Takis Würger, Foto: Jamal Tuschick
Takis Würger, Foto: Jamal Tuschick

16. April 2018

Deutsch-Israelische Literaturtage

Die Königskinder von Cambridge

Zwischen den Fronten – Wie streitet man richtig? Auch darüber diskutierten Autoren anlässlich der 13. Deutsch-Israelischen Literaturtage. Ein abschließender Bericht von Jamal Tuschick

Amichai Shalev nannte Israel im zweiten Panel eine „gewalttätige Gesellschaft“.

„Der nächste Krieg steht stets bevor.“

Man spürte, wie sehr Shalev die angespannte Lage in seinem Land belastet. Er sicherte seine Position mit Hinweisen auf eine begrenzte Zuständigkeit für große Fragen. Wenige verlässliche Informationen – „Ich weiß nicht, was gerade an den Grenzen los ist“ – gehen in einer Flut von erfundenen, verdrehten und zu systemischen Narrativen umgebauten Informationen unter. Vor diesem Hintergrund sei der Kampf um die Wahrheit ein Kampf gegen Windmühlen.

„Ich will keine soziale Tagesordnung vorgeben.“

Dem defensiven Konzept begegnete Nicol Ljubić mit lebhafter Streitbereitschaft. Auch er vermutete die Wahrheit in der Verdrängung. Sich selbst sieht er „in einem Kampf um gemeinsame Regeln“. „Die Stellschrauben des gesellschaftlichen Zusammenlebens“ seien in Deutschland falsch eingedübelt. Ljubić riet dazu, sich aktivistisch in Parteien zu engagieren, Mehrheiten für linke Politik strategisch zu schaffen und außerdem neue Parteien zu gründen. In seinem literarischen Beitrag erinnerte er an den Lehrer Hartmut Gründler, der sich 1977 verbrannte, um ein Fanal zu setzen gegen die Verlogenheit der Bundesregierung in Fragen zur friedlichen Nutzung von Atomenergie. Folgt man Ljubić, dann handelte Gründler aus Wahrheitsliebe. Der Autor filtert das biografisch Verbürgte in die Sicht eines Zehnjährigen. Hanno Kelsterberg kann seiner Mutter nicht nahekommen, ohne ihre Verehrung für den kompromisslosen Gründler zu teilen. Der Wahrheitskrieger hatte im Kelsterberger Keller gehaust und war so nah der Familie, Frau K. ans Herzen gewachsen. Nun pflegt sie fordernd sein Andenken. Hanno macht mit als Spendensammler. Eines Tages klaut er einer Frau hundert Mark und kauft sich damit die Anerkennung seiner Mutter.

Ljubić betrachtet Gründler „als Sinnbild der Siebzigerjahre“. Seine Schilderungen ignorieren das offensichtlich Verbohrte und Fanatische des Helden. Vielleicht dient Ljubić die menschliche Fackel Gründler tatsächlich als Vorbild. Es gab eine Irritation im Gespräch. Shalev entzog sich dem Empowerment Impetus seines Gesprächspartners mit einlenkenden und zurückweichenden Formulierungen. Er bekannte, seit dem Tod von Yitzhak Rabin nicht mehr zum Demonstrieren auf die Straße gegangen zu sein. Seine Streitlust habe ihren Raum in der Literatur. Die Streitlust der anderen fand Shalev in den sozialen Medien besser aufgehoben als auf Asphalt. Er betonte die Vorteile des Unkörperlichen und machte eine interessante Rechnung auf. Der Platz, den ein Ereignis mit Likes, Kommentaren und Freundeskreiszuwächsen in den Medien bekomme, entscheide über die Bedeutung. Die mediale Wirkung ersetze das Gesetz der Straße als einer Frage der großen Zahl aufwändig Anwesender.

Für Shalev las Frank Riede aus „Splendid Isolation“. Der Roman spielt in einem Hotel und verdaut Erfahrungen, die Shalev in der Gastronomie sammelte.

