Der Jazzpianist Brad Mehldau nimmt die Musikgeschichte als Anregung für eigene, zeitgenössische Erfindungen. Diesmal hat er sich Johann Sebastian Bach als Modell gewählt. Thomas Rothschild hat sich die Mehldau-CD angehört, überdies eine erst nach zwanzig Jahren veröffentlichte Konzertaufnahme von Keith Jarrett.

Jazz-CDs

Triumph der Tonalität

Brad Mehldau ist einer der eigenwilligsten Pianisten im gegenwärtigen Jazz. Seine kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte, nicht nur im Jazz, hat nichts zu tun mit den populären „Verjazzungen“ „klassischer“ Musik in der Nachfolge von Jacques Loussier. Mehldau nimmt die Tradition als Anregung und Vorlage für eigene, zeitgenössische Erfindungen, ohne diese Vorlagen aufzugeben oder gar zu verleugnen.

Diesmal hat er sich Johann Sebastian Bach als Modell gewählt. Der Titel seiner CD „After Bach“ lässt sich verstehen in der Bedeutung von „im Sinne, auf der Grundlage von Bach“ wie zeitlich „nach Bach“. Brad Mehldau spielt vier Präludien und zwei Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier und dazwischen eigene Stücke, die auf Bach in freier Weise reagieren. Am Ende steht ein längeres elegisches „Gebet für Heilung“. Als Bach-Interpret überrascht der Pianist, exemplarisch im Präludium Nr. 10 in e-Moll aus dem ersten Buch des Wohltemperierten Klaviers, durch die Akzentuierung der Basslinie der linken Hand gegenüber der verzierten Melodie in der Oberstimme. Das Studium der Kontrapunktik prägt auch Mehldaus eigene Kompositionen (oder sind es Improvisationen?). Mehldau verzichtet auf spektakuläre Effekte. Seine Musik ist gekennzeichnet durch Ernsthaftigkeit, durch eine Nachdenklichkeit, die aber weder ins Mechanische, noch ins Meditative abschweift.

Mag sein, dass Jazzpuristen von dieser CD ebenso enttäuscht sein werden wie Bach-Fans, die es gewohnt sind, das Wohltemperierte Kavier als vollständigen Zyklus zu hören, wie ihn ein anderer großer Jazzpianist, Keith Jarrett, aufgenommen hat. Wer aber Musik um ihrer selbst willen liebt, frei von kategorialen Zwängen, wird an Brad Mehldaus Dialog mit dem Barock seine pure Freude haben. Ihm (und ihr) sei diese CD wärmstens empfohlen.

Erstes Konzert nach Erkrankung

Apropos Keith Jarrett. Sein Name ist eng mit ECM verknüpft, obwohl er auch auf anderen Labels zu finden ist. Zu einer Kultfigur weit über den engeren Kreis der Jazzliebhaber hinaus wurde er durch seine Soloimprovisationen, die auch zu Spitzentiteln der profilierten Münchner Schallplattenfirma wurden. Aber Jarretts Repertoire ist weit gespannt. Die Veröffentlichungspolitik von Manfred Eicher und ECM ist nicht leicht zu durchschauen. Während die meisten Produzenten es eilig haben, Aufnahmen auf den Markt zu bringen und die Investitionen wieder zurück zu erhalten, lässt Eicher einzelne Aufzeichnungen lange liegen, ehe er sie zum Kauf anbietet. Möglicherweise hat er die berechtigte Furcht, dass sich ein produktiver Künstler wie Keith Jarrett selbst auf die Zehen tritt, wenn er in allzu kurzen Abständen Tonträger – früher LPs, jetzt CDs – in die Läden bringt. So kommt es, dass ECM jetzt ein Konzert auf einer Doppel-CD veröffentlicht, das vor zwanzig Jahren in Newark, New Jersey, stattgefunden hat. Es war das erste Konzert nach Jarretts Erkrankung am Chronischen Erschöpfungssyndrom, das ihn von öffentlichen Auftritten abhielt. Das Konzert besteht aus Standards und dokumentiert somit einen Aspekt von Jarretts Werk, der allen, die sich über seine Solokonzerte hinaus für den exzeptionellen Pianisten interessieren, bekannt ist.

Einmal mehr fasziniert sein Anschlag, der klingt, als bedürfe er keinerlei Anstrengung, als würde er nicht mit Muskelkraft, sondern mit Samtpfoten hervorgebracht. Mal tupft Jarrett die Noten hin wie impressionistische Pinselstriche oder Blätter im Herbstwind – so sinnigerweise in Kosmas „Les feuilles mortes“, die in Amerika „Autumn Leaves“ heißen, aber auch in „Doxy“ von Sonny Rollins –, mal steigert er sich in rasanten Läufen zwischen Swing und Bebop, mal wechselt er ins akkordische Spiel (so, vorbildlich, in der entspannten Zugabe „When I Fall In Love“). Wenn es so etwas wie „klassischen“ Jazz gibt, dann findet man ihn hier. Obwohl Jarrett näher an Oscar Peterson scheint als an Thelonious Monk oder Lennie Tristano, wirkt diese Musik keineswegs veraltet, sondern allenfalls zeitlos (wobei man leicht vergisst, dass Peterson jünger war als die „moderneren“ Monk und Tristano).

Es wäre aber unverzeihlich, wenn man diese Aufnahmen nur auf das Konto von Keith Jarrett schriebe. Mit Gary Peacock am Kontrabass und Jack DeJohnette bildete er über viele Jahre hinweg ein Trio, das man mit Fug und Recht als eins der besten der Jazzgeschichte rubrizieren darf. Präziser kann man sich nicht auf einander einstellen, als diese Musiker es tun. Und zwar vor Publikum. Der Mitschnitt war ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung gedacht. Gut, dass das nach zwanzig Jahren revidiert wurde.

Brad Mehldau – After Bach: Rondo

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erstellt am 05.4.2018

Brad Mehldau
After Bach
CD
Nonesuch LC 00286

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Keith Jarrett / Gary Peacock / Jack DeJohnette
After The Fall
2 CDs
ECM 2590/91

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