür zurück, brummelt und knurrt weiter in seinen Einigetagebart, steigt die Treppe hoch und verschwindet in seiner Wohnung. Gewissermaßen wollte er doch… aber das hat völlig vergessen. „Selbstwiderlegung, so ein…“ No öffnet den Kühlschrank und sucht nach Eiern. „Das Ei des…“ Er findet die Schachtel, klaubt eines heraus. „…oder noch besser: Nürnberger Ei, ha, so ein…“ No sucht den Topf. „…Schwachkopf.“ Stellt ihn auf eine Kochplatte. Legt das Ei in den Topf. „Zum Exempel…“ Er spricht offenkundig zu einem unsichtbaren Zuhörer. „…figuriert bei den Physikern die Zeit als eine Strecke, an die sie ein kleines t kleben. Punktum. Und das ist es. Entweder die Zeit liegt insgesamt vor und alles ist schon geschehen oder sie ist einfach in einem Punkt verschwunden weggegurgelt wie in einen Abfluss!!“ Der unsichtbare Zuhörer öffnet den Mund und hebt die Hand, keine Chance, No lässt ihn nicht zu Wort kommen: „Ja, ja, ich weiß, was Sie sagen wollen… nein, eben nicht, die Zukunft ist offen, die Vergangenheit geschehen, wirklich ist die Gegenwart, jede zeitliche Ausdehnung teilt sich immer in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf, sodass eine Strecke die Zeit nur unzureichend, ja verfälschend abbildet…“ Dem Unsichtbaren gelingt es nicht, No zu unterbrechen. „…nicht die ganze Zeit, die ganze Zeit – was soll das sein?, nur die Gegenwart ist wirklich, aber, aber…“ No hat Mühe, den Unsichtbaren stumm zu halten. „…da die Gegenwart wohl eine Nullität ist, ein unfassbarer Schatten eines Schattens, ein Punkt im Nichts, der sich bewegt, der sich entzieht, eine Bewegung ohne Bewegtes…“ Nos Zuhörer erweckt den Eindruck, als wolle er dem Faselhans an die Gurgel, aber da täuschen wir uns unter Umständen, schließlich ist der zornige Gast nur schwer zu sehen. „…deswegen…“ No hebt die Stimme an, soweit das noch möglich ist: „…deswegen befindet sich die Zeit im Geist, wo soll sie sonst sein, Sie haben auch keine Antwort, was anderes als Erinnerung, Erfassung, Erwartung vermag sie zu sein, die Ausdehnung der Zeit bedeutet nichts anderes als die Ausdehnung des Geistes, der Geist erinnert sich an Vergangenes, erfasst Gegenwärtiges und erwartet Zukünftiges, sonst greift mein Argument, Sie erinnern sich: Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht, und die Gegenwart ist einfach nur die Grenze von Vergangenheit und Zukunft. Da aber weder Vergangenheit noch Zukunft existieren, kann auch ihre Grenze nicht existieren. Also gibt es keine Zeit… ach Sie waren ja gar nicht… das Erfassen der Gegenwart geschieht nicht im Augenblick, nicht im Punkt, im Nichts, die aktive Erfassung des Gegenwärtigen verbindet das Erinnerte mit dem Erwarteten, verschafft dem Gegenwärtigen Luft und dehnt es so aus… verstehen Sie… Man kann das näher untersuchen… Und doch und doch… Was hielte die Gegenwart auf? Stirbt sie nicht im Augenblick der Geburt, von der Zukunft ausgespien, unmessbare Helle, sofort ins Grab der Vergangenheit stürzend? Nein…? Was sagen Sie?“ No atemlos hält inne, man glaubt es kaum. Er sucht irritiert seine Küche ab, sein Blick fällt auf den mit Luft gefüllten Topf, auf dessen Grund das einsame Ei seinem Schicksal entronnen ist. Er mustert den Unsichtbaren, was sieht er, Schatten von Reitstiefeln, eine an den Oberschenkeln leicht ausladende Stiefelhose, den Stiel einer…. aber das wäre schon zu viel gesagt… Der Reiter verschwindet schemenhaft, wie im Nebel. Nur das Pferd ist deutlich zu erkennen. No tritt einen Schritt zurück… öffnet den Mund. Zu spät. Du hast gerade deine Chance vertan.