„Beim Militär war es nicht schlimmer.“

Es gibt „sabbernde Hotelflügel“, eine „blutende Sonne“ und „Wörter, die in der Kehle vorrätig gehalten werden“ in diesem Kosmos. Das Personal rekrutiert sich aus ehemaligen GUS-Genossen, die im sozialen Souterrain der israelischen Gesellschaft angekommen sind. Das erzählende Ich phantasiert vom Aufstieg. Es faselt sich durch die Maloche und registriert mit der dickfelligen Dünnhäutigkeit der Deklassierten die Finessen arrivierter Gemeinheit.

Splendid Isolation ist ein Begriff des 19. Jahrhunderts. Als Mutterland eines Weltreichs gefiel sich England in Zeremonien der Abschottung. Fand man es angebracht, die Zugbrücke herabzulassen, unterbrach man eine freiwillige Isolation. Bis heute gibt es exklusiv geschlossenen Räume auf der Insel. Takis Würger erzählt davon in seinem ersten Roman „Der Club“, der genauso gut Cambridge Fight Club heißen könnte. Siehe meine Besprechung.

Würger trat gemeinsam mit Yiftach Ashkenazy auf. Natascha Freundel moderierte. Ich weiß nicht mehr, welche Frage von Freundel Würger dahin brachte, zu erzählen, wie er, der musikalische Laie, einmal von seinem Chef nach Paris geschickt worden war, um einen Pianisten zu porträtieren.

„Schreib über ihn wie du über einen Boxer schreiben würdest.“

Der Musiker erkannte schnell, dass er einen Ahnungslosen bewirtete. Er nahm es mit Humor und fixte den Journalisten mit Chopin an. Seither muss Würger klassische Musik hören, um sein Level zu halten.

Das College im Roman prägte zwanzig Staatsoberhäupter und zehn Nobelpreisträger. Nur die reichsten Kinder kriegen in der Eliteschmiede die Feinform verpasst. Und jetzt kommst du aus Niedersachsen und brauchst vier Stipendien, um in der Holzklasse mitzufahren. Den Rock’n’Roll bringt das Boxtraining. Alle boxen. Alle außer dir sind zwanzig, voll versnobt und von Testosteron durchgeladen. Mangel kennen sie nicht.

Neun Mal Training pro Woche ist Standard. Würger boxt einen guten Mann und verliert anständig. Nach der Niederlage bittet man ihn im Pit Club zum Lunch; die Königskinder von Cambridge erscheinen im blauen Blazer. Würger wird initiiert. Der Weitere steht im Roman.

„Ich liebe Sport, der wehtut.“
Das offenbarte Ashkenazy.

„Man kann Schmerz genießen.“

Mir hat das Amos Oz erklärt. Die Sache ist ganz einfach: Wer mit Schmerz klarkommt, muss nicht gewinnen, um nicht zu verlieren. Der nimmt, was sich nicht vermeiden lässt, und bleibt stehen. Der steht einfach alles durch. Takis Würger begriff schnell, dass er früher als gewohnt aufstehen musste, um in Cambridge mithalten zu können. Einmal tat er nicht genug und stand deshalb entblößt vor seinem Tutor, der ihm eine Rekordzeitlektüre von Thomas Hobbes‘ „Leviathan“ zur Hausaufgabe gemacht hatte. Mit der Idee, fast alles (gelesen zu haben) sei genug, um nicht durchzufallen, fiel er durch bis auf den Boden der Einsicht, dass sich manche Leute nicht grundlos für besser als andere halten.

Moderatorin Natascha Freundel hatte das Gespräch auf die Frage gebracht, ob eine Gesellschaft Eliten braucht. Ashkenazy, der eben noch daran erinnert hatte, dass es in einem sozialistisch-zionistischen Kibbuz Zigaretten und Kondome umsonst gab, obwohl ein vorbildlicher Sozialist Nichtraucher – und ein Rauchverbot in jeder zionistischen Pfadfinder-Verfassung festgeschrieben war, hob den Nutzen einer Oberschicht hervor.

