Buchkritik

Vom Verschwinden

„Heute, da mein Leben hinter mir liegt, weiß ich, dass ich (damals) überreagiert habe“ – Der deutsche Nachbau von Elena Ferrantes narrativem Triumphbogen ist abgeschlossen. Jamal Tuschick hat „Die Geschichte des verlorenen Kindes“, Band 4 der Neapolitanischen Saga, gelesen.

Ein Ehemann verspricht der Geliebten, für sie seine Frau zu verlassen. Das illegitime Verhältnis platzt aus allen Nähten der Leidenschaft und erscheint in seiner Gewalt überirdisch. Die Geliebte begreift die Heftigkeit als Versicherung ihrer Exklusivität, bis sie erfährt, dass die Ehefrau von ihrem Gatten schwanger ist.

Man traut der Verbindung zunächst zu, wenigstens eine in der Erfüllung scheiternde Liebe zu sein. Die trostlose Wahrheit zeigt Elena „Lenù“ Grecos Liebhaber aber als Betrüger einiger Frauen. Nino Sarratore ist in der Rolle von Lenùs großer Liebe eine Fehlbesetzung. Trotzdem verlässt Lenù wegen Nino den Vater ihrer Töchter, über den sie ihren Aufstieg aus einem neapolitanischen Armutsquartier nicht zuletzt organisiert hat.

Nino, Sohn eines exzentrischen Eisenbahners aus Lenùs Kindheitsnachbarschaft, verfügt selbst über einen starken Aufstiegsmotor. Erst als vom Memento mori umflorte Zeitzeugin des eigenen Lebens gelingt der Erzählerin die Einordnung der Enttäuschung in ein Register der Normalität.

„Heute, da mein Leben hinter mir liegt, weiß ich, dass ich (damals) überreagiert habe … Ich kenne viele Frauen und Männer, die von ähnlichen Erlebnissen erzählen können: Liebe und Sex sind unvernünftig und brutal.“

Das stellt eine Frau fest, die inzwischen viele gut zu kennen glauben. Nach über zweitausend Seiten könnte man meinen, man sei mit Lenù und der Rivalin Raffaella „Lila“ Cerullo in die Jahre gekommen und hätte das Vergnügen gehabt, gemeinsam mit der heißkalten Erzählerin und ihrer Gegenspielerin die Illusionen der beweglichen Jahre zu verlieren. Die letzten Wachstumsprozesse sind Tribunale der Ernüchterung. Jeder hat seinen eigenen Schmerz und seine eigenen Schliche, während keinem noch sonderlich viel Energie und Eleganz zum Verschwinden übrigbleiben. Glücklich, wer nicht auf einem Markt endet.

Old age ain’t no place for sissies. Bette Davis

Um das Verschwinden ging es von Anfang an. Die Abgängigkeit der Freundin lieferte Lenù einen Erzählgrund und kolorierte das Auftaktgeschehen im ersten Band („Meine geniale Freundin“) der oft als „Neapolitanische Saga“ bezeichneten, nun auf Deutsch abgeschlossen vorliegenden Tetralogie von Elena Ferrante. Die Verschwundene nahm als Schuhmachertochter in neorealistischen Schwarzweißszenen Gestalt an. Sie ist eine Anna Magnani und im Vergleich mit Lenù die Hübschere, Klügere, Mutigere und Lebhaftere. Dennoch klebt Lila am Dreck ihrer von direkter Nachkriegsarmut noch bestimmten Herkunftsverhältnisse, während der Zweitbesten Flügel wachsen. Lenù verlässt Neapel, studiert, reüssiert als Schriftstellerin und heiratet einen Großbürger. In den Achtzigern kehrt sie mit drei Töchtern, doch ohne Gatten in ihr Viertel zurück. Sie nähert sich dem vierzigsten Geburtstag mit beträchtlichen Selbstzweifeln.

Lenù nennt sich hörig, während sie von ihren Leser*innen als feministische Schriftstellerin wahrgenommen wird. Ferrante platziert einige Widersprüche dieses Kalibers in ihrer Erzählerin. Deren Freundschaft zu Lila ist eine von Neid und Hader durchkreuzte Konkurrenzbeziehung. Heimlich hält Lenù die Anmutigere auch für die bessere Autorin.

Elena Ferrante, Die Geschichte des verlorenen Kindes, Roman, Suhrkamp Verlag, 614 Seiten

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erstellt am 05.4.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.