Fragt doch, warum fragt Ihr nicht, nur um Euretwegen stehe ich hier…

1. Keine Zeit!

Der berühmte Erfinder und Entdecker Dr. Noyes verließ seine Wohnung heute sehr zeitig. Warum der frühe Morgen frisch riecht, der Mittag leicht metallisch die Schleimhaut stählt, der Nachmittag ein bisschen abgestanden müffelt und der Abend merkwürdigerweise blumig duftet, hat Noyes nie verstanden. Vielleicht liegt die Quelle dieser Verwunderung in seinen Ansichten über die Zeit. Noyes hatte schlecht geschlafen, keine Ruhe im Bett gefunden, denn er hatte über die Zeit nachgedacht. Noch überrascht von seinem Ergebnis – ja, er war zu einem Ergebnis gekommen, das man wie bare Münze außer Hauses tragen konnte –, also noch total verblüfft von seinem Resultat trat er sofort nach seinem Wagen suchend auf den Bürgersteig – fand ihn aber nicht. „Mmh…“, Noyes steuerte auf einen modernen blauen Pseudokäfer zu, der direkt vor seiner Nase und Haustür irgendwie wartete. Ein silberfarbener Golf aus einer fremden Stadt ohne Namen zockelte hilfeheischend vorüber, Noyes beachtete ihn nicht, genauso wenig wie er auf die wenigen, aber zielstrebigen Fußgänger Rücksicht nahm Fußgänger Menschentiere Ameisen Elementarteilchen Strömung Fokker-Planck-Gleichung hoppla nicht so hastig… Augenblick, alles zurück, er fand etwas, nicht so voreilig, es findet sich immer etwas, nur meistens nicht das, was man sucht, das wisst Ihr doch. Noyes stieß nämlich fast mit einem alten Bekannten zusammen, den er jahrelang nicht gesehen hatte. Der Name des beinahe Umgerempelten ist uns leider entfallen, und so ist es auch Noyes ergangen. Aber er überspielte die peinliche Lage meisterhaft, um nicht zu sagen vortrefflich, indem er seinen Bekannten einfach unter den Arm fasste und ihm ohne ausholende Vorrede mit seinem nächtlichen (die Nacht atmet insgesamt einen eher neutralen Geruch) Denkerfolg traktierte: „Schön, Sie endlich einmal wiederzusehen, ich habe übrigens meinen Namen geändert, von Noyes zu No, Noyes schien mir zu unentschieden… Sie haben Ihren Namen… Ja, sicher, natürlich… Ich möchte Ihnen sagen… heute Nacht fiel mir ein außergewöhnlicher Gedanke ein, er lautet wie folgt: Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht, und die Gegenwart ist einfach nur die Grenze von Vergangenheit und Zukunft. Da aber weder Vergangenheit noch Zukunft existieren, kann auch ihre Grenze nicht existieren. Also gibt es keine Zeit. Was sagen Sie?“ Der Bekannte, dem Aussehen nach ein Physiker, blickte Dr. No eine kurze Weile ruhig an und lächelte darauf ein wenig gequält; Dr. No und seine Eigenheiten waren ihm noch in schlechter Erinnerung. Wären Sie dabei gewesen, hätten Sie am Gesichtsausdruck des Physikers bemerkt, dass er seinen Reichtum an Einwänden schnell nach Schwierigkeitsgrad sortierte, um schließlich diese sehr einfache Entgegnung vorzubringen: „Wie lange haben Sie gebraucht, diesen Gedanken zu fassen, No?“ Der antwortete minimal verärgert: „Was weiß ich, ungefähr ein paar Minuten…“ Da sagte der Bekannte nur: „Sehen Sie!“, stieg in seinen blauen Pseudokäfer, der zufällig vor Dr. Nos Wohnung stand und fuhr ohne ein weiteres Wort davon.

Was ist das, die Zeit, dieses unsichtbare Monstrum; wie zu verstehen, wenn selbst ihre Existenz …

Vita: Peter Eisenhardt

Der Philosoph Peter Eisenhardt und der Physiker Gerhard Schmidt schreiben ein Buch (Arbeitstitel: Der gefrorene Fluss – Über Physik und Ethik der Zeit) über das Wesen der Zeit. Sie wollen verständlich und interessant aus einem Guss den inneren Zusammenhang zwischen den naturwissenschaftlichen, philosophischen und existenziellen Aspekten des Zeitbegriffs darstellen.

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