„Wir gehen mit (Hammer- und Sichel-) Gesang, denn wir sind nicht zimperlich. Erst nehmen wir Hiram und dann die ganze Welt.“

Auch Würger bestand darauf: die Besten müssen es machen, egal, ob in der Politik oder im Journalismus. Bloß keine Luschen, wenn es darauf ankommt.

Yiftach Ashkenazy, Foto: Jamal Tuschick
Yiftach Ashkenazy, Foto: Jamal Tuschick

16. April 2018

Deutsch-Israelische Literaturtage

Mythos in kurzen Hosen

Die Träume der Aufbauzeit – Am letzten Tag der Deutsch-Israelischen Literaturtage ging es um Geschlechtergerechtigkeit und Protestformen.

In der israelischen Logik liegt der Westen historisch im Osten. Das weiße (westliche) fortschrittliche Judentum kam aus Osteuropa und Aschkenas (Deutschland). Die Aschkenasen dominierten schon die Ära vor der Staatsgründung, als „facts on the ground“ von kommunistischen Zionisten geschaffen wurden. Das waren zumal osteuropäische Intellektuelle im Straßenbau. In ihrer Gemeinschaft lebten Männer und Frauen gleichberechtigt an Gepflogenheiten einer mittelalterlich patriarchalischen Umgebung vorbei. Die Einzelne und das Geschlecht zählten wenig im Vergleich mit dem großen Ziel des Baus eines zionistischen Hafens. Antike Aufnahmen dokumentieren Szenen in der Manier eines hyperrealistischen Sozialismus. Sie illustrieren einen Mythos in kurzen Hosen. Am letzten Tag der Deutsch-Israelischen Literaturtage war davon oft die Rede. Am Schönsten schilderte Yiftach Ashkenazy die Träume der Aufbauzeit – und ihren Verrat in den Verschleißmühlen eines egoistischen Alltags in einem sich selbst vergessenden Staat.

Ashkenazy kam vom Militär zur Literatur. Sein Vater war ein kommunistischer Fallschirmjäger und nannte den Sohn nach einer Kampfeinheit im Unabhängigkeitskrieg. Ashkenazy wurde als Ideenprodukt der Welt anvertraut. Man bläute ihm die Internationale ein. Davon erzählt er in einem Roman, der auf Deutsch noch nicht vorliegt. Ausgangspunkt des Geschehens ist „Hashomer Hatzair”, eine sozialistisch-zionistische Organisation im Jugendstil. Die Protagonisten begegnen sich da in den Fünfzigerjahren als zum Idealismus Verdonnerte. Sie brennen für Israel und suchen Chancen der Bewährung in der Verstärkung von Grenzsiedlungen. Jahrzehnte später sind die Pfadfinder von einst ernüchterte Bürger eines Landes im permanenten Ausnahmezustand. Sie fühlen sich um ihr Israel betrogen. Das war ein in sozialistisch-zionistischen Farben geträumter gigantischer Kibbuz voller Gesang, Gleichheit und Hochzeiterfröhlichkeit, während in Wahrheit sich die Gesellschaft im Hass ihrer diasporischen Verzweigungen formiert.

Begraben wurde von der Praxis die Vorstellung, man könne von egal woher kommen und im israelischen Schmelztiegel automatisch eine neue Identität gewinnen. Das erklärte Sarit Yishai-Levi. Sie beschrieb die Reservatsformate, in denen sich Aschkenasen von Sepharden isolieren. Jede Gruppe besucht eigene Heiratsmärkte. Yishai-Levi betonte ihren Stolz auf eine „reine Abstammung“. Ihre Vorfahren kamen aus Spanien nicht auf den Umwegen des Maghrebs nach Jerusalem, sondern straight mit dem Ticket der massenhaften Vertreibung von Juden aus Spanien im 16. Jahrhundert. Yishai-Levi ist zwar eine Sephardim, identifiziert sich aber nicht mit den Sepharden, die in arabischen Prägestöcken abgestempelt wurden.

Ich gehe nicht chronologisch vor. Es gab drei Veranstaltungsblöcke. Im ersten Durchgang traf Sarit Yishai-Levi Fatma Aydemir. Dann redete Amichai Shalev mit Nicol Ljubić. Shelly Kupferberg moderierte die ersten beiden Gespräche, Natascha Freundel sprach zum Schluss mit Yiftach Ashkenazy und Takis Würger.

„Moslems können kämpfen und verlieren, und dann wiederkommen und erneut kämpfen. Aber Israel kann nur einmal verlieren.“ Golda Meir

Aus dem Mann neben mir brach es heraus: „Wir waren Stalinisten. Bei uns hingen Bilder von Stalin und Tito an den Wänden.“

Er sah mich so an, als müsste ich ihn nach dieser Offenbarung für den Teufel halten. Wild stach er die Luft mit altersschwachen Fingern. Seinem Überdruck bot sich kein Ventil im Erstaunen des Zeitgenossen. Mein Nachbar hatte während der Runde mit Ashkenazy und Würger Anstalten gemacht, sich einzuschalten. Er war ein Veteran der „Hashomer Hatzair”. Das Wir bezog sich auf die sozialistischen Pfadfinder. Der Mann kannte sich aus in Ashkenazys Romanwelt. Er hatte die Desillusionierung der Gläubigen erlebt, die zu Gläubigern eines bankrotten Ideals geworden waren.

Den ganzen Tag schon waren der Ernüchterung Girlanden geflochten und Beispiele für seelische und staatliche Korruption angeführt worden. Das Widerstandswunder Israel tauchte als literarischer Gegenstand nicht auf. Immerhin fand Sarit Yishai-Levi im Gespräch mit Fatma Aydemir über Geschlechtergerechtigkeit, dass die Frauen in Israel gut dastünden, wenn auch die zähe Gegenwart hinter dem furiosen Start herhinke. Die Schriftstellerin beschrieb Emanzipationsverlangsamungen in paradoxen Prozessen zwischen realer Teilhabe weiblicher Israelis am gesellschaftlichen Ganzen und in europäischen Enklaven frisch gehaltenen Strömungen der Rückständigkeit. Iris Böhm las aus Yishai-Levis Roman „Die Schönheitskönigin von Jerusalem“, der als „sephardische Version von Amos Oz’ Geschichte von Liebe und Finsternis bezeichnet wurde. Darin geht es um „vererbte Familienkatastrophen“, wie Shelly Kupferberg sagte. Was zu hören war, kam aus der Perspektive einer ungeliebten Tochter. Gabriela stellt zunächst fest:

„Meine Mutter hat es nicht geschafft, eine ältere Frau zu werden.“

Die Beerdigung wird zum Aufmarsch. Das Prestige der Verstorbenen spricht sich in den Gesten der Trauernden aus. Gabriela meldet das Versäumnis einer rechtzeitigen Aussöhnung. Ihr Friedenswunsch kommt zu spät. Mit Gabriela soll ein Familienfluch enden. Deshalb verweigert sie die Mutterschaft.

In Aydemirs literarischer Gegenrede „Ellbogen“ – hier meine Besprechung – erlebt eine Siebzehnjährige die fortgeschrittene Migration im Widerstand zu den Erwartungen. Sie ist kein Opfer zumindest nach ihrem Selbstverständnis.

Aydemir sieht Deutschland als gespaltene Gesellschaft, in der „die AfD zum Albtraum der Altparteien“ geworden ist. Nach ihren Erfahrungen haben auch genug Autochthone Probleme mit Deutschland, um in der Konsequenz „einen Mangel an Heimat“ nicht unbedingt als Mangel zu verspüren. Aydemir betonte die Notwendigkeit eines offensiven Feminismus. Yishai-Levi widerstand der totalen Zustimmung. Ihr kam es darauf an, klarzumachen, wie fortschrittlich Israel einmal war. Inzwischen „kommen immer weniger Frauen in hohe Ämter“.  

Liran Atzmor im Gespräch mit Christian Römer, Foto: Jamal Tuschick
Liran Atzmor im Gespräch, Foto: Jamal Tuschick

14. April 2018

Deutsch-Israelische Literaturtage

Frauen in der Optimierungslücke

Auf der dunklen Seite des Lebens verliert man leicht seine bürgerliche Statur – Im Rahmen der Deutsch-Israelischen Literaturtage präsentierte Produzent Liran Atzmor seine „Defense Files“ im Roten Salon der Berliner Volksbühne. Jamal Tuschick war dabei.

Zerknautsche Anwälte, die als Pflichtverteidiger der Gosse selbst grottig geworden sind, liefern einem Subgenre des Kriminalromans merkwürdige Figuren. Sie haben ihren Mandanten wenig voraus. Ihre Lebens- und Arbeitsmoral ist auf den Strecken der Ernüchterung geblieben. Sie rauchen zu viel und gucken lieber in ein Glas als in die Akten. In Israel erfüllen oft Frauen diese literarischen Klischees als echte Pflegerinnen des Strafrechts. Die Gewährleistung der Grundrechte, die eine zivile Gesellschaft auch ihren Delinquenten garantiert, wird schlecht bezahlt. Die Optimierungslücke schließen Frauen.

„Wenn es nichts zu verdienen gibt, dann machen es die Frauen.“

Das erklärte Liran Atzmor im Gespräch mit Christian Römer am zweiten Tag der Deutsch-Israelischen Literaturtage im Roten Salon der Berliner Volksbühne. Atzmor produzierte die sechsteilig in Serie gegangene, den israelischen Strafrechtsalltag erhellende Dokumentation „*Defense Files“* (Regie: Moish Goldberg). Römer arbeitet für die Heinrich-Böll-Stiftung, die gemeinsam mit dem Goethe-Institut die Deutsch-Israelischen-Literaturtage veranstaltet.

Die Verteidiger*innen wirken oft wie Sozialarbeiter*innen und das Fleisch an ihren Fällen erscheint ebenso schwach wie willig. Auf der dunklen Seite des Lebens verliert man leicht seine bürgerliche Statur. Das zeigt „Defense Files“. Täter treten wie Opfer auf. Ein der staatlichen Gewalt unterworfener Gewalttäter erlebt sich selbst unwillkürlich als Ausgesetzter. Er feilscht mit seiner Verteidigerin, die ihn unter anderen Umständen bedrohlich fände. Sie kämpft für einen potentiellen Feind. Einem Mann, dem die hundertfache Vergewaltigung seiner Tochter zur Last gelegt wird, beruft sich darauf, dass sie als Jungfrau in ihre erste freiwillige Beziehung gegangen sei. Der Mann sieht aus wie ein verzweifelter Trottel und vermutlich erschöpft sich im Anschein schon die Wahrheit.

Die Kamera rutscht über Flure, eine Raumfürsorgerin trägt Müll vor die Tür. Die Normalität hält nicht inne, ihr ist die Verzweiflung der Eingesperrten egal. Das emotionale Gegenlicht kickt. Beiläufig kommen Emanationen der Freiheit ins Spiel und machen dramaturgisch Effekt. Ein akademisch nobilitierter Nahkampfexperte verwahrt sich noch nicht einmal halbherzig gegen den Vorwurf der Verfälschung eines Personalausweises. Ihn befreit das Unrechtsbewusstsein einer Nacktschnecke. Er verkörpert die Einstellung: Das Leben ist ein Deal. Wem muss ich jetzt die Hände waschen.

Die Deutsch-Israelischen Literaturtage gehen 2018 unter der Überschrift „Fair enough? Was ist gerecht?“ über die Bühne. Die Unterscheidung zwischen Recht und Gerechtigkeit gehört zu den Anfängerübungen im Strafrecht. Der Segen einer ordnenden Kraft liegt in blinder und sturer Gleichmäßigkeit. Alle sollen die Gewissheit haben, nach unflexiblen Regeln gleich behandelt zu werden. Das allein gewährleistet Rechtssicherheit. Hat man das auf eine stumpfe Weise verinnerlicht, so wie die Pflichtverteidiger*innen und Beschuldigten in der Serie, ergibt sich eine Verhaltensautomatik, die nur Außenstehenden kurios vorkommt. Das beobachtet der Zuschauer: die Ausrichtung des Verhaltens nach der Straferwartung.

Der Experte hängt von Kokain ab, also ist die Rede von Beschaffungskriminalität. Die Komfortbedürfnisse eines Süchtigen werden heruntergefahren, bis nur noch ein Skelett der Not durch die Argumentation schimmert. Das ist natürlich nicht nur für den Zuschauer durchschaubar. So wird das Gericht zur Bühne und die Verhandlung zur bewährten Farce. Das Gerichtsgeschehen sieht man nicht. Die Folgen enden in der Vertraulichkeit des Mandantengesprächs – in Präparationen und Beteuerungen auf Korridoren und in Kammern. Anflüge von und Ausflüge in die Kumpanei zwischen den voneinander Abhängigen finden statt.

„Defense Files“ wurde 2014 in einem Spartenkanal gesendet und modifizierte gesellschaftliche Begriffe von der Strafrechtspraxis. Der analytische Gehalt der Serie verbirgt sich in anekdotischer Evidenz. Atzmor beschrieb im Gespräch zutreffend, woran jeder Prozess krankt: „Suggestionen sind stärker als Erinnerungen.“ Suggestionen können die Wahrheit ersetzen. Unter dieser Erosion leidet nicht nur die Gerechtigkeit. Sie erzwingt jedenfalls eine streng formale Vorgehensweise. Das begreift man vor Gericht. „Defense Files“ dokumentiert die Dramen in den Kellern des Offiziellen.

13. April 2018

Deutsch-Israelische Literaturtage

Das Laufband der Welt

In Clemens Meyers 2017 erschienenen Erzählband „*Die stillen Trabanten“* erschöpfen sich Leute in nächtlichen Szenen auf dem Laufband der Welt wie in einem kosmisch-kaputten Vorstadtfitnesscenter mit flackernden Röhren. Jeder hat einmal die Kirche um sein Daseinsdorf getragen und Einzelhafterfahrungen in einer Entfremdungszelle gesammelt.

Jeder individualisiert sich im Spektrum des Scheiterns. Falsche Entscheidungen geben sich als verfahrensgerecht abgelehnte Entwürfe und ordentlich eingestellte Autonomiebestrebungen aus. Ressentiments grundieren die Auffassungen des von Plattenbauten gerahmten Selbst. In einer Diversität zwischen Hass und Gleichgültigkeit endet die Individualität. Sie misslingt final in der Berufs-, Tattoo- und Partnerwahl. Für alle gilt, was Rolf Dieter Brinkmann Ende der Sechzigerjahre in seinem einzigen Roman feststellte: Keiner weiß mehr.

Meyer stellte zum Auftakt der 13. Deutsch-Israelischen Literaturtage sein fast komatöses Personal im Deutschen Theater vor.

Den ersten Termin schilderte der Titel „Schöner Wohnen“ aus. Er verband Meyer mit Mira Magén. In dieser Konstellation traf ein Meister der literarischen Käseglocke auf ein aktivistisches Temperament. Mira Magén wuchs unter Orthodoxen auf, die auf der Flucht vor den Faschisten aus Osteuropa nach Israel gekommen waren. Sie bildeten einen Stamm der Überlebenden, etablierten sich im Widerstand gegen säkulare Kräfte und hielten den Nachwuchs zur Wehrdienstverweigerung an. Magén verweigerte den Gehorsam. Sie leistete Wehrdienst, studierte Psychologie und besetzte linke Standpunkte. Sie ging in die elternhäusliche Opposition und stritt sich solange, bis auf einem Gipfeltreffen der Familie Stillschweigen in allen politischen und religiösen Fragen vereinbart wurde.

Überall sonst zeigt Magén Flagge und beweist den Mut zum Bekenntnis. Mehrmals holte sie im Gespräch aus. Moderatorin Shelly Kupferberg synchronisierte geschickt die auf zwei weit voneinander entfernten Höhen zulaufenden Beiträge von Magén und Meyer. Trotzdem ließ sich nicht überhören, dass Meyer hinter einem Achternbusch der Kleinteiligkeit in seinem Ostbeat blieb. Fontanes weites Feld führte er mehrmals an, um seine Bemerkungen als Kurzfassungen zu deklarieren.

Meyer klärte auf der Linie. Literatur lebt von Konflikten, wusste er. Schriftsteller profitieren von Ungerechtigkeit.

Magén las aus „Zu blaue Augen“. Heldin des Romans ist die siebenundsiebzigjährige Hannah Jonah. Sie verteidigt ihr Haus in einer Jerusalemer Boom Area gegen Spekulanten, die der Resistenten einen greisen Romeo zum allmählichen Weichkochen auf den Hals schicken. Hannah spielt die Demente und tarnt sich außerdem mit Naivität. Sie ist aber helle. In einem vergnügten Plural verpackt sie die Weisheit:

„Wir sind zwar noch auf der Welt, aber wir schulden ihr nichts mehr.“

Hannah zur Seite steht eine Pflegerin, die als soziales Scharnier zwischen Landmassen funktioniert. Mit dem aus der öffentlichen Hand geschöpften Lohn unterstützt sie ihre Leute in den Karpaten. Dieser transkontinentale Transfer gehört zu den fluidesten Phänomenen der Gegenwart – als Beispiel für eine globale Organisation von unten. Magén wurde von der Pflegerin ihrer Mutter inspiriert, einer rumänischen Elektroingenieurin, die mit über Fünfzig von einem Arbeitsplatzverlust in die Mobilität gezwungen wurde.

Magén hob ihr persönliches Glück hervor, das sie als Verpflichtung betrachtet, anderen zu helfen. Sie ist Patin einer Familie, die sie aus einer schlechten Lage förmlich befreit hat. Magén ist eine Gerechte unter den Völkern oder sollte es zumindest sein.

„Was bestimmt unser Schicksal?“ fragte sie im Deutschen Theater. Die Frage wird in den nächsten Tagen bei den Deutsch-Israelischen Literaturtagen wie ein Staffelstab weitergegeben.  

Clemens Meyer im Deutschen Theater, Foto: Jamal Tuschick
Clemens Meyer, Deutsches Theater, Foto: Tuschick

12. April 2018

Deutsch-Israelische Literaturtage

Die politische Kraft der Kultur

Die von Goethe-Institut und Heinrich-Böll-Stiftung ausgerichteten Deutsch-Israelischen Literaturtage stehen 2018 unter dem Motto „Fair enough?“. Jamal Tuschick hat den Eröffnungsabend im Deutschen Theater Berlin besucht.

In seiner Eröffnungsrede der Deutsch-Israelischen Literaturtage 2018 beschwor Klaus-Dieter Lehmann „die politische Kraft der Kultur“. Der Präsident des Goethe Instituts sprach als Veranstalter. Gemeinsam mit der Heinrich Böll Stiftung richtet das Goethe Institut die Deutsch-Israelischen Literaturtage zum 7. Mal in Berlin aus. Sechs Mal war Tel Aviv Schauplatz eines Begegnungsformats, das Lehmann frei von der Patina einer Traditionsveranstaltung wähnt.

Die Deutsch-Israelischen Literaturtage sind ein Zukunftsbasar auf historischer Grundlage. Sie stellen ein Veto dar gegen alle Bestrebungen einer Distanzierung Deutschlands von Israel. Das sagte Lehmann ohne Wenn & Ach. Beide Demokratien seien hohen Belastungen ausgesetzt.

Weiter fragte Lehmann: „Was hindert uns daran, gerechter zu sein?“

In einem überraschend inspirierten Vortrag startete er an etlichen Stellen des Themenparks rund um die Siegessäule Ungerechtigkeit durch. Man wundert sich doch stets, wenn man bei einer Rede, die man nicht selbst hält, nicht total gelangweilt ist.

Nach Lehmann sprach Ellen Überschär vom Vorstand der Heinrich Böll Stiftung. Überschär bezeichnete das Streitmittel „Debatte als Lebensader der Demokratie“. Sie erinnerte daran, dass Demokratie sich nicht von Harmonie ableitet, sondern von dem Willen freier Leute, ihre Interessen zu wahren. Darin steckt bereits eine Erklärung für die globale Ungerechtigkeit. Oder um es mit der israelischen Schriftstellerin Mira Magén zu sagen: „Menschen sind nicht gleich.“

Magén trat gemeinsam mit Clemens Meyer auf, in einem von Shelly Kupferberg gewohnt souverän moderierten und unter der Überschrift „Schöner Wohnen“ der Gentrifizierung gewidmeten Dialog. Magén nahm das Publikum in die Pflicht, zur Kenntnis zu nehmen, dass sie am aktuellen Jom haScho‘a – dem Holocaust-Gedenktag in Gewissensnot nach Deutschland gekommen sei, wo kein Boulevard Trauer trägt. Sie und ihre Geschwister tragen die Namen von Ermordeten zum Andenken an das Undenkbare.

„Ich kann zu keiner Stunde des Tages vergessen, dass ich einem Volk angehöre, dem kein Platz auf diesem Planeten gehören sollte.“

Magén ortete die Menschheit zwischen diversen noch nicht. Sie nannte den Zweifel die Grundbedingung ihrer Existenz.

„Würde ich in einer Welt der Ausrufezeichen leben, könnte ich nicht schreiben.“

Bei Magén daheim werden nach einem Familienabkommen Politik und Religion thematisch ausgespart, um Streit in lautem Schweigen zu vermeiden. Sie ist eine Linke unter Orthodoxen, die in Israel gut untergekommen sind und – im Gegensatz zu späteren Einwanderern – etwas zu Vererben haben.

Tel Aviv beschrieb Magén als Fraß der Immobilienhaie. Migranten werden mit Kosten erschlagen oder an die Peripherie abgeschoben. Man drückt das Preispedal bis zum Anschlag und unterminiert Passagen zu den urbanen und kulturellen Kraftwerken. So entsteht Elend.

Auch Jesus war ein kleiner Mann

Spiralköpfe des Feuilletons stellen Meyer hin, als sei er ein Sprachrohr für Randfiguren. Im Deutschen Theater brachte der Schriftsteller diese Einordnung in die richtige Reihe. Ein Wahn der Hochkultur ziseliert die Vorstellung, dass Normale ergäbe sich am gesellschaftlichen Schmutzsaum. Die Imbissbude böte nur dem Gescheiterten ein Auskommen im Nirwana eines prekär-hybriden Selbstentwurfes. Tatsächlich ist jeder Bratwurst-Joe ein Kleinunternehmer wie Jesus selbst einst, so Meyer in einer grandiosen Korrektur von höherem Blödsinn.

„Auch Jesus war ein kleiner Mann. Auf einem Esel kam er in die Stadt und tat, was nötig war.“

Meyer hat eine Dissensprägung als von Christen in der DDR zum Christen erzogener Leipziger. Ihm schwebt die Bergpredigt als Ideal vor, daher Jesus als Beispiel für einen anachronistischen Selbständigen in der Sektenbranche. Meyer brach auch eine Lanze für den Friseur.

„Friseur ist ein normaler Beruf“ und keine soziale Notdurftverrichtung für ins Unglück Gefallene.

Meyer las aus dem Erzählband „Die stillen Trabanten“. Ein Imbissbetreiber bezweifelt die Lauterkeit einer zum Islam konvertierten Deutschen, die mit ihm im Treppenhaus einer Hochplatte rituell raucht. Sie lebt mit einem Iraker zusammen, der vielleicht gar kein Iraker ist.

Deutsch-Israelische Literaturtage
Berlin, 11. – 15. April 2018

Zum Programm

Siehe weiter:

Tuschicks Kolumne

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 12.4.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.